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The Rudolf Steiner Archive

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The Secret of the Trinity
GA 214

23 July 1922, Dornach

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Erster Vortrag

First Lecture

[ 1 ] Es ist schon darauf hingewiesen worden, daß das Geistesleben der ersten vier christlichen Jahrhunderte im Grunde genommen ganz verschüttet ist, daß alles, was heute verzeichnet wird über die Anschauungen, über die Erkenntnisse der Menschen, die zur Zeit des Mysteriums von Golgatha gelebt haben und die auch noch in den vier nachfolgenden Jahrhunderten lebten, im Grunde genommen doch nur durch die Schriften der Gegner auf die Nachwelt gekommen ist; so daß schon der rückschauende Blick des Geistesforschers notwendig ist, um ein genaueres Bild von dem zu entwerfen, was in diesen ersten vier christlichen Jahrhunderten sich zugetragen hat. Und ich habe ja auch in der letzten Zeit versucht, mit einigen Strichen das Bild Julians des Abtrünnigen zu zeichnen.

[ 1 ] It has already been pointed out that the spiritual life of the first four Christian centuries has, in essence, been completely buried; that everything recorded today about the views and insights of the people who lived at the time of the Mystery of Golgotha—and who also lived during the four subsequent centuries— has, in essence, only been passed down to posterity through the writings of their opponents; so that the spiritual researcher’s retrospective gaze is already necessary to sketch a more accurate picture of what took place during these first four Christian centuries. And I have, in fact, recently attempted to sketch a brief portrait of Julian the Apostate.

[ 2 ] Nun aber können wir nicht sagen, daß nach den gewöhnlichen Geschichtsdarstellungen die folgenden Jahrhunderte in einer klareren Weise vor dem Menschen der Gegenwart stehen. Vom 5. bis etwa ins 12., 13., 14. Jahrhundert hinein bleibt eigentlich das, was man nennen könnte das Seelenleben der europäischen Bevölkerung, nach den gebräuchlichen geschichtlichen Darstellungen durchaus unklar. Was ist denn im Grunde genommen in diesen gebräuchlichen geschichtlichen Darstellungen da? Und was ist denn selbst dann da, wenn man auf die Dichtungen federflinker sogenannter Dramatiker oder Dichter, etwa vom Schlage des Herrn von Wildenbruch sieht, die in ihren Dichtungen im wesentlichen zu äußerlichen Popanzen die verschiedenen Familiengeschichten von Ludwig dem Frommen oder ähnlichen Menschen ausstaffierten, die dann als Geschichte fortgetragen werden?

[ 2 ] However, we cannot say that, according to conventional historical accounts, the following centuries are presented to people today in a clearer light. From the 5th century through roughly the 12th, 13th, and 14th centuries, what one might call the inner life of the European population remains, according to conventional historical accounts, entirely unclear. What, after all, is actually contained in these conventional historical accounts? And what is actually there, even when one looks at the works of quick-witted so-called dramatists or poets—such as those of the caliber of Herr von Wildenbruch—who, in their writings, essentially dressed up the various family histories of Louis the Pious or similar figures as superficial spectres, which are then passed down as history?

[ 3 ] Dennoch ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, einmal einen Blick in die Wahrheit des europäischen Lebens zu werfen für diejenigen Zeiten, aus denen ja noch so vieles in der Gegenwart stammt, und die man im Grunde doch, namentlich in bezug auf das Seelenleben der europäischen Bevölkerung, verstehen muß, wenn man überhaupt irgend etwas von den tieferen Kulturströmungen auch der späteren Zeit verstehen will. Und da möchte ich zunächst von etwas ausgehen, was ja vielen von Ihnen ein wenig fern liegen wird, was aber doch heute auch nur im geisteswissenschaftlichen Lichte richtig betrachtet werden kann und deshalb eben hierher gehört.

[ 3 ] Nevertheless, it is of extraordinary importance to take a look at the reality of European life during those times—from which so much in the present still stems—and which, fundamentally, one must understand, particularly with regard to the spiritual life of the European people, if one wishes to understand anything at all about the deeper cultural currents of later periods as well. And here I would like to begin with something that will likely seem somewhat foreign to many of you, but which today can only be properly understood in the light of the spiritual sciences and therefore belongs here.

[ 4 ] Sie wissen ja, daß es jetzt so etwas gibt, was man Theologie nennt. Diese Theologie, wie man sie heute anschaut, im Grunde genommen alle heutige Theologie der europäischen Welt, sie ist in ihrer Grundstruktur, in ihrem innerlichen Wesen eigentlich entstanden in der Zeit vom 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert, durch die folgenden, recht dunkel bleibenden Jahrhunderte hindurch, bis zum 12., 13. Jahrhundert hin, wo sie dann durch die Scholastik einen gewissen Abschluß gefunden hat. Wenn man nun diese Theologie betrachtet, die sich im Grunde genommen erst in der Zeit nach Augustinus in ihrem eigentlichen Wesen heranbildet — denn Augustinus kann mit Hilfe dieser Theologie nicht oder höchstens noch eben verstanden werden, während alles vorhergehende, was zum Beispiel auch über das Mysterium von Golgatha vorgebracht wurde, nicht mehr verstanden werden kann mit dieser Theologie —, wenn man auf das Wesen dieser Theologie hinschaut, die da gerade in den dunkelsten Zeiten des Mittelalters — dunkel für unsere Erkenntnis, für unsere äußere Erkenntnis — entsteht, so muß einem vor allen Dingen klarwerden, wie diese Theologie etwas ganz anderes ist, als etwa die Theologie, oder was man sonst so nennen könnte, vorher war. Was vorher Theologie war, ist ja eigentlich nur, ich möchte sagen, wie eine Erbschaft hineinverpflanzt in die Zeiten, in denen dann die Theologie, wie ich sie jetzt charakterisiert habe, entstand. Und Sie können einen Eindruck gewinnen, wie vorher dasjenige ausgesehen hat, was dann zur Theologie geworden ist, wenn Sie nur den kurzen Aufsatz lesen, den Sie in der dieswöchentlichen Nummer des «Goetheanum» über Dionysius den Areopagiten finden, der ja auch noch eine Fortsetzung in einer der nächsten Nummern finden wird. Da finden Sie eben dargestellt die ganz andere Art, sich zu der Welt zu stellen in den ersten christlichen Jahrhunderten, als es später, sagen wir, etwa in der Zeit des 9., 10. Jahrhunderts und in den folgenden Jahrhunderten der Fall war.

[ 4 ] As you know, there is now something called theology. This theology, as we view it today—essentially all contemporary theology in the European world—actually took shape in its basic structure and inner essence during the 4th and 5th centuries A.D., continuing through the subsequent centuries, which remain rather obscure, up to the 12th, 13th centuries, when it then reached a certain culmination through Scholasticism. If we now consider this theology, which essentially only began to take shape in its true essence in the period following Augustine—for Augustine cannot be understood, or at most can only barely be understood, with the help of this theology, whereas everything that preceded it, such as what was put forward regarding the Mystery of Golgotha, can no longer be understood with this theology— if one looks at the essence of this theology, which arose precisely during the darkest times of the Middle Ages—dark for our understanding, for our external understanding—then it must become clear above all else that this theology is something entirely different from, say, the theology—or whatever else one might call it—that existed before. What was theology before is, in fact, merely—I would say—like an inheritance transplanted into the times in which the theology I have just characterized then arose. And you can get a sense of what that which later became theology looked like beforehand simply by reading the short essay on Dionysius the Areopagite in this week’s issue of *Goetheanum*, which will also be continued in one of the upcoming issues. There you will find described a completely different way of relating to the world in the early Christian centuries than was the case later, say, during the 9th and 10th centuries and in the centuries that followed.

[ 5 ] Wenn man in einer skizzenhaften Weise den ganzen Gegensatz nennen wir es jetzt der alten Theologie — der Theologie, wie sie sich in einem Spätprodukt, möchte man sagen, in Dionysius dem Areopagiten sogar ausspricht, zu der späteren neuen Theologie charakterisieren wollte, so müßte man sagen: Die ältere Theologie hat alles, was sich auf die geistige Welt bezieht, wie von innen angesehen, wie durch einen direkten Hinblick auf das, was in den geistigen Welten vorgeht. Wenn man Einblick gewinnen will, wie diese ältere Theologie gedacht hat, wie sie innerlich seelisch angeschaut hat, so kann man das eigentlich nur wiederum mit den Methoden der heutigen anthroposophischen Geisteswissenschaft suchen. Da kann man auf folgendes kommen. Ich habe gestern schon von einem anderen Gesichtspunkte ähnliche Sachen charakterisiert.

[ 5 ] If one were to sketch out, in a general way, the entire contrast—let us call it “old theology” for now—between the theology as expressed, one might say, in a late work such as that of Dionysius the Areopagite, and the later “new theology,” one would have to say: The older theology views everything related to the spiritual world as if from within, as if through a direct gaze at what takes place in the spiritual worlds. If one wishes to gain insight into how this older theology thought, how it viewed things inwardly and spiritually, one can really only seek this, in turn, using the methods of today’s anthroposophical spiritual science. This leads to the following conclusion. I already characterized similar ideas yesterday from a different perspective.

