Die Philosophie, Kosmologie und Religion in der Anthroposophie
GA 215
15 September 1922, Dornach
10. Das Erleben des Willensteils der Seele
[ 1 ] Was die menschliche Seele im gewöhnlichen Bewußtsein während des Erdendaseins erlebt, drückt sich aus in Denken, Fühlen und Wollen. Den eigentlichen realen Hintergrund für dieses Denken, Fühlen und Wollen müssen wir aber in dem suchen, was ich in diesen Tagen hier charakterisiert habe als den astralischen menschlichen Organismus und als die Ich-Wesenheit. Nun habe ich gezeigt, wie der denkende Seelenteil in einer gewissen Beziehung steht zur Kopforganisation, und wie der fühlende Seelenteil in einer etwas andersgearteten Beziehung steht zu der rhythmischen Organisation des Menschen, zum Atmungsrhythmus, Zirkulationsrhythmus und zu anderen rhythmischen Vorgängen im Menschenwesen. In einer viel loseren Weise steht der Willensteil der menschlichen Seele in Verbindung mit dem physischen und dem ätherischen menschlichen Organismus.
[ 2 ] Wenn wir studieren, wie der denkende Seelenteil mit der Kopforganisation in Verbindung steht, so kommen wir darauf, daß er gewissermaßen ganz an die Kopforganisation hingegeben ist; er ist gewissermaßen in die Kopforganisation umgebildet. Die Kopforganisation bildet ein physisches und ätherisches Abbild des denkenden Seelenteiles, so daß man, wenn der Mensch im wachen Tagesleben wirklich denkt, den Vorgang des Denkens an sich nicht eigentlich schauen kann, sondern in seinem Abbilde in den physischen und ätherischen Vorgängen des Gehirns und des übrigen Nervensystems suchen muß. Deshalb ist ja auch für diesen physischen Teil der Seelenerkenntnis die Gehirnanatomie und -physiologie die eigentliche Domäne, weil man so recht schon im Aufbau des Gehirns und dadurch auch in den Vorgängen des Gehirns deutlich die Abbilder dessen sehen kann, was im Denken vor sich geht. Nicht in derselben Weise an den physischen und ätherischen Organismus hingegeben und auch nicht in diesen eingeflossen ist der fühlende Teil der menschlichen Seele. Von ihm können wir sagen: Er ist bald ganz hingegeben an die Atmung, an die Blutzirkulation, strömt in sie ein, so daß er für das imaginative Schauen und für die Inspiration wie unsichtbar wird. — Man schaut hin: der fühlende Teil der Seele schlüpft in die Atmungsvorgänge und in die Blutzirkulationsvorgänge hinein, dann wieder entreißt er sich ihnen, wird selbständig, hat eine eigene gestaltenbildende Tätigkeit in sich. So schlüpft gewissermaßen der fühlende Seelenteil in das Zirkulationssystem hinein, zieht sich wieder davon zurück, schlüpft wieder hinein, und so fort.
[ 3 ] Ganz anders verhält sich der Willensteil der Seele. Er ist weder fortdauernd hingegeben an den physischen und ätherischen Organismus, noch auch gerät er in ein abwechselndes Ausgegossensein und sich wieder Zurückziehen, sondern er hält sich eigentlich durch seine eigenen Kräfte von dem physischen Teil und dem ätherischen Teil des menschlichen Organismus zurück. Er hat ein eigenes selbständiges Dasein durch seine eigenen Kräfte. Er bleibt durch diese Kräfte eigentlich im Seelischen, Geistigen und würde es bleiben, wenn nicht etwas anderes eintreten würde. Wir können also sagen: In diesem Willensteil der Seele bleibt das Seelische immer seelisch-geistig auch während des Erdenlebens. Und wenn man durch Intuition einen Einblick erhält in das, was hinter diesem Willensteil der Seele als das eigentlich Wirkliche liegt, dann kann man das, was bleibende geistig-seelische Wesenheit des Menschen ist, an diesem Willensteil studieren. Nur gibt es doch auch eine Art Hingegebensein des Willens an den physischen Organismus, ein Ausfließen in denselben, aber nicht, daß dies fortwährend ist, wie beim denkenden Teil der Seele, und auch nicht in rhythmischer Abwechslung, wie beim fühlenden Teil, sondern es ist folgendermaßen. Wenn zum Beispiel unser denkender Seelenteil durch die Kopforganisation den Gedanken faßt, der in sich selber durch seinen Inhalt der Antrieb zu einem Wollen ist, dann geschieht nicht das, was beim bloßen Nachdenken geschieht. Beim Nachdenken über die Dinge der Welt, ohne daß es zu einem Wollen kommt, wird bloß die Kopforganisation engagiert, und es wird die Organisation des menschlichen Kopfes durch die Denktätigkeit in der Weise abgebaut oder wenigstens in die Neigung zum Abbau, zum Auflösen, zum Sterben gebracht, wie ich es gestern dargestellt habe. Fassen wir aber den Gedanken: Ich will dies oder jenes —, dann verbreitet sich die Tätigkeit, die dem denkenden Teil der Seele angehört, von der Kopforganisation aus in das Stoffwechselsystem und in das Gliedmaßensystem des Menschen hinein. Wenn ein Mensch einen Gedanken hat, der eine Willensabsicht darstellt, dann sieht man in der Intuition, wie eine astralische Tätigkeit hineinpulsiert in irgendeinen Teil der menschlichen Stoffwechselorganisation oder bis in die Gliedmaßenorganisation, und da wird dann durch einen solchen den Willen beabsichtigenden Gedanken nicht nur in der Kopforganisation abgebaut, sondern es wird abgebaut auch in den Stoffwechselorganen und in den Gliedmaßenorganen. Da entstehen durch solche Gedanken Zerstörungsprozesse. Diese Zerstörungsprozesse veranlassen, daß sich nun auch das, was als Reales dem Willensteil der Seele zugrundeliegt, hineinergießt in den Stoffwechselorganismus oder in den Gliedmaßenorganismus und wiederum das ausgleicht, was der Gedanke abgebaut hat, wiederum aufbaut, was durch den Gedanken abgebaut wird.
[ 4 ] Wenn ich mich anschaulich ausdrücken will, so ist folgendes der Fall. Ich habe den Gedanken, meinen Arm aufzuheben. Dieser Gedanke schießt aus der Kopforganisation in die Armorganisation hinein, bewirkt dort einen Abbau, einen Zerstörungsprozeß. Man kann ihn eine Verbrennung nennen. Da wird im Laufe meiner Armorganisation etwas zerstört. Derjenige Teil des astralischen Organismus, der dem Willensteil der Seele entspricht, flutet nach, stellt wiederum her, was abgebaut ist, baut es wieder auf. Und in diesem Aufbauen vollzieht sich das Heben meines Armes. Es wird also das, was verbrannt ist, wiederum hergestellt, und in dieser Wiederherstellung vollzieht sich der eigentliche Willensakt.
