Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie
GA 215
12 September 1922, Dornach
7. Christus in seinem Zusammenhang mit der Menschheit
[ 1 ] Es wurde gestern versucht, auseinanderzusetzen, wie der Übergang des Menschen aus der geistigen Welt, in der er selber als ein geistig-seelisches Wesen im vorirdischen Dasein verweilt, in diese physische Erde ist. Dieses Verständnis des ewigen Wesenskernes des Menschen aus der Anerkennung des vorirdischen Daseins ist nun durchaus notwendig, wenn man das ganz wesenhafte Eingreifen des Christus und des Mysteriums von Golgatha in die Entwickelung der Erdenmenschheit sich vor die Seele stellen will. Denn man muß, um zu einem Verständnis des eigentlichen Wesens des Mysteriums von Golgatha zu kommen, doch verfolgen können, wie mit diesem Ereignis ein Wesen der geistigen Welten, der Christus, aus außerirdischen Regionen in das Erdendasein selbst herabgestiegen ist als eine Wesenheit, die vorher nur in denjenigen Regionen war, in denen wir selbst unser vorirdisches Dasein zubringen, wie diese Wesenheit dann heruntergestiegen ist und in dem Menschen Jesus eine irdische Gestaltung und ein irdisches Wirken angenommen hat.
[ 2 ] Will man zu einem solchen Verständnisse des Christus kommen und des Mysteriums von Golgatha im Zusammenhange mit dem Ereignisse der Geburt des Menschen, von dem ich gestern skizzenhaft gesprochen habe, so muß man vor allen Dingen berücksichtigen, daß die menschliche Seelenverfassung, das innere menschliche Erleben im Verlaufe der Menschheitsentwickelung auf Erden eine sehr bedeutungsvolle Wandlung, sehr bedeutsame Veränderungen durchgemacht hat. Heute wird ja die Sache oftmals so angesehen, als ob diejenige Seelenverfassung und diejenigen Bewußtseinsformen, in welchen der heutige Mensch im Wachzustande und auch im Schlafzustande ist, immer in der Menschheit dagewesen wären, wenigstens im wesentlichen so, seit es eine Geschichte der Menschheit gibt. Höchstens, daß man im naturwissenschaftlich-kosmologischen Weltbilde zurückweist auf primitive, halb tierähnliche Gestaltungen der früheren Menschheit — wir werden davon noch zu sprechen haben —, in denen natürlich auch das menschliche Innere anders vorgestellt werden müsse in bezug auf Denken, Fühlen und Wollen als das eines heutigen Menschen. Aber auf die Wandlungen, welche das Menschheitsbewußtsein, die ganze innere Seelenverfassung des Menschen seit den Urzeiten der Erdenentwickelung durchgemacht hat, weist man heute außerordentlich wenig hin. Und doch liegt da etwas unermeßlich Wichtiges und Wesenhaftes vor.
[ 3 ] Wenn wir in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung zurückgehen — wir brauchen nicht bis zu den Urzeiten der Erdenentwickelung zu gehen, sondern nur etwa bis in das 2., 3. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha —, so finden wir, daß damals die Menschen ein ganz anderes Bewußtsein, eine ganz andere innere Seelenverfassung gehabt haben als später. Jener schroffe Unterschied, der beim gegenwärtigen Menschen besteht zwischen Wachen und Schlafen, war zwar auch vorhanden, allein er war nicht das einzige im menschlichen täglichen Bewußtseinswechsel. Heute kennt der Mensch nur den Wachzustand und den Schlafzustand, zwischendurch die Träume. Aber von diesen Träumen muß man sagen, daß zwar in ihnen ein Bewußtseinsinhalt vorhanden ist, der aber vielfach trügerisch ist, und daß jedenfalls dieser Bewußtseinsinhalt der Träume nicht auf irgendeine Wirklichkeit hinweist, die der Mensch ohne weiteres durch sein Tagesbewußtsein unmittelbar kontrollieren kann; mittelbar ja gewiß. Aber außer diesen drei Bewußtseinszuständen, von denen der eine, der Traumzustand, ein sehr fragwürdiger ist, wenigstens für die Erkenntnis, war bei den Menschen eines älteren Zeitalters ein Zwischenzustand vorhanden, der nicht der Traumzustand von heute war, der nicht ein so volles Wachen war wie das heutige Wachen, der aber auch nicht ein volles Schlafen oder halbbewußtes Träumen war, wie es heute da ist, sondern ein bildhaftes Wach-Träumen, könnte man sagen. In diesem Wach-Träumen liefen Bilder ab, wie in unserem Wach-Bewußtsein Gedanken ablaufen. So liefen in gewissen Zeiten bei einer älteren Menschheit im Bewußtsein Bilder ab. Diese Bilder waren in ihren Formen allerdings den Traumbildern von heute ähnlich, aber das, was sie enthielten, wies auf eine ganz ausgesprochene übersinnliche Wirklichkeit hin, wie unsere Wahrnehmungen auf eine physische Wirklichkeit hinweisen. Wie wir wissen, wenn wir ein physisches Wesen mit Farben und Formen wahrnehmen, daß dies ein physisch Wirkliches ist, so erlebte der frühere Mensch Bilder, die sich ebenso frei im Bewußtsein bewegten und ebenso leicht waren wie unsere Traumbilder, die aber durch ihren Inhalt einen Hinweis auf eine geistige Wirklichkeit selber verbürgten. So wie wir heute, wenn das Auge etwas wahrnimmt, ganz bestimmt wissen: da ist etwas Physisch-Sinnliches draußen in der Welt — so wußte der frühere Mensch, wenn solche Bilder von einer bestimmten Art in seinem Bewußtsein abliefen, daß er etwas Geistig-Wirkliches wahrnimmt.
