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Human Questions and Cosmic Answers
GA 213

21 July 1922, Dornach

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Human Questions and Cosmic Answers, tr. SOL
  1. Menschenfragen und Weltenantworten

Zwölfter Vortrag

Twelfth Lecture

[ 1 ] Die letzten Vorträge hier waren wesentlich gewidmet einer Auseinandersetzung über die Art und Weise, wie man sich das gegenwärtige Zeitbewußtsein zu denken hat. Ich habe dann das letzte Mal versucht, in frühere Zeiträume zurückzugreifen und darauf aufmerksam zu machen, wie dasjenige, was jetzt in den Seelen lebt, sich eigentlich innerhalb der abendländischen Zivilisation seit sehr langer Zeit vorbereitet hat. Heute möchte ich aus der unmittelbaren Gegenwart episodisch herausheben einiges von dem, das Sie aufmerksam machen könnte darauf, wie sich aus dem allgemeinen Zeitbewußtsein mit Notwendigkeit — einfach aus der in der Menschheitsentwickelung liegenden Notwendigkeit — ein spirituelles Leben gestalten muß. Wir können ja sagen: Wo wir auch schließlich den Menschen beobachten, ob im Westen der gegenwärtigen Zivilisation, in der Mitte oder im Osten, überall bei einer intimeren Zeitbetrachtung kann uns klarwerden, wie es ohne das Einsetzen eines spirituellen Impulses einfach nicht mehr weitergeht.

[ 1 ] The most recent lectures here were largely devoted to an examination of how one should conceive of the current sense of time. Last time, I attempted to look back to earlier periods and draw attention to how what now lives in people’s souls has, in fact, been developing within Western civilization for a very long time. Today I would like to highlight, in a series of anecdotes drawn from the immediate present, some aspects that might draw your attention to how a spiritual life must necessarily take shape out of the general sense of time—simply out of the necessity inherent in human development. We can indeed say: No matter where we ultimately observe human beings—whether in the West of our present civilization, in the Middle, or in the East—everywhere, upon a more intimate contemplation of time, it can become clear to us that without the introduction of a spiritual impulse, progress is simply no longer possible.

[ 2 ] Wir wollen heute gewissermaßen durch die Charakteristik des Anfanges und des Endes, um anderes für morgen und übermorgen vorzubereiten, die letzten fünfzig Jahre mitteleuropäischer geistiger Entwickelung ins Auge fassen. Ich will das symptomatisch tun. Ich will es so tun, daß ich einiges charakterisiere für den Anfang und für das Ende dieser letzten fünfzig Jahre.

[ 2 ] Today, by characterizing the beginning and the end—in a sense, to prepare the ground for tomorrow and the day after—we want to take stock of the last fifty years of Central European intellectual development. I intend to do this in a symptomatic way. I intend to do so by highlighting certain characteristics of the beginning and the end of these last fifty years.

[ 3 ] Wenn wir etwa in den Beginn der siebziger Jahre zurückgehen, so finden wir mannigfache geistige Erscheinungen, welche darauf hinweisen, wie dazumal die Verfassung der Menschenseele war. Ich will aus diesen geistigen Erscheinungen einiges hervorheben. Da haben wit, sagen wir 1872, 1873 ein aufsehenerregendes Romanwerk, das mit den Tendenzen der damaligen Zeit innig zusammenhängt. Für die jüngeren Leute in unserer Zeit sind diese Dinge eigentlich vergessen, aber das Romanwerk, das ich meine, ist tatsächlich ein solches, das vor fünfzig Jahren etwa in einer außerordentlich einschneidenden Weise die Geister ergriffen hat. Ich meine Paul Heyses «Kinder der Welt». Paul Heyse, der in der damaligen Zeit berühmte Novellenschreiber, wollte mit diesem seinem Roman eine Anzahl von Persönlichkeiten in ihrem Leben darstellen, die alle von einer gewissen unbestimmten Religiosität schon durchzogen sind, die aber zu gleicher Zeit abgefallen sind von irgendwelchen religiösen Bekenntnissen. Also den Kindern Gottes, die, ich möchte sagen, Paul Heyse mit althergebrachter Terminologie etwa sah in dem, was irgendeiner Konfession angehörte, wollte er gegenüberstellen die Kinder der Welt, die keiner Konfession angehörten, die, wie man dazumal sagte, konfessionslos waren, die aber dennoch einen bestimmten Zug nach dem Ergreifen eines Religiösen hatten. Nun will ich nicht über diesen Roman selbst allzuviel sprechen, sondern ich möchte aufmerksam machen, wie ein solches Werk, das also Menschen hinstellt, die konfessionslos sind, in der damaligen Zeit Eindruck machte.

[ 3 ] If we go back to the early 1970s, for example, we find a wide variety of spiritual phenomena that shed light on the state of the human soul at that time. I would like to highlight a few of these spiritual phenomena. There, let’s say in 1872 or 1873, we have a sensational novel that is intimately connected with the trends of that time. For younger people today, these things have actually been forgotten, but the novel I am referring to is indeed one that, some fifty years ago, captured the imagination in an extraordinarily profound way. I am referring to Paul Heyse’s *Children of the World*. Paul Heyse, a renowned short-story writer of his time, sought with this novel to portray a number of characters in their lives—all of whom were already imbued with a certain vague religiosity, yet who had at the same time fallen away from any religious creed. Thus, he wanted to contrast the “children of God”—whom, I might say, Paul Heyse viewed, using traditional terminology, as belonging to some denomination—with the “children of the world,” who belonged to no denomination, who, as one said at the time, were non-denominational, but who nevertheless possessed a certain inclination toward the religious. Now, I do not wish to speak too much about this novel itself, but rather I would like to draw attention to how such a work—which thus portrays people who are non-denominational—made an impression at that time.

[ 4 ] Ich habe ja öfters vor Ihnen meinen alten Freund und Lehrer Karl Julius Schröer erwähnt. Er hatte die Eigentümlichkeit, daß er die geistigen Erscheinungen so verfolgte, wie sie ihre Wirkung taten im breiteren sozialen Leben. Und so charakterisierte Karl Julius Schröer die Wirkung von Paul Heyses «Kinder der Welt» dadurch, daß er sagte, es sei außerordentlich merkwürdig, wie dieser Roman dazumal, also heute vor fünfzig Jahren, durch alle Hände ging, überall interessierte, wie die Leute eigentlich durch diesen Roman erst darauf kamen, worüber sie früher niemals nachgedacht hatten: daß sie einem positiven Religionsbekenntnis fernstehen, daß sie auch mit ihrem religiösen Suchen nicht innerhalb irgendeines Religionsbekenntnisses stehenblieben. Und Schröer machte dazumal die außerordentlich interessante Bemerkung, daß Menschen, die bis dahin an den Kultushandlungen ihrer Kirche durchaus teilgenommen hatten, die also aus Gewohnbheit ihre alten Kultushandlungen, die Gebräuche ihrer Kirche mitgemacht hatten, daß solche Menschen sagten, dieses Werk spreche eigentlich ihre innerste Überzeugung aus. Und daran schließt dann Schröer den Satz, der eigentlich interessant ist, daß gegenüber einer solchen Erscheinung religiöse Streitfragen wie ein Anachronismus erscheinen, wie etwas, was eigentlich nicht mehr in die Gegenwart paßt — er meint die Gegenwart vom Anfange der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts —, weil die Menschen schon in ihrem Denken darüber hinaus seien. Aber wie gesagt, trotzdem das alles gilt, müssen wir doch sagen: Die Leute, die da geschildert werden, die haben jeden Zusammenhang mit einem der bestehenden Bekenntnisse verloren, aber es liegt in ihnen ein bestimmter Zug, irgendeine Art von Religiosität zu finden. Sie können sie nur nicht finden. Sie gehen konfessionslos dutch die Welt, finden nicht einen Zusammenhang mit einer geistigen Welt durch religiöses Empfinden.

