Menschenfragen und Weltenantworten
GA 213
21 Juli 1921, Dornach
Zwölfter Vortrag
[ 1 ] Die letzten Vorträge hier waren wesentlich gewidmet einer Auseinandersetzung über die Art und Weise, wie man sich das gegenwärtige Zeitbewußtsein zu denken hat. Ich habe dann das letzte Mal versucht, in frühere Zeiträume zurückzugreifen und darauf aufmerksam zu machen, wie dasjenige, was jetzt in den Seelen lebt, sich eigentlich innerhalb der abendländischen Zivilisation seit sehr langer Zeit vorbereitet hat. Heute möchte ich aus der unmittelbaren Gegenwart episodisch herausheben einiges von dem, das Sie aufmerksam machen könnte darauf, wie sich aus dem allgemeinen Zeitbewußtsein mit Notwendigkeit — einfach aus der in der Menschheitsentwickelung liegenden Notwendigkeit — ein spirituelles Leben gestalten muß. Wir können ja sagen: Wo wir auch schließlich den Menschen beobachten, ob im Westen der gegenwärtigen Zivilisation, in der Mitte oder im Osten, überall bei einer intimeren Zeitbetrachtung kann uns klarwerden, wie es ohne das Einsetzen eines spirituellen Impulses einfach nicht mehr weitergeht.
[ 2 ] Wir wollen heute gewissermaßen durch die Charakteristik des Anfanges und des Endes, um anderes für morgen und übermorgen vorzubereiten, die letzten fünfzig Jahre mitteleuropäischer geistiger Entwickelung ins Auge fassen. Ich will das symptomatisch tun. Ich will es so tun, daß ich einiges charakterisiere für den Anfang und für das Ende dieser letzten fünfzig Jahre.
[ 3 ] Wenn wir etwa in den Beginn der siebziger Jahre zurückgehen, so finden wir mannigfache geistige Erscheinungen, welche darauf hinweisen, wie dazumal die Verfassung der Menschenseele war. Ich will aus diesen geistigen Erscheinungen einiges hervorheben. Da haben wit, sagen wir 1872, 1873 ein aufsehenerregendes Romanwerk, das mit den Tendenzen der damaligen Zeit innig zusammenhängt. Für die jüngeren Leute in unserer Zeit sind diese Dinge eigentlich vergessen, aber das Romanwerk, das ich meine, ist tatsächlich ein solches, das vor fünfzig Jahren etwa in einer außerordentlich einschneidenden Weise die Geister ergriffen hat. Ich meine Paul Heyses «Kinder der Welt». Paul Heyse, der in der damaligen Zeit berühmte Novellenschreiber, wollte mit diesem seinem Roman eine Anzahl von Persönlichkeiten in ihrem Leben darstellen, die alle von einer gewissen unbestimmten Religiosität schon durchzogen sind, die aber zu gleicher Zeit abgefallen sind von irgendwelchen religiösen Bekenntnissen. Also den Kindern Gottes, die, ich möchte sagen, Paul Heyse mit althergebrachter Terminologie etwa sah in dem, was irgendeiner Konfession angehörte, wollte er gegenüberstellen die Kinder der Welt, die keiner Konfession angehörten, die, wie man dazumal sagte, konfessionslos waren, die aber dennoch einen bestimmten Zug nach dem Ergreifen eines Religiösen hatten. Nun will ich nicht über diesen Roman selbst allzuviel sprechen, sondern ich möchte aufmerksam machen, wie ein solches Werk, das also Menschen hinstellt, die konfessionslos sind, in der damaligen Zeit Eindruck machte.
[ 4 ] Ich habe ja öfters vor Ihnen meinen alten Freund und Lehrer Karl Julius Schröer erwähnt. Er hatte die Eigentümlichkeit, daß er die geistigen Erscheinungen so verfolgte, wie sie ihre Wirkung taten im breiteren sozialen Leben. Und so charakterisierte Karl Julius Schröer die Wirkung von Paul Heyses «Kinder der Welt» dadurch, daß er sagte, es sei außerordentlich merkwürdig, wie dieser Roman dazumal, also heute vor fünfzig Jahren, durch alle Hände ging, überall interessierte, wie die Leute eigentlich durch diesen Roman erst darauf kamen, worüber sie früher niemals nachgedacht hatten: daß sie einem positiven Religionsbekenntnis fernstehen, daß sie auch mit ihrem religiösen Suchen nicht innerhalb irgendeines Religionsbekenntnisses stehenblieben. Und Schröer machte dazumal die außerordentlich interessante Bemerkung, daß Menschen, die bis dahin an den Kultushandlungen ihrer Kirche durchaus teilgenommen hatten, die also aus Gewohnbheit ihre alten Kultushandlungen, die Gebräuche ihrer Kirche mitgemacht hatten, daß solche Menschen sagten, dieses Werk spreche eigentlich ihre innerste Überzeugung aus. Und daran schließt dann Schröer den Satz, der eigentlich interessant ist, daß gegenüber einer solchen Erscheinung religiöse Streitfragen wie ein Anachronismus erscheinen, wie etwas, was eigentlich nicht mehr in die Gegenwart paßt — er meint die Gegenwart vom Anfange der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts —, weil die Menschen schon in ihrem Denken darüber hinaus seien. Aber wie gesagt, trotzdem das alles gilt, müssen wir doch sagen: Die Leute, die da geschildert werden, die haben jeden Zusammenhang mit einem der bestehenden Bekenntnisse verloren, aber es liegt in ihnen ein bestimmter Zug, irgendeine Art von Religiosität zu finden. Sie können sie nur nicht finden. Sie gehen konfessionslos dutch die Welt, finden nicht einen Zusammenhang mit einer geistigen Welt durch religiöses Empfinden.
