Human Questions and Cosmic Answers
GA 213
9 July 1922, Dornach
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Menschenfragen und Weltenantworten
Achter Vortrag
Achter Vortrag
[ 1 ] Ich wollte diesmal an einem persönlichen Beispiel klarmachen, wie aus dem ganzen Geistesleben das, was wit gegenwärtig als Anthroposophie bezeichnen, herauswachsen mußte. Es ist ja der Einwand immerhin berechtigt, der sagt: Wenn solche Dinge besprochen werden, so bewegt man sich damit eigentlich doch in einem engeren Kreise. Man betrachtet einzelne wissenschaftlich, philosophisch oder sonstwie strebende Menschen, die der größeren Masse der Menschheit nicht bekanntgeworden sind, und man stellt sich eigentlich dann außerhalb dessen, was in den großen Menschenmassen lebt. Aber Sie brauchen nur etwas unbefangener hinzuschauen, so werden Sie die Sache doch nicht in dieser Weise auffassen können. Man muß nur bedenken, daß alles, was als Seeleninhalte, was auch als die Impulse alles Tuns und Lassens in den großen Menschenmassen lebt, herrührt von dem Einflusse gewisser führender Persönlichkeiten, die vielleicht auch noch nicht Kenntnis erhalten haben von dem, was Persönlichkeiten der Art, wie wir eine betrachtet haben, in ihrem stillen Studierkämmerchen, wie man ja so sagt, erleben.
[ 1 ] Ich wollte diesmal an einem persönlichen Beispiel klarmachen, wie aus dem ganzen Geistesleben das, was wit gegenwärtig als Anthroposophie bezeichnen, herauswachsen mußte. Es ist ja der Einwand immerhin berechtigt, der sagt: Wenn solche Dinge besprochen werden, so bewegt man sich damit eigentlich doch in einem engeren Kreise. Man betrachtet einzelne wissenschaftlich, philosophisch oder sonstwie strebende Menschen, die der größeren Masse der Menschheit nicht bekanntgeworden sind, und man stellt sich eigentlich dann außerhalb dessen, was in den großen Menschenmassen lebt. Aber Sie brauchen nur etwas unbefangener hinzuschauen, so werden Sie die Sache doch nicht in dieser Weise auffassen können. Man muß nur bedenken, daß alles, was als Seeleninhalte, was auch als die Impulse alles Tuns und Lassens in den großen Menschenmassen lebt, herrührt von dem Einflusse gewisser führender Persönlichkeiten, die vielleicht auch noch nicht Kenntnis erhalten haben von dem, was Persönlichkeiten der Art, wie wir eine betrachtet haben, in ihrem stillen Studierkämmerchen, wie man ja so sagt, erleben.
[ 2 ] Aber man muß bedenken, daß in solchen Persönlichkeiten gerade die ganze Zeit mit ihrem Denken, mit ihrem Empfinden pulsiert, daß doch immerhin eine größere Anzahl von Menschen, und zwar solche, die sich eine höhere Bildung aneignen, aufnehmen, was solche Persönlichkeiten erleben, und es dann wieder hintragen zu denjenigen Stätten, wo sich auch die führenden Persönlichkeiten der Menschheit, die auf die großen Massen wirken, ausbilden. So daß schon, was man an dem Erleben solcher im stillen Studierkämmerchen lebender Menschen betrachtet, die Impulse ausmacht, die dann in irgendeiner Zeit auch in den großen Menschenmassen leben. Man merkt nur gewöhnlich die Kanäle nicht, durch die sich diese geistigen Impulse in die großen Menschenmassen ergießen. Und so kann man das, was in Wahrheit, in Wirklichkeit in der Zeitkultur lebt, dennoch zuletzt nur so betrachten, wie wir es auch in diesen Tagen wiederum getan haben, und es ist schon berechtigt, zu sagen, daß aus dem tiefsten geistigen Erleben des 19. Jahrhunderts so etwas wie die Anthroposophie allmählich entstehen mußte, weil, was Zeitbildung war, eigentlich die Menschenseelen erdrückt hat, wie wir das eben an dem hervorragenden Beispiel Franz Brentanos gesehen haben.
[ 2 ] Aber man muß bedenken, daß in solchen Persönlichkeiten gerade die ganze Zeit mit ihrem Denken, mit ihrem Empfinden pulsiert, daß doch immerhin eine größere Anzahl von Menschen, und zwar solche, die sich eine höhere Bildung aneignen, aufnehmen, was solche Persönlichkeiten erleben, und es dann wieder hintragen zu denjenigen Stätten, wo sich auch die führenden Persönlichkeiten der Menschheit, die auf die großen Massen wirken, ausbilden. So daß schon, was man an dem Erleben solcher im stillen Studierkämmerchen lebender Menschen betrachtet, die Impulse ausmacht, die dann in irgendeiner Zeit auch in den großen Menschenmassen leben. Man merkt nur gewöhnlich die Kanäle nicht, durch die sich diese geistigen Impulse in die großen Menschenmassen ergießen. Und so kann man das, was in Wahrheit, in Wirklichkeit in der Zeitkultur lebt, dennoch zuletzt nur so betrachten, wie wir es auch in diesen Tagen wiederum getan haben, und es ist schon berechtigt, zu sagen, daß aus dem tiefsten geistigen Erleben des 19. Jahrhunderts so etwas wie die Anthroposophie allmählich entstehen mußte, weil, was Zeitbildung war, eigentlich die Menschenseelen erdrückt hat, wie wir das eben an dem hervorragenden Beispiel Franz Brentanos gesehen haben.
[ 3 ] Und um das, was ich eigentlich mit diesen Betrachtungen erreichen möchte, noch etwas weiter ins Allgemeine zu führen, möchte ich die Beobachtung auf einen etwas weiteren Kreis ausdehnen.
[ 3 ] Und um das, was ich eigentlich mit diesen Betrachtungen erreichen möchte, noch etwas weiter ins Allgemeine zu führen, möchte ich die Beobachtung auf einen etwas weiteren Kreis ausdehnen.
[ 4 ] Wir finden Franz Brentano noch als einen frommen Katholiken als Lehrer der Philosophie in Würzburg. Wir können uns nach dem, was ich gestern und vorgestern ausgeführt habe, so ungefähr eine Vorstellung von dem machen, was Franz Brentano noch durchaus katholisierend, aber mit scharfem Intellekt als philosophische Probleme auf seiner Lehrkanzel in Würzburg vortrug. Er suchte alles aus seinem scharfen Verstande heraus zu begründen, aber im Hintergrunde lebte bei ihm immer, was er gläubig entgegengenommen hatte aus der katholischen Theologie. Manch außerordentlich bedeutsamer Gedanke kam da zum Vorschein. So zum Beispiel lebte ja schon in Franz Brentano die Erkenntnis der neueren naturwissenschaftlichen Entwickelungslehre, die sich darauf stützt, daß das menschliche Gehirn dem Gehirn der höheren Affen nicht ganz unähnlich sei. Diese rein naturalistische Entwickelungslehre zog daraus den Schluß, daß eine Verwandtschaft bestehe zwischen dem Menschen und den höheren Säugetieren. Franz Brentano nahm auch diese Behauptung positiv auf, wie er überhaupt die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht negierte, sondern positiv aufnahm. Er sagte: Nun wohl, die Naturwissenschaft kann zeigen, daß das Gehirn der Menschen von dem der Anthropoiden nicht sehr verschieden ist. Aber wenn man auf das Seelenleben der Anthropoiden und auf das des Menschen sieht, dann findet man einen gewaltigen Unterschied. Man findet vor allen Dingen den Unterschied, daß auch die höchsten Affengattungen keine abstrakten Begriffe entwickeln können. Der Mensch kann abstrakte Begriffe entwickeln. Wenn also, so meinte Franz Brentano, das menschliche Gehirn so ähnlich ist dem Affengehirn, so muß man sagen, daß eben aus dem Gehirne die Gedanken, die der Mensch für sich entwickelt, nicht kommen können, denn sonst müßten sie auch aus dem Affengehirn kommen. Man muß also daraus schließen, daß der Mensch etwas hat, was eine besondere Seelensubstanz darstellt, aus der die Gedanken kommen, die die Anthropoiden nicht fassen können.
[ 4 ] Wir finden Franz Brentano noch als einen frommen Katholiken als Lehrer der Philosophie in Würzburg. Wir können uns nach dem, was ich gestern und vorgestern ausgeführt habe, so ungefähr eine Vorstellung von dem machen, was Franz Brentano noch durchaus katholisierend, aber mit scharfem Intellekt als philosophische Probleme auf seiner Lehrkanzel in Würzburg vortrug. Er suchte alles aus seinem scharfen Verstande heraus zu begründen, aber im Hintergrunde lebte bei ihm immer, was er gläubig entgegengenommen hatte aus der katholischen Theologie. Manch außerordentlich bedeutsamer Gedanke kam da zum Vorschein. So zum Beispiel lebte ja schon in Franz Brentano die Erkenntnis der neueren naturwissenschaftlichen Entwickelungslehre, die sich darauf stützt, daß das menschliche Gehirn dem Gehirn der höheren Affen nicht ganz unähnlich sei. Diese rein naturalistische Entwickelungslehre zog daraus den Schluß, daß eine Verwandtschaft bestehe zwischen dem Menschen und den höheren Säugetieren. Franz Brentano nahm auch diese Behauptung positiv auf, wie er überhaupt die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nicht negierte, sondern positiv aufnahm. Er sagte: Nun wohl, die Naturwissenschaft kann zeigen, daß das Gehirn der Menschen von dem der Anthropoiden nicht sehr verschieden ist. Aber wenn man auf das Seelenleben der Anthropoiden und auf das des Menschen sieht, dann findet man einen gewaltigen Unterschied. Man findet vor allen Dingen den Unterschied, daß auch die höchsten Affengattungen keine abstrakten Begriffe entwickeln können. Der Mensch kann abstrakte Begriffe entwickeln. Wenn also, so meinte Franz Brentano, das menschliche Gehirn so ähnlich ist dem Affengehirn, so muß man sagen, daß eben aus dem Gehirne die Gedanken, die der Mensch für sich entwickelt, nicht kommen können, denn sonst müßten sie auch aus dem Affengehirn kommen. Man muß also daraus schließen, daß der Mensch etwas hat, was eine besondere Seelensubstanz darstellt, aus der die Gedanken kommen, die die Anthropoiden nicht fassen können.
[ 5 ] Also gerade aus der Aufnahme der naturwissenschaftlichen Erkenntnis folgerte Franz Brentano die Selbständigkeit der Seelensubstanz. Das war noch in den Jahren von 1866 bis 1870, als er Lehrer der Philosophie in Würzburg war, weil im Hintergrund dessen, was er philosophisch entwickelte, noch dasjenige stand, was ihm als eine Gesamtanschauung der Welt aus der katholischen Theologie geblieben war. Allerdings, als dann später Franz Brentano immer mehr herauswuchs aus der katholischen Theologie und immer mehr und mehr hineinwuchs in das, was ihm von Anfang an eigentümlich war, was aber zuerst noch von der katholischen Theologie durchleuchtet war, als er immer mehr hineinwuchs in ein bloß naturwissenschaftliches Erfassen auch der Seelenerscheinungen, da verlor er die Seelensubstanz, da konnte er über die Seelensubstanz nichts mehr aussagen. Es erlahmte einfach die Fähigkeit des Erkennens in ihm, wenn er sich aufschwingen wollte von der bloßen Vergesellschaftung und Trennung der Vorstellungen zu dem Problem des inneren Seelenlebens selber.
[ 5 ] Also gerade aus der Aufnahme der naturwissenschaftlichen Erkenntnis folgerte Franz Brentano die Selbständigkeit der Seelensubstanz. Das war noch in den Jahren von 1866 bis 1870, als er Lehrer der Philosophie in Würzburg war, weil im Hintergrund dessen, was er philosophisch entwickelte, noch dasjenige stand, was ihm als eine Gesamtanschauung der Welt aus der katholischen Theologie geblieben war. Allerdings, als dann später Franz Brentano immer mehr herauswuchs aus der katholischen Theologie und immer mehr und mehr hineinwuchs in das, was ihm von Anfang an eigentümlich war, was aber zuerst noch von der katholischen Theologie durchleuchtet war, als er immer mehr hineinwuchs in ein bloß naturwissenschaftliches Erfassen auch der Seelenerscheinungen, da verlor er die Seelensubstanz, da konnte er über die Seelensubstanz nichts mehr aussagen. Es erlahmte einfach die Fähigkeit des Erkennens in ihm, wenn er sich aufschwingen wollte von der bloßen Vergesellschaftung und Trennung der Vorstellungen zu dem Problem des inneren Seelenlebens selber.