[ 4 ] I have often mentioned my old friend and teacher Karl Julius Schröer to you. He had a peculiar way of examining intellectual phenomena as they manifested their effects in broader social life. And so Karl Julius Schröer characterized the impact of Paul Heyse’s *Children of the World* by saying that it was extraordinarily remarkable how this novel, back then—that is, fifty years ago—passed from hand to hand, arousing interest everywhere, and how it was actually through this novel that people first came to realize things they had never thought about before: that they were distant from any positive religious creed, and that even in their religious searching they did not remain confined within any particular religious creed. And Schröer made the extraordinarily interesting observation at the time that people who, up until then, had fully participated in their church’s liturgical practices—that is, who had gone through the motions of their church’s old rituals and customs out of habit—that such people said this work actually expressed their innermost convictions. Schröer then concludes with a statement that is particularly interesting: that in the face of such a phenomenon, religious disputes appear as an anachronism, as something that no longer fits into the present—he is referring to the present at the beginning of the 1870s—because people’s thinking had already moved beyond that. But as I said, even though all of this is true, we must still say: The people described here have lost all connection to any of the existing denominations, yet there is a certain trait within them that drives them to seek some kind of religiosity. They simply cannot find it. They go through life without a denomination, unable to find a connection to a spiritual world through religious feeling.

[ 5 ] Wenn wir von einer solchen Erscheinung, die sich mehr innerhalb des belletristisch-literarischen Lebens abspielte, nun in die Hörsäle hineinschauen, so finden wir, daß es ungefähr dieselbe Zeit ist, in der die Überzeugung von außerordentlich vielen Leuten, die innerhalb der Wissenschaft standen, ausgesprochen wurde von Du Bois-Reymond mit den schon von mir häufig genannten «Grenzen des Naturerkennens». In diesem berühmten Vortrage, den Du Bois-Reymond 1872 gehalten hat, wird ausgesprochen, daß eine sichere Erkenntnis nur möglich ist, wenn man die äußeren Naturerscheinungen durch Versuch und Beobachtung verfolgt und vordringt zu einer Art mathematisch-mechanischen Denkens über das Weltengebäude, zu einer Art von Mechanismus, von atomistischem Mechanismus des Weltgebäudes. Über ein solches Erfassen der Welt komme die Wissenschaft nicht hinaus, alles übrige müsse einem Glauben überlassen werden. Wenn man aber die Menschen, die im Beginne der siebziger Jahre so sprachen, wie etwa Du Bois-Reymond in seinen «Grenzen des Naturerkennens», gefragt hätte: Wie sollen sich die Menschen nun den Weg in geistige Welten hinein auch auf eine religiöse Weise suchen? — so würde keine Antwort gekommen sein. Es würde nur eine Äußerung gekommen sein, ganz ähnlich wie die Äußerung, die etwa alle diejenigen Menschen tun, die in Paul Heyses «Kinder der Welt» als konfessionslose Menschen geschildert sind.

[ 5 ] If we now turn our attention from such a phenomenon—which took place more within the realm of fiction and literature—to the lecture halls, we find that it was around the same time that Du Bois-Reymond articulated the conviction held by an extraordinary number of people within the scientific community regarding the “Limits of Knowledge of Nature,” a work I have already mentioned frequently. In this famous lecture, which Du Bois-Reymond delivered in 1872, he states that certain knowledge is possible only if one traces external natural phenomena through experimentation and observation and advances to a kind of mathematical-mechanical thinking about the structure of the world—to a kind of mechanism, an atomistic mechanism of the world’s structure. Science cannot go beyond such a conception of the world; everything else must be left to faith. But if one had asked the people who spoke this way in the early 1870s—such as Du Bois-Reymond in his “Limits of Natural Knowledge”—“How, then, should people seek their way into spiritual worlds, even in a religious sense?” — no answer would have been given. There would have been only a statement, very similar to the one made by all those people described in Paul Heyse’s *Children of the World* as non-denominational.

[ 6 ] Nun muß man sagen, daß alle diejenigen Menschen, die teilgenommen haben an dem Leben, das man das gebildete nennt, die etwas von wissenschaftlicher Anschauung in sich aufgenommen haben, die etwas übernommen haben von sonstigen Anschauungen, die in der Zeit lebten, daß die eigentlich alle mehr oder weniger in einer gewissen Stimmung waren. Denn ob sie ihre alten Religionsbekenntnisse weiter praktiziert haben oder nicht, das hing ja im wesentlichen von alten Lebensgewohnheiten, von allerlei Vorurteilen und dergleichen ab, das hing nicht ab von einem straffen, strammen Geltendmachen dessen, was eigentlich das Zeitbewußtsein den Seelen gegeben hätte. In einem unbestimmten, wankelmütigen Wesen gegenüber der geistigen Welt lebten in diesen letzten fünfzig Jahren eigentlich die Menschen. Aber wir können so etwas Unbestimmtes auch auf anderen Gebieten finden. Ein paar Jahre bevor Heyses «Kinder der Welt», Du Bois-Reymonds «Grenzen des Naturerkennens» erschienen sind, da erschienen von dem berühmten Kunstschriftsteller Herman Grimm die «Unüberwindlichen Mächte», auch ein Roman. Als unüberwindliche Mächte wurden da dargestellt die in der abendländischen Zivilisation die Menschen beherrschenden Standesvorurteile und Standesunterschiede. Und es wird in einer interessanten Weise in diesem Roman mit den Standes-, Klassenunterschieden innerhalb der abendländischen Zivilisation kontrastiert dasjenige, was sich aus gewissen, ich möchte sagen, geschichtslosen Ungewohntheiten in Amerika als ein neues Leben entwickelte, als ein Leben, das nicht in derselben Weise mit Standesunterschieden und Standesvorurteilen zu kämpfen hatte. Und es ist interessant, wie Herman Grimm Ende der sechziger Jahre, also auch etwa vor einem halben Jahrhundert, schildert, wie der europäische Mensch trotz allem seinem Liberalismus, trotz allem seinem Humanismus nicht die Kraft hat, wirklich über die Standesunterschiede hinauszukommen. Das sind für ihn unüberwindliche Mächte.

[ 6 ] Now it must be said that all those people who participated in what is called “cultured” life—those who had absorbed some scientific outlook, who had adopted certain other views prevalent at the time—were, in fact, all more or less in a certain frame of mind. For whether or not they continued to practice their old religious beliefs depended essentially on old habits of life, on all sorts of prejudices and the like; it did not depend on a strict, rigorous assertion of what the consciousness of the times would actually have imparted to their souls. In fact, over the past fifty years, people have lived with an indefinite, wavering attitude toward the spiritual world. But we can find such indefiniteness in other areas as well. A few years before the publication of Heyse’s *Children of the World*, Du Bois-Reymond’s *The Limits of Natural Knowledge* were published, the famous art critic Herman Grimm published *The Insurmountable Powers*, also a novel. The class prejudices and class distinctions that dominate people in Western civilization were portrayed there as insurmountable powers. And in this novel, the class distinctions within Western civilization are contrasted in an interesting way with what developed—out of certain, I might say, “historyless” unfamiliarities in America—as a new way of life, a life that did not have to contend with class distinctions and class prejudices in the same way. And it is interesting how Herman Grimm, in the late 1860s—that is, about half a century ago—describes how the European, despite all his liberalism and humanism, lacks the strength to truly transcend class differences. For him, these are insurmountable forces.

[ 7 ] Wenn man tiefer gehen und sich fragen will: Warum sind solche Dinge für den europäischen Menschen unüberwindliche Mächte? — so kann man doch keine andere Antwort bekommen als diese: Weil das Denken, das bei ihm einen gewissen passiven Charakter angenommen hat, das Denken, das ich Ihnen charakterisiert habe, als ich zum Beispiel über Richard Wahle sprach, das sich nur auf «Vorkommnisse» erstreckt und in die Urfaktoren nicht hinein will, das also nicht Kräfte ergreifen will, sondern nur Erscheinungen ergreifen will, weil dieses Denken gerade die maßgebenden Menschen in den letzten fünfzig Jahren beherrscht hat. Mit einem solchen Denken, das in sich keine Kräfte hat, das eigentlich nur ein Denken, möchte man sagen, in kraftlosen Gedankenbildern ist, mit einem solchen Denken kann man das, was sich in der Realität ergeben hat als Standesunterschiede und Standesvorurteile, eben einfach nicht überwinden. Dazu gehörte ein wirklichkeitsgetränktes Denken, ein von Realität durchzogenes Denken. Und dieses von Realität durchzogene Denken, das einstmals die Standesunterschiede geschaffen hat, das einstmals überhaupt alles sozial Reale geschaffen hat, dieses dynamische Denken, im Gegensatz zu dem bloß anschaulichen Denken, das ging in den letzten fünfzig Jahren eigentlich innerhalb der europäischen Zivilisation den Menschen ganz ab. Es ging ihnen ab in der Wissenschaft, daher fußten sie überall nur auf Beobachtung und Experiment; es ging ihnen aber auch ab im Leben, daher pflanzten sie fort, was in alten Gewohnheiten aus den alten Standesvorurteilen sich ergeben hatte. Sie pflegten nicht weiter darüber nachzudenken. Denn hätte man darüber nachdenken wollen, dann hätte man eben ein aktives Denken gebraucht. Und als die Klasse der Proletarier anfing, die Klassenunterschiede, die Standesunterschiede ins Auge zu fassen, da wurde dieses kraftlose Denken, das keine Dynamik enthält, vollends abgesetzt. Da sagte man: Diese Standesunterschiede kommen überhaupt nicht aus Kräften, die innerhalb des menschlichen Denkens gelegen hätten, sondern nur von wirtschaftlichen, physischen Kräften. Da wurde einfach eine Konsequenz gezogen.

