Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie
GA 215
14 September 1922, Dornach
9. Das Schicksal des Ich-Bewußtseins im Zusammenhang mit dem Christus-Problem
[ 1 ] Das gewöhnliche irdische Seelenleben fließt ab in den innerlich erlebten Erscheinungen des Denkens, Fühlens und Wollens. In Wirklichkeit liegt dem allem zugrunde, daß mit dem Aufwachen in dem physischen Organismus des Menschen enthalten sind — wie wir in den vorangegangenen Betrachtungen gesehen haben — ein ätherischer Organismus, ein astralischer Organismus und eine Ich-Wesenheit. Mit seinem astralischen Organismus und seiner Ich-Wesenheit ist der Mensch im Schlafzustande in einer gewissen Beziehung außerhalb seines physischen Organismus, klar gesprochen, eigentlich nur außerhalb der Kopforganisation des physischen Organismus. Wenn aber der Mensch im Erdendasein in seinem Wachzustande ist, so sind ätherischer Organismus, astralischer Organismus und Ich-Wesenheit vollständig in dem physischen Organismus drinnen, mit ihm verbunden. Sie sind in dem physischen Organismus tätig. Während des Schlafens ist die Seele in ihrem eigenen Kräftesystem nicht stark genug, um dasjenige vor das Bewußtsein hinzustellen, was sie innerlich im astralischen und im Ich-Organismus erlebt. Im Wachzustande kommt aber klar in das gewöhnliche Bewußtsein nur dasjenige herein, was von der Tätigkeit des ätherischen, des astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit als Gedanken vom physischen Organismus reflektiert wird.
[ 2 ] Wenn der Mensch in seinem Wachzustande in vollem Sinne fähig wäre, die eigene Tätigkeit seines Gesamtseelenwesens zu erleben, so würde er dasjenige erleben, was zunächst sein eigener Lebenslauf ist, das heißt das, was als das Reale des Lebenslaufes den Erinnerungen zugrunde liegt. Er würde aber auch alles das erleben, was wir kennengelernt haben als kosmische Welten während des Schlafzustandes, wo ja das entsprechende kosmische Erleben auch unwahrgenommen, unbewußt bleibt. Es würde, wenn der Mensch die volle Fähigkeit des Gebrauchens seines astralischen Leibes hätte, in das Wachbewußtsein das hereinsteigen, was der Mensch nächtlich als Abbildung der Planetenbewegungen erlebt. Er würde sein Atmungs- und Zirkulationssystem durchströmen fühlen Nachbildungen der Planetenbewegungen. Er würde, so paradox das zunächst für das gewöhnliche Bewußtsein klingt, sagen können: Durch meine Adern strömt die Gewalt der Sonne, die sich verstärkt durch die Kraft des Mars, die sich durchdringt mit der substantiellen Kraft des Jupiter und so weiter. — Der Mensch würde das so aussprechen können, daß er in seinem eigenen Wesen nachströmen fühlen würde die Planetenrichtungen. Und würde der Mensch seine volle Ich-Wesenheit während des Tagesbewußtseins in sich erleben, so würde er auch den Fixsternhimmel in seiner geistigen Wesenheit sich selber durchsetzen fühlen.
[ 3 ] Das alles fällt während des gewöhnlichen wachen Bewußtseins weg. Nicht die Tätigkeit des ätherischen Leibes kommt im Wachbewußtsein zum Erlebnis, die das dem eigenen Lebenslauf zugrunde liegende reale Geschehen bedeutet, nicht die Impulse der Planetenbewegungen, die in unseren Atmungsströmungen als Reize leben, die in unserer Blutzirkulation pulsieren, nicht diese ganze Tätigkeit des astralischen Organismus kommt im gewöhnlichen Wachbewußtsein zum Erlebnis, und auch nicht das, was sich in den Konstellationen der Fixsterne ausspricht und sich nachbildet in dem ewigen Wesenskern des Menschen, in seiner Ich-Wesenheit, was den Menschen, wenn er es erlebte, dazu veranlassen würde, zu sagen: Ich bin gottdurchdrungen. — Auch das kommt nicht im gewöhnlichen Bewußtsein zum Erlebnis, denn die Tätigkeit des ätherischen Organismus, die Tätigkeit des astralischen Organismus, die Tätigkeit der Ich-Wesenheit, die im gewöhnlichen Wachzustande ausgeführt werden, beziehen sich in dieser Weise auf den physischen Organismus, wie ihn der Mensch mit dem Erwachen jeden Morgen neu um sich kleidet. Mit denjenigen Kräften jedoch, die der Mensch sich im Schlafesleben angesammelt hat aus den Sternenwelten heraus, die ihm aus den Planetenbewegungen geworden sind, durchdringt er tätig seinen physischen Organismus. Und gerade dadurch, daß der Mensch tätig seinen physischen Organismus durchdringt, daß diese Tätigkeit seiner drei seelischen Teile — ätherischer Organismus, astralischer Organismus und Ich-Wesenheit — auf den physischen Organismus vom Aufwachen bis zum Einschlafen wirkt, dadurch wird der physische Organismus so bearbeitet, daß in dem, was dann in ihm selber als reine Tätigkeit entsteht, die Veranlassung dazu liegt, daß sich alles Seelenleben ausgestalten kann in den Vorstellungen, in den Gedanken, die vom physischen Leibe in die Seele zurückgeworfene Reflexbilder sind. Der Mensch hat von seinem eigenen wirkenden Lebenslauf, von den Planetenbewegungen und von der Fixsternwelt kein Bewußtsein, weil während des Wachlebens alle Tätigkeit seines Inneren auf den physischen Leib reflektiert wird. Dieser physische Leib trägt durch seine Sinne die Wirkungen der Außenwelt in das physische Innere hinein: durch das Auge strömen die Erscheinungen des Lichtes herein, durch das Ohr die Erscheinungen der Tonwelt, durch den Wärmesinn strömen die Realitäten von Wärme und Kälte herein und so weiter. Das alles wird im physischen Organismus durch diejenige Tätigkeit, die das Seelische ausübt, als Gedanken gespiegelt, und die Seele erlebt diese Reflexgedankenwelt in ihrem klaren gewöhnlichen Bewußtsein.