[ 5 ] Wenn wir von einer solchen Erscheinung, die sich mehr innerhalb des belletristisch-literarischen Lebens abspielte, nun in die Hörsäle hineinschauen, so finden wir, daß es ungefähr dieselbe Zeit ist, in der die Überzeugung von außerordentlich vielen Leuten, die innerhalb der Wissenschaft standen, ausgesprochen wurde von Du Bois-Reymond mit den schon von mir häufig genannten «Grenzen des Naturerkennens». In diesem berühmten Vortrage, den Du Bois-Reymond 1872 gehalten hat, wird ausgesprochen, daß eine sichere Erkenntnis nur möglich ist, wenn man die äußeren Naturerscheinungen durch Versuch und Beobachtung verfolgt und vordringt zu einer Art mathematisch-mechanischen Denkens über das Weltengebäude, zu einer Art von Mechanismus, von atomistischem Mechanismus des Weltgebäudes. Über ein solches Erfassen der Welt komme die Wissenschaft nicht hinaus, alles übrige müsse einem Glauben überlassen werden. Wenn man aber die Menschen, die im Beginne der siebziger Jahre so sprachen, wie etwa Du Bois-Reymond in seinen «Grenzen des Naturerkennens», gefragt hätte: Wie sollen sich die Menschen nun den Weg in geistige Welten hinein auch auf eine religiöse Weise suchen? — so würde keine Antwort gekommen sein. Es würde nur eine Äußerung gekommen sein, ganz ähnlich wie die Äußerung, die etwa alle diejenigen Menschen tun, die in Paul Heyses «Kinder der Welt» als konfessionslose Menschen geschildert sind.
[ 6 ] Nun muß man sagen, daß alle diejenigen Menschen, die teilgenommen haben an dem Leben, das man das gebildete nennt, die etwas von wissenschaftlicher Anschauung in sich aufgenommen haben, die etwas übernommen haben von sonstigen Anschauungen, die in der Zeit lebten, daß die eigentlich alle mehr oder weniger in einer gewissen Stimmung waren. Denn ob sie ihre alten Religionsbekenntnisse weiter praktiziert haben oder nicht, das hing ja im wesentlichen von alten Lebensgewohnheiten, von allerlei Vorurteilen und dergleichen ab, das hing nicht ab von einem straffen, strammen Geltendmachen dessen, was eigentlich das Zeitbewußtsein den Seelen gegeben hätte. In einem unbestimmten, wankelmütigen Wesen gegenüber der geistigen Welt lebten in diesen letzten fünfzig Jahren eigentlich die Menschen. Aber wir können so etwas Unbestimmtes auch auf anderen Gebieten finden. Ein paar Jahre bevor Heyses «Kinder der Welt», Du Bois-Reymonds «Grenzen des Naturerkennens» erschienen sind, da erschienen von dem berühmten Kunstschriftsteller Herman Grimm die «Unüberwindlichen Mächte», auch ein Roman. Als unüberwindliche Mächte wurden da dargestellt die in der abendländischen Zivilisation die Menschen beherrschenden Standesvorurteile und Standesunterschiede. Und es wird in einer interessanten Weise in diesem Roman mit den Standes-, Klassenunterschieden innerhalb der abendländischen Zivilisation kontrastiert dasjenige, was sich aus gewissen, ich möchte sagen, geschichtslosen Ungewohntheiten in Amerika als ein neues Leben entwickelte, als ein Leben, das nicht in derselben Weise mit Standesunterschieden und Standesvorurteilen zu kämpfen hatte. Und es ist interessant, wie Herman Grimm Ende der sechziger Jahre, also auch etwa vor einem halben Jahrhundert, schildert, wie der europäische Mensch trotz allem seinem Liberalismus, trotz allem seinem Humanismus nicht die Kraft hat, wirklich über die Standesunterschiede hinauszukommen. Das sind für ihn unüberwindliche Mächte.