[ 5 ] Nun ist in dem Teil des astralischen Organismus, der den Willensimpulsen der menschlichen Seele zugrundeliegt, auch die eigentliche Ich-Wesenheit enthalten, so daß immer, wenn eine Willensentfaltung geschieht, auch eine Entfaltung der Ich-Wesenheit vor sich geht. Indem man sieht, wie der Mensch seinen Willen entfaltet, schaut man also hinein, wie auf eine gewisse Veranlassung hin der menschliche astralische Organismus und die Ich-Wesenheit hineinfluten, sich hineinergießen in den physischen und ätherischen Organismus. Das geschieht auch, wenn eine Willensentfaltung sich abspielt, die eigentlich nicht nötig macht, daß ich meine Gliedmaßen bewege, sondern die vielleicht deren Ergänzungsteil ist, oder die vielleicht selber nur ein etwas lebhafter Wunsch ist. Da geschieht so etwas auch, nur werden da viel innerlichere Teile des menschlichen Organismus von dem realen Willensteil der Seele durchflutet.
[ 6 ] Sie sehen, man kann ganz genau die Willensentfaltung studieren, aber man braucht dazu die Erkenntnis der eigentlichen seelischen und geistigen Wesenheit des Menschen. Ohne diese Erkenntnis kann man den Willensteil der Seele nicht studieren und eigentlich auch nicht auf die Ich-Wesenheit kommen, weil diese im Denken sich nur in einem schwachen Abbild zeigt, im Fühlen nur als ein Impuls auftritt und im Willen erst für das Erdendasein ihre wirkliche Realität hat. Abgesehen von dieser Willensentfaltung auf eine gewisse Veranlassung hin ist dasjenige, was dem menschlichen Willen als etwas Reales entspricht, im menschlichen Organismus ein fortwährendes Begehren der physischen Organisation. Man wünscht sozusagen im Willensteil der Seele, unterbewußt, eingekleidet zu sein in den Stoffwechsel- und Gliedmaßenorganismus des Menschen. Wenn man dann gerade auf dieses in der menschlichen Seele näher eingeht, was ich eben beschrieben habe, so schaut man durch diesen Willensteil in Tiefen, in Untergründe des menschlichen Seelenlebens, in Vorgänge der Seele hinunter, die dem gewöhnlichen Bewußtsein sehr verborgen sind.
[ 7 ] Ich habe ja schon ausgeführt, wie das, was da im Organismus als Abbau und Aufbau sich vollzieht, dem gewöhnlichen Bewußtsein ganz unbewußt bleibt. Aber außer diesen für die gewöhnlichen Willensimpulse in Betracht kommenden Tätigkeitsentfaltungen der Menschenseele gibt es noch Vorgänge, unterbewußte Vorgänge im menschlichen Wesen, die sehr reale sind, aber während des Erdendaseins ihre Wellen gar nicht in das gewöhnliche Bewußtsein herauf werfen. Das sind die folgenden.
[ 8 ] Wir haben gestern gesehen, wie im Gefühlsteil der Seele unbewußt ein fortwährendes Bewerten des moralischen und moralisch-geistigen Menschen stattfindet. Das, was nur in einem schwachen Abglanz in das Bewußtsein heraufschlägt als Gewissensregungen, als Beurteilungen der eigenen Tätigkeit, das ist im Unterbewußten eine sehr bedeutsame, einschneidende Tätigkeit. Alles, was der Mensch tut, bewertet er auch in seinem unterbewußten Seelenorganismus. In diesem kommt es nur zu einer Bewertung. Aber in dem, was dem Willensteil der Seele entspricht, kommt es noch zu etwas ganz anderem. Da sehen wir im Laufe des Erdenlebens, wie der astralische Leib und das Ich, die diesem Willensteil entsprechen, richtig aufbauen mit den astralischen und den Ich-Kräften des Kosmos eine ein dumpfes Leben führende innere Wesenheit des Menschen. Ja, es ist so: Indem wir innerlich unsere eigenen Fähigkeiten bewerten, gebären wir ein astralisches Wesen aus, das in uns sitzt und immer mehr und mehr wächst. Dieses Wesen enthält nun als Tatsachen jene Bewertungen, und der Gefühlsteil der Seele bewirkt nur, daß die Bewertung gewissermaßen da ist, gleichsam wie ein ideeller Vorgang oder — nach der Zeit, wo es geschehen ist — wie eine unterbewußt ideelle Erinnerung. Nach dem Geschehen entsteht in dem Willensteil etwas, was mehr ist. Das Urteil: Ich habe eine böse Tat vollbracht — wird zu einem Wesen in uns. Wir haben in diesem Wesen etwas in uns, das tatsächlich realisierte Bewertung des tätigen Menschen ist.
[ 9 ] Nun liegt, wie Sie soeben aus der Darstellung gesehen haben, in diesem Willensteil der Seele etwas, was bleibt, was auch schon vorhanden war, bevor der Mensch aus der geistig-seelischen Welt herabgestiegen ist in einen physisch-ätherischen Organismus. Da wirkt der Nachklang in diesem Geistteil der Seele, wiederum einen menschlichen Organismus aufzubauen, denn das war seine Tätigkeit im vorirdischen Dasein. Er wird jetzt nur gehindert, weil der physische Organismus da ist, weil die Tätigkeit sich nicht entfalten kann, denn sie stößt gewissermaßen überall an die Ecken und Wände des physischen Organismus, aber sie bleibt als Tendenz vorhanden. Und es gliedert sich nun ein in diese Tendenz jene Realität, die ich eben beschrieben habe: das Wesen, welches die realisierte Bewertung des moralischen und moralischgeistigen Menschen darstellt; so daß wir in uns tragen ein Wesen, in dem zusammenfließen die Anregung, einen neuen Organismus zu bilden, und die realisierte moralische Bewertung. Dieses Wesen tragen wir durch die Todespforte, wenn unser physisches Erdendasein zu Ende ist.
[ 10 ] Aus meiner Darstellung haben Sie gesehen, daß im menschlichen Organismus fortwährend abbauende und aufbauende, Sterben bewirkende und belebende, abdämpfende und erweckende Kräfte vorhanden sind. In dem denkenden Teil der Seele haben wir ablähmende, in dem wollenden Teil erweckende Kräfte zu sehen. Dieser Kampf zwischen Tod und Leben begleitet uns durch unser ganzes Erdendasein. Wenn wir dieses Erdendasein beschließen, so tragen wir das unbewußt ausgebildete Ergebnis unserer moralischen Qualitäten in eine geistige Welt hinein.