[ 6 ] Wenn man zur imaginativen Erkenntnis aufsteigt, so merkt man immer mehr und mehr, daß man mit diesem ganzen Vorgang des Aufsteigens zur imaginativen Erkenntnis in geistigen Vorgängen drinnen schwebt. Dieses Drinnenschweben mit seinem ganzen Seelenleben während des Aufsteigens zur imaginativen Erkenntnis, das stellt sich einem so dar, als ob man in Berührung käme mit Wesenheiten, die nicht auf dem physischen Plane leben. Die Anschauung der Sinnesorgane hört auf, und man erfährt, daß gewissermaßen alles, was sinnliche Anschauung ist, entschwindet. Aber der ganze Vorgang stellt sich einem so dar, als ob einem dabei Wesenheiten einer höheren Welt helfen würden, und man kommt darauf, daß man diese Wesenheiten als dieselben aufzufassen hat, welche in der älteren Theologie als die Angeloi, Archangeloi und Archai angesehen werden. Also ich könnte sagen, diese Wesenheiten helfen einem, um hinaufzudringen zu der imaginativen Erkenntnis. Dann teilt sich, wie sich Wolken auseinanderteilen, die Sinneswelt auseinander, und man schaut hinter die Sinneswelt. Und hinter der Sinneswelt tut sich dann auf dasjenige, was man Inspiration nennen kann; hinter dieser Sinneswelt offenbart sich dann die zweite Hierarchie, die Hierarchie der Exusiai, Dynamis, Kyriotetes. Diese ordnenden schöpferischen Wesenheiten, die stellen sich vor der inspirierten Erkenntnis der Seele dar. Und wenn dann ein weiteres Ansteigen erfolgt zur Intuition, dann kommt die erste Hierarchie, die Throne, Cherubim, Seraphim. Das sind Möglichkeiten, um jetzt wiederum durch unmittelbare geistige Schulung darauf zu kommen, was mit solchen Bezeichnungen, wie erste, zweite, dritte Hierarchie, bei älteren Theologien eigentlich gemeint war.

[ 6 ] As one ascends to imaginative knowledge, one becomes increasingly aware that, throughout this entire process of ascending to imaginative knowledge, one is floating within spiritual processes. This state of floating within, with one’s entire soul life, during the ascent to imaginative knowledge presents itself as if one were coming into contact with beings who do not live on the physical plane. Perception through the sense organs ceases, and one experiences that, in a sense, everything that constitutes sensory perception vanishes. But the entire process appears to one as if beings from a higher world were assisting one in this, and one comes to realize that these beings are to be understood as the very same ones regarded in older theology as the Angeloi, Archangeloi, and Archai. So I could say that these beings help one to ascend to imaginative knowledge. Then, just as clouds part, the sensory world parts, and one looks beyond the sensory world. And beyond the sensory world, what one might call inspiration opens up; beyond this sensory world, the second hierarchy—the hierarchy of the Exusiai, Dynamis, and Kyriotetes—is revealed. These ordering, creative beings present themselves to the soul’s inspired insight. And when one then ascends further to intuition, the first hierarchy appears—the Thrones, Cherubim, and Seraphim. These are ways to arrive, through direct spiritual training, at an understanding of what terms such as “first,” “second,” and “third hierarchy” actually meant in older theologies.

[ 7 ] Nun, gerade wenn man noch auf die ja zum größten Teile ausgerottete Theologie der ersten christlichen Jahrhunderte hinblickt, dann bemerkt man, daß sie in einer gewissen Beziehung noch etwas davon hat, daß eigentlich der Mensch, wenn er seine Sinne nach der gewöhnlichen sinnlichen Außenwelt richtet, zwar die Dinge sieht und an sie glauben muß, aber sie nicht erkennt. Es ist ein ganz bestimmtes Bewußtsein in dieser älteren Theologie vorhanden: das Bewußtsein, daß man erst etwas erlebt haben muß in der geistigen Welt, und daß mit dem, was man in der geistigen Welt erlebt hat, sich erst die Begriffe ergeben, mit denen man dann herangehen kann an die Sinneswelt und gewissermaßen die Sinneswelt mit diesen aus der geistigen Welt gewonnenen Ideen beleuchten kann. Dann erst wird etwas aus der Sinneswelt.

[ 7 ] Well, especially when one looks back at the theology of the first Christian centuries—which has, for the most part, been eradicated—one notices that, in a certain sense, it still retains something of the idea that, in fact, when a person directs their senses toward the ordinary sensory external world, they do indeed see things and must believe in them, but they do not truly recognize them. There is a very specific awareness present in this older theology: the awareness that one must first have experienced something in the spiritual world, and that it is only through what one has experienced in the spiritual world that the concepts arise with which one can then approach the sensory world and, in a sense, illuminate the sensory world with these ideas gained from the spiritual world. Only then does something emerge from the sensory world.

[ 8 ] Das entspricht auch in gewissem Sinne dem, was sich einem älteren, traumhaft atavistischen Hellsehen ergeben hat. Da haben ja auch die Menschen, wenn auch in traumhaften Vorstellungen, in eine geistige Welt zuerst hineingeschaut und haben das, was sie da drinnen erlebt haben, dann auf die Sinnesanschauung angewendet. Diese Menschen wären sich, wenn sie nur die Sinnesanschauung vor sich gehabt hätten, so vorgekommen wie jemand, der in einem finsteren Zimmer steht und kein Licht hat. Wenn sie aber ihre Geistesanschauung, das Ergebnis des reinen Hineinschauens in die Geisteswelt gehabt haben und es anwendeten auf die Sinneswelt, wenn sie zuerst etwas geschaut haben, sagen wir, von den schöpferischen Kräften der Tierwelt und das dann anwendeten auf die äußeren Tiere, dann fühlten sie sich, als wenn sie eben mit einer Lampe in ein finsteres Zimmer treten würden. So fühlten sie sich mit der geistigen Anschauung vor die Sinnesanschauung hintretend und sie beleuchtend. Dadurch wird sie erst erkannt. Das war durchaus das Bewußtsein dieser älteren Theologien. Daher ist die ganze Christologie in den ersten christlichen Jahrhunderten eigentlich immer von innen angeschaut worden. Man hat im Grunde genommen den Vorgang, der sich abgespielt hat, das Herunterkommen des Christus in die irdische Welt, nicht von außen angeschaut, man hat ihn von innen angeschaut, von der geistigen Seite her. Man hat erst den Christus in geistigen Welten aufgesucht und dann verfolgt, wie er heruntergestiegen ist in die physisch-sinnliche Welt. Das ist das Bewußtsein gewesen der älteren Theologie.

[ 8 ] In a certain sense, this also corresponds to what has emerged from an older, dreamlike, atavistic form of clairvoyance. After all, even in dreamlike visions, people first looked into a spiritual world and then applied what they experienced there to their sensory perception. If these people had had only sensory perception before them, they would have felt like someone standing in a dark room with no light. But when they had their spiritual insight—the result of pure gazing into the spiritual world—and applied it to the sensory world; when they first beheld, say, the creative forces of the animal world and then applied that to the external animals, they felt as if they were stepping into a dark room with a lamp. That is how they felt when they placed spiritual insight before sensory perception and illuminated it. Only then is it truly recognized. This was indeed the consciousness of those earlier theologies. That is why the entire Christology of the first Christian centuries was, in fact, always viewed from within. Essentially, the process that took place—the descent of Christ into the earthly world—was not viewed from the outside; it was viewed from the inside, from the spiritual perspective. First, Christ was sought out in the spiritual worlds, and then his descent into the physical, sensory world was traced. This was the consciousness of the older theology.

[ 9 ] Nun trat als Ereignis dieses ein: Die römische Welt, nach der sich als am weitesten nach Westen der christliche Impuls fortschob, war in ihrer geistigen Auffassung durchsetzt von der Neigung, von dem Hang für das Abstrakte und dafür, das, was Anschauungen waren, in abstrakte Begriffe zu bringen. Diese römische Welt war aber eigentlich, während das Christentum sich nach und nach gegen Westen schob, am Zugrundegehen, in Fäulnis. Und die nordischen Völker drangen vom Osten Europas herüber gegen Westen und gegen Süden vor. Nun ist es ein Eigentümliches, daß, während auf der einen Seite das römische Wesen in Fäulnis übergeht und die frischen Völker vom Norden herankommen, sich jenes Kollegium bildet auf der italienischen Halbinsel, von dem ich schon in diesen Zeiten hier gesprochen habe, das eigentlich sich zur Aufgabe setzte, alle Ereignisse dazu zu benützen, um die alten Anschauungen mit Stumpf und Stiel auszurotten und nur diejenigen Schriften auf die Nachwelt kommen zu lassen, die diesem Kollegium bequem waren.

[ 9 ] Now the following event occurred: The Roman world, toward which the Christian impulse had spread the farthest westward, was, in its intellectual outlook, permeated by a tendency—a penchant—for the abstract and for translating what were intuitive perceptions into abstract concepts. But this Roman world was, in fact, as Christianity gradually spread westward, in a state of decline and decay. And the Nordic peoples were advancing from eastern Europe toward the west and south. Now it is a curious thing that, while on the one hand the Roman way of life was decaying and the fresh peoples were approaching from the north, that college was forming on the Italian peninsula—the one I have already spoken of here in these times—which actually set itself the task of to use all these events to eradicate the old views root and branch and to allow only those writings to survive for posterity that were convenient for this college.

[ 10 ] Über diesen Vorgang berichtet ja die Geschichte eigentlich gar nichts, und dennoch ist es ein realer Vorgang. Würde eine geschichtliche Darstellung davon vorhanden sein, so würde man eben einfach hinweisen auf jenes Kollegium, das sich als ein Erbe des römischen Pontifexkollegiums in Italien gebildet hat, das gründlich aufgeräumt hat mit allem, was ihm nicht genehm war, und das andere modifiziert und der Nachwelt übergeben hat. Geradeso wie man in Rom in bezug auf die nationalökonomischen Vorgänge das Testament erfunden hat, um hinauswirken zu lassen über den einzelnen menschlichen Willen dasjenige, über das der Wille verfügt, so entstand in diesem Kollegium der Trieb, das römische Wesen als bloße Erbschaft, eben als bloße Summe von Dogmen fortleben zu lassen in der folgenden Zeit der geschichtlichen Entwickelung durch viele Generationen hindurch. Solange als möglich soll nicht irgendwie Neues in der geistigen Welt erschaut werden, so hat dieses Kollegium gesagt. Das Initiationsprinzip soll mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Was wir jetzt modifizieren, das soll als Schrifttum auf die Nachwelt übergehen.

