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Human Questions and Cosmic Answers
GA 213

22 July 1922, Dornach

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Human Questions and Cosmic Answers, tr. SOL
  1. Menschenfragen und Weltenantworten

Dreizehnter Vortrag

Thirteenth Lecture

[ 1 ] Ich möchte heute eine etwas weitergehende Betrachtung über das kosmische Anschauen in unsere Betrachtungen einfügen. Wir müssen uns als Menschen durchaus bewußt sein, daß wir in der Zeit, die da verläuft zwischen der Geburt und dem Tode, auf der Erde stehen, und daß wir alles, was im engeren und weiteren Sinne auf uns einen Eindruck macht, mit unseren Sinnen und auch mit unserem Intellekt doch nur vom Gesichtspunkte unseres irdischen Aufenthaltes betrachten. Wir werden uns oftmals bewußt, wie sehr wir mit der äußeren physischen Körperlichkeit gebunden sind an diesen irdischen Aufenthalt. Wir lernen ja heute schon in der Schule, wie der Mensch nur leben kann, wenn er die Luft einatmet, die ihn umgibt und die aus einer bestimmten Mischung von Sauerstoff und Stickstoff besteht. Der Mensch ist ganz und gar abhängig in seinen Lebenserscheinungen von dieser Luft. Wir brauchen uns nur zu überlegen, wie anders unser physisches Leben wäre, wenn zum Beispiel der uns umgebenden Luft mehr Sauerstoff zugemischt wäre, als es wirklich der Fall ist. Nehmen wir einmal an, es wäre mehr Sauerstoff der Luft zugemischt, dann würden wir schneller leben, das heißt, wir würden eine nach Jahren berechnet weit kürzere Lebensdauer auf der Erde haben. Die Zeit würde gewissermaßen zusammengezogen werden, und unsere Lebensdauer müßte kürzer sein. Das ist im Grunde genommen nur etwas ganz Grobes. Wir können uns bei jeder Sache, die in unserer Umgebung auf uns Einfluß hat, wenn sie nur ein wenig abgeändert würde, vorstellen, daß unser ganzer menschlicher Organismus anders wäre. Solch eine Betrachtung wird ja auch heute öfter angestellt. Man wird sich bewußt der physischen Abhängigkeit des Menschen von seiner Umgebung. Allein, man ist sich heute höchstens ganz im Abstrakten klar bewußt, daß der Mensch auch ein seelisch-geistiges Wesen hat, und von diesem geistig-seelischen Wesen hat man im Grunde genommen niemals so genaue Vorstellungen, wie man sie von dem physischkörperlichen Wesen hat. Das Physisch-Körperliche unserer Organisation kennt man so genau, daß man sagen kann, wie anders reichlicher Sauerstoff in der Luft auf den Menschen wirken würde. Bezüglich des geistig-seelischen Wesens macht man sich nicht so viele Gedanken, Gedanken, die etwa dahin gehen würden: Wenn nun dieses geistig-seelische Wesen etwas anders wäre, als es ist, könnte es dann gerade zwischen Geburt und Tod auf der Erde sein?

[ 1 ] Today I would like to include in our reflections a somewhat more in-depth consideration of cosmic contemplation. As human beings, we must be fully aware that during the time that elapses between birth and death, we are here on Earth, and that everything that makes an impression on us—in both the narrower and broader senses—we perceive with our senses and also with our intellect solely from the perspective of our earthly sojourn. We often become aware of how deeply we are bound to this earthly existence through our outer physical body. We learn as early as elementary school that human beings can only live by breathing in the air that surrounds them, which consists of a specific mixture of oxygen and nitrogen. Human beings are entirely dependent on this air for their vital functions. We need only consider how different our physical life would be if, for example, the air surrounding us contained more oxygen than is actually the case. Let us suppose, for a moment, that more oxygen were mixed into the air; then we would live at a faster rate—that is, we would have a much shorter lifespan on Earth, calculated in terms of years. Time would, so to speak, be condensed, and our lifespan would have to be shorter. This is, of course, only a very rough illustration. We can imagine that, with regard to every factor in our environment that influences us—if it were altered even slightly—our entire human organism would be different. Such considerations are, in fact, made more frequently today. People are becoming aware of humanity’s physical dependence on its environment. Yet today, at most, people are only vaguely aware—in a purely abstract sense—that human beings also possess a soul-spiritual nature; and, fundamentally speaking, we never have as precise a conception of this soul-spiritual nature as we do of the physical body. We know the physical-bodily aspect of our constitution so well that we can say how differently an abundance of oxygen in the air would affect a person. As for the spiritual-soul aspect, we do not give it much thought—thoughts that might go something like this: If this spiritual-soul aspect were somewhat different from what it is, could it then exist on Earth specifically between birth and death?

[ 2 ] Geradeso nämlich wie unser Leib angepaßt ist der Sauerstoffmenge der Luft, wie vieles andere in unserem Leibe angepaßt ist den Verhältnissen, die gerade in der Nähe der Erdoberfläche sind, so ist auch unser Geistig-Seelisches zwischen Geburt und Tod durchaus angepaßt demjenigen, was unmittelbar an der Erdoberfläche ist. Und wenn man sich dessen ganz voll bewußt wird, dann wird man sich auch sagen können: So wie der Mensch leiblich als Erdenmensch nicht da draußen leben könnte, nur einige Meilen von der Erdoberfläche entfernt, so würde auch unter anderen als den irdischen Verhältnissen die Menschenseele mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen, so wie sie in der Erdumgebung lebt, eben nicht leben können. Sie würde anderswo in anderer Lage zur Erde eben auch wiederum als seelisch-geistiges Wesen anders organisiert sein müssen. Geradeso wie der menschliche Leib nichts hätte von seiner Lunge, wie sie einmal organisiert ist, wenn er meilenweit von der Erdoberfläche entfernt wäre, so würde die menschliche Seele unter anderen als den irdischen Verhältnissen mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen, so wie es sich im Erdenleben ausbildet, eben nichts anfangen können.

[ 2 ] Just as our physical body is adapted to the amount of oxygen in the air, and just as many other aspects of our body are adapted to the conditions that prevail immediately near the Earth’s surface, so too is our spiritual-psychic nature, between birth and death, thoroughly adapted to what exists immediately at the Earth’s surface. And when one becomes fully aware of this, one will also be able to say to oneself: Just as a human being, physically as an earthly human, could not live out there, just a few miles away from the Earth’s surface, so too, under conditions other than those on Earth, the human soul—with its thinking, feeling, and willing—as it lives in the Earth’s environment, simply could not live. Elsewhere, in a different relationship to the Earth, it would likewise have to be organized differently as a soul-spiritual being. Just as the human body would have no use for its lungs—as they are currently organized—if it were miles away from the Earth’s surface, so too would the human soul, with its thinking, feeling, and willing—as they develop in earthly life—be unable to function under conditions other than those on Earth.

[ 3 ] Man könnte nun überhaupt von diesen Dingen keine klaren Vorstellungen bekommen, wenn es nicht möglich wäre, daß diejenigen Menschen, die eine innere seelische Entwickelung suchen, doch zu anderen seelischen Erlebnissen kommen, als es im gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen der Fall ist. Sie wissen alle aus den Darstellungen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?», daß man zu solchen anderen Seelenstimmungen, Seelenverfassungen, daß man zu einem ganz anderen Seeleninhalt kommen kann. Man kann zu einem Seeleninhalt kommen, der nicht nur das gewöhnliche Denken hat, sondern der Imagination hat, der also statt in Gedanken in Bildern lebt. Man kann weiter dazu kommen, Inspiration zu haben. Also, wie unsere Lunge mit der Luft ihre Einatmung vollzieht in bezug auf das Physische der Luft, so kann man das Geistig-Seelische, die Substanz des in der Welt ausgebreiteten GeistigSeelischen, gewissermaßen inspirieren, einatmen. Und so wie die Lunge, wenn sie den Sauerstoff einatmet, von diesem Sauerstoff ihr Leben hat, wie der ganze menschliche Leib sein Leben hat von diesem Sauerstoff, so hat auch die menschliche Seele dann ihr Leben von den Inspirationen, die vollzogen werden, wenn solche höhere Erkenntnis erworben wird. Und ebenso ist es dann mit der weiteren Erkenntnisstufe, mit der Intuition.

[ 3 ] It would be impossible to form any clear ideas about these things at all if it were not possible for those who seek inner spiritual development to experience spiritual states different from those found in ordinary thinking, feeling, and willing. You all know from the descriptions in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* that one can attain such different soul moods and states of mind—that one can arrive at an entirely different inner life. One can attain an inner life that involves not only ordinary thinking but also imagination—that is, one that lives in images rather than in thoughts. One can go further and attain inspiration. Just as our lungs inhale air—drawing in the physical substance of the air—so too can we, in a sense, inhale the spiritual-soul substance, the substance of the spiritual-soul realm that pervades the world. And just as the lungs, when they inhale oxygen, derive their life from this oxygen—just as the entire human body derives its life from this oxygen—so, too, does the human soul derive its life from the inspirations that take place when such higher knowledge is attained. And the same is true of the next stage of knowledge, intuition.