[ 6 ] Nun sagte ich Ihnen schon, daß diese naturwissenschaftliche Denkungsweise, so sehr sich auch einzelne Anhänger dagegen wehren, dennoch nichts anderes ist als eine gerade Fortsetzung des scholastischen Denkens. Das scholastische Denken hat es dazu gebracht, zu sagen: Die Offenbarung handelt von der übersinnlichen Welt; die sinnliche Welt mit einigen Schlüssen, die man aus der Sinnesbeobachtung zieht, kann allein der Gegenstand der menschlichen Erkenntnis sein. — Und was bei den Scholastikern so gepflegt wurde, daß sie auf der einen Seite nahmen, was nur der menschlichen Sinneserkenntnis als Wissenschaft erreichbar war, und auf der anderen Seite das, was als Wissen von der übersinnlichen Welt durch die Offenbarung vorhanden war, das entwickelte sich auch im weiteren
[ 6 ] Nun sagte ich Ihnen schon, daß diese naturwissenschaftliche Denkungsweise, so sehr sich auch einzelne Anhänger dagegen wehren, dennoch nichts anderes ist als eine gerade Fortsetzung des scholastischen Denkens. Das scholastische Denken hat es dazu gebracht, zu sagen: Die Offenbarung handelt von der übersinnlichen Welt; die sinnliche Welt mit einigen Schlüssen, die man aus der Sinnesbeobachtung zieht, kann allein der Gegenstand der menschlichen Erkenntnis sein. — Und was bei den Scholastikern so gepflegt wurde, daß sie auf der einen Seite nahmen, was nur der menschlichen Sinneserkenntnis als Wissenschaft erreichbar war, und auf der anderen Seite das, was als Wissen von der übersinnlichen Welt durch die Offenbarung vorhanden war, das entwickelte sich auch im weiteren
[ 7 ] Verlaufe durch das 16., 17., 18., 19. Jahrhundert hindurch zu einer solchen Anschauung, daß man eben die Naturerscheinungen nach den Grundsätzen, die eigentlich von der Schule angegeben waren, verfolgte, und daß man einfach die Offenbarungslehre für die Wissenschaft fallen ließ. So kann man schon die moderne Naturwissenschaft ein rechtes Kind der mittelalterlichen Scholastik nennen in dem Sinne, wie ich das eben hier ausgedrückt habe, und deshalb darf es uns nicht besonders wundern, wenn wir sehen, wie Menschen, die an der Offenbarung weiter festhalten, so wie Franz Brentano es in seiner Jugend getan hat und wie katholische Gelehrte es auch heute noch tun, die bloß auf die Sinneswelt sich beschränkende Naturwissenschaft durchaus gelten lassen, und nur eben daran festhalten, daß man nicht eine Erkenntnis anstreben dürfe, welche auf das Übersinnliche geht; denn dieses Übersinnliche müsse Gegenstand des Offenbarungsglaubens bleiben. So kann man sich gut denken, daß Naturwissenschafter und katholische Theologen an einer Anstalt zusammenwirken, ohne daß ein Streit entsteht über den Bezirk, in dem der katholische Theologe wirken will, und den, den er dem Naturwissenschafter zugesteht. Ich möchte dafür ein Beispiel anführen.
[ 7 ] Verlaufe durch das 16., 17., 18., 19. Jahrhundert hindurch zu einer solchen Anschauung, daß man eben die Naturerscheinungen nach den Grundsätzen, die eigentlich von der Schule angegeben waren, verfolgte, und daß man einfach die Offenbarungslehre für die Wissenschaft fallen ließ. So kann man schon die moderne Naturwissenschaft ein rechtes Kind der mittelalterlichen Scholastik nennen in dem Sinne, wie ich das eben hier ausgedrückt habe, und deshalb darf es uns nicht besonders wundern, wenn wir sehen, wie Menschen, die an der Offenbarung weiter festhalten, so wie Franz Brentano es in seiner Jugend getan hat und wie katholische Gelehrte es auch heute noch tun, die bloß auf die Sinneswelt sich beschränkende Naturwissenschaft durchaus gelten lassen, und nur eben daran festhalten, daß man nicht eine Erkenntnis anstreben dürfe, welche auf das Übersinnliche geht; denn dieses Übersinnliche müsse Gegenstand des Offenbarungsglaubens bleiben. So kann man sich gut denken, daß Naturwissenschafter und katholische Theologen an einer Anstalt zusammenwirken, ohne daß ein Streit entsteht über den Bezirk, in dem der katholische Theologe wirken will, und den, den er dem Naturwissenschafter zugesteht. Ich möchte dafür ein Beispiel anführen.
[ 8 ] Sehen wir uns an, wie von 1867 bis 1870 Franz Brentano Logik, Metaphysik, Ethik, Geschichte der Philosophie in Würzburg lehrt. Nun möchte ich, um Ihnen die Sache recht anschaulich zu machen, an demselben Orte zunächst verbleiben, in Würzburg, und Ihnen den Hörsaal Brentanos vergegenwärtigen, etwa um das Jahr 1869, wo er solche Lehren, wie ich sie eben charakterisiert habe, darlegte, wo er davon sprach, wie zu der Gehirn-Ähnlichkeit des Menschen mit den höheren Affen eine Seelensubstanz da sein müsse, die das gewöhnliche Denken im Menschen aus sich hervorbringt.
[ 8 ] Sehen wir uns an, wie von 1867 bis 1870 Franz Brentano Logik, Metaphysik, Ethik, Geschichte der Philosophie in Würzburg lehrt. Nun möchte ich, um Ihnen die Sache recht anschaulich zu machen, an demselben Orte zunächst verbleiben, in Würzburg, und Ihnen den Hörsaal Brentanos vergegenwärtigen, etwa um das Jahr 1869, wo er solche Lehren, wie ich sie eben charakterisiert habe, darlegte, wo er davon sprach, wie zu der Gehirn-Ähnlichkeit des Menschen mit den höheren Affen eine Seelensubstanz da sein müsse, die das gewöhnliche Denken im Menschen aus sich hervorbringt.
[ 9 ] Nehmen wir nun ein anderes Kapitel, das er auch damals vortrug: Über das Dasein Gottes, über die Beweise vom Dasein Gottes. Da führte er in scharfsinniger Weise alles an, was der Verstand des Menschen für das Dasein Gottes vorbringen kann, verwies natürlich zuletzt darauf, daß man sich aber mit der menschlichen Erkenntnis nur an dieses Dasein Gottes annähern könne, daß die Wahrheit über das Dasein Gottes doch durch die Offenbarung gegeben werden müsse. Nun vergegenwärtigen wir uns recht lebendig, wie vor einer zahlreichen Zuhörerschaft dazumal Franz Brentano mit kirchlich-katholischem Sinn seine Metaphysik, seine Philosophie vortrug, durchaus mit voller Berücksichtigung der Naturwissenschaft, wie er sozusagen überall an die höchsten Probleme des Menschen in dieser Weise herantrat, und gehen wir von dem Hörsaal Franz Brentanos in der Universität Würzburg hinüber zu dem Hörsaal des Physiologen Adolf Fick. In derselben Zeit nämlich, in der Brentano Metaphysik und Philosophie vortrug, trug Adolf Fick Physiologie in Würzburg vor.
[ 9 ] Nehmen wir nun ein anderes Kapitel, das er auch damals vortrug: Über das Dasein Gottes, über die Beweise vom Dasein Gottes. Da führte er in scharfsinniger Weise alles an, was der Verstand des Menschen für das Dasein Gottes vorbringen kann, verwies natürlich zuletzt darauf, daß man sich aber mit der menschlichen Erkenntnis nur an dieses Dasein Gottes annähern könne, daß die Wahrheit über das Dasein Gottes doch durch die Offenbarung gegeben werden müsse. Nun vergegenwärtigen wir uns recht lebendig, wie vor einer zahlreichen Zuhörerschaft dazumal Franz Brentano mit kirchlich-katholischem Sinn seine Metaphysik, seine Philosophie vortrug, durchaus mit voller Berücksichtigung der Naturwissenschaft, wie er sozusagen überall an die höchsten Probleme des Menschen in dieser Weise herantrat, und gehen wir von dem Hörsaal Franz Brentanos in der Universität Würzburg hinüber zu dem Hörsaal des Physiologen Adolf Fick. In derselben Zeit nämlich, in der Brentano Metaphysik und Philosophie vortrug, trug Adolf Fick Physiologie in Würzburg vor.
[ 10 ] Nun möchte ich Ihnen vergegenwärtigen, was ein Hörer im Hörsaal der Physiologie bei Adolf Fick hören konnte, ein Hörer, der vielleicht eben bei Franz Brentano Philosophie gehört hatte, aus einem solchen Geiste heraus, wie ich es Ihnen eben charakterisiert habe. Da wurde etwa folgende Anschauung vorgetragen. Ich zitiere nur, denn was ich Ihnen jetzt sage, ist ungefähr wörtlich enthalten in den Vorlesungen, die dazumal Adolf Fick an der Universität in Würzburg gehalten hat. Er sagte, was etwa in die folgenden Sätze zusammengefaßt werden könnte: Wir betrachten zum Beispiel die Wärme, die wir zunächst durch unsere Empfindung wahrnehmen. Wenn wir einen Körper berühren, so kommt er uns warm oder kalt vor, wir haben Wärmeempfindungen. Was aber diesen Wärmeempfindungen in der Außenwelt entspricht, das ist eine Bewegung der kleinsten Teile der Körper, das ist eine Bewegung, die in den Atomen und Molekülen oder auch von den Atomen und Molekülen im Raum ausgeführt wird. Wenn wir zum Beispiel ein Gas betrachten, so muß dieses Gas ja in einem allseitig geschlossenen Raum abgeschlossen sein; darinnen aber sind dann die Atome und Moleküle des einzelnen Gases vorhanden. Die sind aber nicht in ruhigem Zustand, sondern die schwimmen hin und her, stoßen sich gegenseitig, stoßen an die Wände. Da ist alles darinnen Bewegung und Aufruhr (s. Zeichnung). Und wenn wir mit unserer Hautfläche dasjenige berühren, was dadrinnen aber nur eine Bewegung ist, so haben wir die Empfindung der Wärme.
[ 10 ] Nun möchte ich Ihnen vergegenwärtigen, was ein Hörer im Hörsaal der Physiologie bei Adolf Fick hören konnte, ein Hörer, der vielleicht eben bei Franz Brentano Philosophie gehört hatte, aus einem solchen Geiste heraus, wie ich es Ihnen eben charakterisiert habe. Da wurde etwa folgende Anschauung vorgetragen. Ich zitiere nur, denn was ich Ihnen jetzt sage, ist ungefähr wörtlich enthalten in den Vorlesungen, die dazumal Adolf Fick an der Universität in Würzburg gehalten hat. Er sagte, was etwa in die folgenden Sätze zusammengefaßt werden könnte: Wir betrachten zum Beispiel die Wärme, die wir zunächst durch unsere Empfindung wahrnehmen. Wenn wir einen Körper berühren, so kommt er uns warm oder kalt vor, wir haben Wärmeempfindungen. Was aber diesen Wärmeempfindungen in der Außenwelt entspricht, das ist eine Bewegung der kleinsten Teile der Körper, das ist eine Bewegung, die in den Atomen und Molekülen oder auch von den Atomen und Molekülen im Raum ausgeführt wird. Wenn wir zum Beispiel ein Gas betrachten, so muß dieses Gas ja in einem allseitig geschlossenen Raum abgeschlossen sein; darinnen aber sind dann die Atome und Moleküle des einzelnen Gases vorhanden. Die sind aber nicht in ruhigem Zustand, sondern die schwimmen hin und her, stoßen sich gegenseitig, stoßen an die Wände. Da ist alles darinnen Bewegung und Aufruhr (s. Zeichnung). Und wenn wir mit unserer Hautfläche dasjenige berühren, was dadrinnen aber nur eine Bewegung ist, so haben wir die Empfindung der Wärme.


[ 11 ] Diese Anschauung war ja dazumal in den Naturwissenschaften gang und gäbe, es war diejenige Anschauung, die insbesondere aus dem hervorgegangen ist, was Julius Robert Mayer, was Helmholtz, was Clausius, was andere naturwissenschaftliche Geister der neueren Zeit geleistet hatten. Jose, der englische Bierbrauer, der zu gleicher Zeit Naturforscher war, hatte die Entdeckung gemacht, daß man durch eine Bewegung, zum Beispiel eines Schaufelrades, das sich im Wasser bewegt, das Wasser erwärmen kann. Man konnte dann abmessen, wieviel Arbeit das Schaufelrad verrichtet und wieviel Wärme entsteht, und man bekam dadurch die Möglichkeit, zu sagen: Durch Bewegung, durch mechanische Arbeitsleistung entsteht Wärme. — Diese müsse also nichts anderes sein als eine Übertragung desjenigen, was das Schaufelrad, das sich im Wasser dreht, an sichtbaren Bewegungen verrichtet; das verwandelt sich eben in solche Bewegungen, die unsichtbar sind, die aber dann als Wärme empfunden werden. So daß man also die Wärme durchaus als eine Art von Bewegung auffaßte.
