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Menschenfragen und Weltenantworten
GA 213

22 Juli 1921, Dornach

Dreizehnter Vortrag

[ 1 ] Ich möchte heute eine etwas weitergehende Betrachtung über das kosmische Anschauen in unsere Betrachtungen einfügen. Wir müssen uns als Menschen durchaus bewußt sein, daß wir in der Zeit, die da verläuft zwischen der Geburt und dem Tode, auf der Erde stehen, und daß wir alles, was im engeren und weiteren Sinne auf uns einen Eindruck macht, mit unseren Sinnen und auch mit unserem Intellekt doch nur vom Gesichtspunkte unseres irdischen Aufenthaltes betrachten. Wir werden uns oftmals bewußt, wie sehr wir mit der äußeren physischen Körperlichkeit gebunden sind an diesen irdischen Aufenthalt. Wir lernen ja heute schon in der Schule, wie der Mensch nur leben kann, wenn er die Luft einatmet, die ihn umgibt und die aus einer bestimmten Mischung von Sauerstoff und Stickstoff besteht. Der Mensch ist ganz und gar abhängig in seinen Lebenserscheinungen von dieser Luft. Wir brauchen uns nur zu überlegen, wie anders unser physisches Leben wäre, wenn zum Beispiel der uns umgebenden Luft mehr Sauerstoff zugemischt wäre, als es wirklich der Fall ist. Nehmen wir einmal an, es wäre mehr Sauerstoff der Luft zugemischt, dann würden wir schneller leben, das heißt, wir würden eine nach Jahren berechnet weit kürzere Lebensdauer auf der Erde haben. Die Zeit würde gewissermaßen zusammengezogen werden, und unsere Lebensdauer müßte kürzer sein. Das ist im Grunde genommen nur etwas ganz Grobes. Wir können uns bei jeder Sache, die in unserer Umgebung auf uns Einfluß hat, wenn sie nur ein wenig abgeändert würde, vorstellen, daß unser ganzer menschlicher Organismus anders wäre. Solch eine Betrachtung wird ja auch heute öfter angestellt. Man wird sich bewußt der physischen Abhängigkeit des Menschen von seiner Umgebung. Allein, man ist sich heute höchstens ganz im Abstrakten klar bewußt, daß der Mensch auch ein seelisch-geistiges Wesen hat, und von diesem geistig-seelischen Wesen hat man im Grunde genommen niemals so genaue Vorstellungen, wie man sie von dem physischkörperlichen Wesen hat. Das Physisch-Körperliche unserer Organisation kennt man so genau, daß man sagen kann, wie anders reichlicher Sauerstoff in der Luft auf den Menschen wirken würde. Bezüglich des geistig-seelischen Wesens macht man sich nicht so viele Gedanken, Gedanken, die etwa dahin gehen würden: Wenn nun dieses geistig-seelische Wesen etwas anders wäre, als es ist, könnte es dann gerade zwischen Geburt und Tod auf der Erde sein?

[ 2 ] Geradeso nämlich wie unser Leib angepaßt ist der Sauerstoffmenge der Luft, wie vieles andere in unserem Leibe angepaßt ist den Verhältnissen, die gerade in der Nähe der Erdoberfläche sind, so ist auch unser Geistig-Seelisches zwischen Geburt und Tod durchaus angepaßt demjenigen, was unmittelbar an der Erdoberfläche ist. Und wenn man sich dessen ganz voll bewußt wird, dann wird man sich auch sagen können: So wie der Mensch leiblich als Erdenmensch nicht da draußen leben könnte, nur einige Meilen von der Erdoberfläche entfernt, so würde auch unter anderen als den irdischen Verhältnissen die Menschenseele mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen, so wie sie in der Erdumgebung lebt, eben nicht leben können. Sie würde anderswo in anderer Lage zur Erde eben auch wiederum als seelisch-geistiges Wesen anders organisiert sein müssen. Geradeso wie der menschliche Leib nichts hätte von seiner Lunge, wie sie einmal organisiert ist, wenn er meilenweit von der Erdoberfläche entfernt wäre, so würde die menschliche Seele unter anderen als den irdischen Verhältnissen mit ihrem Denken, Fühlen und Wollen, so wie es sich im Erdenleben ausbildet, eben nichts anfangen können.

[ 3 ] Man könnte nun überhaupt von diesen Dingen keine klaren Vorstellungen bekommen, wenn es nicht möglich wäre, daß diejenigen Menschen, die eine innere seelische Entwickelung suchen, doch zu anderen seelischen Erlebnissen kommen, als es im gewöhnlichen Denken, Fühlen und Wollen der Fall ist. Sie wissen alle aus den Darstellungen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?», daß man zu solchen anderen Seelenstimmungen, Seelenverfassungen, daß man zu einem ganz anderen Seeleninhalt kommen kann. Man kann zu einem Seeleninhalt kommen, der nicht nur das gewöhnliche Denken hat, sondern der Imagination hat, der also statt in Gedanken in Bildern lebt. Man kann weiter dazu kommen, Inspiration zu haben. Also, wie unsere Lunge mit der Luft ihre Einatmung vollzieht in bezug auf das Physische der Luft, so kann man das Geistig-Seelische, die Substanz des in der Welt ausgebreiteten GeistigSeelischen, gewissermaßen inspirieren, einatmen. Und so wie die Lunge, wenn sie den Sauerstoff einatmet, von diesem Sauerstoff ihr Leben hat, wie der ganze menschliche Leib sein Leben hat von diesem Sauerstoff, so hat auch die menschliche Seele dann ihr Leben von den Inspirationen, die vollzogen werden, wenn solche höhere Erkenntnis erworben wird. Und ebenso ist es dann mit der weiteren Erkenntnisstufe, mit der Intuition.

