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Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie
GA 215

11 September 1922, Dornach

6. Der Übergang vom seelisch-geistigen Dasein in der Menschenentwickelung zum sinnlich-physischen

[ 1 ] Aus den Darstellungen, die ich über inspiriertes und intuitives Erkennen gegeben habe, wird ersichtlich geworden sein, daß es für das menschliche Innere, für das Geistig-Seelische des Menschen ein kosmisches Erleben gibt. Ich konnte gestern darauf hinweisen, daß ein solches kosmisches Erleben des Menschen vorhanden ist im Schlafzustande, nur daß es für das gewöhnliche Bewußtsein eben unbewußt bleibt. Der Mensch erlebt kosmisch, aber er weiß im gewöhnlichen Bewußtsein nichts davon. Man kann sagen, während der Mensch im sinnlichen Erfahren im physischen Erdendasein sich erlebt in seinem physischen und ätherischen Leib und das, was dieser physische und ätherische Leib als Organe in sich haben, als sein Innenwesen ansieht, wird während des kosmischen Erlebens, wie es zum Beispiel beim Schlafe geschieht, eine Nachbildung kosmischer Wesenheiten als Innenleben erfahren, so daß man tatsächlich sagen kann, schon für den gewöhnlichen Schlafzustand wird die gewöhnliche Innenwelt des Menschen eine Außenwelt. Der Mensch hat einfach, wenn er schläft, den physischen und den ätherischen Leib, die sonst sein Wesen ausmachen, als eine Außenwelt vor sich, und das, was in der sinnlichen Beobachtung Umwelt, Kosmos ist, das wird in einem gewissen Sinne zu einer Innenwelt.

[ 2 ] Nur besteht während des Schlafzustandes in dem astralischen Menschen, in dem Ich-Menschen, ein fortlaufender Wunsch, wiederum in den physischen Leib zurückzukehren. Dieser Wunsch wird ganz besonders regsam in demjenigen Stadium des Schlafes, das ich gestern als das tiefste bezeichnet habe, als den Schlaf — wenn ich ihn nach der gestrigen Charakteristik so nennen darf — mit dem Fixsternbewußtsein. Dieser Wunsch, wieder in den physischen und in den ätherischen Leib zurückzukehren, hängt natürlich damit zusammen, daß lebensvoll während des Schlafzustandes vorhanden bleiben, da sind in der Welt der physische und der ätherische Leib. Und daß der Mensch wiederum zurückkehren will, eine Begierde in sich entwickelt, wieder zurückzukehren, das wird in ihm angefacht, wie ich gestern ausgeführt habe, durch die im Kosmos wirksamen geistigen Mondenkräfte.

[ 3 ] Wenn man Geisteswissenschaft, Anthroposophie, in richtiger Weise verstehen will, muß man sich klar darüber sein, daß die einzelnen Verhältnisse von den verschiedensten Gesichtspunkten aus dargestellt werden müssen. Es könnte zum Beispiel jemand einmal hören, daß ich gesagt habe: Der Grund, warum der Mensch wiederum am Morgen in den physischen und in den ätherischen Leib zurückkehren will, liegt darin, daß die Seele sich zurücksehnt, den Wunsch hat, zurückzukehren. — Dann könnte jemand sagen: Diese Rückkehr hängt von den Mondenkräften ab. — Beides ist richtig, nur daß eben der Zusammenhang besteht, daß der Wunsch, wieder mit dem physischen Organismus verbunden zu werden, angefacht wird während des kosmischen Erlebens durch die Mondenkräfte, die eben auch den menschlichen astralischen und den Ich-Organismus zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchsetzen. Diese Mondenkräfte, das heißt ihr geistiges Korrelat, können nun nicht tätig sein, wenn der Mensch im vorirdischen Dasein ist, also bevor er aus der geistig-seelischen Welt heruntergestiegen ist und sich in einen physischen Menschenleib eingekleidet hat. Wenn der Mensch im vorirdischen Dasein in einem rein geistigen Kosmos ist, so ist da zunächst keine Beziehung vorhanden zu einem physischen und zu einem ätherischen Organismus, denn diese sind nicht da. Während des Schlafes jedoch warten gewissermaßen der physische und der ätherische Organismus, wiederum durchseelt und durchgeistigt zu werden von dem eigentlichen inneren Menschen.

