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Philosophy, Cosmology, and Religion
in Anthroposophy
GA 215

12 September 1922, Dornach

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7. Christus in seinem Zusammenhang mit der Menschheit

7. Christ in His Relationship with Humanity

[ 1 ] Es wurde gestern versucht, auseinanderzusetzen, wie der Übergang des Menschen aus der geistigen Welt, in der er selber als ein geistig-seelisches Wesen im vorirdischen Dasein verweilt, in diese physische Erde ist. Dieses Verständnis des ewigen Wesenskernes des Menschen aus der Anerkennung des vorirdischen Daseins ist nun durchaus notwendig, wenn man das ganz wesenhafte Eingreifen des Christus und des Mysteriums von Golgatha in die Entwickelung der Erdenmenschheit sich vor die Seele stellen will. Denn man muß, um zu einem Verständnis des eigentlichen Wesens des Mysteriums von Golgatha zu kommen, doch verfolgen können, wie mit diesem Ereignis ein Wesen der geistigen Welten, der Christus, aus außerirdischen Regionen in das Erdendasein selbst herabgestiegen ist als eine Wesenheit, die vorher nur in denjenigen Regionen war, in denen wir selbst unser vorirdisches Dasein zubringen, wie diese Wesenheit dann heruntergestiegen ist und in dem Menschen Jesus eine irdische Gestaltung und ein irdisches Wirken angenommen hat.

[ 1 ] Yesterday, an attempt was made to explore how humanity makes the transition from the spiritual world—where it dwells as a spiritual-soul being in its pre-earthly existence—to this physical Earth. This understanding of the eternal core of the human being—based on the recognition of pre-earthly existence—is absolutely necessary if one wishes to bring to mind the very essential intervention of Christ and the Mystery of Golgotha in the development of humanity on Earth. For in order to arrive at an understanding of the true nature of the Mystery of Golgotha, one must be able to trace how, through this event, a being from the spiritual worlds—Christ—descended from extra-earthly regions into earthly existence itself as a being who had previously been only in those regions where we ourselves spend our pre-earthly existence, and how this being then descended and assumed an earthly form and an earthly mission in the person of Jesus.

[ 2 ] Will man zu einem solchen Verständnisse des Christus kommen und des Mysteriums von Golgatha im Zusammenhange mit dem Ereignisse der Geburt des Menschen, von dem ich gestern skizzenhaft gesprochen habe, so muß man vor allen Dingen berücksichtigen, daß die menschliche Seelenverfassung, das innere menschliche Erleben im Verlaufe der Menschheitsentwickelung auf Erden eine sehr bedeutungsvolle Wandlung, sehr bedeutsame Veränderungen durchgemacht hat. Heute wird ja die Sache oftmals so angesehen, als ob diejenige Seelenverfassung und diejenigen Bewußtseinsformen, in welchen der heutige Mensch im Wachzustande und auch im Schlafzustande ist, immer in der Menschheit dagewesen wären, wenigstens im wesentlichen so, seit es eine Geschichte der Menschheit gibt. Höchstens, daß man im naturwissenschaftlich-kosmologischen Weltbilde zurückweist auf primitive, halb tierähnliche Gestaltungen der früheren Menschheit — wir werden davon noch zu sprechen haben —, in denen natürlich auch das menschliche Innere anders vorgestellt werden müsse in bezug auf Denken, Fühlen und Wollen als das eines heutigen Menschen. Aber auf die Wandlungen, welche das Menschheitsbewußtsein, die ganze innere Seelenverfassung des Menschen seit den Urzeiten der Erdenentwickelung durchgemacht hat, weist man heute außerordentlich wenig hin. Und doch liegt da etwas unermeßlich Wichtiges und Wesenhaftes vor.

[ 2 ] If one wishes to arrive at such an understanding of Christ and the Mystery of Golgotha in connection with the events surrounding the birth of the human being—which I outlined briefly yesterday—one must first and foremost take into account that the human soul’s constitution, the inner human experience, has undergone a very significant transformation and very significant changes in the course of human development on Earth. Today, the matter is often viewed as if the state of the soul and the forms of consciousness in which modern human beings find themselves—both in the waking state and in sleep—had always existed within humanity, at least in essence, ever since human history began. At most, the scientific-cosmological worldview refers to primitive, semi-animal-like forms of early humanity—we will speak of these later—in which, of course, the human inner life must also be conceived differently in terms of thinking, feeling, and willing than that of a modern human being. But today, very little attention is paid to the transformations that human consciousness—the entire inner state of the human soul—has undergone since the dawn of Earth’s evolution. And yet there is something immeasurably important and essential at work here.

[ 3 ] Wenn wir in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückgehen — wir brauchen nicht bis zu den Urzeiten der Erdenentwickelung zu gehen, sondern nur etwa bis in das 2., 3. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha —, so finden wir, daß damals die Menschen ein ganz anderes Bewußtsein, eine ganz andere innere Seelenverfassung gehabt haben als später. Jener schroffe Unterschied, der beim gegenwärtigen Menschen besteht zwischen Wachen und Schlafen, war zwar auch vorhanden, allein er war nicht das einzige im menschlichen täglichen Bewußtseinswechsel. Heute kennt der Mensch nur den Wachzustand und den Schlafzustand, zwischendurch die Träume. Aber von diesen Träumen muß man sagen, daß zwar in ihnen ein Bewußtseinsinhalt vorhanden ist, der aber vielfach trügerisch ist, und daß jedenfalls dieser Bewußtseinsinhalt der Träume nicht auf irgendeine Wirklichkeit hinweist, die der Mensch ohne weiteres durch sein Tagesbewußtsein unmittelbar kontrollieren kann; mittelbar ja gewiß. Aber außer diesen drei Bewußtseinszuständen, von denen der eine, der Traumzustand, ein sehr fragwürdiger ist, wenigstens für die Erkenntnis, war bei den Menschen eines älteren Zeitalters ein Zwischenzustand vorhanden, der nicht der Traumzustand von heute war, der nicht ein so volles Wachen war wie das heutige Wachen, der aber auch nicht ein volles Schlafen oder halbbewußtes Träumen war, wie es heute da ist, sondern ein bildhaftes Wach-Träumen, könnte man sagen. In diesem Wach-Träumen liefen Bilder ab, wie in unserem Wach-Bewußtsein Gedanken ablaufen. So liefen in gewissen Zeiten bei einer älteren Menschheit im Bewußtsein Bilder ab. Diese Bilder waren in ihren Formen allerdings den Traumbildern von heute ähnlich, aber das, was sie enthielten, wies auf eine ganz ausgesprochene übersinnliche Wirklichkeit hin, wie unsere Wahrnehmungen auf eine physische Wirklichkeit hinweisen. Wie wir wissen, wenn wir ein physisches Wesen mit Farben und Formen wahrnehmen, daß dies ein physisch Wirkliches ist, so erlebte der frühere Mensch Bilder, die sich ebenso frei im Bewußtsein bewegten und ebenso leicht waren wie unsere Traumbilder, die aber durch ihren Inhalt einen Hinweis auf eine geistige Wirklichkeit selber verbürgten. So wie wir heute, wenn das Auge etwas wahrnimmt, ganz bestimmt wissen: da ist etwas Physisch-Sinnliches draußen in der Welt — so wußte der frühere Mensch, wenn solche Bilder von einer bestimmten Art in seinem Bewußtsein abliefen, daß er etwas Geistig-Wirkliches wahrnimmt.

[ 3 ] If we go back to very ancient times in human evolution—we need not go as far back as the primeval ages of Earth’s evolution, but only to about the 2nd or 3rd millennium before the Mystery of Golgotha—we find that people at that time had a completely different consciousness, a completely different inner state of soul than they did later. That stark difference that exists in modern humans between waking and sleeping was certainly present then as well, but it was not the only aspect of the daily shift in human consciousness. Today, people know only the waking state and the sleeping state, with dreams in between. But regarding these dreams, it must be said that while they do contain a content of consciousness, this content is often deceptive, and that in any case, this content of consciousness in dreams does not point to any reality that a person can readily verify directly through their waking consciousness; indirectly, certainly. But apart from these three states of consciousness—one of which, the dream state, is a highly questionable one—at least for the purposes of cognition—there existed among people of an earlier age an intermediate state that was not the dream state of today, that was not as fully awake as today’s wakefulness, but that was also not full sleep or semi-conscious dreaming as it exists today; rather, it was, one might say, a pictorial waking-dreaming. In this waking-dreaming, images unfolded just as thoughts unfold in our waking consciousness. Thus, at certain times, images unfolded in the consciousness of an earlier humanity. These images were, in their forms, certainly similar to the dream images of today, but what they contained pointed to a distinctly supersensory reality, just as our perceptions point to a physical reality. Just as we know that when we perceive a physical being with colors and forms, it is physically real, so too did earlier humans experience images that moved just as freely in consciousness and were just as light as our dream images, but which, through their content, themselves attested to a spiritual reality. Just as we today, when the eye perceives something, know with absolute certainty that there is something physical and sensory out there in the world—so early humans knew, when such images of a certain kind unfolded in their consciousness, that they were perceiving something spiritually real.