[ 4 ] Unter diesem, was der Mensch einer älteren Zeitepoche als Geistig-Wirkliches erlebte, war auch ein Nachklang des vorirdischen Daseins. Der Mensch dieser Zeitepoche hatte einfach jeden Tag in seiner Seele innere Erlebnisse, die ihm ein voller Beweis dafür waren: Du warst, bevor du dein Erdendasein angetreten hast, in einem geistig-seelischen Dasein, in einer rein geistigen Welt. — Und jeden Tag wußte das dieser einer älteren Zeitepoche angehörende Mensch. So war für diese Menschen etwas völlig Klares die Annahme eines ewigen Wesenskernes des Menschen und einer Welt, die außerirdisch ist, welcher der Mensch ebenso angehört wie der irdischen. Und diejenigen, die in jenen älteren Zeiten als die Initiierten der Mysterien in diesen ganzen Sachverhalt auch noch eingeweiht waren in seinen tieferen Gestaltungen, die konnten dann zu denjenigen, die ihre Bekenner waren, aus ihrer Initiationswissenschaft heraus so sprechen, daß diese Bekenner, diese Gläubigen zu der Überzeugung kommen konnten, daß sie in einen Nachklang ihres vorirdischen Daseins hineinschauen und damit zu gleicher Zeit in eine geistige Welt, welcher der Mensch angehört mit seinem ewigen Wesenskern. Das ist eine Gnade des geistigen Wesens, dem als seinem physischen Abbilde die physische Sonne entspricht. So konnte also der Bekenner zur alten Mysterienweisheit sich sagen: Ich schaue zur Sonne hinauf, aber diese äußere physische Sonne ist nur ein Abbild eines geistigen Sonnenwesens. Dieses geistige Sonnenwesen durchdringt die geistige Welt, aus der ich selber zum irdischen Dasein heruntergestiegen bin, und die Kraft dieses Sonnenwesens hat meiner Seele für das Erdendasein dasjenige mitgegeben, was bewirkt, daß ich unter den Erlebnissen meiner Seele während der Erdenzeit auch das habe, durch das ich im Rückblicken auf mein vorirdisches Dasein des ewigen Wesenskernes in meiner Seele gewiß bin.
[ 5 ] Wer also in älteren Zeiten, unterstützt durch die Kraft seiner Eingeweihten, die Gnade des Sonnenwesens empfand und damit durch sein Bildbewußtsein von seinem vorirdischen Dasein und damit von seinem ewigen Wesenskern wußte, für den war der Menschentod auf Erden noch kein besonderes Rätsel. Denn von diesem Menschentod wußte er, der betrifft nur den physischen Menschenorganismus. — Aber er kannte etwas in sich, was zu diesem physischen Menschenorganismus erst heruntergestiegen ist. Der Tod wurde für ihn nur ein Ereignis, von dem dasjenige, was er ja durch seine äußere Bewußtseinsform kannte, nicht berührt wurde. Dieses war also die Seelenverfassung der Menschen in einer sehr alten Zeitepoche, in jenen Zeitepochen, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen sind. Da lag im Grunde genommen vor einem nach innen gewendeten Blick, der zu der Gnade des Sonnenwesens sich hinaufarbeitete, das Geheimnis der Geburt offenbar, und da war im Zusammenhange mit dem Durchschauen dieses Geheimnisses der Geburt das Rätsel des Todes noch nicht in solcher Art vorhanden, wie es für die späteren Menschen dann vorhanden war.
[ 6 ] Wie sich das dann im Laufe der Zeit änderte, werde ich gleich im zweiten Teile dieses Vortrages auseinandersetzen.
[ 7 ] Dieses in Bildern lebende Bewußtsein im Zusammenhang mit dem, was es für die übrige Seelenverfassung bewirkte, stellte die menschliche Seele jener älteren Menschheit so vor sich hin, daß jenes aktive, intensive Ich-Bewußtsein, welches die heutige Menschheit hat, in jener älteren Zeit eben noch nicht vorhanden war. Der Mensch hatte einen Einblick in seinen ewigen Wesenskern, nicht aber ein ausgesprochenes inneres Fühlen seiner Ich-Wesenheit. Das hätte er auch nicht erlangt, wenn die Gabe jenes älteren Bildbewußtseins geblieben wäre. Aber diese Gabe jenes älteren Bildbewußtseins hörte auf. Gerade in derjenigen Zeit, in der das Mysterium von Golgatha innerhalb der Menschheitsentwickelung heranrückte, dämmerte dieses Bildbewußtsein immer mehr und mehr ab. Und immer mehr stellte sich dann jener Zustand ein, wie ihn das gewöhnliche Bewußtsein heute noch erlebt in dem Unterschiede zwischen Schlafen und Wachen als schroffe Gegensätze und in der dazwischenliegenden fragwürdigen Traumwelt. Die Menschen hatten also jenes Stück der Selbsterkenntnis verloren, das in unmittelbarer Anschauung hinwies auf das vorirdische Dasein und damit auf den ewigen Wesenskern des Menschen. Aber gerade das war notwendig, um immer mehr und mehr zum vollen Ich-Bewußtsein zu kommen. Zwar trat in jener mittleren Zeit der Menschheitsentwickelung zur Zeit des Mysteriums von Golgatha das volle Ich-Bewußtsein noch nicht auf bei der gesamten Menschheit, aber es bereitete sich langsam vor. Damit war aber auch vor die Menschheit in vollem Umfange und in starker Intensität hingestellt das Rätsel des Todes, denn die Menschheit wußte jetzt durch einen unmittelbaren Eindruck nichts von derjenigen Welt, aus der sie heruntergestiegen ist in das irdische Dasein.