[ 4 ] Ein solcher physischer und ätherischer Organismus sind im vorirdischen Dasein des Menschen nicht vorhanden. Aber etwas anderes ist dann vorhanden. Der Mensch erlebt in einem gewissen Stadium dieses vorirdischen Daseins eine Art Kosmos, die er eben auch als seine Innenwelt erlebt. Er fühlt sich gewissermaßen selber als ein Kosmos. Aber dieser Kosmos ist in diesem vorirdischen Dasein etwas anderes als der Kosmos, der uns zwischen der Geburt und dem Tode für die sinnliche Beobachtung umgibt. Jener Kosmos, der da in einem gewissen Stadium des vorirdischen Daseins erlebt wird, ist nämlich eine Art kosmischer Keim des späteren physischen Menschenorganismus, desjenigen physischen Menschenorganismus, in den sich der Mensch einkleiden muß, wenn er zum Erdendasein heruntersteigt. Stellen Sie sich erweitert alles vor, was der Mensch als physischen Organismus im Erdenleben an sich hat, als ein Unermeßliches erweitert, sagen wir die Lungen, die Leber, alle Prozesse — natürlich als Kräfte, nicht als physisch-materielle Organe —, also die Lungenprozesse, ebenso die Herzprozesse und so weiter erweitert, ins kosmisch Unermeßliche erweitert, das erlebt der Mensch, nur daß er dann diesen Kosmos mit seiner Seele umfaßt, daß er diesen Kosmos zugleich als Innenleben hat.

[ 5 ] Wenn ich sage: Der Mensch erlebt seinen späteren physischen Organismus als Keim, so muß natürlich der Unterschied hervorgehoben werden zwischen dem Gebrauch des Wortes Keim hier für das geistige Dasein und im anderen Falle für das physische Erdendasein. Wenn man im physischen Erdendasein von Keim spricht, so meint man irgend etwas Kleines, das sich dann entfaltet und ein großer Organismus wird. Wenn ich jedoch jetzt davon spreche, daß der Keim des menschlichen physischen Leibes als ein Kosmos erlebt wird im vorirdischen Dasein, so ist dieser kosmische Keim unermeßlich groß, zieht sich immer mehr und mehr zusammen und wird zuletzt klein. Man muß natürlich berücksichtigen, daß in diesem Falle, wenigstens für das Geistige, zunächst für das vorirdische Dasein, der Ausdruck «groß» im Verhältnis zu dem späteren «klein» in bildlicher Art gebraucht ist, denn im vorirdischen Dasein wird eben nicht so räumlich erlebt wie hier im sinnlich-physischen Dasein. Es wird alles qualitativ erlebt. Der Raum, so wie wir ihn aus unserer Sinneswelt kennen, ist eigentlich nur für diese Sinneswelt vorhanden. Nur um sich zu verdeutlichen, um aus der Menschensprache etwas nehmen zu können, was auch diese rein geistigen Verhältnisse des vorirdischen Daseins charakterisiert, kann zum Zwecke der Veranschaulichung diese Unterscheidung auch ganz gut genommen werden. So können wir eben sagen, der kosmische Menschenkeim ist groß und zieht sich immer mehr und mehr zusammen und erscheint dann zuletzt klein im physischen Organismus des Menschen.

[ 6 ] So müssen wir uns also vorstellen: Der Mensch hat im vorirdischen Dasein nicht etwa einen solchen Sternenanblick vom Kosmos, wie wir ihn hier im physischen Dasein haben, sondern er hat einen Kosmos um sich. Dieser Kosmos enthält geistig-seelische Wesenheiten. Aber der Mensch fühlt sich mit diesen geistig-seelischen Wesenheiten verbunden, er fühlt diese gewissermaßen in sich. Er fühlt sein Seelisches umfänglich ausgedehnt über diesen Kosmos. Dieser Kosmos ist eben nichts anderes als der zum Universum erweiterte spätere menschliche physische Leib. Der Mensch erlebt also seine spätere Innenwelt als eine kosmische Außenwelt, die er aber mit seinem Inneren miterlebt. Daher kann man sagen: Dieser ganze Kosmos — ich möchte ihn den Menschen-Kosmos nennen —, dieser Menschen-Kosmos, den der Mensch als sein Eigenes erlebt, der ist sein individuelles Dasein. Aber zu gleicher Zeit erlebt der Mensch mit das Leben anderer Wesenheiten, anderer Menschenseelen und anderer geistiger Wesenheiten, die nicht in ein physisches Erdendasein kommen. Der Mensch lebt sich hinüber in andere Wesenheiten, so daß er gleichzeitig eine Art Universum für sich selbst erlebt und eine Art Zusammensein mit anderen Wesenheiten. Ich möchte dieses Zusammensein mit anderen Wesenheiten für dieses Stadium des vorirdischen Daseins eine tätige Intuition nennen, eine reale, eine erlebte Intuition. Was man sonst in der übersinnlichen Erkenntnis der Intuition nachbildet, das ist für dieses vorirdische Dasein lebendiges Dasein.