[ 7 ] If one wants to delve deeper and ask: Why are such things insurmountable forces for Europeans? — one can arrive at no other answer than this: Because the kind of thinking that has taken on a certain passive character in them—the kind of thinking I described to you, for example, when I spoke about Richard Wahle—which extends only to “events” and refuses to delve into the root causes, which thus seeks not to grasp forces but only phenomena—because this very kind of thinking has dominated the leading figures of the past fifty years. With such a way of thinking—which has no forces of its own, which is, one might say, merely a way of thinking consisting of powerless mental images—with such a way of thinking, one simply cannot overcome what has arisen in reality as class distinctions and class prejudices. This required a way of thinking steeped in reality, a way of thinking permeated by reality. And this way of thinking, permeated by reality—which once created class distinctions, which once created everything socially real in the first place—this dynamic way of thinking, in contrast to merely descriptive thinking, has actually been entirely lost to people within European civilization over the past fifty years. It was lacking in their science, which is why they relied everywhere solely on observation and experiment; but it was also lacking in their daily lives, which is why they continued to perpetuate what had arisen from old habits rooted in the old class prejudices. They did not bother to think about it any further. For if one had wanted to think about it, one would have needed active thinking. And when the proletarian class began to take class distinctions and social distinctions into account, this feeble thinking, which contains no dynamism, was completely set aside. Then it was said: These social distinctions do not stem at all from forces inherent in human thought, but solely from economic and physical forces. A simple conclusion was drawn.

[ 8 ] Da haben Sie dasjenige, was am Ausgangspunkte unseres neuzeitlichen Geisteslebens vor fünfzig Jahren stand. Und nun will ich vor Sie ein Werk hinstellen, das vor kurzer Zeit erschienen ist und das nun wiederum für unsere Zeit charakteristisch ist, nämlich den «Spiegelmenschen» von Werfel. Da haben Sie etwas, was nun geradeso aus gewissen Kräften unserer Zeit heraus geboren ist, wie die «Kinder der Welt» oder wie die «Unüberwindlichen Mächte» aus der Zeit von vor fünfzig Jahren herausgeboren sind.

[ 8 ] There you have what stood at the starting point of our modern intellectual life fifty years ago. And now I would like to present to you a work that was published recently and that is, in turn, characteristic of our time: namely, Werfel’s *The Mirror Man*. Here you have something that has emerged just as directly from certain forces of our time as *Children of the World* or *The Invincible Powers* emerged from the era of fifty years ago.

[ 9 ] Nun, vor welcher Situation stehen Menschen wie etwa heute Werfel? In den letzten Jahrzehnten hat dieses kraft- und saftlose Denken gewirkt. Man hat irgendwie etwas von einem religiösen Zusammenhang, von einem Zusammenhang mit einer geistigen Welt gesucht, aber es ergab sich nichts. Die menschliche Natur aber kann eigentlich nicht auf die Dauer einseitig bleiben. Sie kann es in der weltgeschichtlichen Entwickelung etwa fünfzig Jahre lang, dann aber beginnt doch wiederum eine Reaktion der Menschennatur. Sie will in gewisser Weise hinstreben nach etwas Kraftvollerem — wenn wir bei den letzten fünfzig Jahren bleiben —, als das kraft- und saftlose Denken eben war. Nun, für dieses Hinstreben nach einem kraftvolleren Erfassen der Wirklichkeit zeugen eigentlich schon recht viele Werke der Gegenwart, aber besonders anschaulich dieser «Spiegelmensch» von Werfel.

[ 9 ] So, what situation do people like Werfel face today? In recent decades, this lifeless and insipid way of thinking has taken hold. People have somehow sought a religious connection, a connection to a spiritual world, but nothing came of it. Human nature, however, cannot actually remain one-sided in the long run. It can do so for about fifty years in the course of world history, but then a reaction within human nature begins again. In a certain sense, it strives for something more powerful—if we stick to the last fifty years—than that lifeless and enless way of thinking actually was. Well, quite a few contemporary works already bear witness to this striving toward a more powerful grasp of reality, but Werfel’s *Spiegelmensch* illustrates this particularly vividly.

[ 10 ] Dieser «Spiegelmensch» von Werfel nötigt einen, etwa so über die Gegenwart zu sprechen: Lange genug haben die Menschen in einer unbestimmten, saft- und kraftlosen Weise ihren Weg gesucht zu etwas, was den Menschen erst zum vollen Menschen macht. Jetzt macht sich ein unbestimmtes innerliches Gefühl geltend auf den Wegen, die in den letzten fünfzig Jahren eingeschlagen worden sind und die eigentlich keine Wege sind, sondern glitscherige Gänge, auf denen man fortwährend ausrutschte. Auf diesen glitscherigen Gängen läßt sich eigentlich nichts erreichen; man muß wieder etwas Eisen in das Blut bekommen. Aus einem solchen Zeitstreben ist dann so etwas hervorgegangen wie dieser «Spiegelmensch». Skizzieren wir mit nur ganz wenigen Strichen, was in diesem «Spiegelmenschen» dargestellt wird. Es ist nicht meine Absicht, gegen das Künstlerische zu sündigen, indem ich Ihnen charakterisiere, was an diesem Spiegelmenschen ist. Aber darum handelt es sich auch gar nicht, sondern wir werden gleich nachher sehen, daß mit dem, was ich nun sagen werde, auch durchaus das Künstlerische getroffen ist.

[ 10 ] This “mirror man” of Werfel compels one to speak of the present in roughly these terms: For long enough, people have been searching—in an indefinite, lifeless, and enervated way—for that which makes a person truly human. Now, a vague inner feeling is asserting itself regarding the paths that have been taken over the last fifty years—paths that are not really paths at all, but rather slippery walkways on which one constantly slipped and slid. Nothing can truly be achieved on these slippery walkways; we must get some steel back into our blood. Out of such a striving of our times, something like this “Mirror Man” has emerged. Let us sketch, with just a few strokes, what is depicted in this “Mirror Man.” It is not my intention to sin against artistry by characterizing for you what this Mirror Man is. But that is not the point at all; rather, we will see shortly that what I am about to say also strikes at the very heart of artistry.

