Human Questions and Cosmic Answers
GA 213
9 July 1922, Dornach
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Human Questions and Cosmic Answers, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Ich wollte diesmal an einem persönlichen Beispiel klarmachen, wie aus dem ganzen Geistesleben das, was wit gegenwärtig als Anthroposophie bezeichnen, herauswachsen mußte. Es ist ja der Einwand immerhin berechtigt, der sagt: Wenn solche Dinge besprochen werden, so bewegt man sich damit eigentlich doch in einem engeren Kreise. Man betrachtet einzelne wissenschaftlich, philosophisch oder sonstwie strebende Menschen, die der größeren Masse der Menschheit nicht bekanntgeworden sind, und man stellt sich eigentlich dann außerhalb dessen, was in den großen Menschenmassen lebt. Aber Sie brauchen nur etwas unbefangener hinzuschauen, so werden Sie die Sache doch nicht in dieser Weise auffassen können. Man muß nur bedenken, daß alles, was als Seeleninhalte, was auch als die Impulse alles Tuns und Lassens in den großen Menschenmassen lebt, herrührt von dem Einflusse gewisser führender Persönlichkeiten, die vielleicht auch noch nicht Kenntnis erhalten haben von dem, was Persönlichkeiten der Art, wie wir eine betrachtet haben, in ihrem stillen Studierkämmerchen, wie man ja so sagt, erleben.
[ 1 ] This time, I wanted to use a personal example to illustrate how what we currently call anthroposophy had to emerge from the entire spiritual life. After all, the objection is certainly valid: When such matters are discussed, one is actually moving within a rather narrow circle. One considers individual people engaged in scientific, philosophical, or other pursuits who have not become known to the broader masses of humanity, and one then effectively places oneself outside of what lives within the great masses of people. But if you look at things with a more open mind, you will not be able to view the matter in this way. One need only consider that everything that lives as the inner life of the soul—and also as the impulses behind all actions and inactions—among the masses stems from the influence of certain leading figures, who may not yet have gained insight into what personalities of the kind we have just considered experience in their quiet study, as the saying goes.
[ 2 ] Aber man muß bedenken, daß in solchen Persönlichkeiten gerade die ganze Zeit mit ihrem Denken, mit ihrem Empfinden pulsiert, daß doch immerhin eine größere Anzahl von Menschen, und zwar solche, die sich eine höhere Bildung aneignen, aufnehmen, was solche Persönlichkeiten erleben, und es dann wieder hintragen zu denjenigen Stätten, wo sich auch die führenden Persönlichkeiten der Menschheit, die auf die großen Massen wirken, ausbilden. So daß schon, was man an dem Erleben solcher im stillen Studierkämmerchen lebender Menschen betrachtet, die Impulse ausmacht, die dann in irgendeiner Zeit auch in den großen Menschenmassen leben. Man merkt nur gewöhnlich die Kanäle nicht, durch die sich diese geistigen Impulse in die großen Menschenmassen ergießen. Und so kann man das, was in Wahrheit, in Wirklichkeit in der Zeitkultur lebt, dennoch zuletzt nur so betrachten, wie wir es auch in diesen Tagen wiederum getan haben, und es ist schon berechtigt, zu sagen, daß aus dem tiefsten geistigen Erleben des 19. Jahrhunderts so etwas wie die Anthroposophie allmählich entstehen mußte, weil, was Zeitbildung war, eigentlich die Menschenseelen erdrückt hat, wie wir das eben an dem hervorragenden Beispiel Franz Brentanos gesehen haben.
[ 2 ] But one must bear in mind that in such personalities, their thinking and their feelings are constantly pulsating; that, after all, a large number of people—namely, those who acquire a higher education—absorb what such personalities experience and then carry it back to those places where the leading figures of humanity, who influence the masses, are being formed. Thus, what one observes in the experiences of such people living in quiet study rooms constitutes the impulses that will eventually come to life within the great masses of people. One simply does not usually notice the channels through which these spiritual impulses flow into the great masses. And so, what truly and actually lives within the culture of the times can ultimately only be viewed in the way we have once again done so in these days, and it is indeed justified to say that something like anthroposophy had to gradually emerge from the deepest spiritual experience of the 19th century, because what constituted the culture of the time actually crushed human souls, as we have just seen in the outstanding example of Franz Brentano.
[ 3 ] Und um das, was ich eigentlich mit diesen Betrachtungen erreichen möchte, noch etwas weiter ins Allgemeine zu führen, möchte ich die Beobachtung auf einen etwas weiteren Kreis ausdehnen.
[ 3 ] And to take what I actually hope to achieve with these reflections a step further into the general, I would like to extend this observation to a somewhat broader scope.
[ 4 ] Wir finden Franz Brentano noch als einen frommen Katholiken als Lehrer der Philosophie in Würzburg. Wir können uns nach dem, was ich gestern und vorgestern ausgeführt habe, so ungefähr eine Vorstellung von dem machen, was Franz Brentano noch durchaus katholisierend, aber mit scharfem Intellekt als philosophische Probleme auf seiner Lehrkanzel in Würzburg vortrug. Er suchte alles aus seinem scharfen Verstande heraus zu begründen, aber im Hintergrunde lebte bei ihm immer, was er gläubig entgegengenommen hatte aus der katholischen Theologie. Manch außerordentlich bedeutsamer Gedanke kam da zum Vorschein. So zum Beispiel lebte ja schon in Franz Brentano die Erkenntnis der neueren naturwissenschaftlichen Entwickelungslehre, die sich darauf stützt, daß das menschliche Gehirn dem Gehirn der höheren Affen nicht ganz unähnlich sei. Diese rein naturalistische Entwickelungslehre zog daraus den Schluß, daß eine Verwandtschaft bestehe zwischen dem Menschen und den höheren Säugetieren. Franz Brentano nahm auch diese Behauptung positiv auf, wie er überhaupt die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht negierte, sondern positiv aufnahm. Er sagte: Nun wohl, die Naturwissenschaft kann zeigen, daß das Gehirn der Menschen von dem der Anthropoiden nicht sehr verschieden ist. Aber wenn man auf das Seelenleben der Anthropoiden und auf das des Menschen sieht, dann findet man einen gewaltigen Unterschied. Man findet vor allen Dingen den Unterschied, daß auch die höchsten Affengattungen keine abstrakten Begriffe entwickeln können. Der Mensch kann abstrakte Begriffe entwickeln. Wenn also, so meinte Franz Brentano, das menschliche Gehirn so ähnlich ist dem Affengehirn, so muß man sagen, daß eben aus dem Gehirne die Gedanken, die der Mensch für sich entwickelt, nicht kommen können, denn sonst müßten sie auch aus dem Affengehirn kommen. Man muß also daraus schließen, daß der Mensch etwas hat, was eine besondere Seelensubstanz darstellt, aus der die Gedanken kommen, die die Anthropoiden nicht fassen können.
[ 4 ] We find Franz Brentano, still a devout Catholic, teaching philosophy in Würzburg. Based on what I explained yesterday and the day before, we can form a rough idea of the philosophical problems that Franz Brentano—still thoroughly committed to Catholicism, yet with a sharp intellect—presented from his lectern in Würzburg. He sought to justify everything through his sharp intellect, but in the background there always lived within him what he had faithfully accepted from Catholic theology. Many extraordinarily significant ideas emerged from this. For example, Franz Brentano was already aware of the modern scientific theory of evolution, which is based on the idea that the human brain is not entirely dissimilar to that of higher apes. This purely naturalistic theory of evolution concluded that a kinship exists between humans and higher mammals. Franz Brentano also accepted this assertion positively; indeed, he never rejected scientific findings but always embraced them. He said: “Very well, natural science can show that the human brain is not very different from that of the anthropoids. But when one looks at the inner life of the anthropoids and that of human beings, one finds a tremendous difference.” Above all, one finds the difference that even the highest species of apes cannot develop abstract concepts. Humans can develop abstract concepts. Therefore, Franz Brentano argued, if the human brain is so similar to the ape’s brain, one must conclude that the thoughts humans develop for themselves cannot originate from the brain alone; otherwise, they would also have to originate from the ape’s brain. One must therefore conclude that humans possess something that constitutes a special substance of the soul, from which the thoughts that anthropoids cannot grasp originate.
[ 5 ] Also gerade aus der Aufnahme der naturwissenschaftlichen Erkenntnis folgerte Franz Brentano die Selbständigkeit der Seelensubstanz. Das war noch in den Jahren von 1866 bis 1870, als er Lehrer der Philosophie in Würzburg war, weil im Hintergrund dessen, was er philosophisch entwickelte, noch dasjenige stand, was ihm als eine Gesamtanschauung der Welt aus der katholischen Theologie geblieben war. Allerdings, als dann später Franz Brentano immer mehr herauswuchs aus der katholischen Theologie und immer mehr und mehr hineinwuchs in das, was ihm von Anfang an eigentümlich war, was aber zuerst noch von der katholischen Theologie durchleuchtet war, als er immer mehr hineinwuchs in ein bloß naturwissenschaftliches Erfassen auch der Seelenerscheinungen, da verlor er die Seelensubstanz, da konnte er über die Seelensubstanz nichts mehr aussagen. Es erlahmte einfach die Fähigkeit des Erkennens in ihm, wenn er sich aufschwingen wollte von der bloßen Vergesellschaftung und Trennung der Vorstellungen zu dem Problem des inneren Seelenlebens selber.
[ 5 ] Thus, Franz Brentano deduced the independence of the substance of the soul precisely from scientific knowledge. This was during the years 1866 through 1870, when he was a professor of philosophy in Würzburg, because underlying his philosophical developments was still the comprehensive worldview he had retained from Catholic theology. However, when Franz Brentano later moved further and further away from Catholic theology and delved deeper and deeper into what had been peculiar to him from the very beginning—though it was initially still illuminated by Catholic theology—and as he increasingly embraced a purely scientific understanding of even the phenomena of the soul, he lost the concept of the substance of the soul; and he could no longer say anything about the substance of the soul. His capacity for cognition simply faltered when he sought to rise from the mere association and separation of ideas to the problem of inner soul life itself.