[ 4 ] So ist der Tatbestand für das seelische Erleben im gewöhnlichen Wachen. Dieses gewöhnliche Wachleben stellt an uns die Frage: Was tut denn nun eigentlich die Seele an dem physischen Organismus, damit die Gedanken als Reflexe erscheinen? — Halten wir aber dieses zunächst fest: Der physische Organismus ist eigentlich der Verhinderer eines Bewußtseins der Seele von den kosmischen Tatsachen, die eigentlich in ihr nachklingen und nachwirken können. Wie im einzelnen dieses Wachbewußtsein verläuft, das soll uns gleich nachher beschäftigen.
[ 5 ] Studieren wir einmal, was eigentlich diese Dreiheit von ätherischem Organismus, astralischem Organismus und Ich-Wesenheit in ihrem Zusammenwirken im physischen Kopforganismus des Menschen zunächst bewirken. Da stellt sich nämlich heraus, daß die Tätigkeit, welche durch diese Dreiheit am menschlichen Kopforganismus ausgeübt wird, eine abbauende ist. Würde allein der menschliche ätherische Organismus den physischen Organismus durchdringen, dann würde in dem physischen Kopforganismus auch eine fortwährende aufbauende Lebenstätigkeit sein; es würde sozusagen die Kopftätigkeit von Leben ganz erfüllt sein. Aber in diesem Falle käme kein physisches Bewußtsein zustande. Ein physisches Bewußtsein kommt nur dadurch zustande, daß der astralische Organismus eingreift in die Kopforganisation. Und dieser astralische Organismus ist auf dasjenige eingestellt, hinorganisiert, das wir ja schon kennengelernt haben: er ist hinorganisiert auf das vorirdische Dasein des Menschen. Wenn ich es so ausdrücken darf, der astralische Organismus muß es gewissermaßen als seine Aufgabe betrachten, nicht diesen stofferfüllten physischen Organismus zu bearbeiten, sondern diesen physischen Organismus in seiner kosmischen Geistgestaltung mit seiner Tätigkeit zu erfüllen, wie er das im vorirdischen Dasein getan hat. Dieser astralische Organismus des Menschen ist ja ein Nachklang dessen, was die Seele getan hat aus den Geheimnissen der Planetenbewegungen, aus den Geheimnissen der Fixsternkonstellationen heraus, um dasjenige zu gestalten, was ich in den vorangehenden Betrachtungen genannt habe den kosmischen Keim des physischen Organismus. Also nicht auf die irdische Metamorphose des physischen Organismus, sondern auf die kosmische, auf die Geistmetamorphose des physischen Organismus hin ist die Tätigkeit des astralischen Organismus orientiert. Daher will der astralische Organismus, indem er im physischen Organismus tätig ist, diesen physischen Organismus, insofern dieser Gehirn- beziehungsweise Kopforganisation ist, fortwährend vergeistigen. Ja, in unserer Kopforganisation wirkt fortwährend unser astralischer Organismus, um diese Kopforganisation ins Geistige umzubilden. Es kommt nicht zu einer wirklichen, äußerlich sichtbaren Umbildung, es kommt zu dem Umbildungs-Bestreben.
[ 6 ] Dieses Bestreben aber ist fortwährend vorhanden. Fortwährend kommen durch die Kopforganisation des astralischen Organismus zu den aufbauenden Kräften der menschlichen Kopforganisation, die frisches, sprudelndes Leben, aber unbewußtes Leben in der menschlichen Kopforganisation bewirken würden, abbauende Kräfte hinzu, die versuchen, den physischen Organismus, insofern er Kopforganisation ist, abzubauen, zu zerstören, so daß aus ihm hervorleuchten würde ein Geistorganismus, denn an den ist der astralische Leib gewöhnt vom vorirdischen Dasein her. Aber der physische Organismus leistet Widerstand. Er läßt sich nicht abbauen, und er führt diesen Widerstand dadurch aus, daß jedesmal, wenn gerade der Moment herbeigeführt würde, daß dieser physische Organismus des Kopfes durch die Tätigkeit des astralischen Organismus ins Unorganische zerfiele, ins Leblose überginge, daß jedesmal in diesem Moment der Schlaf eintreten muß, und dann müssen einzig und allein in dem Kopforganismus wieder die Kräfte des ätherischen Leibes tätig sein.
[ 7 ] So ist das Wechselgeschehen zwischen Wachen und Schlafen auch dadurch zu charakterisieren, daß man sagt: Während des Wachens setzen die astralischen Kräfte die menschliche Kopforganisation fortwährend dem Sterben aus. In dem Moment, wo — wenn man so sagen darf — diese Tätigkeit der abbauenden astralischen Kräfte aus dem latenten Zustande in den realen Zustand übergehen würde, in diesem Moment tritt der Schlaf ein. Das imaginative Bewußtsein der modernen Initiationserkenntnis kann diesen Tatbestand an dem Aussehen des ätherischen Organismus des Menschen während des Wachens und während des Schlafens bemerken.