[ 8 ] In der Zeit, in der die Menschheitsentwickelung dieses Stadium durchmachte, erschien nun, aus derselben Welt heruntersteigend, aus der die Menschenseele immer durch die Geburt heruntersteigt, der Christus und vereinigte sich durch die Ereignisse von Palästina mit dem Menschen Jesus. Und diejenigen, die in jener Zeit noch alte Traditionen, namentlich aber alte Methoden aus den Initiationsstätten her bewahrt hatten, Methoden, die allerdings nur noch ein Rest der alten Initiation waren, die aber doch auch in ihrem abgeschwächten Zustande zu einem Wissen darüber führten, wie es in der geistigen Welt aussieht und welchen Zusammenhang der Mensch mit dieser geistigen Welt hat — diese Initiierten konnten zu der Menschheit so sprechen, daß sie denen, die es aufnehmen wollten, sagten: Das Sonnenwesen, das früher den Menschen begnadet hat mit dem Anschauen eines Nachklanges eines vorirdischen Daseins und das seinen physischen Abglanz in der physischen Sonne hat, dieses. Sonnenwesen ist herabgestiegen. Denn in dem Menschen Jesus wohnte oder hat gewohnt dieses Sonnenwesen. Es hat menschlichen Körper angenommen, um von dieser Zeit an nun nicht bloß mit der geistigen Welt in Verbindung zu stehen, die der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmacht, sondern um in der Menschheitsevolution der Erde selber mitzuleben.
[ 9 ] Aus den Resten der alten Initiation heraus haben also die Initilerten, die Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha waren, über das Geheimnis Christi zu denjenigen gesprochen, die es aufnehmen wollten, die Vertrauen hatten zu diesen Initiierten. Und es konnten die Menschen, die dieses Vertrauen hatten, lernen, wie der Christus in einen Erdenleib eingetreten ist, um jetzt nicht durch irgend etwas Lehrhaftes, sondern durch seine Tat den Menschen jenes Rätsel zu lösen, das eben erst jetzt in voller Intensität über die Menschheit gekommen ist: das Rätsel des Todes. Darauf haben eben diese Initiierten die Menschen verwiesen, daß der Christus gekommen ist, um auf Erden das Rätsel des Todes in entsprechender Weise für den Menschen zu lösen. Denn in der Zeit, in welcher das Mysterium von Golgatha im Erdbereich stattfand, hat man vor allen Dingen durch den Besitz jener Reste alter Initiationsmethoden gesprochen von der geistigen Wesenheit des Christus, wie sie sich ausnimmt in der geistigen Welt selber. Den Weg hat man beschrieben, den der Christus, der früher niemals zum Erdendasein heruntergestiegen war, aus der geistigen Welt zur Erde herunter genommen hatte. In allen diesen Betrachtungen der initiierten Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha hat das die Hauptlehre gespielt, wie der Christus seinen Weg zu dem Menschen Jesus herunter genommen hat und selber in dem Jesus Mensch gewesen ist. Da hat man nicht etwa bloß auf den historischen Jesus hingeschaut und gefragt: Was ist dieser historische Jesus inmitten der Menschheitsentwickelung? — Diesen Jesus hatte das gewöhnliche Bewußtsein allerdings vor sich. Die Zeitgenossen hatten ihn zum Teil vor sich, die Späteren hatten ihn durch die historische Tradition vor ihrem physisch-sinnlichen Bewußtsein. Aber das, was von älterer Initiationswissenschaft vorhanden war bei denen, die etwas über die geistigen Welten wußten, das konnte sagen: Dasjenige Wesen, das einstmals als das hohe Sonnenwesen, als der Spender der Gnade, die ich geschildert habe, angesehen worden ist, das hat seinen Weg genommen zum Menschen Jesus auf Erden. Das ist durch die Ereignisse von Golgatha gegangen. Weil für den Menschen in seinem Bewußtsein die Möglichkeit aufgehört hat, hineinzuschauen in das vorirdische Dasein und dadurch das Rätsel des Todes eigentlich damit zu lösen, daß man dieses Wesen gar nicht empfand: jenes hohe Sonnenwesen, das den Menschen die Kraft, den Tod auf Erden zu besiegen, mitgegeben hat in diesem Erschauen des Nachklanges aus dem vorirdischen Dasein. Das ist heruntergestiegen selbst in das irdische Dasein, hat Menschengestalt angenommen, ist durch das Mysterium von Golgatha gegangen, um durch den Sinn dieses Ereignisses den Menschen hier auf Erden von außen herein das wiederzugeben, was es ihnen früher für das Innere des Seelenlebens als einen Nachklang an das vorirdische Dasein im Bildbewußtsein hat mitgeben können. — So etwa sprachen die initiierten Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha.