[ 6 ] Nun sagte ich Ihnen schon, daß diese naturwissenschaftliche Denkungsweise, so sehr sich auch einzelne Anhänger dagegen wehren, dennoch nichts anderes ist als eine gerade Fortsetzung des scholastischen Denkens. Das scholastische Denken hat es dazu gebracht, zu sagen: Die Offenbarung handelt von der übersinnlichen Welt; die sinnliche Welt mit einigen Schlüssen, die man aus der Sinnesbeobachtung zieht, kann allein der Gegenstand der menschlichen Erkenntnis sein. — Und was bei den Scholastikern so gepflegt wurde, daß sie auf der einen Seite nahmen, was nur der menschlichen Sinneserkenntnis als Wissenschaft erreichbar war, und auf der anderen Seite das, was als Wissen von der übersinnlichen Welt durch die Offenbarung vorhanden war, das entwickelte sich auch im weiteren
[ 6 ] Now, I have already told you that this scientific way of thinking, no matter how much individual adherents may resist it, is nevertheless nothing other than a direct continuation of scholastic thought. Scholastic thinking led to the assertion that revelation concerns the supersensible world; the sensible world, along with certain conclusions drawn from sensory observation, can be the sole object of human knowledge. — And what was so rigorously cultivated among the Scholastics—namely, taking, on the one hand, what was accessible to human sensory cognition as science, and, on the other hand, what was available as knowledge of the supersensible world through revelation—this also developed further
[ 7 ] Verlaufe durch das 16., 17., 18., 19. Jahrhundert hindurch zu einer solchen Anschauung, daß man eben die Naturerscheinungen nach den Grundsätzen, die eigentlich von der Schule angegeben waren, verfolgte, und daß man einfach die Offenbarungslehre für die Wissenschaft fallen ließ. So kann man schon die moderne Naturwissenschaft ein rechtes Kind der mittelalterlichen Scholastik nennen in dem Sinne, wie ich das eben hier ausgedrückt habe, und deshalb darf es uns nicht besonders wundern, wenn wir sehen, wie Menschen, die an der Offenbarung weiter festhalten, so wie Franz Brentano es in seiner Jugend getan hat und wie katholische Gelehrte es auch heute noch tun, die bloß auf die Sinneswelt sich beschränkende Naturwissenschaft durchaus gelten lassen, und nur eben daran festhalten, daß man nicht eine Erkenntnis anstreben dürfe, welche auf das Übersinnliche geht; denn dieses Übersinnliche müsse Gegenstand des Offenbarungsglaubens bleiben. So kann man sich gut denken, daß Naturwissenschafter und katholische Theologen an einer Anstalt zusammenwirken, ohne daß ein Streit entsteht über den Bezirk, in dem der katholische Theologe wirken will, und den, den er dem Naturwissenschafter zugesteht. Ich möchte dafür ein Beispiel anführen.
[ 7 ] Throughout the 16th, 17th, 18th, and 19th centuries, there was a shift toward a view in which natural phenomena were studied according to the principles actually laid down by the school, and in which the doctrine of revelation was simply abandoned in favor of science. Thus, modern natural science can indeed be called a true child of medieval scholasticism in the sense I have just expressed here, and therefore it should not particularly surprise us when we see how people who continue to hold fast to revelation, just as Franz Brentano did in his youth and as Catholic scholars still do today, fully accept natural science—which is limited solely to the sensory world—and merely insist that one must not strive for knowledge that extends into the supersensible; for this supersensible realm must remain the object of revealed faith. Thus, it is quite conceivable that natural scientists and Catholic theologians could collaborate at an institution without any dispute arising over the sphere in which the Catholic theologian wishes to operate and the sphere he concedes to the natural scientist. I would like to cite an example of this.
[ 8 ] Sehen wir uns an, wie von 1867 bis 1870 Franz Brentano Logik, Metaphysik, Ethik, Geschichte der Philosophie in Würzburg lehrt. Nun möchte ich, um Ihnen die Sache recht anschaulich zu machen, an demselben Orte zunächst verbleiben, in Würzburg, und Ihnen den Hörsaal Brentanos vergegenwärtigen, etwa um das Jahr 1869, wo er solche Lehren, wie ich sie eben charakterisiert habe, darlegte, wo er davon sprach, wie zu der Gehirn-Ähnlichkeit des Menschen mit den höheren Affen eine Seelensubstanz da sein müsse, die das gewöhnliche Denken im Menschen aus sich hervorbringt.
[ 8 ] Let’s take a look at how Franz Brentano taught logic, metaphysics, ethics, and the history of philosophy in Würzburg from 1867 to 1870. Now, to make the matter quite clear to you, I would like to remain for the time being in that same place, in Würzburg, and paint a picture for you of Brentano’s lecture hall, around the year 1869, where he expounded the teachings I have just described, where he spoke of how, given the similarity between the human brain and that of higher apes, there must be a substance of the soul that gives rise to ordinary human thought.
[ 9 ] Nehmen wir nun ein anderes Kapitel, das er auch damals vortrug: Über das Dasein Gottes, über die Beweise vom Dasein Gottes. Da führte er in scharfsinniger Weise alles an, was der Verstand des Menschen für das Dasein Gottes vorbringen kann, verwies natürlich zuletzt darauf, daß man sich aber mit der menschlichen Erkenntnis nur an dieses Dasein Gottes annähern könne, daß die Wahrheit über das Dasein Gottes doch durch die Offenbarung gegeben werden müsse. Nun vergegenwärtigen wir uns recht lebendig, wie vor einer zahlreichen Zuhörerschaft dazumal Franz Brentano mit kirchlich-katholischem Sinn seine Metaphysik, seine Philosophie vortrug, durchaus mit voller Berücksichtigung der Naturwissenschaft, wie er sozusagen überall an die höchsten Probleme des Menschen in dieser Weise herantrat, und gehen wir von dem Hörsaal Franz Brentanos in der Universität Würzburg hinüber zu dem Hörsaal des Physiologen Adolf Fick. In derselben Zeit nämlich, in der Brentano Metaphysik und Philosophie vortrug, trug Adolf Fick Physiologie in Würzburg vor.
[ 9 ] Let us now consider another chapter that he also presented at that time: On the Existence of God, on the Proofs of God’s Existence. There he astutely presented everything that human reason can offer in support of God’s existence, pointing out, of course, in the end that human knowledge can only bring us closer to this existence of God, and that the truth about God’s existence must ultimately be given through revelation. Now let us vividly recall how, before a large audience at that time, Franz Brentano presented his metaphysics and his philosophy from a Catholic perspective, taking full account of the natural sciences, and how he approached, so to speak, all of humanity’s highest problems in this manner, and let us move from Franz Brentano’s lecture hall at the University of Würzburg to the lecture hall of the physiologist Adolf Fick. For at the very same time that Brentano was lecturing on metaphysics and philosophy, Adolf Fick was lecturing on physiology in Würzburg.
[ 10 ] Nun möchte ich Ihnen vergegenwärtigen, was ein Hörer im Hörsaal der Physiologie bei Adolf Fick hören konnte, ein Hörer, der vielleicht eben bei Franz Brentano Philosophie gehört hatte, aus einem solchen Geiste heraus, wie ich es Ihnen eben charakterisiert habe. Da wurde etwa folgende Anschauung vorgetragen. Ich zitiere nur, denn was ich Ihnen jetzt sage, ist ungefähr wörtlich enthalten in den Vorlesungen, die dazumal Adolf Fick an der Universität in Würzburg gehalten hat. Er sagte, was etwa in die folgenden Sätze zusammengefaßt werden könnte: Wir betrachten zum Beispiel die Wärme, die wir zunächst durch unsere Empfindung wahrnehmen. Wenn wir einen Körper berühren, so kommt er uns warm oder kalt vor, wir haben Wärmeempfindungen. Was aber diesen Wärmeempfindungen in der Außenwelt entspricht, das ist eine Bewegung der kleinsten Teile der Körper, das ist eine Bewegung, die in den Atomen und Molekülen oder auch von den Atomen und Molekülen im Raum ausgeführt wird. Wenn wir zum Beispiel ein Gas betrachten, so muß dieses Gas ja in einem allseitig geschlossenen Raum abgeschlossen sein; darinnen aber sind dann die Atome und Moleküle des einzelnen Gases vorhanden. Die sind aber nicht in ruhigem Zustand, sondern die schwimmen hin und her, stoßen sich gegenseitig, stoßen an die Wände. Da ist alles darinnen Bewegung und Aufruhr (s. Zeichnung). Und wenn wir mit unserer Hautfläche dasjenige berühren, was dadrinnen aber nur eine Bewegung ist, so haben wir die Empfindung der Wärme.
[ 10 ] Now I would like to give you a sense of what a student might have heard in Adolf Fick’s physiology lecture hall—a student who had perhaps just attended Franz Brentano’s philosophy lectures, and who was imbued with the very spirit I have just described to you. The following view, for example, was presented there. I am merely quoting, for what I am telling you now is contained almost verbatim in the lectures that Adolf Fick gave at the University of Würzburg at that time. He said something that could be summarized in the following sentences: Let us consider, for example, heat, which we first perceive through our senses. When we touch a body, it feels warm or cold to us; we have sensations of heat. But what corresponds to these sensations of heat in the external world is a movement of the smallest parts of the body—a movement carried out within the atoms and molecules, or by the atoms and molecules in space. If, for example, we consider a gas, this gas must be contained within a space that is closed on all sides; inside it, however, are the atoms and molecules of that particular gas. These are not at rest, but rather they move back and forth, colliding with one another and with the walls. Everything inside is in motion and in turmoil (see diagram). And when we touch with our skin what is essentially just movement inside, we experience the sensation of heat.


[ 11 ] Diese Anschauung war ja dazumal in den Naturwissenschaften gang und gäbe, es war diejenige Anschauung, die insbesondere aus dem hervorgegangen ist, was Julius Robert Mayer, was Helmholtz, was Clausius, was andere naturwissenschaftliche Geister der neueren Zeit geleistet hatten. Jose, der englische Bierbrauer, der zu gleicher Zeit Naturforscher war, hatte die Entdeckung gemacht, daß man durch eine Bewegung, zum Beispiel eines Schaufelrades, das sich im Wasser bewegt, das Wasser erwärmen kann. Man konnte dann abmessen, wieviel Arbeit das Schaufelrad verrichtet und wieviel Wärme entsteht, und man bekam dadurch die Möglichkeit, zu sagen: Durch Bewegung, durch mechanische Arbeitsleistung entsteht Wärme. — Diese müsse also nichts anderes sein als eine Übertragung desjenigen, was das Schaufelrad, das sich im Wasser dreht, an sichtbaren Bewegungen verrichtet; das verwandelt sich eben in solche Bewegungen, die unsichtbar sind, die aber dann als Wärme empfunden werden. So daß man also die Wärme durchaus als eine Art von Bewegung auffaßte.
