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The Rudolf Steiner Archive

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Die Grundimpulse des weltgeschichtlichen Werdens der Menschheit
GA 216

24 September 1922, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Ein ägyptischer Weiser sprach zu einem griechischen Weisen einmal Worte, etwa dahingehend: Ihr Griechen seid eigentlich ein Volk, das ohne Geschichte nur in der Gegenwart lebt. Ihr sprecht von dem, was sich unmittelbar um euch herum zuträgt, und macht euch keine Gedanken über die Art und Weise, wie sich das seit uralten Zeiten gestaltet und gebildet hat, was in der Gegenwart vorhanden ist.

[ 2 ] Was meinte jener ägyptische Weise eigentlich? Er wollte sagen, daß die Ägypter sich Gedanken machten über kosmische Probleme im Großen, über die Entwickelung der Erde durch verschiedene Formen hindurch, und er meinte, daß die Griechen über diese Dinge höchstens in Mythen und Sagen ausgesprochene Bilder haben. Aber eigentlich wollte der Ägypter gerade hindeuten auf das, was aus dem Gebrauche des mumifizierten Menschen hervorging, wie ich das in den beiden vorangehenden Auseinandersetzungen klarzulegen versuchte. Die Ägypter hielten darauf, in ihren Einatmungsrhythmus dasjenige hereinzubekommen, was ihnen dadurch werden konnte, daß sie eben sich den Behausungen gewisser geistiger Wesenheiten gegenüberstellten, denen sie in den Mumien Gestalt zu geben in der Lage waren. Wir müssen uns einmal ein möglichst sprechendes Bild machen von dem, was in der Blütezeit der ägyptischen Einweihungskultur die Mumie bedeutete.

[ 3 ] Die Mumie war der Mensch in seiner Form, in seiner Gestaltung, nachdem das Geistig-Seelische von dieser Gestaltung, von dieser Form weggenommen war. Während der Mensch lebt, ist das, was in seinem ätherischen Organismus, in seinem astralischen Organismus, in seiner Ich-Wesenheit tätig ist, wirksam in der Form. Die Form wird durchleuchtet von dem, was aus dem Blute und der übrigen Organisation heraus die Form als die Menschenfarbe durchdringt. An der Mumie hatte man die bloße Form, die nur durch den Menschen auf der Erde da sein kann, die nicht entstehen könnte, wenn der Mensch nicht auf der Erde wäre. Ohne daß unmittelbar das Seelische und Geistige dabei war, brauchte der ägyptische Eingeweihte diese Form, um etwas haben zu können, was er, wenn er nicht zur Mumienkultur geschritten wäre, nicht hätte haben können.

[ 4 ] Wir müssen versuchen, uns von diesen Zeiten, die in ganz andern Seelenverfassungen als den heutigen lebten, ein Bild zu machen, das allerdings unserem heutigen Weltbilde sehr unähnlich ist. Wir müssen uns klar darüber sein, daß alles, was bis zur ägyptischen Zeit der Mensch innerlich an Ideen, an Gedanken hatte, was er innerlich im Seelischen erlebte, ihm unmittelbar aus der geistigen Welt gegeben war, daß er also in Offenbarungen der geistigen Welt lebte, auch wenn er sich seinen Gedanken hingab. In der Zeit der urindischen und der urpersischen Kultur hatte der Mensch eben nur solche, ihm vom Geistigen aus geoffenbarte Gedanken. An der äußeren Welt, an Pflanzen, Tieren, Mineralien machte sich der Mensch keine Gedanken. Er hatte sein Seelenleben voll ausgefüllt mit den aus dem Geistigen heraus kommenden Gedanken; die klärten ihn hinlänglich über die Welt auf. Er lebte mit den Pflanzen, mit den Tieren, er gab ihnen auch Namen. Aber auch diese Namen empfand er so, daß sie ihm von den Göttern geoffenbart waren. Wenn in der urindischen, in der urpersischen Kultur ein Mensch einer Blume einen Namen gab, so hatte das für ihn die Bedeutung, daß ihm eine göttliche Stimme gesagt hatte, so daß er es deutlich vernahm: so solle er zu der Blume sagen. Wenn er einem Tiere den Namen gab, dann hatte er das Bewußtsein, in seinem Innern zu hören: so solle er zu dem Tiere sagen. Alle Namen für das, was er bezeichnete, kamen den Angehörigen der urindischen, der urpersischen Zivilisation von innen heraus.