[ 11 ] Wir sehen da einen halb herangereiften Menschen, der überdrüssig geworden ist des äußeren Lebens, wie es heute geführt werden kann. Er nimmt Abschied von diesem äußeren Leben und will nun eigentlich erst Mensch werden. Denn er gesteht sich, innerhalb des gewöhnlichen Lebens, wie wir es heute treiben, sowohl in der asiatischen wie der europäischen wie der amerikanischen Zivilisation, kann man ja nicht eigentlich Mensch werden. Man steht morgens auf, man frühstückt und tut eben etwas, wodurch man sich innerhalb der sozialen Ordnung erhält, man ißt Mittag oder empfängt seine Gäste und redet Dinge, die vielleicht auch nicht geredet zu werden brauchten, die schließlich nicht viel anderes bezwecken, als daß sich die Lippen bewegen, daß die nicht untätig sind; man geht mit seinen Gästen spazieren oder was man eben sonst heute macht. In solcher Gemeinschaft kann man ja nicht Mensch werden — ich erzähle nicht wörtlich, ich charakterisiere nur. Da ist notwendig, daß man sich auf einem anderen Wege versucht, wenn man Mensch werden will. Und da versucht denn dieser «Held» — um den alten Ästhetikerstil zu gebrauchen —, auf die Weise Mensch zu werden, daß er die Aufnahme in einem Kloster sucht. Da wird ihm aber bedeutet, daß das etwas außerordentlich Schwieriges ist. Ich will die Einzelheiten nicht charakterisieren, sondern nur auf das hinweisen, worauf es mir heute ankommt. Es wird ihm also bedeutet, daß das etwas außerordentlich Schwieriges ist, und daß er vor allen Dingen sich klar sein müsse, daß er durch drei Erkenntnisstufen durchzugehen habe. In der ersten Erkenntnisstufe würde er sich klarwerden müssen über die Stellung des Menschen zur Welt, insofern diese Stellung beschlossen ist in dem menschlichen Ich selber. Also dieses Leben in dem Ich und dieses Streben nach Überwindung des Ich als erste Erkenntnisstufe. Die zweite Weltenschau würde darin bestehen, daß man, nachdem man das Ich in einem gewissen Sinne anfängt abzustreifen, die Welt nun nicht mehr von seinem vorurteilsvollen Standpunkte aus sieht wie früher, als man das Ich noch nicht einmal angefangen hatte abzustreifen. Und die dritte Schau würde die sein, wo der Mensch wirklich eindringen würde in die Welt und ihre Wirklichkeit, nicht so, wie sie der in seinem Ich lebende Mensch sieht. Das wird ihm gesagt. Und er wird in der entsprechenden Weise gemahnt, nicht allzu stürmisch eine solche Menschwerdung zu wollen. Er wird eben auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht. Er steht aber nicht davon ab.

[ 11 ] We see here a person who is only halfway mature, one who has grown weary of the external life as it is lived today. He bids farewell to this external life and now, in fact, wants to truly become human. For he admits to himself that within ordinary life, as we lead it today—in Asian, European, and American civilizations alike—one cannot truly become a human being. You get up in the morning, have breakfast, and do whatever is necessary to maintain your place within the social order; you have lunch or entertain guests and talk about things that perhaps need not be said at all—things that ultimately serve no other purpose than to move your lips, to keep them from being idle; you go for a walk with your guests or do whatever else people do these days. In such a community, one cannot truly become human—I am not recounting this verbatim, I am merely characterizing it. It is therefore necessary to try a different path if one wishes to become human. And so this “hero”—to use the old aestheticist style—attempts to become human by seeking admission to a monastery. But he is told that this is an extraordinarily difficult undertaking. I do not wish to describe the details, but only to point out what is important to me today. He is thus told that this is an extraordinarily difficult undertaking, and that, above all, he must be clear that he has to pass through three stages of insight. In the first stage of insight, he would have to gain clarity about humanity’s relationship to the world, insofar as this relationship is determined within the human “I” itself. Thus, this life within the “I” and this striving to transcend the “I” constitute the first stage of insight. The second worldview would consist in the fact that, after one begins in a certain sense to shed the “I,” one no longer views the world from one’s prejudiced standpoint as before, when one had not even begun to shed the “I.” And the third perspective would be one in which a person truly penetrates the world and its reality, not as it is seen by the person living within their “I.” This is explained to them. And they are cautioned accordingly not to seek such an incarnation too impetuously. They are simply made aware of the difficulties. Yet they do not turn away from it.

[ 12 ] So wird er in der entsprechenden Weise eingeführt. Die Einführung geschieht dadurch — ich will nur das Wesentliche erwähnen —, daß er für die Nacht in die Einsamkeit geführt wird, in ein Zimmer, wo nur ein Mönch über ihn wacht. Und da, nachdem er sich zunächst seinen Gedanken überlassen hatte, verfällt er in einen kurzen Schlaf, von dem er sehr bald aufzuwachen glaubt. Und nun befindet er sich in dem Zimmer, dessen eine Wand einen Spiegel trägt. In diesem Spiegel sieht er sich, und er ist erstaunt darüber, was da gemeint ist. Es ist das gemeint, daß, wenn man nach einer Gedankensammlung und nach einem so starken Entschlusse, wie ihn dieser Mensch gepflogen hat, vor sein eigenes Spiegelbild tritt, man da doch in einer anderen Weise sich selber sieht. Es wird also eigentlich darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch nun erst beginnt, sich selber zu sehen. Das Spiegelbild sieht so ähnlich aus wie er, aber doch wiederum etwas anders. Und indem er dasjenige tut, was aus einer solchen überraschenden Erfahrung folgen muß: indem er in den Spiegel schlägt, glaubt, sich selber verwundet zu haben, tritt ihm aus dem Spiegel heraus der Spiegelmensch entgegen, also dasjenige von ihm, was in gewisser Beziehung er selbst und doch wieder nicht er selbst ist.

[ 12 ] This is how he is initiated. The introduction takes place—I’ll just mention the essentials—by his being led into solitude for the night, into a room where only one monk watches over him. And there, after initially giving himself over to his thoughts, he falls into a brief sleep from which he believes he will wake up very soon. And now he finds himself in the room, one wall of which bears a mirror. In this mirror he sees himself, and he is astonished at what this signifies. What is meant is that when, after a period of mental concentration and after a resolution as strong as the one this man has made, one stands before one’s own reflection, one sees oneself in a different way. The point being made, then, is that it is only now that the person begins to see himself. The reflection looks similar to him, yet at the same time somewhat different. And as he does what must follow from such a surprising experience—striking the mirror, believing he has wounded himself—the “mirror man” steps out of the mirror to meet him: that part of him which, in a certain sense, is himself and yet, at the same time, is not himself.

[ 13 ] Jetzt ist der Mensch auf der ersten Stufe der Erkenntnis angekommen. Er muß sich daran gewöhnen, nicht nur als ein Ich-Mensch dennoch ohne das Ich-Bewußtsein — durch die Welt zu gehen; sondern er geht durch die Welt, indem dasjenige, was er selbst und doch nicht ganz er selbst ist, sein Spiegelmensch, ihn begleitet. In der Begleitung dieses Spiegelmenschen, der ihn nun zu allem möglichen verführt, was er in der äußeren Welt tut, liegt das Zusammenkommen mit den Welterscheinungen, mit seinen eigenen Taten in einer neuen Weise, indem er sich eben seinem eigenen Ich gegenüber befindet.

[ 13 ] Now the human being has reached the first stage of knowledge. He must get used to moving through the world not merely as an “I”-being—yet without “I”-consciousness—but rather by moving through the world accompanied by that which is himself and yet not quite himself: his mirror self. In the company of this mirror self, which now tempts him into all manner of actions in the outer world, lies an encounter with worldly phenomena and with his own deeds in a new way, precisely because he finds himself face to face with his own “I.”

[ 14 ] Nun, ich will die Einzelheiten nicht erzählen. Der Betreffende liegt in Wirklichkeit im Bette, aber er geht durch dasjenige hindurch, durch das er eben nach seinen bisherigen Erfahrungen an äußeren Welterlebnissen, an äußeren Taten, hindurchgehen kann. Die sind nicht immer sehr schön. Aber wie jemand so etwas schildert, das hängt ja von seinem eigenen Geschmack ab. Man kann an dem, wie der Autor die Dinge schildert, sehen, wie er in einem solchen Fall gesinnt ist. Die Menschen machen ja auch nach ihrem Geschmacke die Welterlebnisse durch. Wir werden also durch die Welterlebnisse durchgeführt. So wie im «Faust» der Mephisto etwas vom Treibenden hat, ist dieser Spiegelmensch jetzt immer die treibende Wesenskraft, und er wird von Ereignis zu Ereignis geführt, wird dazu gebracht, manches Unrecht zu tun. Alles erscheint ihm in einem neuen Lichte, denn er hat ja in den Spiegel geschaut und sich selbst gesehen. Er sieht jetzt eins ums andere in der Welt. Er sieht die Dinge zuweilen, wie sie ihm erscheinen, indem er Ich-Mensch ist, zuweilen, wie sie ihm erscheinen, nachdem er schon sein Spiegelbild ins Auge zu fassen vermag. Er lebt sich weiter in die Welterscheinungen ein. Er kommt dabei aus seinem Ich immer mehr und mehr heraus. Der Spiegelmensch, der zuerst ziemlich schmächtig ist, wird immer fetter und fetter. Das ist eine polarisch-parallele Erscheinung, die ja nicht uninteressant dargestellt ist. Und so lebt sich dieser Mensch nun durch die Welt hindurch, indem er dasjenige, was er früher hätte erleben können, jetzt nach dem Anschauen seines eigenen Ich in einer anderen Art erlebt. Und zum Schluß hat er sich so in die Welterlebnisse verstrickt, daß er sein eigener Richter werden muß, sich selber zum Tode verurteilt, was wiederum sehr charakteristisch ist. Er findet, daß er eigentlich innerhalb der Welt nicht leben kann.