[ 11 ] Sie haben aus den Darstellungen, die ich in diesen Tagen gegeben habe, gesehen, daß in dem Augenblick, wo der Mensch durch die Todespforte tritt, sein Bewußtsein, das sonst nur ein irdisches Bewußtsein war, sich zu einem kosmischen erweitert. So wie der Mensch hier auf der Erde sich einlebt in einen physischen Organismus, wie er innerhalb der Haut dieses physischen Organismus sich begrenzt fühlt, so lebt er sich in die Weiten des Kosmos ein, wenn er durch die Todespforte geht. Das, was er sonst um sich hat, wird nun sein eigener Inhalt. Sein Bewußtsein wird ein kosmisches. Und die Frage entsteht: Wie ist die Bewertung von dem, was der moralische Mensch ist, wenn der Mensch, nachdem er durch die Pforte des Todes geschritten ist, dieses kosmische Bewußtsein aufgenommen hat und das Bestreben hat, einen neuen physischen und ätherischen Organismus zu bilden? — Die Antwort darauf soll im zweiten Teile der heutigen Betrachtung gegeben werden.
[ 12 ] Bevor ich zur Beantwortung der eben aufgestellten Frage übergehen kann, habe ich noch einiges über den irdischen Lebenslauf des Menschen aus den geschilderten Verhältnissen heraus zu charakterisieren.
[ 13 ] Sie haben gesehen, daß ein fortwährendes Abbauen und Aufbauen im menschlichen Organismus vor sich geht. Dieses Abbauen und Aufbauen, Zerstören und Wiederbeleben findet während des ganzen Lebenslaufes zwischen Geburt und Tod statt. Indem wir denkende Seelenwesen sind, müssen wir abbauen, indem wir wollende Wesen sind, müssen wir aufbauen, und indem wir fühlende Wesen sind, vollbringen wir ein Wechselwirken zwischen Abbauen und Aufbauen, so daß, was sich nach innen, seelisch, im Menschen als Denken, Fühlen und Wollen darstellt, ein Zerstören und Wiederentstehen und ein Wechselspiel zwischen Zerstören und Wiederentstehen ist. Diese Prozesse im menschlichen Organismus, die außerordentlich kompliziert sind, sind für jedes Lebensalter anders. Anders sind sie beim Kinde, anders beim erwachsenen Menschen. Insbesondere ist es für den Erziehenden und Unterrichtenden wichtig, daß er aus einer geistigen Menschenerkenntnis heraus dieses Wechselspiel zwischen Abbauen und Aufbauen, dieses Hineinfluten von aufbauenden Prozessen in abbauende, von abbauenden in aufbauende, wie diese in gewissen Organisationen des Menschen fortwährend durcheinanderspielen, in ihren Wirkungen auf den Organismus durchschauen kann. Denn nur dadurch kann man richtig erziehen und unterrichten, wenn man durchschauen kann, wie im kindlichen Organismus die aufbauenden und abbauenden Kräfte wirken, und was für eine Wirkung auf sie durch Erziehung und Unterricht ausgeübt werden kann.
[ 14 ] Dafür nur ein Beispiel. Es ist etwas ganz anderes, ob man ein Kind gerade so viel, als ihm gut tut, oder ob man es zuviel gedächtnismäßig auswendig lernen läßt, so daß das Gedächtnis überlastet ist. Man könnte bei der Art, wie man heute das Wechselspiel zwischen aufbauenden und abbauenden Vorgängen nimmt, leicht glauben, das übe nur einen Einfluß auf die seelische Organisation des jungen Menschen aus. Das ist nicht der Fall. Wenn wir ein Kind zuviel auswendig lernen lassen, so bildet es in einer ungeregelten Weise Erinnerungsgedanken aus, die sich in die Kopforganisation einleben, die aber dann Unregelmäßigkeiten bewirken, indem sie sich in Willensgedanken fortsetzen, auch in den Stoffwechsel- und Gliedmaßenorganismus. Und wir können es erleben, daß wir vielleicht das Kind in einer falschen Weise in bezug auf sein Gedächtnis unterrichtet und erzogen haben, und daß sich dieser Fehler vielleicht erst im dreißigsten, vierzigsten oder fünfundvierzigsten Jahre zeigt in einer schlechten inneren Verdauung und Stoffwechselstörungen.
[ 15 ] Ich führe dies nur als ein naheliegendes Beispiel an. Die Dinge sind sehr kompliziert, und es ist so, daß tatsächlich aus einer geistigen Erkenntnis des Menschen heraus der wirkliche Pädagoge die Tragweite dessen, was er physisch und seelisch mit dem Kinde vornimmt, ermessen und überschauen kann. Daher kann eine wirkliche, wahre Pädagogik nur auf einer Menschenerkenntnis aufgebaut werden, die auf den physischen Körperorganismus, auf Seele und Geist sieht, und die auch die Wechselwirkung dieser drei Glieder der menschlichen Totalorganisation durchschaut. Eine solche Pädagogik ist innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung ausgebildet worden. Sie wird Realität in der Waldorfschule; auch hier in gewissen, allerdings nur fortbildungsschulmäßigen Versuchen. Aber es ist einmal zu sagen, daß die bloße Sinneswissenschaft, die heute allgemein anerkannt wird, niemals eine wahre Pädagogik begründen kann, und daß daher auch eine wahre Pädagogik nur möglich wird durch eine anthroposophische Vertiefung des wissenschaftlichen Lebens. In einigen Einzelheiten werde ich das hier angeschlagene Thema in den Vorträgen von morgen und übermorgen dann weiter auszuführen haben.
[ 16 ] Ferner stellt sich vor den schauenden Blick hin ein gewisses Wechselspiel von Abbau und Aufbau, von Zerstören und Wiederherstellen, von Ineinanderschieben zerstörender und wiederherstellender Tätigkeit im ganzen menschlichen Organismus, in den einzelnen Organen, in der einen oder anderen Weise, je nachdem, ob der Mensch mehr oder weniger gesund oder krank ist. Das Kranksein in seinen einzelnen Erscheinungen lernt man nur erkennen durch ein Verfolgen der Art und Weise, wie im ganzen menschlichen Organismus oder in irgendeinem Organ oder in einer Organgruppe Abbauprozesse die Oberhand gewinnen und dadurch der Organismus spröde, verhärtet wird, oder wie Aufbauprozesse die Oberhand gewinnen und dadurch ein wucherndes Leben entsteht. Oder man lernt auch erkennen, wie Abbauprozesse sich in unrechtmäßiger Weise hineinschieben in Aufbauprozesse und sie durchsetzen mit nicht verarbeiteten Stoffwechselprodukten und dergleichen. Kurz, ebenso wie es für den Erzieher wichtig ist, den normalen Verlauf dieser Aufbau- und Abbauprozesse beim Kinde beurteilen zu können, so ist es wichtig für den, der mit dem kranken Menschen zu tun hat, hineinzuschauen in die abnormen Aufbau- und Abbauprozesse.