[ 4 ] Unter diesem, was der Mensch einer älteren Zeitepoche als Geistig-Wirkliches erlebte, war auch ein Nachklang des vorirdischen Daseins. Der Mensch dieser Zeitepoche hatte einfach jeden Tag in seiner Seele innere Erlebnisse, die ihm ein voller Beweis dafür waren: Du warst, bevor du dein Erdendasein angetreten hast, in einem geistig-seelischen Dasein, in einer rein geistigen Welt. — Und jeden Tag wußte das dieser einer älteren Zeitepoche angehörende Mensch. So war für diese Menschen etwas völlig Klares die Annahme eines ewigen Wesenskernes des Menschen und einer Welt, die außerirdisch ist, welcher der Mensch ebenso angehört wie der irdischen. Und diejenigen, die in jenen älteren Zeiten als die Initiierten der Mysterien in diesen ganzen Sachverhalt auch noch eingeweiht waren in seinen tieferen Gestaltungen, die konnten dann zu denjenigen, die ihre Bekenner waren, aus ihrer Initiationswissenschaft heraus so sprechen, daß diese Bekenner, diese Gläubigen zu der Überzeugung kommen konnten, daß sie in einen Nachklang ihres vorirdischen Daseins hineinschauen und damit zu gleicher Zeit in eine geistige Welt, welcher der Mensch angehört mit seinem ewigen Wesenskern. Das ist eine Gnade des geistigen Wesens, dem als seinem physischen Abbilde die physische Sonne entspricht. So konnte also der Bekenner zur alten Mysterienweisheit sich sagen: Ich schaue zur Sonne hinauf, aber diese äußere physische Sonne ist nur ein Abbild eines geistigen Sonnenwesens. Dieses geistige Sonnenwesen durchdringt die geistige Welt, aus der ich selber zum irdischen Dasein heruntergestiegen bin, und die Kraft dieses Sonnenwesens hat meiner Seele für das Erdendasein dasjenige mitgegeben, was bewirkt, daß ich unter den Erlebnissen meiner Seele während der Erdenzeit auch das habe, durch das ich im Rückblicken auf mein vorirdisches Dasein des ewigen Wesenskernes in meiner Seele gewiß bin.

[ 4 ] Among the things that people of an earlier epoch experienced as spiritual reality was also an echo of their pre-earthly existence. People of that epoch simply had inner experiences in their souls every day that served as full proof to them that: Before you began your earthly existence, you were in a spiritual-soul existence, in a purely spiritual world. — And every day, the people of that earlier epoch knew this. Thus, for these people, the belief in an eternal core of the human being and in a world beyond the earth—to which humanity belongs just as much as to the earthly one—was something entirely clear. And those who, in those earlier times, as initiates of the Mysteries, were also initiated into the deeper aspects of this entire matter, were then able to speak to those who professed this belief—drawing upon their initiatory knowledge—in such a way that these believers these believers could come to the conviction that they were looking into an echo of their pre-earthly existence and, at the same time, into a spiritual world to which human beings belong with their eternal core of being. This is a grace of the spiritual being, to which the physical sun corresponds as its physical image. Thus, the adherent of the ancient mystery wisdom could say to himself: I look up at the sun, but this outer, physical sun is only an image of a spiritual solar being. This spiritual solar being permeates the spiritual world from which I myself have descended into earthly existence, and the power of this solar being has endowed my soul for earthly life with that which ensures that, among the experiences of my soul during my time on Earth, I also possess that through which—when looking back on my pre-earthly existence—I am certain of the eternal core of my being within my soul.

[ 5 ] Wer also in älteren Zeiten, unterstützt durch die Kraft seiner Eingeweihten, die Gnade des Sonnenwesens empfand und damit durch sein Bildbewußtsein von seinem vorirdischen Dasein und damit von seinem ewigen Wesenskern wußte, für den war der Menschentod auf Erden noch kein besonderes Rätsel. Denn von diesem Menschentod wußte er, der betrifft nur den physischen Menschenorganismus. — Aber er kannte etwas in sich, was zu diesem physischen Menschenorganismus erst heruntergestiegen ist. Der Tod wurde für ihn nur ein Ereignis, von dem dasjenige, was er ja durch seine äußere Bewußtseinsform kannte, nicht berührt wurde. Dieses war also die Seelenverfassung der Menschen in einer sehr alten Zeitepoche, in jenen Zeitepochen, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen sind. Da lag im Grunde genommen vor einem nach innen gewendeten Blick, der zu der Gnade des Sonnenwesens sich hinaufarbeitete, das Geheimnis der Geburt offenbar, und da war im Zusammenhange mit dem Durchschauen dieses Geheimnisses der Geburt das Rätsel des Todes noch nicht in solcher Art vorhanden, wie es für die späteren Menschen dann vorhanden war.

[ 5 ] For those who, in earlier times—supported by the power of their initiates—perceived the grace of the Solar Being and thus, through their visual consciousness, knew of their pre-earthly existence and thereby of their eternal core being, human death on Earth was not yet a particular mystery. For they knew that this human death affects only the physical human organism. — But they knew something within themselves that had only descended into this physical human organism. For him, death became merely an event that did not affect that which he already knew through his outer form of consciousness. Such, then, was the state of the human soul in a very ancient epoch, in those epochs that preceded the Mystery of Golgotha. Essentially, the mystery of birth lay revealed before an inward-turned gaze that was working its way upward toward the grace of the Solar Being, and in connection with the insight into this mystery of birth, the enigma of death did not yet exist in the same way as it did for later human beings.

[ 6 ] Wie sich das dann im Laufe der Zeit änderte, werde ich gleich im zweiten Teile dieses Vortrages auseinandersetzen.

[ 6 ] I will discuss how this changed over time in the second part of this lecture.



[ 7 ] Dieses in Bildern lebende Bewußtsein im Zusammenhang mit dem, was es für die übrige Seelenverfassung bewirkte, stellte die menschliche Seele jener älteren Menschheit so vor sich hin, daß jenes aktive, intensive Ich-Bewußtsein, welches die heutige Menschheit hat, in jener älteren Zeit eben noch nicht vorhanden war. Der Mensch hatte einen Einblick in seinen ewigen Wesenskern, nicht aber ein ausgesprochenes inneres Fühlen seiner Ich-Wesenheit. Das hätte er auch nicht erlangt, wenn die Gabe jenes älteren Bildbewußtseins geblieben wäre. Aber diese Gabe jenes älteren Bildbewußtseins hörte auf. Gerade in derjenigen Zeit, in der das Mysterium von Golgatha innerhalb der Menschheitsentwickelung heranrückte, dämmerte dieses Bildbewußtsein immer mehr und mehr ab. Und immer mehr stellte sich dann jener Zustand ein, wie ihn das gewöhnliche Bewußtsein heute noch erlebt in dem Unterschiede zwischen Schlafen und Wachen als schroffe Gegensätze und in der dazwischenliegenden fragwürdigen Traumwelt. Die Menschen hatten also jenes Stück der Selbsterkenntnis verloren, das in unmittelbarer Anschauung hinwies auf das vorirdische Dasein und damit auf den ewigen Wesenskern des Menschen. Aber gerade das war notwendig, um immer mehr und mehr zum vollen Ich-Bewußtsein zu kommen. Zwar trat in jener mittleren Zeit der Menschheitsentwickelung zur Zeit des Mysteriums von Golgatha das volle Ich-Bewußtsein noch nicht auf bei der gesamten Menschheit, aber es bereitete sich langsam vor. Damit war aber auch vor die Menschheit in vollem Umfange und in starker Intensität hingestellt das Rätsel des Todes, denn die Menschheit wußte jetzt durch einen unmittelbaren Eindruck nichts von derjenigen Welt, aus der sie heruntergestiegen ist in das irdische Dasein.