[ 11 ] Diese Anschauung war ja dazumal in den Naturwissenschaften gang und gäbe, es war diejenige Anschauung, die insbesondere aus dem hervorgegangen ist, was Julius Robert Mayer, was Helmholtz, was Clausius, was andere naturwissenschaftliche Geister der neueren Zeit geleistet hatten. Jose, der englische Bierbrauer, der zu gleicher Zeit Naturforscher war, hatte die Entdeckung gemacht, daß man durch eine Bewegung, zum Beispiel eines Schaufelrades, das sich im Wasser bewegt, das Wasser erwärmen kann. Man konnte dann abmessen, wieviel Arbeit das Schaufelrad verrichtet und wieviel Wärme entsteht, und man bekam dadurch die Möglichkeit, zu sagen: Durch Bewegung, durch mechanische Arbeitsleistung entsteht Wärme. — Diese müsse also nichts anderes sein als eine Übertragung desjenigen, was das Schaufelrad, das sich im Wasser dreht, an sichtbaren Bewegungen verrichtet; das verwandelt sich eben in solche Bewegungen, die unsichtbar sind, die aber dann als Wärme empfunden werden. So daß man also die Wärme durchaus als eine Art von Bewegung auffaßte.
[ 12 ] Aber nun hatte man dazumal die Entdeckung gemacht, daß sich nicht nur Wärme in Bewegung umwandeln läßt, sondern daß sich auch andere Naturkräfte in Bewegung umwandeln lassen. Und so konnte ein Physiologe wie Adolf Fick dazumal verkündigen, daß alle Naturkräfte, Magnetismus, Elektrizität, chemische Kräfte ineinander verwandelbar sind, daß die eine in die andere umgewandelt werden kann, daß im Grunde genommen die Verschiedenheit nur darin besteht, daß wir die verschiedenen Bewegungsformen mit unseren Sinnen in anderer Weise empfinden. Wenn wir also absehen von dem, was wir in uns haben als Wärmeempfindung, Lichtempfindung und so weiter, und auf dasjenige sehen, was draußen im Raume ist, so ist überall nur Bewegung. Dieser Physiologe hat dann diese Betrachtung fortgesetzt, indem er sagte: Auch wenn wir den menschlichen Körper, den höchsten Organismus, betrachten — und da kam dann Adolf Fick in seine eigentliche Domäne hinein, in die Physiologie —, können wir nicht eine besondere Lebenskraft annehmen, die etwa die Teile, die Moleküle des menschlichen Organismus in besondere Bewegung versetzt, sondern das, was draußen sich bewegt, wenn wir Wärme wahrnehmen, irgendwelche Spannkräfte oder Elektrizität oder Magnetismus, das ist auch im menschlichen Körper tätig. — Nun setzte er auseinander, wie im menschlichen Körper durch die Aufnahme des Sauerstoffes Kohlenstoff zu Kohlensäure verbrennt, wie Wasserstoff zu Wasser verbrennt, wie also der Sauerstoff, der aufgenommen wird, bewirkt, daß dasjenige, was der Mensch in sich trägt, in einen Verbrennungsprozeß kommt. Er erörterte dann, wie man bestimmen kann, wie eine gewisse Menge von Sauetstoff aufgenommen wird, wie der Mensch Wärme abgibt. Man hatte ja dazumal schon Versuche mit dem Kalorimeter gemacht, um zu ermitteln, wie groß die Wärmeabgabe bei diesem oder jenem Tier ist, hatte sie auch am Menschen schon gemacht und dabei herausgefunden, daß allerdings die Sache nicht stimmt. Aber man sagte sich, daß da eben Fehler in den Experimenten gemacht seien, und man hatte doch annäherungsweise Zahlen gefunden, aus denen hervorging, daß das, was einer Aufnahme einer gewissen Menge Sauerstoff entsprach, dann wiederum als Wärme abgegeben wurde. Man nahm an, daß ein Teil dessen, was da innerlich verarbeitet wird, in die Muskelbewegung übergeht, daß also gewissermaßen das, was durch die Verbrennung von Kohlenstoff zu Kohlensäure oder Wasserstoff zu Wasser sich im Menschen an Wärme entwickelt, solche Bewegungen im Menschen darstellt. Der Mensch atmet Sauerstoff ein. Der Wasserstoff verbrennt zu Wasser, der Kohlenstoff verbrennt zu Kohlensäure. Was da den Menschen innerlich warm macht, was er dann aber ausstrahlt, das ist nur Bewegung seiner kleinsten Teile. Nur nach der Verwandlung der Kräfte verwandeln sich eben Teile in das, was dann der Muskelleistung zugrunde liegt, wenn der Mensch nicht nur Wärme ausstrahlt, sondern etwa eine Arbeit mit seinen Muskeln verrichtet oder auch nur seine Glieder bewegt. So daß man sagen kann: Der Mensch ist im ganzen eine Art komplizierte physikalisch-chemische Einrichtung, die Wärme ausstrahlt, Arbeit leistet durch den eingeatmeten Sauerstoff.
[ 12 ] Aber nun hatte man dazumal die Entdeckung gemacht, daß sich nicht nur Wärme in Bewegung umwandeln läßt, sondern daß sich auch andere Naturkräfte in Bewegung umwandeln lassen. Und so konnte ein Physiologe wie Adolf Fick dazumal verkündigen, daß alle Naturkräfte, Magnetismus, Elektrizität, chemische Kräfte ineinander verwandelbar sind, daß die eine in die andere umgewandelt werden kann, daß im Grunde genommen die Verschiedenheit nur darin besteht, daß wir die verschiedenen Bewegungsformen mit unseren Sinnen in anderer Weise empfinden. Wenn wir also absehen von dem, was wir in uns haben als Wärmeempfindung, Lichtempfindung und so weiter, und auf dasjenige sehen, was draußen im Raume ist, so ist überall nur Bewegung. Dieser Physiologe hat dann diese Betrachtung fortgesetzt, indem er sagte: Auch wenn wir den menschlichen Körper, den höchsten Organismus, betrachten — und da kam dann Adolf Fick in seine eigentliche Domäne hinein, in die Physiologie —, können wir nicht eine besondere Lebenskraft annehmen, die etwa die Teile, die Moleküle des menschlichen Organismus in besondere Bewegung versetzt, sondern das, was draußen sich bewegt, wenn wir Wärme wahrnehmen, irgendwelche Spannkräfte oder Elektrizität oder Magnetismus, das ist auch im menschlichen Körper tätig. — Nun setzte er auseinander, wie im menschlichen Körper durch die Aufnahme des Sauerstoffes Kohlenstoff zu Kohlensäure verbrennt, wie Wasserstoff zu Wasser verbrennt, wie also der Sauerstoff, der aufgenommen wird, bewirkt, daß dasjenige, was der Mensch in sich trägt, in einen Verbrennungsprozeß kommt. Er erörterte dann, wie man bestimmen kann, wie eine gewisse Menge von Sauetstoff aufgenommen wird, wie der Mensch Wärme abgibt. Man hatte ja dazumal schon Versuche mit dem Kalorimeter gemacht, um zu ermitteln, wie groß die Wärmeabgabe bei diesem oder jenem Tier ist, hatte sie auch am Menschen schon gemacht und dabei herausgefunden, daß allerdings die Sache nicht stimmt. Aber man sagte sich, daß da eben Fehler in den Experimenten gemacht seien, und man hatte doch annäherungsweise Zahlen gefunden, aus denen hervorging, daß das, was einer Aufnahme einer gewissen Menge Sauerstoff entsprach, dann wiederum als Wärme abgegeben wurde. Man nahm an, daß ein Teil dessen, was da innerlich verarbeitet wird, in die Muskelbewegung übergeht, daß also gewissermaßen das, was durch die Verbrennung von Kohlenstoff zu Kohlensäure oder Wasserstoff zu Wasser sich im Menschen an Wärme entwickelt, solche Bewegungen im Menschen darstellt. Der Mensch atmet Sauerstoff ein. Der Wasserstoff verbrennt zu Wasser, der Kohlenstoff verbrennt zu Kohlensäure. Was da den Menschen innerlich warm macht, was er dann aber ausstrahlt, das ist nur Bewegung seiner kleinsten Teile. Nur nach der Verwandlung der Kräfte verwandeln sich eben Teile in das, was dann der Muskelleistung zugrunde liegt, wenn der Mensch nicht nur Wärme ausstrahlt, sondern etwa eine Arbeit mit seinen Muskeln verrichtet oder auch nur seine Glieder bewegt. So daß man sagen kann: Der Mensch ist im ganzen eine Art komplizierte physikalisch-chemische Einrichtung, die Wärme ausstrahlt, Arbeit leistet durch den eingeatmeten Sauerstoff.
[ 13 ] Adolf Fick fuhr etwa in der Weise fort, daß er sagte: Wenn aber die Menschen fortwährend Sauerstoff einatmen und den Sauerstoff verbrauchen, indem sie ihn als Verbrennungsanlaß benutzen, so müßte in der Entwickelungsgeschichte der Erde längst bemerkbar sein, daß der Sauerstoff weniger geworden wäre. Das ist aber nicht der Fall. Man kann sich aber auch das erklären, weil ja der Sauerstoff immer wieder erzeugt wird. Die Pflanzen werden von der Sonne bestrahlt, und indem die Pflanzen das Sonnenlicht aufnehmen, sondern sie den Sauerstoff ab. Dadurch wird der Sauerstoff wiederum frei. Der Mensch kann ihn neuerdings einatmen. Was Menschen und Tiere an Sauerstoff verbrauchen, wird also durch die Pflanzenwelt immer wiederum erzeugt.
[ 13 ] Adolf Fick fuhr etwa in der Weise fort, daß er sagte: Wenn aber die Menschen fortwährend Sauerstoff einatmen und den Sauerstoff verbrauchen, indem sie ihn als Verbrennungsanlaß benutzen, so müßte in der Entwickelungsgeschichte der Erde längst bemerkbar sein, daß der Sauerstoff weniger geworden wäre. Das ist aber nicht der Fall. Man kann sich aber auch das erklären, weil ja der Sauerstoff immer wieder erzeugt wird. Die Pflanzen werden von der Sonne bestrahlt, und indem die Pflanzen das Sonnenlicht aufnehmen, sondern sie den Sauerstoff ab. Dadurch wird der Sauerstoff wiederum frei. Der Mensch kann ihn neuerdings einatmen. Was Menschen und Tiere an Sauerstoff verbrauchen, wird also durch die Pflanzenwelt immer wiederum erzeugt.
[ 14 ] Weiter sagte Adolf Fick in seinen Vorträgen: Mindestens die Sonne müßte, da sie doch fortwährend Licht und Wärme ausstrahlt, kälter werden. Er führte nun an, wie man berechnen könne, um wieviel die Sonne kälter werden müßte. Julius Robert Mayer hatte ja das vor ihm berechnet und hatte auch schon gezeigt, daß eigentlich die Sonne längst abgekühlt sein müßte, daß sie, nach der Menge, die sie ausstrahlt, eigentlich gar nicht mehr Wärme ausstrahlen könnte. Daher nahm Julius Robert Mayer an, und Fick trug es in seinen Vorträgen vor, daß Kometenmassen, von denen ja nach Keplers Ausspruch im Weltenall viel mehr vorhanden sein müßten als Fische im Ozean, fortwährend in die Sonne hineinstürzten. Wenn nun irgend etwas einschlägt in einen Körper, so wird neue Wärme erzeugt. Durch dieses fortwährende Anfliegen wird die Sonnenwärme und damit auch das Sonnenlicht fortwährend neu geschaffen. Es war nur, wie Adolf Fick versicherte, eine Verlegenheit da, weil man ja hätte annehmen müssen, daß solche Massen immer wieder vorhanden seien. Also müßte man annehmen, daß die Massen, die da hineinfliegen in die Sonne, wieder hinausgeworfen werden, damit sie später wieder anfliegen könnten. Aber auch daraus fand er einen Ausweg, indem er zeigte, daß nach dem sogenannten zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie es gar nicht nötig sei, daß die Sonnenwärme immer vorhanden sei, denn es sei ein Gesetz der Entwickelung, das man allerdings im strengsten Sinne beweisen kann — dazumal hatte ja schon Clausius den zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie veröffentlicht —, daß sich durch die Umwandlung der Kräfte fortwährend die Kräfte in Wärme verwandeln, aber die Wärme sich nicht wiederum zurückverwandeln kann in Kräfte, so daß immer Wärme übrigbleibt, so daß zuletzt alles, was an Geschehnissen in der Welt ist, sich in Wärmezustände verwandeln muß, die sich ausgleichen. Dann ist nichts mehr da von dem, was in der Welt geschieht, als nur der sogenannte Wärmetod. Und in diesen sogenannten Wärmetod müsse alles einlaufen.