[ 10 ] History actually says nothing at all about this event, and yet it is a real event. If a historical account of it existed, one would simply point to that college which formed in Italy as the heir to the Roman College of Pontiffs, which thoroughly did away with everything that did not suit it, and which modified the rest and handed it down to posterity. Just as the will was invented in Rome with regard to economic processes—to ensure that what the will decrees would take effect beyond the individual human will—so, within this college, the impulse arose to allow the Roman essence to live on as a mere legacy, as nothing more than a sum of dogmas, throughout the subsequent period of historical development spanning many generations. “As long as possible, nothing new should be perceived in the spiritual world,” this college declared. “The principle of initiation must be eradicated root and branch. What we are now modifying is to be passed on to posterity as written works.”

[ 11 ] Würde man es trocken darstellen, so müßte es in dieser Tatsächlichkeit dargestellt werden. Und dem Christentum hätten noch ganz andere Schicksale geblüht, es wäre vollständig erstarrt, wenn eben nicht die nordischen Völker gekommen wären und sich hineingeschoben hätten, sowohl nach Westen hin wie auch nach dem Süden hin. Denn diese Völker brachten sich eine gewisse Naturanlage mit, die ganz anders war als die Anlage der südlichen, der griechischen und der römischen Völker.

[ 11 ] If one were to describe it objectively, it would have to be presented in this factual light. And Christianity would have faced a very different fate; it would have become completely stagnant had it not been for the arrival of the Nordic peoples, who pushed their way in, both to the west and to the south. For these peoples brought with them a certain natural disposition that was quite different from that of the southern, Greek, and Roman peoples.

[ 12 ] Die Anlage der südlichen Völker war immerhin, wenigstens in älteren Zeiten — bei den Römern wenig, bei den Griechen aber stark — dahingehend, daß sich aus der Gesamtheit der Völker immer einzelne Individuen herausentwickelten, die die Initiation durchmachten und in die geistige Welt hineinschauen konnten; so daß dann solche Theologien entstehen konnten, die eine unmittelbare Anschauung der geistigen Welt waren, wie sie dann in ihrer letzten Phase in der Theologie des Dionysius Areopagita erhalten ist.

[ 12 ] The disposition of the southern peoples was, at least in earlier times—to a lesser extent among the Romans, but to a greater extent among the Greeks—such that from among the peoples as a whole, individual beings would always emerge who underwent initiation and were able to glimpse into the spiritual world; so that theologies could then arise that were a direct perception of the spiritual world, as preserved in its final phase in the theology of Dionysius the Areopagite.

[ 13 ] Aber die von Norden herunterkommenden Völker hatten zunächst nichts von diesem Triebe, der, wie gesagt, bei den Griechen sehr stark war. Sie hatten aber etwas anderes, diese nordischen Völker. Um aber recht zu verstehen, was da nun in den folgenden Zeiten gerade durch die nordischen Völker, durch die gotischen, germanischen Völker, durch die Angelsachsen, Franken und so weiter, in die europäische Entwickelung hineinkam, muß man sich das Folgende vor die Seele führen.

[ 13 ] But the peoples coming down from the north initially had none of this impulse, which, as I said, was very strong among the Greeks. These Nordic peoples, however, had something else. To truly understand what it was that entered into European development in the times that followed—specifically through the Nordic peoples, the Gothic and Germanic peoples, the Anglo-Saxons, the Franks, and so on—one must keep the following in mind.

[ 14 ] Geschichtlich sind ja darüber keine Nachrichten vorhanden, aber geisteswissenschaftlich kann man so etwas finden. Nehmen wir einen älteren Theologen, kurze Zeit — etwa im 1., 2. Jahrhundert — nach dem Mysterium von Golgatha, einen derjenigen Theologen, die noch geschöpft haben aus der alten Initiationswissenschaft. Wenn der hätte darstellen wollen, was der Nerv, ich möchte sagen, die Prinzipien seiner Theologie waren, so würde er gesagt haben: Erst muß der Mensch, um überhaupt eine Beziehung zur geistigen Welt zu haben, entweder direkt, unmittelbar durch seine eigene Initiation oder als Schüler von Initiierten sich Kenntnis verschaffen von der geistigen Welt. Dann, wenn er in der geistigen Welt die Begriffe und Ideen gewonnen hat, kann er diese Begriffe und Ideen auf die Sinneswelt anwenden.

[ 14 ] Historically, there are no records of this, but from a humanities perspective, one can find such things. Let us take an early theologian, living a short time—say, in the 1st or 2nd century—after the Mystery of Golgotha, one of those theologians who still drew upon the ancient science of initiation. If he had wanted to describe what the core—I would say, the principles—of his theology were, he would have said: First, in order to have any relationship with the spiritual world at all, a person must gain knowledge of the spiritual world, either directly, through his own initiation, or as a student of the initiated. Then, once he has gained concepts and ideas from the spiritual world, he can apply these concepts and ideas to the sensory world.

[ 15 ] Bitte, halten Sie das recht gut fest. Die Begriffe und Ideen hat diese ältere Theologie gesucht zuerst durch unmittelbares Eindringen in die geistige Welt. Dann, nahm sie an, kann man die aus der geistigen Welt geschöpften Begriffe und Ideen auf die Sinneswelt anwenden. Das waren etwa die abstrakten Prinzipien eines solchen älteren 'Theologen.

[ 15 ] Please keep this firmly in mind. This older theology sought concepts and ideas first through direct penetration into the spiritual world. Then, it assumed, one could apply the concepts and ideas drawn from the spiritual world to the sensory world. These were, in essence, the abstract principles of such an older “theologian.”

[ 16 ] Nun waren die Anlagen der gotischen, der germanischen Völker nicht so, daß eine solche theologische Stimmung unmittelbar hätte heraufkommen können; denn diese theologische Stimmung war ja ganz darauf veranlagt, innerlich die Vorgänge zu sehen, die in der Welt zu sehen sind, das Geistige eben zuerst zu sehen und sich zuzugeben, daß das Sinnliche erst gesehen werden kann, wenn man von dem Geistigen ausgeht. Solch eine Theologie konnte sich ja nur aus dem alten atavistischen Hellsehen heraus als das reifste Produkt ergeben, weil atavistisches Hellsehen ja auch ein innerliches Anschauen, wenn auch von traumhaften Imaginationen, war. Solche Inititerte, die unmittelbar hineinschauten in die geistige Welt, um dann von da aus die Sinneswelt zu überschauen, konnten nach den ganzen Anlagen dieser von Norden herstürmenden Völker innerhalb dieser Völker nicht entstehen. Diese Völker waren auch noch etwas atavistisch hellsehend; sie waren ja eigentlich noch auf einer früheren, primitiveren Stufe der menschheitlichen Entwickelung. Sie hatten noch etwas mitgebracht, diese Goten oder Langobarden und so weiter von dem alten Hellsehen. Aber dieses alte Hellsehen bezog sich durchaus nicht auf innerliches Anschauen, sondern zwar auf ein geistiges Anschauen, aber auf das Hinschauen mehr nach der Außenseite hin. Sie schauten gewissermaßen die geistige Welt von außen an, während die südlichen Völker daraufhin veranlagt waren, die geistige Welt von innen anzuschauen.

[ 16 ] Now, the dispositions of the Gothic and Germanic peoples were not such that such a theological mood could have arisen directly; for this theological mood was, after all, entirely inclined to perceive inwardly the processes that are to be seen in the world—to perceive the spiritual first and to acknowledge that the sensible can only be perceived when one proceeds from the spiritual. Such a theology could, after all, only emerge from the ancient atavistic clairvoyance as its most mature product, because atavistic clairvoyance was itself an inner contemplation, albeit one of dreamlike imaginings. Such initiates, who looked directly into the spiritual world in order to then survey the sensory world from there, could not arise within these peoples—given the overall dispositions of these peoples who were sweeping in from the north. These peoples were also still somewhat atavistically clairvoyant; they were, in fact, still at an earlier, more primitive stage of human development. These Goths, Lombards, and others had brought with them remnants of this ancient clairvoyance. But this ancient clairvoyance did not at all pertain to inner contemplation; rather, although it was a form of spiritual perception, it involved looking more toward the outside. They viewed the spiritual world, so to speak, from the outside, whereas the southern peoples were predisposed to view the spiritual world from within.