[ 11 ] This view was, after all, commonplace in the natural sciences at the time; it was the view that had emerged in particular from the work of Julius Robert Mayer, Helmholtz, Clausius, and other scientific minds of the modern era. Jose, the English brewer who was also a natural scientist, had discovered that water can be heated by a motion—for example, that of a paddlewheel moving through the water. It was then possible to measure how much work the paddlewheel performed and how much heat was generated, which made it possible to conclude: Heat is produced by motion, by mechanical work. — Heat, therefore, must be nothing other than a transformation of the visible movements performed by the paddlewheel turning in the water; these are simply transformed into movements that are invisible but are then perceived as heat. Thus, heat was understood as a kind of movement.
[ 12 ] Aber nun hatte man dazumal die Entdeckung gemacht, daß sich nicht nur Wärme in Bewegung umwandeln läßt, sondern daß sich auch andere Naturkräfte in Bewegung umwandeln lassen. Und so konnte ein Physiologe wie Adolf Fick dazumal verkündigen, daß alle Naturkräfte, Magnetismus, Elektrizität, chemische Kräfte ineinander verwandelbar sind, daß die eine in die andere umgewandelt werden kann, daß im Grunde genommen die Verschiedenheit nur darin besteht, daß wir die verschiedenen Bewegungsformen mit unseren Sinnen in anderer Weise empfinden. Wenn wir also absehen von dem, was wir in uns haben als Wärmeempfindung, Lichtempfindung und so weiter, und auf dasjenige sehen, was draußen im Raume ist, so ist überall nur Bewegung. Dieser Physiologe hat dann diese Betrachtung fortgesetzt, indem er sagte: Auch wenn wir den menschlichen Körper, den höchsten Organismus, betrachten — und da kam dann Adolf Fick in seine eigentliche Domäne hinein, in die Physiologie —, können wir nicht eine besondere Lebenskraft annehmen, die etwa die Teile, die Moleküle des menschlichen Organismus in besondere Bewegung versetzt, sondern das, was draußen sich bewegt, wenn wir Wärme wahrnehmen, irgendwelche Spannkräfte oder Elektrizität oder Magnetismus, das ist auch im menschlichen Körper tätig. — Nun setzte er auseinander, wie im menschlichen Körper durch die Aufnahme des Sauerstoffes Kohlenstoff zu Kohlensäure verbrennt, wie Wasserstoff zu Wasser verbrennt, wie also der Sauerstoff, der aufgenommen wird, bewirkt, daß dasjenige, was der Mensch in sich trägt, in einen Verbrennungsprozeß kommt. Er erörterte dann, wie man bestimmen kann, wie eine gewisse Menge von Sauetstoff aufgenommen wird, wie der Mensch Wärme abgibt. Man hatte ja dazumal schon Versuche mit dem Kalorimeter gemacht, um zu ermitteln, wie groß die Wärmeabgabe bei diesem oder jenem Tier ist, hatte sie auch am Menschen schon gemacht und dabei herausgefunden, daß allerdings die Sache nicht stimmt. Aber man sagte sich, daß da eben Fehler in den Experimenten gemacht seien, und man hatte doch annäherungsweise Zahlen gefunden, aus denen hervorging, daß das, was einer Aufnahme einer gewissen Menge Sauerstoff entsprach, dann wiederum als Wärme abgegeben wurde. Man nahm an, daß ein Teil dessen, was da innerlich verarbeitet wird, in die Muskelbewegung übergeht, daß also gewissermaßen das, was durch die Verbrennung von Kohlenstoff zu Kohlensäure oder Wasserstoff zu Wasser sich im Menschen an Wärme entwickelt, solche Bewegungen im Menschen darstellt. Der Mensch atmet Sauerstoff ein. Der Wasserstoff verbrennt zu Wasser, der Kohlenstoff verbrennt zu Kohlensäure. Was da den Menschen innerlich warm macht, was er dann aber ausstrahlt, das ist nur Bewegung seiner kleinsten Teile. Nur nach der Verwandlung der Kräfte verwandeln sich eben Teile in das, was dann der Muskelleistung zugrunde liegt, wenn der Mensch nicht nur Wärme ausstrahlt, sondern etwa eine Arbeit mit seinen Muskeln verrichtet oder auch nur seine Glieder bewegt. So daß man sagen kann: Der Mensch ist im ganzen eine Art komplizierte physikalisch-chemische Einrichtung, die Wärme ausstrahlt, Arbeit leistet durch den eingeatmeten Sauerstoff.
[ 12 ] But by that time, it had been discovered that not only could heat be converted into motion, but that other natural forces could also be converted into motion. And so a physiologist like Adolf Fick was able to proclaim at that time that all natural forces—magnetism, electricity, and chemical forces—are interchangeable, that one can be converted into another, and that, fundamentally, the only difference lies in the fact that we perceive the various forms of motion differently with our senses. So if we set aside what we experience within ourselves—such as the sensation of heat, the sensation of light, and so on—and look at what is out there in space, we see nothing but motion everywhere. This physiologist then continued this line of thought by saying: Even when we consider the human body, the highest organism—and here Adolf Fick entered his true domain, physiology— we cannot assume the existence of a special life force that, for example, sets the parts—the molecules—of the human organism into a particular motion; rather, whatever is moving out there—whether it be heat, tensile forces, electricity, or magnetism—is also at work within the human body. — He then explained how, in the human body, carbon is burned into carbon dioxide through the absorption of oxygen, how hydrogen is burned into water, and thus how the oxygen that is absorbed causes what the human being carries within to undergo a combustion process. He then discussed how one can determine how a certain amount of oxygen is absorbed and how the human body releases heat. Experiments had already been conducted at that time using a calorimeter to determine the amount of heat released by this or that animal; they had also been performed on humans, and it was discovered that the results were indeed incorrect. But people told themselves that errors had simply been made in the experiments, and they had nevertheless found approximate figures indicating that what corresponded to the uptake of a certain amount of oxygen was then released as heat. It was assumed that part of what is processed internally is converted into muscle movement; that is to say, the heat generated in the human body through the combustion of carbon into carbon dioxide or hydrogen into water manifests itself as such movements in the human body. The human being inhales oxygen. Hydrogen burns to form water; carbon burns to form carbon dioxide. What warms the human being internally—and what he then radiates—is merely the movement of his smallest parts. It is only after the transformation of these forces that certain parts are transformed into what then underlies muscular performance—when the human being not only radiates heat but, for example, performs work with his muscles or even simply moves his limbs. So one can say: The human being is, on the whole, a kind of complex physical-chemical system that radiates heat and performs work through the oxygen inhaled.
[ 13 ] Adolf Fick fuhr etwa in der Weise fort, daß er sagte: Wenn aber die Menschen fortwährend Sauerstoff einatmen und den Sauerstoff verbrauchen, indem sie ihn als Verbrennungsanlaß benutzen, so müßte in der Entwickelungsgeschichte der Erde längst bemerkbar sein, daß der Sauerstoff weniger geworden wäre. Das ist aber nicht der Fall. Man kann sich aber auch das erklären, weil ja der Sauerstoff immer wieder erzeugt wird. Die Pflanzen werden von der Sonne bestrahlt, und indem die Pflanzen das Sonnenlicht aufnehmen, sondern sie den Sauerstoff ab. Dadurch wird der Sauerstoff wiederum frei. Der Mensch kann ihn neuerdings einatmen. Was Menschen und Tiere an Sauerstoff verbrauchen, wird also durch die Pflanzenwelt immer wiederum erzeugt.
[ 13 ] Adolf Fick continued along these lines, saying: “But if humans constantly inhale oxygen and consume it by using it as fuel for combustion, then the history of the Earth’s development should have long since shown that oxygen levels would have decreased.” But that is not the case. This can be explained, however, by the fact that oxygen is constantly being produced anew. Plants are exposed to sunlight, and as they absorb sunlight, they release oxygen. This makes the oxygen available again. Humans can then breathe it in once more. The oxygen consumed by humans and animals is thus constantly being replenished by the plant kingdom.
[ 14 ] Weiter sagte Adolf Fick in seinen Vorträgen: Mindestens die Sonne müßte, da sie doch fortwährend Licht und Wärme ausstrahlt, kälter werden. Er führte nun an, wie man berechnen könne, um wieviel die Sonne kälter werden müßte. Julius Robert Mayer hatte ja das vor ihm berechnet und hatte auch schon gezeigt, daß eigentlich die Sonne längst abgekühlt sein müßte, daß sie, nach der Menge, die sie ausstrahlt, eigentlich gar nicht mehr Wärme ausstrahlen könnte. Daher nahm Julius Robert Mayer an, und Fick trug es in seinen Vorträgen vor, daß Kometenmassen, von denen ja nach Keplers Ausspruch im Weltenall viel mehr vorhanden sein müßten als Fische im Ozean, fortwährend in die Sonne hineinstürzten. Wenn nun irgend etwas einschlägt in einen Körper, so wird neue Wärme erzeugt. Durch dieses fortwährende Anfliegen wird die Sonnenwärme und damit auch das Sonnenlicht fortwährend neu geschaffen. Es war nur, wie Adolf Fick versicherte, eine Verlegenheit da, weil man ja hätte annehmen müssen, daß solche Massen immer wieder vorhanden seien. Also müßte man annehmen, daß die Massen, die da hineinfliegen in die Sonne, wieder hinausgeworfen werden, damit sie später wieder anfliegen könnten. Aber auch daraus fand er einen Ausweg, indem er zeigte, daß nach dem sogenannten zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie es gar nicht nötig sei, daß die Sonnenwärme immer vorhanden sei, denn es sei ein Gesetz der Entwickelung, das man allerdings im strengsten Sinne beweisen kann — dazumal hatte ja schon Clausius den zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie veröffentlicht —, daß sich durch die Umwandlung der Kräfte fortwährend die Kräfte in Wärme verwandeln, aber die Wärme sich nicht wiederum zurückverwandeln kann in Kräfte, so daß immer Wärme übrigbleibt, so daß zuletzt alles, was an Geschehnissen in der Welt ist, sich in Wärmezustände verwandeln muß, die sich ausgleichen. Dann ist nichts mehr da von dem, was in der Welt geschieht, als nur der sogenannte Wärmetod. Und in diesen sogenannten Wärmetod müsse alles einlaufen.