[ 8 ] Während des Wachens wird der ätherische Leib, der als ein Geistgeschehen den physischen Leib des Menschen durchdringt, für die Kopforganisation immer undifferenzierter. Man hat also im wachen Menschen einen ätherischen Organismus vor sich, der stark innerlich differenziert, mit komplizierten Gestaltungen ausgerüstet in denjenigen Partien des physischen Organismus ist, wo die Lunge, die Leber, der Magen sitzen, wo die Gliedmaßen sitzen. Dort ist der ätherische Organismus innerhalb des Wachlebens vielgegliedert. In der Kopforganisation dagegen wird während des Wachlebens, je länger das wache Leben dauert, der Ätherleib immer undifferenzierter und undifferenzierter. Er wird zuletzt einfach wie eine gleichförmige Wolke im Kopfe, weil die aufbauenden Kräfte, die sonst in diesem Ätherorganismus sind, ihre Bedeutung verlieren und die abbauenden Kräfte des astralischen Organismus im Wachzustande ersterbend auf die Kopforganisation wirken.
[ 9 ] Im Schlafzustande ist das ganz anders. Da sieht man mit dem imaginativen Bewußtsein, wie diese Differenzierung, die mannigfaltige Vielgliederung des Ätherorganismus hineinschießt in die ätherische Kopforganisation. Da wird der Ätherorganismus des Kopfes ebenso gegliedert wie während des Wachzustandes der übrige ätherische Organismus. Da wachen eben während des Schlafens die Lebenskräfte, die Gestaltungskräfte, die Bildekräfte des ätherischen Organismus für den Kopf auf, und der Kopf wird eine unbewußte, aber sehr lebendige Organisation.
[ 10 ] So sehen Sie, daß der Mensch — im Erdendasein aus einem Wachbewußtsein — in seiner Kopforganisation fortwährend den latenten Tod trägt. Die Tendenz zum Sterben ist fortwährend in der Kopforganisation vorhanden. Der astralische Organismus will die Kopforganisation fortwährend in das Geistige umsetzen. Er will sie zu einem planetarischen Bewegungsorgan machen, will sie zu einem Abbild der Sternenkonstellationen machen; er ist ein fortwährender Zerstörer der physischen Kopforganisation.
[ 11 ] Würde man in der heutigen Wissenschaft diesen Tatbestand wissen, so würde man es überhaupt ganz unmöglich finden, in den Materialismus verfallen zu können. Denn was haben denn jene Leute zu sagen, welche die menschliche Totalorganisation materialistisch deuten wollen? Sie sagen: Die organischen Vorgänge gehen eben auch im Kopfe vor sich; sie spielen sich dort als organische Lebensprozesse ab, wie sich in der Leber oder im Magen Lebensprozesse abspielen, so eben auch im Gehirn, und dieses Abspielen der Lebensprozesse im Gehirn lebt sich als Gedanke, als Seelentätigkeit aus. — Aber dies ist ja den Tatsachen gegenüber ein völliger Unsinn. Denn wir denken nicht dadurch, wir erleben im gewöhnlichen Bewußtsein die Seele nicht dadurch, daß aufbauende Lebensprozesse stattfinden, sondern dadurch, daß unser Nervensystem fortwährend in dem Zustande ist, abgebaut zu werden, daß der Tod fortwährend in uns sitzt. Waches Seelenleben im gewöhnlichen Bewußtsein haben, heißt: organische Prozesse nicht entwickeln, sondern abtöten. Die organischen Prozesse müssen erst in sich ersterben, sie müssen Platz machen der Seele, wenn sie sich im gewöhnlichen Bewußtsein entfalten wollen. Würde man das richtig einsehen, so würde man sagen müssen: Aus den organischen Prozessen kann ganz gewiß das Seelenleben nicht hervorgehen, weil diese organischen Prozesse erst in die Situation des Ersterbens kommen müssen. Sie müssen sich erst zurückziehen aus der Kopforganisation, wenn die Seele darin tätig sein will.
[ 12 ] Das ist eben der wahre Tatbestand in bezug auf das Zusammenwirken der menschlichen seelischen Organisation und der menschlichen physischen Organisation. Dieser wahre Tatbestand zeigt aber auch, wie der Mensch, indem er geboren wird, sogleich in seiner Kopforganisation die Anlage zum Tode, zum Sterben in sich trägt. Wir lernen durch die übersinnliche Erkenntnis verstehen, daß das Sterben fortwährend in uns geschehen will und nur durch den Schlaf fortwährend überwunden wird. Das einmalige Sterben, das Sterben im physischen Sinne, ist ja nur eine Summierung, ein stärkerer Prozess gegenüber den fortwährenden, wenn ich so sagen darf atomistisch kleinen Sterbeprozessen, die im Wachbewußtsein fortwährend stattfinden. Solange wir den physischen Organismus haben, wehrt sich dieser eben gegen sein Zerstörtwerden, das bewirkt wird durch den astralischen Organismus. Das ist so mit der Kopforganisation.