[ 14 ] Well, I don’t want to go into the details. The person in question is actually lying in bed, but he passes through whatever he is able to pass through based on his previous experiences of the external world and his external actions. These aren’t always very pleasant. But how someone describes such things depends, of course, on his own taste. You can tell from the way the author describes things what his disposition is in such a case. After all, people also experience the world according to their own tastes. We are thus guided through our experiences of the world. Just as Mephisto in *Faust* has something of a driving force about him, this “mirror man” is now always the driving force, and he is led from one event to the next, being led to commit many wrongs. Everything appears to him in a new light, for he has, after all, looked into the mirror and seen himself. He now perceives one thing after another in the world. At times he sees things as they appear to him as an “I-human”; at other times, as they appear to him now that he is able to take his own reflection into account. He continues to immerse himself in the phenomena of the world. In doing so, he steps further and further out of his “I.” The “mirror man,” who is rather frail at first, grows fatter and fatter. This is a polar-parallel phenomenon that is depicted in a rather intriguing way. And so this human being now lives his way through the world, experiencing in a different way what he could have experienced earlier, now that he has beheld his own “I.” And in the end, he has become so entangled in worldly experiences that he must become his own judge, condemning himself to death—which, in turn, is very characteristic. He finds that he cannot actually live within the world.

[ 15 ] Als er in das Kloster ging, war bei ihm die Einsicht vorhanden, daß es sich innerhalb der heutigen Gesellschaft nicht leben läßt, wenn man Mensch werden will. Das ist so gesteigert, daß er jetzt, wo er zu seinem eigenen Richter avanciert, sich selber zum Tode verurteilt. Und nun erwacht er. Gewissermaßen aus dieser Vollstreckung des eigenen Todesurteils heraus erwacht er. Er ist ja wiederum in demselben Raume, wo er war. Jetzt schaut er wieder nach dem Spiegel hin. Aber indem er jetzt hinschaut, merkt er zum Beispiel, daß der Spiegel einen Zug von Mönchen, der vorübergeht, nicht spiegelt. Früher, als er in den Spiegel hineingeschaut hatte, spiegelte er sich selbst und alles das, was vor dem Spiegel war. Aber jetzt geht ein Zug von Mönchen vorüber und spiegelt sich nicht. Er merkt daran, daß er jetzt nicht vor einem Spiegel steht, sondern daß der Spiegel zu einem Fenster geworden ist. Er sieht hindurch und sieht hinaus in die weite Welt, sieht da die Landschaft. Er hat die dritte Schau errungen. Jetzt nämlich sieht er die Welt, nachdem er anfänglich nur dasjenige gesehen hatte, was der Spiegel gibt. Dadurch, daß er den Spiegelmenschen an seine Seite bekommen hatte, sah er dasjenige, was er früher gesehen hatte, in anderer Weise. Jetzt aber sieht er gewissermaßen durch die Oberfläche der Dinge hindurch — so wird es dargestellt — ins freie Wirkliche hinaus. Es wird natürlich angedeutet, daß er jetzt auch ins geistige Wirkliche hinaussieht.

[ 15 ] When he entered the monastery, he was already aware that it is impossible to live within today’s society if one wishes to become human. This realization has intensified to such an extent that now, having become his own judge, he sentences himself to death. And now he awakens. In a sense, he awakens out of this execution of his own death sentence. He is, after all, back in the same room where he was before. Now he looks at the mirror again. But as he looks at it now, he notices, for example, that the mirror does not reflect a procession of monks passing by. Earlier, when he had looked into the mirror, it reflected himself and everything that was in front of the mirror. But now a procession of monks is passing by and is not reflected. From this he realizes that he is no longer standing in front of a mirror, but that the mirror has become a window. He looks through it and out into the wide world; he sees the landscape there. He has attained the third vision. For now he sees the world, whereas at first he had seen only what the mirror reflected. By having the “mirror man” at his side, he saw what he had seen before in a different way. But now he sees, as it were, through the surface of things—as it is depicted—out into the free reality. It is, of course, implied that he now also looks out into the spiritual reality.

[ 16 ] Wir haben also eine Trilogie vor uns: Das erste ist der Spiegel, das dritte ist, sagen wir das Fenster. Der Spiegel ist zum Fenster geworden. Da haben wir also die zwei polarisch einander entgegengesetzten Anschauungen der Welt. Zuerst sieht jeder in dem anderen ‚das eigene Spiegelbild, sieht nur das in dem anderen, was er selber schon in sich getragen hat, wo er in seinem Ich befangen ist, sieht also in seinem Nächsten oder in irgend etwas in der Natur Angeschautem überall nur sein Spiegelbild. Zuletzt, nachdem er den Spiegel durchstoßen hat, sieht er nicht mehr den Spiegel, sondern durch die Oberfläche der Dinge hinein ins Geistige. Und dazwischen

[ 16 ] So we have a trilogy before us: the first is the mirror, the third is, let’s say, the window. The mirror has become a window. So here we have the two polar, mutually opposed views of the world. At first, everyone sees in the other “their own reflection”—sees in the other only what they already carry within themselves, where they are caught up in their own ego—and thus sees everywhere in their neighbor or in anything observed in nature only their own reflection. Finally, after piercing through the mirror, they no longer see the mirror, but look through the surface of things into the spiritual realm. And in between

[ 17 ] liegt das, wo die zwei ineinanderschwimmen: eins ins andere.

[ 17 ] That's where the two merge into one another: one into the other.

1. Der Spiegel
2. Eins ins andere
3. Das Fenster

1. Der Spiegel
2. One into the Other
3. The Window

[ 18 ] Nun, ich möchte zunächst auf zwei charakteristische Dinge hinweisen in diesem Drama. Das eine ist das: Wir sehen, es ist die Sehnsucht vorhanden, einen Menschen in dem Aufstieg zu einem gewissen religiösen Sich-Verbinden mit einer anderen Welt darzustellen. Daß der erste Teil, der Spiegel, kurz ist, das kann man immerhin verzeihen, weil es sehr interessant ist zu sehen, wie der Mensch sich da hineinlebt in eine Anschauung des eigenen Ich, so daß ihm dieses Ich so gegenständlich wird, daß es ihn nun durch die Welterlebnisse begleitet. Der mittlere Teil ist recht ausführlich, und da werden wirklich recht viele Erlebnisse geschildert. Um diese überhaupt ansprechend zu finden, muß man schon einen Geschmack, man könnte sogar manchmal sagen, Ungeschmack, dafür haben. Aber wie gesagt, das muß eben jeder so machen, wie es nach seinem Geschmack ist. Jedenfalls aber ist dieser Teil, wo man in die Erlebnisse der Welt hineinschaut, sehr lang. Der dritte Teil ist aber recht kurz, und was da draußen gesehen wird, das ist eigentlich nur, ich möchte sagen, symbolisch angedeutet, indem man durch das Fenster durchschaut; da kommt eigentlich nichts Rechtes zur Anschauung. Der ist recht kurz, dieser dritte Teil. Das ist die eine Eigentümlichkeit, die ich hervorheben möchte. Die andere Eigentümlichkeit aber ist diese: Man muß anerkennen, hier ist in schönster Weise das Streben vorhanden, einmal Kraft und Saft in das Denken hineinzugießen. Aber man sieht auch, daß der moderne Mensch von der Art, wie Werfel einer ist, das zunächst gar nicht kann. Warum? Ja, es ist sehr eigentümlich. Als ich dieses Drama zu Ende gelesen hatte — und ich las mit allergrößtem Interesse, das muß ich schon sagen, weil es mir symptomatisch außerordentlich bedeutsam ist für unser gegenwärtiges Geistesleben in seiner Vertretung durch einzelne Persönlichkeiten —, da mußte ich mir das Folgende sagen: Der Gang ist so: 1. Der Spiegel; 2. Eins ins andere; 3. Das Fenster. Man könnte aber das ganze ja auch von rückwärts nach vorne lesen. Man müßte es natürlich umschreiben, aber man könnte das ganze auch von rückwärts nach vorne lesen. Denn warum? Es ist nämlich durchaus möglich, daß man die Sache auch so auffaßt, daß man sich sagt: Wie der Mensch zunächst zur Welt steht, so erscheinen ihm die Dinge. Er unterscheidet sich gar nicht von den Dingen. Er ist nicht zu seinem Ich-Bewußtsein erwacht. Er steht vor dem Fenster, schaut hinaus in die Welt. Nun könnten wir sagen, daß der alte Mönch, zu dem er nun gekommen ist und zu dem er sagt, er halte es nicht mehr aus, da nur immer alles dadrinnen sei, was er durch das Fenster sieht, er wolle sich selber finden —, daß da der Alte ihm nun sagt: Ja, da sind drei Anschauungen durchzumachen. Die erste Schau, die gibt die Welt, ohne daß wir unser Ich drinnen finden. Wir verlieren uns an die Welt. Die zweite Schau, die läßt uns schon etwas von dem Ich gewinnen, und da tritt uns allmählich aus der Welt eine Summe von Wesenheiten entgegen. Die Welt wird belebt, durchgeistigt. Wir haben sie früher geistlos gesehen, jetzt wird die Welt durchgeistigt. Überall, aus jedem Wesen, aus Pflanze, Tier, Wolke und so weiter, tritt etwas Geistiges uns entgegen. Viele geistige Wesenheiten treten uns entgegen in diesem zweiten Teil. Im dritten Teile wachen wir auf. Wir treten vor das Fenster, wir schauen hinaus. Wir sehen aber alles neu, indem wir jetzt erst die wirkliche Welt sehen. Das Fenster hat sich in einen Spiegel verwandelt, der Mensch ist zu sich selber gekommen. Er vereinigt alle diese Spiegelwesen, die dadrinnen in der Welt aus Pflanzen, Tieren, Wolken ihm entgegengetreten, sie sind in seinem einzigen, ihm kosmisch gewordenen Ich. Und jetzt sieht er, indem er sich selber erkennt, eigentlich in Wahrheit erst den Kosmos.