[ 7 ] This consciousness, which lived in images—in connection with its effect on the rest of the soul’s constitution—presented itself to the human soul of that earlier humanity in such a way that the active, intense sense of self that today’s humanity possesses simply did not yet exist in those earlier times. Human beings had insight into the eternal core of their being, but not a distinct inner sense of their “I” essence. Nor would they have attained this had the gift of that earlier image-consciousness remained. But this gift of that earlier image-consciousness came to an end. Precisely at the time when the Mystery of Golgotha was drawing near within the course of human evolution, this pictorial consciousness began to fade more and more. And increasingly, the state set in that ordinary consciousness still experiences today in the distinction between sleeping and waking as stark opposites, and in the ambiguous dream world lying between them. Human beings had thus lost that aspect of self-knowledge which, through direct perception, pointed to pre-earthly existence and thereby to the eternal core of the human being. But this was precisely what was necessary in order to progress more and more toward full ego-consciousness. Although full ego-consciousness had not yet emerged among all of humanity during that middle period of human development—at the time of the Mystery of Golgotha—it was slowly preparing itself. With this, however, the mystery of death was also presented to humanity in its full extent and with great intensity, for humanity now knew nothing, through direct experience, of the world from which it had descended into earthly existence.

[ 8 ] In der Zeit, in der die Menschheitsentwickelung dieses Stadium durchmachte, erschien nun, aus derselben Welt heruntersteigend, aus der die Menschenseele immer durch die Geburt heruntersteigt, der Christus und vereinigte sich durch die Ereignisse von Palästina mit dem Menschen Jesus. Und diejenigen, die in jener Zeit noch alte Traditionen, namentlich aber alte Methoden aus den Initiationsstätten her bewahrt hatten, Methoden, die allerdings nur noch ein Rest der alten Initiation waren, die aber doch auch in ihrem abgeschwächten Zustande zu einem Wissen darüber führten, wie es in der geistigen Welt aussieht und welchen Zusammenhang der Mensch mit dieser geistigen Welt hat — diese Initiierten konnten zu der Menschheit so sprechen, daß sie denen, die es aufnehmen wollten, sagten: Das Sonnenwesen, das früher den Menschen begnadet hat mit dem Anschauen eines Nachklanges eines vorirdischen Daseins und das seinen physischen Abglanz in der physischen Sonne hat, dieses. Sonnenwesen ist herabgestiegen. Denn in dem Menschen Jesus wohnte oder hat gewohnt dieses Sonnenwesen. Es hat menschlichen Körper angenommen, um von dieser Zeit an nun nicht bloß mit der geistigen Welt in Verbindung zu stehen, die der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, sondern um in der Menschheitsevolution der Erde selber mitzuleben.

[ 8 ] At the time when human evolution was passing through this stage, Christ appeared, descending from the same world from which the human soul always descends through birth, and united himself with the human being Jesus through the events in Palestine. And those who, at that time, had still preserved the old traditions—and especially the old methods from the places of initiation— methods that were, admittedly, only a remnant of the ancient initiation, but which, even in their weakened state, still led to knowledge of what the spiritual world is like and what connection human beings have with this spiritual world—these initiates were able to speak to humanity in such a way that they said to those who were willing to receive it: The Solar Being, who once blessed humanity with a glimpse of an echo of a pre-earthly existence and whose physical reflection is the physical sun—this Solar Being has descended. For this Solar Being dwelt, or has dwelt, within the human being Jesus. It has taken on a human body so that from this time onward it might not merely be in connection with the spiritual world that a human being passes through between death and a new birth, but might participate in the evolution of humanity on Earth itself.

[ 9 ] Aus den Resten der alten Initiation heraus haben also die Initilerten, die Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha waren, über das Geheimnis Christi zu denjenigen gesprochen, die es aufnehmen wollten, die Vertrauen hatten zu diesen Initiierten. Und es konnten die Menschen, die dieses Vertrauen hatten, lernen, wie der Christus in einen Erdenleib eingetreten ist, um jetzt nicht durch irgend etwas Lehrhaftes, sondern durch seine Tat den Menschen jenes Rätsel zu lösen, das eben erst jetzt in voller Intensität über die Menschheit gekommen ist: das Rätsel des Todes. Darauf haben eben diese Initiierten die Menschen verwiesen, daß der Christus gekommen ist, um auf Erden das Rätsel des Todes in entsprechender Weise für den Menschen zu lösen. Denn in der Zeit, in welcher das Mysterium von Golgatha im Erdbereich stattfand, hat man vor allen Dingen durch den Besitz jener Reste alter Initiationsmethoden gesprochen von der geistigen Wesenheit des Christus, wie sie sich ausnimmt in der geistigen Welt selber. Den Weg hat man beschrieben, den der Christus, der früher niemals zum Erdendasein heruntergestiegen war, aus der geistigen Welt zur Erde herunter genommen hatte. In allen diesen Betrachtungen der initiierten Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha hat das die Hauptlehre gespielt, wie der Christus seinen Weg zu dem Menschen Jesus herunter genommen hat und selber in dem Jesus Mensch gewesen ist. Da hat man nicht etwa bloß auf den historischen Jesus hingeschaut und gefragt: Was ist dieser historische Jesus inmitten der Menschheitsentwickelung? — Diesen Jesus hatte das gewöhnliche Bewußtsein allerdings vor sich. Die Zeitgenossen hatten ihn zum Teil vor sich, die Späteren hatten ihn durch die historische Tradition vor ihrem physisch-sinnlichen Bewußtsein. Aber das, was von älterer Initiationswissenschaft vorhanden war bei denen, die etwas über die geistigen Welten wußten, das konnte sagen: Dasjenige Wesen, das einstmals als das hohe Sonnenwesen, als der Spender der Gnade, die ich geschildert habe, angesehen worden ist, das hat seinen Weg genommen zum Menschen Jesus auf Erden. Das ist durch die Ereignisse von Golgatha gegangen. Weil für den Menschen in seinem Bewußtsein die Möglichkeit aufgehört hat, hineinzuschauen in das vorirdische Dasein und dadurch das Rätsel des Todes eigentlich damit zu lösen, daß man dieses Wesen gar nicht empfand: jenes hohe Sonnenwesen, das den Menschen die Kraft, den Tod auf Erden zu besiegen, mitgegeben hat in diesem Erschauen des Nachklanges aus dem vorirdischen Dasein. Das ist heruntergestiegen selbst in das irdische Dasein, hat Menschengestalt angenommen, ist durch das Mysterium von Golgatha gegangen, um durch den Sinn dieses Ereignisses den Menschen hier auf Erden von außen herein das wiederzugeben, was es ihnen früher für das Innere des Seelenlebens als einen Nachklang an das vorirdische Dasein im Bildbewußtsein hat mitgeben können. — So etwa sprachen die initiierten Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha.

[ 9 ] Drawing on the remnants of the ancient initiation, the initiates—who were contemporaries of the Mystery of Golgotha—spoke of the mystery of Christ to those who were willing to receive it, those who had trust in these initiates. And those who had this trust were able to learn how Christ entered an earthly body—not through any kind of doctrinal teaching, but through his deed—to solve for humanity the riddle that has only now come upon humanity with full intensity: the riddle of death. It was precisely to this that these initiates directed people’s attention: that Christ had come to solve the mystery of death on Earth in a manner appropriate to human beings. For in the time when the Mystery of Golgotha took place on Earth, people spoke—above all through their knowledge of the remnants of ancient initiation methods—of the spiritual being of Christ as He appears in the spiritual world itself. They described the path that Christ—who had never before descended into earthly existence—had taken from the spiritual world down to Earth. In all these reflections by the initiated contemporaries of the Mystery of Golgotha, the central teaching was how Christ had made his way down to the human being Jesus and had himself become human in Jesus. They did not merely look to the historical Jesus and ask: What is this historical Jesus in the midst of human evolution? — Ordinary consciousness certainly had this Jesus before it. Some of the contemporaries had him before them; later generations had him before their physical-sensory consciousness through historical tradition. But what remained of the older initiatory science among those who knew something of the spiritual worlds allowed them to say: That Being who was once regarded as the high solar Being, as the bestower of grace that I have described, has made His way to the human being Jesus on Earth. This took place through the events of Golgotha. For human beings, the possibility has ceased in their consciousness to look into pre-earthly existence and thereby actually solve the mystery of death—precisely because they no longer perceived this being: that high solar being who endowed humanity with the power to overcome death on earth through this perception of the echo from pre-earthly existence. This being descended even into earthly existence, took on human form, and passed through the Mystery of Golgotha in order to convey to human beings here on Earth—from the outside in, through the meaning of this event—what it had previously been able to bestow upon them for the inner life of the soul as an echo of pre-earthly existence in their visual consciousness. — This is roughly how the initiated contemporaries of the Mystery of Golgotha spoke.