[ 10 ] Der Mensch war früher begnadet, in seinem Bewußtsein eine Kraft zu haben, durch die er seinen ewigen Wesenskern im Hinschauen auf ein vorirdisches Dasein unmittelbar erleben konnte. Der Mensch mußte sich weiterentwickeln. Er entwickelte ein klares Erden-Ich-Bewußtsein, das nur an der sinnlichen Welt entzündet und herausgebildet werden kann. Dadurch muß zurückgedämmt werden jenes alte Bewußtsein, durch das der Mensch früher seinen ewigen Wesenskern erkannte. Aber jenes Wesen, das ihn diesen ewigen Wesenskern aus der geistigen Welt herein einst hat erkennen lassen, das hat nach seinem Herabstieg auf die Erde vollbracht das Mysterium von Golgatha, damit der Mensch im Anschauen und im Verstehen dieses Mysteriums von Golgatha von außen her dasjenige erleben kann, was er früher von innen her erlebt hat. Von dem Christus auf Erden soll der Mensch dasjenige weiter erleben, was er früher durch den Christus aus der geistigen Welt herein erlebt hatte.
[ 11 ] Was dieses in bezug auf die weitere Evolution der Menschheit dann für eine Bedeutung hatte, werde ich im dritten Teil der heutigen Betrachtung berichten.
[ 12 ] Die Reste alter Initiationsmethoden, durch die es den Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha, wenn sie initiiert waren, oder auch noch Nachfolgern derselben möglich war, in sachgemäßer Weise von dem Herabsteigen des Christus zu reden und von dem Wege, den er bis zu seinem Herabstieg in den Menschen Jesus genommen hat, diese Reste pflanzten sich fort, indem sie immer mehr und mehr abdämmerten in der Kraft der Menschheit bis in das 4. nachchristliche Jahrhundert. Im 4. nachchristlichen Jahrhundert hörten die alten Initiationsmethoden auf, in der menschlichen Organisation in rechter Art Kräfte hervorzurufen, die einwandfreie Einsichten in die geistige Welt ergaben. Die Menschheit trat zunächst in eine Periode ihrer Entwickelung ein, in der sie im wesentlichen angewiesen war auf jene Erkenntnisse und Anschauungen, die nur aus der Sinnenwelt gewonnen werden können und aus dem Denken, das auf den Eindrücken und Beobachtungen der Sinnenwelt gebaut ist. Diese durch einige Jahrhunderte dauernde Periode der Menschheitsentwickelung brachte das zustande, was ich eben angedeutet habe als die Entwickelung, als die Entfaltung des Ich-Bewußtseins.
[ 13 ] Man kann Geschichte nicht richtig studieren, wenn man nicht die Zeit vom 4. nachchristlichen Jahrhundert ab bis etwa in das 15. Jahrhundert hinein gerade in der zivilisierten Menschheit daraufhin anzusehen vermag, wie sich das Ich-Bewußtsein allmählich herausgestalter. Gewiß, Vorläufer in der Gestaltung dieses Ich-Bewußtseins waren auch schon früher vorhanden, aber im wesentlichen ist ein großer Unterschied zwischen selbst dem gebildetsten, dem gelehrtesten Menschen des 4., 5. Jahrhunderts und jenem des 15. oder 16. Jahrhunderts. Wer hineinschauen kann — ich möchte nicht einmal sagen in die Seele des Augustinus, in dem das Ich-Bewußtsein in seinem Heranreifen recht anschaulich, nämlich seelenanschaulich studiert werden kann —, sondern wer hineinschauen kann in die Seele zum Beispiel des Scotus Erigena aus dem 9. Jahrhundert, der sieht, wie da jenes Ich-Bewußtsein, das später dem einfachsten Menschen eigen ist, sich erst herausbildet, sich herausbildet, indem zugleich jenes alte Anschauen aufhört, durch das man zum Beispiel dasjenige ausbilden konnte, was Alchimie war: ein Durchsetzen desjenigen, was Augen sehen, mit demjenigen, was die Seele in den Dingen erlebte. Das rein sinnliche Anschauen als Grundlage der menschlichen Erkenntnis erstand ja erst etwa im 15. Jahrhundert. Aber es hat sich herausgebildet. Und in dieser Hinlenkung des Menschen auf die rein sinnliche Anschauung, die dann einen Gipfel erreichte im Zeitalter Kopernikus’, Galileis und Giordano Brunos, in diesem Hinlenken auf die sinnliche Welt bildete sich zugleich das Sinnesbewußtsein, das Ich-Bewußtsein aus.
[ 14 ] Dieses Ich-Bewußtsein aber ließ das Hineinschauen in die geistigen Welten gewissermaßen hinunterfallen in dunkle Tiefen. Was alte Mysterienanschauung, Initiationserkenntnis war, das dämmerte mit dem 4. nachchristlichen Jahrhundert hinunter und fand kaum eine Fortsetzung in der weiteren Zivilisation der Menschheit. Denn die sehr verborgene Fortsetzung blieb der äußeren, auch der gelehrten abendländischen Menschheit fast ganz unbekannt. In dem allgemeinen Bildungsleben, Zivilisationsleben war eine Initiationswissenschaft eigentlich nicht wirksam. Dadurch konnte sie auch nicht wie in den ersten christlichen Jahrhunderten — wenn es auch Reste waren, so doch noch Reste der alten Initiationswissenschaft — über den Weg des Christus aus den geistigen Welten zur Erdenmenschheit hin aufklären. Und es stand vor der Menschheit, auch vor der gelehrten Menschheit, daher nur der historische Jesus, jener Jesus, von dem die Geschichte berichtete, die jedoch nicht hinzufügte — weder im menschlichen Anschauen noch durch eine Initiationsbelehrung — zu diesem historischen Jesus das Bild des Christus, der mit ihm verbunden war.