[ 7 ] Wenn man tiefer gehen und sich fragen will: Warum sind solche Dinge für den europäischen Menschen unüberwindliche Mächte? — so kann man doch keine andere Antwort bekommen als diese: Weil das Denken, das bei ihm einen gewissen passiven Charakter angenommen hat, das Denken, das ich Ihnen charakterisiert habe, als ich zum Beispiel über Richard Wahle sprach, das sich nur auf «Vorkommnisse» erstreckt und in die Urfaktoren nicht hinein will, das also nicht Kräfte ergreifen will, sondern nur Erscheinungen ergreifen will, weil dieses Denken gerade die maßgebenden Menschen in den letzten fünfzig Jahren beherrscht hat. Mit einem solchen Denken, das in sich keine Kräfte hat, das eigentlich nur ein Denken, möchte man sagen, in kraftlosen Gedankenbildern ist, mit einem solchen Denken kann man das, was sich in der Realität ergeben hat als Standesunterschiede und Standesvorurteile, eben einfach nicht überwinden. Dazu gehörte ein wirklichkeitsgetränktes Denken, ein von Realität durchzogenes Denken. Und dieses von Realität durchzogene Denken, das einstmals die Standesunterschiede geschaffen hat, das einstmals überhaupt alles sozial Reale geschaffen hat, dieses dynamische Denken, im Gegensatz zu dem bloß anschaulichen Denken, das ging in den letzten fünfzig Jahren eigentlich innerhalb der europäischen Zivilisation den Menschen ganz ab. Es ging ihnen ab in der Wissenschaft, daher fußten sie überall nur auf Beobachtung und Experiment; es ging ihnen aber auch ab im Leben, daher pflanzten sie fort, was in alten Gewohnheiten aus den alten Standesvorurteilen sich ergeben hatte. Sie pflegten nicht weiter darüber nachzudenken. Denn hätte man darüber nachdenken wollen, dann hätte man eben ein aktives Denken gebraucht. Und als die Klasse der Proletarier anfing, die Klassenunterschiede, die Standesunterschiede ins Auge zu fassen, da wurde dieses kraftlose Denken, das keine Dynamik enthält, vollends abgesetzt. Da sagte man: Diese Standesunterschiede kommen überhaupt nicht aus Kräften, die innerhalb des menschlichen Denkens gelegen hätten, sondern nur von wirtschaftlichen, physischen Kräften. Da wurde einfach eine Konsequenz gezogen.
[ 8 ] Da haben Sie dasjenige, was am Ausgangspunkte unseres neuzeitlichen Geisteslebens vor fünfzig Jahren stand. Und nun will ich vor Sie ein Werk hinstellen, das vor kurzer Zeit erschienen ist und das nun wiederum für unsere Zeit charakteristisch ist, nämlich den «Spiegelmenschen» von Werfel. Da haben Sie etwas, was nun geradeso aus gewissen Kräften unserer Zeit heraus geboren ist, wie die «Kinder der Welt» oder wie die «Unüberwindlichen Mächte» aus der Zeit von vor fünfzig Jahren herausgeboren sind.
[ 9 ] Nun, vor welcher Situation stehen Menschen wie etwa heute Werfel? In den letzten Jahrzehnten hat dieses kraft- und saftlose Denken gewirkt. Man hat irgendwie etwas von einem religiösen Zusammenhang, von einem Zusammenhang mit einer geistigen Welt gesucht, aber es ergab sich nichts. Die menschliche Natur aber kann eigentlich nicht auf die Dauer einseitig bleiben. Sie kann es in der weltgeschichtlichen Entwickelung etwa fünfzig Jahre lang, dann aber beginnt doch wiederum eine Reaktion der Menschennatur. Sie will in gewisser Weise hinstreben nach etwas Kraftvollerem — wenn wir bei den letzten fünfzig Jahren bleiben —, als das kraft- und saftlose Denken eben war. Nun, für dieses Hinstreben nach einem kraftvolleren Erfassen der Wirklichkeit zeugen eigentlich schon recht viele Werke der Gegenwart, aber besonders anschaulich dieser «Spiegelmensch» von Werfel.
[ 10 ] Dieser «Spiegelmensch» von Werfel nötigt einen, etwa so über die Gegenwart zu sprechen: Lange genug haben die Menschen in einer unbestimmten, saft- und kraftlosen Weise ihren Weg gesucht zu etwas, was den Menschen erst zum vollen Menschen macht. Jetzt macht sich ein unbestimmtes innerliches Gefühl geltend auf den Wegen, die in den letzten fünfzig Jahren eingeschlagen worden sind und die eigentlich keine Wege sind, sondern glitscherige Gänge, auf denen man fortwährend ausrutschte. Auf diesen glitscherigen Gängen läßt sich eigentlich nichts erreichen; man muß wieder etwas Eisen in das Blut bekommen. Aus einem solchen Zeitstreben ist dann so etwas hervorgegangen wie dieser «Spiegelmensch». Skizzieren wir mit nur ganz wenigen Strichen, was in diesem «Spiegelmenschen» dargestellt wird. Es ist nicht meine Absicht, gegen das Künstlerische zu sündigen, indem ich Ihnen charakterisiere, was an diesem Spiegelmenschen ist. Aber darum handelt es sich auch gar nicht, sondern wir werden gleich nachher sehen, daß mit dem, was ich nun sagen werde, auch durchaus das Künstlerische getroffen ist.