[ 10 ] Der Mensch war früher begnadet, in seinem Bewußtsein eine Kraft zu haben, durch die er seinen ewigen Wesenskern im Hinschauen auf ein vorirdisches Dasein unmittelbar erleben konnte. Der Mensch mußte sich weiterentwickeln. Er entwickelte ein klares Erden-Ich-Bewußtsein, das nur an der sinnlichen Welt entzündet und herausgebildet werden kann. Dadurch muß zurückgedämmt werden jenes alte Bewußtsein, durch das der Mensch früher seinen ewigen Wesenskern erkannte. Aber jenes Wesen, das ihn diesen ewigen Wesenskern aus der geistigen Welt herein einst hat erkennen lassen, das hat nach seinem Herabstieg auf die Erde vollbracht das Mysterium von Golgatha, damit der Mensch im Anschauen und im Verstehen dieses Mysteriums von Golgatha von außen her dasjenige erleben kann, was er früher von innen her erlebt hat. Von dem Christus auf Erden soll der Mensch dasjenige weiter erleben, was er früher durch den Christus aus der geistigen Welt herein erlebt hatte.

[ 10 ] In the past, human beings were endowed with a power within their consciousness that allowed them to directly experience their eternal core being by looking back on a pre-earthly existence. Humanity had to evolve further. It developed a clear earthly “I”-consciousness, which can only be kindled and formed through the sensory world. As a result, that ancient consciousness through which humanity once recognized its eternal core must be curbed. But that Being who once enabled him to recognize this eternal core of his being from the spiritual world accomplished, after His descent to Earth, the Mystery of Golgotha, so that, by contemplating and understanding this Mystery of Golgotha, human beings might experience from the outside what they had previously experienced from within. Through Christ on Earth, human beings are to continue experiencing what they had previously experienced through Christ from the spiritual world.

[ 11 ] Was dieses in bezug auf die weitere Evolution der Menschheit dann für eine Bedeutung hatte, werde ich im dritten Teil der heutigen Betrachtung berichten.

[ 11 ] I will discuss the significance of this for the further evolution of humanity in the third part of today’s reflection.



[ 12 ] Die Reste alter Initiationsmethoden, durch die es den Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha, wenn sie initiiert waren, oder auch noch Nachfolgern derselben möglich war, in sachgemäßer Weise von dem Herabsteigen des Christus zu reden und von dem Wege, den er bis zu seinem Herabstieg in den Menschen Jesus genommen hat, diese Reste pflanzten sich fort, indem sie immer mehr und mehr abdämmerten in der Kraft der Menschheit bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert. Im 4. nachchristlichen Jahrhundert hörten die alten Initiationsmethoden auf, in der menschlichen Organisation in rechter Art Kräfte hervorzurufen, die einwandfreie Einsichten in die geistige Welt ergaben. Die Menschheit trat zunächst in eine Periode ihrer Entwickelung ein, in der sie im wesentlichen angewiesen war auf jene Erkenntnisse und Anschauungen, die nur aus der Sinnenwelt gewonnen werden können und aus dem Denken, das auf den Eindrücken und Beobachtungen der Sinnenwelt gebaut ist. Diese durch einige Jahrhunderte dauernde Periode der Menschheitsentwickelung brachte das zustande, was ich eben angedeutet habe als die Entwickelung, als die Entfaltung des Ich-Bewußtseins.

[ 12 ] The remnants of ancient initiation methods, through which it was possible for the contemporaries of the Mystery of Golgotha—if they had been initiated—or even for their successors, to speak appropriately of the descent of Christ and of the path he took leading up to his descent into the human being Jesus, these remnants persisted, gradually fading in their power within humanity until the 4th century A.D. In the 4th century A.D., the ancient initiation methods ceased to properly evoke within the human organism the forces that yielded flawless insights into the spiritual world. Humanity thus entered a period of its development in which it was essentially dependent on those insights and perceptions that can be gained only from the sensory world and from thinking based on the impressions and observations of the sensory world. This period of human development, which lasted for several centuries, brought about what I have just referred to as the development, the unfolding, of ego-consciousness.

[ 13 ] Man kann Geschichte nicht richtig studieren, wenn man nicht die Zeit vom 4. nachchristlichen Jahrhundert ab bis etwa in das 15. Jahrhundert hinein gerade in der zivilisierten Menschheit daraufhin anzusehen vermag, wie sich das Ich-Bewußtsein allmählich herausgestalter. Gewiß, Vorläufer in der Gestaltung dieses Ich-Bewußtseins waren auch schon früher vorhanden, aber im wesentlichen ist ein großer Unterschied zwischen selbst dem gebildetsten, dem gelehrtesten Menschen des 4., 5. Jahrhunderts und jenem des 15. oder 16. Jahrhunderts. Wer hineinschauen kann — ich möchte nicht einmal sagen in die Seele des Augustinus, in dem das Ich-Bewußtsein in seinem Heranreifen recht anschaulich, nämlich seelenanschaulich studiert werden kann —, sondern wer hineinschauen kann in die Seele zum Beispiel des Scotus Erigena aus dem 9. Jahrhundert, der sieht, wie da jenes Ich-Bewußtsein, das später dem einfachsten Menschen eigen ist, sich erst herausbildet, sich herausbildet, indem zugleich jenes alte Anschauen aufhört, durch das man zum Beispiel dasjenige ausbilden konnte, was Alchimie war: ein Durchsetzen desjenigen, was Augen sehen, mit demjenigen, was die Seele in den Dingen erlebte. Das rein sinnliche Anschauen als Grundlage der menschlichen Erkenntnis erstand ja erst etwa im 15. Jahrhundert. Aber es hat sich herausgebildet. Und in dieser Hinlenkung des Menschen auf die rein sinnliche Anschauung, die dann einen Gipfel erreichte im Zeitalter Kopernikus’, Galileis und Giordano Brunos, in diesem Hinlenken auf die sinnliche Welt bildete sich zugleich das Sinnesbewußtsein, das Ich-Bewußtsein aus.

[ 13 ] One cannot properly study history unless one is able to examine the period from the 4th century CE through roughly the 15th century, particularly within civilized humanity, to see how self-consciousness gradually took shape. Certainly, precursors to the development of this sense of self existed even earlier, but essentially there is a great difference between even the most educated, the most learned person of the 4th or 5th century and that of the 15th or 16th century. Anyone who can look into—I would not even say into the soul of Augustine, in whom self-consciousness can be studied quite vividly as it matures, namely through a spiritual insight—but anyone who can look into the soul, for example, of Scotus Erigena from the 9th century, will see how that self-consciousness, which later becomes characteristic of even the simplest person, is only just beginning to take shape—taking shape precisely as that ancient mode of perception ceases, through which one could, for example, develop what alchemy was: an interweaving of what the eyes see with what the soul experienced in things. Purely sensory perception as the foundation of human knowledge did not emerge until around the 15th century. But it did develop. And in this turning of human attention toward purely sensory perception—which then reached its peak in the age of Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno—in this turning toward the sensory world, sensory consciousness and self-consciousness developed at the same time.

[ 14 ] Dieses Ich-Bewußtsein aber ließ das Hineinschauen in die geistigen Welten gewissermaßen hinunterfallen in dunkle Tiefen. Was alte Mysterienanschauung, Initiationserkenntnis war, das dämmerte mit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert hinunter und fand kaum eine Fortsetzung in der weiteren Zivilisation der Menschheit. Denn die sehr verborgene Fortsetzung blieb der äußeren, auch der gelehrten abendländischen Menschheit fast ganz unbekannt. In dem allgemeinen Bildungsleben, Zivilisationsleben war eine Initiationswissenschaft eigentlich nicht wirksam. Dadurch konnte sie auch nicht wie in den ersten christlichen Jahrhunderten — wenn es auch Reste waren, so doch noch Reste der alten Initiationswissenschaft — über den Weg des Christus aus den geistigen Welten zur Erdenmenschheit hin aufklären. Und es stand vor der Menschheit, auch vor der gelehrten Menschheit, daher nur der historische Jesus, jener Jesus, von dem die Geschichte berichtete, die jedoch nicht hinzufügte — weder im menschlichen Anschauen noch durch eine Initiationsbelehrung — zu diesem historischen Jesus das Bild des Christus, der mit ihm verbunden war.