[ 14 ] Adolf Fick went on to say in his lectures: Since the Sun constantly radiates light and heat, it, at the very least, would have to become colder. He then explained how one could calculate by how much the Sun would have to become colder. Julius Robert Mayer had, in fact, calculated this before him and had already shown that the Sun should actually have cooled down long ago—that, given the amount of heat it radiates, it should in fact no longer be able to radiate any heat at all. Therefore, Julius Robert Mayer assumed—and Fick presented this in his lectures—that cometary masses, of which, according to Kepler’s statement, there must be far more in the universe than fish in the ocean, were constantly crashing into the Sun. When something strikes a body, new heat is generated. Through this continuous influx, the Sun’s heat—and thus also its light—is constantly being recreated. As Adolf Fick assured us, the only problem was that one would have had to assume that such masses were always available. Thus, one would have to assume that the masses flying into the Sun are ejected again so that they could fly in once more later. But he found a way out of this as well by showing that, according to the so-called second law of mechanical thermodynamics, it is not at all necessary for solar heat to be constantly present, for it is a law of development that can indeed be proven in the strictest sense—Clausius had, after all, already published the second law of mechanical thermodynamics at that time —that through the conversion of forces, forces are continually transformed into heat, but heat cannot be converted back into forces, so that heat always remains; consequently, ultimately, all phenomena in the world must be transformed into thermal states that balance each other out. Then nothing will remain of what happens in the world except what is known as “heat death.” And everything must converge toward this so-called “heat death.”
[ 15 ] So also stellte Adolf Fick vor, wie sich die Erde mit alledem, was auf ihr geschieht, einschließlich des Menschen, hinentwickelt zu diesem Wärmetod, wie also alles Geschehen in diesem Wärmetod einmal ein Ende finden werde. Eine streng physikalische Weltanschauung!
[ 15 ] This is how Adolf Fick described how the Earth, along with everything that happens on it—including human beings—is evolving toward this heat death, and how all events will one day come to an end in this heat death. A strictly physical worldview!
[ 16 ] Wir können uns vorstellen, wie Adolf Fick, der Physiologe, diese Lehre als physikalische Weltanschauung vortrug, während Brentano drüben in seinem Hörsaal vortrug, was ich Ihnen vorhin dargestellt habe. Aber nun möchte ich Ihnen auch zwei Schlüsse dieser beiden Vorlesungen sagen. Nehmen wir an, Brentano in seinem Hörsaal hätte einmal seine Vorlesung so geschlossen: Wenn wir die naturwissenschaftliche Anschauung der Entwickelung der Welt betrachten, müssen wir von einem Anfangsstadium ausgehen, das sich naturwissenschaftlich begreifen läßt. Wir kommen zu einem Endzustand, den heute sogar die Naturwissenschaft schon als den Wärmetod schildert. Aber das alles ist durchleuchtet und durchseelt von göttlich-geistigem Geschehen. Wir werden an den Anfang geführt, wo ein schöpferischer Gottesakt ins Leben ruft, was dann naturwissenschaftlich angeschaut werden kann. Wir kommen zum Wärmetod, aus dem wiederum nur eine schöpferische Gottestat die Entwickelung weiterführen kann. — Das hätte etwa Franz Brentano als Schluß eines seiner Vorträge sagen können und hat es auch gesagt.
[ 16 ] We can imagine how Adolf Fick, the physiologist, presented this doctrine as a physical worldview, while Brentano, over in his lecture hall, presented what I described to you earlier. But now I would also like to share with you two conclusions from these two lectures. Let’s suppose that Brentano, in his lecture hall, had once concluded his lecture as follows: When we consider the scientific view of the world’s development, we must start from an initial stage that can be understood scientifically. We arrive at a final state that even natural science today describes as heat death. But all of this is permeated and animated by divine-spiritual events. We are led back to the beginning, where a creative act of God brings into being what can then be observed through the natural sciences. We arrive at heat death, from which, in turn, only a creative act of God can carry development forward. — This is roughly what Franz Brentano might have said at the end of one of his lectures, and indeed he did say it.
[ 17 ] Nehmen wir an, die beiden Vorlesungen wären hintereinander gewesen, nicht gleichzeitig, und ein Student wäre, nachdem er eben das von Franz Brentano gehört hätte, hinübergegangen zu Adolf Fick, hätte sich jetzt den Schlußvortrag angehört über Physiologie. Was hätte er da gehört?
[ 17 ] Let’s suppose the two lectures had been held one after the other, not at the same time, and that a student, having just heard Franz Brentano’s lecture, had gone over to Adolf Fick’s class to listen to the final lecture on physiology. What would he have heard there?
[ 18 ] Nun, ich zitiere nur, ich spreche nur das aus, was Adolf Fick selber in diesen Jahren, etwa 1869, an derselben Universität ausgesprochen hat, an der Brentano gelehrt hat. Er sagte, nachdem er solche Betrachtungen, wie ich sie Ihnen eben jetzt ausgeführt habe, in einer ganzen Reihe von Vorlesungen vorausgeschickt hatte: Wir kommen dazu, daß einstmals alles Geschehen, das um uns und in uns ist, in den Wärmetod, das heißt, in das Weltenende einläuft. Wenn wir aber ein solches Weltenende nach allen Regeln der Naturwissenschaft, die wir jetzt haben, annehmen können, wenn nichts vergessen ist, wenn wir ein solches Weltenende voraussetzen müssen nach der strengen Naturwissenschaft, dann ist es nicht anders denkbar, als daß diese Welt auch einmal einen Anfang genommen habe; denn man kann sich nicht denken, daß eine Welt, die von Ewigkeit her mit naturwissenschaftlichem Geschehen bestände, nicht längst schon zu dem Wärmetod gekommen wäre. Da dieser Wärmetod sich also erst nach einiger Zeit entwickeln muß, so muß diese Welt auch einen Anfang genommen haben, das heißt, so schloß Adolf Fick, sie muß von einem schöpferischen Gottesakt ausgegangen sein.
[ 18 ] Well, I am merely quoting; I am simply repeating what Adolf Fick himself said during those years—around 1869—at the same university where Brentano taught. After introducing a whole series of lectures with reflections such as those I have just outlined for you, he said: We come to the conclusion that one day all events—those around us and within us—will culminate in heat death, that is, in the end of the world. But if we can assume such an end of the world according to all the principles of natural science that we now possess—assuming nothing has been overlooked—if we must presuppose such an end of the world according to rigorous natural science, then it is inconceivable that this world did not also have a beginning at some point; for one cannot imagine that a world that has existed from eternity with scientific processes would not have long since reached heat death. Since this heat death must therefore develop only after some time, this world must also have had a beginning; that is to say, as Adolf Fick concluded, it must have originated from a creative act of God.
[ 19 ] Man konnte also in dem einen Hörsaal katholisch-theologische Philosophie von Franz Brentano hören mit dem Schluß, den ich Ihnen eben charakterisiert habe, und dann zum Physiologen hinübergehen allerdings nicht einem von der Art des «dicken Vogt» und ähnlichen, die eben nicht zu Ende dachten, sondern zu einem Physiologen, der zu Ende dachte —, und der sagte dasselbe, indem er sich nur auf den Boden der Naturwissenschaft stellte.
[ 19 ] So one could listen to Catholic theological philosophy by Franz Brentano in one lecture hall—with the conclusion I just described to you—and then walk over to a physiologist, though not one of the “Fat Vogt” type or the like, who simply did not think things through to the end, but rather to a physiologist who did think things through to the end— and who said the same thing, merely by standing on the ground of the natural sciences.
[ 20 ] Das ist eine außerordentlich interessante Tatsache. Das bedeutet, daß, wenn man nun nicht weiter ging, als von der Naturwissenschaft aus auf eine schöpferische Gottestat hinzuweisen, man durchaus im Einklange stand mit demjenigen, was im benachbarten Hörsaal aus der katholischen Theologie heraus vorgetragen wurde.
[ 20 ] This is an extraordinarily interesting fact. It means that if one did not go beyond pointing to a creative act of God based on the natural sciences, one was entirely in harmony with what was being lectured on in the neighboring lecture hall from the perspective of Catholic theology.
[ 21 ] Was konnte nun ein Hörer tun, der bei Adolf Fick diese Anschauung gehört hätte, der etwa vernommen hätte, wie die Welt physikalisch beschaffen ist, daß man aber sogar auch beweisen könne, daß sie aus einem schöpferischen Gottesakt hervorgegangen ist? Adolf Fick hätte ihm eben gesagt: Wenn du über diesen Gottesakt etwas wissen willst, so gehe hinüber in den anderen Hörsaal, wo die katholische Theologie vorgetragen wird! So hätte es ein Hörer jedenfalls empfinden müssen.
[ 21 ] What could a student have done who had heard this view from Adolf Fick—who had, for example, learned about the physical nature of the world, but also that it could even be proven that it arose from a creative act of God? Adolf Fick would simply have told him: “If you want to know anything about this act of God, go over to the other lecture hall, where Catholic theology is being taught!” At any rate, that is how a student would have had to feel.