[ 4 ] Da also erhebt sich die Seele zu einem ganz anderen inneren Inhalt. Da erlebt sie dann etwas wesentlich anderes. Aber dieses andere Erleben ist verbunden, wie Sie wissen, mit dem, was man ein seelisches Herausgehen aus dem Körper, aus dem Leibe nennen kann. Wir fühlen uns, wenn wir zur Imagination, Inspiration und Intuition aufsteigen, nicht mehr so innerhalb unseres Leibes, wie wir uns fühlen, wenn wir im gewöhnlichen Erdenleben sind. Es ist dann mit dem geistigseelischen Wesen gerade so, wie wenn etwa die Lunge zu einem Organ umgestaltet würde, das statt Luft Licht einatmet. Dann könnte sie ja wohl einige Meilen außerhalb des Irdischen leben mit dem Organismus, dem die Lunge zugehört. Nun, das ist ja im Physischen zunächst nicht möglich, wenigstens nicht dem Menschen, aber dem Geistig-Seelischen in uns ist es möglich, wenn wir aus unserem Leibe herausgehen und in unserer Seele dann die Imagination, Inspiration, Intuition erleben, daß wir tatsächlich auch den irdischen Gesichtspunkt verlassen, daß wir schon zu demjenigen Gesichtspunkt kommen, den wir gehabt haben, bevor wir heruntergestiegen sind in einen physischen Leib. Wir kommen dadurch, daß wir aufsteigen zu der Imagination, Inspiration und Intuition, tatsächlich aus einem irdischen Anschauen der Welt zu einem kosmischen Anschauen der Welt. Wir sind eben einfach nicht mehr auf der Erde, sondern wir schauen von einem anderen Gesichtspunkte aus das Irdische an.

Diagram 1

[ 5 ] Das hat keine sehr große Bedeutung, wenn es sich um das Anschauen von Menschenseelen handelt. Das hat aber eine sehr große Bedeutung, wenn es sich um das Kennenlernen des Geistigen im Kosmos selbst handelt. Ich will Ihnen das in einer schematischen Zeichnung klarmachen. Denken Sie sich einmal, hier sei die Erde, der Mensch auf der Erde. Der Mensch sieht in seiner irdischen Umgebung die Elemente. Wir können sie nennen das Feste, das Flüssige, das Luftförmige. Er nimmt wahr das Feurige, das Warme. Dann aber hört das, was unmittelbar der Erdoberfläche angehört, auf. Mit dem Wahrnehmen des Feurigen, des Warmen, erhebt sich der Mensch schon zu der Wahrnehmung des Umkreises der Erde. Er kommt in das Lichtvolle hinein, in das, was wir den Lichtäther nennen. Es ist ja unsere besondere Eigentümlichkeit, daß wir durch unser Schauen, unser Sehen, den Lichtäther wahrnehmen können. Wenn aber im Menschen das imaginative Wahrnehmen auftritt, dann fühlt er sich nicht auf der Erde hier stehend und die Blicke etwa hinausschweifen lassend in den Lichtäther, sondern dann fühlt er eigentlich so, als ob er das Ganze von außen wahrnehmen, anschauen würde (Zeichnung, rot).

[ 6 ] Gerade in bezug auf das, was ich hier auseinandersetze, kann man ziemlich bestimmt davon sprechen, wie das geschieht. Wenn Sie irgendwo auf der Erde stehen und Ihren Blick frei in den Kosmos hinausschweifen lassen, dann schauen Sie ja bei Tag überall in das Licht hinein. Sie schauen in der Nacht den Sternenhimmel. Da bedienen Sie sich, wenn ich so sagen darf, der wahrnehmenden Kraft Ihres Auges. Aber auf diese wahrnehmende Kraft Ihres Auges geht auch fortwährend die Willenskraft. Diese Willenskraft gebrauchen Sie eigentlich beim irdischen Sehen nur zu der Einstellung des Auges. Wenn Sie aber zum imaginativen Erkennen aufsteigen, dann bildet sich diese Willenskraft gerade für die einzelnen Sinne immer mehr und mehr aus. Sie fühlen, wie Sie gewissermaßen durch Ihre Augen hinaussteigen in den Raum und kommen immer mehr dazu, sich den Kosmos von außen anzuschauen.

Diagram 2

[ 7 ] Sie müssen nicht glauben, daß das, was ich hier schildere, darin besteht, daß Ihr Auge riesig groß wird, und daß es dann ganz hinüberwächst, und daß Sie dann von außen so den Kosmos anschauen, wie Sie jetzt von innen den Kosmos anschauen. Eben nicht durch die wahrnehmende Kraft erringen Sie sich das, sondern gerade dadurch, daß der Wille hellsehend wird. Es ist ein Erleben in dem sich ausbreitenden Willen, in dem Sie aber selber darinnen sind. Sie schauen in diesem Falle auch die Sterne von außen an, wie der Mensch, wenn er als Seele in der geistigen Welt ist, sich ebenfalls die Sterne von außen anschaut, von dort, wo schon gar keine Sterne mehr sind, nicht vom Äthergebiet aus, sondern vom astralischen Gebiete aus, von dem man sagen kann, es ist noch Raum da, und von dem man auch sagen kann, es ist kein Raum mehr da. Es hat nicht mehr viel Sinn, von dem, was ich da angedeutet habe, so zu sprechen, als ob das noch Raum wäre. Man fühlt aber so, als ob man den Raum selber in sich hätte. Dann aber sehen Sie keine Sterne. Sie wissen, Sie schauen auf die Sterne hin, Sie sehen aber keine Sterne, sondern Sie sehen Bilder. Sie sehen tatsächlich innerhalb des Sternenraumes überall Bilder. Es wird Ihnen jetzt plötzlich klar, warum in alten Zeiten, wenn die Menschen Sphären dargestellt haben, sie nicht bloß Sterne, sondern Bilder hingemalt haben.