[ 11 ] Wir sehen da einen halb herangereiften Menschen, der überdrüssig geworden ist des äußeren Lebens, wie es heute geführt werden kann. Er nimmt Abschied von diesem äußeren Leben und will nun eigentlich erst Mensch werden. Denn er gesteht sich, innerhalb des gewöhnlichen Lebens, wie wir es heute treiben, sowohl in der asiatischen wie der europäischen wie der amerikanischen Zivilisation, kann man ja nicht eigentlich Mensch werden. Man steht morgens auf, man frühstückt und tut eben etwas, wodurch man sich innerhalb der sozialen Ordnung erhält, man ißt Mittag oder empfängt seine Gäste und redet Dinge, die vielleicht auch nicht geredet zu werden brauchten, die schließlich nicht viel anderes bezwecken, als daß sich die Lippen bewegen, daß die nicht untätig sind; man geht mit seinen Gästen spazieren oder was man eben sonst heute macht. In solcher Gemeinschaft kann man ja nicht Mensch werden — ich erzähle nicht wörtlich, ich charakterisiere nur. Da ist notwendig, daß man sich auf einem anderen Wege versucht, wenn man Mensch werden will. Und da versucht denn dieser «Held» — um den alten Ästhetikerstil zu gebrauchen —, auf die Weise Mensch zu werden, daß er die Aufnahme in einem Kloster sucht. Da wird ihm aber bedeutet, daß das etwas außerordentlich Schwieriges ist. Ich will die Einzelheiten nicht charakterisieren, sondern nur auf das hinweisen, worauf es mir heute ankommt. Es wird ihm also bedeutet, daß das etwas außerordentlich Schwieriges ist, und daß er vor allen Dingen sich klar sein müsse, daß er durch drei Erkenntnisstufen durchzugehen habe. In der ersten Erkenntnisstufe würde er sich klarwerden müssen über die Stellung des Menschen zur Welt, insofern diese Stellung beschlossen ist in dem menschlichen Ich selber. Also dieses Leben in dem Ich und dieses Streben nach Überwindung des Ich als erste Erkenntnisstufe. Die zweite Weltenschau würde darin bestehen, daß man, nachdem man das Ich in einem gewissen Sinne anfängt abzustreifen, die Welt nun nicht mehr von seinem vorurteilsvollen Standpunkte aus sieht wie früher, als man das Ich noch nicht einmal angefangen hatte abzustreifen. Und die dritte Schau würde die sein, wo der Mensch wirklich eindringen würde in die Welt und ihre Wirklichkeit, nicht so, wie sie der in seinem Ich lebende Mensch sieht. Das wird ihm gesagt. Und er wird in der entsprechenden Weise gemahnt, nicht allzu stürmisch eine solche Menschwerdung zu wollen. Er wird eben auf die Schwierigkeiten aufmerksam gemacht. Er steht aber nicht davon ab.
[ 12 ] So wird er in der entsprechenden Weise eingeführt. Die Einführung geschieht dadurch — ich will nur das Wesentliche erwähnen —, daß er für die Nacht in die Einsamkeit geführt wird, in ein Zimmer, wo nur ein Mönch über ihn wacht. Und da, nachdem er sich zunächst seinen Gedanken überlassen hatte, verfällt er in einen kurzen Schlaf, von dem er sehr bald aufzuwachen glaubt. Und nun befindet er sich in dem Zimmer, dessen eine Wand einen Spiegel trägt. In diesem Spiegel sieht er sich, und er ist erstaunt darüber, was da gemeint ist. Es ist das gemeint, daß, wenn man nach einer Gedankensammlung und nach einem so starken Entschlusse, wie ihn dieser Mensch gepflogen hat, vor sein eigenes Spiegelbild tritt, man da doch in einer anderen Weise sich selber sieht. Es wird also eigentlich darauf aufmerksam gemacht, daß der Mensch nun erst beginnt, sich selber zu sehen. Das Spiegelbild sieht so ähnlich aus wie er, aber doch wiederum etwas anders. Und indem er dasjenige tut, was aus einer solchen überraschenden Erfahrung folgen muß: indem er in den Spiegel schlägt, glaubt, sich selber verwundet zu haben, tritt ihm aus dem Spiegel heraus der Spiegelmensch entgegen, also dasjenige von ihm, was in gewisser Beziehung er selbst und doch wieder nicht er selbst ist.
[ 13 ] Jetzt ist der Mensch auf der ersten Stufe der Erkenntnis angekommen. Er muß sich daran gewöhnen, nicht nur als ein Ich-Mensch dennoch ohne das Ich-Bewußtsein — durch die Welt zu gehen; sondern er geht durch die Welt, indem dasjenige, was er selbst und doch nicht ganz er selbst ist, sein Spiegelmensch, ihn begleitet. In der Begleitung dieses Spiegelmenschen, der ihn nun zu allem möglichen verführt, was er in der äußeren Welt tut, liegt das Zusammenkommen mit den Welterscheinungen, mit seinen eigenen Taten in einer neuen Weise, indem er sich eben seinem eigenen Ich gegenüber befindet.