[ 7 ] Während nun der Mensch im Schlafzustande in einer Nachbildung des Kosmos in der Art lebt, wie ich es gestern beschrieben habe, also auch seinen physischen Organismus ebenso wie seinen ätherischen Organismus außer sich hat — aber als fertige, vollendete —, hat er im vorirdischen Dasein den werdenden physischen Organismus als sein Wesen, ich kann jetzt nicht einmal sagen außer sich, sondern in sich. Aber dieses In-sich ist zugleich ein Außer-sich, und sein Leben besteht in einem tätigen Arbeiten, in einem seelisch-geistigen Arbeiten an dem Werden dieses Organismus. Während wir hier im physischen Dasein unser Arbeiten so einrichten, daß die äußeren Sinnesdinge zielvoll verändert, verwandelt werden, während wir selbst hier im physischen Dasein mit den Sinnesdingen verwandelt werden, arbeiten wir in unserem vorirdischen Dasein unseren physischen Organismus zurecht. Wir gliedern ihm dasjenige ein, was dann weisheitsvolles Zusammenwirken der Organe sowie der Organe mit dem Seelischen und des Seelischen mit dem Geistigen im Erdendasein sein muß. Wir leben in einem Universum, dessen Werden darin besteht, daß es zielvoll hingestaltet wird auf unseren künftigen Erdenorganismus.

[ 8 ] Dadurch, daß wir nicht nur mit unseren Anschauungen, sondern mit unserer seelischen und geistigen Tätigkeit in diesem Universum drinnen sind, dadurch haben wir in diesem vorirdischen Zustande ein Bewußtsein. Weil der physische und der ätherische Organismus während des Schlafzustandes fertig sind, vollendet sind, deshalb ist der Schlaf bewußtlos, denn wir können an dem Fertigen während des Schlafes nicht arbeiten, sondern wir erleben es, wie ich es gestern beschrieben habe. Im vorirdischen Zustande ist alles, was unsere Verbindung darstellt mit dem werdenden Universum, das sich aber immer mehr und mehr zusammenzieht, um später unser physischer Organismus zu werden, ist alles Kraft, ist innere Regsamkeit, die sich als eine andere Form des Bewußtseins auslebt, als das Bewußtsein des Erdenlebens ist. Aber es ist ein vollbewußter, ja hell-bewußterer Zustand als der, welcher in unserem Erdenleben im physischen Dasein zustande kommt. Wir erleben dieses unser eigenes Hinarbeiten auf das spätere Erdenleben. Ja, wenn wir hier im Erdendasein unseren physischen Organismus betrachten etwa so, wie der äußere Anblick oder die physische Anatomie oder Physiologie ihn uns vor Augen stellen, dann können wir ihn nicht recht mit der Herrlichkeit, mit der Großartigkeit und der Majestät des Universums, das als Sternenwelt, als Wolkenwelt und so weiter um uns ist, vergleichen. Dasjenige aber, was in diesen physischen Menschenorganismus zusammengezogen ist, das ist dann, wenn es von der Menschenseele im vorirdischen Dasein so als Universum angeschaut wird; größer, ist gewaltiger, majestätischer als der Kosmos, der als physischer Kosmos im Erdendasein um uns herum ist. Denkt man sich alles, was im physischen Menschenorganismus materialisiert steckt, was also in dem Menschen, der hier auf der Erde steht, verborgen ist, weil es zusammengezogen und durch das Materielle verdeckt ist, denkt man sich dies alles ins Geistige umgesetzt, so hätte man an ein Universum zu denken, mit dem sich das physische hier, trotz aller seiner Sterne, seiner Sonnen und so weiter an Größe, an Gewaltigkeit und Majestät auch nicht im entferntesten messen kann.