[ 13 ] Aber die astralische Organisation des Menschen hat nicht bloß diese Wirkung im Wachleben. Nur ein Teil von ihr hat diese Wirkung. Ein anderer Teil lebt sich mehr in derselben Art, wie er im vorirdischen Dasein tätig ist, auch in das irdische Dasein herein. Dieser Teil des astralischen Organismus des Menschen ist nicht in der Kopforganisation tätig, sondern er ist in alledem tätig, was im Menschen rhythmische Organisation ist, das heißt in denjenigen Organen des physischen Leibes, in denen sich Atmung, Blutzirkulation und die anderen rhythmischen Prozesse abspielen. Dieser Teil des astralischen Leibes, von dem ich jetzt spreche, lebt zwar im rhythmischen menschlichen Organismus, aber er verbindet sich nicht so mit diesem physischen rhythmischen Organismus, wie der andere Teil, der in der Kopforganisation tätig ist. Dieser andere Teil, der in der Kopforganisation tätig ist, ergreift diese Kopforganisation so stark, daß er sie fortwährend zum Sterben, zum Tode geneigt macht, weil er sie zerklüftet. Jener Teil des astralischen Leibes dagegen, der sich mit dem rhythmischen Organismus im Menschen vermischt, durchsetzt diesen rhythmischen Organismus; er lebt in der Atmung, lebt in der Blutzirkulation, aber weil er nicht in einer so intensiven Weise die Organisation ergreift, läßt er sie auch in einer gewissen Beziehung unbehelligt. Er ergreift sie nicht so, daß er sie zerstören will. Dadurch kommt aber auch kein Gedankenleben durch diese Verbindung des astralischen Organismus des Menschen mit der rhythmischen Organisation zustande. Was als Seelisches sich auslebt, das wird reflektiert an dem fortwährend nach dem Sterben hin tendierenden physischen Kopforganismus. Das bewirkt das vollbewußte Denken. Dasjenige aber, was immer im Durcheinanderströmen des Astralischen und der rhythmischen Organisation sich abspielt, das reflektiert sich nicht in derselben Weise, so daß es ein klares Bewußtsein gäbe wie das Gedankenleben; das lebt sich in der unbestimmteren Art des Seelenlebens als das Gefühlsleben des Menschen aus. Das ist das Fühlen. Es entsteht also dadurch, daß der astralische Organismus im Wachleben durchpulst das Atmen, die Blutzirkulation, daß er sie aber nicht zerklüftet, nicht so tief sich in sie hineinsetzt, sondern daß durch seine Wechselwirkung mit der rhythmischen Organisation sich dasjenige entzündet, was das Gefühlsleben des Menschen ist.
[ 14 ] So lebt im rhythmisch-organischen Systeme etwas zwar von dem, was.der Mensch im vorirdischen Dasein kosmisch erlebt hat, nur kommt es zu keinem deutlichen Bewußtsein. Das hat aber etwas ganz Bestimmtes zur Folge. Im Unbewußten unten geht nämlich durch diese Wechselwirkung, die ich geschildert habe, zwischen der astralischen Organisation und der physisch-rhythmischen Organisation fortwährend etwas vor, das nur in einem schwachen Abglanz in das volle gewöhnliche Tagesbewußtsein eintritt. Studieren wir das im einzelnen! Sagen wir, der Mensch begeht seine Tätigkeiten, seine Handlungen im physischen Dasein. Diese Handlungen, die er vollbringt, leben sich ja in ihm nicht aus wie bloße Naturerscheinungen, sondern er ist genötigt, aus einem gewissen Impuls, der aus dem Unterbewußten heraufdringt, diese Tätigkeiten als moralische oder unmoralische, als wertvolle oder nicht wertvolle, als weise oder unweise zu beurteilen. Die moralische Wertung, die moralische Beurteilung mischt sich hinein in das sonst amoralische — nicht antimoralische — Gedankenleben.
[ 15 ] Was ist das, was nun unbestimmt aus den Tiefen des seelischen Erlebnisses heraufleuchtet und uns sagt: diese Tätigkeit ist gut, jene Tätigkeit ist böse, diese Handlung ist weise, jene ist töricht? — Das ist eine seelische Tätigkeit, die so geblieben ist, wie sie im vorirdischen Dasein war, die das Rhythmische des Menschen, Atmung und Blutzirkulation, durchdringt, die aber nicht voll heraufströmen kann in das Gedankenleben, sondern es nur färbt, so daß wir im Gedankenleben auch Reflexe dieses inneren Erlebens haben, die für unsere Tätigkeit, die wir in der physischen Welt ausführen, wertvoll sind. Wir tragen nicht allein das in uns, was wir als bewußtes Gedankenurteil in unserer Tätigkeit ausführen. Nein, in dem rhythmischen System des Menschen lebt und pulst ein astralisches Geistiges, das in einer ähnlichen Gestalt, wie es im vorirdischen Dasein schon war, für sich deutlich, für das gewöhnliche Bewußtsein nur undeutlich, Ja oder Nein sagt zu unseren menschlichen Betätigungen. Da drinnen ist ein Beurteiler der Wertigkeit unserer Seele und dieser Beurteiler lebt so real, wie unsere Seele real als denkende Seele in unserer Kopforganisation lebt.
[ 16 ] In den älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung suchten daher die, welche auf die alte Art zu einer höheren Erkenntnis kommen wollten, das rhythmische System, das Atmungs-, aber auch das Blutzirkulationssystem sich zum Bewußtsein zu bringen. Sehen Sie sich an, was da für solche Menschen aus einer älteren, heute nicht mehr zu erarbeitenden Methode, in die geistige Welt sich einzuleben, herauskam. Da kam heraus, daß diese Menschen ihren eigenen Menschenwert aus dem, was der Kosmos in ihr Atmungsleben einschrieb, als gut oder böse ansahen, als weise oder töricht. Das Urteil über einen moralisch-natürlichen Menschen und über einen natürlich-moralischen Menschen atmete sich beim alten indischen Jogi aus dem rhythmischen System herauf in das Gehirn hinein. Er machte für eine Weile während seiner Joga-Erkenntnis das Gehirn zu einem Atmungsorgan und lebte mit, was der Kosmos über seine Tätigkeit sagte.