[ 8 ] Aber nun stellen Sie sich vor, Sie schauen durch diese Bilder hindurch. Dann werden Sie gewahr: Von all diesen Bildern strahlen Kräfte herunter auf die Erde; nur daß diese Kräfte zusammenstrahlen. Wenn Sie von hier aus, von der Erde, auf einen strahlenden Stern schauen, dann haben Sie das Gefühl, die Strahlen gehen auseinander. Wenn Sie. das von draußen anschauen, so haben Sie das Gefühl, die Strahlen, die Lichteffekte, die von den Bildern ausgehen es sind nicht nur Licht-, sondern es sind auch Krafteffekte —, die gehen zusammen. Sie gehen bis zu der Erde hin, diese Krafteffekte. Und was tun sie da? Ja, sehen Sie, die bilden zum Beispiel die Form der Pflanzen. Und derjenige, der imaginativ schaut, der sagt: Die Lilie ist eine auf der Erde befindliche Pflanzenform, die von dieser Sterngruppe aus in dieser Form, in dieser Gestalt geschaffen ist. Eine andere, eine Tulpenform, ist von einer anderen Sterngruppe aus geschaffen.

Diagram 4

[ 9 ] Und so sehen Sie dasjenige, was auf der Erde als Pflanzendecke ist (grün), gleichsam real hingemalt vom Sternenhimmel aus. Das ist so, daß tatsächlich die Form des Pflanzenkörpers von dem Kosmos aus bestimmt wird, geschaffen wird. Und Sie werden jetzt leicht begreifen: Wenn Sie da weiter hereinschauen, wenn Sie da draußen die Fixsterne sehen, dann sehen Sie näher zur Erde die Planeten Saturn, Jupiter, Mars und so weiter. Die bewegen sich. Die Fixsterne zeigen Ihnen ruhende Sternbilder, welche den Pflanzen die Form geben. Aber die sich bewegenden Planeten, die senden Bewegungskräfte herunter. Die sind es, welche die Pflanzen zunächst aus der Wurzel herausziehen, dann immer höher und höher wachsen lassen und so weiter. Geradeso wie die Form der Pflanzen aus dem Fixsternhimmel hereingebildet ist, so ist die Bewegung gebildet aus der Bewegung der der Erde näheren Himmelskörper. Nur was in der Pflanze selber vorgeht, dieser Stoffwechsel, daß zum Beispiel die Pflanze Kohlensäure einsaugt, assimiliert, wie man sagt, und die Kohle absondert, so daß sie ihren Kohlenleib bildet, das ist von den Kräften der Erde selber. Wir können also sagen: Wenn wir die Pflanze in ihrer Ganzheit betrachten, ihre Form ist von dem Sternenhimmel, ihr Wachstum ist von der Planetenbewegung, und ihr Stoffwechsel ist von der Erde.

[ 10 ] Das sind Dinge, welche heute von denen, die sich richtige wissenschaftliche Geister nennen, wie eine Narrheit angesehen werden, die aber doch eben die wahre Wirklichkeit sind. Denn derjenige, der die Pflanze in ihrem Wachstum und in ihrer Form so betrachtet, wie man das heute tut, der gleicht einem — ich muß hier ein Gleichnis gebrauchen, das ich schon öfter angewendet habe —, der eine Magnetnadel ansieht, die mit der einen Seite nach Norden, mit der anderen Seite nach Süden weist, und der nun sagt: Das ist in der Magnetnadel begründet, daß die eine Spitze nach Norden, die andere nach Süden zeigt. — Es ist eben nicht in der Magnetnadel begründet, sondern da nimmt natürlich die Naturforschung an, daß die ganze Erde ein großer Magnet ist, daß sie die eine Spitze anzieht nach Norden, die andere nach Süden. Da nimmt man in der Naturforschung schon die ganze Erde zu Hilfe, wenn man die Richtung der Magnetnadel erklären will. Geradeso muß man aber, wenn man die ganze Form der Pflanze erklären will, das ganze Weltenall zu Hilfe nehmen. Die Pflanze ist aus dem ganzen Weltenall heraus gebildet. Es ist einfach eine furchtbare Absurdität, daß dieselben Menschen, die zum Beispiel für die Magnetnadel die ganze Erde zu Hilfe nehmen, um nur ihre Richtung zu erklären, die Pflanze bloß aus ihren Zellen und deren Kräften heraus erklären wollen. Geradeso wie die Magnetnadel nur verstanden werden kann, wenn man sie in den ganzen magnetischen Erdenzusammenhang hineinstellt, so kann man die Pflanzen nur begreifen, wenn man sie in den ganzen kosmischen Zusammenhang hineinstellt, wenn man dazu kommt, sich zu sagen: Hier gehe ich über eine Gegend, sagen wir, des mittleren Europa; für dieses mittlere Europa haben in der Zeit des Blütenwachstums ganz besonders diese Sternbilder ihre Bedeutung; daher wachsen hier die Pflanzen dieses Gebietes, denn der Himmel läßt auf der Erde bestimmte Pflanzen auf einem Gebiete wachsen.

[ 11 ] Wenn man von diesem Gesichtspunkte aus die Pflanzen betrachten will, wenn man also bis zu der Form geht, dann muß man eigentlich den ganzen Kosmos zu Hilfe nehmen. Bei den Tieren braucht man nur bis zu den Sternbildern des Tierkreises zu gehen. Darüber habe ich ja schon gesprochen. Auf die Tiere haben die außerhalb des Tierkreises befindlichen Sterne keinen Einfluß. Das Tier ist also schon selbständiger geworden, hängt nicht mehr in seiner organischen Bildung von dem ganzen Kosmos ab, sondern nur von dem, was im und unter dem Tierkreis ist.