[ 9 ] Wir leben uns in das irdische Dasein herein aus einer geistigen, vorirdischen Anschauung, die einen großen, gewaltigen Inhalt hat. Und alles, woran wir jemals hier auf der Erde auch an höchster Kulturarbeit mittun können, das ist eine Kleinigkeit gegenüber demjenigen, woran der Mensch während seines vorirdischen Daseins mittut. Ich sage: mittut, denn unzählige geistige Wesenheiten der verschiedensten Hierarchien arbeiten mit dem Menschen an der Herstellung dieses wunderbaren Gebildes, das den physischen Organismus darstellt. Und dieses Arbeiten ist, wenn es eben als solches betrachtet wird, ein beseligendes Arbeiten. Es wird wahrhaftig nicht auf etwas Kleines, Unbedeutendes hingedeutet, wenn auf die Frage: Was tut der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in seinem vorirdischen Dasein? — die Antwort gegeben wird: In einem gewissen Stadium arbeitet er mit den Geistern des Kosmos an der Zusammenfügung, an der inneren weisheitsvollen Ausgestaltung eines physischen Menschenleibes, indem er ihn als universellen Keim vorgestaltet. Dies ist schon gegenüber dem Erdendasein ein Himmelsdasein. Nur ist alles das, was da geschieht, in diesem physischen Erdenorganismus, in den der Mensch eingekleidet ist, in unermeßlichen Tiefen verborgen, und es gehört das einmal für das gewöhnliche Bewußtsein zu dem Verborgensten gerade der menschlichen physischen Organisation. Das ist die Tragik des Materialismus, daß er glaubt, die Materie zu erkennen, daß er immerdar von der Materie und ihren Gesetzen spricht. Aber in aller Materie lebt ein Geist, und er lebt nicht nur so, daß wir ihn herauswickeln können im Augenblick, sondern er lebt so darinnen, daß, wenn wir ihn entdecken wollen, wir zurückschauen müssen in ganz andere Zeiten und Erlebnisarten. Wovon der Materialismus am wenigsten kennt, das ist der materielle physische Menschenorganismus. Es mußte erst der Materialismus entstehen, damit die komplizierten materiellen Gebilde des physischen Erdendaseins so verborgen bleiben, wie sie für die sonst bewundernswürdige Naturwissenschaft der heutigen Zeit gegenwärtig verborgen sind. Über Weiteres im vorirdischen Dasein des Menschen werde ich gleich nachher sprechen.

[ 10 ] Die Etappe des vorirdischen Erlebens, die ich soeben beschrieben habe, kann man auch dadurch charakterisieren, daß man sagt: Der Mensch erlebt dasjenige, was er als seine Umgebung hat, was zugleich sein eigenes Wesen ist, als ein Zusammensein zwischen ihm selbst und dem geistigen Universum. Aber das geistige Universum ist eben ein Zusammenhang von wirklichen, in sich lebendigen geistigen Wesen, in deren Kreisen sich der Mensch fühlt als Seele und als Geist. Dieses im höchsten Grade lebendige und helle Bewußtsein beginnt nun in einem bestimmten Zeitpunkt sich nach und nach zu verdunkeln, abzudämmern. Nicht, als ob es etwa dann als ein schwaches Bewußtsein erlebt wird, aber gegenüber der Helligkeit und der Klarheit und Intensität in einem gewissen Zustande des vorirdischen Daseins dämmert es herab. Wenn ich durch eine Imagination dasjenige beschreiben soll, was ein sehr bedeutsames und intensives Erlebnis ist, so könnte ich es so aussprechen. Der Mensch fängt in einem bestimmten Punkte dieses vorirdischen Daseins an, sich zu sagen: Ich habe um mich zugleich als meine Wesenheit andere göttlich-geistige Wesenheiten gesehen. Jetzt kommt mir vor, als ob diese göttlich-geistigen Wesenheiten anfingen, nicht mehr ganz ihre Gestalt zu zeigen. Jetzt kommt mir vor, wie wenn sie eine äußere Bildhaftigkeit annehmen würden, in die sie sich einkleiden. Jetzt kommt mir vor, wie wenn die Wesenheiten sternenhaft werden würden, so wie ich die Sterne im vorigen Erdenleben durch physische Anschauung kennengelernt habe. Noch nicht sind sie Sterne, aber Geistwesenheiten scheinen mir auf dem Wege zum Sternendasein zu sein. — Es ist eine Empfindung, wie wenn sich die eigentliche Geistwelt von dem Menschen etwas zurückzöge und immer mehr und mehr zurückzöge, und nun ein Abbild dieser Geistwelt, als eine kosmische Offenbarung derselben, vor dem Menschen stünde. An die Stelle des intuitiven tätigen Miterlebens der geistigen Welt tritt so etwas wie das Inspiriertwerden mit einem kosmischen Abbilde dieser geistigen Welt.

[ 11 ] Parallel mit dieser Anschauung geht ein seelisches inneres Erleben, daß der Mensch gewissermaßen erleben muß, wie sich die geistige Welt in ihrer ureigenen Lebendigkeit zurückzieht und ihm nur ihre Offenbarung zuteil wird. Das erweckt in seiner Seele im vorirdischen Dasein ein Erlebnis, das ich mit einem Ausdruck, der dem physischen Erdenleben entlehnt ist, bezeichnen möchte als ein Entbehren, das sich auch äußert, wieder mit einem physischen Erdenausdruck beschrieben, als ein Begehren desjenigen, was man im Verlieren ist. Man hat es in den ersten Stadien noch nicht verloren, aber man ist im Verlieren dessen, was man vorher hatte. In dem Maße, als man in diesem Stadium des Verlierens ist, entsteht innerlich ein Entbehren des in Verlust Kommenden und ein Begehren danach. Man will es wiederhaben.