[ 22 ] Und nun versetzen Sie sich wiederum in die Seele von Franz Brentano. Dazumal ging es noch, daß er mit seiner naturwissenschaftlichen Gesinnung einen solchen Endschluß unmittelbar gemacht hat, weil ihm das, was ihm über die übersinnliche Welt als sicher schien, von der katholischen Theologie kam. Zehn Jahre später ging es nicht mehr so. Zehn Jahre später konnte er, wie ich Ihnen dargestellt habe, die übersinnliche Welt nicht mehr auf die Offenbarungslehre im Sinne des Katholizismus voll basiert finden. Das heißt mit anderen Worten: Ging nun der Hörer von der Naturwissenschaft hinüber, da, wo er die Ergänzung hören sollte, die die Naturwissenschaft selber fordert, so konnte derjenige, der nun nicht mehr an den alten Offenbarungstraditionen festhalten konnte, ihm nichts mehr sagen. Und so war es im Grunde genommen schon, als Franz Brentano in Wien vortrug. Da war er vor kurzem aus der Kirche ausgetreten. 1874 kam er nach Wien; 1873 war er eigentlich erst völlig ausgetreten, obwohl er schon nach dem Infallibilitätsdogma mit der Kirche innerlich zerfallen war. Aber er hing so sehr an der katholischen Kirche, daß er sich noch jahrelang die Sache gründlich überlegte.
[ 22 ] And now put yourself back in the mind of Franz Brentano. At that time, it was still possible for him, with his scientific mindset, to reach such a final conclusion directly, because what seemed certain to him about the supersensible world came from Catholic theology. Ten years later, this was no longer the case. Ten years later, as I have explained to you, he could no longer find the supersensible world to be fully grounded in the doctrine of revelation as understood by Catholicism. In other words: When the listener turned from natural science to the realm where he was supposed to hear the complement that natural science itself demands, the one who could no longer hold fast to the old traditions of revelation had nothing more to say to him. And that was essentially already the case when Franz Brentano lectured in Vienna. He had recently left the Church. He came to Vienna in 1874; he had not actually left the Church completely until 1873, although he had already broken with the Church inwardly after the dogma of infallibility. But he was so attached to the Catholic Church that he spent years thoroughly reflecting on the matter.
[ 23 ] Jetzt können wir uns also nicht mehr vorstellen, daß, wie in den sechziger Jahren, der Student etwa hätte hinübergehen können von dem Hörsaal, nehmen wir an statt von Adolf Fick in Würzburg, etwa von Brücke in Wien oder irgendeinem anderen Physiologen, denn die sagten ja natürlich alle dasselbe, er hätte jetzt nicht zu Franz Brentano hinübergehen können und dort die Ergänzung finden. Denn bei Franz Brentano hörte er gewiß außerordentlich Antegendes und Interessantes über ethische, über psychologische Probleme, aber nirgends fand Brentano die Möglichkeit, durch die unmittelbare Erkenntnis zu dem Übersinnlichen überzugehen. Wir sehen gerade an diesem Beispiel die Möglichkeit hinschwinden, aus der alten Geisteskultur heraus zu dem Übersinnlichen zu kommen, wenn man nicht wiederum zu dem alten Offenbarungsglauben zurückkehren wollte. Das ist die wichtigste geistige Kulturtatsache unserer neuesten Zeit. Denn aus den Stimmungen heraus, die durch so etwas erweckt werden konnten, sind die Seelen der Führernaturen erwachsen. Und durch das, was diese Führernaturen bewirkt haben, sind wir in das ganze kulturelle Chaos der Zeit hineingekommen.
[ 23 ] So now we can no longer imagine that, as in the 1860s, a student could have gone over from the lecture hall—let’s say, instead of Adolf Fick in Würzburg, perhaps to Brücke in Vienna or some other physiologist, since they all said the same thing, of course—he could not have gone over to Franz Brentano and found the missing piece there. For with Franz Brentano, he certainly heard extraordinarily significant and interesting things about ethical and psychological problems, but nowhere did Brentano find the possibility of moving on to the supersensible through direct knowledge. We see precisely in this example the possibility fading away of moving from the old spiritual culture to the supersensible, unless one were to return once again to the old belief in revelation. This is the most important fact of spiritual culture in our recent times. For it was out of the moods that could be aroused by such things that the souls of leading figures grew. And through what these leading figures have brought about, we have entered into the entire cultural chaos of our time.
[ 24 ] Nun möchte ich Ihnen das Problem von einer anderen Seite zeigen. Unter denen, die dazumal noch studierten, als Franz Brentano seine glänzenden Kathedertaten verrichtete, war auch Richard Wahle. Richard Wahle schrieb 1894 sein Buch, das eigentlich viel bedeutender ist, als man es gewöhnlich in Philosophenkreisen nimmt: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende, ihre Vermächtnisse an die Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Wer unbefangen die Entwickelung des geistigen Lebens anschaut, der muß gerade auf dieses Buch als auf eine allerbedeutendste Erscheinung hinweisen. Ich möchte Ihnen kurz die Art und Weise charakterisieren, wie Richard Wahle die Welt anschaute. Denn diese Anschauung war ganz aus dem herausgeboren, was Richard Wahle zweifellos als gewaltige Anregungen von Franz Brentano erhalten hat, und dem, was sonst dazumal überhaupt an Geisteskultur zu erlangen war.
[ 24 ] Now I would like to show you the problem from a different angle. Among those who were still students at the time when Franz Brentano was performing his brilliant academic feats was Richard Wahle. In 1894, Richard Wahle wrote his book, which is actually far more significant than is generally recognized in philosophical circles: *The Whole of Philosophy and Its End, Its Legacies to Theology, Physiology, Aesthetics, and Political Pedagogy*. Anyone who looks impartially at the development of intellectual life must point to this very book as one of the most significant works. I would like to briefly describe the way in which Richard Wahle viewed the world. For this worldview was born entirely out of what Richard Wahle undoubtedly received as powerful inspiration from Franz Brentano, and from whatever else was available in intellectual culture at that time.
[ 25 ] Richard Wahle sagt: Was wir von der Welt erleben, was ist es denn eigentlich? Nun, was wir von der Welt erleben, ist, daß vor uns «Vorkommnisse» auftreten. Ich stehe da; vor meinen Augen treten die Wände, das Helle, die Lampen, die Menschen auf. Ich muß mir durch meine Vorstellungen diese Vorkommnisse zu meinen persönlichen Erlebnissen machen. Überall Vorkommnisse, die mir durch Vorstellungen gegeben werden. Ich trage nichts anderes in mir als die Vorstellungen der Vorkommnisse. Die Welt ist eine Summe von Vorkommnissen, die sich mir durch meine Vorstellungen repräsentieren. Aber betrachten wir einmal unbefangen, was wir denn da eigentlich haben. Haben wir denn je einen Tisch vor uns? Ein Vorkommnis haben wir, das uns repräsentiert wird durch die Vorstellung des Tisches. Haben wir einen Menschen vor uns? Ein Vorkommnis haben wir, das uns durch die Vorstellung vom Menschen repräsentiert wird. Wir haben nichts anderes als die Repräsentanten von Vorkommnissen. — Es ist das außerordentlich geistreich in dem Augenblicke, wenn man von Franz Brentano so beeinflußt war, daß man wahrnahm, wie dieser den Willen, wie ich es Ihnen gestern gesagt habe, wegstrich und nur das Vorstellungs- und höchstens noch das Gefühlsleben gelten ließ. Dieses Vorstellungsleben gibt nur subjektive Repräsentanten von Vorkommnissen. Und wie sind diese Vorkommnisse? Kraftlos sind sie, durch und durch kraftlos! Denn, habe ich das Vorkommnis — ich will ein drastisches Beispiel wählen —, daß einer einem anderen eine Ohrfeige gibt — es ist ein Vorkommnis oder eine Summe von Vorkommnissen —, was dahintersteckt, weiß ich nicht! Richard Wahle sagt in seiner Art ganz richtig: Wir haben nur die Vorkommnisse, repräsentiert durch die subjektiven Vorstellungen. Zu den Urfaktoren können wir nicht kommen. — Er gibt durchaus zu, daß hinter dem, was wir als Menschen haben, Urfaktoren verborgen sind, aber zu denen können wir nicht kommen. Daher kommen wir überhaupt zu nichts anderem als nur zu einem Agnostizismus. Wir müssen uns gestehen, wenn da einer steht und dem anderen eine Ohrfeige gibt, daß meine Vorstellung von der sich bewegenden Hand kraftlos ist, daß die durchaus nicht auf der Backe des anderen sitzt. Mir ist nur die Vorstellung gegeben. So löst Wahle alles, was dem Menschen zugänglich ist, auf in die subjektiven Repräsentanten von Vorkommnissen. Auch das, was wir im Inneren wahrnehmen, sind Vorkommnisse, die nur von innen aus auftauchen, statt daß sonst Vorkommnisse von außen gegeben werden. Wiederum wissen wir nichts von den Urfaktoren, die in uns selber sind. Wir haben nicht einmal eine Vorstellung, welche Urfaktoren dem Vorkommnis zugrunde liegen, wenn sich meine eigene Hand aus meinem Gedanken, der ja kraftlos ist, der selber dem anderen keine Ohrfeige geben kann, erhebt, um eine Ohrfeige zu geben. Was da für Faktoren zugrunde liegen, wissen wir nicht, was in uns zugrunde liegt, wissen wir nicht. Wir können aber unmöglich zugeben, daß der Gedanke, der uns allein gegeben ist, dem anderen eine Ohrfeige gibt, denn der Gedanke ist ganz kraftlos, und wenn wir die größten Helden der Geschichte nehmen, sie sind nur durch die subjektiven Gedanken gegeben. Denken Sie sich zum Beispiel Bismarck: er ist nur gegeben als subjektiver Repräsentant von Vorkommnissen. Die Inhalte seines Seelenlebens, auch von dem der größten Helden, haben nicht die Taten getan. Die Taten sind geschehen durch die Urfaktoren. Zu den Urfaktoren dringt aber der Mensch nicht vor.