[ 14 ] This sense of self, however, caused the ability to look into the spiritual worlds to sink, as it were, into dark depths. What had been the ancient mystery vision and initiatory knowledge began to fade away in the 4th century A.D. and found scarcely any continuation in the further course of human civilization. For its deeply hidden continuation remained almost entirely unknown to the outer, even the learned, Western world. In the general life of education and civilization, the science of initiation was not actually active. Consequently, it could not—as it had in the early Christian centuries (even if these were only remnants, they were still remnants of the ancient science of initiation)—shed light on the path of Christ from the spiritual worlds to humanity on Earth. And so, all that stood before humanity—including the scholarly community—was the historical Jesus, the Jesus of whom history told, but which history did not add—neither through human perception nor through initiatory teaching—to this historical Jesus the image of the Christ who was connected to him.

[ 15 ] Daher konnte die kirchliche Entwickelung für diese Jahrhunderte nichts anderes tun, als ihre Gläubigen immer wieder und wieder auf den historischen Jesus zu verweisen, lebendig zu machen das Bild des historischen Jesus. Aber über alles, wovon noch in den ersten christlichen Jahrhunderten diejenigen sprechen konnten, die von der geistigen Welt etwas Wirkliches wußten, über alles das konnte jetzt unmittelbar nichts Wirkliches gewußt werden. Nur das, was in der Tradition von den Zeiten her bewahrt war, als es noch solche Menschenseelen gegeben hat, die aus der Initiationswissenschaft heraus etwas über die geistige Welt wirklich wußten, nur das, was sich aus der Tradition aus altem christlichem Wissen bewahrt hatte, konnte als Dogmen über den Christus von der Kirche hingestellt werden, und nicht wurde hingewiesen auf solche, die noch eine Anschauung hatten von dem geistigen Inhalt dieser Dogmen, sondern diese Dogmen wurden zum Gegenstand eines bloßen Glaubens gemacht.

[ 15 ] Therefore, throughout these centuries, the Church could do nothing other than repeatedly direct its believers back to the historical Jesus and bring the image of the historical Jesus to life. But regarding everything that those who knew something real about the spiritual world could still speak of in the early Christian centuries—regarding all of that, nothing real could now be known directly. Only what had been preserved in tradition from the times when there were still human souls who, through the science of initiation, truly knew something about the spiritual world—only what had been preserved in tradition from ancient Christian knowledge—could be presented by the Church as dogmas concerning Christ, and no reference was made to those who still had a vision of the spiritual content of these dogmas; rather, these dogmas were made the object of mere faith.

[ 16 ] In der Zeit, in der sich mit Bezug auf die Sinneswelt das Wissen immer mehr und mehr ausbildete und vertiefte, wurde neben dieses Wissen von der Sinneswelt hingestellt ein Glaubensinhalt, ein Dogmengehalt, der nur durch eine äußerliche Festsetzung an die Jesusgestalt anknüpfte, die eben durch die äußere Geschichte vor dem gewöhnlichen Bewußtsein der Menschheit dastand und diese Gestalt angenommen hatte. Dieses Verhalten fand ja dann seine Fortsetzung auch durch das 17., 18., 19. Jahrhundert und hatte endlich sogar zu einer auch noch christlich sein wollenden Theologie geführt, die nur noch auf den Menschen Jesus hinweisen wollte, weil der nur durch die historische Tradition vor dem gewöhnlichen Bewußtsein dastand. Aber in der Zwischenzeit hatte dasjenige Bewußtsein, welches das Ich-Erlebnis ausgebildet hatte, das sich umgesehen hatte in den Gesetzmäßigkeiten der Sinneswelt, immer weniger und weniger Neigung, sich an den festgestellten Glaubensinhalt zu halten. Gerade bei den führenden Menschenpersönlichkeiten, bei denen sich dieses neue Bewußtsein am meisten ausgebildet hatte, emanzipierte man sich von den Neigungen zum Glaubensinhalt, vom Christus. Und so kam es, daß namentlich stark im 19. Jahrhundert die auch christlich sein wollende Theologie heraufkam, die den Christus über dem Jesus völlig für die Erkenntnis verloren hatte, die nur noch von dem Jesus von Nazareth sprach, die den Jesus erkennen wollte als einen der Menschen, vielleicht auch als den vorzüglichsten, der sich in die Menschheitsentwickelung hineingestellt hat.

[ 16 ] During the period in which knowledge of the sensory world was increasingly developing and deepening, a set of beliefs—a set of dogmas—was placed alongside this knowledge of the sensory world; these beliefs were linked solely through an external association with the figure of Jesus, who, through external history, stood before the ordinary consciousness of humanity and had assumed this form. This approach continued through the 17th, 18th, and 19th centuries and ultimately led even to a theology that still claimed to be Christian but sought only to point to the man Jesus, because he stood before ordinary consciousness solely through historical tradition. But in the meantime, the consciousness that had developed the experience of the “I”—which had explored the laws of the sensory world—had less and less inclination to adhere to the established tenets of faith. It was precisely among the leading figures—in whom this new consciousness had developed most fully—that people emancipated themselves from the inclinations toward the tenets of faith, from Christ. And so it came to pass that, particularly in the 19th century, a form of theology emerged—one that also sought to be Christian—which had completely lost sight of Christ as distinct from Jesus in its understanding, which spoke only of Jesus of Nazareth, and which sought to recognize Jesus as one of humanity, perhaps even as the most outstanding figure to have placed himself within the course of human development.

[ 17 ] Hatte man in den ersten christlichen Jahrhunderten aus den Resten der alten Initiationsweisheit heraus, wenn vom Mysterium von Golgatha gesprochen wurde, den Weg zu beschreiben gesucht, den man fand von der Anschauung der Christus-Wesenheit angefangen bis zu der Verkörperung dieser Christus-Wesenheit in dem Jesus von Nazareth, ging man für das Verständnis des Mysteriums von Golgatha in diesen ersten christlichen Jahrhunderten von dem Christus aus, um zu dem Jesus zu kommen, so ging man jetzt von dem Jesus aus, den man zunächst als Menschen anschaute, und wollte dann von dem Jesus aus zu dem Christus kommen. Das aber nahm naturgemäß den Weg, daß man zuletzt sich nur seine Ohnmacht entweder gestand oder auch nicht gestand, von dem historischen, für das gewöhnliche Bewußtsein vorhandenen Jesus-Wesen, von dem «schlichten» Jesus-Wesen in Palästina aufzusteigen zu dem Christus. So hat die Theologie eines Teiles der Menschheit den Christus über dem Jesus verloren. Dies kann erst anders werden durch die moderne Initiation, durch jene Initiation, die ich in diesen Tagen in ihren Hauptzügen charakterisiert habe, die zur Imagination, Inspiration und Intuition in einer neuen Form führen kann. Durch diese neue Initiationsweisheit ist es wiederum möglich, über das bloße historische Jesusbild hinaus zu einem unmittelbaren Anschauen des vorirdischen Menschendaseins und der Welt, in der dieses vorirdische Menschendasein verläuft, zu kommen, und damit auch den Christus in seiner außerirdischen Geistwesenheit anzuschauen, also wiederum von dem Christus aus den Jesus und damit das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Damit kann der Weg, zu dem die moderne Theologie geführt hat und der über dem Jesus den Christus verloren hat, wiederum umgelenkt werden. Man kann wiederum aus der geistigen Anschauung heraus den Christus erkennen und durch die Erkenntnis des Christus den Jesus, in welchem der Christus Mensch geworden war, anschauen und hinschauen mit der im Geiste gewonnenen Christus-Erkenntnis auf das Mysterium von Golgatha. Durch anthroposophische Anschauung muß der Christus, der für einen Zweig der modernen Theologie schon verlorengegangen ist, wiederum gewonnen werden. Was das für die innere Entwickelung des Menschen zu bedeuten hat, will ich in dem vierten Teile dieser heutigen Betrachtung berichten.