[ 17 ] Was heißt das, diese Völker schauten die geistige Welt von außen an? Das heißt, sie sahen zum Beispiel: Ein Mensch ist tapfer in der Schlacht, er stirbt in der Schlacht. Nun war für sie das Leben, indem sie das Äußerliche von diesem Menschen anschauten, nicht zu Ende, sondern sie verfolgten diesen Menschen weiter, wie er sich in die geistige Welt hineinlebte. Aber sie verfolgten nicht nur, wie sich dieser Mensch in die geistige Welt hineinlebte, sondern wie er auch noch immer weiter für die Erdenmenschen tätig war. Und so können diese nordischen Völker sagen: Da ist irgendeiner hingestorben, sei es nach dieser oder jener bedeutenden Tat, nachdem er Führer war eines Volkes oder Volksstammes. Wir schauen seine Seele, wie sie weiterlebt, wie sie, wenn er zum Beispiel ein Krieger war, empfangen wurde von den «Einheriern», oder wie er in einer anderen Weise weiterlebt. Aber eigentlich ist diese Seele, ist dieser Mensch noch da. Er ist da, er lebt weiter. Es ist der Tod nur ein Ereignis, das sich hier auf Erden abgespielt hat. Und das, was nun geradezu verschüttet ist für die Jahrhunderte vom 4., 5. an bis zum 12., 13. Jahrhundert, das ist, daß eigentlich immer die Anschauung vorhanden war: Die Seelen der Menschen, die große Verehrung genossen, sind noch immer auch für die irdischen Menschen gegenwärtig; sie führen sie, wenn sie Schlachten liefern, sogar noch an. Man stellte sich vor: Diese Seelen sind noch vorhanden, sie sind nicht entschwunden für die Irdischen; sie führen in gewissem Sinne mit den Kräften, die ihnen die geistige Welt gibt, die Funktionen ihres Erdenlebens weiter. Es war dieses atavistische Hellsehen der nordischen Völker so, daß sie gewissermaßen hier auf der Erde das Treiben der Menschen sahen, aber unmittelbar darüber eine Art von Schattenwelt hatten. In dieser Schattenwelt waren die Verstorbenen. Man braucht nur hinzuschauen — so hatten es diese Menschen im Gefühl —, dann leben eigentlich diejenigen, die in der vorigen und in der vorvorigen Generation waren, fort, die sind da, mit denen haben wir Gemeinsamkeit; wir brauchen nur hinaufzulauschen, so sind sie da. — Dieses Gefühl, daß die Toten da sind, das war in ungeheurer Stärke vorhanden in der Zeit, welche auf das 4. Jahrhundert folgte, wo sich die nordische Bildung mit der römischen Bildung mischte.

[ 17 ] What does it mean that these peoples viewed the spiritual world from the outside? It means, for example, that they saw: A person is brave in battle; he dies in battle. Now, for them, life—as they observed the outward appearance of this person—was not over; rather, they continued to follow this person as he entered into the spiritual world. But they did not merely follow how this person entered into the spiritual world; they also observed how he continued to be active on behalf of the people on Earth. And so these Nordic peoples can say: Someone has passed away, whether after this or that significant deed, after having been the leader of a people or a tribe. We see his soul continuing to live on—how, if he was a warrior, for example, he was received by the “Einherjar,” or how he lives on in some other way. But in reality, this soul—this person—is still here. He is here; he lives on. Death is merely an event that took place here on Earth. And what has been virtually buried over the centuries—from the 4th and 5th centuries through the 12th and 13th centuries—is that the belief was actually always present: the souls of people who were greatly revered are still present for earthly human beings; they even lead them into battle. People imagined: These souls still exist; they have not vanished from the sight of those on Earth; in a certain sense, using the powers bestowed upon them by the spiritual world, they continue to fulfill the roles they held during their earthly lives. This atavistic clairvoyance of the Nordic peoples was such that they saw, as it were, the goings-on of human beings here on Earth, but immediately above that they perceived a kind of shadow world. In this shadow world were the departed. One need only look—so these people felt—and those who lived in the previous and the generation before that actually live on; they are there, and we share a bond with them; we need only listen upward, and there they are. — This feeling that the dead are present was incredibly strong in the period following the 4th century, when Nordic culture mingled with Roman culture.

[ 18 ] Sehen Sie, in diese Anschauung nahmen die nordischen Völker den Christus herein. Sie blickten zuerst auf diese Welt der Toten, die aber eigentlich erst die richtigen Lebendigen waren. Sie sahen über sich schwebend ganze Bevölkerungen von Toten, die aber eigentlich die Lebendigen waren. Hier auf der Erde, unter den in der physischen Welt wandelnden Menschen suchten sie den Christus nicht; aber da suchten sie den Christus, wo diese lebendigen Toten waren, da suchten sie ihn wirklich als über der Erde vorhanden. Und das richtige Gefühl über den «Heliand», der von einem sächsischen Geistlichen gedichtet sein soll, bekommen Sie erst, wenn Sie diese Anschauungen entwickeln. Da begreifen Sie das völlig Konkrete: wie da geschildert wird der Christus unter den Mannen, und so ganz nach deutscher Sitte geschildert wird, wenn Sie verstehen, daß eigentlich das alles halb ins Schattenreich hineinversetzt ist, wo die lebendigen Toten leben. Aber Sie werden viel mehr begreifen, wenn Sie diese Anlage, die sich dann ausbildete durch die Vermischung der nordischen Völker mit dem römischen Volke, richtig ins Auge fassen. Da wird zum Beispiel in der äußeren Literaturgeschichte immer etwas verzeichnet, worüber die Menschen eigentlich nachdenken sollten, nur haben sich ja die Menschen in der Gegenwart das Nachdenkenkönnen über solche Erscheinungen, die gerade als frappierend im geschichtlichen Leben verzeichnet werden, fast ganz abgewöhnt. Da finden Sie zum Beispiel Dichtungen in der Literaturgeschichte verzeichnet, in denen Karl der Große als ein Anführer der Kreuzzüge erwähnt wird. Karl der Große wird einfach geschildert als ein Anführer innerhalb der Kreuzzüge; ja, überhaupt die ganze Zeit von dem 9. Jahrhundert durch die folgenden Jahrhunderte wird Karl der Große überall als ein Lebender geschildert. Die Leute berufen sich überall auf ihn. Er wird so geschildert, als ob er da wäre. Und als die Kreuzzüge herankommen, von denen Sie ja wissen, daß sie Jahrhunderte später stattfanden, da werden Gedichte gemacht, die Karl den Großen so schildern, als wenn er eben mit den Kreuzfahrern gegen die Ungläubigen zöge.

[ 18 ] You see, the Nordic peoples incorporated Christ into this view. They first looked upon this world of the dead, who were, in fact, the truly living ones. They saw entire populations of the dead floating above them, who were, in fact, the living ones. Here on earth, among the people walking in the physical world, they did not seek Christ; but they sought Christ where these living dead were—there they truly sought him as present above the earth. And you will only gain the proper sense of the *Heliand*, which is said to have been composed by a Saxon clergyman, when you develop these perspectives. Then you will grasp the entirely concrete aspect: how Christ is depicted there among the men—and portrayed entirely in the German tradition—when you understand that all of this is actually set partly within the realm of shadows, where the living dead dwell. But you will understand much more if you properly take in this framework, which then developed through the intermingling of the Nordic peoples with the Roman people. For example, in the history of literature, there is always something recorded that people should actually reflect upon; yet people today have almost entirely lost the ability to reflect on such phenomena, which are recorded as particularly striking in historical life. For instance, you will find works of literature recorded in literary history in which Charlemagne is mentioned as a leader of the Crusades. Charlemagne is simply portrayed as a leader within the Crusades; indeed, throughout the entire period from the 9th century through the following centuries, Charlemagne is depicted everywhere as a living person. People refer to him everywhere. He is portrayed as if he were actually there. And as the Crusades approach—which, as you know, took place centuries later—poems are written that depict Charlemagne as if he were marching alongside the Crusaders against the infidels.

[ 19 ] Was da zugrunde liegt, das kann nur verstanden werden, wenn man eben weiß, daß in diesen sogenannten dunklen Jahrhunderten des Mittelalters, deren wahre Geschichte ganz ausgelöscht ist, vorhanden war dieses Bewußtsein von der lebendigen toten Schar, die da als Schatten fortlebt. Karl den Großen haben die Leute erst später in den Untersberg hineinversetzt. Nach längerer Zeit, als eben der Geist des Intellektualismus so stark war, daß dieses Schattenleben aufgehört hat, da haben sie ihn in den Untersberg oder den Barbarossa in den Kyffhäuserberg hineinversetzt. Bis dahin haben sie ihn lebend unter sich gewußt.

[ 19 ] What underlies this can only be understood if one realizes that during these so-called “Dark Ages” of the Middle Ages—whose true history has been completely erased—there existed an awareness of the living dead, who continue to live on as shadows. It was only later that people placed Charlemagne inside the Untersberg. After a long time, when the spirit of intellectualism had become so strong that this shadow life had ceased, they placed him inside the Untersberg, and Barbarossa inside the Kyffhäuser Mountain. Until then, they had known him to be alive among them.

[ 20 ] Aber worin haben denn diese Menschen, die also eine lebendige Welt atavistisch unter sich gesehen haben, worin haben denn diese Menschen ihr Christentum gesucht, ihre Christologie, ihre christliche Anschauung? Ja, sie haben sie darin gesucht, daß sie den Blick gerichtet haben auf dasjenige, was sich ergibt, wenn so der lebendige Tote, der im Leben verehrt worden war, ihnen vor die Seele trat mit allem, was noch seine Gefolgschaft war. Und so hat man lange Zeiten hindurch Karl den Großen gesehen, wie er den ersten Kreuzzug gegen die Ungläubigen in Spanien unternommen hat; aber man hat ihn so gesehen, daß eigentlich dieser ganze Kreuzzug in die Schattenwelt versetzt war. Man hat ihn in der Schattenwelt gesehen, diesen Kreuzzug, nachdem er auf dem physischen Plan unternommen worden war, man hat ihn fortwirken lassen in der Schattenwelt, aber als ein Abbild des in der Welt wirkenden Christus. Daher wird geschildert, daß Christus unter zwölf Paladinen, unter denen ein Judas war, hinunterritt nach Spanien, und wie dieser dann die ganze Sache verrät. So sehen wir, wie der hellseherische Blick auf die Außenseite der geistigen Welt hin gerichtet wurde — nicht so wie früher ins Innere —, sondern jetzt auf die Außenseite, auf das, was sich ergibt, wenn man die Geister ebenso von außen ansieht wie früher von innen. Jetzt ergab sich für die wichtigsten Dinge alles, was da in der Schattenwelt sich abspielte, wie ein Abglanz des Christus-Ereignisses.