[ 17 ] Dieses Urteil des Kosmos über unsere Tätigkeit ist ganz real in der astralischen Menschheitsorganisation. Und wenn der physische Menschenleib mit dem Tode abgelegt ist, dann ist jenes Hindernis hinweggeschafft, das bewirkt, daß der Mensch das, was da in seiner Atmung und Blutzirkulation lebt, nicht im Bewußtsein hat. Der physische Organismus ist etwas, was wie ein Undurchsichtiges dasjenige verdeckt, das im astralischen Organismus in der Art vor sich geht, wie ich es eben geschildert habe. Daher lebt sich das, was da als astralische Erlebnisse in Atmung und Blutzirkulation von der Geburt bis zum Tode lebt, über den Tod hinaus fort in der menschlichen Wesenheit. Wie das der Fall ist, das werden wir einsehen, wenn ich gleich nach der Übersetzung dieses Teiles schildere, was die menschliche Seele durchmacht, wenn sie wirklich durch die Pforte des Todes geht.
[ 18 ] Wenn nun der physische Organismus des Menschen im Tode zerfällt, abfällt von dem menschlichen Wesen, dann bleibt zunächst dieses menschliche Wesen im ätherischen Organismus, im astralischen Organismus und in seiner Ich-Wesenheit. Indem der physische Organismus für die Entfaltung der Menschenseele in das Kosmische hinaus nicht mehr ein Hindernis bietet, insofern er die Menschenseele nicht mehr zurückzieht in seine Sphäre, tritt für die Menschenseele sogleich die Möglichkeit eines kosmischen Bewußtseins auf. Diese Menschenseele hat jetzt den ätherischen Organismus an sich, ohne diesen ätherischen Organismus an einen physischen Organismus gebunden zu haben. Aber dieser ätherische Organismus ist ja, indem er auf der einen Seite den menschlichen Lebenslauf darstellt, zugleich das fortwährende Hereinspielen kosmischer Kräfte, der Kräfte des kosmischen Lebens. Indem die Menschenseele sich allmählich mit dem Ätherleibe durch den Tod durchlebt, erlebt sie in dem Ätherleibe den kosmischen Weltenäther mit. Was im kosmischen Weltenäther sich abspielt, das strömt jetzt in den ätherischen Organismus herein, denn die Abhaltung dieses Hereinströmens geschah ja bisher nur durch den physischen Organismus. Diese Abhaltung ist jetzt weg. Der ätherische Organismus ist in seinem Geschehen nicht so getrennt von den äußeren kosmischen Ereignissen und Tatsachen wie der physische. Was draußen im kosmischen Weltenäther vor sich geht, das strömt wirkend herein in den menschlichen ätherischen Organismus, und was im menschlichen ätherischen Organismus vor sich geht, das pulst hinaus in.die Welt durch die ätherische Organisation. Der Mensch lebt sich nach dem Tode unmittelbar ein nicht nur in seinen ätherischen Organismus, sondern, indem er seinen ätherischen Organismus befreit hat von der physischen Organisation, lebt er sich in dasjenige ein, was da fortwährend ein- und ausströmt; er lebt sich in das Kosmisch-Ätherische hinein.
[ 19 ] Da aber die Menschenseele eine Einheit ist, wird mitgezogen in das Kosmisch-Ätherische das Astralische des Menschen und die Ich-Wesenheit. Immer mehr und mehr leuchtet in der Menschenseele als ihr Inneres die kosmisch-ätherische Bewußtheit auf. Aber gegenüber diesem mächtigen, großen kosmischen Bewußtsein bildet der eigene Ätherleib des Menschen nur ein ganz kleines, und in diesem ganz kleinen Ätherischen lebt eigentlich der Weltenäther darinnen. Daher ist es, daß die eigenen ätherischen Menschenerlebnisse, die zusammengehalten wurden immer wieder und wieder durch die physische Organisation, nun in dem großen Weltenmeere des Ätherischen mit dem kosmischen Bewußtsein keine Bedeutung mehr haben. Das heißt aber nichts anderes als: dieser ätherische Menschenorganismus löst sich sehr bald nach dem Tode auf. Der Mensch behält jetzt mit dem kosmischen Bewußtsein, das er sich errungen hat, seine astralische Organisation und seine Ich-Wesenheit zurück.
[ 20 ] Aber in dieser astralischen Organisation ist die Nachwirkung desjenigen, was diese astralische Organisation im physischen Erdendasein innerhalb des physischen Leibes erlebt hat. Ich habe ja gekennzeichnet, wie ein Teil der astralischen Organisation gewissermaßen den kosmischen Charakter beibehält, indem er sich nur lose vereinigt mit dem Atmungs- und Zirkulationsrhythmus. Jetzt, nachdem die physischen Organe des Atmungs- und Zirkulationsrhythmus abgeworfen sind, lebt aber dasjenige weiter, was während des physischen Erdendaseins sich da mit dem physischen Atmungs- und physischen Zirkulationsvorgang herausgebildet hat als Menscheninneres mit moralischer Qualitätswertung. Das lebt sich also, durchsetzt von kosmischem Bewußtsein, nach dem Tode aus. Das, was während des Erdendaseins seinen Abglanz hatte in der physischen Atmung, in der physischen Blutzirkulation, das lebt in einem kosmischen Rhythmus sich aus nach dem Tode. Ein Rhythmus ist wieder da, aber ein Rhythmus, durch den der Mensch fühlt dasjenige waltend, was er sich aus dem irdischen Dasein mitgebracht hat an moralischer Qualitätenwertung. Er fühlt seinen astralischen Inhalt als moralische Qualitäten, wie sie im physischen Erdenleben gut oder böse geworden sind, weise oder töricht. Das ist gewissermaßen ein innerer Pulsschlag.