[ 17 ] Nun ist es so: Wenn wir die umliegende physische Welt in ihren verschiedenen Naturreichen, im Mineralreich, Pflanzenreich, zum Teil auch im tierischen Naturreich durchschauen, so finden wir alles durchsetzt von verborgenem Geistig-Seelischem. Wir finden zum Beispiel in irgendeiner Pflanze Aufbaukräfte, die, wenn sie in einer gewissen Weise bereitet und in den menschlichen Organismus eingeführt werden, solchen zerstörenden Prozessen, die krankhaft abnorme sind, entgegenarbeiten. Kurz, man findet für abnorme Abbau- oder abnorme Aufbauprozesse in der Natur draußen Heilmittel, und den Zusammenhang zwischen dem Heilmittel und der Krankheit kann man eben nur dadurch durchschauen, daß man in der eben charakterisierten Weise in den menschlichen Organismus hineinsieht. Durch alles das, was mit einem in einer gewissen Weise erkrankten Organismus vorgenommen werden kann, sei es, daß man ihm äußere Heilmittel zuführt, sei es, daß man ihn so behandelt, wie man ihn sonst als gesunden Organismus nicht behandelt oder wie er sich selbst nicht behandelt, sei es also, daß man in dieser Weise richtig angewandte Maßnahmen trifft oder dasjenige macht, was wir als Heileurythmie ausgeführt haben — immer wirkt man durch solche Anwendung so, daß man versucht, wuchernde Aufbauprozesse oder über das Normalmaß hinausgehende Zerstörungsprozesse wieder im Organismus ins Gleichgewicht zu bringen.
[ 18 ] Sie sehen, daß die auf der bloßen Sinneswissenschaft bauende Medizin ergänzt und erweitert werden muß durch das, was aus der geistigen Anschauung, aus der Erkenntnis der totalen Menschenorganisation folgen kann. So, wie die Sinneswissenschaft in ihrem physiologischen, in ihrem anatomischen Teil nur die Außenseiten der menschlichen Organisation zu beurteilen vermag, so vermag sie auch nur durch ein äußerliches Probieren die Beziehung eines Heilmittels zu einer Erkrankung zu finden. Inspiration, Imagination und Intuition bringen es dahin, den inneren Zusammenhang eines Heilmittels oder Heilprozesses mit dem Wesen des Krankheitsprozesses zusammenzuschauen und an die Stelle der bloß probierenden empirischen Therapie eine den Menschen und die Heilprozesse durchschauende rationelle Therapie zu setzen. Auch dieses kann ich hier nur ganz skizzenhaft andeuten, aber Sie sehen daraus, wie in dem, was als anthroposophische Erkenntnis begründet werden soll, auch der Ausgangspunkt liegt für ein weiteres Ausgestalten sowohl der Pathologie wie der Therapie nach den charakterisierten Gesichtspunkten, und diese Dinge haben ja bei uns innerhalb unserer Bewegung schon praktische Form angenommen. In unseren Therapeutischen Instituten in Stuttgart und hier in Arlesheim wird nicht etwa medizinischer Dilettantismus getrieben. Was heutige Medizin ist, wird voll anerkannt und auch angewendet; aber durchdrungen werden diese Dinge von dem, was eine Geist-Erkenntnis, eine Geistanschauung in sie hineinlegen kann. Kritiker, die bloß auf die Sinneswissenschaft bauen wollen, sagen heute noch, das, was diese Geisteswissenschaft, die aus Anthroposophie heraus arbeitet, über Krankheit und Heilprozesse zu sagen hat, sei kindlich. — Nun, es ist dies ganz begreiflich bei Menschen, die nur aus der Sinneswissenschaft heraus denken und arbeiten wollen. Aber gesagt muß doch werden, daß eben solche Menschen keine Ahnung haben von den wahren Verhältnissen, wenn sie die Dinge «kindlich» nennen, und daß dasjenige, was die Sinneswissenschaft anatomisch, pathologisch und therapeutisch hervorbringt, nur ein Unterbau ist für das, was sich aus der geistigen Anschauung heraus gerade für die Medizin ergibt. Und ich möchte es nicht in einem abfälligen Sinne, sondern nur in bezug auf manche Kritiker sagen: Wenn schon etwas kindlich ist in mancher Beziehung, dann ist es die Medizin, die nur auf das Sinnesding sich aufbauen will, wobei ich nicht das Kindliche absprechen will, sondern nur darauf verweisen, wie es ergänzt wird durch das, was aus einer Geist-Erkenntnis in bezug auf den totalen Menschen herauskommt. — Wenn Sie dies bedenken, werden Sie einsehen, wie man in die Details gehen muß, wenn man die Betätigungen des ätherischen, des astralischen Organismus und der Ich-Wesenheit des Menschen im physischen Leben durchschauen will.
[ 19 ] Im Tode legt nun der Mensch den physischen Organismus ab, der entfällt ihm. Es tritt dann ein Zustand ein, in welchem der Mensch den physischen Organismus nicht mehr an sich trägt, sondern in welchem die Ich-Wesenheit und der astralische Organismus noch den ätherischen Organismus an sich tragen. Ich habe schon ausgeführt, wie das, was den ätherischen Organismus des Menschen ausmacht, nicht streng getrennt ist durch feste Grenzen von der allgemeinen Organisation des Ätherisch-Kosmischen. Da fließt fortwährend Strömendes aus dem Kosmisch-Ätherischen in den menschlichen ätherischen Organismus hinein und wieder hinaus. Daher ist es auch so, daß in dem Augenblick, wo der Mensch durch die Todespforte tritt, er aber noch seinen ätherischen Organismus an sich hat, sein Bewußtsein sich erweitert in die ätherischen Weiten hinaus, daß er aber als sein Eigenes noch dasjenige empfindet, was sich aus dem physischen Organismus eben herausgezogen hat als sein ätherischer Organismus. Während dieses Zustandes ist der Mensch ganz hingegeben den Äthererlebnissen des Kosmos, die sich für sein Bewußtsein zuweilen zusammenziehen in das bloße Äthererleben des eigenen Organismus. Der Mensch ist, nachdem er durch die Todespforte geschritten ist, gewissermaßen überwältigt von dem, was ihm das kosmische Bewußtsein ist. Da tritt noch nichts auf von einem bewußten Hinschauen auf das, was ich als eine Wesenheit bezeichnet habe, die sich in uns ausbildet und welche die realisierten Bewertungen des moralischen Menschen darstellt. Wir tragen diese moralisch-geistige Wesenheit, die sich in den astralischen Organismus eingegliedert hat, durch die Todespforte durch, nehmen aber in der allerersten Zeit nach dem Tode nicht viel davon wahr, sondern sind jetzt hingegeben — aus dem Kosmischen heraus und in dasselbe hinein — dem Lebenslauf, den wir gerade auf der Erde durchgemacht haben, denn der ist ja der Inhalt des ätherischen Leibes. Wir schauen eine Weile zurück auf den irdischen Lebenslauf, den wir eben vollbracht haben. In seinem Inneren — wie ich es in diesen Tagen schon geschildert habe, wie er sich darstellt dem imaginativen Bewußtsein — erscheint jetzt dieser Lebenslauf unmittelbar nach dem Tode. Doch dauert dieser Zustand nur einige Tage. Er dauert ungefähr so lange, als für den einzelnen Menschen — es ist individuell verschieden — die Tageserlebnisse anregend sind zur Traumbildung.