[ 20 ] But in what, then, did these people—who thus viewed a living world as existing atavistically among themselves—in what, then, did these people seek their Christianity, their Christology, their Christian worldview? Yes, they sought them by turning their gaze to what emerged when the living dead—who had been revered in life—appeared before their souls, along with all those who still followed him. And so, for a long time, Charlemagne was seen as having undertaken the first crusade against the unbelievers in Spain; but he was seen in such a way that, in fact, this entire crusade was transposed into the shadow world. People saw this crusade in the shadow world after it had been undertaken on the physical plane; they allowed it to continue its work in the shadow world, but as a reflection of the Christ active in the world. Hence it is described that Christ rode down to Spain accompanied by twelve paladins, among whom was a Judas, and how this Judas then betrayed the whole undertaking. Thus we see how the clairvoyant gaze was directed toward the outer side of the spiritual world—not, as before, toward the inner side—but now toward the outer side, toward what emerges when one views the spirits from the outside just as one used to view them from the inside. Now, for the most important matters, everything that took place in the shadow world appeared as a reflection of the Christ event.

[ 21 ] Und so lebte eigentlich vom 4. bis zum 13., 14. Jahrhundert in Europa die Vorstellung, daß die Menschen, die gestorben sind, nachdem sie im Leben Wichtiges zu verrichten hatten, sich so anordnen in ihren nachtodlichen Taten, daß sie anzuschauen sind wie ein Abglanz, wie ein Abbild des Christus-Ereignisses. Man sah überall die Fortsetzung des Christus-Ereignisses — wenn ich mich so ausdrücken darf — als Schatten in den Lüften. Wenn die Menschen ausgesprochen hätten die Dinge, die sie gefühlt haben, so würden sie gesagt haben: Über uns schwebt noch der Christus-Strom; Karl der Große hat unternommen, sich in diesen Christus-Strom hineinzuversetzen, und er hat sich mit seinen Paladinen ein Abbild geschaffen des Christus mit seinen zwölf Aposteln, er hat in der realen geistigen Welt fortgesetzt die Taten des Christus. — So haben es sich vorgestellt diese Menschen in der sogenannten dunklen Zeit des Mittelalters. Da war die geistige Welt von außen angesehen, ich möchte sagen, wie nachgebildet der Sinnenwelt, wie Schattenbilder der Sinnenwelt, während sie früher in denjenigen Zeiten, von denen ein Nachglanz die alte Theologie war, eben von innen angeschaut worden ist. Kurz, der Unterschied zwischen dieser physischen Welt und der geistigen Welt für die bloß intellektuellen Menschen ist ein solcher, daß ein Abgrund zwischen beiden besteht. Dieser Unterschied bestand in den ersten Jahrhunderten des Mittelalters nicht für die Menschen der sogenannten dunklen Zeit. Ich möchte sagen, die Toten blieben bei den Lebendigen, und besonders hervorragende verehrte Persönlichkeiten, sie machten in der ersten Zeit nach ihrem Tode, also in der ersten Zeit, nachdem sie für die geistige Welt geboren waren, gewissermaßen das Noviziat durch für das Heiligwerden.

[ 21 ] And so, from the 4th through the 13th and 14th centuries, the idea prevailed in Europe that people who had died after accomplishing important deeds in life would arrange their posthumous actions in such a way that they could be viewed as a reflection, as an image of the Christ event. Everywhere, people saw the continuation of the Christ event—if I may put it that way—as a shadow in the air. If people had put into words what they felt, they would have said: The Christ current still hovers above us; Charlemagne undertook to immerse himself in this Christ-current, and together with his paladins he created an image of Christ with his twelve apostles; he continued the deeds of Christ in the real spiritual world.” — This is how these people imagined it during the so-called dark ages of the Middle Ages. The spiritual world was viewed from the outside—I would say, as a reflection of the sensory world, like shadows of the sensory world—whereas in earlier times, of which ancient theology was a lingering glow, it had been viewed from within. In short, for purely intellectual people, the difference between this physical world and the spiritual world is such that an abyss exists between the two. This difference did not exist in the early centuries of the Middle Ages for the people of the so-called “dark ages.” I would say that the dead remained with the living, and especially outstanding, revered personalities—in the early period after their death, that is, in the early period after they were born into the spiritual world—underwent, so to speak, a novitiate toward sainthood.

[ 22 ] Und sehen Sie, eine Anzahl dieser Menschen, die lebendige Tote waren — es war für die Menschen der damaligen Zeit nichts Absonderliches, von diesen lebendigen Toten als von realen Persönlichkeiten zu sprechen, nachdem sie für die geistige Welt geboren worden waren —, sie wurden, wenn sie besondere Auserwählte waren, zu Hütern des Heiligen Grals bestellt. Besonders auserlesene lebende Tote wurden zu Hütern des Heiligen Grals bestellt. Und man wird die Gralssage niemals vollständig verstehen, wenn man nicht weiß, wer eigentlich die Hüter des Grals waren. Zu sagen etwa: Dann waren ja die Hüter des Grals keine wirklichen Menschen —, das wäre den Leuten der damaligen Zeit höchst lächerlich erschienen. Denn sie hätten gesagt: Glaubt ihr Schattenfiguren, die ihr auf der Erde wandelt, daß ihr mehr seid als diejenigen, die gestorben sind und sich nun um den Gral sammeln? — Das wäre denjenigen, die in diesen Zeiten lebten, ganz lächerlich vorgekommen, wenn sich diese Figuranten hier auf der Erde für etwas Realeres gehalten hätten als die lebendigen Toten. Man muß sich in die Seelen der damaligen Zeit durchaus hineinfühlen: so war es für diese Seelen. Und alles, was das für die Welt sein konnte dadurch, daß man das Bewußtsein von einem solchen Zusammenhang mit der geistigen Welt hatte, spielte sich auch in den Seelen ab. Daher sagte man sich: Ja, die Menschen, die hier auf Erden sind, die sind gewiß zunächst herausgebildet aus ihrer Unmittelbarkeit. Aber etwas Rechtes wird der Mensch der Gegenwart erst, wenn er in sich aufnimmt, was ihm ein lebendiger Toter geben kann. — In einem gewissen Sinne wurden physische Menschen auf der Erde so angesehen, als ob sie eigentlich nur die Hülle wären für lebendige Tote in ihrem äußeren Wirken. Das war eine Eigentümlichkeit dieser Jahrhunderte, daß man sagte: Wenn diese lebendigen Toten etwas hier auf Erden verrichten wollen, wozu man Hände braucht, dann gehen sie in einen physisch lebenden Menschen hinein und verrichten durch den etwas.

[ 22 ] And you see, a number of these people, who were the living dead—it was not at all unusual for the people of that time to speak of these living dead as real personalities after they had been born into the spiritual world—were appointed, if they were specially chosen, as guardians of the Holy Grail. Particularly chosen living dead were appointed as guardians of the Holy Grail. And one will never fully understand the Grail legend unless one knows who the guardians of the Grail actually were. To say, for example, “So the guardians of the Grail weren’t real people”—that would have seemed utterly ridiculous to the people of that time. For they would have said: “Do you shadow figures, who walk upon the earth, believe that you are more than those who have died and now gather around the Grail?” — That would have seemed utterly ridiculous to those who lived in those times, if these figures here on earth had considered themselves more real than the living dead. One must truly empathize with the souls of that time: that is how it was for those souls. And everything that this could mean for the world—by virtue of having an awareness of such a connection with the spiritual world—also took place within the souls. Therefore, people said to themselves: “Yes, the people who are here on Earth are certainly, at first, shaped by their immediacy.” But a person of the present only becomes truly human when they take into themselves what a living dead person can give them. — In a certain sense, physical human beings on Earth were regarded as if they were actually only the shell for living dead in their outward activities. It was a peculiarity of those centuries that people said: When these living dead wish to accomplish something here on Earth that requires hands, they enter into a physically living human being and accomplish it through that person.

[ 23 ] Aber nicht nur das. Solche Menschen gab es überhaupt in der damaligen Zeit, die sich sagten: Man kann nichts Besseres tun, als solchen Menschen, die hier auf Erden verehrt worden sind und jetzt so bedeutsame Wesenheiten in der Welt der lebendigen Toten sind, daß sie den Gral hüten dürfen, eine Hülle zu geben. Und es gab in der damaligen Zeit durchaus diese Anschauung unter dem Volke, daß man sagte: Der hat sich gewidmet, sagen wir zum Beispiel dem Schwanenorden. Dem Schwanenorden haben sich diejenigen gewidmet, welche wollten, daß die Gralsritter durch sie hier in der physischen Welt wirken können. Und man nannte einen Schwan solch einen Menschen, durch den ein solcher Gralsritter hier in der physischen Welt wirkte.

[ 23 ] But that’s not all. There were indeed people at that time who said to themselves: There is nothing better one can do than to provide a vessel for those who were revered here on earth and are now such significant beings in the world of the living dead that they are permitted to guard the Grail. And there was certainly this view among the people at that time, who said: “He has dedicated himself, let’s say, for example, to the Order of the Swan.” Those who wanted the Knights of the Grail to be able to work here in the physical world through them dedicated themselves to the Order of the Swan. And such a person, through whom a Knight of the Grail worked here in the physical world, was called a swan.

[ 24 ] Und nun denken Sie an die Lohengrin-Sage. Denken Sie, wie diese Sage berichtet, daß, als Elsa von Brabant in großer Not ist, der Schwan kommt. Es ist der Schwan, das heißt der Angehörige des Schwanenritterordens, es ist der Schwan, der aufgenommen hat einen Mitgenossen aus der Runde des Heiligen Grals, der da erscheint; man darf ihn um sein eigentliches Geheimnis nicht fragen. Und am glücklichsten fühlten sich zum Beispiel in dem Jahrhundert, aber auch noch in den folgenden Jahrhunderten, sogar solche Fürsten wie Heinrich von Sachsen, der bei seinem Ungarnzuge diesen Schwanenritter, diesen Lohengrin, innerhalb seiner Heeresmasse haben konnte.