[ 21 ] In diesen inneren Pulsschlag strömt fortwährend von außen der noch nicht vom Moralischen durchströmte kosmische Vorgang ein, der sogar ein rein Kosmisches darstellt, in welchem man noch amoralisches — nicht antimoralisches — Geschehen vor sich hat, wie es seinen Abglanz hier auf der Erde in dem Naturgeschehen hat. Da unterscheiden wir nicht gut oder böse, da geht alles nach neutralem Naturgeschehen vor sich. Das alles, was so vor sich geht, ist ein Abglanz eines kosmischen Geschehens, und dieses kosmische Geschehen schlägt rhythmisch herein in die Nachwirkung des rhythmisch-moralischen Bewertens. Der Mensch fühlt sich so in einem kosmischen Rhythmus nach dem Tode, gewissermaßen einatmend den Kosmos in seiner moralischen Unschuld, ausatmend in den Kosmos das, was er angehäuft hat in sich an moralischen Bewertungen. An die Stelle des physischen Rhythmus ist ein kosmischer Rhythmus getreten, und in diesem kosmischen Rhythmus erlebt die Menschenseele, wie im Kosmos, der für die äußere Natur amoralisch angelegt ist, ein moralischer Teil entsteht, der durch die menschlichen Erlebnisse hinausgetragen wird durch die Todespforte des einzelnen Menschen in den Kosmos.
[ 22 ] Was da die Menschenseele an moralischer Bewertung ihrer Taten hinausträgt in den Kosmos durch die Todespforte, das gliedert sich in das Amoralische des Kosmos ein. In den Schoß des Kosmos wird jetzt dasjenige gesenkt, was moralische Folgen des Menschenlebens sind und durch den Tod getragen sind, und der Mensch wird durch sein Bewußtsein, an dem ihn nichts mehr hindert, Zeuge dessen, wie sich im Schoße des amoralischen Kosmos ein moralischer Teil ausbildet für eine künftige Welt. Unsere Welt ist in ihrem natürlichen Abglanz moralisch neutral. Aus unserer Welt wird eine künftige Welt entstehen, die in ihrem natürlichen Abglanz nicht moralisch neutral sein wird, sondern wo alles Moralische natürlich und alles Natürliche moralisch sein wird. Den Keim dazu trägt der Mensch durch seine moralischen Taten hinein in den Kosmos. Und die große Frage steht während dieses Erlebens bewußt vor der Menschenseele: Bin ich durch die Qualitäten, die ich mir moralisch angeeignet habe, auch würdig, einmal im Weiterleben teilzunehmen an jenem künftigen Kosmos, der nicht mehr ein bloß natürliches Abbild haben wird, sondern der ein moralisch-natürliches Abbild haben wird?
[ 23 ] Was von der Menschenseele an Empfindungen und Gefühlen — wir können diese Ausdrücke gebrauchen, obwohl sie nicht eigentlich das übersinnliche Erleben darstellen — nach dem Tode erlebt wird in dem geschilderten Weltenrhythmus, das ist die Bewahrheitung des moralischen Einschlages in die physische Welt. Das gibt eine Zeitlang nach dem Tode den menschlichen Seelenerlebnissen ihre eigene Nuance. Ich habe diese Erlebnisse, die ich jetzt von einer anderen Seite aus schildere, einmal in meiner «Theosophie» geschildert und nannte sie dort die «Seelenwelt».
[ 24 ] Aber wenn der Mensch nach dem Tode immer in diesen Erlebnissen bleiben müßte, könnte er nicht dazu kommen, richtig den Geistteil seines künftigen physischen Organismus vorzubereiten. Denn dieser Geistteil des künftigen physischen Organismus, den ich in den verflossenen Darstellungen geschildert habe, den der Mensch in einem neuen Erdenleben an sich tragen muß, dieser Geistteil könnte nicht in gesunder, nicht in richtiger Weise aus einem Seelenleben heraus erarbeitet werden, das behaftet ist mit den Unvollkommenheiten des Moralischen aus dem vorhergehenden Erdenleben. Daher muß eine gewisse Zeit nach dem Tode die Menschenseele eintreten in eine Welt, in der sie nur in dem gereinigten Kosmos lebt, wo herabgedämpft sind die Erlebnisse des Rhythmus, den ich eben geschildert habe; denn in diesen Rhythmus spielen hinein alle moralischen Bewertungen der Handlungen der Menschenseele. Aus dem heraus könnte nur ein dekadenter Geistteil für den künftigen physischen Organismus gebildet werden. Ein gesunder physischer Organismus kann nur gebildet werden, wenn die Seele eintreten kann in eine Welt, wo sie von den Nachwirkungen des menschlich-seelischen Erlebens aus dem vergangenen Erdenleben nicht mehr berührt wird, sondern wo die außermenschlichen geistigen Impulse des Kosmos wirken, wie ich es eben geschildert habe.
[ 25 ] Diese Erlebnisse, die so im gereinigten Kosmos des Geistes von der Menschenseele erlebt werden müssen, habe ich in meinem Buche «Theosophie» wiederum von einer anderen Seite aus geschildert, als ich es hier tue. Ich habe sie dort das «Geisterland» genannt. In dieses Geisterland der Seele muß der Mensch eintreten, denn dann erst wird er fähig, an einem universell umfassenden Gestalten des Geistorganismus, der aber künftig sich metamorphosiert in den physischen Organismus, mitzuwirken. Dem Menschen müssen für eine Zeit die Unvollkommenheiten aus einem früheren Dasein abgenommen werden, sonst würde er in einem mißgeborenen physischen Organismus sich im nächsten Erdenleben zum Dasein bringen müssen.