[ 20 ] Mit der Traumbildung ist es ja so, daß eigentlich die Träume immer unmittelbar anklingen an die Erlebnisse des soeben vergangenen Tages oder an die des zweitvergangenen oder des drittvergangenen Tages. Und ebenso wie wir etwas träumen aus dem vergangenen Tage, dies aber in einer Gedankenassoziation mit anderen, früheren unserer Erlebnisse steht, so kommen auch diese anderen Erlebnisse des Menschen im Traume herauf. Wir träumen zum Beispiel, daß wir gestern mit einem Menschen dies oder jenes gesprochen haben. Das gestrige Erlebnis tritt noch unmittelbar ins Traumleben ein. Aber wir haben mit diesem Menschen in lebendiger Weise von jemandem geredet, den wir vielleicht vor zehn Jahren und seitdem nicht wieder gesehen haben. Indem dieses Erlebnis sich in das Gespräch hineingesponnen hat, träumen wir von jenem Menschen allerlei herauf. Es werden eben die Träume nicht ordentlich studiert, sonst würde man diese Erlebnisse des Traumlebens kennen. Es ist nun bei den einzelnen Menschen verschieden. Der eine träumt nur, was am letzten Tage war; ein anderer träumt, was er am vorher vergangenen Tage erlebt hat; wieder ein anderer träumt, was drei, vier Tage vorher war. Und so weit diese Möglichkeit für den einzelnen individuellen Menschen besteht, so lange dauert der Zustand nach dem Tode, wo man noch in dem ätherischen Leibe ist. Ich könnte es auch anders charakterisieren und sagen: Es fällt die Länge dieser Zeit zusammen mit der Zeit, in welcher der Mensch nicht genötigt ist, zu schlafen, wo er es also aushalten kann, wach zu bleiben, durch Tage und Nächte hindurch, ohne zu schlafen. — Der eine fällt schon in Schlaf, wenn er nur eine Nacht nicht geschlafen hat. Der andere kann es vertragen, zwei, drei oder vier Nächte hindurch zu wachen. Ebenso lange dauert dann das Erlebnis, wo der Mensch nach dem Tode noch in seinem Ätherleib ist.
[ 21] Dann aber kommt es so, daß wir immer mehr und mehr hingenommen werden von unserem Bewußtsein, das sich eingelebt hat in die kosmisch-ätherische Welt. Und weil unser ätherischer Organismus jetzt nicht streng getrennt ist von der kosmisch-ätherischen Welt, so flutet er gewissermaßen in dieselbe hinaus. Und es ist so, wenn wir uns im Kosmisch-Ätherischen fühlen und wieder auf unseren ätherischen Leib zurückblicken, dann kommt er uns schon größer vor. Und so geht es weiter. Schließlich haben wir den ätherischen Organismus nicht mehr, und wir leben uns nun mit dem astralischen Organismus in den Kosmos und in unser kosmisches Bewußtsein hinein. Da tritt dann im Menschen das herauf, was ich als ein Wesen charakterisiert habe, das die realisierte Bewertung der moralisch-geistigen Qualität des Menschen darstellt. Mit diesem Wesen fühlt man sich behaftet. Man ist also ein Zusammenfluß dessen, was sich von einem in den Kosmos hineinlebt, und dessen, zu dem man immer wieder und wieder in den Erlebnissen nach dem Tode zurückkehren muß, des Wesens, das eigentlich unser moralisches Fazit darstellt.
[ 22 ] Und jetzt entsteht, weil gewissermaßen aus dem kosmischen Bewußtsein heraus fortwährend real die ausgleichenden Kräfte wirken, eine außerordentlich starke Tendenz: Dem, was du unrichtig, töricht gemacht hast, dem mußt du die richtige Handlung gegenüberstellen! Deshalb bildet sich im weiteren Verlaufe desjenigen Lebens, das ich gestern als die Seelenwelt charakterisiert habe, das Hineinleben in den Rhythmus zwischen den moralisch-geistigen Qualitäten des Menschen und den kosmischen Qualitäten. In diesem Rhythmus bildet sich aus eine Summe von Tendenzen, wieder die Möglichkeit zu erleben, Ausgleiche zu schaffen für das, was man moralisch minderwertig oder dergleichen findet. Es bildet sich die Tendenz aus, wenn man zum Beispiel einem Menschen etwas zugefügt hat, was ihn in der einen oder anderen Weise berührt hat, dann dafür eine im anderen Erdenleben ausgleichende Handlung zu schaffen. Kurz, es bildet sich der Keim des Schicksals, das durch die verschiedenen Erdenleben hindurchgeht, auf diese Weise aus. Aber zugleich wird das rein kosmische Bewußtsein sehr verfinstert, verdämmert dadurch, daß wir diesen Bestandteil in uns tragen, und es muß während des ganzen Durchganges durch die Seelenwelt die Menschenseele in einem dumpfen — wenigstens dumpferen Bewußtseinszustand bleiben, bis an sie die Notwendigkeit herantritt, in das Geisterland einzutreten, dasjenige abzustreifen, was sich als die geschilderte Wesenheit ergeben hat, und eine Weile rein zu leben in dem Kosmos, der amoralisch ist, in den wir nicht das mitbringen können, was wir als das Fazit unseres moralischen oder unmoralischen Geisteswesens in der Seelenwelt erlebt haben.
[ 23 ] Wenn man diesen Übergang aus dem seelischen Erleben zu dem geistigen Erleben nach dem Tode schildern will, so kann man ihn vom Standpunkte des menschlichen Erdenlebens so darstellen, daß man sagt: Solange der Mensch durch die Seelenwelt durchgeht, das heißt, diesen Zustand erlebt vom Rhythmus des Kosmischen und des Moralisch-Geistigen, das in ihm selber im verflossenen Erdendasein war, des Ineinanderschlagens dieser beiden Wesenhaftigkeiten, so lange ist der Mensch mit einer Art von Hinneigung wie gebannt an sein letztes Erdenleben. Das, was er sich da mitgebracht hat als eine Wesenheit, die seine moralisch-geistigen Qualitäten darstellt, diese Wesenheit ist ja herausgeflossen aus seinem letzten Erdenleben. Er hängt mit seinen Seelentendenzen an derselben und erst, wenn er sich von diesem Hängen, von diesen Tendenzen innerlich freigemacht hat, kann er in das reine Erleben des Kosmos übergehen, in dem jene geistigen Wesenheiten mit ihm so zusammenleben können, daß er aus ihren Kräften für sich die Kräfte gewinnt, welche den universellen, den kosmischen Geistteil für einen kommenden menschlichen physischen Organismus ausarbeiten können.