[ 25 ] Richard Wahle says: What is it, really, that we experience of the world? Well, what we experience of the world is that “events” occur before us. I stand there; before my eyes, the walls, the light, the lamps, and the people appear. Through my ideas, I must transform these occurrences into my personal experiences. Everywhere, occurrences that are given to me through ideas. I carry nothing within me but the ideas of these occurrences. The world is a sum of events that are represented to me through my ideas. But let us consider impartially what we actually have here. Do we ever have a table before us? We have an event that is represented to us through the idea of the table. Do we have a person before us? We have an event that is represented to us through the idea of the person. We have nothing but the representations of events. — It is extraordinarily insightful at the moment when one was so influenced by Franz Brentano that one perceived how he, as I told you yesterday, dismissed the will and accepted only the life of the imagination and, at most, the life of the emotions. This life of the imagination provides only subjective representations of events. And what are these events like? They are powerless, utterly powerless! For, if I have the event—I’ll choose a drastic example—of one person slapping another—it is an event or a sum of events—I do not know what lies behind it! Richard Wahle is quite correct in his own way: We have only the events, represented by subjective ideas. We cannot access the primordial factors. — He fully admits that primordial factors are hidden behind what we, as human beings, experience, but we cannot reach them. Therefore, we arrive at nothing other than agnosticism. We must admit to ourselves that when one person stands there and slaps another, my conception of the moving hand is powerless—it does not actually rest on the other person’s cheek. I am given only the idea. Thus, Wahle reduces everything accessible to human beings to the subjective representations of events. Even what we perceive internally are events that arise solely from within, rather than events being given from without. Again, we know nothing of the primary factors that lie within ourselves. We do not even have a conception of which underlying factors lie at the root of the event when my own hand—arising from my thought, which is, after all, powerless and cannot itself slap the other person—rises to deliver a slap. We do not know what factors underlie this; we do not know what lies at the root within us. But we cannot possibly admit that the thought, which is given to us alone, slaps the other person, for the thought is entirely powerless, and even if we take the greatest heroes of history, they are given to us only through subjective thoughts. Take Bismarck, for example: he exists only as a subjective representative of events. The contents of his inner life—and indeed those of even the greatest heroes—did not perform the deeds. The deeds were accomplished by the primordial factors. But human beings cannot penetrate to these primordial factors.
[ 26 ] Sie sehen bei Brentano das Herausstreben aus einer Anschauung, die noch nach der Wirklichkeit hinstrebt, aber nach einer Wirklichkeit, die nur durch den Oftenbarungsglauben gegeben ist, hin zu dem reinen Intellektualismus des Vorstellungslebens, bei dem er stockt, so, daß er nicht einmal seine «Psychologie» über den ersten Band hinaus weiterschreiben kann. Und Sie sehen, wie Richard Wahle, der aus derselben Zeitrichtung stammt, sich genötigt fühlt, bei den kraftlosen Vorstellungen, dem Inhalte des Intellekts zu bleiben. Alles wird kraftlos. Der Mensch bildet nur die intellektuellen Begriffe aus und merkt endlich: sie sind kraftlos.
[ 26 ] In Brentano, you see the striving to move away from a form of intuition that still reaches toward reality—but toward a reality that is given only through revelatory faith—toward the pure intellectualism of the life of the imagination, at which point he comes to a standstill, so that he cannot even continue writing his “Psychology” beyond the first volume. And you see how Richard Wahle, who comes from the same intellectual current, feels compelled to remain with the powerless concepts, the content of the intellect. Everything becomes powerless. Human beings merely form intellectual concepts and finally realize: they are powerless.
[ 27 ] Es war mir ein bedeutsames Erlebnis, als nach meinem ersten Wiener Vortrage vor kurzem Richard Wahle mir sagte: Ich habe schon auch meine Vorstellungen über die Urfaktoren, aber im Grunde genommen sind wir gegenüber dem, was alte Philosophen waren, doch nur eine Art von Totengräbern. — Gerade in Richard Wahle findet man etwas außerordentlich Erschütterndes, denn er war dazu verurteilt, in geistvollster Weise das letzte Geständnis zu machen, daß der Mensch aus der neueren Kultur heraus in seiner Seele nichts gewinnen kann, als etwas, was kraft- und saftlos ist. Ich streifte dann leise die Namen, die dazumal, als Wahle in Wien noch Schüler war, die Lehrer waren, also Zimmermann, Franz Brentano. Da sagte er: Ja, die haben wenigstens noch etwas zu behaupten gewagt, wir können nicht einmal das noch tun.
[ 27 ] It was a significant experience for me when, after my first lecture in Vienna a short while ago, Richard Wahle said to me: “I, too, have my own ideas about the primordial factors, but when it comes down to it, compared to what the ancient philosophers were, we are really just a kind of gravediggers.” — It is precisely in Richard Wahle that one finds something extraordinarily unsettling, for he was condemned to make, in the most profound way, the final confession that, from modern culture, man can gain nothing in his soul but something that is devoid of vitality and substance. I then quietly mentioned the names of those who had been his teachers back when Wahle was still a student in Vienna—namely Zimmermann and Franz Brentano. To which he replied: “Yes, at least they still dared to assert something; we can’t even do that anymore.”
[ 28 ] Und sehen Sie sich an, was nun 1894 als Buch entstand: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende, ihre Vermächtnisse an 'Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Theologie! Soll denn, was theologische Überlieferung ist, wieder aufgenommen werden? Soll der Mensch völlig darauf verzichten, selbst zu einem Übersinnlichen vorzudringen? Soll einfach zurückgegangen werden zu dem, was in einer so bedeutungsvollen Weise Franz Brentano verlassen mußte? Wie soll sich dann der Vorgang vollziehen, daß dasjenige, was Philosophie einstmals dargeboten hat, teilweise an die Theologie als Vermächtnis übergehen soll? Wie soll, was Philosophie geboten hat, an die Physiologie als Vermächtnis übergehen?
[ 28 ] And look at what was published as a book in 1894: “The Whole of Philosophy and Its End, Its Legacies to ‘Theology, Physiology, Aesthetics, and Political Pedagogy.’” Theology! Is the theological tradition to be taken up again? Is humanity to completely renounce its own quest to penetrate the supernatural? Are we simply to return to what Franz Brentano had to abandon in such a significant way? How, then, is the process to take place whereby what philosophy once offered is to be partially passed on to theology as a legacy? How is what philosophy has offered to be passed on to physiology as a legacy?
[ 29 ] Denken Sie nur einmal — die Physiologie im Sinne von Adolf Fick führt uns zu einer Schöpfungstat Gottes im Beginn der Entwickelung. Dieses Erbe würde also nicht irgendwie etwas Befriedigendes liefern können. Die Ästhetik würde man ja nach den Anforderungen der Wissenschaft in der Gegenwart jedenfalls nicht gelten lassen für das, was imstande ist, irgendwie in die Felder der Wahrheit hineinzuführen. Und die Staatspädagogik? Nun, es ist ganz begreiflich, daß jemand, der keine Beziehung herstellen kann zwischen sich und der geistigen Welt, an diejenigen Vorstellungen appelliert, die durch die Menschen innerhalb der menschlichen Gesellschaften gemacht werden, daß er also das, was zum Handeln führen soll, in die Staatspädagogik — im weitesten Sinne — einspannen will; daß alles das, was den Menschen, sei er Kind, sei er Erwachsener, zum Handeln hinführt, eben bestimmt werden soll durch Staatsgesetze, daß ihm gewisse Richtungen gegeben werden durch die Staatsgesetze. Wir sehen den Agnostizismus seine geistvollste, seine energischeste, seine gewissenhafteste Blüte treiben in diesem Buch «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende».
[ 29 ] Just think about it for a moment—physiology, as understood by Adolf Fick, leads us to an act of divine creation at the beginning of evolution. This legacy, then, could not possibly provide anything satisfactory. Aesthetics, at any rate, would not be accepted according to the demands of contemporary science as something capable of leading us in any way into the realms of truth. And state pedagogy? Well, it is quite understandable that someone who cannot establish a connection between himself and the spiritual world would appeal to the ideas formed by people within human societies, that he would thus wish to incorporate into state pedagogy—in the broadest sense—that which is intended to lead to action; that everything which leads a person—be they a child or an adult—to action should be determined by state laws, so that certain directions are given to them through state laws. We see agnosticism reaching its most spirited, most energetic, and most conscientious flowering in this book, *The Whole of Philosophy and Its End*.
[ 30 ] Und wie hätte es denn eigentlich anders sein können? Ich will in einem Bilde aussprechen, was ich nun sagen möchte. Philosophie Liebe zur Weisheit; man kann nur etwas lieben, was man als Lebendiges weiß. Solange man die Sophia als etwas Lebendiges gewußt hat, konnte man von Philosophia sprechen. Jetzt, wo die Sophia nur ein Aggregat von allem möglichen sein soll, das im Weltenall an Begriffen über das Leblose zusammengesucht wird, mußte auch das Philo dahinschwinden.
[ 30 ] And how could it actually have been any different? I want to express in a metaphor what I wish to say now. Philosophy is the love of wisdom; one can only love something that one knows to be alive. As long as one knew Sophia to be something alive, one could speak of “philosophia.” Now that Sophia is supposed to be merely an aggregate of all manner of concepts about the inanimate gathered from across the universe, the “Philo” too had to fade away.
[ 31 ] Im Grunde genommen hat dieser Revolutionär Richard Wahle auf philosophischem Gebiete das Konsequenteste getan, was man nur hat tun können. Er hat einfach konstatiert, was aus der Philosophie geworden ist unter dem Einfluß des bloßen Intellektes. Das kann man nicht mehr lieben. Das muß in gleichgültige Dinge auseinanderfallen. Das muß «ihr Ende» erreicht haben. Nachdem die Sophia gestorben ist, kann es zu der toten Sophia keine Liebe mehr geben, höchstens in der Erinnerung. Dann aber könnte man nur eine Geschichte über die nunmehr dahingeschiedene Philosophie schreiben. Der könnte man ein gutes Andenken widmen. Philosophiegeschichte könnte natürlich immer noch geschrieben werden. Man könnte noch immer alte Systeme galvanisieren. Das ist ja auch im Grunde genommen das Häufigste bei den neuen Philosophen geworden. Es hat Neu-Kantianer, Neu-Fichteaner, Haeckelianer gegeben; es ist alles das entstanden, was einen an die Liebe zu einer gestorbenen Geliebten erinnern kann. Und wenn wir die kraftlosen und saftlosen subjektiven Repräsentanten der Vorkommnisse ins Auge fassen, was allerdings die intellektualistischen Vorstellungen sind, dann werden wir den ganzen Gang begreifen. Dann werden wir aber auch begreifen, daß in der Tat das alte philosophische Denken zu einem Ende gekommen ist, zu einem Ende gekommen sein muß.