[ 14 ] Nun, ich will die Einzelheiten nicht erzählen. Der Betreffende liegt in Wirklichkeit im Bette, aber er geht durch dasjenige hindurch, durch das er eben nach seinen bisherigen Erfahrungen an äußeren Welterlebnissen, an äußeren Taten, hindurchgehen kann. Die sind nicht immer sehr schön. Aber wie jemand so etwas schildert, das hängt ja von seinem eigenen Geschmack ab. Man kann an dem, wie der Autor die Dinge schildert, sehen, wie er in einem solchen Fall gesinnt ist. Die Menschen machen ja auch nach ihrem Geschmacke die Welterlebnisse durch. Wir werden also durch die Welterlebnisse durchgeführt. So wie im «Faust» der Mephisto etwas vom Treibenden hat, ist dieser Spiegelmensch jetzt immer die treibende Wesenskraft, und er wird von Ereignis zu Ereignis geführt, wird dazu gebracht, manches Unrecht zu tun. Alles erscheint ihm in einem neuen Lichte, denn er hat ja in den Spiegel geschaut und sich selbst gesehen. Er sieht jetzt eins ums andere in der Welt. Er sieht die Dinge zuweilen, wie sie ihm erscheinen, indem er Ich-Mensch ist, zuweilen, wie sie ihm erscheinen, nachdem er schon sein Spiegelbild ins Auge zu fassen vermag. Er lebt sich weiter in die Welterscheinungen ein. Er kommt dabei aus seinem Ich immer mehr und mehr heraus. Der Spiegelmensch, der zuerst ziemlich schmächtig ist, wird immer fetter und fetter. Das ist eine polarisch-parallele Erscheinung, die ja nicht uninteressant dargestellt ist. Und so lebt sich dieser Mensch nun durch die Welt hindurch, indem er dasjenige, was er früher hätte erleben können, jetzt nach dem Anschauen seines eigenen Ich in einer anderen Art erlebt. Und zum Schluß hat er sich so in die Welterlebnisse verstrickt, daß er sein eigener Richter werden muß, sich selber zum Tode verurteilt, was wiederum sehr charakteristisch ist. Er findet, daß er eigentlich innerhalb der Welt nicht leben kann.
[ 15 ] Als er in das Kloster ging, war bei ihm die Einsicht vorhanden, daß es sich innerhalb der heutigen Gesellschaft nicht leben läßt, wenn man Mensch werden will. Das ist so gesteigert, daß er jetzt, wo er zu seinem eigenen Richter avanciert, sich selber zum Tode verurteilt. Und nun erwacht er. Gewissermaßen aus dieser Vollstreckung des eigenen Todesurteils heraus erwacht er. Er ist ja wiederum in demselben Raume, wo er war. Jetzt schaut er wieder nach dem Spiegel hin. Aber indem er jetzt hinschaut, merkt er zum Beispiel, daß der Spiegel einen Zug von Mönchen, der vorübergeht, nicht spiegelt. Früher, als er in den Spiegel hineingeschaut hatte, spiegelte er sich selbst und alles das, was vor dem Spiegel war. Aber jetzt geht ein Zug von Mönchen vorüber und spiegelt sich nicht. Er merkt daran, daß er jetzt nicht vor einem Spiegel steht, sondern daß der Spiegel zu einem Fenster geworden ist. Er sieht hindurch und sieht hinaus in die weite Welt, sieht da die Landschaft. Er hat die dritte Schau errungen. Jetzt nämlich sieht er die Welt, nachdem er anfänglich nur dasjenige gesehen hatte, was der Spiegel gibt. Dadurch, daß er den Spiegelmenschen an seine Seite bekommen hatte, sah er dasjenige, was er früher gesehen hatte, in anderer Weise. Jetzt aber sieht er gewissermaßen durch die Oberfläche der Dinge hindurch — so wird es dargestellt — ins freie Wirkliche hinaus. Es wird natürlich angedeutet, daß er jetzt auch ins geistige Wirkliche hinaussieht.
[ 16 ] Wir haben also eine Trilogie vor uns: Das erste ist der Spiegel, das dritte ist, sagen wir das Fenster. Der Spiegel ist zum Fenster geworden. Da haben wir also die zwei polarisch einander entgegengesetzten Anschauungen der Welt. Zuerst sieht jeder in dem anderen ‚das eigene Spiegelbild, sieht nur das in dem anderen, was er selber schon in sich getragen hat, wo er in seinem Ich befangen ist, sieht also in seinem Nächsten oder in irgend etwas in der Natur Angeschautem überall nur sein Spiegelbild. Zuletzt, nachdem er den Spiegel durchstoßen hat, sieht er nicht mehr den Spiegel, sondern durch die Oberfläche der Dinge hinein ins Geistige. Und dazwischen
[ 17 ] liegt das, wo die zwei ineinanderschwimmen: eins ins andere.