[ 17 ] In the early Christian centuries, drawing on the remnants of ancient initiatory wisdom, when speaking of the Mystery of Golgotha, people had sought to describe the path that began with the contemplation of the Christ Being and led to the incarnation of this Christ Being in Jesus of Nazareth; in those early Christian centuries, the approach to understanding the Mystery of Golgotha began with Christ in order to arrive at Jesus; now, however, the starting point was Jesus, whom one first regarded as a human being, and from whom one then sought to arrive at Christ. But this naturally led to a situation where, in the end, one either admitted—or did not admit—one’s own powerlessness to ascend from the historical Jesus—as he is known to ordinary consciousness, the “simple” Jesus of Palestine—to the Christ. Thus, the theology of a portion of humanity has lost sight of the Christ above the Jesus. This can only be changed through modern initiation—that initiation whose main features I have outlined in recent days, and which can lead to imagination, inspiration, and intuition in a new form. Through this new wisdom of initiation, it becomes possible once again to go beyond the mere historical image of Jesus to a direct contemplation of pre-earthly human existence and the world in which this pre-earthly human existence unfolds—and thereby also to contemplate the Christ in his extra-earthly spiritual being, thus once again understanding Jesus—and with him the Mystery of Golgotha—from the perspective of the Christ. In this way, the path to which modern theology has led—and which has lost sight of the Christ through its focus on Jesus—can be redirected. One can once again recognize the Christ through spiritual insight and, through the knowledge of the Christ, behold Jesus, in whom the Christ became human, and look upon the Mystery of Golgotha with the knowledge of the Christ gained in the spirit. Through anthroposophical insight, the Christ—who has already been lost to one branch of modern theology—must be regained. I shall discuss what this means for the inner development of the human being in the fourth part of today’s reflection.



[ 18 ] Es ist schon gesagt worden, daß durch das Heraufleuchten des IchBewußtseins das Rätsel des Todes sich vor die Menschenseele hinstellte. Dieses Rätsel des Todes mußte sich ja vor diese menschliche Seelenverfassung hinstellen aus dem Grunde, weil, indem das Ich mit voller Klarheit im inneren seelischen Erleben anwesend wurde, dadurch der physische Menschenorganiismus die eigentliche Grundlage für dieses menschliche gewöhnliche Bewußtsein geworden ist. Dieses Ich-durchtränkte Bewußtsein hat zu seiner Grundlage den physischen Menschenorganismus, und der Mensch lernte instinktiv fühlen, wie nur dasjenige in sein seelisches Erleben hereingeht, das zur Grundlage diesen physischen Menschenorganismus hat. Er hatte ja jetzt durch unmittelbares Bildbewußtsein keine Anschauung von seinem ewigen Wesenskerne. Gerade durch das, was ihm ein Höchstes für das Erdendasein gab, sein Ich-Bewußtsein, gerade dadurch wurde er auf seinen physischen Leib verwiesen, wurde darauf verwiesen, wie ihm sein physischer Leib aus seiner Konstitution heraus das volle Ich-durchtränkte Bewußtsein aufleuchten ließ.

[ 18 ] It has already been said that, with the dawning of ego-consciousness, the mystery of death presented itself to the human soul. This mystery of death had to present itself to this state of the human soul for the reason that, as the “I” became present with full clarity in inner soul experience, the physical human organism thereby became the actual foundation for this ordinary human consciousness. This “I”-imbued consciousness has the physical human organism as its foundation, and human beings instinctively learned to sense that only that which has this physical human organism as its foundation enters into their soul experience. After all, they now had no direct perception of their eternal core of being through immediate pictorial consciousness. Precisely through what gave him the highest purpose for his earthly existence—his “I”-consciousness—he was directed toward his physical body; he was shown how his physical body, by virtue of its constitution, allowed the full “I”-imbued consciousness to shine forth within him.

[ 19 ] In diesem Bewußtsein läßt sich nicht sagen: Wir haben etwas innen in unserer Seele, das wir durch die Pforte des Todes tragen. — Gerade das, was die Gnade des hohen Sonnenwesens einer älteren Menschheit gab an Rückblick auf das vorirdische Dasein, das strahlte ja in das gewöhnliche Bewußtsein dasjenige hinein, was über den Tod auch hinausweisen konnte. Jetzt war das Bewußtsein gerade dadurch besonders klar geworden, daß es in seinem ganzen Umfange ein Erlebnis des physischen Menschenorganismus geworden ist. Damit aber war es für den Menschen nur noch möglich zu sagen: Du hast Kräfte in dir, die dir dein Bewußtsein erhellen, dir dein Bewußtsein erleuchten, die aber von dem physischen Leibe kommen. Dieser physische Leib zerfällt mit dem Tode. In demjenigen, von dem du weißt in deinem gewöhnlichen Bewußtsein, verspürst du nichts von etwas, was dich hinübertragen kann in eine andere Welt. Mag es so etwas geben — aber du verspürst, du weißt durch dein gewöhnliches Bewußtsein nichts von einem solchen Dasein.

[ 19 ] In this state of consciousness, one cannot say: We have something within our soul that we carry through the gate of death. — It was precisely what the grace of the high solar being bestowed upon an earlier humanity—the ability to look back on pre-earthly existence—that radiated into ordinary consciousness that which could point beyond death. Now, consciousness had become particularly clear precisely because, in its entirety, it had become an experience of the physical human organism. But with that, it was only possible for a person to say: “You have powers within you that illuminate your consciousness, that enlighten your consciousness, but which come from the physical body.” This physical body decays with death. In that which you know through your ordinary consciousness, you sense nothing of anything that can carry you over into another world. There may be such a thing—but through your ordinary consciousness, you sense nothing and know nothing of such an existence.

[ 20 ] Diese Rätselhaftigkeit des Todes war allerdings mit einer besonderen Intensität, als die Menschen in bezug auf diese Dinge noch sensitiver waren, hervorgetreten in den ersten christlichen Jahrhunderten. Allein die Initiierten hatten den Menschen hingewiesen auf das Mysterium von Golgatha, und in den folgenden Jahrhunderten hatte die christliche Entwickelung in ihren Führern dem Menschen durch die Glaubensdogmen einen Hinweis gegeben auf das Mysterium von Golgatha. Was sollte dieses Mysterium von Golgatha dem Menschen sein?

[ 20 ] This mystery of death, however, had emerged with particular intensity during the early Christian centuries, when people were even more sensitive to such matters. Only the initiates had pointed out the mystery of Golgotha to humanity, and in the centuries that followed, Christian development, through its leaders and the dogmas of the faith, had provided humanity with a hint of the mystery of Golgotha. What was this mystery of Golgotha to mean for humanity?

[ 21 ] Wer ein inneres menschliches Verhältnis zu dem Christus gewinnen kann, wer hinblicken kann in Anerkennung und Bejahung zu dem Mysterium von Golgatha, der muß in sein Bewußtsein etwas hereinnehmen, das ihm keine Sinneswelt geben kann. Gerade der, der am allermeisten in die Konstitution der Sinneswelt hineinschaut, kommt ja aus dieser Konstitution der Sinneswelt nur zu einer Widerlegung des Mysteriums von Golgatha, denn mit keinem Sinnesverständnis kann man das Mysterium von Golgatha verstehen. Kann man es jedoch in sein Herz aufnehmen, ist man dennoch in der Lage, als Mensch ein im Gemüte wurzelndes Verständnis für dieses einmal im Erdenlaufe sich vollziehende, nur aus dem Geiste heraus verständliche Ereignis zu fassen, so reißt man sich in diesem seinem gewöhnlichen Bewußtsein heraus aus dem bloßen Sinnesverständnis, das gerade das Ich-Bewußtsein in seiner besonderen Klarheit und Intensität ausmacht.

[ 21 ] Anyone who can develop an inner, human relationship with Christ—anyone who can look upon the Mystery of Golgotha with recognition and affirmation—must take into their consciousness something that the sensory world cannot provide. It is precisely the person who looks most deeply into the nature of the sensory world who, from that very nature, can only arrive at a rejection of the Mystery of Golgotha; for no sensory understanding can grasp the Mystery of Golgotha. If, however, one can take it into one’s heart, one is nevertheless able, as a human being, to grasp an understanding rooted in the soul for this event—which took place once in the course of Earth’s history and can be understood only from the spirit—and in doing so, one breaks free within one’s ordinary consciousness from mere sensory understanding, which is precisely what constitutes the “I”-consciousness in its particular clarity and intensity.