[ 4 ] Da also erhebt sich die Seele zu einem ganz anderen inneren Inhalt. Da erlebt sie dann etwas wesentlich anderes. Aber dieses andere Erleben ist verbunden, wie Sie wissen, mit dem, was man ein seelisches Herausgehen aus dem Körper, aus dem Leibe nennen kann. Wir fühlen uns, wenn wir zur Imagination, Inspiration und Intuition aufsteigen, nicht mehr so innerhalb unseres Leibes, wie wir uns fühlen, wenn wir im gewöhnlichen Erdenleben sind. Es ist dann mit dem geistigseelischen Wesen gerade so, wie wenn etwa die Lunge zu einem Organ umgestaltet würde, das statt Luft Licht einatmet. Dann könnte sie ja wohl einige Meilen außerhalb des Irdischen leben mit dem Organismus, dem die Lunge zugehört. Nun, das ist ja im Physischen zunächst nicht möglich, wenigstens nicht dem Menschen, aber dem Geistig-Seelischen in uns ist es möglich, wenn wir aus unserem Leibe herausgehen und in unserer Seele dann die Imagination, Inspiration, Intuition erleben, daß wir tatsächlich auch den irdischen Gesichtspunkt verlassen, daß wir schon zu demjenigen Gesichtspunkt kommen, den wir gehabt haben, bevor wir heruntergestiegen sind in einen physischen Leib. Wir kommen dadurch, daß wir aufsteigen zu der Imagination, Inspiration und Intuition, tatsächlich aus einem irdischen Anschauen der Welt zu einem kosmischen Anschauen der Welt. Wir sind eben einfach nicht mehr auf der Erde, sondern wir schauen von einem anderen Gesichtspunkte aus das Irdische an.

[ 4 ] There, then, the soul rises to an entirely different inner content. There, it experiences something fundamentally different. But this different experience is connected, as you know, to what might be called a soul-level departure from the body. When we ascend to imagination, inspiration, and intuition, we no longer feel as though we are within our body as we do when we are in ordinary earthly life. It is then with the spiritual-soul being just as if, for example, the lung were transformed into an organ that breathes in light instead of air. Then it could indeed live several miles outside the earthly realm with the organism to which the lung belongs. Now, this is not possible in the physical realm at first—at least not for human beings—but it is possible for the spiritual-soul aspect within us when we step out of our body and then experience imagination, inspiration, and intuition in our soul, so that we actually leave the earthly perspective behind and arrive at the very perspective we had before we descended into a physical body. By ascending to imagination, inspiration, and intuition, we actually move from an earthly view of the world to a cosmic view of the world. We are simply no longer on Earth, but rather we view the earthly realm from a different perspective.

Diagram 1Diagram 1

[ 5 ] Das hat keine sehr große Bedeutung, wenn es sich um das Anschauen von Menschenseelen handelt. Das hat aber eine sehr große Bedeutung, wenn es sich um das Kennenlernen des Geistigen im Kosmos selbst handelt. Ich will Ihnen das in einer schematischen Zeichnung klarmachen. Denken Sie sich einmal, hier sei die Erde, der Mensch auf der Erde. Der Mensch sieht in seiner irdischen Umgebung die Elemente. Wir können sie nennen das Feste, das Flüssige, das Luftförmige. Er nimmt wahr das Feurige, das Warme. Dann aber hört das, was unmittelbar der Erdoberfläche angehört, auf. Mit dem Wahrnehmen des Feurigen, des Warmen, erhebt sich der Mensch schon zu der Wahrnehmung des Umkreises der Erde. Er kommt in das Lichtvolle hinein, in das, was wir den Lichtäther nennen. Es ist ja unsere besondere Eigentümlichkeit, daß wir durch unser Schauen, unser Sehen, den Lichtäther wahrnehmen können. Wenn aber im Menschen das imaginative Wahrnehmen auftritt, dann fühlt er sich nicht auf der Erde hier stehend und die Blicke etwa hinausschweifen lassend in den Lichtäther, sondern dann fühlt er eigentlich so, als ob er das Ganze von außen wahrnehmen, anschauen würde (Zeichnung, rot).

[ 5 ] This is not particularly significant when it comes to observing human souls. However, it is of great significance when it comes to understanding the spiritual realm within the cosmos itself. I would like to illustrate this for you with a schematic drawing. Imagine for a moment that here is the Earth, and the human being on Earth. The human being perceives the elements in his earthly surroundings. We can call them the solid, the liquid, and the gaseous. He perceives the fiery and the warm. But then what belongs directly to the Earth’s surface comes to an end. With the perception of the fiery and the warm, the human being already rises to the perception of the Earth’s surroundings. They enter into the realm of light, into what we call the light ether. It is, after all, our special characteristic that we can perceive the light ether through our gazing, our seeing. But when imaginative perception arises in a person, they do not feel as though they are standing here on Earth, letting their gaze wander out into the light ether; rather, they actually feel as if they were perceiving and viewing the whole from the outside (drawing, red).

[ 6 ] Gerade in bezug auf das, was ich hier auseinandersetze, kann man ziemlich bestimmt davon sprechen, wie das geschieht. Wenn Sie irgendwo auf der Erde stehen und Ihren Blick frei in den Kosmos hinausschweifen lassen, dann schauen Sie ja bei Tag überall in das Licht hinein. Sie schauen in der Nacht den Sternenhimmel. Da bedienen Sie sich, wenn ich so sagen darf, der wahrnehmenden Kraft Ihres Auges. Aber auf diese wahrnehmende Kraft Ihres Auges geht auch fortwährend die Willenskraft. Diese Willenskraft gebrauchen Sie eigentlich beim irdischen Sehen nur zu der Einstellung des Auges. Wenn Sie aber zum imaginativen Erkennen aufsteigen, dann bildet sich diese Willenskraft gerade für die einzelnen Sinne immer mehr und mehr aus. Sie fühlen, wie Sie gewissermaßen durch Ihre Augen hinaussteigen in den Raum und kommen immer mehr dazu, sich den Kosmos von außen anzuschauen.

[ 6 ] Especially with regard to what I am discussing here, one can speak with considerable certainty about how this happens. When you stand anywhere on Earth and let your gaze wander freely out into the cosmos, you are, after all, looking into the light everywhere during the day. At night, you look up at the starry sky. There, if I may put it that way, you make use of the perceptive power of your eye. But this perceptive power of your eye is also constantly supported by the power of the will. In earthly vision, you actually use this power of the will only to focus your eye. But when you ascend to imaginative cognition, this willpower develops more and more, especially for the individual senses. You feel, as it were, as though you are rising out into space through your eyes and are increasingly able to view the cosmos from the outside.

Diagram 2Diagram 2

[ 7 ] Sie müssen nicht glauben, daß das, was ich hier schildere, darin besteht, daß Ihr Auge riesig groß wird, und daß es dann ganz hinüberwächst, und daß Sie dann von außen so den Kosmos anschauen, wie Sie jetzt von innen den Kosmos anschauen. Eben nicht durch die wahrnehmende Kraft erringen Sie sich das, sondern gerade dadurch, daß der Wille hellsehend wird. Es ist ein Erleben in dem sich ausbreitenden Willen, in dem Sie aber selber darinnen sind. Sie schauen in diesem Falle auch die Sterne von außen an, wie der Mensch, wenn er als Seele in der geistigen Welt ist, sich ebenfalls die Sterne von außen anschaut, von dort, wo schon gar keine Sterne mehr sind, nicht vom Äthergebiet aus, sondern vom astralischen Gebiete aus, von dem man sagen kann, es ist noch Raum da, und von dem man auch sagen kann, es ist kein Raum mehr da. Es hat nicht mehr viel Sinn, von dem, was ich da angedeutet habe, so zu sprechen, als ob das noch Raum wäre. Man fühlt aber so, als ob man den Raum selber in sich hätte. Dann aber sehen Sie keine Sterne. Sie wissen, Sie schauen auf die Sterne hin, Sie sehen aber keine Sterne, sondern Sie sehen Bilder. Sie sehen tatsächlich innerhalb des Sternenraumes überall Bilder. Es wird Ihnen jetzt plötzlich klar, warum in alten Zeiten, wenn die Menschen Sphären dargestellt haben, sie nicht bloß Sterne, sondern Bilder hingemalt haben.

[ 7 ] You need not believe that what I am describing here involves your eye becoming enormous, growing all the way out, and then allowing you to view the cosmos from the outside just as you now view it from the inside. You do not attain this through the power of perception, but precisely through the will becoming clairvoyant. It is an experience within the expanding will, in which you yourself are present. In this case, you also look at the stars from the outside, just as a human being, when as a soul in the spiritual world, likewise looks at the stars from the outside—from a place where there are certainly no stars anymore, not from the etheric realm, but from the astral realm, of which one can say that there is still space there, and of which one can also say that there is no longer any space there. It no longer makes much sense to speak of what I have just described as if it were still space. But one feels as if one had space itself within oneself. Yet then you do not see any stars. You know you are looking toward the stars, but you do not see stars; instead, you see images. In fact, you see images everywhere within the starry space. It suddenly becomes clear to you why, in ancient times, when people depicted the spheres, they did not merely paint stars but rather painted images.