1. Der Spiegel
2. Eins ins andere
3. Das Fenster
[ 18 ] Nun, ich möchte zunächst auf zwei charakteristische Dinge hinweisen in diesem Drama. Das eine ist das: Wir sehen, es ist die Sehnsucht vorhanden, einen Menschen in dem Aufstieg zu einem gewissen religiösen Sich-Verbinden mit einer anderen Welt darzustellen. Daß der erste Teil, der Spiegel, kurz ist, das kann man immerhin verzeihen, weil es sehr interessant ist zu sehen, wie der Mensch sich da hineinlebt in eine Anschauung des eigenen Ich, so daß ihm dieses Ich so gegenständlich wird, daß es ihn nun durch die Welterlebnisse begleitet. Der mittlere Teil ist recht ausführlich, und da werden wirklich recht viele Erlebnisse geschildert. Um diese überhaupt ansprechend zu finden, muß man schon einen Geschmack, man könnte sogar manchmal sagen, Ungeschmack, dafür haben. Aber wie gesagt, das muß eben jeder so machen, wie es nach seinem Geschmack ist. Jedenfalls aber ist dieser Teil, wo man in die Erlebnisse der Welt hineinschaut, sehr lang. Der dritte Teil ist aber recht kurz, und was da draußen gesehen wird, das ist eigentlich nur, ich möchte sagen, symbolisch angedeutet, indem man durch das Fenster durchschaut; da kommt eigentlich nichts Rechtes zur Anschauung. Der ist recht kurz, dieser dritte Teil. Das ist die eine Eigentümlichkeit, die ich hervorheben möchte. Die andere Eigentümlichkeit aber ist diese: Man muß anerkennen, hier ist in schönster Weise das Streben vorhanden, einmal Kraft und Saft in das Denken hineinzugießen. Aber man sieht auch, daß der moderne Mensch von der Art, wie Werfel einer ist, das zunächst gar nicht kann. Warum? Ja, es ist sehr eigentümlich. Als ich dieses Drama zu Ende gelesen hatte — und ich las mit allergrößtem Interesse, das muß ich schon sagen, weil es mir symptomatisch außerordentlich bedeutsam ist für unser gegenwärtiges Geistesleben in seiner Vertretung durch einzelne Persönlichkeiten —, da mußte ich mir das Folgende sagen: Der Gang ist so: 1. Der Spiegel; 2. Eins ins andere; 3. Das Fenster. Man könnte aber das ganze ja auch von rückwärts nach vorne lesen. Man müßte es natürlich umschreiben, aber man könnte das ganze auch von rückwärts nach vorne lesen. Denn warum? Es ist nämlich durchaus möglich, daß man die Sache auch so auffaßt, daß man sich sagt: Wie der Mensch zunächst zur Welt steht, so erscheinen ihm die Dinge. Er unterscheidet sich gar nicht von den Dingen. Er ist nicht zu seinem Ich-Bewußtsein erwacht. Er steht vor dem Fenster, schaut hinaus in die Welt. Nun könnten wir sagen, daß der alte Mönch, zu dem er nun gekommen ist und zu dem er sagt, er halte es nicht mehr aus, da nur immer alles dadrinnen sei, was er durch das Fenster sieht, er wolle sich selber finden —, daß da der Alte ihm nun sagt: Ja, da sind drei Anschauungen durchzumachen. Die erste Schau, die gibt die Welt, ohne daß wir unser Ich drinnen finden. Wir verlieren uns an die Welt. Die zweite Schau, die läßt uns schon etwas von dem Ich gewinnen, und da tritt uns allmählich aus der Welt eine Summe von Wesenheiten entgegen. Die Welt wird belebt, durchgeistigt. Wir haben sie früher geistlos gesehen, jetzt wird die Welt durchgeistigt. Überall, aus jedem Wesen, aus Pflanze, Tier, Wolke und so weiter, tritt etwas Geistiges uns entgegen. Viele geistige Wesenheiten treten uns entgegen in diesem zweiten Teil. Im dritten Teile wachen wir auf. Wir treten vor das Fenster, wir schauen hinaus. Wir sehen aber alles neu, indem wir jetzt erst die wirkliche Welt sehen. Das Fenster hat sich in einen Spiegel verwandelt, der Mensch ist zu sich selber gekommen. Er vereinigt alle diese Spiegelwesen, die dadrinnen in der Welt aus Pflanzen, Tieren, Wolken ihm entgegengetreten, sie sind in seinem einzigen, ihm kosmisch gewordenen Ich. Und jetzt sieht er, indem er sich selber erkennt, eigentlich in Wahrheit erst den Kosmos.
[ 19 ] Man könnte ganz gut das ganze von hinten nach vorne umschreiben, den letzten Teil der Trilogie zuerst, dann den mittleren Teil, dann den Teil, mit dem es angefangen hat. Das ist außerordentlich interessant, denn gerade dadurch ist dieses Drama ganz besonders charakteristisch für die Gegenwart. Was ist denn die Eigentümlichkeit des Intellektualismus?
[ 20 ] Ja, die Eigentümlichkeit des Intellektualismus ist diese, daß man mit dem Gedanken überall anfangen kann und überall aufhören kann, und man kann das eine behaupten, und man kann das andere behaupten — ich habe das oftmals hervorgehoben. Gedankenmäßig kann man irgend etwas beweisen, gedankenmäßig irgend etwas widerlegen. Der Intellektualismus, der eben nichts anderes ist als das System der saft- und kraftlosen Gedanken, der läßt einen überall irgendwo anfangen, bis zu einem gewissen Punkte kommen, dann hört man auf. Man kann aber auch bei diesem letzteren Punkte anfangen und nach der anderen Seite gehen.
[ 21 ] Man kann heute schon ein ganz gescheiter Mensch und gröbster Materialist sein, denn der Materialismus ist ganz gut intellektualistisch zu beweisen, und man kann, wenn man bloß intellektuell ist, in der Weise, wie es nach unserem anthroposophischen Kongreß in Wien nach einer Versammlung geschehen ist, man kann von dem Standpunkte des heutigen Monismus aus ganz intellektuell den Kampf gegen den Geist führen. Man kann ganz gut beweisen, daß der Materialismus recht hat. Man kann aber auch gut Spiritualist sein wollen und dieses ebenso beweisen. Alle diese Dinge, solange man nur im Intellektuellen lebt, lassen sich durchaus beweisen, und sie haben den Schein von einer ungeheuren Beweiskraft, diese intellektualistischen Diskussionen.