[ 22 ] Keiner, der nur innerhalb der Sinneswelt stehenbleiben will, kann zu einem Verständnisse des Mysteriums von Golgatha kommen. Verzichtet man dagegen auf ein Verständnis in der Art, wie man dies aus der Sinneswelt erfahren kann gegenüber dem Mysterium von Golgatha, und bekommt man dennoch ein Verhältnis der Gläubigkeit, ein Verhältnis der Anerkennung, ein Verhältnis des verehrungsvoll andächtigen Aufschauens zu dem Mysterium von Golgatha, bekommt man ein Verständnis dafür, was der Christus der Menschheit geworden ist durch sein Herabsteigen aus einem geistigen Dasein in das Erdenleben, dann reißt man sich in seinem irdischen Bewußtsein durch das, was gerade durch das sinnliche Verständnis als ein Höchstes erworben wird, heraus aus dem bloßen Sinnesverständnis. Dadurch läßt man keimen, entfaltet man in diesem gewöhnlichen Bewußtsein eine Kraft, die nicht durch natürliches Entwickeln des Menschen im Bewußtsein sein kann. Man muß sich innerlich mehr vertiefen, man muß das Bewußtsein intensivieren, wenn man zu dem Sinnesverständnis innerlich soviel Kraft aufbringen will, daß das Mysterium von Golgatha in seiner geistigen Bedeutung für die Seelenverfassung des Menschen eine Wahrheit sein kann. Und mit diesem auf das sinnliche Verständnis verzichtenden Wahrheit-Anerkennen des Mysteriums von Golgatha, mit diesem Anerkennen, daß der Christus in dem Jesus wirklich auf Erden gewesen ist, daß mit dem Mysterium von Golgatha mitten im irdischen Dasein eine himmlische, eine außerirdische Tatsache sich vollzogen hat, die bleibende Bedeutung gewonnen hat, mit der Anerkennung dieser Wahrheit ersetzt man jetzt diejenige Kraft, die im natürlichen Bewußtsein einmal vorhanden war, doch jetzt nicht mehr vorhanden ist.

[ 22 ] No one who wishes to remain solely within the sensory world can come to an understanding of the Mystery of Golgotha. If, on the other hand, one renounces any understanding of the Mystery of Golgotha that can be derived from the sensory world, and yet attains a relationship of faith, a relationship of recognition, a relationship of reverent, devout contemplation toward the Mystery of Golgotha—and thereby gains an understanding of what Christ has become for humanity through his descent from a spiritual existence into earthly life—then one breaks free in one’s earthly consciousness from mere sensory understanding through precisely that which is attained as the highest through sensory understanding. Through this, one allows a power to take root and unfold within this ordinary consciousness—a power that cannot arise through the natural development of human consciousness. One must delve deeper inwardly; one must intensify one’s consciousness if one wishes to muster enough inner strength for sensory understanding so that the Mystery of Golgotha, in its spiritual significance, can become a truth for the human soul. And with this recognition of the truth of the Mystery of Golgotha—which transcends sensory understanding— with this acknowledgment that Christ was truly on Earth in the person of Jesus, that with the Mystery of Golgotha a heavenly, an extraterrestrial event took place in the midst of earthly existence—an event that has gained lasting significance—with the acknowledgment of this truth, one now replaces the power that was once present in natural consciousness but is no longer there.

[ 23 ] Einmal war im natürlichen Bewußtsein die Kraft vorhanden, hinzuschauen auf das vorirdische Dasein und aus diesem Hinschauen heraus die Bewußtseinskraft zu gewinnen, die Seele hindurchzutragen durch die Pforte des Todes. Das, was so nicht mehr da war, sollte nun in die Seele einziehen durch das Mysterium von Golgatha und durch jene Erkraftung, die in der Seele stattfinden konnte, wenn man sich zu der Wahrheit des Mysteriums von Golgatha durch inneres Seelenerleben bekennt. Dann konnte, indem in einem selber lebendig wurde das Paulinische Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir», dann konnte einen der Christus mit der Kraft, die von seinem Mysterium von Golgatha ausstrahlte, hinwegtragen über dasjenige, in das der physische Tod den Menschen allein durch sein Bewußtsein hineinversetzen konnte. Dadurch konnte man wieder eine Kraft gewinnen, von der man wußte, mit dieser Kraft läßt sich über die Pforte des Todes hinauskommen.

[ 23 ] There was a time when natural consciousness possessed the power to look back upon pre-earthly existence and, through this act of looking, to gain the power of consciousness necessary to carry the soul through the gate of death. That which was no longer present in this way was now to enter the soul through the Mystery of Golgotha and through that strengthening that could take place within the soul when one professes faith in the truth of the Mystery of Golgotha through inner soul experience. Then, as the Pauline saying “Not I, but Christ in me” came alive within one’s own being, Christ could carry one—with the power radiating from His Mystery of Golgotha—beyond that into which physical death could cast a human being solely through their consciousness. Through this, one could regain a power about which one knew: with this power, one could pass beyond the gate of death.

[ 24 ] Wie sich die Geheimnisse des Todes, als der andere Pol der Geheimnisse der Geburt, von denen ich gestern gesprochen habe, im Zusammenhange mit der Christus-Wesenheit weiter schildern lassen, davon wird morgen die Rede sein. Heute möchte ich aber diese Betrachtung dadurch abschließen, daß ich auf dasjenige hinweise, was schon in den ersten christlichen Jahrhunderten, als das ganze Rätsel des Todes sich vor die Menschenseele stellte, ein alter Initiierter zu denen sagte, vor denen schon das ganze Todesrätsel stand. Er sagte: Sehet hin auf das Stadium des menschlichen Leibes, wo der Mensch zu dem Gebrauch des Ich-Bewußtseins bereits gekommen ist, in diesem Stadium deckt einem der physische Menschenleib zu die gesamte menschliche Wesenheit. Wo der Mensch zur Entfaltung seines Ich-Bewußtseins kommt, da ist er so beschaffen, daß er durch den physischen Leib und bloß in dem physischen Leib niemals zum Ergreifen desjenigen Wesens in ihm kommen könnte, das dem Geiste angehört. Sehet hin — so sagte also ein solcher Initiierter in den ersten christlichen Jahrhunderten zu seinen Bekennern —, sehet hin auf den physischen menschlichen Organismus; da, wo ihr in das Stadium kommt, wo der physische Leib das Höchste für das Ich-Bewußtsein zu bringen hat, da erweist er sich als unvollkommen. Dieser physische Menschenorganismus ist daher krank, denn gesund wäre er nur, wenn er dem Menschen ein Bewußtsein geben könnte von seiner geistigen Bedeutung. Dieser physische Organismus hat sich so entwickelt, daß in ihm die Krankheit gegenüber dem Geistesleben von Anfang an war. Da ist der Christus heruntergestiegen in das Mysterium von Golgatha, nicht nur als ein Lehrer, sondern als der Seelenarzt, der den Menschen von der Seele aus heilt für das, was an seinem physischen Organismus krank ist.

[ 24 ] Tomorrow we will discuss how the mysteries of death—as the opposite pole to the mysteries of birth, which I spoke about yesterday—can be further described in connection with the Christ Being. Today, however, I would like to conclude this reflection by pointing out what an ancient initiate said in the early Christian centuries—when the entire mystery of death presented itself to the human soul—to those who were already confronted with the whole mystery of death. He said: “Look at the stage of the human body where the human being has already attained the use of ego-consciousness; at this stage, the physical human body veils the entire human being.” Where a person reaches the stage of developing their “I”-consciousness, they are such that, through the physical body and solely within the physical body, they could never come to grasp that aspect of their being which belongs to the spirit. “Look,” said such an initiate to his followers in the early Christian centuries, “look at the physical human organism; where you reach the stage at which the physical body is meant to provide the highest expression of ‘I’-consciousness, there it proves to be imperfect.” This physical human organism is therefore sick, for it would be healthy only if it could give the human being an awareness of its spiritual significance. This physical organism has developed in such a way that sickness in relation to the spiritual life has been present within it from the very beginning. That is why Christ descended into the Mystery of Golgotha—not merely as a teacher, but as the healer of souls, who heals human beings from the soul onward for what is sick in their physical organism.

[ 25 ] So haben diese Initüerten der ersten christlichen Jahrhunderte, die von der heutigen Theologie nicht mehr anerkannt werden, deren Andenken man sogar verschüttet hat, den Christus hingestellt als den Seelenarzt, als den Heiler, als den Heiland der Menschheit. Dadurch haben sie ihn in den Sinn der ganzen Erdenentwickelung versetzt, indem sie gezeigt haben, wie die Erdenentwickelung der Menschheit in einer absteigenden Linie verläuft — bis zur völligen Erkrankung des physischen Organismus gegenüber den höchsten Aufgaben des menschlichen Bewußtseins und bis zum Eingreifen des göttlichen Heilandes als Seelenarzt mit Bezug auf die menschliche Seelenverfassung gegenüber einer geistig-göttlichen Welt. So bekam durch die Initiierten der ersten christlichen Jahrhunderte die Anschauung von dem Christus einen tiefen Sinn: Christus als der Seelenarzt der Welt, als der Heiler der Menschheit, als der Heiland.