[ 12 ] In diesem Stadium des vorirdischen Daseins ist es nun, daß die Menschenseele für die geistigen Mondenkräfte zugänglich wird. Dieses Entbehren und Begehren präpariert die Menschenseele, für die geistigen Mondenkräfte im Kosmos zugänglich zu sein. Vorher waren diese geistigen Mondenkräfte wie nicht vorhanden für den Menschen. Jetzt, wo der geistige Kosmos abzudämmern beginnt, entsteht eine Zusammenbindung desjenigen, was kosmisch durch das Universum vibriert als Mondenkräfte, und der Wunschkräfte, die als Begehren und Entbehren im Menschen auftauchen. Und in demselben Maße, in dem sich der früher in innerer geistiger Lebendigkeit darstellende Kosmos in eine bloße Offenbarung verwandelt, in demselben Maße, in dem die früher tätige lebendige Intuition eine tätige lebendige Inspiration wird, in demselben Maße bewirken die Mondenkräfte, daß ein eigenes Inneres des Menschen auftritt, und der Mensch sich nicht im Universum bloß fühlt, so daß Subjekt und Objekt für ihn eigentlich nicht vorhanden sind, sondern wo alles subjektiv ist. Er hat in anderen Wesenheiten ‚drinnen gelebt, aber während dies bisher der Fall war, beginnt jetzt wieder für den Menschen Subjekt und Objekt eine Bedeutung zu haben. Er fühlt ein inneres seelisches subjektives Dasein, das ihm die Mondenkräfte zubereiten, und was Offenbarung des Kosmos ist, das fängt er jetzt an, als eine objektive Außenwelt zu fühlen.

[ 13 ] Wenn ich wiederum mit irdischen Ausdrucksformen das bezeichnen will, was eigentlich in diesem vorirdischen Dasein vorhanden ist, so könnte ich sagen, in dieser so durch die Mondenkräfte mit einer Innerlichkeit begabten Menschenseele entsteht etwa der lebendige Gedanke: Ich muß ihn haben, diesen physischen Leib, nach dem dasjenige hintendiert hat, woran ich selber mitgearbeitet habe als an einem kosmischen, geistigen Keim. — Und der Mensch wird auf diese Weise reif, zum Erdendasein herunterzusteigen. Die Entbehrung und das Begehren, in Verbindung mit den Mondenkräften, die machen ihn reif, eben gerade das Erdendasein zu begehren, nach dem Erdendasein sich herunter zu wünschen, welcher Wunsch eben die Nachwirkung des früheren Arbeitens an dem universellen, kosmischen Geistteil des physischen Leibes ist. Ich habe schon gestern gesagt: Die Mondenkräfte stellen immer dasjenige dar, was den Menschen wiederum für das Erdenleben präpartert. Während des Schlafzustandes stellen sie dasjenige dar, was den Menschen wiederum ins Erdenleben zurücktreibt. Im vorirdischen Dasein ist der Mensch zunächst in einer gewissen Etappe seines Erlebens, wie ich eben dargestellt habe, ohne Zusammenhang mit diesen Mondenkräften, aber er kommt in die Mondenkräfte hinein. Und in demselben Maße entsteht in ihm die Geneigtheit, sich dem Erdenleben wieder zuzuwenden. Wenn auch der physische Erdenleib und der ätherische Erdenorganismus noch nicht da sind, so sind doch in ihm die Nachklänge von demjenigen da, was er als das kosmisch-geistige Vorstadium des physischen Erdenleibes selber erarbeitet hat.

[ 14 ] Über die weiteren Vorgänge bis zum Erdenleben hin werde ich dann gleich nachher sprechen.

[ 15 ] Wenn ich in der Art, wie ich im Zusammenhange mit der inspirierten und intuitiven Erkenntnis die Verhältnisse des totalen Menschenlebens in den vorangehenden Tagen charakterisiert habe, weitersprechen soll, so muß ich nun sagen: Was der Mensch in der heute zuerst charakterisierten Etappe seines vorirdischen Daseins im klaren, hellen Bewußtsein erlebt, das ist dasjenige, was dann im irdischen Dasein im Abbilde, im gefühls- und gemütsmäßigen Abbilde nacherlebt wird in der religiösen Anlage, in dem Fühlen eines Zusammenhanges des Menschen mit dem göttlichen Weltengrunde. Denn wenn der Mensch sich selber als Seele im vorirdischen Dasein Rechenschaft geben will darüber, wie diese Art und Weise der Seele sich hier in das Erdendasein hineinstellt, so könnte man sagen: In dem Augenblick, wo der Mensch von dem Miterleben eines lebendigen geistigen Kosmos übergeht zu dem Erleben dessen bloßer Offenbarung unter dem Einfluß der Mondenkräfte, da müßte sich der Mensch in diesem Momente seines vorirdischen Daseins sagen: Ich gehe von einem gottdurchtränkten Dasein über zu einem kosmischen Dasein. Ich beginne jetzt, jenes helle kosmische Bewußtsein, das ich universell früher entwickelt habe, unter dem Einfluß der Mondenkräfte zu einem mehr innerlichen Bewußtsein zusammenzuziehen. — Ich sagte, es wird das helle kosmische Bewußtsein abgedämmert, aber je mehr es abgedämmert wird, desto mehr entsteht im Inneren der Menschenseele ein subjektives Bewußtsein, dem die Offenbarung des Kosmos als ein Objektives gegenübersteht. Und so können wir sagen: Der Mensch geht über zu einer Inspiration, in der er sich weiß als ein Glied des Kosmos. Er erlebt Kosmologie in dieser zweiten Etappe des vorirdischen Daseins.