[ 22 ] Und so ist es ja in unserer Zeit. Die Menschen ahnen nicht, indem sie sich einspinnen in Spiritualismus, Materialismus, Realismus, Idealismus, daß sie sich mit dem intellektualistischen Geist einspinnen. Sie fühlen mit Recht: Das läßt sich stramm beweisen. Sie sind das Geschöpf des Intellektualismus. Weil das ja richtig ist, daß sich die Dinge beweisen lassen, deshalb ist es ja so trostlos, wenn man heute genötigt ist, im Ernste etwas aus der Wirklichkeit auseinanderzusetzen, und dann «freie Diskussion» angesetzt wird. Da redet der eine dies, der andere das, der dritte jenes. Im Grunde genommen kann man, wenn man nur ein wenig ein aufgeweckter Kopf ist, sagen: Sie haben alle recht. Sie haben natürlich ebensogut alle unrecht. — Die ganze Rederei hat ja im Grunde genommen höchstens den einen Zweck, daß der eine oder der andere doch sieht, was es für eine ungeheure Prellerei des eigenen Selbstes ist, im Intellektualismus zu leben, denn mit dem Intellektualismus läßt sich eben einfach alles beweisen. Da kommt es nur darauf an, daß man sich lange genug eingelebt hat in irgendeine Richtung oder Strömung, in irgendeine Sekte oder Partei oder in irgend etwas anderes, dann kann man durchaus mit vollstem Rechte sagen: Ja, das ist doch alles klar; der andere, der das Gegenteil behauptet, ist doch ein Esel. — Gewiß, aber der andere kann ebenso beweisen, daß nun der erste wiederum ein Esel ist und seine eigene Behauptung richtig. Das ist heute durchaus möglich bei der Konfiguration, die das intellektuelle Geistesleben erlangt hat, das ist heute eine Selbstverständlichkeit. Und so ist es eine Selbstverständlichkeit, daß man heute ein solches Stück schreiben kann, ohne an eine wirkliche Geisteserkenntnis heranzukommen. Denn daß Werfel nicht herankommt, das beweist, daß da durch das Fenster nichts Erhebliches gesehen wird; die Geisteserkenntnis würde ja erst beginnen, wenn man durch das Fenster etwas Erhebliches sehen würde. Wenn man aber bloß drei Stufen schildert, und dann, nachdem man geschildert hat, wie er aufgewacht ist und herausschaut, nicht schildert, was er sieht, wenn man so viele Konzessionen an das allgemeine Bewußtsein macht, daß man einen solchen «Spiegelmenschen» schreiben und dennoch gegenüber etwas Vernünftigem wie etwa der «Geheimwissenschaft im Umriß» oder «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder dergleichen sagen kann: Wenn man das akzeptiere, da sei man nicht bei Sinnen —, wenn man also nur immer sagen kann: Ja, beim Fenster ist der Betreffende angekommen, aber ich hüte mich davor, zu sehen, was man da sieht, wenn man durchs Fenster hinausschaut —, dann ist man eben noch nicht so weit, sich ins wirkliche Geistesleben hineinzuleben, dann ist man eben im Intellektualismus vollständig steckengeblieben.
[ 23 ] Das ist es, warum ich so sprechen durfte. Natürlich hätte man einem Kunstwerke gegenüber nicht das Recht, eine philosophische Kritik abzugeben. Ich habe aber gar keine philosophische Kritik abgegeben; was ich gesagt habe, ist ebensogut eine künstlerische Auffassung. Denn da passiert es einem, man liest eine Trilogie, liest sie mit allerhöchstem Interesse. Nachher, wenn man fertig ist, steht man plötzlich auf dem Kopf! — Das ist ein unbehagliches Gefühl, und, um wiederum auf die Beine zu kommen, müßte man die ganze Geschichte von hinten nach vorn umschreiben. Es würde sehr lange dauern, bis man sich da endlich wiederum auf seine Beine, auf seine Fußstellung durcharbeiten würde. Ja, es ist schon durchaus so, daß man auch künstlerisch geprellt wird, indem man gewahr wird: Dadrinnen ist das sich drehende Rad des Intellektualismus, während das Kunstwerk in der Tat einen schönen Eindruck machen muß. Das kann man nicht umkehren. Versuchen Sie einmal, den Goetheschen «Faust» umzudrehen, von hinten angefangen nach vorne zu schreiben. Das können Sie nicht! Ein Kunstwerk kann nicht umgedreht werden. Hier bei diesem Werke können Sie es, weil das Intellektualistische überwiegt, weil gar nicht bis zum wirklichen Anschauen durchgedrungen worden ist. Der Intellektualismus hat zwar das unbestimmte, unbewußte Gefühl bekommen, in die Gedanken müsse Saft und Kraft hinein, in Wirklichkeit sind aber nicht Saft noch Kraft hineingekommen, ist nichts drinnen. Es ist wiederum nur ein Schema von einem realeren inneren Erleben darinnen. Und so sehen wir gerade an so etwas, was ja nun wirklich voller Geist ist, was ganz außerordentlich bedeutend ist mit Bezug auf das, was unsere Zeit aus sich hervorbringen kann, wohin der Weg gehen muß.
[ 24 ] Seit fünfzig Jahren ist es so, daß die Menschen zwar eigentlich das Gefühl haben: Es muß nach etwas Geistigem hingehen; aber den wirklichen Weg möchten sie vermeiden. So nehmen sie aus allerlei alten Überlieferungen so etwas auf wie den dreigeteilten Weg und dergleichen. Aber charakteristisch ist da ja doch, daß man heute diesen dreigliedrigen Weg aufnimmt; man kann ihn in allen möglichen Schmökern finden, die irgendwelche alten atavistischen hellseherischen Wege schildern.