[ 8 ] Aber nun stellen Sie sich vor, Sie schauen durch diese Bilder hindurch. Dann werden Sie gewahr: Von all diesen Bildern strahlen Kräfte herunter auf die Erde; nur daß diese Kräfte zusammenstrahlen. Wenn Sie von hier aus, von der Erde, auf einen strahlenden Stern schauen, dann haben Sie das Gefühl, die Strahlen gehen auseinander. Wenn Sie. das von draußen anschauen, so haben Sie das Gefühl, die Strahlen, die Lichteffekte, die von den Bildern ausgehen es sind nicht nur Licht-, sondern es sind auch Krafteffekte —, die gehen zusammen. Sie gehen bis zu der Erde hin, diese Krafteffekte. Und was tun sie da? Ja, sehen Sie, die bilden zum Beispiel die Form der Pflanzen. Und derjenige, der imaginativ schaut, der sagt: Die Lilie ist eine auf der Erde befindliche Pflanzenform, die von dieser Sterngruppe aus in dieser Form, in dieser Gestalt geschaffen ist. Eine andere, eine Tulpenform, ist von einer anderen Sterngruppe aus geschaffen.

[ 8 ] But now imagine looking through these images. Then you will realize: Forces are radiating down to Earth from all these images; only these forces converge. When you look from here, from Earth, at a shining star, you have the feeling that the rays are diverging. If you look at this from the outside, you have the feeling that the rays—the light effects emanating from the images—are not merely light effects but also force effects—and that they converge. These force effects extend all the way down to the Earth. And what do they do there? Well, you see, they shape the forms of plants, for example. And those who look with imagination say: The lily is a plant form found on Earth that was created in this form, in this shape, by this group of stars. Another form—the tulip—was created by a different group of stars.

Diagram 4Diagram 4

[ 9 ] Und so sehen Sie dasjenige, was auf der Erde als Pflanzendecke ist (grün), gleichsam real hingemalt vom Sternenhimmel aus. Das ist so, daß tatsächlich die Form des Pflanzenkörpers von dem Kosmos aus bestimmt wird, geschaffen wird. Und Sie werden jetzt leicht begreifen: Wenn Sie da weiter hereinschauen, wenn Sie da draußen die Fixsterne sehen, dann sehen Sie näher zur Erde die Planeten Saturn, Jupiter, Mars und so weiter. Die bewegen sich. Die Fixsterne zeigen Ihnen ruhende Sternbilder, welche den Pflanzen die Form geben. Aber die sich bewegenden Planeten, die senden Bewegungskräfte herunter. Die sind es, welche die Pflanzen zunächst aus der Wurzel herausziehen, dann immer höher und höher wachsen lassen und so weiter. Geradeso wie die Form der Pflanzen aus dem Fixsternhimmel hereingebildet ist, so ist die Bewegung gebildet aus der Bewegung der der Erde näheren Himmelskörper. Nur was in der Pflanze selber vorgeht, dieser Stoffwechsel, daß zum Beispiel die Pflanze Kohlensäure einsaugt, assimiliert, wie man sagt, und die Kohle absondert, so daß sie ihren Kohlenleib bildet, das ist von den Kräften der Erde selber. Wir können also sagen: Wenn wir die Pflanze in ihrer Ganzheit betrachten, ihre Form ist von dem Sternenhimmel, ihr Wachstum ist von der Planetenbewegung, und ihr Stoffwechsel ist von der Erde.

[ 9 ] And so you see what on Earth is the vegetation cover (green), as it were, realistically depicted from the starry sky. The fact is that the form of the plant is actually determined and created by the cosmos. And you will now easily understand: If you look further into it, if you see the fixed stars out there, then closer to Earth you see the planets Saturn, Jupiter, Mars, and so on. They are moving. The fixed stars show you stationary constellations that give the plants their form. But the moving planets send down forces of motion. It is these forces that first draw the plants up from the root, then cause them to grow higher and higher, and so on. Just as the form of the plants is shaped by the fixed starry sky, so is their movement shaped by the motion of the celestial bodies closer to Earth. Only what takes place within the plant itself—this metabolism, such as when the plant absorbs carbon dioxide, assimilates it, as they say, and secretes carbon, thereby forming its carbon body—that comes from the forces of the Earth itself. We can therefore say: When we consider the plant in its entirety, its form comes from the starry sky, its growth comes from the movement of the planets, and its metabolism comes from the Earth.

[ 10 ] Das sind Dinge, welche heute von denen, die sich richtige wissenschaftliche Geister nennen, wie eine Narrheit angesehen werden, die aber doch eben die wahre Wirklichkeit sind. Denn derjenige, der die Pflanze in ihrem Wachstum und in ihrer Form so betrachtet, wie man das heute tut, der gleicht einem — ich muß hier ein Gleichnis gebrauchen, das ich schon öfter angewendet habe —, der eine Magnetnadel ansieht, die mit der einen Seite nach Norden, mit der anderen Seite nach Süden weist, und der nun sagt: Das ist in der Magnetnadel begründet, daß die eine Spitze nach Norden, die andere nach Süden zeigt. — Es ist eben nicht in der Magnetnadel begründet, sondern da nimmt natürlich die Naturforschung an, daß die ganze Erde ein großer Magnet ist, daß sie die eine Spitze anzieht nach Norden, die andere nach Süden. Da nimmt man in der Naturforschung schon die ganze Erde zu Hilfe, wenn man die Richtung der Magnetnadel erklären will. Geradeso muß man aber, wenn man die ganze Form der Pflanze erklären will, das ganze Weltenall zu Hilfe nehmen. Die Pflanze ist aus dem ganzen Weltenall heraus gebildet. Es ist einfach eine furchtbare Absurdität, daß dieselben Menschen, die zum Beispiel für die Magnetnadel die ganze Erde zu Hilfe nehmen, um nur ihre Richtung zu erklären, die Pflanze bloß aus ihren Zellen und deren Kräften heraus erklären wollen. Geradeso wie die Magnetnadel nur verstanden werden kann, wenn man sie in den ganzen magnetischen Erdenzusammenhang hineinstellt, so kann man die Pflanzen nur begreifen, wenn man sie in den ganzen kosmischen Zusammenhang hineinstellt, wenn man dazu kommt, sich zu sagen: Hier gehe ich über eine Gegend, sagen wir, des mittleren Europa; für dieses mittlere Europa haben in der Zeit des Blütenwachstums ganz besonders diese Sternbilder ihre Bedeutung; daher wachsen hier die Pflanzen dieses Gebietes, denn der Himmel läßt auf der Erde bestimmte Pflanzen auf einem Gebiete wachsen.

[ 10 ] These are things that are regarded today by those who call themselves true scientific minds as sheer folly, yet they are, in fact, the true reality. For anyone who observes a plant in its growth and form the way we do today is like someone—I must use a simile here that I have employed many times before—who looks at a magnetic needle pointing north with one end and south with the other, and who then says: “It is inherent in the magnetic needle that one end points north and the other south.” — It is not inherent in the magnetic needle at all; rather, natural science naturally assumes that the entire Earth is a great magnet, attracting one end toward the north and the other toward the south. In natural science, one already calls upon the entire Earth to explain the direction of the magnetic needle. In exactly the same way, however, if one wants to explain the entire form of the plant, one must take the entire universe into account. The plant is formed out of the entire universe. It is simply a tremendous absurdity that the very same people who, for example, invoke the entire Earth to explain the direction of the magnetic needle, want to explain the plant solely in terms of its cells and their forces. Just as the magnetic needle can only be understood when placed within the context of the Earth’s entire magnetic system, so too can plants only be comprehended when placed within the context of the entire cosmos—when one comes to say to oneself: Here I am walking through a region, let’s say, of Central Europe; for this Central Europe, during the flowering season, these particular constellations are especially significant; that is why the plants of this region grow here, for the heavens cause certain plants to grow in a particular area on Earth.

[ 11 ] Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus die Pflanzen betrachten will, wenn man also bis zu der Form geht, dann muß man eigentlich den ganzen Kosmos zu Hilfe nehmen. Bei den Tieren braucht man nur bis zu den Sternbildern des Tierkreises zu gehen. Darüber habe ich ja schon gesprochen. Auf die Tiere haben die außerhalb des Tierkreises befindlichen Sterne keinen Einfluß. Das Tier ist also schon selbständiger geworden, hängt nicht mehr in seiner organischen Bildung von dem ganzen Kosmos ab, sondern nur von dem, was im und unter dem Tierkreis ist.

[ 11 ] If one wishes to view plants from this perspective—that is, if one goes all the way down to their form—then one must actually draw upon the entire cosmos. With animals, one need only go as far as the constellations of the zodiac. I have already spoken about this. The stars outside the zodiac have no influence on animals. The animal has thus become more independent; its organic development no longer depends on the entire cosmos, but only on what is within and beneath the zodiac.