[ 24 ] And now think of the legend of Lohengrin. Consider how this legend recounts that, when Elsa of Brabant is in great distress, the swan appears. It is the swan—that is, a member of the Order of the Swan Knights—it is the swan who has taken in a fellow knight from the Circle of the Holy Grail, who appears there; one must not ask him about his true secret. And the happiest, for example, in that century—but also in the centuries that followed—were even princes such as Henry of Saxony, who, during his campaign in Hungary, was able to have this Knight of the Swan, this Lohengrin, within his army.

[ 25 ] Aber man hatte mancherlei solche Ritter, welche im Grunde genommen sich nur als die äußere Umhüllung anschauten derjenigen, die von jenseits des Todes herüber in den Heeren noch kämpften. Man wollte verbunden sein mit den Toten; man wußte sich mit ihnen verbunden. Welche Bedeutung für die Lebenden diese heute eigentlich ganz abstrakt gewordene Sage für die Realität hatte, das kann man nur ermessen, wenn man sich in die Seelenverfassung der damaligen Zeit hineinlebt. Und diese Auffassung, die einzig und allein zunächst auf die physische Welt hinschaute, wie aus dem physischen Menschen heraus sich hebt der geistige Mensch, der dann zu den lebenden Toten gehört, diese Anschauung beherrschte die Gemüter in der damaligen Zeit, die war das Wesentliche, was in der Seele lebte: Man muß einen Menschen zuerst auf der Erde gekannt haben, dann kann man hinaufkommen zu seinem Geiste. Es war wirklich so, daß nun gegenüber einer älteren Anschauung die Sache auch im äußeren populären Leben umgekehrt war. In der alten Zeit hatte man zuerst in die geistige Welt hineingeschaut. Man hatte womöglich das Bestreben, den Menschen als geistiges Wesen zu sehen, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist, und dann, sagte man, begreift man das, was er auf Erden ist. Jetzt, bei diesen nordischen Völkerschaften, nachdem sie sich mit dem Römertum vermischten, bildete sich die Anschauung aus: Man begreift das Geistige, nachdem man es zunächst auf der physischen Welt verfolgt hat, und es sich dann heraushebt aus der physischen Welt als Geistiges. Es war umgekehrt gegenüber dem Früheren.

[ 25 ] But there were many such knights who, in essence, saw themselves merely as the outer shell of those who were still fighting in the armies from beyond the grave. People wanted to be connected to the dead; they knew they were connected to them. One can only begin to grasp the significance this legend—which has today become entirely abstract—held for the living if one immerses oneself in the state of mind of that time. And this view—which initially focused solely on the physical world, on how the spiritual human being, who then belongs to the living dead, rises out of the physical human being—this view dominated the minds of people at that time; it was the essential thing that lived in the soul: One must first have known a person on earth before one can ascend to his or her spirit. It was indeed the case that, in contrast to an older view, the situation had now been reversed even in outward, popular life. In ancient times, people had first looked into the spiritual world. They had, if possible, sought to see the human being as a spiritual being before he had descended to Earth, and then, it was said, one could understand what he is on Earth. Now, among these Nordic peoples, after they had intermingled with the Romans, the following view developed: One understands the spiritual after first tracing it within the physical world, and then seeing it emerge from the physical world as something spiritual. It was the reverse of what had been the case earlier.

[ 26 ] Der Abglanz von dieser Anschauung wird nun die Theologie des Mittelalters. Die alten Theologien sagten: Zuerst muß man die Ideen haben, zuerst muß man erkennen das Geistige. Der Glaubensbegriff wäre für diese alten Theologien etwas ganz Absurdes gewesen, denn das Geistige wurde zuerst erkannt, bevor man überhaupt daran denken konnte, das Physische zu erkennen. Das mußte man ja erst mit dem Geistigen beleuchten. Jetzt aber war man, nachdem man aus der breiteren Welt davon ausgegangen war, zuerst das Physische kennenzulernen, dazu gekommen, auch in der Theologie so zu denken: Man muß von der Sinneswelt mit Erkenntnis ausgehen, und dann aus den Sinnesdingen die Begriffe herausschälen; nicht die Begriffe aus der geistigen Welt an die Sinnesdinge herantragen, sondern aus den Sinnesdingen Begriffe herausschälen.

[ 26 ] Medieval theology is a reflection of this view. The ancient theologies held that one must first have the ideas; one must first recognize the spiritual. The concept of faith would have been something utterly absurd to these ancient theologies, for the spiritual was recognized first, before one could even think of recognizing the physical. One had to illuminate the physical with the spiritual first. But now, having adopted the broader worldview that one must first come to know the physical, people had come to think this way in theology as well: One must begin with knowledge of the sensory world and then distill concepts from sensory objects; not apply concepts from the spiritual world to sensory objects, but rather distill concepts from sensory objects.

[ 27 ] Und jetzt stellen Sie sich einmal die untergehende römische Welt vor, und dann, was in dieser Welt noch als Kampf von der alten Zeit her da war: daß man die Begriffe noch in der geistigen Welt erlebte und an die Sinnesdinge herantrug. Das empfanden solche Leute wie, sagen wir Martianus Capella, der im 5. Jahrhundert seine Abhandlung schrieb: «De nuptiis Philologiae et Mercurii», in der er danach ringt, dieses, was immer abstrakter und abstrakter werden will in den Ideen, dennoch in der geistigen Welt zu suchen. Aber es geht diese alte Anschauung unter, weil die römische Verschwörung gegen den Geist in jenem Konsortium, von dem ich Ihnen gesprochen habe, eben alles, was unmittelbar menschlicher Zusammenhang mit dem Geiste ist, ausrottete.

[ 27 ] And now imagine the Roman world in decline, and then what still remained in that world as a struggle carried over from ancient times: that concepts were still experienced in the spiritual world and applied to sensory things. This is how people such as, say, Martianus Capella felt—who wrote his treatise *De nuptiis Philologiae et Mercurii* in the 5th century, in which he strives to seek, within the spiritual world, that which tends to become ever more and more abstract in ideas. But this ancient view is fading away because the Roman conspiracy against the spirit—within that consortium I have spoken to you about—eradicated everything that constitutes a direct human connection to the spirit.

[ 28 ] Wir sehen, wie das allmählich verschwimmt, wie die alte Anschauung aufhört. Jene alte Anschauung hatte noch gewußt: Dringe ich hinüber in die geistige Welt, begleiten mich die Engel. — Oder wenn es Griechen waren, haben sie diese «Wächter» genannt. Solch ein Mensch, der hinausgegangen ist auf dem Wege des Geistes, der wußte sich begleitet von einem Wächter.

[ 28 ] We see how this gradually becomes blurred, how the old view ceases to hold. That old view had still known: When I pass over into the spiritual world, the angels accompany me. — Or, as the Greeks put it, they called them “guardians.” Such a person, who had set out on the path of the spirit, knew that they were accompanied by a guardian.

[ 29 ] Das, was in alten Zeiten eine wirkliche geistige Wesenheit, der Wächter war, das war zu den Zeiten, als Capella schrieb, bereits die Grammatik, die erste Stufe der siebengliedrigen sogenannten freien Künste. In älteren Zeiten wußte man: Dasjenige, was in Grammatik lebt, was in den Worten und Wortzusammenhängen lebt, das ist etwas, was dann weiter hinaufführt in die Imagination. Man wußte im Wortzusammenhang den Engel wirksam, den Wächter.

[ 29 ] What in ancient times was a true spiritual entity—the Guardian—had, by the time Capella was writing, already become grammar, the first stage of the seven-part so-called liberal arts. In earlier times, people knew that what lives in grammar—what lives in words and their contexts—is something that then leads further upward into the imagination. They knew that the angel, the Guardian, was at work in the context of words.

[ 30 ] Würden wir die Darstellungen bei älteren Zeiten suchen, so würden wir nirgends eine stroherne Definition finden. Es ist ja interessant, daß Capella nicht etwa die Grammatik so schildert wie die spätere Renaissance, sondern die Grammatik ist da noch eine richtige Person, und die Rhetorik als zweite Stufe wiederum eine Person. Dort sind sie schon stroherne Allegorien, früher waren sie geistige Anschauungen, die nicht bloß eben etwas lehrten, wie zum Beispiel beim Capella gelehrt wird, sondern die schaffende Wesenheiten waren, und das Hineingehen zum Geiste war gefühlt als ein Hineindringen zu schaffenden Wesenheiten. Nun waren das Allegorien geworden, aber immerhin noch Allegorien. Es sind immerhin noch, wenn sie auch nicht mehr sehr stattlich sind, wenn sie auch schon ziemlich schmächtig geworden sind, es sind immerhin noch Damen, diese Grammatik, Rhetorik, Dialektik. Sie sind ja sehr mager und haben eigentlich nur noch, sagen wir, die Knochen der geistigen Anstrengung und die Haut der Begriffe, aber es sind immerhin noch respektable Damen, die diesen Capella, den ältesten Schriftsteller über die sieben freien Künste, hineintragen in die geistige Welt. Mit diesen sieben Damen macht er nach und nach sozusagen Bekanntschaft; zuerst mit der Dame Grammatik, dann mit der Dame Rhetorik, mit der Dame Dialektik, mit der Dame Arithmetik, mit der Dame Geometrie, mit der Dame Musik, und endlich mit der alles überragenden himmlischen Dame Astrologia. Es sind eben durchaus Damen. Wie gesagt, es sind ihrer sieben. Das siebenfach Weibliche zieht uns hinan so hätte er schließen können, der Capella, indem er seinen Weg zur Weisheit schilderte. Aber denken Sie daran, was daraus geworden ist! Denken Sie an die späteren mittelalterlichen Klosterschulen. Die haben gegenüber der Grammatik und Rhetorik, wenn sie gebüffelt haben, nicht mehr empfunden: Das ewig Weibliche zieht uns hinan! Es war tatsächlich so, daß aus dem Lebendigen herausgewachsen ist zuerst das Allegorische und dann das Intellektuelle.