[ 24 ] Das ist vom Standpunkte des menschlichen Erdenerlebens aus gesprochen. Man kann aber dieselben Verhältnisse vom Standpunkte des kosmischen Bewußtseins und des kosmischen Erlebens aus charakterisieren und muß dann sagen: Nachdem der Mensch seinen ätherischen Leib abgelegt hat und während in seiner Ich-Wesenheit und in seinem astralischen Organismus in jener Art, wie ich es charakterisiert habe, noch weiterleben die Hinneigungen zum Erdenleben, da ist er innerlich durchdrungen von den geistigen Mondenkräften, die den Kosmos durchfluten. — Von diesen Mondenkräften mußte ich schon bei der Gelegenheit sprechen, als ich den Schlafzustand charakterisierte. Jetzt treten sie uns im nachirdischen Dasein des Menschen wieder entgegen. Diese Mondenkräfte sind immer das, was den Menschen in eine gewisse Verbindung bringt oder bringen will mit dem Erdendasein. Hier, nach dem Tode, äußern sie sich so, daß sie den Menschen gewissermaßen nicht herauslassen wollen aus dem Erdendasein. Er hat seinen physischen Leib abgelegt, aber er will wieder zurück ins irdische Dasein. Das kommt davon, weil ihn die Mondenkräfte des Kosmos durchsetzen. Das gewöhnliche irdische Denken hat ja nach dem Tode aufgehört; das ist an die Kopforganisation des physischen Körpers gebunden. Der vorirdische Mensch ist in diese Kopforganisation ausgeflossen. Indem wir den menschlichen physischen Organismus abgelegt haben, hört das auf zu funktionieren, was eigentlich nur auf materielle Weise bewirkt wurde. Der Mensch ist dadurch unmittelbar, direkt, nicht mehr ein erdgebundenes Wesen, aber indirekt, mittelbar, ist er es dadurch, daß in ihm noch die Mondenkräfte fortwirken. Sie bringen gewissermaßen auf lange Zeit nach dem Tode noch in ihm eine Tendenz hervor, zurückzukehren zum Erdendasein, in dem er sich ein solches Wesen bereitet hat, wie er es jetzt eingeschlossen in sich enthält.
[ 25 ] Der Mensch hat es aber nach dem Tode notwendig, sich den Mondenkräften zu entringen, über sie hinauszukommen, sich innerlich freizumachen von den hereinflutenden und hereinwirkenden Mondenkräften. Diese Mondenkräfte erhalten in ihm immer eine Art kosmischer Erinnerung an die rhythmischen Kräfte, das heißt, sie führen ihm immer wieder und wieder in Inspirationen und Imaginationen dasjenige vor, was in den Planetenbewegungen und in dem Verhältnis der Planeten zu den Fixsternen vor sich geht. Aber zurückgehalten wird der Mensch durch die Mondenkräfte von dem Erleben derjenigen geistigen Wesenheiten, die ihr physisches Abbild in den Fixsternkonstellationen haben. Und der Mensch steht nun vor der Notwendigkeit, einzutreten in eine rein geistige Welt. In diese lassen ihn die Mondenkräfte, solange sie auf ihn wirken, nicht hinein. Er soll aber gewissermaßen den Kosmos, den er erlebt, nicht nur von der Seite sich anschauen, die ihm im physischen Dasein zugeneigt ist, sondern er soll sich ihn von der anderen Seite ansehen. In diesen Zustand kommt der Mensch tatsächlich, wenn er ein rein geistiges, kosmisches Bewußtsein entwickelt. Da kommt er in eine Lage, wo er gewissermaßen an der Peripherie des Kosmos ist. Und wie wir hier im Zentrum sind und überall hinausschauen in den Kosmos, so schauen wir in diesem geistigen Schauen von der Peripherie in den Kosmos hinein. Wir sehen aber jetzt nicht die physischen Abbilder der Geistwesen, um die es sich handelt, sondern wir schauen diese Geistwesen selber. Wir schauen nicht auf räumliche Weise von der Peripherie in den Kosmos hinein. Wie wir hier von einem Augenpunkte herausschauen in den Kosmos, so schauen wir dort von einer ganzen Kugelfläche aus hinein. Aber die Sache ist doch wieder räumlich. Wir schauen sie qualitativ. Wir schauen hinaus in den Bereich des Fixsternhimmels und schauen uns diesen Fixsternhimmel von außen an.
[ 26 ] In diese Unabhängigkeit von der physischen Welt, wo wir unser irdisches Dasein vollbringen, in diese Unabhängigkeit müssen wir zwischen dem Tode und einer neuen Geburt hineinkommen. In einer ganz anderen Weise kam der Mensch in diese Welt hinein in der Zeit der Menschheitsentwickelung, die vor dem Mysterium von Golgatha liegt, und in einer anderen Weise in derjenigen Zeit, die nach diesem Ereignis liegt. Es ist eben durchaus im Laufe der Menschheitsentwickelung auf Erden mit dem Innenleben des Menschen eine gewaltige Metamorphose vorgegangen. Das Christus-Ereignis bildet einen Wendepunkt in der Entwickelung der irdischen Menschheit. Deshalb will ich heute im letzten Viertel meiner Auseinandersetzungen noch dieses Eintreten des menschlichen Seelisch-Geistigen in das Geisterland durch die christliche Entwickelung schildern, als Beschluß des Abends.
[ 27 ] Ehe der Mensch die eigentliche geistige Welt betritt, das heißt, in das Zusammenleben mit anderen Menschenseelen kommt, die nicht verkörpert sind, die auch in einem ähnlichen Zustande sind — er lebt übrigens schon früher mit solchen Seelen zusammen —, aber namentlich ehe er eintreten kann in das Zusammenleben mit denjenigen geistigen Wesenheiten höchster Art, die in den Sternenkonstellationen ihr physisches Abbild haben, muß er im Bereiche der Mondensphäre die Wesenheit zurücklassen, die seine moralische Bewertung ausmacht. Er muß ohne sie in die Region eintreten, die nicht die Mondenregion, sondern die Sternenregion ist, in welcher aus dem Zusammensein mit anderen geistigen Wesenheiten höchster Art sich die Kräfte ihm in der Seele ergeben, durch die er nun wirklich den Geistteil des künftigen menschlichen physischen Organismus vorbereiten, erarbeiten kann.