[ 18 ] Well, I’d like to begin by pointing out two distinctive aspects of this drama. The first is this: We see that there is a desire to portray a person ascending toward a certain religious union with another world. The fact that the first part, “The Mirror,” is short can at least be forgiven, because it is very interesting to see how the person immerses themselves in a contemplation of their own “I,” so that this “I” becomes so concrete to them that it now accompanies them through their experiences of the world. The middle section is quite detailed, and a great many experiences are described there. To find these at all appealing, one must have a certain taste—or, one might even say at times, a lack of taste—for them. But as I said, everyone must simply approach it according to their own taste. In any case, this section, where one looks into the experiences of the world, is very long. The third part, however, is quite short, and what is seen out there is actually only—I would say—symbolically hinted at, as if looking through a window; nothing concrete really comes into view. This third part is quite short. That is the one peculiarity I would like to highlight. The other peculiarity, however, is this: One must acknowledge that here, in the most beautiful way, there is an aspiration to infuse thought with vitality and vigor. But one also sees that modern people—of the sort that Werfel represents—are initially quite incapable of this. Why? Well, it is very peculiar. When I had finished reading this drama—and I read it with the greatest interest, I must say, because I find it extraordinarily significant as a symptom of our present spiritual life as represented by individual personalities—I had to say the following to myself: The sequence is as follows: 1. The Mirror; 2. One into the Other; 3. The Window. But one could also read the whole thing from back to front. Of course, one would have to rephrase it, but one could also read the whole thing from back to front. Why? Because it is entirely possible to interpret the matter in such a way that one says to oneself: The way a person initially relates to the world is how things appear to him. He is not at all distinct from the things themselves. He has not yet awakened to his sense of self. He stands before the window, looking out into the world. Now we could say that the old monk, to whom he has now come and to whom he says that he can no longer bear it, since everything he sees through the window is always inside him, and that he wants to find himself—that the old man now says to him: Yes, there are three stages of perception to go through. The first perception is provided by the world, without our finding our “I” within it. We lose ourselves in the world. The second perception allows us to gain something of the “I,” and there, gradually, a multitude of beings comes toward us from the world. The world becomes animated, imbued with spirit. We used to see it as spiritless; now the world is imbued with spirit. Everywhere, from every being—from plants, animals, clouds, and so on—something spiritual comes toward us. Many spiritual beings come toward us in this second stage. In the third stage, we awaken. We step up to the window and look out. But we see everything anew, for only now do we see the real world. The window has transformed into a mirror; the human being has come to himself. He unites all these mirror-like beings—the plants, animals, and clouds that met him out there in the world—within his single “I,” which has now become cosmic. And now, by recognizing himself, he truly sees the cosmos for the first time.

[ 19 ] Man könnte ganz gut das ganze von hinten nach vorne umschreiben, den letzten Teil der Trilogie zuerst, dann den mittleren Teil, dann den Teil, mit dem es angefangen hat. Das ist außerordentlich interessant, denn gerade dadurch ist dieses Drama ganz besonders charakteristisch für die Gegenwart. Was ist denn die Eigentümlichkeit des Intellektualismus?

[ 19 ] One could quite easily rewrite the whole thing from back to front—the last part of the trilogy first, then the middle part, and finally the part with which it began. This is extraordinarily interesting, because it is precisely this that makes this drama particularly characteristic of the present day. What, then, is the distinctive feature of intellectualism?

[ 20 ] Ja, die Eigentümlichkeit des Intellektualismus ist diese, daß man mit dem Gedanken überall anfangen kann und überall aufhören kann, und man kann das eine behaupten, und man kann das andere behaupten — ich habe das oftmals hervorgehoben. Gedankenmäßig kann man irgend etwas beweisen, gedankenmäßig irgend etwas widerlegen. Der Intellektualismus, der eben nichts anderes ist als das System der saft- und kraftlosen Gedanken, der läßt einen überall irgendwo anfangen, bis zu einem gewissen Punkte kommen, dann hört man auf. Man kann aber auch bei diesem letzteren Punkte anfangen und nach der anderen Seite gehen.

[ 20 ] Yes, the peculiarity of intellectualism is that one can begin a line of thought anywhere and stop anywhere, and one can assert one thing or another—I have often emphasized this. In theory, one can prove anything; in theory, one can disprove anything. Intellectualism—which is nothing more than a system of lifeless and powerless thoughts—allows one to start anywhere, proceed to a certain point, and then stop. But one can also start at that same point and proceed in the opposite direction.

[ 21 ] Man kann heute schon ein ganz gescheiter Mensch und gröbster Materialist sein, denn der Materialismus ist ganz gut intellektualistisch zu beweisen, und man kann, wenn man bloß intellektuell ist, in der Weise, wie es nach unserem anthroposophischen Kongreß in Wien nach einer Versammlung geschehen ist, man kann von dem Standpunkte des heutigen Monismus aus ganz intellektuell den Kampf gegen den Geist führen. Man kann ganz gut beweisen, daß der Materialismus recht hat. Man kann aber auch gut Spiritualist sein wollen und dieses ebenso beweisen. Alle diese Dinge, solange man nur im Intellektuellen lebt, lassen sich durchaus beweisen, und sie haben den Schein von einer ungeheuren Beweiskraft, diese intellektualistischen Diskussionen.

[ 21 ] It is possible today to be a very intelligent person and a staunch materialist, for materialism can be quite well proven intellectually, and if one is purely intellectual—as happened after a meeting following our anthroposophical congress in Vienna—one can, from the standpoint of contemporary monism, wage a purely intellectual battle against the spirit. One can quite easily prove that materialism is correct. But one can also choose to be a spiritualist and prove that just as well. All these things—as long as one lives solely in the intellectual realm—can certainly be proven, and these intellectual discussions have the appearance of immense persuasive power.