[ 15 ] Daher konnte die kirchliche Entwickelung für diese Jahrhunderte nichts anderes tun, als ihre Gläubigen immer wieder und wieder auf den historischen Jesus zu verweisen, lebendig zu machen das Bild des historischen Jesus. Aber über alles, wovon noch in den ersten christlichen Jahrhunderten diejenigen sprechen konnten, die von der geistigen Welt etwas Wirkliches wußten, über alles das konnte jetzt unmittelbar nichts Wirkliches gewußt werden. Nur das, was in der Tradition von den Zeiten her bewahrt war, als es noch solche Menschenseelen gegeben hat, die aus der Initiationswissenschaft heraus etwas über die geistige Welt wirklich wußten, nur das, was sich aus der Tradition aus altem christlichem Wissen bewahrt hatte, konnte als Dogmen über den Christus von der Kirche hingestellt werden, und nicht wurde hingewiesen auf solche, die noch eine Anschauung hatten von dem geistigen Inhalt dieser Dogmen, sondern diese Dogmen wurden zum Gegenstand eines bloßen Glaubens gemacht.
[ 16 ] In der Zeit, in der sich mit Bezug auf die Sinneswelt das Wissen immer mehr und mehr ausbildete und vertiefte, wurde neben dieses Wissen von der Sinneswelt hingestellt ein Glaubensinhalt, ein Dogmengehalt, der nur durch eine äußerliche Festsetzung an die Jesusgestalt anknüpfte, die eben durch die äußere Geschichte vor dem gewöhnlichen Bewußtsein der Menschheit dastand und diese Gestalt angenommen hatte. Dieses Verhalten fand ja dann seine Fortsetzung auch durch das 17., 18., 19. Jahrhundert und hatte endlich sogar zu einer auch noch christlich sein wollenden Theologie geführt, die nur noch auf den Menschen Jesus hinweisen wollte, weil der nur durch die historische Tradition vor dem gewöhnlichen Bewußtsein dastand. Aber in der Zwischenzeit hatte dasjenige Bewußtsein, welches das Ich-Erlebnis ausgebildet hatte, das sich umgesehen hatte in den Gesetzmäßigkeiten der Sinneswelt, immer weniger und weniger Neigung, sich an den festgestellten Glaubensinhalt zu halten. Gerade bei den führenden Menschenpersönlichkeiten, bei denen sich dieses neue Bewußtsein am meisten ausgebildet hatte, emanzipierte man sich von den Neigungen zum Glaubensinhalt, vom Christus. Und so kam es, daß namentlich stark im 19. Jahrhundert die auch christlich sein wollende Theologie heraufkam, die den Christus über dem Jesus völlig für die Erkenntnis verloren hatte, die nur noch von dem Jesus von Nazareth sprach, die den Jesus erkennen wollte als einen der Menschen, vielleicht auch als den vorzüglichsten, der sich in die Menschheitsentwickelung hineingestellt hat.
[ 17 ] Hatte man in den ersten christlichen Jahrhunderten aus den Resten der alten Initiationsweisheit heraus, wenn vom Mysterium von Golgatha gesprochen wurde, den Weg zu beschreiben gesucht, den man fand von der Anschauung der Christus-Wesenheit angefangen bis zu der Verkörperung dieser Christus-Wesenheit in dem Jesus von Nazareth, ging man für das Verständnis des Mysteriums von Golgatha in diesen ersten christlichen Jahrhunderten von dem Christus aus, um zu dem Jesus zu kommen, so ging man jetzt von dem Jesus aus, den man zunächst als Menschen anschaute, und wollte dann von dem Jesus aus zu dem Christus kommen. Das aber nahm naturgemäß den Weg, daß man zuletzt sich nur seine Ohnmacht entweder gestand oder auch nicht gestand, von dem historischen, für das gewöhnliche Bewußtsein vorhandenen Jesus-Wesen, von dem «schlichten» Jesus-Wesen in Palästina aufzusteigen zu dem Christus. So hat die Theologie eines Teiles der Menschheit den Christus über dem Jesus verloren. Dies kann erst anders werden durch die moderne Initiation, durch jene Initiation, die ich in diesen Tagen in ihren Hauptzügen charakterisiert habe, die zur Imagination, Inspiration und Intuition in einer neuen Form führen kann. Durch diese neue Initiationsweisheit ist es wiederum möglich, über das bloße historische Jesusbild hinaus zu einem unmittelbaren Anschauen des vorirdischen Menschendaseins und der Welt, in der dieses vorirdische Menschendasein verläuft, zu kommen, und damit auch den Christus in seiner außerirdischen Geistwesenheit anzuschauen, also wiederum von dem Christus aus den Jesus und damit das Mysterium von Golgatha zu verstehen. Damit kann der Weg, zu dem die moderne Theologie geführt hat und der über dem Jesus den Christus verloren hat, wiederum umgelenkt werden. Man kann wiederum aus der geistigen Anschauung heraus den Christus erkennen und durch die Erkenntnis des Christus den Jesus, in welchem der Christus Mensch geworden war, anschauen und hinschauen mit der im Geiste gewonnenen Christus-Erkenntnis auf das Mysterium von Golgatha. Durch anthroposophische Anschauung muß der Christus, der für einen Zweig der modernen Theologie schon verlorengegangen ist, wiederum gewonnen werden. Was das für die innere Entwickelung des Menschen zu bedeuten hat, will ich in dem vierten Teile dieser heutigen Betrachtung berichten.