[ 28 ] Wenn in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha die alten Initiierten die Art und Weise charakterisieren wollten, wie sich für die damalige Menschheit dieser Übergang in das Geisterland vollzog, so mußten sie zu denen, die es hören wollten, sagen: Wenn ihr nach dem Tode übergehen sollt aus der Seelenwelt in das Geisterland, so müßt ihr das zurücklassen in der Mondensphäre, was aus euren guten und bösen Taten heraus schicksalbildend ist. Aber ihr habt durch eure eigenen Kräfte der Menschenorganisation allein nicht die Macht, den Übertritt zu bewirken aus der Mondensphäre in die Sternensphäre. Deshalb tritt für euch das Sonnenwesen ein, das seinen physischen Abglanz in der physischen Sonne hat. Und so wie euer äußeres Leben unter dem Einfluß des physischen Sonnenlichtes und der physischen Sonnenwärme vor sich geht, so nimmt dann nach dem Tode eure Wesenheit das hohe Sonnenwesen in Anspruch, befreit euch von eurem Schicksalskern und nimmt euch auf in die Sternensphäre, so daß ihr darin mit der Hilfe eueres Sonnenführers ausarbeiten könnt den Geistteil eueres künftigen physischen Organismus. Dann könnt ihr wiederum, nachdem ihr genügend unter Anleitung eueres Sonnenführers an der Gestaltung eueres physischen Organismus im Geistigen gewirkt habt, zum Erdenleben zurückkehren. Auf dieser Rückkehr zum Erdenleben nimmt euch auch wieder die Mondensphäre auf. In ihr findet ihr die Schicksalswesenheit, die ihr aus euerem früheren Erdenleben durch die Todespforte getragen habt. Ihr vereinigt euch mit ihr und könnt sie jetzt ganz anders beherrschen, nachdem ihr mit dem hohen Sonnenwesen zusammen den Geistteil eures künftigen physischen Organismus bereitet habt. Ihr könnt diesen Schicksalskern zusammenfügen mit dem, was als Kräfte in euch ist nach dem physischen Erdenorganismus hin. Ihr durchschreitet wiederum die Mondensphäre. — Und dann erfolgt der Eintritt in das Erdenleben so, wie ich das in den vorangehenden Darstellungen geschildert habe.
[ 29 ] Die Initiierten, welche Zeitgenossen des Mysteriums von Golgatha waren, oder die in den darauf folgenden Jahrhunderten bis zum 3. und 4. Jahrhundert lebten, konnten zu ihren Bekennern sagen: Die Form, die der menschliche physische Organismus im Erdenleben annimmt, die bildet immer mehr und mehr das Ich aus. Aber der Mensch verliert die Kraft, in jene Region einzutreten, in der das hohe Sonnenwesen oben sein Führer sein könnte in den geistigen Sternenregionen. Daher ist Christus heruntergestiegen auf die Erde, hat das Mysterium von Golgatha vollbracht. Und die Kraft, welche der Menschenseele dadurch wird, daß sie eine Gefühlsverbindung mit dem Mysterium von Golgatha hat, diese Kraft wirkt nach dem Tode nach und entreißt die Seele dem Schicksals-Wesenskern und der Mondensphäre, und unter der Nachwirkung des Christus bildet die Seele ihren künftigen physischen Organismus mit den anderen Wesen der Sternenwelt aus und findet dann wiederum den Schicksalskern, in den die Tendenz hineingelegt wird zur Schicksalsbildung der kommenden Erdenleben. Was die Menschenseele als Kraft aus dem Christus-Impuls aufgenommen hat, das befähigt sie wiederum, in der richtigen Weise durch das Geisterland durchzugehen und den Schicksalskern in der richtigen Weise aufzunehmen.
[ 30 ] Derjenige, der heute aus der Initiationswissenschaft heraus redet, muß dazu noch das folgende sagen: Ja, es ist der Christus-Impuls, der über den Tod hinaus nachwirkt, unter dessen Einfluß der Mensch sich der Mondensphäre entringt, in die Sternen-Sonnensphäre eindringt und dort aus den Impulsen, die ihm die Wesen der Sternenwelt geben, arbeiten kann an der Herausgestaltung des physischen Organismus seines nächsten Erdenlebens. Aber er entringt sich der Mondensphäre durch die Kräfte, die er in seinem Ich aufgespeichert hat durch die Hinneigung zu dem Christus-Wesen und zu dem Mysterium von Golgatha. Er entringt sich der Mondensphäre in einer solchen Art, daß er nun auch in der Sternensphäre so arbeiten kann, daß er, wenn er wieder zur Mondensphäre zurückkehrt und ihm sein Schicksalskern begegnet, in einer freien Weise als eine freie Geistestat sich diesen Schicksalskern eingliedert, weil er sich sagen muß: Die Weltentwickelung kann nur in der richtigen Weise verfließen, wenn der Mensch sich diesen seinen Schicksalskern eingliedert und dasjenige, was er als sein Schicksal zubereitet hat, auch in ausgleichenden künftigen Erdenieben wiederum zurechtbringt.
[ 31 ] Das ist das Wesentliche im Neu-Erleben des nachtodlichen Mondensphären-Erlebens, daß es da im kosmischen Dasein einen Augenblick gibt, wo der Mensch in selbständiger Weise sein Schicksal, sein Karma, mit seiner fortschreitenden Wesenheit in Zusammenhang bringt. Und das irdische Abbild dieser im Überirdischen vollbrachten Tat im nachherigen irdischen Leben ist die menschliche Freiheit, das Freiheitsgefühl während des Erdendaseins. Das richtige Verstehen der Schicksalsidee und ihr Verfolgen bis in die geistigen Welten hinauf begründet nicht eine Determinationsphilosophie, sondern eine wirkliche Philosophie der Freiheit, wie ich sie in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in meinem Buche «Philosophie der Freiheit» zu geben hatte.
[ 32 ] So bringt sich der Mensch, wenn er sich einlebt in die geistigen Regionen nach dem Tode — eingegliedert in seinen Organismus und verbunden mit seinem Weltenschicksal —, mit die Nachwirkungen der Durchdrungenheiten der geistigen Welten, die er im Geisterlande erlebt hat. Und der neuzeitliche Mensch kann erleben, indem er den Christus in sich erlebt, die Freiheit, und im Zusammenhange mit der Freiheit auch das Gefühl der Gottdurchdrungenheit, jener Gottdurchdrungenheit, die auf der Erde ein Abglanz desjenigen sein kann, was beim Durchgang durch die Sternenwelt zur Mondensphäre und in der Mondensphäre durchgemacht wird.