[ 22 ] Und so ist es ja in unserer Zeit. Die Menschen ahnen nicht, indem sie sich einspinnen in Spiritualismus, Materialismus, Realismus, Idealismus, daß sie sich mit dem intellektualistischen Geist einspinnen. Sie fühlen mit Recht: Das läßt sich stramm beweisen. Sie sind das Geschöpf des Intellektualismus. Weil das ja richtig ist, daß sich die Dinge beweisen lassen, deshalb ist es ja so trostlos, wenn man heute genötigt ist, im Ernste etwas aus der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, und dann «freie Diskussion» angesetzt wird. Da redet der eine dies, der andere das, der dritte jenes. Im Grunde genommen kann man, wenn man nur ein wenig ein aufgeweckter Kopf ist, sagen: Sie haben alle recht. Sie haben natürlich ebensogut alle unrecht. — Die ganze Rederei hat ja im Grunde genommen höchstens den einen Zweck, daß der eine oder der andere doch sieht, was es für eine ungeheure Prellerei des eigenen Selbstes ist, im Intellektualismus zu leben, denn mit dem Intellektualismus läßt sich eben einfach alles beweisen. Da kommt es nur darauf an, daß man sich lange genug eingelebt hat in irgendeine Richtung oder Strömung, in irgendeine Sekte oder Partei oder in irgend etwas anderes, dann kann man durchaus mit vollstem Rechte sagen: Ja, das ist doch alles klar; der andere, der das Gegenteil behauptet, ist doch ein Esel. — Gewiß, aber der andere kann ebenso beweisen, daß nun der erste wiederum ein Esel ist und seine eigene Behauptung richtig. Das ist heute durchaus möglich bei der Konfiguration, die das intellektuelle Geistesleben erlangt hat, das ist heute eine Selbstverständlichkeit. Und so ist es eine Selbstverständlichkeit, daß man heute ein solches Stück schreiben kann, ohne an eine wirkliche Geisteserkenntnis heranzukommen. Denn daß Werfel nicht herankommt, das beweist, daß da durch das Fenster nichts Erhebliches gesehen wird; die Geisteserkenntnis würde ja erst beginnen, wenn man durch das Fenster etwas Erhebliches sehen würde. Wenn man aber bloß drei Stufen schildert, und dann, nachdem man geschildert hat, wie er aufgewacht ist und herausschaut, nicht schildert, was er sieht, wenn man so viele Konzessionen an das allgemeine Bewußtsein macht, daß man einen solchen «Spiegelmenschen» schreiben und dennoch gegenüber etwas Vernünftigem wie etwa der «Geheimwissenschaft im Umriß» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder dergleichen sagen kann: Wenn man das akzeptiere, da sei man nicht bei Sinnen —, wenn man also nur immer sagen kann: Ja, beim Fenster ist der Betreffende angekommen, aber ich hüte mich davor, zu sehen, was man da sieht, wenn man durchs Fenster hinausschaut —, dann ist man eben noch nicht so weit, sich ins wirkliche Geistesleben hineinzuleben, dann ist man eben im Intellektualismus vollständig steckengeblieben.

[ 22 ] And that is indeed how it is in our time. By becoming entangled in spiritualism, materialism, realism, and idealism, people do not realize that they are becoming entangled in the spirit of intellectualism. They rightly feel: This can be rigorously proven. They are the creatures of intellectualism. Precisely because it is true that things can be proven, that is why it is so disheartening when one is compelled today to seriously analyze something from reality, and then “free discussion” is called for. One person says this, another says that, and a third says something else. Basically, if you’re even a little bit of a sharp thinker, you can say: They’re all right. Of course, they might just as well all be wrong. — All this talk, after all, serves at most one purpose: that one or the other might finally see what an immense deception of the self it is to live in intellectualism, for with intellectualism, simply everything can be proven. It just comes down to having immersed yourself long enough in some direction or movement, in some sect or party or something else—then you can quite rightly say: Yes, it’s all clear; the other person, who claims the opposite, is just a fool. — Certainly, but the other person can just as easily prove that the first person, in turn, is a fool and that his own assertion is correct. This is entirely possible today given the state that intellectual life has reached; it goes without saying. And so it goes without saying that one can write such a play today without coming anywhere near a true spiritual insight. For the fact that Werfel does not come near it proves that nothing significant is seen through the window; spiritual insight would, after all, only begin if one were to see something significant through the window. But if one merely describes three steps, and then—after describing how he woke up and looks out—fails to describe what he sees; if one makes so many concessions to general consciousness that one can write about such a “mirror man” and yet, when faced with something reasonable like *Outline of Esoteric Science* or *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?* or the like—if one were to say: “If you accept that, you’re out of your mind”—if, in other words, one can always just say: “Yes, the person in question has reached the window, but I am wary of seeing what one sees when looking out the window”—then one is simply not yet ready to immerse oneself in true spiritual life; one is simply completely stuck in intellectualism.

[ 23 ] Das ist es, warum ich so sprechen durfte. Natürlich hätte man einem Kunstwerke gegenüber nicht das Recht, eine philosophische Kritik abzugeben. Ich habe aber gar keine philosophische Kritik abgegeben; was ich gesagt habe, ist ebensogut eine künstlerische Auffassung. Denn da passiert es einem, man liest eine Trilogie, liest sie mit allerhöchstem Interesse. Nachher, wenn man fertig ist, steht man plötzlich auf dem Kopf! — Das ist ein unbehagliches Gefühl, und, um wiederum auf die Beine zu kommen, müßte man die ganze Geschichte von hinten nach vorn umschreiben. Es würde sehr lange dauern, bis man sich da endlich wiederum auf seine Beine, auf seine Fußstellung durcharbeiten würde. Ja, es ist schon durchaus so, daß man auch künstlerisch geprellt wird, indem man gewahr wird: Dadrinnen ist das sich drehende Rad des Intellektualismus, während das Kunstwerk in der Tat einen schönen Eindruck machen muß. Das kann man nicht umkehren. Versuchen Sie einmal, den Goetheschen «Faust» umzudrehen, von hinten angefangen nach vorne zu schreiben. Das können Sie nicht! Ein Kunstwerk kann nicht umgedreht werden. Hier bei diesem Werke können Sie es, weil das Intellektualistische überwiegt, weil gar nicht bis zum wirklichen Anschauen durchgedrungen worden ist. Der Intellektualismus hat zwar das unbestimmte, unbewußte Gefühl bekommen, in die Gedanken müsse Saft und Kraft hinein, in Wirklichkeit sind aber nicht Saft noch Kraft hineingekommen, ist nichts drinnen. Es ist wiederum nur ein Schema von einem realeren inneren Erleben darinnen. Und so sehen wir gerade an so etwas, was ja nun wirklich voller Geist ist, was ganz außerordentlich bedeutend ist mit Bezug auf das, was unsere Zeit aus sich hervorbringen kann, wohin der Weg gehen muß.

[ 23 ] That is why I was allowed to speak that way. Of course, one would not have the right to offer a philosophical critique of a work of art. But I did not offer a philosophical critique at all; what I said is just as much an artistic interpretation. Because this is what happens to you: you read a trilogy, reading it with the utmost interest. Afterward, when you’re finished, you suddenly find yourself standing on your head! — That’s an uncomfortable feeling, and, to get back on your feet again, you’d have to rewrite the whole story from back to front. It would take a very long time to finally work your way back to your feet, to your proper footing. Yes, it is certainly true that one is also artistically deceived when one realizes: Inside is the spinning wheel of intellectualism, whereas the work of art must, in fact, make a beautiful impression. You cannot reverse that. Try, for example, to turn Goethe’s *Faust* upside down, to write it from the end to the beginning. You cannot do that! A work of art cannot be turned inside out. Here, with this particular work, you can do so because the intellectual aspect predominates—because it has not penetrated all the way to true contemplation. Intellectualism has, admittedly, grasped the vague, unconscious feeling that vitality and power must flow into the thoughts; but in reality, neither vitality nor power has entered it—there is nothing inside. Once again, it is merely a schematic representation of a more real inner experience. And so it is precisely in something like this—which is truly full of spirit, which is extraordinarily significant in relation to what our time is capable of producing—that we see where the path must lead.

[ 24 ] Seit fünfzig Jahren ist es so, daß die Menschen zwar eigentlich das Gefühl haben: Es muß nach etwas Geistigem hingehen; aber den wirklichen Weg möchten sie vermeiden. So nehmen sie aus allerlei alten Überlieferungen so etwas auf wie den dreigeteilten Weg und dergleichen. Aber charakteristisch ist da ja doch, daß man heute diesen dreigliedrigen Weg aufnimmt; man kann ihn in allen möglichen Schmökern finden, die irgendwelche alten atavistischen hellseherischen Wege schildern.

[ 24 ] For fifty years now, people have had the feeling that they must be moving toward something spiritual, yet they wish to avoid the true path. So they draw from all sorts of old traditions concepts such as the threefold path and the like. But what is characteristic here is that people today embrace this threefold path; it can be found in all sorts of books that describe various ancient, atavistic, clairvoyant paths.