[ 14 ] Weiter sagte Adolf Fick in seinen Vorträgen: Mindestens die Sonne müßte, da sie doch fortwährend Licht und Wärme ausstrahlt, kälter werden. Er führte nun an, wie man berechnen könne, um wieviel die Sonne kälter werden müßte. Julius Robert Mayer hatte ja das vor ihm berechnet und hatte auch schon gezeigt, daß eigentlich die Sonne längst abgekühlt sein müßte, daß sie, nach der Menge, die sie ausstrahlt, eigentlich gar nicht mehr Wärme ausstrahlen könnte. Daher nahm Julius Robert Mayer an, und Fick trug es in seinen Vorträgen vor, daß Kometenmassen, von denen ja nach Keplers Ausspruch im Weltenall viel mehr vorhanden sein müßten als Fische im Ozean, fortwährend in die Sonne hineinstürzten. Wenn nun irgend etwas einschlägt in einen Körper, so wird neue Wärme erzeugt. Durch dieses fortwährende Anfliegen wird die Sonnenwärme und damit auch das Sonnenlicht fortwährend neu geschaffen. Es war nur, wie Adolf Fick versicherte, eine Verlegenheit da, weil man ja hätte annehmen müssen, daß solche Massen immer wieder vorhanden seien. Also müßte man annehmen, daß die Massen, die da hineinfliegen in die Sonne, wieder hinausgeworfen werden, damit sie später wieder anfliegen könnten. Aber auch daraus fand er einen Ausweg, indem er zeigte, daß nach dem sogenannten zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie es gar nicht nötig sei, daß die Sonnenwärme immer vorhanden sei, denn es sei ein Gesetz der Entwickelung, das man allerdings im strengsten Sinne beweisen kann — dazumal hatte ja schon Clausius den zweiten Hauptsatz der mechanischen Wärmetheorie veröffentlicht —, daß sich durch die Umwandlung der Kräfte fortwährend die Kräfte in Wärme verwandeln, aber die Wärme sich nicht wiederum zurückverwandeln kann in Kräfte, so daß immer Wärme übrigbleibt, so daß zuletzt alles, was an Geschehnissen in der Welt ist, sich in Wärmezustände verwandeln muß, die sich ausgleichen. Dann ist nichts mehr da von dem, was in der Welt geschieht, als nur der sogenannte Wärmetod. Und in diesen sogenannten Wärmetod müsse alles einlaufen.
[ 15 ] So also stellte Adolf Fick vor, wie sich die Erde mit alledem, was auf ihr geschieht, einschließlich des Menschen, hinentwickelt zu diesem Wärmetod, wie also alles Geschehen in diesem Wärmetod einmal ein Ende finden werde. Eine streng physikalische Weltanschauung!
[ 15 ] So also stellte Adolf Fick vor, wie sich die Erde mit alledem, was auf ihr geschieht, einschließlich des Menschen, hinentwickelt zu diesem Wärmetod, wie also alles Geschehen in diesem Wärmetod einmal ein Ende finden werde. Eine streng physikalische Weltanschauung!
[ 16 ] Wir können uns vorstellen, wie Adolf Fick, der Physiologe, diese Lehre als physikalische Weltanschauung vortrug, während Brentano drüben in seinem Hörsaal vortrug, was ich Ihnen vorhin dargestellt habe. Aber nun möchte ich Ihnen auch zwei Schlüsse dieser beiden Vorlesungen sagen. Nehmen wir an, Brentano in seinem Hörsaal hätte einmal seine Vorlesung so geschlossen: Wenn wir die naturwissenschaftliche Anschauung der Entwickelung der Welt betrachten, müssen wir von einem Anfangsstadium ausgehen, das sich naturwissenschaftlich begreifen läßt. Wir kommen zu einem Endzustand, den heute sogar die Naturwissenschaft schon als den Wärmetod schildert. Aber das alles ist durchleuchtet und durchseelt von göttlich-geistigem Geschehen. Wir werden an den Anfang geführt, wo ein schöpferischer Gottesakt ins Leben ruft, was dann naturwissenschaftlich angeschaut werden kann. Wir kommen zum Wärmetod, aus dem wiederum nur eine schöpferische Gottestat die Entwickelung weiterführen kann. — Das hätte etwa Franz Brentano als Schluß eines seiner Vorträge sagen können und hat es auch gesagt.
[ 16 ] Wir können uns vorstellen, wie Adolf Fick, der Physiologe, diese Lehre als physikalische Weltanschauung vortrug, während Brentano drüben in seinem Hörsaal vortrug, was ich Ihnen vorhin dargestellt habe. Aber nun möchte ich Ihnen auch zwei Schlüsse dieser beiden Vorlesungen sagen. Nehmen wir an, Brentano in seinem Hörsaal hätte einmal seine Vorlesung so geschlossen: Wenn wir die naturwissenschaftliche Anschauung der Entwickelung der Welt betrachten, müssen wir von einem Anfangsstadium ausgehen, das sich naturwissenschaftlich begreifen läßt. Wir kommen zu einem Endzustand, den heute sogar die Naturwissenschaft schon als den Wärmetod schildert. Aber das alles ist durchleuchtet und durchseelt von göttlich-geistigem Geschehen. Wir werden an den Anfang geführt, wo ein schöpferischer Gottesakt ins Leben ruft, was dann naturwissenschaftlich angeschaut werden kann. Wir kommen zum Wärmetod, aus dem wiederum nur eine schöpferische Gottestat die Entwickelung weiterführen kann. — Das hätte etwa Franz Brentano als Schluß eines seiner Vorträge sagen können und hat es auch gesagt.
[ 17 ] Nehmen wir an, die beiden Vorlesungen wären hintereinander gewesen, nicht gleichzeitig, und ein Student wäre, nachdem er eben das von Franz Brentano gehört hätte, hinübergegangen zu Adolf Fick, hätte sich jetzt den Schlußvortrag angehört über Physiologie. Was hätte er da gehört?
[ 17 ] Nehmen wir an, die beiden Vorlesungen wären hintereinander gewesen, nicht gleichzeitig, und ein Student wäre, nachdem er eben das von Franz Brentano gehört hätte, hinübergegangen zu Adolf Fick, hätte sich jetzt den Schlußvortrag angehört über Physiologie. Was hätte er da gehört?
[ 18 ] Nun, ich zitiere nur, ich spreche nur das aus, was Adolf Fick selber in diesen Jahren, etwa 1869, an derselben Universität ausgesprochen hat, an der Brentano gelehrt hat. Er sagte, nachdem er solche Betrachtungen, wie ich sie Ihnen eben jetzt ausgeführt habe, in einer ganzen Reihe von Vorlesungen vorausgeschickt hatte: Wir kommen dazu, daß einstmals alles Geschehen, das um uns und in uns ist, in den Wärmetod, das heißt, in das Weltenende einläuft. Wenn wir aber ein solches Weltenende nach allen Regeln der Naturwissenschaft, die wir jetzt haben, annehmen können, wenn nichts vergessen ist, wenn wir ein solches Weltenende voraussetzen müssen nach der strengen Naturwissenschaft, dann ist es nicht anders denkbar, als daß diese Welt auch einmal einen Anfang genommen habe; denn man kann sich nicht denken, daß eine Welt, die von Ewigkeit her mit naturwissenschaftlichem Geschehen bestände, nicht längst schon zu dem Wärmetod gekommen wäre. Da dieser Wärmetod sich also erst nach einiger Zeit entwickeln muß, so muß diese Welt auch einen Anfang genommen haben, das heißt, so schloß Adolf Fick, sie muß von einem schöpferischen Gottesakt ausgegangen sein.
[ 18 ] Nun, ich zitiere nur, ich spreche nur das aus, was Adolf Fick selber in diesen Jahren, etwa 1869, an derselben Universität ausgesprochen hat, an der Brentano gelehrt hat. Er sagte, nachdem er solche Betrachtungen, wie ich sie Ihnen eben jetzt ausgeführt habe, in einer ganzen Reihe von Vorlesungen vorausgeschickt hatte: Wir kommen dazu, daß einstmals alles Geschehen, das um uns und in uns ist, in den Wärmetod, das heißt, in das Weltenende einläuft. Wenn wir aber ein solches Weltenende nach allen Regeln der Naturwissenschaft, die wir jetzt haben, annehmen können, wenn nichts vergessen ist, wenn wir ein solches Weltenende voraussetzen müssen nach der strengen Naturwissenschaft, dann ist es nicht anders denkbar, als daß diese Welt auch einmal einen Anfang genommen habe; denn man kann sich nicht denken, daß eine Welt, die von Ewigkeit her mit naturwissenschaftlichem Geschehen bestände, nicht längst schon zu dem Wärmetod gekommen wäre. Da dieser Wärmetod sich also erst nach einiger Zeit entwickeln muß, so muß diese Welt auch einen Anfang genommen haben, das heißt, so schloß Adolf Fick, sie muß von einem schöpferischen Gottesakt ausgegangen sein.
[ 19 ] Man konnte also in dem einen Hörsaal katholisch-theologische Philosophie von Franz Brentano hören mit dem Schluß, den ich Ihnen eben charakterisiert habe, und dann zum Physiologen hinübergehen allerdings nicht einem von der Art des «dicken Vogt» und ähnlichen, die eben nicht zu Ende dachten, sondern zu einem Physiologen, der zu Ende dachte —, und der sagte dasselbe, indem er sich nur auf den Boden der Naturwissenschaft stellte.
[ 19 ] Man konnte also in dem einen Hörsaal katholisch-theologische Philosophie von Franz Brentano hören mit dem Schluß, den ich Ihnen eben charakterisiert habe, und dann zum Physiologen hinübergehen allerdings nicht einem von der Art des «dicken Vogt» und ähnlichen, die eben nicht zu Ende dachten, sondern zu einem Physiologen, der zu Ende dachte —, und der sagte dasselbe, indem er sich nur auf den Boden der Naturwissenschaft stellte.
[ 20 ] Das ist eine außerordentlich interessante Tatsache. Das bedeutet, daß, wenn man nun nicht weiter ging, als von der Naturwissenschaft aus auf eine schöpferische Gottestat hinzuweisen, man durchaus im Einklange stand mit demjenigen, was im benachbarten Hörsaal aus der katholischen Theologie heraus vorgetragen wurde.
[ 20 ] Das ist eine außerordentlich interessante Tatsache. Das bedeutet, daß, wenn man nun nicht weiter ging, als von der Naturwissenschaft aus auf eine schöpferische Gottestat hinzuweisen, man durchaus im Einklange stand mit demjenigen, was im benachbarten Hörsaal aus der katholischen Theologie heraus vorgetragen wurde.
[ 21 ] Was konnte nun ein Hörer tun, der bei Adolf Fick diese Anschauung gehört hätte, der etwa vernommen hätte, wie die Welt physikalisch beschaffen ist, daß man aber sogar auch beweisen könne, daß sie aus einem schöpferischen Gottesakt hervorgegangen ist? Adolf Fick hätte ihm eben gesagt: Wenn du über diesen Gottesakt etwas wissen willst, so gehe hinüber in den anderen Hörsaal, wo die katholische Theologie vorgetragen wird! So hätte es ein Hörer jedenfalls empfinden müssen.
[ 21 ] Was konnte nun ein Hörer tun, der bei Adolf Fick diese Anschauung gehört hätte, der etwa vernommen hätte, wie die Welt physikalisch beschaffen ist, daß man aber sogar auch beweisen könne, daß sie aus einem schöpferischen Gottesakt hervorgegangen ist? Adolf Fick hätte ihm eben gesagt: Wenn du über diesen Gottesakt etwas wissen willst, so gehe hinüber in den anderen Hörsaal, wo die katholische Theologie vorgetragen wird! So hätte es ein Hörer jedenfalls empfinden müssen.