[ 12 ] Der Mensch ist noch selbständiger geworden, denn auf ihn haben zunächst, nicht insofern er Seele ist, aber insofern er ein physischer Organismus ist, nur die Planeten Einfluß. Nur da, wo es ins Moralische, ins Seelische übergeht, da müssen wir dann über den Planeteneinfluß hinausgehen, wie es in den älteren, wirklich guten Anschauungen über Astrologie geschehen ist, nicht in den heutigen laienhaften und dilettantischen, die noch zurückgeblieben sind. Aber aus alledem können Sie ersehen, daß man schon in einer gewissen Weise sagen muß, aber immer nur, insofern man das Äußere in Betracht zieht: dies gilt für die Pflanze. Für das Tier gilt, daß die Form zusammenhängt mit dem Tierkreis, daß das Wachstum zusammenhängt mit der Planetenbewegung und der Stoffwechsel mit der Erde.

[ 12 ] Human beings have become even more independent, for it is only the planets that influence them—not insofar as they are souls, but insofar as they are physical organisms. Only where this transitions into the moral and the spiritual must we then go beyond planetary influence, as was done in the older, truly sound views on astrology—not in today’s amateurish and dilettantish ones, which are still backward. But from all this you can see that one must already say, in a certain sense—though always only insofar as one considers the external aspects—that this applies to the plant. As for the animal, its form is related to the zodiac, its growth to the motion of the planets, and its metabolism to the Earth.

[ 13 ] Gehen wir zum Menschen herauf, dann können wir seine Form nicht mehr zuerteilen irgendwelchen Sternbildern, sondern nur dem ganzen Weltall als solchem, wir können nur sagen: der Sphäre; nicht den einzelnen Sternbildern, sondern der ganzen Sphäre. Ich habe deshalb einmal gesagt — ich habe es ja auch schon drucken lassen —, daß das menschliche Gehirn in einer gewissen Beziehung ein Abbild des ganzen Sternenhimmels ist, nicht einer einzelnen Sterngruppe. Also da ist die Sphäre für die Form. Für das Wachstum allerdings auch in einer gewissen Beziehung Planetenbewegung, aber jetzt die gesamte Planetenbewegung, nicht einzelne Planeten, wie es für die Pflanze, für das Tier ist; und für den Stoffwechsel wiederum die Erde.

[ 13 ] When we turn our attention to human beings, we can no longer attribute their form to any particular constellations, but only to the entire universe as such; we can only say: the sphere—not the individual constellations, but the entire sphere. That is why I once said—and I have already had it published—that the human brain is, in a certain sense, a reflection of the entire starry sky, not of a single group of stars. So there is the sphere for the form. As for growth, however, planetary motion also plays a role in a certain sense—but now the entire planetary motion, not individual planets, as is the case for plants and animals; and for metabolism, in turn, the Earth.

Pflanze:

Form, Sternenhimmel
Wachstum, Planeten
Stoffwechsel, Erde

Tier:

Form, Tierkreis
Wachstum, Planeten
Stoffwechsel, Erde

Mensch:

Form, Sphäre
Wachstum, Planeten
Stoffwechsel, Erde

Plant:

Form, Starry Sky
Growth, Planets
Metabolism, Earth

Animal:

Form, Zodiac
Growth, Planets
Metabolism, Earth

Human:

Form, Sphere
Growth, Planets
Metabolism, Earth

[ 14 ] Worin bestand denn der Fortschritt in der Erkenntnisentwickelung ? Im Grunde genommen hat bis in die Zeit des Mysteriums von Golgatha herein kein Mensch, der in bezug auf die Erkenntnis in Betracht gekommen ist, an diesen Dingen, die ich jetzt gerade auseinandergesetzt habe, gezweifelt. Wenn auch diese alte Erkenntnis nicht die vollbewußte Erkenntnis war, die wir heute etwa durch Anthroposophie anstreben, so war doch eine Art traumhafter, aber hellseherischer Erkenntnis in jenen alten Zeiten vorhanden, namentlich bis zu dem Mysterium von Golgatha. Und diejenigen Menschen, von denen man anerkannt hat, daß sie etwas von der Welt verstehen, die haben gar nicht daran gezweifelt, daß, wenn sie eine Pflanzenblüte anschauten, sie diese in Beziehung zu irgendwelchen Konfigurationen im Sternenhimmel zu setzen hatten. Und so auch bei anderem.

[ 14 ] What, then, was the nature of the progress in the development of knowledge? Essentially, right up until the time of the Mystery of Golgotha, no one of any significance in the realm of knowledge had ever doubted the things I have just explained. Even if this ancient knowledge was not the fully conscious knowledge we strive for today through anthroposophy, for example, a kind of dreamlike yet clairvoyant knowledge did exist in those ancient times, particularly up until the Mystery of Golgotha. And those people who were recognized as having some understanding of the world did not doubt at all that, when they looked at a flower, they had to relate it to certain constellations in the starry sky. And the same was true of other things as well.

[ 15 ] Dann ist diese Erkenntnis immer mehr und mehr dahingeschwunden in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha, und dann sind ja nach der großen Ausrottung der alten Erkenntnisse — diese Ausrottung habe ich ja öfter dargestellt — nur noch diejenigen Erkenntnisse übriggeblieben, die dann ins Mittelalter herein übertragen worden sind, die vielfach verballhornt worden sind, die jetzt in alten Schmökern verzeichnet werden und an denen sich jetzt noch manche Leute erlaben, die nicht zu der neuen Erkenntnis ihre Zuflucht nehmen wollen, sondern die immer wiederum ins Alte zurückschauen wollen.

[ 15 ] Then this knowledge gradually faded away during the first four centuries following the Mystery of Golgotha, and after the great eradication of the ancient knowledge — a process I have described on several occasions — only those insights remained that were then carried over into the Middle Ages, which have been distorted in many ways, which are now recorded in old tomes, and which still delight some people who do not wish to take refuge in the new insight, but who always want to look back to the old ways.

[ 16 ] Die Erkenntnis, zu der wir uns heute wiederum in vollem Bewußtsein aufringen, die kosmische Erkenntnis auch desjenigen, was als Gebilde hier auf unserer Erde auftritt, diese kosmische Erkenntnis, die wir heute anstreben, war allerdings nicht in einer bewußten Hellsichtigkeit, aber doch in einer gewissen Weise vorhanden. Sie wurde immer mehr und mehr abgedämmert. Und dann, nachdem der Mensch sich eine Zeitlang mehr demjenigen gewidmet hatte, was aus seinem Inneren heraus als künstlerisches Gestalten des Wortes in der Dramatik, des Gedankens in der Dialektik, des Lautes und Wortzusammenhanges in der Rhetorik, der Anschauung der Zahl in der Arithmetik, der Anschauung der Form in der Geometrie, nachdem sich der Mensch einige Jahrhunderte hindurch diesem künstlerischen Ausbilden der menschlichen Seelenkräfte gewidmet hatte, kam diejenige Weltanschauung herauf, die nun nicht mehr da draußen im Weltenall sucht, die nicht mehr fragt: Was ist da draußen, damit auf der Erde eine Lilienblüte, eine Tulpenblüte entstehen kann? Sondern es kam eine Weltanschauung herauf, die nur die gegenwärtige Stellung der Sterne, die Größe der Sterne berechnet, die nur die Mathematik gelten läßt, die höchstens die Mechanik und die Physik als Astrophysik gelten läßt, wenn die Sternenwelt, wenn das Außerirdische in Betracht kommt.

[ 16 ] The insight to which we are once again striving in full consciousness today—the cosmic insight into even that which appears here on our Earth as a form—this cosmic insight we are striving for today was, admittedly, not present in the form of conscious clairvoyance, but it did exist in a certain way. It gradually faded more and more. And then, after humanity had devoted itself for some time to what arose from within—the artistic shaping of the word in drama, of thought in dialectics, of sound and the interplay of words in rhetoric, the perception of number in arithmetic, and the perception of form in geometry— after humanity had devoted itself for several centuries to this artistic cultivation of the soul’s powers, a worldview emerged that no longer seeks out there in the cosmos, that no longer asks: What is out there that allows a lily or a tulip to bloom on Earth? Instead, a worldview emerged that calculates only the current positions of the stars and their sizes, that accepts only mathematics, and that, at most, accepts mechanics and physics as astrophysics when the world of the stars—when the extraterrestrial realm—is taken into consideration.