[ 25 ] Thus, these initiates of the early Christian centuries—who are no longer recognized by modern theology, and whose memory has even been buried—portrayed Christ as the physician of the soul, as the healer, as the Savior of humanity. In doing so, they placed him within the context of the entire evolution of the Earth by showing how humanity’s evolution on Earth follows a downward trajectory—until the physical organism becomes completely diseased in relation to the highest tasks of human consciousness, and until the divine Savior intervenes as a healer of souls with regard to the human soul’s condition in relation to a spiritual-divine world. Thus, through the initiates of the first Christian centuries, the concept of Christ took on a profound meaning: Christ as the physician of the world’s souls, as the healer of humanity, as the Savior.

[ 26 ] Auf Grund von alledem kann man sagen: Wenn man das, was die Initiierten einer alten Zeit, bevor das Mysterium von Golgatha auf der Erde eingetreten war, weiteren Menschheitskreisen, zu denen diese Lehren Zugang fanden, sagen konnten von einem geistigen, einem göttlichen Dasein, das alles sinnliche Dasein durchsetzt und ihm zugrunde liegt, wenn man das im modernen Bewußtsein wiederum ganz lebendig macht durch eine imaginative Einsicht, dann wird das, was sonst abstrakte Gedankenphilosophie ist, nicht nur in dem Sinne belebt, wie ich das in den letzten Tagen hier charakterisiert habe, sondern es wird dann abstrakte Gedankenphilosophie auch durchchristlicht. Und in derjenigen Erkenntnis, in der die moderne Imagination den Menschen wiederum hinführt zu einer Erkenntnis der geistigen Welt, durchchristlicht sich die Philosophie, und es kann in die Menschheit einziehen, was einst in der alten Menschheit da war: das Bewußtsein von dem göttlich-geistigen Vater alles physischen Daseins. Dieses göttliche Vaterbewußtsein war es im wesentlichen, zu dem mit der übrigen Menschheit die alten vorchristlichen Initiierten hinstrebten. Der höchste Initiationsgrad war der, wo der Initiierte als der «Vater» repräsentierte in den Mysterien den göttlich-geistigen Weltenvater.

[ 26 ] In light of all this, one can say: If one can take what the initiates of an ancient time—before the Mystery of Golgotha had taken place on Earth—were able to tell wider circles of humanity, to whom these teachings were accessible, about a spiritual, divine existence that permeates and underlies all sensory existence; if one can make this fully alive again in modern consciousness through imaginative insight, then what is otherwise abstract philosophical thought is not only enlivened in the sense I have described here in recent days, but abstract philosophical thought is also permeated by the Christ. And in that insight, in which modern imagination leads humanity back to a knowledge of the spiritual world, philosophy becomes imbued with the spirit of Christ, and what once existed in ancient humanity can enter into humanity once more: the awareness of the divine-spiritual Father of all physical existence. It was essentially this awareness of the divine Father that the ancient pre-Christian initiates, together with the rest of humanity, strove toward. The highest degree of initiation was that in which the initiate, as the “Father,” represented the divine-spiritual Father of the world in the mysteries.

[ 27 ] Macht man diese Anschauung in sich rege, dann entsteht das, was man eine christliche Philosophie nennt. Und lernt man dadurch des weiteren durch die moderne Inspiration das kennen, was mit den Resten einer alten Inspiration schon vorahnend die Initüerten der ersten christlichen Jahrhunderte gesagt haben, so lernt man erkennen, wie ein geistig-göttliches Wesen, der Christus, aus geistigen Welten sich in die Erdenevolution der Menschheit hineinversetzt und den Mittelpunkt dieser Erdenevolution bildet. Man bringt einen sinnvollen Geist in die Erdenevolution der Menschheit und in ihre Gesetzmäßigkeit dadurch hinein, daß man durch das Mysterium von Golgatha diese Erdenevolution der Menschheit anknüpfen lernt an den Kosmos, indem man zu dem kosmischen Christus-Wesen hinaufzusehen vermag. Wie der Himmel sich weiter um die Erdenevolution gekümmert hat, wie der Kosmos weiter für die Angelegenheiten der Menschheit gesorgt hat, das lernt man erkennen und das erweitert denjenigen Charakter der Kosmologie, den ich hier schon charakterisiert habe, den Charakter einer geistigen Kosmologie zu dem einer christlichen Kosmologie.

[ 27 ] If one actively cultivates this perspective within oneself, what is known as Christian philosophy emerges. And if, through modern inspiration, one comes to understand what the initiates of the early Christian centuries had already intuitively expressed through the remnants of an ancient inspiration, one comes to recognize how a spiritual-divine being—Christ—transfers himself from the spiritual worlds into the earthly evolution of humanity and forms the center of this earthly evolution. One brings a meaningful spirit into the earthly evolution of humanity and into its laws by learning, through the Mystery of Golgotha, to link this earthly evolution of humanity to the cosmos, in that one is able to look up to the cosmic Christ-being. One comes to recognize how heaven has continued to care for the evolution of the Earth, how the cosmos has continued to provide for the affairs of humanity; and this expands the character of cosmology that I have already described here—from that of a spiritual cosmology to that of a Christian cosmology.

[ 28 ] Und wenn dann der Mensch im Sinne des Paulinischen Wortes «Nicht ich, sondern der Christus in mir» ein lebendiges Verhältnis zu dem Christus und dem Mysterium von Golgatha gewinnt, dann führt ihn der Christus dadurch, daß er ihm über das Rätsel des Todes hinweghilft, hinein in ein erneuertes Leben im Geiste, und man lernt den neuen Geist kennen, der jetzt wiederum der Menschheit klarmachen soll, daß es über die physische Welt hinaus eine sie regelnde, ordnende, sie durchpulsende geistige Welt gibt. Man lernt, als von Christus ausgehend, die Sendung des heilenden, von Christus selbst geheiligten Geistes kennen, man lernt als die Grundlage einer neuen Religionserkenntnis das Mysterium des Heiligen Geistes kennen.

[ 28 ] And when a person, in the sense of Paul’s words, “Not I, but Christ in me,” develops a living relationship with Christ and the Mystery of Golgotha, Christ then leads that person—by helping them overcome the enigma of death—into a renewed life in the Spirit, and one comes to know the new Spirit, who is now called upon once again to make it clear to humanity that beyond the physical world there is a spiritual world that governs it, orders it, and pulses through it. One comes to know, as emanating from Christ, the mission of the healing Spirit—sanctified by Christ himself—and one comes to know the mystery of the Holy Spirit as the foundation of a new religious understanding.

[ 29 ] Die Trinität, von der so lange als von einem Dogma gesprochen worden ist, geht wieder lebendig vor dem Menschen auf. Und hinblikkend auf die vorchristlichen Mysterien kann man sagen: In ihnen lebte der Vatergott, der auch für uns die Weltbedeutung beibehält. Durch das Mysterium von Golgatha trat der Menschheit nahe der Sohnesgott in Christus, und als das, was der Sohnesgott in die Menschheit hineingebracht hat, der Zusammenhang mit dem heilenden, mit dem Heiligen Geist. Die Trinität wird wieder eine anschaulich lebendige, kein Dogma. Durch die Verlebendigung des Vaterbewußtseins ersteht eine durchchristete Philosophie. Durch die Verlebendigung des Sohnesbewußtseins ersteht eine durchchristete Kosmologie, und in Anlehnung an das, was der Christus unter dem heilenden Geist verstanden hat und über die Menschheit gnadenvoll ergossen hat, ersteht eine neue, erkenntnismäßige Grundlage einer christlichen Religion.

[ 29 ] The Trinity, which has long been spoken of as a dogma, is once again coming to life before humanity. And looking back at the pre-Christian mysteries, one can say: In them lived the Father God, who continues to hold world-historical significance for us as well. Through the Mystery of Golgotha, the God the Son in Christ drew near to humanity, and what the God the Son brought into humanity was the connection with the healing, Holy Spirit. The Trinity once again becomes a vividly living reality, not a dogma. Through the enlivening of the Father-consciousness, a Christ-imbued philosophy arises. Through the revitalization of the consciousness of the Son, a Christ-imbued cosmology arises, and, drawing upon what Christ understood by the healing Spirit and graciously poured out upon humanity, a new, epistemological foundation for a Christian religion emerges.

[ 30 ] Anknüpfend an eine solche christliche Philosophie, an eine christliche Kosmologie und an eine christliche Religionserkenntnis wollen wir dann über das Geheimnis des Todes im Zusammenhang mit der Christus-Wesenheit und dem Verlaufe der Menschheitsentwickelung morgen weitersprechen.

[ 30 ] Building on this Christian philosophy, this Christian cosmology, and this Christian understanding of religion, we will continue our discussion tomorrow on the mystery of death in connection with the essence of Christ and the course of human development.