[ 18 ] Es ist schon gesagt worden, daß durch das Heraufleuchten des IchBewußtseins das Rätsel des Todes sich vor die Menschenseele hinstellte. Dieses Rätsel des Todes mußte sich ja vor diese menschliche Seelenverfassung hinstellen aus dem Grunde, weil, indem das Ich mit voller Klarheit im inneren seelischen Erleben anwesend wurde, dadurch der physische Menschenorganiismus die eigentliche Grundlage für dieses menschliche gewöhnliche Bewußtsein geworden ist. Dieses Ich-durchtränkte Bewußtsein hat zu seiner Grundlage den physischen Menschenorganismus, und der Mensch lernte instinktiv fühlen, wie nur dasjenige in sein seelisches Erleben hereingeht, das zur Grundlage diesen physischen Menschenorganismus hat. Er hatte ja jetzt durch unmittelbares Bildbewußtsein keine Anschauung von seinem ewigen Wesenskerne. Gerade durch das, was ihm ein Höchstes für das Erdendasein gab, sein Ich-Bewußtsein, gerade dadurch wurde er auf seinen physischen Leib verwiesen, wurde darauf verwiesen, wie ihm sein physischer Leib aus seiner Konstitution heraus das volle Ich-durchtränkte Bewußtsein aufleuchten ließ.
[ 19 ] In diesem Bewußtsein läßt sich nicht sagen: Wir haben etwas innen in unserer Seele, das wir durch die Pforte des Todes tragen. — Gerade das, was die Gnade des hohen Sonnenwesens einer älteren Menschheit gab an Rückblick auf das vorirdische Dasein, das strahlte ja in das gewöhnliche Bewußtsein dasjenige hinein, was über den Tod auch hinausweisen konnte. Jetzt war das Bewußtsein gerade dadurch besonders klar geworden, daß es in seinem ganzen Umfange ein Erlebnis des physischen Menschenorganismus geworden ist. Damit aber war es für den Menschen nur noch möglich zu sagen: Du hast Kräfte in dir, die dir dein Bewußtsein erhellen, dir dein Bewußtsein erleuchten, die aber von dem physischen Leibe kommen. Dieser physische Leib zerfällt mit dem Tode. In demjenigen, von dem du weißt in deinem gewöhnlichen Bewußtsein, verspürst du nichts von etwas, was dich hinübertragen kann in eine andere Welt. Mag es so etwas geben — aber du verspürst, du weißt durch dein gewöhnliches Bewußtsein nichts von einem solchen Dasein.
[ 20 ] Diese Rätselhaftigkeit des Todes war allerdings mit einer besonderen Intensität, als die Menschen in bezug auf diese Dinge noch sensitiver waren, hervorgetreten in den ersten christlichen Jahrhunderten. Allein die Initiierten hatten den Menschen hingewiesen auf das Mysterium von Golgatha, und in den folgenden Jahrhunderten hatte die christliche Entwickelung in ihren Führern dem Menschen durch die Glaubensdogmen einen Hinweis gegeben auf das Mysterium von Golgatha. Was sollte dieses Mysterium von Golgatha dem Menschen sein?
[ 21 ] Wer ein inneres menschliches Verhältnis zu dem Christus gewinnen kann, wer hinblicken kann in Anerkennung und Bejahung zu dem Mysterium von Golgatha, der muß in sein Bewußtsein etwas hereinnehmen, das ihm keine Sinneswelt geben kann. Gerade der, der am allermeisten in die Konstitution der Sinneswelt hineinschaut, kommt ja aus dieser Konstitution der Sinneswelt nur zu einer Widerlegung des Mysteriums von Golgatha, denn mit keinem Sinnesverständnis kann man das Mysterium von Golgatha verstehen. Kann man es jedoch in sein Herz aufnehmen, ist man dennoch in der Lage, als Mensch ein im Gemüte wurzelndes Verständnis für dieses einmal im Erdenlaufe sich vollziehende, nur aus dem Geiste heraus verständliche Ereignis zu fassen, so reißt man sich in diesem seinem gewöhnlichen Bewußtsein heraus aus dem bloßen Sinnesverständnis, das gerade das Ich-Bewußtsein in seiner besonderen Klarheit und Intensität ausmacht.