[ 12 ] Der Mensch ist noch selbständiger geworden, denn auf ihn haben zunächst, nicht insofern er Seele ist, aber insofern er ein physischer Organismus ist, nur die Planeten Einfluß. Nur da, wo es ins Moralische, ins Seelische übergeht, da müssen wir dann über den Planeteneinfluß hinausgehen, wie es in den älteren, wirklich guten Anschauungen über Astrologie geschehen ist, nicht in den heutigen laienhaften und dilettantischen, die noch zurückgeblieben sind. Aber aus alledem können Sie ersehen, daß man schon in einer gewissen Weise sagen muß, aber immer nur, insofern man das Äußere in Betracht zieht: dies gilt für die Pflanze. Für das Tier gilt, daß die Form zusammenhängt mit dem Tierkreis, daß das Wachstum zusammenhängt mit der Planetenbewegung und der Stoffwechsel mit der Erde.

[ 13 ] Gehen wir zum Menschen herauf, dann können wir seine Form nicht mehr zuerteilen irgendwelchen Sternbildern, sondern nur dem ganzen Weltall als solchem, wir können nur sagen: der Sphäre; nicht den einzelnen Sternbildern, sondern der ganzen Sphäre. Ich habe deshalb einmal gesagt — ich habe es ja auch schon drucken lassen —, daß das menschliche Gehirn in einer gewissen Beziehung ein Abbild des ganzen Sternenhimmels ist, nicht einer einzelnen Sterngruppe. Also da ist die Sphäre für die Form. Für das Wachstum allerdings auch in einer gewissen Beziehung Planetenbewegung, aber jetzt die gesamte Planetenbewegung, nicht einzelne Planeten, wie es für die Pflanze, für das Tier ist; und für den Stoffwechsel wiederum die Erde.

Pflanze:

Form, Sternenhimmel
Wachstum, Planeten
Stoffwechsel, Erde

Tier:

Form, Tierkreis
Wachstum, Planeten
Stoffwechsel, Erde

Mensch:

Form, Sphäre
Wachstum, Planeten
Stoffwechsel, Erde

[ 14 ] Worin bestand denn der Fortschritt in der Erkenntnisentwickelung ? Im Grunde genommen hat bis in die Zeit des Mysteriums von Golgatha herein kein Mensch, der in bezug auf die Erkenntnis in Betracht gekommen ist, an diesen Dingen, die ich jetzt gerade auseinandergesetzt habe, gezweifelt. Wenn auch diese alte Erkenntnis nicht die vollbewußte Erkenntnis war, die wir heute etwa durch Anthroposophie anstreben, so war doch eine Art traumhafter, aber hellseherischer Erkenntnis in jenen alten Zeiten vorhanden, namentlich bis zu dem Mysterium von Golgatha. Und diejenigen Menschen, von denen man anerkannt hat, daß sie etwas von der Welt verstehen, die haben gar nicht daran gezweifelt, daß, wenn sie eine Pflanzenblüte anschauten, sie diese in Beziehung zu irgendwelchen Konfigurationen im Sternenhimmel zu setzen hatten. Und so auch bei anderem.

[ 15 ] Dann ist diese Erkenntnis immer mehr und mehr dahingeschwunden in den ersten vier Jahrhunderten nach dem Mysterium von Golgatha, und dann sind ja nach der großen Ausrottung der alten Erkenntnisse — diese Ausrottung habe ich ja öfter dargestellt — nur noch diejenigen Erkenntnisse übriggeblieben, die dann ins Mittelalter herein übertragen worden sind, die vielfach verballhornt worden sind, die jetzt in alten Schmökern verzeichnet werden und an denen sich jetzt noch manche Leute erlaben, die nicht zu der neuen Erkenntnis ihre Zuflucht nehmen wollen, sondern die immer wiederum ins Alte zurückschauen wollen.

[ 16 ] Die Erkenntnis, zu der wir uns heute wiederum in vollem Bewußtsein aufringen, die kosmische Erkenntnis auch desjenigen, was als Gebilde hier auf unserer Erde auftritt, diese kosmische Erkenntnis, die wir heute anstreben, war allerdings nicht in einer bewußten Hellsichtigkeit, aber doch in einer gewissen Weise vorhanden. Sie wurde immer mehr und mehr abgedämmert. Und dann, nachdem der Mensch sich eine Zeitlang mehr demjenigen gewidmet hatte, was aus seinem Inneren heraus als künstlerisches Gestalten des Wortes in der Dramatik, des Gedankens in der Dialektik, des Lautes und Wortzusammenhanges in der Rhetorik, der Anschauung der Zahl in der Arithmetik, der Anschauung der Form in der Geometrie, nachdem sich der Mensch einige Jahrhunderte hindurch diesem künstlerischen Ausbilden der menschlichen Seelenkräfte gewidmet hatte, kam diejenige Weltanschauung herauf, die nun nicht mehr da draußen im Weltenall sucht, die nicht mehr fragt: Was ist da draußen, damit auf der Erde eine Lilienblüte, eine Tulpenblüte entstehen kann? Sondern es kam eine Weltanschauung herauf, die nur die gegenwärtige Stellung der Sterne, die Größe der Sterne berechnet, die nur die Mathematik gelten läßt, die höchstens die Mechanik und die Physik als Astrophysik gelten läßt, wenn die Sternenwelt, wenn das Außerirdische in Betracht kommt.