[ 16 ] Was der Mensch im Erdenleben als Streben nach einer kosmologischen Weisheit an sich trägt, das ist ebenso eine Nachwirkung dieser eben charakterisierten Erlebnisse des vorirdischen Daseins, wie das religiöse Bewußtsein Nachwirkung ist des zuerst geschilderten Stadiums, des gottdurchdrungenen Bewußtseins. Diese Dinge werden im vorirdischen Dasein durchlebt. Sie haben ihre Nachwirkungen im irdischen Dasein, in dem sie als religiöse beziehungsweise als kosmologische Veranlagung der Menschenseele sich darstellen, und sie werden — in der Art, wie ich das gestern geschildert habe — jede Nacht wieder aufgefrischt. Sie sind da, indem der Mensch geboren ist im irdischen Dasein. Er bringt sie als Anlagen mit; sie verdunkeln sich in der Aufeinanderfolge von Tag und Nacht, aber jede Nacht werden sowohl die kosmologischen Neigungen des Menschen wieder angefacht aus dem Erleben der Planetenwelt, der Sternenwelt, wie ich es dargestellt habe, und ebenso wird das gottdurchdrungene Dasein wieder angefacht, wie ich es gestern für das letzte Stadium des Schlafes dargestellt habe. Daher könnte man sagen: Will der Mensch zu einer erkenntnismäßigen Grundlage des religiösen Lebens kommen und will er zu einer Erkenntnisgrundlage für Kosmologie kommen, so muß er im vollbewußten Erdendasein Bilder desjenigen hervorrufen können, was auf die geschilderte Weise im vorirdischen Dasein erlebt wird.

[ 17 ] In dem Stadium, in dem der Mensch von den Mondenkräften ergriffen wird, in dem die äußere universelle Welt, die früher das Universum seines eigenen physischen Leibes war, nur in der Offenbarung noch erscheint, in diesem Augenblick tritt dasjenige ein, was ich nennen möchte, dem Menschen entfällt überhaupt der Zusammenhang mit demjenigen, was früher sein Menschenuniversum war. Dieser universelle Keim des physischen Leibes, an welchem der Mensch so lange mitgearbeitet hat, entfällt ihm. Er hat ihn nicht in einem gewissen Stadium des vorirdischen Erlebens. Es stellt sich dann die Sache so dar, daß er ein Inneres hat, angefacht von den Mondenkräften, durchzuckt und durchzogen von der Begierde nach Erdenleben, umgeben von Bildern jetzt einer geist-kosmischen Welt. Wenn der Mensch jetzt geistig-seelisch nach diesen Bildern greift, so durchsticht er sie. Die Realität ist nicht mehr da, die Realität ist der Menschenseele im vorirdischen Dasein an einer bestimmten Etappe ihres Erlebens entfallen. Die Seele hat die Realität dieses Menschenuniversums nicht mehr um sich und in sich. Und kurz darauf, nachdem dem Menschen diese universelle Realität entfallen ist, kurz darauf tritt auf der Erde die Konzeption, die Empfängnis für den physischen Leib ein, der nun übernommen wird, zusammengezogen übernommen wird von dem Geistuniversum und weitergebildet wird im Laufe der physischen Vererbungsevolution. Was der Mensch lange Zeit in der geistigen Welt universell herangebildet hat, das entfällt ihm und es taucht wieder auf, indem die Konzeption des physischen Menschenleibes unten auf der Erde ausgeführt wird. Die Prozesse, die der Mensch geistig oben durchgemacht hat, an denen er mittätig war, sie finden unten auf der Erde ihre physische Fortsetzung. Das bleibt dem Menschen zunächst jetzt auch in seinem vorirdischen Geistdasein ein Unbewußtes. Das geht da unten auf der Erde vor sich. Da hinunter ist gewissermaßen sein geist-physischer Organismus geströmt, zieht sich zusammen in den kleinen physischen Menschenleib. Da ist das ganze majestätische Universum zusammengezogen und durchsetzt und durchdrungen von demjenigen, was die physische Vererbung hinzubringt. Und das, was der Mensch früher als Realität gehabt hat, das hat er jetzt nur in Bildern um sich, gewissermaßen eine kosmische Erinnerung an die kosmische Realität des Arbeitens am physischen Organismus.