[ 25 ] Solange man darauf verzichtet, das anzunehmen, was man da sieht, wenn man durchs Fenster schaut, kann ja diese Geschichte vom «Spiegel» und «eins ins andere» und «durchs Fenster» sehr leicht noch drinnenstehen im Geistesleben. Sie ist leicht zu schildern, wenn man nur so allgemeine Begriffe davon hat. Solange man aber dabei stehenbleibt, kommt man eben dennoch nicht aus dem Intellektualismus hinaus, der mit einem ungeheuren Zauber die Menschen der Gegenwart gefangenhält.

[ 25 ] As long as one refrains from accepting what one sees when looking through the window, this story of the “mirror,” “one into the other,” and “through the window” can very easily remain part of one’s spiritual life. It is easy to describe if one has only such general notions of it. But as long as one stops there, one still cannot escape the intellectualism that holds the people of the present captive with its immense spell.

[ 26 ] Es ist von mir ja in der allermannigfaltigsten Form auf dieses intellektualistische Element in unserer Zeit hingewiesen worden. Habe ich doch darauf hingewiesen, wie man in der Theosophischen Gesellschaft in alle möglichen Zweige kommen konnte, und da waren große Schemen aufgespannt, Rassen und Runden, ganze Weltsysteme und alles mögliche waren in wunderbar intellektualistischen Formen aufgebaut — alles intellektualistisch! Wiederum, wenn es sich darum handelte, die Gliederung des Menschen zu charakterisieren, ein Schema: Physischer Mensch: dicke physische Materie; Ätherkörper: feinere Materie; astralischer Leib: noch feiner; Kama Manas: noch feiner; Manas: noch feiner, immer feiner und feiner. Ja, aber eben aus der Intellektualität begriffen! Dieses Dünnerwerden hörte gar nicht mehr auf! Aber es ist eben bloß intellektualistisch. Geradeso wie man ein Rad immer drehen kann, kann man ja, wenn man bloß beim Intellektualistischen bleibt, die Materie auch immer dünner und dünner werden lassen. Und so haben wir eine intellektualistische Theosophie gehabt, und so haben wir hier eine intellektualistische Dichtung, die sogar ins Mystische hineingeht und. die ganz gewiß von einer großen Reihe von unseren Zeitgenossen, und zwar sogar mit Recht, bewundert wird, weil man eben an solcher Dichtung sieht, wie immerhin das Streben unserer Zeit wiederum nach etwas Geistigem geht.

[ 26 ] I have, after all, pointed out this intellectualistic element in our time in the most varied ways. I have, after all, pointed out how, within the Theosophical Society, one could venture into all manner of branches, where grand schemes were laid out—races and rounds, entire world systems, and all manner of things—all constructed in wonderfully intellectualistic forms—all intellectualistic! Again, when it came to characterizing the structure of the human being, a schema: Physical body: dense physical matter; etheric body: finer matter; astral body: even finer; Kama-Manas: even finer; Manas: even finer, ever finer and finer. Yes, but understood precisely from the perspective of intellectualism! This process of becoming thinner never stopped! But it is simply intellectualistic. Just as one can keep turning a wheel, so too, if one sticks solely to the intellectualistic, one can make matter become thinner and thinner. And so we have had an intellectualistic theosophy, and so we have here an intellectualistic work of poetry that even ventures into the mystical and is certainly admired by a large number of our contemporaries—and quite rightly so—because it is precisely in such poetry that one sees how, after all, the striving of our time is once again directed toward something spiritual.

[ 27 ] Aber mein Urteil ist doch nicht ein unkünstlerisches. Indem ich diesen Spiegelmenschen betrachte, der den Helden sein ganzes Evolutionsleben hindurch begleitet, da ist dieser Spiegelmensch doch etwas ganz anderes als der Mephisto gegenüber dem Faust. Im Faust ist Leben. Sie wissen, ich habe einmal dargestellt, wie schließlich der Mephisto auch nur die andere Seite des Faust ist, wie Wagner auch. «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.» Du gleichst dem Wagner, du gleichst dem Mephisto und so weiter. Aber da ist Leben drinnen. Es ist aber noch kein Leben, wenn aus dem Spiegel das Selbst herausspringt, zuerst schmächtig ist und dann immer fetter und fetter wird, indem der Mensch selber immer mehr und mehr aus dem Leben herauswächst.

[ 27 ] But my judgment is by no means unartistic. As I observe this “mirror man,” who accompanies the hero throughout his entire evolutionary life, I see that this “mirror man” is something entirely different from Mephisto in relation to Faust. There is life in Faust. You know, I once explained how, in the end, Mephisto is simply the other side of Faust—just as Wagner is. “You resemble the spirit you comprehend, not me.” You resemble Wagner, you resemble Mephisto, and so on. But there is life within it. Yet it is not yet life when the self leaps out of the mirror, at first frail and then growing fatter and fatter as the human being himself grows further and further out of life.

[ 28 ] Kurz, das Unlebendige, das Abstrakte mit anderen Worten, das ist es, was hier vom Anfang bis zum Ende herrscht. Das Abstrakte läßt sich immer umdrehen. Und indem man künstlerisch nirgends eine vollsaftige, intensive Anschauung fühlt, sondern überall eigentlich nur zu Bildern aufgebauschte Gedankenschablonen, fühlt man ein Unkünstlerisches. Und es ist merkwürdig, daß in der Gegenwart gerade so etwas häufig damit verteidigt wird, daß man sagt: Anthroposophie, ja, da wird nur nach Ideen gestrebt, und das ist etwas Unkünstlerisches. — Aber in der Anthroposophie wird nach Anschauung gestrebt, nur muß man für diese Anschauung wirklich vorbereitet sein. Man muß durch ein Fenster schauen und etwas sehen. Aber hier nennt man das eigentlich Künstlerische etwas, das nicht so recht aus dem Ei gekrochen ist, was soeben erst daran ist, aus dem Ei zu kriechen, aber sich dabei bescheidet, im Ei zu bleiben. Sie wissen ja, wie ich es meine, daß das Huhn nicht wirklich aus dem Ei kriecht, um sich in die Welt hineinzuleben. Es ist schon so, als ob der Mensch beginnen wollte mit einem Erkenntnisweg, aber trotzdem die geistige Welt meiden würde in all ihrer Konkretheit und Bestimmtheit. Ich will nicht sagen, wie es dem Ei geht, wenn das Huhn eben nicht richtig zum Auskriechen kommt! Aber nicht wahr, so ist es eben trotzdem mit solchen Geistesprodukten, die nicht wirklich zum Auskriechen kommen.

[ 28 ] In short, the inanimate, the abstract—in other words, that is what prevails here from beginning to end. The abstract can always be turned on its head. And since, artistically speaking, one senses no rich, intense vision anywhere—but rather, everywhere, merely thought templates inflated into images—one senses something inartistic. And it is strange that, in the present day, precisely this kind of thing is often defended by saying: “Anthroposophy—yes, there one strives only for ideas, and that is something unartistic.”—But in anthroposophy, one strives for insight; one simply must be truly prepared for this insight. One must look through a window and see something. But here, what is actually called “artistic” is something that hasn’t quite hatched from the egg, something that is just beginning to hatch but is content to remain inside the egg. You know what I mean, that the chick doesn’t really hatch from the egg to live its life in the world. It’s as if a person were trying to embark on a path of knowledge, yet were still shying away from the spiritual world in all its concreteness and definiteness. I won’t speculate on what happens to the egg when the chick just can’t quite manage to hatch! But isn’t that exactly how it is with such products of the spirit that never quite manage to hatch?

[ 29 ] Damit will ich gar nichts gegen den Wert solcher Dinge gesagt haben. Ich sehe eigentlich im Sinne der Gegenwart etwas von allererstem Range in diesem Spiegelmenschen. Aber von einem höheren Standpunkte aus muß das durchaus so charakterisiert werden und so hingestellt werden in das Geistesleben, in das ganze Kulturleben der Gegenwart, wie ich es skizzenhaft versucht habe.

[ 29 ] I do not mean to say anything against the value of such things. In fact, from the perspective of the present, I see something of the very highest order in this “mirror man.” But from a higher vantage point, it must certainly be characterized and situated in the spiritual life—and in the entire cultural life of the present—as I have attempted to sketch out.