[ 31 ] Essentially, this revolutionary, Richard Wahle, did the most consistent thing one could possibly do in the realm of philosophy. He simply stated what philosophy has become under the influence of the mere intellect. One can no longer love that. It must disintegrate into things of no consequence. It must have reached “its end.” Now that Sophia has died, there can be no more love for the dead Sophia—at most, in memory. But then one could only write a history of philosophy, now that it has passed away. One could dedicate a fond remembrance to it. Of course, the history of philosophy could still be written. One could still breathe new life into old systems. After all, this has essentially become the most common practice among the new philosophers. There have been Neo-Kantians, Neo-Fichteans, and Haeckelians; everything has emerged that can remind one of the love for a deceased beloved. And when we consider the feeble and insipid subjective representations of events—which, after all, are the intellectualist conceptions—then we will understand the entire course of events. But then we will also understand that, in fact, the old philosophical way of thinking has come to an end, must have come to an end.
[ 32 ] Deshalb habe ich in meinen «Rätseln der Philosophie», nachdem ich den ganzen Gang der Philosophie dargestellt habe, von den alten griechischen Philosophen an bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, zu zeigen versucht, wie dasjenige, was Philosophie war,, übergehen muß in Anthroposophie. Das letzte Kapitel ist daher eine skizzenhafte Darstellung der Anthroposophie.
[ 32 ] That is why, in my *Riddles of Philosophy*, after tracing the entire course of philosophy from the ancient Greek philosophers through to the second half of the 19th century, I attempted to show how what philosophy was must give way to anthroposophy. The final chapter is therefore a sketchy presentation of anthroposophy.
[ 33 ] Daß man so verfahren muß, daß man bei der heutigen Geschichtsschreibung der Philosophie als letztes Kapitel die Anthroposophie haben muß, das ist nicht ein Ergebnis von subjektiven Erwägungen, das ist ein Ergebnis des objektiven Ganges der Geschichtsentwickelung selbst. Und gerade wenn man die charakteristischsten Persönlichkeiten der neueren Zeit ins Auge faßt, dann zwingen einen diese, die Sache so anzusehen. Denn, nachdem die Menschheit wirklich an die saft- und kraftlosen Begriffe gekommen ist, die nichts mehr von der Wirklichkeit enthalten, nachdem die Menschheit vergessen hat, daß diese Begriffe die Leichname dessen sind, was einstmals, bevor wir aus geistigen Welten ins irdische Dasein heruntergestiegen sind, Leben war, ist es notwendig, daß wir durch das, was Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» dargestellt finden, dutch Meditation, durch Konzentration die Begriffe, die Ideen wiederum beleben. Und man ist vor die Aufgabe gestellt, nicht so wie Franz Brentano etwa bei den naturwissenschaftlichen Vorstellungen stehenzubleiben, sondern sie aufzunehmen, sie zu beleben durch jene innerliche Geistesarbeit, die in Meditation und Konzentration besteht. Und dann werden gerade die naturwissenschaftlichen Vorstellungen der neuesten Zeit am sichersten in die übersinnliche Welt hinaufführen. Dann führen sie eben zu der Entwickelung derjenigen Methode, die die Methode der Anthroposophie ist; dann entwickelt sich aus der Naturwissenschaft heraus die Methode der Anthroposophie. Die kann dann wiederum die saft- und kraftlosen Repräsentanten der Vorkommnisse mit Wesenhaftem, mit Lebendigem durchsetzen, denn dieses Wesenhafte, dieses Lebendige muß für eine Menschheit, die einmal bis zum Intellekt vorgerückt ist, aus dem Intellekt selber hervorgehen.
[ 33 ] The fact that, in today’s historiography of philosophy, anthroposophy must be included as the final chapter is not the result of subjective considerations; it is the result of the objective course of historical development itself. And precisely when one considers the most characteristic figures of recent times, they compel one to view the matter in this way. For, now that humanity has truly arrived at concepts that are lifeless and devoid of vitality, containing nothing of reality, and since humanity has forgotten that these concepts are the corpses of what was once life—before we descended from the spiritual worlds into earthly existence—it is necessary that we, through what you will find described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, through meditation and concentration, breathe new life into these concepts and ideas. And we are faced with the task not of remaining, as Franz Brentano did, for example, at the level of scientific concepts, but of taking them up and enlivening them through that inner spiritual work that consists of meditation and concentration. And then it is precisely the scientific concepts of the most recent era that will most surely lead us up into the supersensible world. Then they lead precisely to the development of the method that is the method of anthroposophy; then the method of anthroposophy develops out of natural science. This method, in turn, can then infuse the lifeless and powerless representations of events with essence and vitality, for this essence and vitality must, for a humanity that has advanced as far as the intellect, arise from the intellect itself.
[ 34 ] Und ich möchte sagen: Auch in bezug auf das Intimere des Problems erscheint mir wiederum Franz Brentano als ganz besonders charakteristisch. Er schrieb, als er noch ein ziemlich junger Mann war, an einen Bekannten einen Brief über die Meditation, denn er hing an derjenigen Meditation, die ihm angeschult worden war aus seinem Katholizismus heraus, die er aber nie zur selbständigen Entwickelung eines inneren geistigen Lebens führte. Franz Brentano schrieb ungefähr dieses über die Meditation, die er kennengelernt hatte: Ich rate Ihnen ja, lassen Sie nicht ab von der Meditation. Wer nur ein handelndes und kein betrachtendes, kein meditatives Leben führt, der lebt überhaupt nur ein Viertel des Lebens; drei Viertel des Lebens muß man leben, indem man sich meditativer Betrachtung hingibt. Alles, was einen in Gottesnähe bringen kann, kann nur aus der meditativen Betrachtung stammen. — Dann schließt er mit dem charakteristischen Satz: «Ich würde lieber sterben, als die Meditation aufgeben.»
[ 34 ] And I would like to say: Even with regard to the more intimate aspects of the problem, Franz Brentano again strikes me as particularly characteristic. When he was still a fairly young man, he wrote a letter to an acquaintance about meditation, for he was attached to the form of meditation he had been taught as part of his Catholic upbringing—a practice that, however, never led him to the independent development of an inner spiritual life. Franz Brentano wrote something like this about the meditation he had come to know: “I do advise you not to give up meditation.” Whoever leads only an active life and not a contemplative, meditative one lives, in fact, only a quarter of life; three-quarters of life must be lived by devoting oneself to meditative contemplation. Everything that can bring one closer to God can only come from meditative contemplation.” — He then concludes with the characteristic statement: “I would rather die than give up meditation.”
[ 35 ] Aber es war eine Meditation, die herangeschult war aus altem Geistesleben. Und wir empfinden das Tragische einer Persönlichkeit, die so die Meditation liebt und dennoch, weil sie von der Naturwissenschaft in Fesseln geschlagen ist, sich nicht zu einer freien Meditation hinentwickeln kann, die sie hineinführt in ein erneuertes Ergreifen des geistigen, des übersinnlichen Lebens. Vielleicht kann man gerade an dieser Briefstelle sehen, wie Franz Brentano durch eine innere Notwendigkeit vor die Tore der Anthroposophie hingeführt worden ist, wie er sie aber nicht aufschließen konnte, weil er eben alles ablehnte, von dem er glaubte, daß es durch die naturwissenschaftliche Gesinnung und Denkweise abgelehnt werden müsse.
[ 35 ] But it was a form of meditation that had been cultivated from an ancient spiritual life. And we sense the tragedy of a personality who loves meditation so much and yet, because he is bound by the natural sciences, cannot develop toward a free meditation that would lead him into a renewed experience of spiritual, supersensory life. Perhaps it is precisely in this passage of the letter that we can see how Franz Brentano was led, by an inner necessity, to the gates of anthroposophy, yet how he could not open them because he rejected everything that he believed must be rejected by the scientific mindset and way of thinking.
[ 36 ] Es ist eine einfache Tatsache, daß die Naturwissenschaft gewisse Grenzen hat. Wenn sie nun nicht etwa bloß sagt: Da ist nichts mehr zu erreichen —, sondern im Sinne von Adolf Fick, dem Universitätskollegen von Franz Brentano, sagen muß: Da steht ein schöpferischer Gottesakt, eine schöpferische Tat —, dann kann man auch sagen: Ebenso wie es berechtigt ist, seine Betrachtungen im ganzen Umfange des Physikalischen anzustellen, müssen auch diese Betrachtungen hier angestellt werden können. Das Physikalische setzt nicht etwa bloß Grenzen, sondern es weist darauf hin, daß da etwas ist, was auch positiv betrachtet werden muß. Es ist wahrhaftig nicht eine subjektive Willkür, wenn man heute auf diese Dinge hinweist, wenn man auf die Notwendigkeit der Anthroposophie für die allgemeine Menschheitskultur hinweist, sondern: Wer unbefangen die Geschichte des Geisteslebens betrachtet, der kann gerade aus ihr heraus die Notwendigkeit der Anthroposophie einsehen.
[ 36 ] It is a simple fact that the natural sciences have certain limits. If they do not merely say, “There is nothing more to be achieved here”—but, in the spirit of Adolf Fick, Franz Brentano’s colleague at the university, must say: ‘There is a creative act of God, a creative deed’—then one can also say: Just as it is justified to conduct one’s investigations across the entire scope of the physical realm, so too must it be possible to conduct these investigations here. The physical realm does not merely set limits; rather, it points to the fact that there is something that must also be considered in a positive light. It is truly not a matter of subjective arbitrariness when one points out these things today, when one points out the necessity of anthroposophy for the general culture of humanity; rather, anyone who views the history of spiritual life with an open mind can recognize the necessity of anthroposophy precisely from within that history.