[ 17 ] Wenn hier die Erde ist und hier ein Maulwurf in der Erde, so hat der Maulwurf ein gewisses Weltbild. Aber viel Sonnenhaftes ist in diesem Weltbilde nicht darinnen. In der neueren Zeit haben die Menschen die Möglichkeit verloren, hinauszuschauen von der Lilienblüte, von der Tulpenblüte in den Sternenhimmel, so wie der Maulwurf nicht die Möglichkeit hat, hinauszuschauen über das Finstere der Erde. Und da stecken ja die Menschen bloß in Erde, Wasser, Luft und Feuer darinnen. Höchstens schauen sie so hinaus in das Licht wie der Regenwurm, wenn er einmal bei Regen herauskommt und vielleicht irgend etwas Spärliches von dem Licht da draußen wahrnimmt. Es ist tatsächlich mit Bezug auf die geistige Welt ein Maulwurfdasein geworden, in das sich die Menschheit nach und nach eingesponnen hat. Denn nur was der Mensch maulwurfsartig in seinem eigenen Inneren finden kann, die mathematischen Zusammenhänge, die sucht er drauBen im Kosmos; nicht aber sucht er das Konkrete und Geistig-Wirkliche draußen im Kosmos. Man könnte ja sagen: Das Erlebnis der Freiheit konnte dem Menschen nur dadurch kommen, daß er einmal eine Weile dieses Maulwurfsdasein geführt hat, daß er hingeschaut hat auf die Lilie und nicht mehr weiß, daß sich in der Lilie ein Himmelsbild abbildet; daß er hingeschaut hat auf die Tulpe und nicht mehr weiß, daß sich abbildet in der Tulpe ein Himmelsbild. Dadurch hat er seine Kräfte mehr auf ein Inneres gewendet, und er ist zu dem Erlebnis der Freiheit gekommen. Aber wir sind heute an dem Punkte angelangt, wo wir notwendigerweise das geistige Weltenall wiederum ins Seelenauge fassen müssen. Es muß wiederum dasjenige, was Jahrhunderte nur als mathematisches, mechanisches Gefüge des Raumes erschienen ist, als ein durchgeistigter Kosmos vor das seelische Auge treten. Man kann geradezu sagen: Durch Jahrhunderte hindurch hat die Menschheit der zivilisierten Welt ein geistiges Maulwurfsdasein geführt, allerdings zur Heranzüchtung der menschlichen Freiheit; denn Sinn hat alles, was im Fortschritt der Menschheit erlebt wird. Aber man muß diesen Sinn durchschauen, man muß nicht stehenbleiben bei einer Entwickelungsetappe, sondern man muß mit der Entwickelung mitgehen und muß sich heute klar sein: Nachdem die Menschheit das Erlebnis der Freiheit im irdischen Maulwurfsdasein entwickelt hat, muß es wieder hinausgehen zum Anschauen des Geistigen, der spirituellen Welt, nicht nur der mathematischen Welt.

[ 17 ] If this is the earth and there is a mole living in it, then the mole has a certain worldview. But there is not much that is sun-like in this worldview. In more recent times, people have lost the ability to look out from the blooming lily or the blooming tulip toward the starry sky, just as the mole has no way of looking out beyond the darkness of the earth. And so people are simply trapped within the earth, water, air, and fire. At most, they gaze out into the light like the earthworm does when it emerges during a rain shower and perhaps perceives a faint glimmer of the light out there. In relation to the spiritual world, it has indeed become a mole-like existence into which humanity has gradually entangled itself. For whatever a person can find within themselves, like a mole—the mathematical relationships—that is what they seek out there in the cosmos; but they do not seek the concrete and the spiritually real out there in the cosmos. One could indeed say: The experience of freedom could only come to human beings because they once led this “mole-like” existence for a while—because they looked at the lily and no longer knew that an image of heaven is reflected in the lily; because they looked at the tulip and no longer knew that an image of heaven is reflected in the tulip. Through this, they have turned their energies more toward their inner world, and they have come to the experience of freedom. But today we have reached the point where we must necessarily take in the spiritual universe once again with the eye of the soul. That which for centuries appeared only as a mathematical, mechanical structure of space must once again appear before the soul’s eye as a spiritualized cosmos. One might even say: For centuries, humanity in the civilized world has led a spiritual existence akin to that of a mole—albeit for the sake of cultivating human freedom; for everything experienced in the progress of humanity has a purpose. But one must see through to this meaning; one must not remain stuck at a single stage of development, but must move forward with that development and must be clear today: Now that humanity has developed the experience of freedom within its earthly, mole-like existence, it must once again emerge to behold the spiritual, the spiritual world—not merely the mathematical world.

[ 18 ] Aber stellen Sie sich recht lebhaft vor, was ich jetzt auseinandergesetzt habe. Es ist wirklich so, wie wenn es in seelischer Beziehung mit den ersten vier nachchristlichen Jahrhunderten finster geworden wäre, wie wenn früher die Menschen hinausgesehen hätten und im Kosmos — bildlich gesprochen — das Licht des Geistes geschaut hätten. Es war gerade noch Zeit, weil dieses Seelenschauen noch vier Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha angehalten hat, wenn es auch immer stumpfer und stumpfer geworden ist, daß in den ersten Jahrhunderten das Ereignis von Golgatha, das Christus-Ereignis noch geistig hat angeschaut werden können. Man hat nur die Literatur, die sich auf diese geistige Anschauung des Christus-Ereignisses bezieht, auch ausgerottet. Es ist ja von dieser Literatur nichts anderes vorhanden, als was die Gegner geschrieben haben. Dem Mysterium von Golgatha steht der Mensch so gegenüber, daß er außer den einfachen, scheinbar einfachen Darstellungen der Evangelien nicht die großen Darstellungen hat, die die Spiritualisten der ersten vier Jahrhunderte noch gegeben haben. Er hat nur die Darstellungen der Gegner. Von den größten Darstellungen des Mysteriums von Golgatha haben wir ungefähr so viel, wie die Nachwelt von der Anthroposophie hätte, wenn sie nur die Schriften von Ka/ly lesen würde. Ich denke, man würde da nicht gerade ein schr adäquates Bild bekommen. Das muß man ja immer bedenken, wie diese vier ersten Jahrhunderte gearbeitet haben im Ausrotten gerade der intensivsten Erkenntnisse, die noch vorhanden waren, als man hinausgeschaut hat in den Kosmos und wußte, daß aus einem geistigen Kosmos der Christus auf die Erde gekommen ist. Man mußte ja den geistigen Kosmos verstehen, um verstehen zu können, wie eben aus der geistigen Welt der Christus auf die Erde gekommen ist und in einem Menschen sich verkörpert hat. Dann blieb eben nichts weiter, weil die Menschheit in das nur Irdische eintauchte, als die Erinnerungen an das Mysterium von Golgatha. Die Erinnerungen pflanzten sich von Generation zu Generation fort. Und was als Erinnerung sich fortpflanzte, nannte man Offenbarung, suchte es zu begreifen mit dem Intellektualismus, der immer mehr heraufkam.

[ 18 ] But try to vividly imagine what I have just explained. It is truly as if, in a spiritual sense, darkness had fallen over the first four centuries after Christ, as if people had once looked out into the cosmos and—figuratively speaking—beheld the light of the Spirit. There was just enough time—because this spiritual vision persisted for four centuries after the Mystery of Golgotha, even though it grew increasingly dim—for the event of Golgotha, the Christ event, to still be spiritually perceived in the early centuries. But even the literature referring to this spiritual contemplation of the Christ event has been eradicated. Indeed, nothing remains of this literature except what the opponents have written. Humanity now faces the Mystery of Golgotha in such a way that, apart from the simple—or seemingly simple—accounts in the Gospels, it lacks the great descriptions that the spiritualists of the first four centuries still provided. We have only the accounts of the opponents. Of the greatest accounts of the Mystery of Golgotha, we have about as much as posterity would have of anthroposophy if it were to read only the writings of Ka/ly. I think one would not exactly get an adequate picture from that. One must always bear in mind how those first four centuries worked to eradicate precisely the most profound insights that still existed when people looked out into the cosmos and knew that Christ had come to Earth from a spiritual cosmos. One had to understand the spiritual cosmos in order to comprehend how Christ had come to Earth from the spiritual world and incarnated in a human being. Then, because humanity immersed itself solely in the earthly realm, nothing remained but the memories of the Mystery of Golgotha. These memories were passed down from generation to generation. And what was passed down as memory came to be called “revelation”; people sought to comprehend it through the intellectualism that was increasingly on the rise.

[ 19 ] Was ist es denn, was uns heute als Aufgabe zusteht gegenüber diesen Dingen? Das steht uns als Aufgabe zu, wiederum hinausschauen zu lernen in das Weltenall und Geist überall sehen zu können, nicht bloß indem wir uns in uns selber versenken und da das Geistige erleben wollen, sondern indem wir den Geist in allen Gebilden gerade des Kosmos draußen erleben können. Das steht uns zu, das muß wieder geschehen. Wir müssen wiederum eindringen in den lichten Geist des ganzen Kosmos, dann werden wir auch das Mysterium von Golgatha wieder in einem neuen Lichte sehen.

[ 19 ] What, then, is the task that falls to us today in the face of these things? Our task is to learn once again to look out into the universe and to be able to see Spirit everywhere—not merely by immersing ourselves within ourselves and seeking to experience the spiritual there, but by being able to experience Spirit in all the forms of the cosmos outside. This is our task; it must happen again. We must once again penetrate the luminous Spirit of the entire cosmos; then we will also see the Mystery of Golgotha in a new light.