[ 17 ] Wenn hier die Erde ist und hier ein Maulwurf in der Erde, so hat der Maulwurf ein gewisses Weltbild. Aber viel Sonnenhaftes ist in diesem Weltbilde nicht darinnen. In der neueren Zeit haben die Menschen die Möglichkeit verloren, hinauszuschauen von der Lilienblüte, von der Tulpenblüte in den Sternenhimmel, so wie der Maulwurf nicht die Möglichkeit hat, hinauszuschauen über das Finstere der Erde. Und da stecken ja die Menschen bloß in Erde, Wasser, Luft und Feuer darinnen. Höchstens schauen sie so hinaus in das Licht wie der Regenwurm, wenn er einmal bei Regen herauskommt und vielleicht irgend etwas Spärliches von dem Licht da draußen wahrnimmt. Es ist tatsächlich mit Bezug auf die geistige Welt ein Maulwurfdasein geworden, in das sich die Menschheit nach und nach eingesponnen hat. Denn nur was der Mensch maulwurfsartig in seinem eigenen Inneren finden kann, die mathematischen Zusammenhänge, die sucht er drauBen im Kosmos; nicht aber sucht er das Konkrete und Geistig-Wirkliche draußen im Kosmos. Man könnte ja sagen: Das Erlebnis der Freiheit konnte dem Menschen nur dadurch kommen, daß er einmal eine Weile dieses Maulwurfsdasein geführt hat, daß er hingeschaut hat auf die Lilie und nicht mehr weiß, daß sich in der Lilie ein Himmelsbild abbildet; daß er hingeschaut hat auf die Tulpe und nicht mehr weiß, daß sich abbildet in der Tulpe ein Himmelsbild. Dadurch hat er seine Kräfte mehr auf ein Inneres gewendet, und er ist zu dem Erlebnis der Freiheit gekommen. Aber wir sind heute an dem Punkte angelangt, wo wir notwendigerweise das geistige Weltenall wiederum ins Seelenauge fassen müssen. Es muß wiederum dasjenige, was Jahrhunderte nur als mathematisches, mechanisches Gefüge des Raumes erschienen ist, als ein durchgeistigter Kosmos vor das seelische Auge treten. Man kann geradezu sagen: Durch Jahrhunderte hindurch hat die Menschheit der zivilisierten Welt ein geistiges Maulwurfsdasein geführt, allerdings zur Heranzüchtung der menschlichen Freiheit; denn Sinn hat alles, was im Fortschritt der Menschheit erlebt wird. Aber man muß diesen Sinn durchschauen, man muß nicht stehenbleiben bei einer Entwickelungsetappe, sondern man muß mit der Entwickelung mitgehen und muß sich heute klar sein: Nachdem die Menschheit das Erlebnis der Freiheit im irdischen Maulwurfsdasein entwickelt hat, muß es wieder hinausgehen zum Anschauen des Geistigen, der spirituellen Welt, nicht nur der mathematischen Welt.

[ 18 ] Aber stellen Sie sich recht lebhaft vor, was ich jetzt auseinandergesetzt habe. Es ist wirklich so, wie wenn es in seelischer Beziehung mit den ersten vier nachchristlichen Jahrhunderten finster geworden wäre, wie wenn früher die Menschen hinausgesehen hätten und im Kosmos — bildlich gesprochen — das Licht des Geistes geschaut hätten. Es war gerade noch Zeit, weil dieses Seelenschauen noch vier Jahrhunderte nach dem Mysterium von Golgatha angehalten hat, wenn es auch immer stumpfer und stumpfer geworden ist, daß in den ersten Jahrhunderten das Ereignis von Golgatha, das Christus-Ereignis noch geistig hat angeschaut werden können. Man hat nur die Literatur, die sich auf diese geistige Anschauung des Christus-Ereignisses bezieht, auch ausgerottet. Es ist ja von dieser Literatur nichts anderes vorhanden, als was die Gegner geschrieben haben. Dem Mysterium von Golgatha steht der Mensch so gegenüber, daß er außer den einfachen, scheinbar einfachen Darstellungen der Evangelien nicht die großen Darstellungen hat, die die Spiritualisten der ersten vier Jahrhunderte noch gegeben haben. Er hat nur die Darstellungen der Gegner. Von den größten Darstellungen des Mysteriums von Golgatha haben wir ungefähr so viel, wie die Nachwelt von der Anthroposophie hätte, wenn sie nur die Schriften von Ka/ly lesen würde. Ich denke, man würde da nicht gerade ein schr adäquates Bild bekommen. Das muß man ja immer bedenken, wie diese vier ersten Jahrhunderte gearbeitet haben im Ausrotten gerade der intensivsten Erkenntnisse, die noch vorhanden waren, als man hinausgeschaut hat in den Kosmos und wußte, daß aus einem geistigen Kosmos der Christus auf die Erde gekommen ist. Man mußte ja den geistigen Kosmos verstehen, um verstehen zu können, wie eben aus der geistigen Welt der Christus auf die Erde gekommen ist und in einem Menschen sich verkörpert hat. Dann blieb eben nichts weiter, weil die Menschheit in das nur Irdische eintauchte, als die Erinnerungen an das Mysterium von Golgatha. Die Erinnerungen pflanzten sich von Generation zu Generation fort. Und was als Erinnerung sich fortpflanzte, nannte man Offenbarung, suchte es zu begreifen mit dem Intellektualismus, der immer mehr heraufkam.

[ 19 ] Was ist es denn, was uns heute als Aufgabe zusteht gegenüber diesen Dingen? Das steht uns als Aufgabe zu, wiederum hinausschauen zu lernen in das Weltenall und Geist überall sehen zu können, nicht bloß indem wir uns in uns selber versenken und da das Geistige erleben wollen, sondern indem wir den Geist in allen Gebilden gerade des Kosmos draußen erleben können. Das steht uns zu, das muß wieder geschehen. Wir müssen wiederum eindringen in den lichten Geist des ganzen Kosmos, dann werden wir auch das Mysterium von Golgatha wieder in einem neuen Lichte sehen.