[ 22 ] Und nun versetzen Sie sich wiederum in die Seele von Franz Brentano. Dazumal ging es noch, daß er mit seiner naturwissenschaftlichen Gesinnung einen solchen Endschluß unmittelbar gemacht hat, weil ihm das, was ihm über die übersinnliche Welt als sicher schien, von der katholischen Theologie kam. Zehn Jahre später ging es nicht mehr so. Zehn Jahre später konnte er, wie ich Ihnen dargestellt habe, die übersinnliche Welt nicht mehr auf die Offenbarungslehre im Sinne des Katholizismus voll basiert finden. Das heißt mit anderen Worten: Ging nun der Hörer von der Naturwissenschaft hinüber, da, wo er die Ergänzung hören sollte, die die Naturwissenschaft selber fordert, so konnte derjenige, der nun nicht mehr an den alten Offenbarungstraditionen festhalten konnte, ihm nichts mehr sagen. Und so war es im Grunde genommen schon, als Franz Brentano in Wien vortrug. Da war er vor kurzem aus der Kirche ausgetreten. 1874 kam er nach Wien; 1873 war er eigentlich erst völlig ausgetreten, obwohl er schon nach dem Infallibilitätsdogma mit der Kirche innerlich zerfallen war. Aber er hing so sehr an der katholischen Kirche, daß er sich noch jahrelang die Sache gründlich überlegte.
[ 22 ] Und nun versetzen Sie sich wiederum in die Seele von Franz Brentano. Dazumal ging es noch, daß er mit seiner naturwissenschaftlichen Gesinnung einen solchen Endschluß unmittelbar gemacht hat, weil ihm das, was ihm über die übersinnliche Welt als sicher schien, von der katholischen Theologie kam. Zehn Jahre später ging es nicht mehr so. Zehn Jahre später konnte er, wie ich Ihnen dargestellt habe, die übersinnliche Welt nicht mehr auf die Offenbarungslehre im Sinne des Katholizismus voll basiert finden. Das heißt mit anderen Worten: Ging nun der Hörer von der Naturwissenschaft hinüber, da, wo er die Ergänzung hören sollte, die die Naturwissenschaft selber fordert, so konnte derjenige, der nun nicht mehr an den alten Offenbarungstraditionen festhalten konnte, ihm nichts mehr sagen. Und so war es im Grunde genommen schon, als Franz Brentano in Wien vortrug. Da war er vor kurzem aus der Kirche ausgetreten. 1874 kam er nach Wien; 1873 war er eigentlich erst völlig ausgetreten, obwohl er schon nach dem Infallibilitätsdogma mit der Kirche innerlich zerfallen war. Aber er hing so sehr an der katholischen Kirche, daß er sich noch jahrelang die Sache gründlich überlegte.
[ 23 ] Jetzt können wir uns also nicht mehr vorstellen, daß, wie in den sechziger Jahren, der Student etwa hätte hinübergehen können von dem Hörsaal, nehmen wir an statt von Adolf Fick in Würzburg, etwa von Brücke in Wien oder irgendeinem anderen Physiologen, denn die sagten ja natürlich alle dasselbe, er hätte jetzt nicht zu Franz Brentano hinübergehen können und dort die Ergänzung finden. Denn bei Franz Brentano hörte er gewiß außerordentlich Antegendes und Interessantes über ethische, über psychologische Probleme, aber nirgends fand Brentano die Möglichkeit, durch die unmittelbare Erkenntnis zu dem Übersinnlichen überzugehen. Wir sehen gerade an diesem Beispiel die Möglichkeit hinschwinden, aus der alten Geisteskultur heraus zu dem Übersinnlichen zu kommen, wenn man nicht wiederum zu dem alten Offenbarungsglauben zurückkehren wollte. Das ist die wichtigste geistige Kulturtatsache unserer neuesten Zeit. Denn aus den Stimmungen heraus, die durch so etwas erweckt werden konnten, sind die Seelen der Führernaturen erwachsen. Und durch das, was diese Führernaturen bewirkt haben, sind wir in das ganze kulturelle Chaos der Zeit hineingekommen.
[ 23 ] Jetzt können wir uns also nicht mehr vorstellen, daß, wie in den sechziger Jahren, der Student etwa hätte hinübergehen können von dem Hörsaal, nehmen wir an statt von Adolf Fick in Würzburg, etwa von Brücke in Wien oder irgendeinem anderen Physiologen, denn die sagten ja natürlich alle dasselbe, er hätte jetzt nicht zu Franz Brentano hinübergehen können und dort die Ergänzung finden. Denn bei Franz Brentano hörte er gewiß außerordentlich Antegendes und Interessantes über ethische, über psychologische Probleme, aber nirgends fand Brentano die Möglichkeit, durch die unmittelbare Erkenntnis zu dem Übersinnlichen überzugehen. Wir sehen gerade an diesem Beispiel die Möglichkeit hinschwinden, aus der alten Geisteskultur heraus zu dem Übersinnlichen zu kommen, wenn man nicht wiederum zu dem alten Offenbarungsglauben zurückkehren wollte. Das ist die wichtigste geistige Kulturtatsache unserer neuesten Zeit. Denn aus den Stimmungen heraus, die durch so etwas erweckt werden konnten, sind die Seelen der Führernaturen erwachsen. Und durch das, was diese Führernaturen bewirkt haben, sind wir in das ganze kulturelle Chaos der Zeit hineingekommen.
[ 24 ] Nun möchte ich Ihnen das Problem von einer anderen Seite zeigen. Unter denen, die dazumal noch studierten, als Franz Brentano seine glänzenden Kathedertaten verrichtete, war auch Richard Wahle. Richard Wahle schrieb 1894 sein Buch, das eigentlich viel bedeutender ist, als man es gewöhnlich in Philosophenkreisen nimmt: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende, ihre Vermächtnisse an die Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Wer unbefangen die Entwickelung des geistigen Lebens anschaut, der muß gerade auf dieses Buch als auf eine allerbedeutendste Erscheinung hinweisen. Ich möchte Ihnen kurz die Art und Weise charakterisieren, wie Richard Wahle die Welt anschaute. Denn diese Anschauung war ganz aus dem herausgeboren, was Richard Wahle zweifellos als gewaltige Anregungen von Franz Brentano erhalten hat, und dem, was sonst dazumal überhaupt an Geisteskultur zu erlangen war.
[ 24 ] Nun möchte ich Ihnen das Problem von einer anderen Seite zeigen. Unter denen, die dazumal noch studierten, als Franz Brentano seine glänzenden Kathedertaten verrichtete, war auch Richard Wahle. Richard Wahle schrieb 1894 sein Buch, das eigentlich viel bedeutender ist, als man es gewöhnlich in Philosophenkreisen nimmt: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende, ihre Vermächtnisse an die Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Wer unbefangen die Entwickelung des geistigen Lebens anschaut, der muß gerade auf dieses Buch als auf eine allerbedeutendste Erscheinung hinweisen. Ich möchte Ihnen kurz die Art und Weise charakterisieren, wie Richard Wahle die Welt anschaute. Denn diese Anschauung war ganz aus dem herausgeboren, was Richard Wahle zweifellos als gewaltige Anregungen von Franz Brentano erhalten hat, und dem, was sonst dazumal überhaupt an Geisteskultur zu erlangen war.
[ 25 ] Richard Wahle sagt: Was wir von der Welt erleben, was ist es denn eigentlich? Nun, was wir von der Welt erleben, ist, daß vor uns «Vorkommnisse» auftreten. Ich stehe da; vor meinen Augen treten die Wände, das Helle, die Lampen, die Menschen auf. Ich muß mir durch meine Vorstellungen diese Vorkommnisse zu meinen persönlichen Erlebnissen machen. Überall Vorkommnisse, die mir durch Vorstellungen gegeben werden. Ich trage nichts anderes in mir als die Vorstellungen der Vorkommnisse. Die Welt ist eine Summe von Vorkommnissen, die sich mir durch meine Vorstellungen repräsentieren. Aber betrachten wir einmal unbefangen, was wir denn da eigentlich haben. Haben wir denn je einen Tisch vor uns? Ein Vorkommnis haben wir, das uns repräsentiert wird durch die Vorstellung des Tisches. Haben wir einen Menschen vor uns? Ein Vorkommnis haben wir, das uns durch die Vorstellung vom Menschen repräsentiert wird. Wir haben nichts anderes als die Repräsentanten von Vorkommnissen. — Es ist das außerordentlich geistreich in dem Augenblicke, wenn man von Franz Brentano so beeinflußt war, daß man wahrnahm, wie dieser den Willen, wie ich es Ihnen gestern gesagt habe, wegstrich und nur das Vorstellungs- und höchstens noch das Gefühlsleben gelten ließ. Dieses Vorstellungsleben gibt nur subjektive Repräsentanten von Vorkommnissen. Und wie sind diese Vorkommnisse? Kraftlos sind sie, durch und durch kraftlos! Denn, habe ich das Vorkommnis — ich will ein drastisches Beispiel wählen —, daß einer einem anderen eine Ohrfeige gibt — es ist ein Vorkommnis oder eine Summe von Vorkommnissen —, was dahintersteckt, weiß ich nicht! Richard Wahle sagt in seiner Art ganz richtig: Wir haben nur die Vorkommnisse, repräsentiert durch die subjektiven Vorstellungen. Zu den Urfaktoren können wir nicht kommen. — Er gibt durchaus zu, daß hinter dem, was wir als Menschen haben, Urfaktoren verborgen sind, aber zu denen können wir nicht kommen. Daher kommen wir überhaupt zu nichts anderem als nur zu einem Agnostizismus. Wir müssen uns gestehen, wenn da einer steht und dem anderen eine Ohrfeige gibt, daß meine Vorstellung von der sich bewegenden Hand kraftlos ist, daß die durchaus nicht auf der Backe des anderen sitzt. Mir ist nur die Vorstellung gegeben. So löst Wahle alles, was dem Menschen zugänglich ist, auf in die subjektiven Repräsentanten von Vorkommnissen. Auch das, was wir im Inneren wahrnehmen, sind Vorkommnisse, die nur von innen aus auftauchen, statt daß sonst Vorkommnisse von außen gegeben werden. Wiederum wissen wir nichts von den Urfaktoren, die in uns selber sind. Wir haben nicht einmal eine Vorstellung, welche Urfaktoren dem Vorkommnis zugrunde liegen, wenn sich meine eigene Hand aus meinem Gedanken, der ja kraftlos ist, der selber dem anderen keine Ohrfeige geben kann, erhebt, um eine Ohrfeige zu geben. Was da für Faktoren zugrunde liegen, wissen wir nicht, was in uns zugrunde liegt, wissen wir nicht. Wir können aber unmöglich zugeben, daß der Gedanke, der uns allein gegeben ist, dem anderen eine Ohrfeige gibt, denn der Gedanke ist ganz kraftlos, und wenn wir die größten Helden der Geschichte nehmen, sie sind nur durch die subjektiven Gedanken gegeben. Denken Sie sich zum Beispiel Bismarck: er ist nur gegeben als subjektiver Repräsentant von Vorkommnissen. Die Inhalte seines Seelenlebens, auch von dem der größten Helden, haben nicht die Taten getan. Die Taten sind geschehen durch die Urfaktoren. Zu den Urfaktoren dringt aber der Mensch nicht vor.