[ 30 ] If we were to look for depictions from earlier times, we would find no straw-man definition anywhere. It is indeed interesting that Capella does not describe grammar in the same way as the later Renaissance did; rather, grammar is still portrayed there as a real person, and rhetoric, as the second stage, is likewise a person. There they are already mere allegories; earlier, they were spiritual visions that did not merely teach something—as, for example, in Capella’s work—but were creative entities, and entering into the spirit was felt as a penetration into creative entities. Now they had become allegories, but at least they were still allegories. Even if they are no longer very stately, even if they have become quite frail, they are still, after all, ladies—this grammar, rhetoric, and dialectic. They are, of course, very thin and really have nothing left but, let’s say, the bones of intellectual effort and the skin of concepts, but they are still, after all, respectable ladies who carry Capella—the oldest writer on the seven liberal arts—into the spiritual world. He gradually becomes acquainted, so to speak, with these seven ladies; first with Lady Grammar, then with Lady Rhetoric, with Lady Dialectic, with Lady Arithmetic, with Lady Geometry, with Lady Music, and finally with the all-surpassing heavenly Lady Astrologia. They are indeed ladies through and through. As I said, there are seven of them. “The sevenfold feminine draws us upward”—so Capella might have concluded as he described his path to wisdom. But think of what has become of it! Think of the later medieval monastic schools. When they were cramming for grammar and rhetoric, they no longer felt: “The eternal feminine draws us upward!” In fact, it was the case that the allegorical emerged first from the living, and then the intellectual.

[ 31 ] Von jener musenartigen Wesenheit, welche noch gewirkt hat bei demjenigen, der in alten Zeiten den Weg von dem menschlich gesprochenen Worte zu dem Weltenworte suchte, so daß es durch ihn gehen konnte, so daß er sagen mußte: «Singe, o Muse, vom Zorn mir des Peleiden Achilleus ... .», von dieser Bekanntschaft mit der Muse, die den Menschen hineinführt in die Geisteswelt, so daß nicht mehr er singt, sondern daß die Muse singt von dem Zorn des Peleiden Achilleus, von dieser Stufe bis zu derjenigen, wo dann die Rhetorik selber im römischen Wesen sprach, und später in der Vermischung mit dem vom Norden herziehenden Wesen, das ist eben ein weiter Weg; da wird alles abstrakt, da wird alles begrifflich, da wird alles intellektuell. Aber je weiter wir herankommen an den Osten und nach den alten Zeiten, desto mehr finden wir alles im konkreten geistigen Leben. Und so war es durchaus, daß der alte 'Theologe zu den geistigen Wesenheiten ging, um seine Begriffe zu holen. Die wandte er dann auf diese Welt hier an. Derjenige Theologe aber, der schon herausgewachsen war aus dem, was aus dem Zusammenfluß der nordischen Völker mit dem Römertum entstand, der sagte: Hier in der Sinneswelt muß die Erkenntnis gesucht werden, dann gewinnt man die Begriffe. — Da konnte man aber nicht hinaufkommen in eine geistige Welt. Jetzt aber war eben durch das römische Kollegium gut dafür gesorgt, daß zwar da unten die Menschen herumfischten in der sinnlichen Welt, aber nicht über diese sinnliche Welt hinauskamen. Während sie früher zwar diese sinnliche Welt auch hatten, hier oben (es wird gezeichnet) aber die Begriffe und Ideen aufsuchten in der geistigen Welt und dann die physische Welt beleuchteten, sogen sie jetzt aus der physischen Welt die Begriffe heraus. Die kamen nicht weit hinauf, die kamen nur zu einer Interpretation der physischen Welt. Aber es war ja die Erbschaft da. Man kam nicht mehr durch einen eigenen Erkenntnisweg da hinauf, aber es war ja noch die Erbschaft vorhanden. Die war niedergeschrieben oder durch Tradition erhalten, in Dogmen verkörpert und erstarrt. Das war also da oben (in der Zeichnung), und seine Bewahrung wurde nun die Konfession. Da drinnen war dasjenige erhalten, was über Geistiges zu sagen war. Das war da. Und immer mehr und mehr gelangte man zu dem Bewußtsein: Das muß unangetastet bleiben, was da gesagt worden ist für oben durch irgendwelche Offenbarungen, die nicht mehr nachgeprüft werden können. Die Erkenntnis aber, die muß unten bleiben: da muß man alles Begriffliche herausholen.

[ 31 ] Of that muse-like being who still worked within the one who, in ancient times, sought the path from the human spoken word to the Word of the World, so that it might flow through him, so that he was compelled to say: “Sing, O Muse, of the wrath of Achilles, son of Peleus … .” —from this encounter with the Muse, who leads the human being into the spiritual world so that it is no longer he who sings, but the Muse who sings of the wrath of Achilles, son of Peleus—from this stage to the one where rhetoric itself spoke within the Roman spirit, and later in its fusion with the spirit coming from the north—that is indeed a long journey; there everything becomes abstract, there everything becomes conceptual, there everything becomes intellectual. But the closer we come to the East and to ancient times, the more we find everything in concrete spiritual life. And so it was indeed the case that the ancient theologian turned to the spiritual beings to draw his concepts. He then applied these to this world here. But the theologian who had already outgrown what arose from the convergence of the Nordic peoples with Roman culture said: “Here in the sensory world, knowledge must be sought; that is how one gains the concepts.” — But one could not ascend to a spiritual world. Now, however, the Roman College had ensured that, while people down below were fishing around in the sensory world, they did not go beyond this sensory world. Whereas in the past they certainly had this sensory world as well, but up here (as is illustrated) they sought out concepts and ideas in the spiritual world and then shed light on the physical world, they now drew concepts out of the physical world itself. They did not ascend very far; they arrived only at an interpretation of the physical world. But the legacy was still there. People no longer reached that height through their own path of knowledge, but the legacy was still there. It had been written down or preserved through tradition, embodied in dogmas and set in stone. So that was up there (in the drawing), and its preservation now became the denomination. Within it, what needed to be said about the spiritual realm was preserved. It was there. And more and more, people came to realize: What has been said there regarding the higher realm through various revelations—which can no longer be verified—must remain untouched. Knowledge, however, must remain down here: everything conceptual must be extracted from it.

[ 32 ] Und so entstand allmählich auch die Erbschaft desjenigen, was noch in den ersten dunklen Jahrhunderten des Mittelalters vorhanden war. Sehen Sie, es war doch noch eine andere Zeit, als in Europa das mittelalterliche atavistische Hellsehen vorhanden war, wo zum Beispiel der sächsische — man nennt ihn einen Bauern, aber er war, das zeigt der «Heliand» selber, jedenfalls ein aus dem Bauernstande herausgeborener Geistlicher —, wo dieser sächsische Bauerngeistliche eben einfach hinschaute auf die Menschen seiner Umgebung und die Fähigkeit hatte, zu sehen, wie mit dem Tode das Geistig-Seelische herausgeht und zum tot-lebendigen Menschenwesen wird. Und so schildert er dann in dem Zuge, der da über dem Irdischen schwebt, dasjenige, was er als Anschauung entwickelt über das Christus-Ereignis in dem «Heliand».

[ 32 ] And so, little by little, the legacy of what still existed in the early, dark centuries of the Middle Ages began to take shape. You see, it was, after all, a different time, when medieval, atavistic clairvoyance was still present in Europe—a time when, for example, the Saxon—he is called a peasant, but as the *Heliand* itself shows, he was in any case a clergyman born of peasant stock—where this Saxon peasant clergyman simply looked upon the people around him and had the ability to see how, with death, the spiritual-soul aspect departs and becomes a dead-yet-living human being. And so, in the course of this, which hovers above the earthly realm, he describes what he develops as a vision of the Christ event in the *Heliand*.

[ 33 ] Aber was hier auf Erden lebt, das wurde immer mehr und mehr, ich möchte sagen, herabgezogen in das bloß Unlebendige. Die atavistischen Fähigkeiten hörten auf, und im Sinnlichen suchte man nur noch die Begriffe. Und was ergab sich da für eine Anschauung? Diese Anschauung ergab sich: Um das Übersinnliche brauchen wir uns ja mit der Erkenntnis nicht besonders zu kümmern. Das ist ja in den Schriften und in den Traditionen erhalten, wir brauchen nur aufzuschlagen die alten Bücher, nur nachzuschauen in den alten Traditionen. Da ist über das Übersinnliche alles enthalten, was man überhaupt wissen soll. Jetzt beirrt es uns auch nicht, wenn wir nun im Umkreis der Sinneswelt gerade die in der Sinneswelt selbst liegenden Begriffe nur allein für die Erkenntnis beachten.

[ 33 ] But what lives here on earth was drawn more and more—I would say—down into the merely inanimate. The atavistic abilities ceased, and in the sensory realm, people sought only concepts. And what view emerged from this? This view emerged: We need not concern ourselves particularly with knowledge of the supersensible. After all, it is preserved in the scriptures and traditions; we need only open the ancient books, only look into the ancient traditions. Everything one needs to know about the supersensible is contained there. Now we are not misled when, within the realm of the sensory world, we consider for the sake of knowledge only those concepts that lie within the sensory world itself.

[ 34 ] Und so wurde immer mehr und mehr das Bewußtsein lebendig: Das Übersinnliche bleibt ein Bewahrtes; will man forschen, muß man sich an die sinnliche Welt halten.