[ 26 ] So kommen wir aus einer inneren Anschauung heraus zu einer Schilderung dessen, was der Mensch durch seine Seelenkräfte nach dem Tode im geistigen Kosmos erlebt. Mit dem astralischen Leibe trägt der Mensch natürlich das, was nun auch in seiner Ich-Wesenheit ist, in die kosmische Geistwelt hinein. Aber diese Ich-Wesenheit muß noch in einer anderen Weise bereitet werden. Das kann dann Gegenstand des morgigen Vortrages sein. Heute werde ich in einem letzten Teile noch zu schildern haben, wie sich die Gestaltung, die das Menschenwesen nach dem Tode annimmt, zu der christlichen Entwickelung und zu dem Mysterium von Golgatha verhält.
[ 27 ] Sie werden einsehen, daß eine wahre Kosmologie nur dadurch zustande kommen kann, daß man in sie auch dasjenige einbezieht, was die Inspiration wissen kann über die Eingliederung eines solchen moralischen kosmischen Keimes, wie ich ihn geschildert habe. Jede Kosmologie bliebe unvollständig, die nicht wissen würde, wie der gegenwärtige Kosmos, der in der Natur einen neutralen, amoralischen Abglanz hat, einstmals durch das Leben der Menschen ein solcher werden wird, wo das Natürliche zugleich moralisch und das Moralische natürlich ist. So kann eine wahre Kosmologie auch aus diesem Grunde nur aus der Bereicherung der gewöhnlichen Erkenntnis durch Inspiration entstehen, wie eine wahre Philosophie einen lebendigen Inhalt nur dadurch erhalten kann, daß sie die Ergebnisse der Imagination aufnimmt, wie ich das gestern auseinandergesetzt habe. Eine solche Kosmologie braucht aber auch das Christentum.
[ 28 ] In jener Zeit, die dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist, gab es Initiierte, die nach anderen Methoden arbeiteten, als die heutige Initiation arbeiten muß. Diese alten Initiierten, die vor dem Mysterium von Golgatha lebten und die das wußten, was in den geistigen Welten vor sich geht, die der Mensch nach dem Tode betritt, diese Initiierten haben schon ihren Bekennern sagen können: Ihr tretet nach dem Tode ein in eine Seelenwelt, in der ihr den Nachklang eurer moralischen Qualitäten und der den moralischen Qualitäten ähnlich gearteten zu erleben habt. Ihr könnt aber nicht mit denselben Seelenkräften, die in dieser Seelenwelt sich entfalten, in das Geisterland eintreten, denn auch wenn ihr einträtet, so würde dasjenige, was in eurem Bewußtsein als Nachwirkung der moralischen Bewertung im astralischen Organismus vorhanden ist, dumpf machen und auslöschen euer Ich-Bewußstsein, das Bewußtsein eures Selbstes, das ihr euch sonst nach dem Tode im Geisterlande erringen würdet.
[ 29 ] In der physischen Welt hat sich, wie ich gesagt habe, das Ich-Bewußtsein hier auf der Grundlage des physischen Organismus entwikkelt. Aber gerade für die Ausarbeitung jenes Geistkeimes des Menschen mußte ein Ich-Bewußtsein da sein, auch in den alten Zeiten der Menschheitsentwickelung, beim Durchleben des Geisterlandes.
[ 30 ] Das kann der Mensch nicht durch seine eigenen Kräfte haben — so sagten die alten Initiierten ihren Bekennern, die sie hören wollten —, das kann der Mensch nur haben, wenn in einem gewissen Momente, nachdem er durch die Seelenwelt hindurchgegangen ist, jenes hohe Geistwesen, das in der physischen Sonne seinen physischen Abglanz hat, an die Seite des Menschen tritt und ihn aus der Seelenwelt hineinführt in das Geisterland und dort fortan sein Führer ist. Wie der Mensch hier in der physischen Welt seine physisch besten Kräfte unter dem Einfluß der physischen Sonne erlebt — so sagten die alten Initiierten —, so muß der Mensch an die Hand genommen werden, bildlich gesprochen, beim Übergang aus der Seelenwelt in das Geisterland, damit er dort seine besten Kräfte aus den Impulsen jenes Sonnenwesens haben kann, das seinen physischen Abglanz hier in der physischen Sonne hat. — So stellten die alten Initiierten als den erhabenen Begleiter der Menschenseele durch das Geisterland das geistige Sonnenwesen dar.
[ 31 ] Und die Initiierten, die zur Zeit des Mysteriums von Golgatha und noch drei bis vier Jahrhunderte nachher lebten, sie sagten zu denen, die ihre Bekenner sein wollten und sie hören wollten: Durch die Art, welche die physische Entwickelung, der physische Organismus des Menschen genommen hat, ist der Mensch, nachdem er durch die Seelenwelt durchgegangen ist, mit seinem inneren Wesen so verstrickt in das Wahrnehmen des moralischen Nachklanges, daß, wenn er auf seine eigenen Kräfte angewiesen bliebe, sein Bewußtsein sich dort verdunkelte und er den Einfluß jenes Sonnenwesens gar nicht erlangen könnte. Dafür ist dieses Sonnenwesen selber auf die Erde herabgestiegen, hat im Leibe des Jesus von Nazareth menschliches Wesen angenommen und hat die Tat des Mysteriums von Golgatha verrichtet.