[ 25 ] Richard Wahle sagt: Was wir von der Welt erleben, was ist es denn eigentlich? Nun, was wir von der Welt erleben, ist, daß vor uns «Vorkommnisse» auftreten. Ich stehe da; vor meinen Augen treten die Wände, das Helle, die Lampen, die Menschen auf. Ich muß mir durch meine Vorstellungen diese Vorkommnisse zu meinen persönlichen Erlebnissen machen. Überall Vorkommnisse, die mir durch Vorstellungen gegeben werden. Ich trage nichts anderes in mir als die Vorstellungen der Vorkommnisse. Die Welt ist eine Summe von Vorkommnissen, die sich mir durch meine Vorstellungen repräsentieren. Aber betrachten wir einmal unbefangen, was wir denn da eigentlich haben. Haben wir denn je einen Tisch vor uns? Ein Vorkommnis haben wir, das uns repräsentiert wird durch die Vorstellung des Tisches. Haben wir einen Menschen vor uns? Ein Vorkommnis haben wir, das uns durch die Vorstellung vom Menschen repräsentiert wird. Wir haben nichts anderes als die Repräsentanten von Vorkommnissen. — Es ist das außerordentlich geistreich in dem Augenblicke, wenn man von Franz Brentano so beeinflußt war, daß man wahrnahm, wie dieser den Willen, wie ich es Ihnen gestern gesagt habe, wegstrich und nur das Vorstellungs- und höchstens noch das Gefühlsleben gelten ließ. Dieses Vorstellungsleben gibt nur subjektive Repräsentanten von Vorkommnissen. Und wie sind diese Vorkommnisse? Kraftlos sind sie, durch und durch kraftlos! Denn, habe ich das Vorkommnis — ich will ein drastisches Beispiel wählen —, daß einer einem anderen eine Ohrfeige gibt — es ist ein Vorkommnis oder eine Summe von Vorkommnissen —, was dahintersteckt, weiß ich nicht! Richard Wahle sagt in seiner Art ganz richtig: Wir haben nur die Vorkommnisse, repräsentiert durch die subjektiven Vorstellungen. Zu den Urfaktoren können wir nicht kommen. — Er gibt durchaus zu, daß hinter dem, was wir als Menschen haben, Urfaktoren verborgen sind, aber zu denen können wir nicht kommen. Daher kommen wir überhaupt zu nichts anderem als nur zu einem Agnostizismus. Wir müssen uns gestehen, wenn da einer steht und dem anderen eine Ohrfeige gibt, daß meine Vorstellung von der sich bewegenden Hand kraftlos ist, daß die durchaus nicht auf der Backe des anderen sitzt. Mir ist nur die Vorstellung gegeben. So löst Wahle alles, was dem Menschen zugänglich ist, auf in die subjektiven Repräsentanten von Vorkommnissen. Auch das, was wir im Inneren wahrnehmen, sind Vorkommnisse, die nur von innen aus auftauchen, statt daß sonst Vorkommnisse von außen gegeben werden. Wiederum wissen wir nichts von den Urfaktoren, die in uns selber sind. Wir haben nicht einmal eine Vorstellung, welche Urfaktoren dem Vorkommnis zugrunde liegen, wenn sich meine eigene Hand aus meinem Gedanken, der ja kraftlos ist, der selber dem anderen keine Ohrfeige geben kann, erhebt, um eine Ohrfeige zu geben. Was da für Faktoren zugrunde liegen, wissen wir nicht, was in uns zugrunde liegt, wissen wir nicht. Wir können aber unmöglich zugeben, daß der Gedanke, der uns allein gegeben ist, dem anderen eine Ohrfeige gibt, denn der Gedanke ist ganz kraftlos, und wenn wir die größten Helden der Geschichte nehmen, sie sind nur durch die subjektiven Gedanken gegeben. Denken Sie sich zum Beispiel Bismarck: er ist nur gegeben als subjektiver Repräsentant von Vorkommnissen. Die Inhalte seines Seelenlebens, auch von dem der größten Helden, haben nicht die Taten getan. Die Taten sind geschehen durch die Urfaktoren. Zu den Urfaktoren dringt aber der Mensch nicht vor.
[ 26 ] Sie sehen bei Brentano das Herausstreben aus einer Anschauung, die noch nach der Wirklichkeit hinstrebt, aber nach einer Wirklichkeit, die nur durch den Oftenbarungsglauben gegeben ist, hin zu dem reinen Intellektualismus des Vorstellungslebens, bei dem er stockt, so, daß er nicht einmal seine «Psychologie» über den ersten Band hinaus weiterschreiben kann. Und Sie sehen, wie Richard Wahle, der aus derselben Zeitrichtung stammt, sich genötigt fühlt, bei den kraftlosen Vorstellungen, dem Inhalte des Intellekts zu bleiben. Alles wird kraftlos. Der Mensch bildet nur die intellektuellen Begriffe aus und merkt endlich: sie sind kraftlos.
[ 26 ] Sie sehen bei Brentano das Herausstreben aus einer Anschauung, die noch nach der Wirklichkeit hinstrebt, aber nach einer Wirklichkeit, die nur durch den Oftenbarungsglauben gegeben ist, hin zu dem reinen Intellektualismus des Vorstellungslebens, bei dem er stockt, so, daß er nicht einmal seine «Psychologie» über den ersten Band hinaus weiterschreiben kann. Und Sie sehen, wie Richard Wahle, der aus derselben Zeitrichtung stammt, sich genötigt fühlt, bei den kraftlosen Vorstellungen, dem Inhalte des Intellekts zu bleiben. Alles wird kraftlos. Der Mensch bildet nur die intellektuellen Begriffe aus und merkt endlich: sie sind kraftlos.
[ 27 ] Es war mir ein bedeutsames Erlebnis, als nach meinem ersten Wiener Vortrage vor kurzem Richard Wahle mir sagte: Ich habe schon auch meine Vorstellungen über die Urfaktoren, aber im Grunde genommen sind wir gegenüber dem, was alte Philosophen waren, doch nur eine Art von Totengräbern. — Gerade in Richard Wahle findet man etwas außerordentlich Erschütterndes, denn er war dazu verurteilt, in geistvollster Weise das letzte Geständnis zu machen, daß der Mensch aus der neueren Kultur heraus in seiner Seele nichts gewinnen kann, als etwas, was kraft- und saftlos ist. Ich streifte dann leise die Namen, die dazumal, als Wahle in Wien noch Schüler war, die Lehrer waren, also Zimmermann, Franz Brentano. Da sagte er: Ja, die haben wenigstens noch etwas zu behaupten gewagt, wir können nicht einmal das noch tun.
[ 27 ] Es war mir ein bedeutsames Erlebnis, als nach meinem ersten Wiener Vortrage vor kurzem Richard Wahle mir sagte: Ich habe schon auch meine Vorstellungen über die Urfaktoren, aber im Grunde genommen sind wir gegenüber dem, was alte Philosophen waren, doch nur eine Art von Totengräbern. — Gerade in Richard Wahle findet man etwas außerordentlich Erschütterndes, denn er war dazu verurteilt, in geistvollster Weise das letzte Geständnis zu machen, daß der Mensch aus der neueren Kultur heraus in seiner Seele nichts gewinnen kann, als etwas, was kraft- und saftlos ist. Ich streifte dann leise die Namen, die dazumal, als Wahle in Wien noch Schüler war, die Lehrer waren, also Zimmermann, Franz Brentano. Da sagte er: Ja, die haben wenigstens noch etwas zu behaupten gewagt, wir können nicht einmal das noch tun.
[ 28 ] Und sehen Sie sich an, was nun 1894 als Buch entstand: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende, ihre Vermächtnisse an 'Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Theologie! Soll denn, was theologische Überlieferung ist, wieder aufgenommen werden? Soll der Mensch völlig darauf verzichten, selbst zu einem Übersinnlichen vorzudringen? Soll einfach zurückgegangen werden zu dem, was in einer so bedeutungsvollen Weise Franz Brentano verlassen mußte? Wie soll sich dann der Vorgang vollziehen, daß dasjenige, was Philosophie einstmals dargeboten hat, teilweise an die Theologie als Vermächtnis übergehen soll? Wie soll, was Philosophie geboten hat, an die Physiologie als Vermächtnis übergehen?
[ 28 ] Und sehen Sie sich an, was nun 1894 als Buch entstand: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende, ihre Vermächtnisse an 'Theologie, Physiologie, Ästhetik und Staatspädagogik.» Theologie! Soll denn, was theologische Überlieferung ist, wieder aufgenommen werden? Soll der Mensch völlig darauf verzichten, selbst zu einem Übersinnlichen vorzudringen? Soll einfach zurückgegangen werden zu dem, was in einer so bedeutungsvollen Weise Franz Brentano verlassen mußte? Wie soll sich dann der Vorgang vollziehen, daß dasjenige, was Philosophie einstmals dargeboten hat, teilweise an die Theologie als Vermächtnis übergehen soll? Wie soll, was Philosophie geboten hat, an die Physiologie als Vermächtnis übergehen?
[ 29 ] Denken Sie nur einmal — die Physiologie im Sinne von Adolf Fick führt uns zu einer Schöpfungstat Gottes im Beginn der Entwickelung. Dieses Erbe würde also nicht irgendwie etwas Befriedigendes liefern können. Die Ästhetik würde man ja nach den Anforderungen der Wissenschaft in der Gegenwart jedenfalls nicht gelten lassen für das, was imstande ist, irgendwie in die Felder der Wahrheit hineinzuführen. Und die Staatspädagogik? Nun, es ist ganz begreiflich, daß jemand, der keine Beziehung herstellen kann zwischen sich und der geistigen Welt, an diejenigen Vorstellungen appelliert, die durch die Menschen innerhalb der menschlichen Gesellschaften gemacht werden, daß er also das, was zum Handeln führen soll, in die Staatspädagogik — im weitesten Sinne — einspannen will; daß alles das, was den Menschen, sei er Kind, sei er Erwachsener, zum Handeln hinführt, eben bestimmt werden soll durch Staatsgesetze, daß ihm gewisse Richtungen gegeben werden durch die Staatsgesetze. Wir sehen den Agnostizismus seine geistvollste, seine energischeste, seine gewissenhafteste Blüte treiben in diesem Buch «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende».
[ 29 ] Denken Sie nur einmal — die Physiologie im Sinne von Adolf Fick führt uns zu einer Schöpfungstat Gottes im Beginn der Entwickelung. Dieses Erbe würde also nicht irgendwie etwas Befriedigendes liefern können. Die Ästhetik würde man ja nach den Anforderungen der Wissenschaft in der Gegenwart jedenfalls nicht gelten lassen für das, was imstande ist, irgendwie in die Felder der Wahrheit hineinzuführen. Und die Staatspädagogik? Nun, es ist ganz begreiflich, daß jemand, der keine Beziehung herstellen kann zwischen sich und der geistigen Welt, an diejenigen Vorstellungen appelliert, die durch die Menschen innerhalb der menschlichen Gesellschaften gemacht werden, daß er also das, was zum Handeln führen soll, in die Staatspädagogik — im weitesten Sinne — einspannen will; daß alles das, was den Menschen, sei er Kind, sei er Erwachsener, zum Handeln hinführt, eben bestimmt werden soll durch Staatsgesetze, daß ihm gewisse Richtungen gegeben werden durch die Staatsgesetze. Wir sehen den Agnostizismus seine geistvollste, seine energischeste, seine gewissenhafteste Blüte treiben in diesem Buch «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende».
[ 30 ] Und wie hätte es denn eigentlich anders sein können? Ich will in einem Bilde aussprechen, was ich nun sagen möchte. Philosophie Liebe zur Weisheit; man kann nur etwas lieben, was man als Lebendiges weiß. Solange man die Sophia als etwas Lebendiges gewußt hat, konnte man von Philosophia sprechen. Jetzt, wo die Sophia nur ein Aggregat von allem möglichen sein soll, das im Weltenall an Begriffen über das Leblose zusammengesucht wird, mußte auch das Philo dahinschwinden.
[ 30 ] Und wie hätte es denn eigentlich anders sein können? Ich will in einem Bilde aussprechen, was ich nun sagen möchte. Philosophie Liebe zur Weisheit; man kann nur etwas lieben, was man als Lebendiges weiß. Solange man die Sophia als etwas Lebendiges gewußt hat, konnte man von Philosophia sprechen. Jetzt, wo die Sophia nur ein Aggregat von allem möglichen sein soll, das im Weltenall an Begriffen über das Leblose zusammengesucht wird, mußte auch das Philo dahinschwinden.
[ 31 ] Im Grunde genommen hat dieser Revolutionär Richard Wahle auf philosophischem Gebiete das Konsequenteste getan, was man nur hat tun können. Er hat einfach konstatiert, was aus der Philosophie geworden ist unter dem Einfluß des bloßen Intellektes. Das kann man nicht mehr lieben. Das muß in gleichgültige Dinge auseinanderfallen. Das muß «ihr Ende» erreicht haben. Nachdem die Sophia gestorben ist, kann es zu der toten Sophia keine Liebe mehr geben, höchstens in der Erinnerung. Dann aber könnte man nur eine Geschichte über die nunmehr dahingeschiedene Philosophie schreiben. Der könnte man ein gutes Andenken widmen. Philosophiegeschichte könnte natürlich immer noch geschrieben werden. Man könnte noch immer alte Systeme galvanisieren. Das ist ja auch im Grunde genommen das Häufigste bei den neuen Philosophen geworden. Es hat Neu-Kantianer, Neu-Fichteaner, Haeckelianer gegeben; es ist alles das entstanden, was einen an die Liebe zu einer gestorbenen Geliebten erinnern kann. Und wenn wir die kraftlosen und saftlosen subjektiven Repräsentanten der Vorkommnisse ins Auge fassen, was allerdings die intellektualistischen Vorstellungen sind, dann werden wir den ganzen Gang begreifen. Dann werden wir aber auch begreifen, daß in der Tat das alte philosophische Denken zu einem Ende gekommen ist, zu einem Ende gekommen sein muß.