[ 18 ] In dieser Zeit seines vorirdischen Erlebens wird der Mensch reif, in alles das, was er da als Bilder seines Menschenuniversums um sich hat, in denen keine Realität mehr steckt, in diese Bilder von allen Seiten des Kosmos das Ätherische hereinzuziehen. Der Kosmos enthält auch ein Ätherisches, einen Äther-Kosmos. Aus dem kosmischen Äther zieht nun der Mensch in diese seine kosmische Bildwelt das Ätherische herein. Er zieht es zusammen; er füllt das, was nur noch als kosmische Erinnerung in ihm ist, mit Weltenäther aus, den er zusammenzieht, und er bildet sich so seinen ätherischen Organismus. Der Mensch bildet seinen ätherischen Organismus in der Zeit, in der ihm der physische Organismus entfallen ist, in der der physische Organismus unten seine Fortsetzung findet durch die Konzeption in der physischen Vererbungsevolution, und der Mensch kleidet sich ein in seinen ätherischen Organismus.

[ 19 ] Jetzt ist alles das, was an Entbehrungen und Begehren, an Wunsch nach dem Erdenleben in der Seele lebt, das ist jetzt mit übergegangen in die ätherische Organisation. Diese ätherische Organisation ist ja gewöhnt, weil sie die physische Organisation des Kosmos durchdringt, zusammenzusein mit der physischen Leibesorganisation. Durch alles das entstehen die Kräfte, die nun den Menschen wiederum hinunterziehen zu dem, was ihm vorher kosmisch unbewußt war. Der jetzt mit dem ätherischen Leib umkleidete seelisch-geistige Mensch strebt durch seinen Wunsch hinunter zu dem, was der physische Organismus unten auf der Erde geworden ist, den er selber erst in seiner Geistesgestalt vorbereitet hat. Das gibt dann die Vereinigung des Geistig-Seelischen nach den geschilderten Erlebnissen mit dem physischen Leib.

[ 20 ] Was darüber noch weiter zu sagen ist, werde ich in der letzten kurzen Betrachtung noch anfügen.


[ 21 ] Ich glaube, daß deutlich geworden ist, wo in diesem letzten Stadium des vorirdischen Erlebens, das ich geschildert habe und das dem irdischen Erleben unmittelbar vorangeht, die Grenze ist zwischen dem, was der Menschenseele vorirdisch bewußt ist und was ihr unbewußt ist. Bewußt ist dasjenige, was die Mondenkräfte in der Menschenseele als Subjektives bewirkt haben; bewußt ist das universelle Tableau, das nur noch in Bildern vorhanden ist wie eine kosmische Rückerinnerung an das Arbeiten am Menschenuniversum, und bewußt ist das, was vor sich geht als Zusammenziehen der Kräfte aus dem Weltenäther zu dem menschlichen ätherischen Organismus. Unbewußt bleibt alles das, was — wenn ich mich des Ausdruckes bedienen darf — unten auf der Erde vor sich geht mit dem physischen Menschenorganismus, der eben erst jetzt durch seine physische Metamorphose sich herausgebildet hat und der durch die Konzeption in der physischen Vererbungsevolution weitergebildet wird. Aber es findet da, wie ich angedeutet habe, eine Vereinigung des letzten kosmisch Bewußten mit diesem Unbewußten statt, ein Untertauchen in dieses Unbewußte.

[ 22 ] Damit erlischt das kosmische Bewußtsein, und es tritt auf in dem ganz kleinen Kinde etwas wie eine unbewußte Erinnerung an das, was im vorirdischen Dasein erlebt worden ist. Eine unbewußte, aber tätige Erinnerung ist dann im intensiven Arbeiten des ganz kleinen Kindes, unbewußt natürlich. Diese tätige Erinnerung braucht als eine noch undifferenzierte oder sehr wenig differenzierte Materie das menschliche Gehirn und den übrigen menschlichen Organismus. Schon während des embryonalen Zustandes, während dessen die erwähnte Vereinigung nach und nach geschieht, aber auch noch später, nach der Geburt, arbeitet der Mensch als ein Plastiker an der Ausbildung des Gehirns und der übrigen Organe. Die unbewußte, aber tätige Erinnerung an das vorirdische Dasein arbeitet am intensivsten in den ersten Kindesjahren am menschlichen Organismus. Das Wesentlichste ist allerdings schon früher vorbereitet worden und realisiert sich im Nachwirken, aber es muß noch vieles hineingearbeitet werden in diesen zum physischen Menschenleib zusammengezogenen kosmisch-physischen Geistorganismus. Das ist zwar ein Widerspruch, aber aus dem Zusammenhang, den ich heute vor Ihnen entwickelt habe, ist das zu verstehen. In diesen Organismus ist noch vieles hineinzuarbeiten. Es arbeitet also die unbewußte, aber tätige kosmische Erinnerung an dem Säugling eine innere Menschenplastik.