[ 20 ] Ich habe Ihnen dargestellt, wie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dieses bloß konfessionelle Festhalten an das Mysterium von Golgatha eigentlich schon nicht mehr vorhanden war. Ich habe Ihnen gesagt, daß ein Geist wie Karl Julius Schröer schon im Anfange der siebziger Jahre gesagt hat: Die religiösen Streitfragen sind eigentlich ein Anachronismus. Die Menschen streben schon — so meinte er — nach etwas ganz anderem hin, nach einer anderen Frömmigkeit, nach einem anderen Verbundensein mit der geistigen Welt. — Aber es hat noch im wesentlichen diese letzten fünfzig Jahre gebraucht, damit nur solche schwachen Versuche gemacht werden wie der, den ich Ihnen angeführt habe in dem «Spiegelmenschen» von Werfel. Aber jetzt sieht man, einzelne Menschen drängt es hin, ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt wiederum zu finden. Nur glauben Sie nicht, daß dieser Zusammenhang mit der geistigen Welt leicht gefunden werden kann. Er kann aus dem Grunde nicht leicht gefunden werden, weil ja heute eine furchtbare Autorität hat, was man Wissenschaft nennt, was überall getrieben wird als offizielle Wissenschaft. Das aber ist eben hervorgegangen aus diesem Maulwurfstreiben. Ich meine das gar nicht in einem abträglichen Sinne. Ich bitte Sie nur, ja nicht zu denken, daß ich etwa hier die Zeit kritisieren will, indem ich sage «Maulwurfsdasein». Ich will nur charakterisieren, ich will wirklich gar nicht etwas Abträgliches sagen, denn im Grunde genommen ist seit dem 15. Jahrhundert recht Großes geleistet worden von diesen kosmischen Maulwürfen, die man die Menschen nennt.

[ 20 ] I have explained to you how, in the last third of the 19th century, this purely denominational clinging to the mystery of Golgotha had, in fact, already ceased to exist. I have told you that a thinker like Karl Julius Schröer said as early as the beginning of the 1870s: Religious disputes are, in fact, an anachronism. People, he believed, were already striving for something entirely different—a different kind of piety, a different kind of connection to the spiritual world. — But it has essentially taken these last fifty years for even such feeble attempts to be made as the one I cited for you in Werfel’s *The Mirror Man*. But now we see that individual people are being driven to rediscover their connection with the spiritual world. Just don’t think that this connection with the spiritual world can be found easily. It cannot be found easily for the simple reason that what is called “science”—what is practiced everywhere as official science—has such tremendous authority today. But that, in fact, has emerged from this “mole-like existence.” I don’t mean that in a derogatory sense at all. I only ask you not to think that I am trying to criticize the present age by using the term “mole-like existence.” I merely wish to characterize it; I truly do not intend to say anything derogatory, for, when all is said and done, quite great achievements have been made since the 15th century by these cosmic moles we call human beings.

[ 21 ] Wenn Sie das nicht glauben, so studieren Sie einmal vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus die Geographie der Maulwürfe oder Regenwürmer. Das ist zwar eine geträumte, aber es ist eine großartige Geographie; sie ist nur just nicht dem Menschen angemessen. Und wenn Sie erst die Geographie der Pflanzen studieren würden! Die Pflanze bringt es nicht einmal zum Träumen in ihrem Ätherleib, aber das, was im Ätherleib entdeckt werden kann, das ist wahrhaftig großartiger als was heute an einer Fakultät gelernt werden kann. Also, ich meine das durchaus nicht abträglich, wenn ich sage: ein Maulwurfsdasein, weil ich es aufs höchste schätze.

[ 21 ] If you don’t believe this, try studying the geography of moles or earthworms from a humanities perspective. It is, admittedly, an imagined geography, but it is a magnificent one; it is simply not suited to human beings. And if you were to study the geography of plants! A plant doesn’t even dream in its etheric body, but what can be discovered in the etheric body is truly more magnificent than anything that can be learned in a university department today. So, I certainly don’t mean this in a derogatory way when I say “a mole’s existence,” because I hold it in the highest regard.

[ 22 ] Aber die Welt ist eben in Entwickelung, und es ist jetzt einmal die Zeit, wo wir wieder einrücken müssen in das seelische Erfassen, in das Schauen der Geistigkeit. Der Mensch kann nicht weiterleben, ohne daß er sich einlebt in dieses seelisch-geistige Schauen der Geistigkeit. Und nun muß man sich ganz klarwerden, wie in den letzten fünfzig Jahren _ diese Dinge eigentlich gewirkt haben. Und da möchte ich wiederum eine charakteristische Persönlichkeit vorführen. Man kann manchmal an Persönlichkeiten viel genauer noch studieren, wie die Dinge sich entwickeln in bezug auf die Menschheitskulturen und ihren Fortschritt, als wenn man mehr unpersönlich und abstrakt schildert.

[ 22 ] But the world is, after all, in a state of development, and the time has now come when we must once again turn to spiritual perception, to the contemplation of the spiritual realm. Human beings cannot continue to live without immersing themselves in this spiritual contemplation of the spiritual realm. And now we must become fully clear on how these things have actually taken effect over the past fifty years. And here I would like to present another characteristic personality. Sometimes one can study much more precisely through individual personalities how things develop in relation to human cultures and their progress than by describing them in a more impersonal and abstract way.

[ 23 ] Ich habe Sie in diesen vergangenen Betrachtungen hier auf Brentano und Nietzsche hingewiesen, um Ihnen zu zeigen an dem, was Menschenseelen durchgemacht haben, wie eigentlich die Entwickelung war. Heute möchte ich Ihnen mehr von der anderen Seite etwas zeigen, wie ein Mensch aufgefaßt worden ist von seinen Mitmenschen.

[ 23 ] In my previous reflections, I have referred you here to Brentano and Nietzsche in order to show you, through what human souls have gone through, what this development was actually like. Today I would like to show you more from the other side—how a person has been perceived by his fellow human beings.

[ 24 ] Da ist in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, am 22. Juli 1822 — wir feiern heute seinen hundertsten Geburtstag —, ein gewisser Gregor Mendel geboren. Ich habe ihn neulich erwähnt, als ich sagte, während wir in Wien waren, erschienen überall die Artikel über Gregor Mendel, weil sich sein hundertster Geburtstag jetzt nähert. Dieser Gregor Mendel ist als ein Bauernsohn in einem schlesischen Ort geboren, hat mit großer Mühe und sehr gutem Fortschritt studiert und ist dann mit vierundzwanzig Jahren in Mähren zum Priester ordiniert worden. Er wurde also katholischer Priester. Gregor Mendel war als Gymnasiast und auch noch auf dem Priesterseminar ein außerordentlich, wie man so sagt, braver Schüler. Es war dazumal in Österreich so üblich — es war in den vierziger oder fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts —, daß besonders braven, fleißigen Schülern von ihren Klöstern Stipendien gegeben wurden. Sie wurden dann auf die Universität geschickt, um zu Mittelschullehrern, zu Gymnasial- und Realschullehrern vorbereitet zu werden, denn fast alle Stellen in den Gymnasien und Realschulen — ich habe das neulich, als ich Ihnen unsere Wiener Reise beschrieben habe, auch erwähnt — waren von Mönchen oder Priestern besetzt. Die Priester waren in Österreich Lehrer an den Schulen, die man hier die höheren Schulen nennt, bis an die Universitäten hinauf.

[ 24 ] In the 1820s—on July 22, 1822, to be exact—a certain Gregor Mendel was born; today we are celebrating his 100th birthday. I mentioned him recently when I said that, while we were in Vienna, articles about Gregor Mendel were appearing everywhere because his 100th birthday is now approaching. This Gregor Mendel was born the son of a farmer in a Silesian village; he studied with great diligence and made excellent progress, and was then ordained a priest in Moravia at the age of twenty-four. He thus became a Catholic priest. As a high school student and later at the seminary, Gregor Mendel was an exceptionally—as they say—model student. It was customary in Austria at that time—in the 1840s or 1850s—for particularly well-behaved, diligent students to receive scholarships from their monasteries. They were then sent to the university to be trained as secondary school teachers—for high schools and secondary schools—because almost all positions in high schools and secondary schools—as I also mentioned recently when I described our trip to Vienna to you—were held by monks or priests. In Austria, priests served as teachers at schools—which are called “higher schools” here—all the way up to the universities.

[ 25 ] Er wurde nach Wien geschickt, um dort die Mathematik und die exakten Naturwissenschaften zu studieren. Dann mußte man, nachdem man drei Jahre studiert hatte, in der damaligen Zeit die Lehramtsprüfung machen. Mendel stellte sich zur Lehramtsprüfung, dachte offenbar, weil er früher immer so ausgezeichnete Zeugnisse bekommen hatte: Jetzt geht das auch so einfach. Schließlich ist er durchgeplumpst bei der Lehramtsprüfung, mußte sie wiederholen, plumpste wieder dutch, so daß er sie ein drittes Mal nicht wiederholen konnte; denn wenn man zweimal bei einer so wichtigen Sache durchgeplumpst ist, so geht es nicht mehr weiter.

[ 25 ] He was sent to Vienna to study mathematics and the exact sciences. Back then, after three years of study, one had to take the teacher certification exam. Mendel sat for the exam, apparently thinking—since he had always received such excellent grades in the past—that it would be just as easy this time. In the end, he failed the teaching certification exam, had to retake it, failed again, and was unable to retake it a third time; for if one has failed such an important exam twice, there is no way to proceed further.

[ 26 ] Durch alle möglichen Umstände, wie es im alten Österreich einmal war, hat ein Schuldirektor irgendwo in Mähren dann einmal gesagt: Nun, einen anderen, der durchgekommen ist, der ein gutes Zeugnis bekommen hat, den haben wir nicht; wir brauchen aber einen Lehrer, da stellen wir doch eben den Gregor Mendel an. Und er wurde dann fünfzehn Jahre lang Realschullehrer. Es ist nicht zu leugnen, er ist es dennoch geworden, also einer von denjenigen Realschullehrern, die eben als Priester hineingeschickt worden sind in diese höheren Schulen.