[ 31 ] Im Grunde genommen hat dieser Revolutionär Richard Wahle auf philosophischem Gebiete das Konsequenteste getan, was man nur hat tun können. Er hat einfach konstatiert, was aus der Philosophie geworden ist unter dem Einfluß des bloßen Intellektes. Das kann man nicht mehr lieben. Das muß in gleichgültige Dinge auseinanderfallen. Das muß «ihr Ende» erreicht haben. Nachdem die Sophia gestorben ist, kann es zu der toten Sophia keine Liebe mehr geben, höchstens in der Erinnerung. Dann aber könnte man nur eine Geschichte über die nunmehr dahingeschiedene Philosophie schreiben. Der könnte man ein gutes Andenken widmen. Philosophiegeschichte könnte natürlich immer noch geschrieben werden. Man könnte noch immer alte Systeme galvanisieren. Das ist ja auch im Grunde genommen das Häufigste bei den neuen Philosophen geworden. Es hat Neu-Kantianer, Neu-Fichteaner, Haeckelianer gegeben; es ist alles das entstanden, was einen an die Liebe zu einer gestorbenen Geliebten erinnern kann. Und wenn wir die kraftlosen und saftlosen subjektiven Repräsentanten der Vorkommnisse ins Auge fassen, was allerdings die intellektualistischen Vorstellungen sind, dann werden wir den ganzen Gang begreifen. Dann werden wir aber auch begreifen, daß in der Tat das alte philosophische Denken zu einem Ende gekommen ist, zu einem Ende gekommen sein muß.
[ 32 ] Deshalb habe ich in meinen «Rätseln der Philosophie», nachdem ich den ganzen Gang der Philosophie dargestellt habe, von den alten griechischen Philosophen an bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, zu zeigen versucht, wie dasjenige, was Philosophie war,, übergehen muß in Anthroposophie. Das letzte Kapitel ist daher eine skizzenhafte Darstellung der Anthroposophie.
[ 32 ] Deshalb habe ich in meinen «Rätseln der Philosophie», nachdem ich den ganzen Gang der Philosophie dargestellt habe, von den alten griechischen Philosophen an bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein, zu zeigen versucht, wie dasjenige, was Philosophie war,, übergehen muß in Anthroposophie. Das letzte Kapitel ist daher eine skizzenhafte Darstellung der Anthroposophie.
[ 33 ] Daß man so verfahren muß, daß man bei der heutigen Geschichtsschreibung der Philosophie als letztes Kapitel die Anthroposophie haben muß, das ist nicht ein Ergebnis von subjektiven Erwägungen, das ist ein Ergebnis des objektiven Ganges der Geschichtsentwickelung selbst. Und gerade wenn man die charakteristischsten Persönlichkeiten der neueren Zeit ins Auge faßt, dann zwingen einen diese, die Sache so anzusehen. Denn, nachdem die Menschheit wirklich an die saft- und kraftlosen Begriffe gekommen ist, die nichts mehr von der Wirklichkeit enthalten, nachdem die Menschheit vergessen hat, daß diese Begriffe die Leichname dessen sind, was einstmals, bevor wir aus geistigen Welten ins irdische Dasein heruntergestiegen sind, Leben war, ist es notwendig, daß wir durch das, was Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» dargestellt finden, dutch Meditation, durch Konzentration die Begriffe, die Ideen wiederum beleben. Und man ist vor die Aufgabe gestellt, nicht so wie Franz Brentano etwa bei den naturwissenschaftlichen Vorstellungen stehenzubleiben, sondern sie aufzunehmen, sie zu beleben durch jene innerliche Geistesarbeit, die in Meditation und Konzentration besteht. Und dann werden gerade die naturwissenschaftlichen Vorstellungen der neuesten Zeit am sichersten in die übersinnliche Welt hinaufführen. Dann führen sie eben zu der Entwickelung derjenigen Methode, die die Methode der Anthroposophie ist; dann entwickelt sich aus der Naturwissenschaft heraus die Methode der Anthroposophie. Die kann dann wiederum die saft- und kraftlosen Repräsentanten der Vorkommnisse mit Wesenhaftem, mit Lebendigem durchsetzen, denn dieses Wesenhafte, dieses Lebendige muß für eine Menschheit, die einmal bis zum Intellekt vorgerückt ist, aus dem Intellekt selber hervorgehen.
[ 33 ] Daß man so verfahren muß, daß man bei der heutigen Geschichtsschreibung der Philosophie als letztes Kapitel die Anthroposophie haben muß, das ist nicht ein Ergebnis von subjektiven Erwägungen, das ist ein Ergebnis des objektiven Ganges der Geschichtsentwickelung selbst. Und gerade wenn man die charakteristischsten Persönlichkeiten der neueren Zeit ins Auge faßt, dann zwingen einen diese, die Sache so anzusehen. Denn, nachdem die Menschheit wirklich an die saft- und kraftlosen Begriffe gekommen ist, die nichts mehr von der Wirklichkeit enthalten, nachdem die Menschheit vergessen hat, daß diese Begriffe die Leichname dessen sind, was einstmals, bevor wir aus geistigen Welten ins irdische Dasein heruntergestiegen sind, Leben war, ist es notwendig, daß wir durch das, was Sie in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?» dargestellt finden, dutch Meditation, durch Konzentration die Begriffe, die Ideen wiederum beleben. Und man ist vor die Aufgabe gestellt, nicht so wie Franz Brentano etwa bei den naturwissenschaftlichen Vorstellungen stehenzubleiben, sondern sie aufzunehmen, sie zu beleben durch jene innerliche Geistesarbeit, die in Meditation und Konzentration besteht. Und dann werden gerade die naturwissenschaftlichen Vorstellungen der neuesten Zeit am sichersten in die übersinnliche Welt hinaufführen. Dann führen sie eben zu der Entwickelung derjenigen Methode, die die Methode der Anthroposophie ist; dann entwickelt sich aus der Naturwissenschaft heraus die Methode der Anthroposophie. Die kann dann wiederum die saft- und kraftlosen Repräsentanten der Vorkommnisse mit Wesenhaftem, mit Lebendigem durchsetzen, denn dieses Wesenhafte, dieses Lebendige muß für eine Menschheit, die einmal bis zum Intellekt vorgerückt ist, aus dem Intellekt selber hervorgehen.
[ 34 ] Und ich möchte sagen: Auch in bezug auf das Intimere des Problems erscheint mir wiederum Franz Brentano als ganz besonders charakteristisch. Er schrieb, als er noch ein ziemlich junger Mann war, an einen Bekannten einen Brief über die Meditation, denn er hing an derjenigen Meditation, die ihm angeschult worden war aus seinem Katholizismus heraus, die er aber nie zur selbständigen Entwickelung eines inneren geistigen Lebens führte. Franz Brentano schrieb ungefähr dieses über die Meditation, die er kennengelernt hatte: Ich rate Ihnen ja, lassen Sie nicht ab von der Meditation. Wer nur ein handelndes und kein betrachtendes, kein meditatives Leben führt, der lebt überhaupt nur ein Viertel des Lebens; drei Viertel des Lebens muß man leben, indem man sich meditativer Betrachtung hingibt. Alles, was einen in Gottesnähe bringen kann, kann nur aus der meditativen Betrachtung stammen. — Dann schließt er mit dem charakteristischen Satz: «Ich würde lieber sterben, als die Meditation aufgeben.»
[ 34 ] Und ich möchte sagen: Auch in bezug auf das Intimere des Problems erscheint mir wiederum Franz Brentano als ganz besonders charakteristisch. Er schrieb, als er noch ein ziemlich junger Mann war, an einen Bekannten einen Brief über die Meditation, denn er hing an derjenigen Meditation, die ihm angeschult worden war aus seinem Katholizismus heraus, die er aber nie zur selbständigen Entwickelung eines inneren geistigen Lebens führte. Franz Brentano schrieb ungefähr dieses über die Meditation, die er kennengelernt hatte: Ich rate Ihnen ja, lassen Sie nicht ab von der Meditation. Wer nur ein handelndes und kein betrachtendes, kein meditatives Leben führt, der lebt überhaupt nur ein Viertel des Lebens; drei Viertel des Lebens muß man leben, indem man sich meditativer Betrachtung hingibt. Alles, was einen in Gottesnähe bringen kann, kann nur aus der meditativen Betrachtung stammen. — Dann schließt er mit dem charakteristischen Satz: «Ich würde lieber sterben, als die Meditation aufgeben.»
[ 35 ] Aber es war eine Meditation, die herangeschult war aus altem Geistesleben. Und wir empfinden das Tragische einer Persönlichkeit, die so die Meditation liebt und dennoch, weil sie von der Naturwissenschaft in Fesseln geschlagen ist, sich nicht zu einer freien Meditation hinentwickeln kann, die sie hineinführt in ein erneuertes Ergreifen des geistigen, des übersinnlichen Lebens. Vielleicht kann man gerade an dieser Briefstelle sehen, wie Franz Brentano durch eine innere Notwendigkeit vor die Tore der Anthroposophie hingeführt worden ist, wie er sie aber nicht aufschließen konnte, weil er eben alles ablehnte, von dem er glaubte, daß es durch die naturwissenschaftliche Gesinnung und Denkweise abgelehnt werden müsse.
[ 35 ] Aber es war eine Meditation, die herangeschult war aus altem Geistesleben. Und wir empfinden das Tragische einer Persönlichkeit, die so die Meditation liebt und dennoch, weil sie von der Naturwissenschaft in Fesseln geschlagen ist, sich nicht zu einer freien Meditation hinentwickeln kann, die sie hineinführt in ein erneuertes Ergreifen des geistigen, des übersinnlichen Lebens. Vielleicht kann man gerade an dieser Briefstelle sehen, wie Franz Brentano durch eine innere Notwendigkeit vor die Tore der Anthroposophie hingeführt worden ist, wie er sie aber nicht aufschließen konnte, weil er eben alles ablehnte, von dem er glaubte, daß es durch die naturwissenschaftliche Gesinnung und Denkweise abgelehnt werden müsse.
[ 36 ] Es ist eine einfache Tatsache, daß die Naturwissenschaft gewisse Grenzen hat. Wenn sie nun nicht etwa bloß sagt: Da ist nichts mehr zu erreichen —, sondern im Sinne von Adolf Fick, dem Universitätskollegen von Franz Brentano, sagen muß: Da steht ein schöpferischer Gottesakt, eine schöpferische Tat —, dann kann man auch sagen: Ebenso wie es berechtigt ist, seine Betrachtungen im ganzen Umfange des Physikalischen anzustellen, müssen auch diese Betrachtungen hier angestellt werden können. Das Physikalische setzt nicht etwa bloß Grenzen, sondern es weist darauf hin, daß da etwas ist, was auch positiv betrachtet werden muß. Es ist wahrhaftig nicht eine subjektive Willkür, wenn man heute auf diese Dinge hinweist, wenn man auf die Notwendigkeit der Anthroposophie für die allgemeine Menschheitskultur hinweist, sondern: Wer unbefangen die Geschichte des Geisteslebens betrachtet, der kann gerade aus ihr heraus die Notwendigkeit der Anthroposophie einsehen.
[ 36 ] Es ist eine einfache Tatsache, daß die Naturwissenschaft gewisse Grenzen hat. Wenn sie nun nicht etwa bloß sagt: Da ist nichts mehr zu erreichen —, sondern im Sinne von Adolf Fick, dem Universitätskollegen von Franz Brentano, sagen muß: Da steht ein schöpferischer Gottesakt, eine schöpferische Tat —, dann kann man auch sagen: Ebenso wie es berechtigt ist, seine Betrachtungen im ganzen Umfange des Physikalischen anzustellen, müssen auch diese Betrachtungen hier angestellt werden können. Das Physikalische setzt nicht etwa bloß Grenzen, sondern es weist darauf hin, daß da etwas ist, was auch positiv betrachtet werden muß. Es ist wahrhaftig nicht eine subjektive Willkür, wenn man heute auf diese Dinge hinweist, wenn man auf die Notwendigkeit der Anthroposophie für die allgemeine Menschheitskultur hinweist, sondern: Wer unbefangen die Geschichte des Geisteslebens betrachtet, der kann gerade aus ihr heraus die Notwendigkeit der Anthroposophie einsehen.