[ 25 ] Solange man darauf verzichtet, das anzunehmen, was man da sieht, wenn man durchs Fenster schaut, kann ja diese Geschichte vom «Spiegel» und «eins ins andere» und «durchs Fenster» sehr leicht noch drinnenstehen im Geistesleben. Sie ist leicht zu schildern, wenn man nur so allgemeine Begriffe davon hat. Solange man aber dabei stehenbleibt, kommt man eben dennoch nicht aus dem Intellektualismus hinaus, der mit einem ungeheuren Zauber die Menschen der Gegenwart gefangenhält.
[ 26 ] Es ist von mir ja in der allermannigfaltigsten Form auf dieses intellektualistische Element in unserer Zeit hingewiesen worden. Habe ich doch darauf hingewiesen, wie man in der Theosophischen Gesellschaft in alle möglichen Zweige kommen konnte, und da waren große Schemen aufgespannt, Rassen und Runden, ganze Weltsysteme und alles mögliche waren in wunderbar intellektualistischen Formen aufgebaut — alles intellektualistisch! Wiederum, wenn es sich darum handelte, die Gliederung des Menschen zu charakterisieren, ein Schema: Physischer Mensch: dicke physische Materie; Ätherkörper: feinere Materie; astralischer Leib: noch feiner; Kama Manas: noch feiner; Manas: noch feiner, immer feiner und feiner. Ja, aber eben aus der Intellektualität begriffen! Dieses Dünnerwerden hörte gar nicht mehr auf! Aber es ist eben bloß intellektualistisch. Geradeso wie man ein Rad immer drehen kann, kann man ja, wenn man bloß beim Intellektualistischen bleibt, die Materie auch immer dünner und dünner werden lassen. Und so haben wir eine intellektualistische Theosophie gehabt, und so haben wir hier eine intellektualistische Dichtung, die sogar ins Mystische hineingeht und. die ganz gewiß von einer großen Reihe von unseren Zeitgenossen, und zwar sogar mit Recht, bewundert wird, weil man eben an solcher Dichtung sieht, wie immerhin das Streben unserer Zeit wiederum nach etwas Geistigem geht.
[ 27 ] Aber mein Urteil ist doch nicht ein unkünstlerisches. Indem ich diesen Spiegelmenschen betrachte, der den Helden sein ganzes Evolutionsleben hindurch begleitet, da ist dieser Spiegelmensch doch etwas ganz anderes als der Mephisto gegenüber dem Faust. Im Faust ist Leben. Sie wissen, ich habe einmal dargestellt, wie schließlich der Mephisto auch nur die andere Seite des Faust ist, wie Wagner auch. «Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir.» Du gleichst dem Wagner, du gleichst dem Mephisto und so weiter. Aber da ist Leben drinnen. Es ist aber noch kein Leben, wenn aus dem Spiegel das Selbst herausspringt, zuerst schmächtig ist und dann immer fetter und fetter wird, indem der Mensch selber immer mehr und mehr aus dem Leben herauswächst.
[ 28 ] Kurz, das Unlebendige, das Abstrakte mit anderen Worten, das ist es, was hier vom Anfang bis zum Ende herrscht. Das Abstrakte läßt sich immer umdrehen. Und indem man künstlerisch nirgends eine vollsaftige, intensive Anschauung fühlt, sondern überall eigentlich nur zu Bildern aufgebauschte Gedankenschablonen, fühlt man ein Unkünstlerisches. Und es ist merkwürdig, daß in der Gegenwart gerade so etwas häufig damit verteidigt wird, daß man sagt: Anthroposophie, ja, da wird nur nach Ideen gestrebt, und das ist etwas Unkünstlerisches. — Aber in der Anthroposophie wird nach Anschauung gestrebt, nur muß man für diese Anschauung wirklich vorbereitet sein. Man muß durch ein Fenster schauen und etwas sehen. Aber hier nennt man das eigentlich Künstlerische etwas, das nicht so recht aus dem Ei gekrochen ist, was soeben erst daran ist, aus dem Ei zu kriechen, aber sich dabei bescheidet, im Ei zu bleiben. Sie wissen ja, wie ich es meine, daß das Huhn nicht wirklich aus dem Ei kriecht, um sich in die Welt hineinzuleben. Es ist schon so, als ob der Mensch beginnen wollte mit einem Erkenntnisweg, aber trotzdem die geistige Welt meiden würde in all ihrer Konkretheit und Bestimmtheit. Ich will nicht sagen, wie es dem Ei geht, wenn das Huhn eben nicht richtig zum Auskriechen kommt! Aber nicht wahr, so ist es eben trotzdem mit solchen Geistesprodukten, die nicht wirklich zum Auskriechen kommen.
[ 29 ] Damit will ich gar nichts gegen den Wert solcher Dinge gesagt haben. Ich sehe eigentlich im Sinne der Gegenwart etwas von allererstem Range in diesem Spiegelmenschen. Aber von einem höheren Standpunkte aus muß das durchaus so charakterisiert werden und so hingestellt werden in das Geistesleben, in das ganze Kulturleben der Gegenwart, wie ich es skizzenhaft versucht habe.