[ 26 ] Due to all sorts of circumstances—as was once the case in old Austria—a school principal somewhere in Moravia once said: “Well, we don’t have anyone else who made it through and got good grades; but we need a teacher, so we’ll just hire Gregor Mendel.” And so he became a secondary school teacher for fifteen years. There’s no denying it—he did become one of those secondary school teachers who had been sent there as priests to teach in these higher schools.

[ 27 ] Dann hat er aber seine Liebe zur Naturwissenschaft ganz besonders ausgelebt, hat eine große Anzahl von Versuchen gemacht über die Art und Weise, wie die Vererbung geschieht, namentlich bei den Pflanzen. Er hat Pflanzen gesammelt, gepflanzt, solche, sagen wir, die eine rötliche Blüte, und solche die weißliche Blüten haben. Dann hat er diejenigen, die rötliche Blüten haben, befruchten lassen von denen, die weißliche haben, hat dann Pflanzen bekommen mit lauter rötlichen Blüten, die Tochterpflanzen waren. Aber in der zweiten Generation war es anders. Da war eine bestimmte Anzahl von rötlichen Blüten, weißlichen Blüten, scheckigen Blüten, und so ging es weiter. Kurz, Gregor Mendel hat sich gesagt: Ich muß die Atome, das eigentlich Atomistische suchen in der Pflanzenwelt, in der organischen Welt überhaupt. — Wer die Entwickelung des geistigen Lebens kennt, der weiß, wieviel man dazumal nachgedacht hat über die Vererbung. Es gibt ungeheuer viele Vererbungstheorien. Aber Gregor Mendel hat sich nicht viel gekümmert um diese Vererbungstheorien, sondern er hat seine Erbsenpfianzen gepflanzt und nachgeschaut, wie da die Vererbung geschieht, wenn er eine weiße von einer rötlichen Erbse hat befruchten lassen, er hat geschaut, ob er eine rote, weiße oder scheckige Erbse kriegt, und so hat er durch Generationen festgestellt, wie sich zum Beispiel da die Farbe gestaltet, wie sich die Vererbung überhaupt unter verschiedenen Bedingungen, Größenverhältnissen und dergleichen bei den Erbsen gestaltet.

[ 27 ] But then he really indulged his love of natural science, conducting a large number of experiments on the mechanisms of heredity, particularly in plants. He collected and planted plants—some, let’s say, with reddish flowers, and others with whitish flowers. He then had the ones with reddish flowers pollinated by those with whitish flowers, and as a result obtained plants with only reddish flowers—these were the daughter plants. But in the second generation, the pattern changed. There was a certain number of reddish flowers, whitish flowers, mottled flowers, and so on. In short, Gregor Mendel said to himself: I must seek out the atoms—the truly atomistic—in the plant world, in the organic world in general. — Anyone familiar with the development of intellectual thought knows how much thought was given to heredity back then. There are an immense number of theories of heredity. But Gregor Mendel did not concern himself much with these theories of heredity; instead, he planted his pea plants and observed how heredity occurred when he had a white pea fertilized by a reddish one, he observed whether he would get a red, white, or mottled pea, and in this way, over generations, he determined, for example, how color develops and how inheritance in general takes shape under various conditions, proportions, and the like in peas.

[ 28 ] Ich beschrieb Ihnen gestern die Zeit — es war in den sechziger Jahren —, wo alles das heraufkam, was ich geschildert habe, was in Herman Grimms «Unüberwindlichen Mächten», in Paul Heyses «Kinder der Welt», in Du Bois-Reymonds «Grenzen des Naturerkennens» und so weiter von den verschiedensten Seiten her wirkte. Bei Mendel wirkte es so, daß er die Vererbungsverhältnisse festgestellt hat.

[ 28 ] Yesterday I described to you the period—it was in the 1860s—when everything I have described began to emerge, as reflected in Herman Grimm’s *Unüberwindliche Mächte*, Paul Heyse’s *Kinder der Welt*, Du Bois-Reymond’s *Grenzen des Naturerkennens*, and so on, from a wide variety of perspectives. In Mendel’s case, this led him to establish the laws of inheritance.

[ 29 ] Die Herren Examinatoren bei den beiden Lehramtsprüfungen, die haben sich doch wenigstens so viel um Gregor Mendel gekümmert, daß sie ihn zweimal haben durchplumpsen lassen, daß sie ihm also zweimal das Zeugnis ausgestellt haben: Gänzlich unbrauchbar, um Gymnasiasten oder Realschülern irgendwelche Wissenschaft beizubringen! — Die anderen Leute dann, die späteren, haben sich überhaupt nicht mehr um Gregor Mendel gekümmert. Die Bücher, die er geschrieben hat über die Vererbungsgesetze, die sind ziemlich verschimmelt in den Bibliotheken. Es hat sich niemand mehr darum gekümmert.

[ 29 ] The examiners for the two teacher certification exams—they at least paid enough attention to Gregor Mendel to fail him twice, meaning they issued him a certificate twice: Completely unfit to teach any science to high school or middle school students! — As for the others who came later, they didn’t concern themselves with Gregor Mendel at all. The books he wrote on the laws of inheritance have been gathering dust in the libraries. No one has paid any attention to them anymore.

[ 30 ] Aber seit etwa zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, da können Sie finden, daß sich die Leute immer mehr und mehr um Gregor Mendel kümmerten. Da gruben sie seine Vererbungsgesetze aus. Denn jetzt stehen wir ja vor einer ganz besonderen Phase der Wissenschaft. In jener Epoche, wo Herman Grimm zeigen wollte, wie der menschliche Intellekt nicht Standesvorurteile überwinden kann, weil er nicht kraftvoll ist, in der Epoche, in der Du Bois-Reymond sein «Ignorabimus» ausgesprochen hat, in der Paul Heyse seine «Kinder der Welt» geschrieben hat, also in der Epoche, wo der Verstand, der Intellekt immer kraft- und saftloser geworden ist, wo aber doch bei den konfessionslosen Leuten überall ein Hang zu einer neuen Frömmigkeit da war, der jetzt fünfzig Jahre gewirkt hat, in derselben Zeit, wo man überall sich bemüht hat, den Atomismus zum Entseelen in der Wissenschaft zu entwickeln, da bemühte sich auch Gregor Mendel darum, den botanischen und zoologischen Atomismus zu entdecken. Er bemühte sich, jede Pflanze ihrer Vererbung nach zusammenzusetzen aus roten und weißen Blüten, aus großen und kleinen, aus dicken und dünnen Blüten, nachzusehen, wie dicke und dünne, rote und weiße Blüten, wenn sie einmal da sind, so unveränderlich bleiben, wie die Atome unveränderlich bleiben. Dazumal haben die Leute zum Beispiel gesagt: In der Kohlensäure haben wir Kohle und im Kohlenwasserstoff haben wir Kohle. Kohlenwasserstoff ist etwas ganz anderes als Kohlensäure, aber in beiden ist Kohle darinnen. Die Atome, die da als Kohle darinnen sind, die sind in der Kohlensäure, sind im Kohlenwasserstoff dieselben.

[ 30 ] But for about twenty or twenty-five years now, you’ll find that people have been taking an increasing interest in Gregor Mendel. They’ve been rediscovering his laws of inheritance. For we are now facing a very special phase in science. In that era, when Herman Grimm sought to show how the human intellect cannot overcome class prejudices because it lacks strength, in the era when Du Bois-Reymond uttered his “Ignorabimus,” when Paul Heyse wrote his *Children of the World*—in short, in the era when the intellect, the intellect had become increasingly lifeless and enfeebled, yet among non-denominational people everywhere there was a tendency toward a new piety—one that has now been at work for fifty years—at the very same time when efforts were being made everywhere to develop atomism into a dehumanizing force in science, Gregor Mendel, too, strove to discover botanical and zoological atomism. He sought to analyze the heredity of every plant by breaking it down into red and white flowers, large and small, thick and thin flowers, to observe how thick and thin, red and white flowers, once they exist, remain as unchanging as atoms remain unchanging. Back then, people used to say, for example: “We have carbon in carbonic acid, and we have carbon in hydrocarbons.” Hydrocarbons are something entirely different from carbonic acid, but both contain carbon. The atoms present as carbon—whether in carbonic acid or in hydrocarbons—are the same.

[ 31 ] Mendel hat gesagt: Da habe ich eine rote Erbsenblüte, da habe ich eine weiße Erbsenblüte. Jetzt kriegen die Kinder, die sind vielleicht rot. Aber jetzt kriegen die wieder Kinder, da sind einige darunter rot, einige darunter sind aber weiß, einige scheckig, rotweiß gesprenkelt. Und nun geht es wieder weiter: Die kriegen wieder Kinder, und da sind nun wiederum rote, weiße und scheckige darunter und so fort. — Jetzt hat man die atomistische Betrachtungsweise in bezug auf die Pflanzen. Wenn wir nur die Farbe betrachten, rot und weiß, da hat sich, wo die Erbsen rot sind, nur das Weiß verborgen; es ist auch drinnen, nur verborgen. Aber bei den weiteren Kindern, da kommt es wieder heraus, gerade so, wie der Kohlenstoff in der Kohlensäure und im Kohlenwasserstoff ist, in Stoffen, die voneinander ganz verschieden sind. Das ist ja das Wesentliche in den Atomen, der Kohlenstoff ist hier und ist da; das ist überall dasselbe, die festen, die ewigen Atome. Die ewigen Atome bei der Pflanze, die durch die Vererbung durchgehen, das sind die Farben, aber auch zum Beispiel, ob die Pflanze dick oder dünn, groß oder klein ist; aber das Weiß erhält sich, es ist nur manchmal verborgen. Wie in dem Wasser der Sauerstoff, so ist hier das Weiß in den roten Kindern verborgen und kommt wiederum zum Vorschein, wenn es Gelegenheit dazu hat.