[ 22 ] Keiner, der nur innerhalb der Sinneswelt stehenbleiben will, kann zu einem Verständnisse des Mysteriums von Golgatha kommen. Verzichtet man dagegen auf ein Verständnis in der Art, wie man dies aus der Sinneswelt erfahren kann gegenüber dem Mysterium von Golgatha, und bekommt man dennoch ein Verhältnis der Gläubigkeit, ein Verhältnis der Anerkennung, ein Verhältnis des verehrungsvoll andächtigen Aufschauens zu dem Mysterium von Golgatha, bekommt man ein Verständnis dafür, was der Christus der Menschheit geworden ist durch sein Herabsteigen aus einem geistigen Dasein in das Erdenleben, dann reißt man sich in seinem irdischen Bewußtsein durch das, was gerade durch das sinnliche Verständnis als ein Höchstes erworben wird, heraus aus dem bloßen Sinnesverständnis. Dadurch läßt man keimen, entfaltet man in diesem gewöhnlichen Bewußtsein eine Kraft, die nicht durch natürliches Entwickeln des Menschen im Bewußtsein sein kann. Man muß sich innerlich mehr vertiefen, man muß das Bewußtsein intensivieren, wenn man zu dem Sinnesverständnis innerlich soviel Kraft aufbringen will, daß das Mysterium von Golgatha in seiner geistigen Bedeutung für die Seelenverfassung des Menschen eine Wahrheit sein kann. Und mit diesem auf das sinnliche Verständnis verzichtenden Wahrheit-Anerkennen des Mysteriums von Golgatha, mit diesem Anerkennen, daß der Christus in dem Jesus wirklich auf Erden gewesen ist, daß mit dem Mysterium von Golgatha mitten im irdischen Dasein eine himmlische, eine außerirdische Tatsache sich vollzogen hat, die bleibende Bedeutung gewonnen hat, mit der Anerkennung dieser Wahrheit ersetzt man jetzt diejenige Kraft, die im natürlichen Bewußtsein einmal vorhanden war, doch jetzt nicht mehr vorhanden ist.
[ 23 ] Einmal war im natürlichen Bewußtsein die Kraft vorhanden, hinzuschauen auf das vorirdische Dasein und aus diesem Hinschauen heraus die Bewußtseinskraft zu gewinnen, die Seele hindurchzutragen durch die Pforte des Todes. Das, was so nicht mehr da war, sollte nun in die Seele einziehen durch das Mysterium von Golgatha und durch jene Erkraftung, die in der Seele stattfinden konnte, wenn man sich zu der Wahrheit des Mysteriums von Golgatha durch inneres Seelenerleben bekennt. Dann konnte, indem in einem selber lebendig wurde das Paulinische Wort «Nicht ich, sondern der Christus in mir», dann konnte einen der Christus mit der Kraft, die von seinem Mysterium von Golgatha ausstrahlte, hinwegtragen über dasjenige, in das der physische Tod den Menschen allein durch sein Bewußtsein hineinversetzen konnte. Dadurch konnte man wieder eine Kraft gewinnen, von der man wußte, mit dieser Kraft läßt sich über die Pforte des Todes hinauskommen.
[ 24 ] Wie sich die Geheimnisse des Todes, als der andere Pol der Geheimnisse der Geburt, von denen ich gestern gesprochen habe, im Zusammenhange mit der Christus-Wesenheit weiter schildern lassen, davon wird morgen die Rede sein. Heute möchte ich aber diese Betrachtung dadurch abschließen, daß ich auf dasjenige hinweise, was schon in den ersten christlichen Jahrhunderten, als das ganze Rätsel des Todes sich vor die Menschenseele stellte, ein alter Initiierter zu denen sagte, vor denen schon das ganze Todesrätsel stand. Er sagte: Sehet hin auf das Stadium des menschlichen Leibes, wo der Mensch zu dem Gebrauch des Ich-Bewußtseins bereits gekommen ist, in diesem Stadium deckt einem der physische Menschenleib zu die gesamte menschliche Wesenheit. Wo der Mensch zur Entfaltung seines Ich-Bewußtseins kommt, da ist er so beschaffen, daß er durch den physischen Leib und bloß in dem physischen Leib niemals zum Ergreifen desjenigen Wesens in ihm kommen könnte, das dem Geiste angehört. Sehet hin — so sagte also ein solcher Initiierter in den ersten christlichen Jahrhunderten zu seinen Bekennern —, sehet hin auf den physischen menschlichen Organismus; da, wo ihr in das Stadium kommt, wo der physische Leib das Höchste für das Ich-Bewußtsein zu bringen hat, da erweist er sich als unvollkommen. Dieser physische Menschenorganismus ist daher krank, denn gesund wäre er nur, wenn er dem Menschen ein Bewußtsein geben könnte von seiner geistigen Bedeutung. Dieser physische Organismus hat sich so entwickelt, daß in ihm die Krankheit gegenüber dem Geistesleben von Anfang an war. Da ist der Christus heruntergestiegen in das Mysterium von Golgatha, nicht nur als ein Lehrer, sondern als der Seelenarzt, der den Menschen von der Seele aus heilt für das, was an seinem physischen Organismus krank ist.
[ 25 ] So haben diese Initüerten der ersten christlichen Jahrhunderte, die von der heutigen Theologie nicht mehr anerkannt werden, deren Andenken man sogar verschüttet hat, den Christus hingestellt als den Seelenarzt, als den Heiler, als den Heiland der Menschheit. Dadurch haben sie ihn in den Sinn der ganzen Erdenentwickelung versetzt, indem sie gezeigt haben, wie die Erdenentwickelung der Menschheit in einer absteigenden Linie verläuft — bis zur völligen Erkrankung des physischen Organismus gegenüber den höchsten Aufgaben des menschlichen Bewußtseins und bis zum Eingreifen des göttlichen Heilandes als Seelenarzt mit Bezug auf die menschliche Seelenverfassung gegenüber einer geistig-göttlichen Welt. So bekam durch die Initiierten der ersten christlichen Jahrhunderte die Anschauung von dem Christus einen tiefen Sinn: Christus als der Seelenarzt der Welt, als der Heiler der Menschheit, als der Heiland.