[ 20 ] Ich habe Ihnen dargestellt, wie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dieses bloß konfessionelle Festhalten an das Mysterium von Golgatha eigentlich schon nicht mehr vorhanden war. Ich habe Ihnen gesagt, daß ein Geist wie Karl Julius Schröer schon im Anfange der siebziger Jahre gesagt hat: Die religiösen Streitfragen sind eigentlich ein Anachronismus. Die Menschen streben schon — so meinte er — nach etwas ganz anderem hin, nach einer anderen Frömmigkeit, nach einem anderen Verbundensein mit der geistigen Welt. — Aber es hat noch im wesentlichen diese letzten fünfzig Jahre gebraucht, damit nur solche schwachen Versuche gemacht werden wie der, den ich Ihnen angeführt habe in dem «Spiegelmenschen» von Werfel. Aber jetzt sieht man, einzelne Menschen drängt es hin, ihren Zusammenhang mit der geistigen Welt wiederum zu finden. Nur glauben Sie nicht, daß dieser Zusammenhang mit der geistigen Welt leicht gefunden werden kann. Er kann aus dem Grunde nicht leicht gefunden werden, weil ja heute eine furchtbare Autorität hat, was man Wissenschaft nennt, was überall getrieben wird als offizielle Wissenschaft. Das aber ist eben hervorgegangen aus diesem Maulwurfstreiben. Ich meine das gar nicht in einem abträglichen Sinne. Ich bitte Sie nur, ja nicht zu denken, daß ich etwa hier die Zeit kritisieren will, indem ich sage «Maulwurfsdasein». Ich will nur charakterisieren, ich will wirklich gar nicht etwas Abträgliches sagen, denn im Grunde genommen ist seit dem 15. Jahrhundert recht Großes geleistet worden von diesen kosmischen Maulwürfen, die man die Menschen nennt.

[ 21 ] Wenn Sie das nicht glauben, so studieren Sie einmal vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus die Geographie der Maulwürfe oder Regenwürmer. Das ist zwar eine geträumte, aber es ist eine großartige Geographie; sie ist nur just nicht dem Menschen angemessen. Und wenn Sie erst die Geographie der Pflanzen studieren würden! Die Pflanze bringt es nicht einmal zum Träumen in ihrem Ätherleib, aber das, was im Ätherleib entdeckt werden kann, das ist wahrhaftig großartiger als was heute an einer Fakultät gelernt werden kann. Also, ich meine das durchaus nicht abträglich, wenn ich sage: ein Maulwurfsdasein, weil ich es aufs höchste schätze.

[ 22 ] Aber die Welt ist eben in Entwickelung, und es ist jetzt einmal die Zeit, wo wir wieder einrücken müssen in das seelische Erfassen, in das Schauen der Geistigkeit. Der Mensch kann nicht weiterleben, ohne daß er sich einlebt in dieses seelisch-geistige Schauen der Geistigkeit. Und nun muß man sich ganz klarwerden, wie in den letzten fünfzig Jahren _ diese Dinge eigentlich gewirkt haben. Und da möchte ich wiederum eine charakteristische Persönlichkeit vorführen. Man kann manchmal an Persönlichkeiten viel genauer noch studieren, wie die Dinge sich entwickeln in bezug auf die Menschheitskulturen und ihren Fortschritt, als wenn man mehr unpersönlich und abstrakt schildert.

[ 23 ] Ich habe Sie in diesen vergangenen Betrachtungen hier auf Brentano und Nietzsche hingewiesen, um Ihnen zu zeigen an dem, was Menschenseelen durchgemacht haben, wie eigentlich die Entwickelung war. Heute möchte ich Ihnen mehr von der anderen Seite etwas zeigen, wie ein Mensch aufgefaßt worden ist von seinen Mitmenschen.

[ 24 ] Da ist in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, am 22. Juli 1822 — wir feiern heute seinen hundertsten Geburtstag —, ein gewisser Gregor Mendel geboren. Ich habe ihn neulich erwähnt, als ich sagte, während wir in Wien waren, erschienen überall die Artikel über Gregor Mendel, weil sich sein hundertster Geburtstag jetzt nähert. Dieser Gregor Mendel ist als ein Bauernsohn in einem schlesischen Ort geboren, hat mit großer Mühe und sehr gutem Fortschritt studiert und ist dann mit vierundzwanzig Jahren in Mähren zum Priester ordiniert worden. Er wurde also katholischer Priester. Gregor Mendel war als Gymnasiast und auch noch auf dem Priesterseminar ein außerordentlich, wie man so sagt, braver Schüler. Es war dazumal in Österreich so üblich — es war in den vierziger oder fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts —, daß besonders braven, fleißigen Schülern von ihren Klöstern Stipendien gegeben wurden. Sie wurden dann auf die Universität geschickt, um zu Mittelschullehrern, zu Gymnasial- und Realschullehrern vorbereitet zu werden, denn fast alle Stellen in den Gymnasien und Realschulen — ich habe das neulich, als ich Ihnen unsere Wiener Reise beschrieben habe, auch erwähnt — waren von Mönchen oder Priestern besetzt. Die Priester waren in Österreich Lehrer an den Schulen, die man hier die höheren Schulen nennt, bis an die Universitäten hinauf.

[ 25 ] Er wurde nach Wien geschickt, um dort die Mathematik und die exakten Naturwissenschaften zu studieren. Dann mußte man, nachdem man drei Jahre studiert hatte, in der damaligen Zeit die Lehramtsprüfung machen. Mendel stellte sich zur Lehramtsprüfung, dachte offenbar, weil er früher immer so ausgezeichnete Zeugnisse bekommen hatte: Jetzt geht das auch so einfach. Schließlich ist er durchgeplumpst bei der Lehramtsprüfung, mußte sie wiederholen, plumpste wieder dutch, so daß er sie ein drittes Mal nicht wiederholen konnte; denn wenn man zweimal bei einer so wichtigen Sache durchgeplumpst ist, so geht es nicht mehr weiter.