[ 31 ] Mendel said: Here I have a red pea flower, and here I have a white pea flower. Now they produce offspring—some of which may be red. But then those offspring produce more offspring, and among them some are red, some are white, and some are mottled, speckled with red and white. And now it continues: They have more offspring, and among them there are again red, white, and mottled ones, and so on. — Now we have the atomistic perspective with regard to plants. If we consider only the color—red and white—then where the peas are red, the white is merely hidden; it is also there inside, just hidden. But in the subsequent generations, it emerges again, just as carbon is present in carbonic acid and in hydrocarbons—substances that are entirely different from one another. That is, after all, the essence of atoms: carbon is here and there; it is the same everywhere—the fixed, eternal atoms. The eternal atoms in the plant, which are passed down through heredity, are the colors, but also, for example, whether the plant is thick or thin, large or small; yet the white remains—it is simply hidden at times. Just as oxygen is hidden in water, so here the white is hidden in the red children and reappears when the opportunity arises.

[ 32 ] Gregor Mendel war wirklich ein großer Mann, denn er hat im Sinne seiner Zeit das, was man damals als das der Zeit Angemessene gefunden hat, den Atomismus für die leblose Welt, aufgesucht, und zwar an der richtigen Stelle, für die Pflanzenwelt. Auch für die Tierwelt hat er von da ausgehend sehr interessante Bemerkungen gemacht, trotzdem er zweimal durchgefallen ist bei der Lehramtsprüfung. Er hat das alles gemacht, aber damals haben sich die Leute nicht darum gekümmert.

[ 32 ] Gregor Mendel was truly a great man, for—in keeping with the spirit of his time and what was then considered appropriate—he pursued atomism as it applied to the inanimate world, and he did so in the right context: the plant kingdom. Building on that foundation, he also made very interesting observations regarding the animal kingdom, even though he failed his teacher certification exam twice. He did all of this, but people at the time paid no attention to it.

[ 33 ] Dann kam die Zeit, in der durch die Entdeckung des Radiums und so weiter der Atomismus in der leblosen Welt gesprengt wurde. Neulich ist in Berlin eine Rektoratsrede gehalten worden, die das sehr schön auseinandergesetzt zu haben scheint: man kann heute nicht mehr an der alten Atomistik festhalten. Aber die Leute kriegen nicht gleich so schnell Atem. Nun sind sie in einer Art von Atemverlieren, wenn sie keinen Atomismus mehr haben. In der Physik geht es nicht mehr, in der Chemie geht es auch nicht mehr recht. So sind denn, nachdem der Gregor Mendel nun lange Zeit verstaubt war, seine Vererbungsgesetze ausgegraben worden, und heute können Sie überall finden, daß man von dem Mendelismus spricht, daß der Mendelismus etwas von allererstem Range in bezug auf die Vererbungslehre genannt wird, hundert Jahre nach seinem Geburtstag. Überall in den gelehrten Akademien werden jetzt die Jahrhundertfeiern für Gregor Mendel begangen.

[ 33 ] Then came the time when, with the discovery of radium and so on, atomism in the inanimate world was shattered. Recently, a speech was given by the university president in Berlin that seems to have explained this very well: we can no longer cling to the old concept of atomism today. But people don’t catch their breath so quickly. Now they’re in a sort of state of disorientation, having lost their atomism. It no longer works in physics, nor does it quite work in chemistry either. So, after Gregor Mendel had been gathering dust for a long time, his laws of inheritance have been unearthed, and today you can find everywhere that people speak of “Mendelism,” that Mendelism is regarded as something of the very highest order in the field of genetics, a hundred years after his birth. Centennial celebrations for Gregor Mendel are now being held throughout the scholarly academies.

[ 34 ] Es ist ein interessantes Leben: Der Priester, der ganz unbeachtet während seines Lebens geblieben ist, der zweimal durchgefallen ist bei der Lehramtsprüfung, hat doch etwas zustande gebracht, was heute eine große Anzahl von Akademien über den ganzen Erdkreis hin als eine allererste geistige Tat feiern. Ich habe Ihnen bei Brentano den Menschen von innen gezeigt, wie er die Welt angeschaut hat, wie er über das Vatikanum, über das Infallibilitätsdogma gedacht hat. Bei Nietzsche habe ich Ihnen etwas Ähnliches zu zeigen versucht. Bei Gregor Mendel wollte ich Ihnen mehr zeigen, wie die anderen ihn angeschaut haben. Denn es ist ja immerhin interessant, daß die gelehrte Körperschaft ihn zweimal hat durchfallen lassen bei der Lehramtsprüfung, daß er dann ganz unbeachtet geblieben ist und jetzt die Welt beherrscht in bezug auf die sogenannten Vererbungsgesetze. Was ist das? Das ist im Grunde genommen auch nichts anderes als das Herausbilden der letzten Phase des Intellektualismus und allerdings noch anderes, von dem ich dann erst morgen reden möchte. Aber das Herausbilden des Intellektualismus, die letzten Atemzüge des Intellektualismus, der ja so verknüpft ist mit dem Atomismus, das können wir wahrnehmen in diesem Verhältnis, in dem die Welt zu Gregor . Mendel gestanden hat und auch heute steht.

[ 34 ] It is an interesting life: The priest, who remained completely unnoticed during his lifetime and who failed the teaching certification exam twice, nevertheless accomplished something that a great number of academies across the globe today celebrate as a truly groundbreaking intellectual achievement. With Brentano, I showed you the man from the inside—how he viewed the world, how he thought about the Vatican Council and the dogma of infallibility. With Nietzsche, I tried to show you something similar. With Gregor Mendel, I wanted to show you more of how others viewed him. For it is, after all, interesting that the academic body failed him twice on his teaching certification exam, that he then remained completely overlooked, and yet now dominates the world with regard to the so-called laws of inheritance. What is this? It is, in essence, nothing other than the emergence of the final phase of intellectualism—and indeed something else as well, which I would like to discuss tomorrow. But the emergence of intellectualism—the final gasps of intellectualism, which is, after all, so closely linked to atomism—we can perceive this in the relationship the world has had with Gregor Mendel and continues to have today.

[ 35 ] Wahrhaftig, ich habe gar nicht etwa das Bedürfnis, Gregor Mendel von seinem Ruhm das allergeringste zu nehmen. Im Gegenteil, ich habe die Gelegenheit heute ergriffen, um Ihnen einen wirklich großen Mann nahezubringen, damit Sie auch hier an diesen großen Mann denken. Er ist ein großer Mann. Aber gerade an großen Männern und ihren inneren und äußeren Schicksalen kann man die Weiterentwickelung der Menschheit studieren. Nicht an den kleinen, an den großen muß man das studieren, und Gregor Mendel ist ein großer Mann, und Sie können versichert sein, ich freue mich mehr darüber, daß er heute in allen möglichen wissenschaftlichen Akademien gefeiert wird, als daß ich mich etwa darüber freute, daß er zweimal durchgefallen ist. Das können Sie sicher glauben. Aber das Schicksal von Gregor Mendel ist schon außerordentlich interessant. Und ich möchte sagen: Dieses jetzt Sich-Anklammern an den Atomismus in der organischen Welt, das ist ungeheuer charakteristisch für unsere Zeit und gehört eigentlich zu all den Erscheinungen, die ich Ihnen in diesen Tagen beschreiben wollte, die ich gestern von einem anderen Gesichtspunkte aus beleuchtet habe und die ich Ihnen heute darstellte von dem Gesichtspunkt des Mendelismus aus, zu der Jahrhundertfeier von Johann Gregor Mendel.

[ 35 ] Truly, I have absolutely no desire whatsoever to detract in the slightest from Gregor Mendel’s fame. On the contrary, I have taken this opportunity today to introduce you to a truly great man, so that you, too, may reflect on this great man here. He is a great man. But it is precisely through great men and their inner and outer destinies that one can study the further development of humanity. It is not through the small, but through the great, that one must study this, and Gregor Mendel is a great man; and you can rest assured that I am happier about the fact that he is celebrated today in all manner of scientific academies than I would have been had he failed his exams twice. You can certainly believe that. But the fate of Gregor Mendel is indeed extraordinarily interesting. And I would like to say: This current clinging to atomism in the organic world is tremendously characteristic of our time and actually belongs to all the phenomena I wanted to describe to you these past few days—phenomena I illuminated yesterday from a different perspective and which I presented to you today from the perspective of Mendelism, on the occasion of the centennial celebration of Johann Gregor Mendel.