[ 26 ] Auf Grund von alledem kann man sagen: Wenn man das, was die Initiierten einer alten Zeit, bevor das Mysterium von Golgatha auf der Erde eingetreten war, weiteren Menschheitskreisen, zu denen diese Lehren Zugang fanden, sagen konnten von einem geistigen, einem göttlichen Dasein, das alles sinnliche Dasein durchsetzt und ihm zugrunde liegt, wenn man das im modernen Bewußtsein wiederum ganz lebendig macht durch eine imaginative Einsicht, dann wird das, was sonst abstrakte Gedankenphilosophie ist, nicht nur in dem Sinne belebt, wie ich das in den letzten Tagen hier charakterisiert habe, sondern es wird dann abstrakte Gedankenphilosophie auch durchchristlicht. Und in derjenigen Erkenntnis, in der die moderne Imagination den Menschen wiederum hinführt zu einer Erkenntnis der geistigen Welt, durchchristlicht sich die Philosophie, und es kann in die Menschheit einziehen, was einst in der alten Menschheit da war: das Bewußtsein von dem göttlich-geistigen Vater alles physischen Daseins. Dieses göttliche Vaterbewußtsein war es im wesentlichen, zu dem mit der übrigen Menschheit die alten vorchristlichen Initiierten hinstrebten. Der höchste Initiationsgrad war der, wo der Initiierte als der «Vater» repräsentierte in den Mysterien den göttlich-geistigen Weltenvater.
[ 27 ] Macht man diese Anschauung in sich rege, dann entsteht das, was man eine christliche Philosophie nennt. Und lernt man dadurch des weiteren durch die moderne Inspiration das kennen, was mit den Resten einer alten Inspiration schon vorahnend die Initüerten der ersten christlichen Jahrhunderte gesagt haben, so lernt man erkennen, wie ein geistig-göttliches Wesen, der Christus, aus geistigen Welten sich in die Erdenevolution der Menschheit hineinversetzt und den Mittelpunkt dieser Erdenevolution bildet. Man bringt einen sinnvollen Geist in die Erdenevolution der Menschheit und in ihre Gesetzmäßigkeit dadurch hinein, daß man durch das Mysterium von Golgatha diese Erdenevolution der Menschheit anknüpfen lernt an den Kosmos, indem man zu dem kosmischen Christus-Wesen hinaufzusehen vermag. Wie der Himmel sich weiter um die Erdenevolution gekümmert hat, wie der Kosmos weiter für die Angelegenheiten der Menschheit gesorgt hat, das lernt man erkennen und das erweitert denjenigen Charakter der Kosmologie, den ich hier schon charakterisiert habe, den Charakter einer geistigen Kosmologie zu dem einer christlichen Kosmologie.
[ 28 ] Und wenn dann der Mensch im Sinne des Paulinischen Wortes «Nicht ich, sondern der Christus in mir» ein lebendiges Verhältnis zu dem Christus und dem Mysterium von Golgatha gewinnt, dann führt ihn der Christus dadurch, daß er ihm über das Rätsel des Todes hinweghilft, hinein in ein erneuertes Leben im Geiste, und man lernt den neuen Geist kennen, der jetzt wiederum der Menschheit klarmachen soll, daß es über die physische Welt hinaus eine sie regelnde, ordnende, sie durchpulsende geistige Welt gibt. Man lernt, als von Christus ausgehend, die Sendung des heilenden, von Christus selbst geheiligten Geistes kennen, man lernt als die Grundlage einer neuen Religionserkenntnis das Mysterium des Heiligen Geistes kennen.
[ 29 ] Die Trinität, von der so lange als von einem Dogma gesprochen worden ist, geht wieder lebendig vor dem Menschen auf. Und hinblikkend auf die vorchristlichen Mysterien kann man sagen: In ihnen lebte der Vatergott, der auch für uns die Weltbedeutung beibehält. Durch das Mysterium von Golgatha trat der Menschheit nahe der Sohnesgott in Christus, und als das, was der Sohnesgott in die Menschheit hineingebracht hat, der Zusammenhang mit dem heilenden, mit dem Heiligen Geist. Die Trinität wird wieder eine anschaulich lebendige, kein Dogma. Durch die Verlebendigung des Vaterbewußtseins ersteht eine durchchristete Philosophie. Durch die Verlebendigung des Sohnesbewußtseins ersteht eine durchchristete Kosmologie, und in Anlehnung an das, was der Christus unter dem heilenden Geist verstanden hat und über die Menschheit gnadenvoll ergossen hat, ersteht eine neue, erkenntnismäßige Grundlage einer christlichen Religion.
[ 30 ] Anknüpfend an eine solche christliche Philosophie, an eine christliche Kosmologie und an eine christliche Religionserkenntnis wollen wir dann über das Geheimnis des Todes im Zusammenhang mit der Christus-Wesenheit und dem Verlaufe der Menschheitsentwickelung morgen weitersprechen.