[ 33 ] Die Geisteswissenschaft ringt sich hinauf zu einer Erkenntnis aller dieser Verhältnisse, indem durch Willensübungen der Seele die Intuition hergestellt wird. Diese Intuition war in älteren Zeiten nach der Anweisung der damaligen Initiierten so hergestellt worden, daß der Mensch vorzugsweise durch Askese seinen äußeren physischen Organismus abtötete. Indem er seinen äußeren physischen Organismus abtötet und ablähmt, lebt der ja unabhängige Wille, der eigentlich sonst nur ein Begehren nach dem physischen Organismus auslebt, sich mit nur um so größerer Energie aus. Durch die Askese wird der physische Organismus so abgetötet, daß es dem Willen nun schwer wird, sich bei der Willensentfaltung hineinzubegeben in diesen physischen Organismus. Der Wille wird gleichsam zurückgetrieben, und je schwerer es ihm wird, sich in den physischen Organismus untertauchend hineinzuleben, um so mehr lebt er sich in die geistige Welt hinein und bildet Intuitionen aus. Das ist es, was durch die Askese hervorgerufen wurde. Aber diese alte Askese wird zu Unrecht in die neuere Zeit hinein fortgesetzt. Der menschliche physische Leib hat nach dem Mysterium von Golgatha eine Form angenommen, durch die er eine Askese nicht mehr vertragen würde, die erfolgreich wäre. Der neuere Mensch würde durch eine solche Askese zugleich seinen physischen Organismus so weit ablähmen, daß das Ich-Bewußtsein, das sich ja entwickeln muß, sich nicht in der richtigen Weise entwickeln könnte. Der Mensch würde dann nie zum Freiheitsbewußtsein kommen. Er würde auch nicht in einer richtigen Weise, in einer freien Weise sich mit dem Christus-Impuls verbinden können.
[ 34 ] Daher müssen diese Willensübungen so vorgenommen werden, daß nicht der physische Leib herabgestimmt wird, wie es in alten Zeiten geschah, sondern daß durch die Willensübungen die rein geistig-seelischen Fähigkeiten des Menschen verstärkt werden, so daß nicht der Leib sich der Seele entzieht, sondern die Seele sich hineinlebt in die geistigen Welten. Nicht nur das, was die alten Initiierten ihren Bekennern zu sagen hatten als Kunde über das Erleben zwischen Tod und neuer Geburt, sondern auch das, was sie über die Übungen zu sagen hatten, die der Mensch vorzunehmen hat, um zu einer solchen Erkenntnis zu kommen, die in diese übersinnlichen Welten hineinführt, auch diese Übungen sind im Sinne der fortschreitenden Menschheitsentwickelung anders geworden. Der alte Asket konnte nicht zu dem königlichen Freiheitsbewußtsein kommen, zu dem der moderne Mensch durch seine Organisation kommen muß. Der alte Asket konnte aber auch nicht zwischen Tod und Geburt dem Sonnenwesen begegnen, das Handlungen mit ihm vornahm, die er jetzt, nachdem der Christus das Mysterium von Golgatha vollbracht hat, selbst vornehmen kann, wodurch er Kraft bekommt, nach dem Tode das Entsprechende auszuführen.
[ 35 ] So ist mit dem Eintritt des Christentums in die Menschheitsentwickelung das religiöse Bewußtsein ein anderes geworden, weil dieses religiöse Bewußtsein der irdische Nachklang dessen ist, was der Mensch in Gottdurchdrungenheit zwischen Tod und neuer Geburt in der geistigen Welt zu erleben hat. Überall werden wir gerade durch die moderne Initiationswissenschaft hingeführt zu einer tieferen Erfassung der Christologie. Von einer Erneuerung des religiösen Bewußtseins durch anthroposophische Vertiefung kann man daher ebenso reden, wie in den verflossenen Tagen hier geredet worden ist von einer Erneuerung der Philosophie zu einem lebendigen philosophischen Wissen, und wie gesprochen worden ist von einer Vertiefung der Kosmologie durch Aufnahme desjenigen, was nur in der Intuition und Inspiration aus den höheren Welten erfaßt werden kann. Für die ganze Menschheit kann durch diese anthroposophische Vertiefung ein Gewinn auch in der Erneuerung des religiösen Bewußtseins erstehen, das dadurch erst ein vollbewußtes christliches Bewußtsein wird. Die richtige weitere Entwickelung des Christentums möchte die Anthroposophie mitbewirken in dem Sinne, daß sie nicht eine neue Religion werden will, sondern helfend dastehen will zur Ausgestaltung der durch das Mysterium von Golgatha in die Welt gekommenen christlichen Religion. Diese hat in sich die Kraft, sich weiter zu entwickeln, und Anthroposophie möchte das in der richtigen Weise verstehen und für diese Weiterentwickelung eine richtige Helferin sein.
[ 36 ] So habe ich versucht, Ihnen in diesen Vorträgen zu schildern, wie aus der Anthroposophie heraus befruchtet werden sollen Philosophie, Kosmologie und Religionserkenntnis. Selbstverständlich ist Religionserkenntnis nicht Religion. Religion kann auch erlebt werden, wenn man bloß mit dem Gemüt in unbefangener Art an das sich hingibt, was die intuitive Erkenntnis liefert, aber verstehen kann man es im Gemüt. Und so kann von der Erneuerung einer Religionserkenntnis eine neue Vertiefung des religiösen Lebens ausgehen.
[ 37 ] Das alles konnte ich in diesen Tagen nur skizzenhaft schildern. Selbstverständlich dringt man in diese Dinge erst vollständig ein, wenn man auch die Details kennenlernt. Dann würde sich auch manches, was in diesen Tagen skizzenhaft hat bleiben müssen, erst in seinen vollen Farben, mit allen möglichen Farbennuancen darstellen. Dadurch würde sich erst ein vollständiges Bild ergeben.
[ 38 ] Sehr verehrte Anwesende! Ich bin, indem ich jetzt diese Vorträge beschließe, von tiefer Befriedigung erfüllt, wenn ich daran denke, daß Sie, von auswärts wirklich kommend, diesen Vorträgen folgten. Dieses Gefühl der Befriedigung veranlaßt mich, Ihnen herzlichsten Dank zu sagen für Ihre Aufmerksamkeit, insbesondere auch Herrn Dr. Sauerwein herzlichsten Dank zu sagen für seine Mühewaltung, für eine getreuliche Übersetzung und ihn zu bitten, mir jetzt auch diesen Wunsch noch zu erfüllen: diese Danksagung an ihn ebenfalls zu übersetzen, wie er das andere übersetzt hat. Ich werde mich glücklich schätzen, wenn Sie das Gefühl mit nach Hause nehmen, daß die Zeit, die Sie hier zugebracht haben, keine verlorene für Sie ist. In diesem Sinne möchte ich Ihnen den Abschiedsgruß gesagt haben.