[ 37 ] Nehmen Sie einmal an, es würde Anthroposophie in ihrer Wissenschaftlichkeit anerkannt werden, dann würde es einfach so sein, daß die Adolf Ficks lehren würden: So weit geht die physikalische Forschung; über das Weitere weiß ich nichts zu sagen, aber es gibt eine Fortsetzung, das ist die anthroposophische Forschung. — Allerdings dasjenige, was einmal am Ende der Weltentwickelung physikalisch vor sich gehen wird, so etwas wie der Wärmetod, das wird erst dann im richtigen Lichte gesehen werden, wenn die ganze Entwickelung so betrachtet wird wie etwa in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wo ja auch schon das Saturndasein nach rückwärts geführt wird an den Anfang, wo Sie auch das Naturdasein am Anfange nur in Wärme bestehend haben, und dann wiederum das Vulkandasein auch in Wärme bestehend. Aber nicht etwa bloß am Anfang und am Ende wird die schöpferische Geistestat da betrachtet, sondern durch die ganze Entwickelung hindurch wird das Physische immer im Zusammenhang mit den geistigen Kräften und geistigen Taten derjenigen geistigen Wesenheiten angesehen, die keine physische Verkörperung durchmachen. So daß natürlich nicht bloß nebeneinander stehen wird, was anthroposophisch und was physikalisch ist, sondern beides wird sich gegenseitig durchdringen. Man wird, wenn man zum Beispiel die einzelnen physikalischen Tatsachen betrachtet, viel hören müssen von demjenigen, was als geistige Kräfte wirkt im sinnlich-physischen Dasein. Dann wird man nicht mehr bloß von Vorkommnissen und unbekannten Faktoren sprechen, sondern dann wird man davon sprechen, wie man in dem, was als Vorkommnisse auftritt, die unbekannten Urfaktoren nicht nur am Ende und am Anfang der Entwickelung, sondern durch die ganze Entwickelung hindurch immerwährend finden kann.
[ 37 ] Suppose, for a moment, that anthroposophy were recognized for its scientific merit; then it would simply be the case that people like Adolf Fick would teach: “This is as far as physical research goes; I have nothing to say about what lies beyond, but there is a continuation—that is, anthroposophical research.” — However, what will eventually take place physically at the end of the world’s evolution— something like the heat death—will only be seen in the proper light when the entire evolution is viewed as it is, for example, in my *Outline of Esoteric Science*, where the Saturn stage is traced backward to the beginning, where you also find that natural existence at the beginning consisted solely of heat, and then, in turn, the volcanic stage also consisted of heat. But the creative act of the spirit is not merely considered at the beginning and the end; rather, throughout the entire course of evolution, the physical is always viewed in connection with the spiritual forces and spiritual deeds of those spiritual beings who do not undergo physical incarnation. Thus, of course, what is anthroposophical and what is physical will not merely stand side by side; rather, the two will interpenetrate one another. When, for example, one considers individual physical facts, one will have to take into account to a great extent what acts as spiritual forces within sensory-physical existence. Then one will no longer speak merely of events and unknown factors, but rather of how, in what appears as events, one can find the unknown primary factors not only at the beginning and end of development, but continuously throughout the entire course of development.
[ 38 ] Ich möchte Ihnen das noch durch ein Bild klarmachen. Nehmen Sie an, Sie haben einen Spiegel und Sie sehen das, was ich Ihnen vorhin beschrieben habe. Wir können bei der Versinnlichung bleiben, trotzdem sie etwas drastisch ist. Sie sehen das, was ich Ihnen beschrieben habe, wie einer dem anderen eine Ohrfeige herunterhaut, im Spiegel. Da haben Sie den ganzen Vorgang im Spiegelbild. Da haben Sie ganz gewiß Bilder, und Sie werden nicht sagen können, daß dieses Bild so kraftvoll ist, daß es dem anderen Bilde eine Ohrfeige gibt. So ungefähr muß aber der Philosoph der neueren Zeit über seine Vorstellungen denken. Sie sind kraftlos wie die Spiegelbilder. Das eine Spiegelbild kann nicht dem anderen eine Ohrfeige geben. Aber der Philosoph, Richard Wahle zum Beispiel, geht in sehr geistvoller Weise weiter. Er sagt: Wir kommen nicht bis zu den Urfaktoren, auch wenn ich gleichsam zwei Menschen vor mir habe, wovon der eine dem anderen eine Ohrfeige gibt, ich habe ja doch nur die Vorstellung davon, und die Vorstellung des Menschen A kann nicht dem Menschen B eine Ohrfeige geben. Und zu den Urfaktoren, was da eigentlich die Ohrfeige gibt, zu dem komme ich nicht.
[ 38 ] I’d like to illustrate this with an image. Suppose you have a mirror and you see what I described to you earlier. We can stick with this visual analogy, even though it’s a bit drastic. You see in the mirror what I described to you—one person slapping the other across the face. There you have the entire process reflected in the mirror. You certainly have images there, and you won’t be able to say that this image is so powerful that it slaps the other image across the face. But this is roughly how the modern philosopher must think about his ideas. They are as powerless as the mirror images. One mirror image cannot slap the other. But the philosopher—Richard Wahle, for example—takes this a step further in a very insightful way. He says: We cannot reach the primary factors; even if I have, so to speak, two people in front of me, one of whom slaps the other, I still have only the idea of it, and the idea of Person A cannot slap Person B. And I cannot reach the primary factors—that which actually delivers the slap.
[ 39 ] Durch dieses Bild kann man sich das ganz gut versinnlichen: das Spiegelbild des A kann dem Spiegelbild des B keine Ohrfeige geben. Aber schauen Sie sich die Spiegelbilder klar an, da werden Sie allerlei Bewegungsformen sehen. Sie werden diesem Bilde hier allerdings nicht zutrauen, daß ihm die Ohrfeige besonders weh getan hat; Sie werden auch dieses Bild nicht gerade bedauern können, weil es eine Ohrfeige bekommen hat. Aber schauen Sie nur weiter an! Schauen Sie sich das Gesicht dieses Bildes nachher an, nachdem es die Ohrfeige bekommen hat, da werden Sie in diesem Gesichte etwas finden, was unerklärlich wäre, wenn bloß ein kraft- und saftloses Bild da gewesen wäre.
[ 39 ] This picture helps you visualize it quite well: the reflection of A cannot slap the reflection of B. But take a close look at the reflections—you’ll see all kinds of movements. You probably won’t believe, however, that this slap hurt B very much; nor will you be able to feel particularly sorry for this image just because it received a slap. But keep looking! Look at the face of this image afterward, after it has received the slap—you will find something in that face that would be inexplicable if it were merely a lifeless, insipid image.
[ 40 ] Mit anderen Worten: Die Philosophie war in Richard Wahle zu einem Standpunkt gekommen, wo sie nur noch von Vorkommnissen sprechen, aber nicht in den Vorkommnissen lesen konnte, weil alle alte atavistische Hellseherkraft, die allein das Lesen möglich gemacht hat, verlorengegangen war. Sie lesen in dem Bilde desjenigen, der die Ohrfeige bekommt, an den Formen, die das Gesicht annimmt, daß es auf Urfaktoren hinweist. Wenn Sie ein Buch aufschlagen, so lesen Sie darin, wenn Sie zu lesen verstehen, ohne daß Sie etwa sagen könnten: Ja, da sehe ich nicht die Urfaktoren. — Denn was Sie lesen, das führt Sie doch zu einem gewissen Verständnis der Urfaktoren. Wir müssen eben wiederum lesen lernen in dem, was die Phänomene, die Erscheinungen sind. Wir können gut zugeben, daß im intellektualistischen Zeitalter nur die Repräsentanten der Vorkommnisse da sind; aber wenn wir mit innerer Kraft heranzugehen vermögen an diese subjektiven Repräsentanten, dann werden wir sie wiederum zu lesen verstehen. Dann werden wir nicht Kantianer werden, sondern wir werden eben Anthroposophen werden, die sich sagen: Gewiß, aus dem, was uns zunächst vorliegt an Vorstellungen, können wir nichts über die Urfaktoren gewinnen. Wenn wir aber in der Welt zu lesen verstehen, dann werden wir allmählich durch das Lesen der Vorkommnisse uns hindurchringen zu dem Verständnis der Utfaktoren.
[ 40 ] In other words: Philosophy had reached a point in Richard Wahle’s thought where it could only speak of events, but could no longer read into them, because all the ancient, atavistic clairvoyant power—which alone had made such reading possible—had been lost. They read in the image of the person receiving the slap—in the forms the face takes on—that it points to primordial factors. When you open a book, you read it—if you know how to read—without being able to say, for example: “Yes, I don’t see the primordial factors there.”—For what you read does, after all, lead you to a certain understanding of the primordial factors. We must, once again, learn to read what the phenomena, the appearances, are. We can readily admit that in the intellectualistic age, only the representations of events are present; but if we are able to approach these subjective representations with inner strength, then we will once again understand how to read them. Then we will not become Kantians, but rather anthroposophists who say to themselves: Certainly, from the ideas that are initially before us, we cannot gain anything about the primary factors. But if we know how to read the world, then, by reading the events, we will gradually work our way toward an understanding of the primary factors.
[ 41 ] Das kann aber nur geschehen, wenn wir in unser Seelenleben wieder innere Kraft hineinbringen. Und die läßt sich nur erringen auf den Wegen, die angegeben sind in der Meditation und in der Konzentration und so weiter. So dürfen wir sagen: Die neuere Philosophie hat aus sich ausgedrückt, ausgequetscht alles, was dem Vorstellen, was dem Intellekte Leben gibt. An den Menschen lag es, daß sie den Weg in die übersinnlichen Welten hinein nicht finden konnten, und an der Zeit, in der diese Menschen gelebt haben, müssen wir lernen, eine solche innere Entfaltung anzustreben, daß dieser Weg in die übersinnlichen Welten hinein wieder gefunden werden könne.
[ 41 ] But this can only happen if we restore inner strength to our spiritual life. And that can only be attained through the paths outlined in meditation, concentration, and so on. Thus, we may say: Modern philosophy has squeezed out of itself everything that gives life to the imagination and the intellect. It was due to human beings themselves that they could not find the path into the supersensible worlds, and in light of the era in which these people lived, we must learn to strive for such inner development that this path into the supersensible worlds may be rediscovered.
[ 42 ] Das wollte ich Ihnen auseinandersetzen durch eine etwas ins einzelne gehende geschichtliche Betrachtung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch diese Betrachtung wollte ich einiges vorbereiten, was ich dann in den nächsten Vorträgen ausführen werde.
[ 42 ] I wanted to explain this to you through a somewhat detailed historical analysis of the second half of the 19th century. Through this analysis, I wanted to lay the groundwork for some of the points I will elaborate on in my next lectures.