[ 26 ] Durch alle möglichen Umstände, wie es im alten Österreich einmal war, hat ein Schuldirektor irgendwo in Mähren dann einmal gesagt: Nun, einen anderen, der durchgekommen ist, der ein gutes Zeugnis bekommen hat, den haben wir nicht; wir brauchen aber einen Lehrer, da stellen wir doch eben den Gregor Mendel an. Und er wurde dann fünfzehn Jahre lang Realschullehrer. Es ist nicht zu leugnen, er ist es dennoch geworden, also einer von denjenigen Realschullehrern, die eben als Priester hineingeschickt worden sind in diese höheren Schulen.

[ 27 ] Dann hat er aber seine Liebe zur Naturwissenschaft ganz besonders ausgelebt, hat eine große Anzahl von Versuchen gemacht über die Art und Weise, wie die Vererbung geschieht, namentlich bei den Pflanzen. Er hat Pflanzen gesammelt, gepflanzt, solche, sagen wir, die eine rötliche Blüte, und solche die weißliche Blüten haben. Dann hat er diejenigen, die rötliche Blüten haben, befruchten lassen von denen, die weißliche haben, hat dann Pflanzen bekommen mit lauter rötlichen Blüten, die Tochterpflanzen waren. Aber in der zweiten Generation war es anders. Da war eine bestimmte Anzahl von rötlichen Blüten, weißlichen Blüten, scheckigen Blüten, und so ging es weiter. Kurz, Gregor Mendel hat sich gesagt: Ich muß die Atome, das eigentlich Atomistische suchen in der Pflanzenwelt, in der organischen Welt überhaupt. — Wer die Entwickelung des geistigen Lebens kennt, der weiß, wieviel man dazumal nachgedacht hat über die Vererbung. Es gibt ungeheuer viele Vererbungstheorien. Aber Gregor Mendel hat sich nicht viel gekümmert um diese Vererbungstheorien, sondern er hat seine Erbsenpfianzen gepflanzt und nachgeschaut, wie da die Vererbung geschieht, wenn er eine weiße von einer rötlichen Erbse hat befruchten lassen, er hat geschaut, ob er eine rote, weiße oder scheckige Erbse kriegt, und so hat er durch Generationen festgestellt, wie sich zum Beispiel da die Farbe gestaltet, wie sich die Vererbung überhaupt unter verschiedenen Bedingungen, Größenverhältnissen und dergleichen bei den Erbsen gestaltet.

[ 28 ] Ich beschrieb Ihnen gestern die Zeit — es war in den sechziger Jahren —, wo alles das heraufkam, was ich geschildert habe, was in Herman Grimms «Unüberwindlichen Mächten», in Paul Heyses «Kinder der Welt», in Du Bois-Reymonds «Grenzen des Naturerkennens» und so weiter von den verschiedensten Seiten her wirkte. Bei Mendel wirkte es so, daß er die Vererbungsverhältnisse festgestellt hat.

[ 29 ] Die Herren Examinatoren bei den beiden Lehramtsprüfungen, die haben sich doch wenigstens so viel um Gregor Mendel gekümmert, daß sie ihn zweimal haben durchplumpsen lassen, daß sie ihm also zweimal das Zeugnis ausgestellt haben: Gänzlich unbrauchbar, um Gymnasiasten oder Realschülern irgendwelche Wissenschaft beizubringen! — Die anderen Leute dann, die späteren, haben sich überhaupt nicht mehr um Gregor Mendel gekümmert. Die Bücher, die er geschrieben hat über die Vererbungsgesetze, die sind ziemlich verschimmelt in den Bibliotheken. Es hat sich niemand mehr darum gekümmert.

[ 30 ] Aber seit etwa zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, da können Sie finden, daß sich die Leute immer mehr und mehr um Gregor Mendel kümmerten. Da gruben sie seine Vererbungsgesetze aus. Denn jetzt stehen wir ja vor einer ganz besonderen Phase der Wissenschaft. In jener Epoche, wo Herman Grimm zeigen wollte, wie der menschliche Intellekt nicht Standesvorurteile überwinden kann, weil er nicht kraftvoll ist, in der Epoche, in der Du Bois-Reymond sein «Ignorabimus» ausgesprochen hat, in der Paul Heyse seine «Kinder der Welt» geschrieben hat, also in der Epoche, wo der Verstand, der Intellekt immer kraft- und saftloser geworden ist, wo aber doch bei den konfessionslosen Leuten überall ein Hang zu einer neuen Frömmigkeit da war, der jetzt fünfzig Jahre gewirkt hat, in derselben Zeit, wo man überall sich bemüht hat, den Atomismus zum Entseelen in der Wissenschaft zu entwickeln, da bemühte sich auch Gregor Mendel darum, den botanischen und zoologischen Atomismus zu entdecken. Er bemühte sich, jede Pflanze ihrer Vererbung nach zusammenzusetzen aus roten und weißen Blüten, aus großen und kleinen, aus dicken und dünnen Blüten, nachzusehen, wie dicke und dünne, rote und weiße Blüten, wenn sie einmal da sind, so unveränderlich bleiben, wie die Atome unveränderlich bleiben. Dazumal haben die Leute zum Beispiel gesagt: In der Kohlensäure haben wir Kohle und im Kohlenwasserstoff haben wir Kohle. Kohlenwasserstoff ist etwas ganz anderes als Kohlensäure, aber in beiden ist Kohle darinnen. Die Atome, die da als Kohle darinnen sind, die sind in der Kohlensäure, sind im Kohlenwasserstoff dieselben.