[ 34 ] And so the realization became increasingly clear: The supersensible remains something to be preserved; if one wishes to conduct research, one must confine oneself to the sensory world.

[ 35 ] Und ein solcher Geist, der ganz darinnensteckte, der, ich möchte sagen, dieses Herausschälen aus der Sinneswelt des sächsischen Bauerngeistlichen, der den «Heliand» geschrieben hat, fortsetzte, das war noch im 19. Jahrhundert Gregor Mendel. Was soll man sich kümmern um irgend etwas in bezug auf die Vererbung, wie es in alten Zeiten erforscht worden war! Das steht ja im alten Testament. Da schaue man hinunter auf die Sinneswelt, wie die roten Erbsen und die weißen Erbsen sich miteinander vermischen, wie das dann wieder rote und weiße und scheckige Erbsen gibt und so weiter. Da kann man ein gewaltiger Naturforscher werden, und mit dem, was über das Übersinnliche zu sagen ist, mit dem kommt man ja in gar keine irgendwie geartete Disharmonie, denn das bleibt ganz unangetastet.

[ 35 ] And such a spirit—one who was completely immersed in it, who, I might say, continued this process of extricating himself from the sensory world of the Saxon peasant clergyman who wrote the *Heliand*—was, even in the 19th century, Gregor Mendel. Why bother with anything concerning heredity, as it had been studied in ancient times! It’s right there in the Old Testament. Just look down at the sensory world—how the red peas and the white peas mix together, how that then produces red, white, and mottled peas again, and so on. You can become a great natural scientist that way, and what there is to say about the supersensible doesn’t lead to any kind of disharmony, because that remains completely untouched.

[ 36 ] So hat gerade diese moderne Theologie, indem sie sich umgebildet hat zu dem, was ich Ihnen charakterisiert habe, aus der alten Theologie heraus, die Leute hingetrieben, die Natur so zu erforschen, wie zum Beispiel Gregor Mendel als echter katholischer Priester die Natur erforscht.

[ 36 ] Thus, precisely this modern theology—by transforming itself into what I have described to you, emerging from the old theology—has driven people to study nature in the way that, for example, Gregor Mendel, a true Catholic priest, studied nature.

[ 37 ] Und was tritt ein? Diejenigen Naturforscher, die voraussetzungslose Wissenschaft haben, sie ernennen nun Gregor Mendel, nachdem sie ihn eine Zeitlang despektierlich behandelt haben, sie ernennen ihn nachträglich — es ist ja nicht die Sprache solcher Leute, aber wir können es doch mit diesem Ausdrucke bezeichnen — zu ihrem Heiligen nach ihrer Art, indem sie ihn auf allen Akademien einen großen Naturforscher heißen. Das hat durchaus inneren Zusammenhang. Die Naturforschung der Gegenwart ist nur möglich, indem sie so beschaffen ist, daß sie gerade jemanden, der durch und durch auf dem Standpunkt der Theologie des Mittelalters steht, als einen maßgebenden Naturforscher ansieht. Die Naturforschung der Gegenwart ist durchaus die Fortsetzung des innersten Nervs der scholastischen Theologie; das andere ist bloß etwas, was nachgezogen wird, aber sie ist die richtige Fortsetzung bis in unsere Zeit hinein, sie ist eine Fortsetzung der scholastischen Zeit.

[ 37 ] And what happens? Those natural scientists who practice science without any preconceptions now elevate Gregor Mendel—after having treated him with disrespect for some time—they retroactively elevate him—it is not the language of such people, but we can still describe it with this expression—to their saint in their own way, by calling him a great natural scientist at all the academies. There is a clear internal connection here. Contemporary natural science is possible only because it is structured in such a way that it regards precisely someone who stands thoroughly on the standpoint of medieval theology as an authoritative natural scientist. Contemporary natural science is, in every respect, the continuation of the very essence of scholastic theology; the other is merely something that has been dragged along, but it is the true continuation right up to our own time—it is a continuation of the scholastic era.

[ 38 ] Und deshalb ist es ganz in Ordnung, daß Johann Gregor Mendel nachträglich als ein großer Naturforscher anerkannt wird; er ist es auch, aber im gut katholischen Sinne. Bei ihm hatte es einen Sinn, bloß auf die Erbsen zu schauen, die sich miteinander vermischen, weil das katholisches Prinzip ist, weil da alles das, was übersinnlich ist, eben in der Tradition und in den Büchern enthalten ist; bei den Naturforschern hat es keinen Sinn, nicht den geringsten, höchstens wenn man bei dem Ignorabimus stehenbleibt und sich dem Agnostizismus ergibt.

[ 38 ] And that is why it is perfectly fine that Johann Gregor Mendel is now recognized as a great naturalist; he certainly is one, but in the true Catholic sense. For him, it made sense to focus solely on the peas that intermingle, because that is the Catholic principle—since everything that is supernatural is contained precisely in tradition and in the books; for natural scientists, it makes no sense, not the slightest bit, except perhaps if one stops at “Ignorabimus” and surrenders to agnosticism.

[ 39 ] Das ist der Grundwiderspruch in unserer Gegenwart. Das ist dasjenige, auf das man aufmerksam sein muß. Wenn man nicht auf diese Dinge hinsieht, dann wird man gar nicht verstehen, woher alle mögliche Unklarheit, woher das Widerspruchsvolle in unserem gegenwärtigen Treiben stammt. Aber die Bequemlichkeit der Gegenwart läßt die Menschen nicht dazu kommen, in diese Dinge hineinzuschauen.

[ 39 ] This is the fundamental contradiction of our present age. This is what we must pay attention to. If we do not look closely at these things, we will not understand at all where all the confusion and contradictions in our current activities come from. But the complacency of the present prevents people from delving into these matters.

[ 40 ] Denken Sie nur, wenn das, was heute über die Weltereignisse gesagt wird, Geschichte wird — die Menschen der Nachwelt bekommen diese Geschichte! Glauben Sie, daß die viel Wahrheit haben werden? Ganz gewiß nicht! Aber für uns ist eben Geschichte so gemacht worden. Diese Geschichtspuppen, die da in den gebräuchlichen Geschichten dargestellt werden, die geben nicht wieder, was wirklich in der Menschheitsentwickelung geschehen ist. Aber wir sind in der heutigen Zeit da angekommen, wo es dringende Notwendigkeit ist, daß die Menschen erkennen lernen, was wirkliches Geschehen ist. Es genügt nicht, daß alle die Sagen von Attila und Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen — da fängt die Geschichte schon an, ganz fabulär zu werden —, daß alle diese Dinge, so wie man es heute tut, in der Geschichte verzeichnet werden. Da übersieht man das Allerwichtigste. Was die Gegenwart eigentlich verständlich macht, was wir brauchen, das sind Seelengeschichten. In die sich entwickelnden Seelen der Menschen muß anthroposophische Geisteswissenschaft hineinleuchten. Wir haben dadurch, daß wir verlernt haben, auf das Geistige hinzuschauen, auch keine Geschichte mehr. Und es ist eigentlich für jeden empfindenden Menschen so, daß man sagen kann: Nun ja, bei Martianus Capella sind eigentlich die alten Führer und Wächter, die hineinführten in die geistige Welt, schon recht magere, schmächtige Damen geworden; aber was man heute schließlich kennenlernt als Heinrich I., Otto I., Otto II., Heinrich II. und so weiter, so wie es in der Geschichte verzeichnet wird, das sind im Grunde genommen Geschichtspuppen, die nach dem Muster derjenigen gestaltet sind, die da als die schmächtigen Damen Grammatik, Rhetorik, Dialektik und so weiter sich entwickelt haben. Denn im Grunde genommen, etwas Fetteres hat man auch nicht an den Persönlichkeiten, die da als Geschichte hintereinander dargestellt werden!

[ 40 ] Just think: when what is said today about world events becomes history—future generations will inherit this history! Do you believe that it will contain much truth? Certainly not! But for us, history has simply been shaped in this way. These historical figures, as portrayed in conventional histories, do not reflect what actually happened in the course of human development. But we have now reached a point in our time when it is urgently necessary for people to learn to recognize what constitutes real history. It is not enough that all the legends of Attila, Charlemagne, and Louis the Pious—that’s where history already begins to take on a completely mythical character—be recorded in history the way they are today. That overlooks the most important thing of all. What actually makes the present understandable, what we need, are stories of the soul. Anthroposophical spiritual science must shed light into the developing souls of human beings. Because we have forgotten how to look toward the spiritual, we no longer have any history. And for every sensitive person, one can actually say: Well, in Martianus Capella’s work, the ancient guides and guardians who led people into the spiritual world have already become rather frail, slender ladies; but what we ultimately come to know today as Henry I, Otto I, Otto II, Henry II, and so on—as recorded in history—are, in essence, historical puppets modeled after those who have evolved into the frail ladies known as Grammar, Rhetoric, Dialectic, and so on. For, when it comes down to it, there is nothing particularly substantial about the personalities presented one after another as history!

[ 41 ] Die Dinge müssen eben angeschaut werden, wie sie wirklich sind. Und eigentlich müßten die Menschen der Gegenwart darnach lechzen, die Dinge anzuschauen, wie sie wirklich sind. Deshalb ist es schon eine Pflicht, diese Dinge, wo es möglich ist, darzustellen, und dargestellt können sie heute werden in der Anthroposophischen Gesellschaft. — Ja, ich hoffe, daß wenigstens diese in einer künftigen Zeit einmal aufwacht!

[ 41 ] Things simply must be viewed as they really are. And actually, people today should be yearning to see things as they really are. That is why it is indeed a duty to present these things wherever possible, and today they can be presented in the Anthroposophical Society. — Yes, I hope that at least this society will one day awaken in the future!