[ 23 ] Könnte dasjenige, was im letzten Stadium des vorirdischen Daseins bewußt erlebt wird, hereingeholt werden ins Erdendasein, dann würde die bloße Ideenphilosophie den übersinnlichen Inhalt haben. Denn gerade das, was als das Hereinspielen des Kosmisch-Ätherischen in die Bilder des Menschenorganismus sich erweist, das gibt eine wirklich lebendige philosophische Anschauung. Nur daß, wenn das so ist, dieser philosophischen Anschauung trotz aller Lebendigkeit etwas fehlt. Sie entspricht ja einem Stadium des vorirdischen Erlebens, wo der Mensch gerade seinem physischen Organismus entfremdet ist, wo der physische Organismus ihm unbewußt ist. Das gibt auch der lebendigsten Philosophie, zum Beispiel der, die aus dem traumhaften Hellsehen uralter Zeiten entstanden ist, etwas Erdenfremdes. Weil nämlich gerade die Philosophie, wenn sie lebendig ist, einem Erleben entspricht, dem das Erdenleben entfallen ist, deshalb hat die Philosophie immer auch eine starke Sehnsucht, das Erdenwirken zu begreifen, aber sie fühlt sich auch immer als über dem Erdendasein schwebend. Die Philosophie hat immer etwas Idealistisches, das heißt nicht von Irdischem Getragenes, gerade wenn sie recht innerlich lebendig ist. Eigentlich ist man nur Philosoph im letzten Stadium des vorirdischen Erlebens. Man müßte sich hier im Erdenleben erinnern an das, was im letzten Stadium des vorirdischen Lebens selbstverständlich bewußt ist. Da ist man richtiger Philosoph, wie man richtiger Kosmologe etwas vorher ist, wo man die kosmischen Offenbarungen vor sich hat, aber wo die kosmischen Wesenheiten sich schon von einem zurückgezogen haben, und wie man richtiger religiöser Erkenner ist in dem ersten vorirdischen Stadium, das ich heute geschildert habe. Aber weil beim Säugling eine unbewußte, aber tätige Erinnerung auftritt, so durfte ich in den letzten Tagen hier auch sagen: Wenn man das, was unbewußt beim Säugling auftritt, in die Ideenphilosophie hereinziehen und zur Vollbewußtheit bringen könnte, würde auch Philosophie entstehen. Das ist ganz natürlich, weil das, was der Säugling erlebt, die unbewußte Erinnerung dessen ist, was im letzten vorirdischen Stadium vor der Vereinigung mit dem physischen Menschenleib von der Seele erlebt wird.

[ 24 ] So müssen Religionserkenntnis, Kosmologie und Philosophie, wenn sie richtig sein sollen, dennoch Gaben aus der übersinnlichen Welt sein. Nur wenn sie das wiederum werden und als solche von dem Menschen erkannt werden, werden sie wiederum als Religionserkenntnis, als Kosmologie, als Philosophie auch die Menschheit in ihren geistigen Bedürfnissen voll befriedigen.

[ 25 ] Heute habe ich versucht, Ihnen diejenigen Dinge zu schildern, die mit dem Mysterium der Geburt zusammenhängen. Ich werde in den folgenden Tagen die andere Seite darzustellen haben, dasjenige, was mit dem Mysterium des Todes zusammenhängt, um das Bild immer mehr und mehr zu vervollständigen, das uns darstellen soll, wie das geistig Wertvollste hier im Erdendasein eben sein muß ein Abglanz, ein Abbild, eine Wirkung dessen, was der Mensch erleben, erkennen, erfahren kann im übersinnlichen Dasein, weil er nicht bloß ein sinnliches Erdenwesen, sondern ein seelisch-geistiges übersinnliches Wesen ist, daher auch der Geistwelt, der Seelenwelt angehört und, wenn er sich vollständig als Mensch in seinem Menschendasein in jedem Stadium des Sinnlichen erfühlen will, auch das Übersinnliche in sein Dasein hereinbeziehen muß.