[ 31 ] Mendel hat gesagt: Da habe ich eine rote Erbsenblüte, da habe ich eine weiße Erbsenblüte. Jetzt kriegen die Kinder, die sind vielleicht rot. Aber jetzt kriegen die wieder Kinder, da sind einige darunter rot, einige darunter sind aber weiß, einige scheckig, rotweiß gesprenkelt. Und nun geht es wieder weiter: Die kriegen wieder Kinder, und da sind nun wiederum rote, weiße und scheckige darunter und so fort. — Jetzt hat man die atomistische Betrachtungsweise in bezug auf die Pflanzen. Wenn wir nur die Farbe betrachten, rot und weiß, da hat sich, wo die Erbsen rot sind, nur das Weiß verborgen; es ist auch drinnen, nur verborgen. Aber bei den weiteren Kindern, da kommt es wieder heraus, gerade so, wie der Kohlenstoff in der Kohlensäure und im Kohlenwasserstoff ist, in Stoffen, die voneinander ganz verschieden sind. Das ist ja das Wesentliche in den Atomen, der Kohlenstoff ist hier und ist da; das ist überall dasselbe, die festen, die ewigen Atome. Die ewigen Atome bei der Pflanze, die durch die Vererbung durchgehen, das sind die Farben, aber auch zum Beispiel, ob die Pflanze dick oder dünn, groß oder klein ist; aber das Weiß erhält sich, es ist nur manchmal verborgen. Wie in dem Wasser der Sauerstoff, so ist hier das Weiß in den roten Kindern verborgen und kommt wiederum zum Vorschein, wenn es Gelegenheit dazu hat.

[ 32 ] Gregor Mendel war wirklich ein großer Mann, denn er hat im Sinne seiner Zeit das, was man damals als das der Zeit Angemessene gefunden hat, den Atomismus für die leblose Welt, aufgesucht, und zwar an der richtigen Stelle, für die Pflanzenwelt. Auch für die Tierwelt hat er von da ausgehend sehr interessante Bemerkungen gemacht, trotzdem er zweimal durchgefallen ist bei der Lehramtsprüfung. Er hat das alles gemacht, aber damals haben sich die Leute nicht darum gekümmert.

[ 33 ] Dann kam die Zeit, in der durch die Entdeckung des Radiums und so weiter der Atomismus in der leblosen Welt gesprengt wurde. Neulich ist in Berlin eine Rektoratsrede gehalten worden, die das sehr schön auseinandergesetzt zu haben scheint: man kann heute nicht mehr an der alten Atomistik festhalten. Aber die Leute kriegen nicht gleich so schnell Atem. Nun sind sie in einer Art von Atemverlieren, wenn sie keinen Atomismus mehr haben. In der Physik geht es nicht mehr, in der Chemie geht es auch nicht mehr recht. So sind denn, nachdem der Gregor Mendel nun lange Zeit verstaubt war, seine Vererbungsgesetze ausgegraben worden, und heute können Sie überall finden, daß man von dem Mendelismus spricht, daß der Mendelismus etwas von allererstem Range in bezug auf die Vererbungslehre genannt wird, hundert Jahre nach seinem Geburtstag. Überall in den gelehrten Akademien werden jetzt die Jahrhundertfeiern für Gregor Mendel begangen.

[ 34 ] Es ist ein interessantes Leben: Der Priester, der ganz unbeachtet während seines Lebens geblieben ist, der zweimal durchgefallen ist bei der Lehramtsprüfung, hat doch etwas zustande gebracht, was heute eine große Anzahl von Akademien über den ganzen Erdkreis hin als eine allererste geistige Tat feiern. Ich habe Ihnen bei Brentano den Menschen von innen gezeigt, wie er die Welt angeschaut hat, wie er über das Vatikanum, über das Infallibilitätsdogma gedacht hat. Bei Nietzsche habe ich Ihnen etwas Ähnliches zu zeigen versucht. Bei Gregor Mendel wollte ich Ihnen mehr zeigen, wie die anderen ihn angeschaut haben. Denn es ist ja immerhin interessant, daß die gelehrte Körperschaft ihn zweimal hat durchfallen lassen bei der Lehramtsprüfung, daß er dann ganz unbeachtet geblieben ist und jetzt die Welt beherrscht in bezug auf die sogenannten Vererbungsgesetze. Was ist das? Das ist im Grunde genommen auch nichts anderes als das Herausbilden der letzten Phase des Intellektualismus und allerdings noch anderes, von dem ich dann erst morgen reden möchte. Aber das Herausbilden des Intellektualismus, die letzten Atemzüge des Intellektualismus, der ja so verknüpft ist mit dem Atomismus, das können wir wahrnehmen in diesem Verhältnis, in dem die Welt zu Gregor . Mendel gestanden hat und auch heute steht.

[ 35 ] Wahrhaftig, ich habe gar nicht etwa das Bedürfnis, Gregor Mendel von seinem Ruhm das allergeringste zu nehmen. Im Gegenteil, ich habe die Gelegenheit heute ergriffen, um Ihnen einen wirklich großen Mann nahezubringen, damit Sie auch hier an diesen großen Mann denken. Er ist ein großer Mann. Aber gerade an großen Männern und ihren inneren und äußeren Schicksalen kann man die Weiterentwickelung der Menschheit studieren. Nicht an den kleinen, an den großen muß man das studieren, und Gregor Mendel ist ein großer Mann, und Sie können versichert sein, ich freue mich mehr darüber, daß er heute in allen möglichen wissenschaftlichen Akademien gefeiert wird, als daß ich mich etwa darüber freute, daß er zweimal durchgefallen ist. Das können Sie sicher glauben. Aber das Schicksal von Gregor Mendel ist schon außerordentlich interessant. Und ich möchte sagen: Dieses jetzt Sich-Anklammern an den Atomismus in der organischen Welt, das ist ungeheuer charakteristisch für unsere Zeit und gehört eigentlich zu all den Erscheinungen, die ich Ihnen in diesen Tagen beschreiben wollte, die ich gestern von einem anderen Gesichtspunkte aus beleuchtet habe und die ich Ihnen heute darstellte von dem Gesichtspunkt des Mendelismus aus, zu der Jahrhundertfeier von Johann Gregor Mendel.