[ 37 ] Nehmen Sie einmal an, es würde Anthroposophie in ihrer Wissenschaftlichkeit anerkannt werden, dann würde es einfach so sein, daß die Adolf Ficks lehren würden: So weit geht die physikalische Forschung; über das Weitere weiß ich nichts zu sagen, aber es gibt eine Fortsetzung, das ist die anthroposophische Forschung. — Allerdings dasjenige, was einmal am Ende der Weltentwickelung physikalisch vor sich gehen wird, so etwas wie der Wärmetod, das wird erst dann im richtigen Lichte gesehen werden, wenn die ganze Entwickelung so betrachtet wird wie etwa in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wo ja auch schon das Saturndasein nach rückwärts geführt wird an den Anfang, wo Sie auch das Naturdasein am Anfange nur in Wärme bestehend haben, und dann wiederum das Vulkandasein auch in Wärme bestehend. Aber nicht etwa bloß am Anfang und am Ende wird die schöpferische Geistestat da betrachtet, sondern durch die ganze Entwickelung hindurch wird das Physische immer im Zusammenhang mit den geistigen Kräften und geistigen Taten derjenigen geistigen Wesenheiten angesehen, die keine physische Verkörperung durchmachen. So daß natürlich nicht bloß nebeneinander stehen wird, was anthroposophisch und was physikalisch ist, sondern beides wird sich gegenseitig durchdringen. Man wird, wenn man zum Beispiel die einzelnen physikalischen Tatsachen betrachtet, viel hören müssen von demjenigen, was als geistige Kräfte wirkt im sinnlich-physischen Dasein. Dann wird man nicht mehr bloß von Vorkommnissen und unbekannten Faktoren sprechen, sondern dann wird man davon sprechen, wie man in dem, was als Vorkommnisse auftritt, die unbekannten Urfaktoren nicht nur am Ende und am Anfang der Entwickelung, sondern durch die ganze Entwickelung hindurch immerwährend finden kann.
[ 37 ] Nehmen Sie einmal an, es würde Anthroposophie in ihrer Wissenschaftlichkeit anerkannt werden, dann würde es einfach so sein, daß die Adolf Ficks lehren würden: So weit geht die physikalische Forschung; über das Weitere weiß ich nichts zu sagen, aber es gibt eine Fortsetzung, das ist die anthroposophische Forschung. — Allerdings dasjenige, was einmal am Ende der Weltentwickelung physikalisch vor sich gehen wird, so etwas wie der Wärmetod, das wird erst dann im richtigen Lichte gesehen werden, wenn die ganze Entwickelung so betrachtet wird wie etwa in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wo ja auch schon das Saturndasein nach rückwärts geführt wird an den Anfang, wo Sie auch das Naturdasein am Anfange nur in Wärme bestehend haben, und dann wiederum das Vulkandasein auch in Wärme bestehend. Aber nicht etwa bloß am Anfang und am Ende wird die schöpferische Geistestat da betrachtet, sondern durch die ganze Entwickelung hindurch wird das Physische immer im Zusammenhang mit den geistigen Kräften und geistigen Taten derjenigen geistigen Wesenheiten angesehen, die keine physische Verkörperung durchmachen. So daß natürlich nicht bloß nebeneinander stehen wird, was anthroposophisch und was physikalisch ist, sondern beides wird sich gegenseitig durchdringen. Man wird, wenn man zum Beispiel die einzelnen physikalischen Tatsachen betrachtet, viel hören müssen von demjenigen, was als geistige Kräfte wirkt im sinnlich-physischen Dasein. Dann wird man nicht mehr bloß von Vorkommnissen und unbekannten Faktoren sprechen, sondern dann wird man davon sprechen, wie man in dem, was als Vorkommnisse auftritt, die unbekannten Urfaktoren nicht nur am Ende und am Anfang der Entwickelung, sondern durch die ganze Entwickelung hindurch immerwährend finden kann.
[ 38 ] Ich möchte Ihnen das noch durch ein Bild klarmachen. Nehmen Sie an, Sie haben einen Spiegel und Sie sehen das, was ich Ihnen vorhin beschrieben habe. Wir können bei der Versinnlichung bleiben, trotzdem sie etwas drastisch ist. Sie sehen das, was ich Ihnen beschrieben habe, wie einer dem anderen eine Ohrfeige herunterhaut, im Spiegel. Da haben Sie den ganzen Vorgang im Spiegelbild. Da haben Sie ganz gewiß Bilder, und Sie werden nicht sagen können, daß dieses Bild so kraftvoll ist, daß es dem anderen Bilde eine Ohrfeige gibt. So ungefähr muß aber der Philosoph der neueren Zeit über seine Vorstellungen denken. Sie sind kraftlos wie die Spiegelbilder. Das eine Spiegelbild kann nicht dem anderen eine Ohrfeige geben. Aber der Philosoph, Richard Wahle zum Beispiel, geht in sehr geistvoller Weise weiter. Er sagt: Wir kommen nicht bis zu den Urfaktoren, auch wenn ich gleichsam zwei Menschen vor mir habe, wovon der eine dem anderen eine Ohrfeige gibt, ich habe ja doch nur die Vorstellung davon, und die Vorstellung des Menschen A kann nicht dem Menschen B eine Ohrfeige geben. Und zu den Urfaktoren, was da eigentlich die Ohrfeige gibt, zu dem komme ich nicht.
[ 38 ] Ich möchte Ihnen das noch durch ein Bild klarmachen. Nehmen Sie an, Sie haben einen Spiegel und Sie sehen das, was ich Ihnen vorhin beschrieben habe. Wir können bei der Versinnlichung bleiben, trotzdem sie etwas drastisch ist. Sie sehen das, was ich Ihnen beschrieben habe, wie einer dem anderen eine Ohrfeige herunterhaut, im Spiegel. Da haben Sie den ganzen Vorgang im Spiegelbild. Da haben Sie ganz gewiß Bilder, und Sie werden nicht sagen können, daß dieses Bild so kraftvoll ist, daß es dem anderen Bilde eine Ohrfeige gibt. So ungefähr muß aber der Philosoph der neueren Zeit über seine Vorstellungen denken. Sie sind kraftlos wie die Spiegelbilder. Das eine Spiegelbild kann nicht dem anderen eine Ohrfeige geben. Aber der Philosoph, Richard Wahle zum Beispiel, geht in sehr geistvoller Weise weiter. Er sagt: Wir kommen nicht bis zu den Urfaktoren, auch wenn ich gleichsam zwei Menschen vor mir habe, wovon der eine dem anderen eine Ohrfeige gibt, ich habe ja doch nur die Vorstellung davon, und die Vorstellung des Menschen A kann nicht dem Menschen B eine Ohrfeige geben. Und zu den Urfaktoren, was da eigentlich die Ohrfeige gibt, zu dem komme ich nicht.
[ 39 ] Durch dieses Bild kann man sich das ganz gut versinnlichen: das Spiegelbild des A kann dem Spiegelbild des B keine Ohrfeige geben. Aber schauen Sie sich die Spiegelbilder klar an, da werden Sie allerlei Bewegungsformen sehen. Sie werden diesem Bilde hier allerdings nicht zutrauen, daß ihm die Ohrfeige besonders weh getan hat; Sie werden auch dieses Bild nicht gerade bedauern können, weil es eine Ohrfeige bekommen hat. Aber schauen Sie nur weiter an! Schauen Sie sich das Gesicht dieses Bildes nachher an, nachdem es die Ohrfeige bekommen hat, da werden Sie in diesem Gesichte etwas finden, was unerklärlich wäre, wenn bloß ein kraft- und saftloses Bild da gewesen wäre.
[ 39 ] Durch dieses Bild kann man sich das ganz gut versinnlichen: das Spiegelbild des A kann dem Spiegelbild des B keine Ohrfeige geben. Aber schauen Sie sich die Spiegelbilder klar an, da werden Sie allerlei Bewegungsformen sehen. Sie werden diesem Bilde hier allerdings nicht zutrauen, daß ihm die Ohrfeige besonders weh getan hat; Sie werden auch dieses Bild nicht gerade bedauern können, weil es eine Ohrfeige bekommen hat. Aber schauen Sie nur weiter an! Schauen Sie sich das Gesicht dieses Bildes nachher an, nachdem es die Ohrfeige bekommen hat, da werden Sie in diesem Gesichte etwas finden, was unerklärlich wäre, wenn bloß ein kraft- und saftloses Bild da gewesen wäre.
[ 40 ] Mit anderen Worten: Die Philosophie war in Richard Wahle zu einem Standpunkt gekommen, wo sie nur noch von Vorkommnissen sprechen, aber nicht in den Vorkommnissen lesen konnte, weil alle alte atavistische Hellseherkraft, die allein das Lesen möglich gemacht hat, verlorengegangen war. Sie lesen in dem Bilde desjenigen, der die Ohrfeige bekommt, an den Formen, die das Gesicht annimmt, daß es auf Urfaktoren hinweist. Wenn Sie ein Buch aufschlagen, so lesen Sie darin, wenn Sie zu lesen verstehen, ohne daß Sie etwa sagen könnten: Ja, da sehe ich nicht die Urfaktoren. — Denn was Sie lesen, das führt Sie doch zu einem gewissen Verständnis der Urfaktoren. Wir müssen eben wiederum lesen lernen in dem, was die Phänomene, die Erscheinungen sind. Wir können gut zugeben, daß im intellektualistischen Zeitalter nur die Repräsentanten der Vorkommnisse da sind; aber wenn wir mit innerer Kraft heranzugehen vermögen an diese subjektiven Repräsentanten, dann werden wir sie wiederum zu lesen verstehen. Dann werden wir nicht Kantianer werden, sondern wir werden eben Anthroposophen werden, die sich sagen: Gewiß, aus dem, was uns zunächst vorliegt an Vorstellungen, können wir nichts über die Urfaktoren gewinnen. Wenn wir aber in der Welt zu lesen verstehen, dann werden wir allmählich durch das Lesen der Vorkommnisse uns hindurchringen zu dem Verständnis der Utfaktoren.
[ 40 ] Mit anderen Worten: Die Philosophie war in Richard Wahle zu einem Standpunkt gekommen, wo sie nur noch von Vorkommnissen sprechen, aber nicht in den Vorkommnissen lesen konnte, weil alle alte atavistische Hellseherkraft, die allein das Lesen möglich gemacht hat, verlorengegangen war. Sie lesen in dem Bilde desjenigen, der die Ohrfeige bekommt, an den Formen, die das Gesicht annimmt, daß es auf Urfaktoren hinweist. Wenn Sie ein Buch aufschlagen, so lesen Sie darin, wenn Sie zu lesen verstehen, ohne daß Sie etwa sagen könnten: Ja, da sehe ich nicht die Urfaktoren. — Denn was Sie lesen, das führt Sie doch zu einem gewissen Verständnis der Urfaktoren. Wir müssen eben wiederum lesen lernen in dem, was die Phänomene, die Erscheinungen sind. Wir können gut zugeben, daß im intellektualistischen Zeitalter nur die Repräsentanten der Vorkommnisse da sind; aber wenn wir mit innerer Kraft heranzugehen vermögen an diese subjektiven Repräsentanten, dann werden wir sie wiederum zu lesen verstehen. Dann werden wir nicht Kantianer werden, sondern wir werden eben Anthroposophen werden, die sich sagen: Gewiß, aus dem, was uns zunächst vorliegt an Vorstellungen, können wir nichts über die Urfaktoren gewinnen. Wenn wir aber in der Welt zu lesen verstehen, dann werden wir allmählich durch das Lesen der Vorkommnisse uns hindurchringen zu dem Verständnis der Utfaktoren.
[ 41 ] Das kann aber nur geschehen, wenn wir in unser Seelenleben wieder innere Kraft hineinbringen. Und die läßt sich nur erringen auf den Wegen, die angegeben sind in der Meditation und in der Konzentration und so weiter. So dürfen wir sagen: Die neuere Philosophie hat aus sich ausgedrückt, ausgequetscht alles, was dem Vorstellen, was dem Intellekte Leben gibt. An den Menschen lag es, daß sie den Weg in die übersinnlichen Welten hinein nicht finden konnten, und an der Zeit, in der diese Menschen gelebt haben, müssen wir lernen, eine solche innere Entfaltung anzustreben, daß dieser Weg in die übersinnlichen Welten hinein wieder gefunden werden könne.
[ 41 ] Das kann aber nur geschehen, wenn wir in unser Seelenleben wieder innere Kraft hineinbringen. Und die läßt sich nur erringen auf den Wegen, die angegeben sind in der Meditation und in der Konzentration und so weiter. So dürfen wir sagen: Die neuere Philosophie hat aus sich ausgedrückt, ausgequetscht alles, was dem Vorstellen, was dem Intellekte Leben gibt. An den Menschen lag es, daß sie den Weg in die übersinnlichen Welten hinein nicht finden konnten, und an der Zeit, in der diese Menschen gelebt haben, müssen wir lernen, eine solche innere Entfaltung anzustreben, daß dieser Weg in die übersinnlichen Welten hinein wieder gefunden werden könne.
[ 42 ] Das wollte ich Ihnen auseinandersetzen durch eine etwas ins einzelne gehende geschichtliche Betrachtung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch diese Betrachtung wollte ich einiges vorbereiten, was ich dann in den nächsten Vorträgen ausführen werde.
[ 42 ] Das wollte ich Ihnen auseinandersetzen durch eine etwas ins einzelne gehende geschichtliche Betrachtung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Durch diese Betrachtung wollte ich einiges vorbereiten, was ich dann in den nächsten Vorträgen ausführen werde.