[ 32 ] Und wenn dann der Mensch auf der Erde zu demjenigen, was er durch seine Sinnesanschauung und durch die Entwickelung des IchBewufßstseins entfalten kann, noch hinzunimmt die Anschauung des Christus-Wesens in sein Fühlen, wie er es hier haben kann zwischen Geburt und Tod, wenn er in dieses Fühlen, das ja an den astralischen Organismus gebunden ist, aufnimmt die Anschauung des Mysteriums von Golgatha, dann übt das auf diesen astralischen Teil des Menschen der in solcher Weise nach dem Tode weiterlebt, wie ich es geschildert habe — auch diejenige Wirkung aus, welche die Nachwirkung des Verhältnisses des Erdengeschehens zum Christus und zum Mysterium von Golgatha ist. Und durch diese Nachwirkung wird das sonst trübe und finster bleibende Bewußtsein für das Geisterland beim Übergang aus der Seelenwelt in dieses Geisterland nach dem Tode gestärkt und fähig gemacht, dasjenige in der geistigen Welt anzuschauen, was die Menschenseele zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in die Lage bringt, den physischen Organismus in seinem Geistteile vorzubereiten.
[ 33 ] So haben die Initiierten, welche Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha waren oder welche noch einige Jahrhunderte danach lebten, zu ihren Bekennern gesagt: Hat sich der Mensch dahin entwickelt, daß er durch den Tod hindurch nicht die Kräfte trägt, die ihn aus der Seelenwelt in das Geisterland führen können, so ist doch der Christus auf die Erde herabgestiegen, hat die Tat von Golgatha vollbracht, und durch die Wirkung dieser Tat von Golgatha in die Menschenseele hinein können die Kräfte dieser Menschenseele so verstärkt werden, daß der Mensch nach dem Tode beim Übergang von der Seelenwelt in das Geisterland die kosmische Welt so reich erlebt, daß er aus ihren Impulsen heraus den physischen Organismus seines nächsten Erdenlebens gestalten, mitgestalten kann. Durch Christi Tat wird die Menschenseele beim Übergang aus der Seelenwelt in das Geisterland gereinigt.
[ 34 ] So sagten die initiierten Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha, wie schon die alten Initiierten gesagt haben: Durch die Führung des hohen Sonnenwesens wird die Menschenseele beim Übergang von der Seelenwelt in das Geisterland gereinigt.
[ 35 ] Sie sehen daraus, wie das, was gerade als das Mysterium des Todes angesprochen werden muß, zusammenhängt mit der christlichen Evolution der Erdenmenschheit. Nach dem 4. Jahrhundert jedoch — das habe ich ja auseinandergesetzt — dämmerte jene Initiationserkenntnis herab, welche in dieser Weise, wie ich es eben anführte, zu den Menschen, die ihre Bekenner haben werden wollen, hätte sprechen können. Aber jetzt ist wieder die Zeit da, wo eine neue Initiationswissenschaft wiederum den Zusammenhang zwischen den Menschen und dem Christus Jesus enthüllen kann. Und diese neue Initiationswissenschaft muß wieder sagen: Derjenige, der das Geheimnis des Mysteriums von Golgatha während des Erdenlebens in sein Gefühlsleben aufnimmt, verstärkt und erkraftet dadurch sein inneres Seelenwesen, so daß dieses beim Übergang von der Seelenwelt in das Geisterland mächtig werden kann, nicht einen solchen physischen Organismus zu bilden, wie er sonst entstehen müßte, wenn kein solcher Impuls durch ein erneuertes Christentum käme. Denn ohne diesen Impuls müßten solche Organismen in der künftigen Erdenorganisation entstehen, die krankhaft sind. Durch das erneuerte Christentum tauchen wir ein in jenen Impuls, durch den für den Rest des Erdenlebens gesunde, kraftvolle physische Organismen entstehen können.
[ 36 ] So hängt das, was menschliche Entwickelung durch den Tod hindurch ist, tief zusammen mit dem Christus-Wesen, und in einer wahren Kosmologie steht der Christus als eine Weltenkraft, als eine kosmische Kraft darinnen, und seine Kraft kann angeschaut werden beim Übergang des Menschen aus der Seelenwelt in das Geisterland nach dem Tode.
[ 37 ] Wie dann dasjenige, was nun auch in der Menschenseele ist und für das gewöhnliche Bewußtsein sich in dem Willen auslebt, durch den Tod hindurchgeht und zwischen Tod und neuer Geburt die Keimanlage zu gewissen Kräften werden kann, die erst im nächsten Erdenleben zum Ausdruck kommen, wie sich das Menschenschicksal, das man früher Karma genannt hat, hindurchlebt von Erdenleben zu Erdenleben, das wird die Betrachtung des nächsten Vortrages sein, die zu der heutigen Betrachtung der menschlichen Gedankenwelt und der menschlichen Gefühlswelt hinzufügen wird die Betrachtung der menschlichen Willenswelt. Da wird sich aber wiederum ergeben, wie mit Bezug auf den Willensteil der Mensch seine bedeutsame Beziehung entwickeln muß zu der Christus-Wesenheit und zu dem Mysterium von Golgatha, zu der ganzen christlichen Entwickelung. Und wie wir heute den Christus hineingestellt haben in die kosmologische Entwickelung, in die wahre kosmologische Erkenntnis, so wird es uns noch obliegen, in dem morgigen Vortrage den Christus hineinzustellen in eine erneuerte Religionserkenntnis.