[ 5 ] In der ägyptischen Zivilisation wurde es anders. Da kamen die inneren Erlebnisse immer mehr in die Dämmerung. Der Mensch konnte nicht mehr so deutlich überschauen, was sich ihm da aus der geistigen Welt offenbarte. Daher fühlte er immer mehr die Notwendigkeit, mit der äußeren Natur, mit dem Tier-, Pflanzen- und Mineralteich zu leben; aber das konnte er auch noch nicht, denn die Zeit war noch nicht gekommen. Diese Zeit kam eigentlich erst nach dem Mysterium von Golgatha. Der Mensch war nicht so weit, daß er mit der Außenwelt hätte leben können. Dadurch war er genötigt, den Menschen zu mumifizieren. Denn aus dem, was jetzt in dem nicht mehr beseelten Menschen wohnte, aus dem gerade konnte er Aufschlüsse gewinnen über die ihn umgebende Natur, über Pflanzen, Tiere, Mineralien. Die ersten Kenntnisse über Pflanzen, Tiere, Mineralien sind dem Menschen dadurch geworden, daß jene Geistwesen aus den Mumien zu ihnen sprachen, denen er auf der Erde dutch die Mumien Wohnsitze verschafft hatte. Man möchte sagen, in der Zeit, als aus den übersinnlichen Welten die Götter immer mehr aufhörten für die Menschen zu reden, nahm der Mensch seine Zuflucht zu den Helfern, die nun auf der Erde dadurch leben konnten, daß der Mensch die Menschenform konservierte durch die Mumien. Der Vorgang war eigentlich ein ziemlich komplizierter. Für die Eingeweihten wäre es wohl möglich gewesen, unmittelbar durch jene mondgeistigen Wesenheiten, die in den Mumien wohnten, Aufschlüsse darüber zu bekommen, was im Menschenleben vor sich gehen sollte, Direktionslinien zum Lenken und Leiten und Erziehen der Menschen zu erhalten. Aber nicht ohne weiteres wäre es auch für die Eingeweihten möglich gewesen — denn dazu waren zunächst keine Fähigkeiten in den menschlichen Seelen vorhanden —, durch die die Mumien bewohnenden Wesen Aufschlüsse über die Natur zu bekommen, über das Pflanzen-, Tier- und Mineralreich. Und dennoch, gerade darin waren die Ägypter groß. Sie haben zum Beispiel schon eine wunderbare Medizin gerade mit Hilfe der Mumienkultur begründet.

[ 6 ] Natürlich, wenn ein heutiger gescheiter Mensch diese Dinge auslegt, so sagt er: Die Ägypter haben die Mumien konserviert, dabei haben sie die verschiedenen Organe kennengelernt, die sie konserviert haben, und dadurch eine Anatomie begründet, nicht bloß eine Medizin. — Aber das ist bloß eine Scheinansicht, das ist keine wahre Ansicht. Die Wahrheit ist, daß in der damaligen Zeit durch solche logische Erwägungen, durch solche reine Beobachtungsforschungen den Ägyptern gar nicht gedient gewesen wäre; denn in dieser Weise verkehrten sie überhaupt nicht mit der Außenwelt. Ihr Verkehr mit der Außenwelt war ein viel feinerer. Aber eines ist dadurch bewirkt worden, daß in einer so sorgfältigen Weise die Mumienform erhalten wurde: die Seelen der Menschen, die gestorben waren, sind eine Zeitlang an ihre Mumie gefesselt worden.

[ 7 ] Das ist das Bedenkliche der ägyptischen Kultur, was uns immer darauf hinweisen muß, daß diese ägyptische Kultur eigentlich doch eine absteigende war, eine Dekadenzkultur, von der man nicht als von einer Blütekultur innerhalb der Gesamtmenschheit sprechen darf, denn sie griff auch in die übersinnlichen Schicksale der Menschen ein. Sie fesselte in einer gewissen Weise die Menschenseelen nach dem Tode an ihre konservierte Form, an die Mumie. Und während man durch die die Mumie bewohnenden geistigen Wesenheiten über Direktionslinien für die Menschheit Aufschluß gewann, konnte man über die Natur, über das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich, solche Aufschlüsse nicht unmittelbar gewinnen, wohl aber mittelbar dadurch, daß diese mondgeistigen Wesenheiten den Menschenseelen, die sich noch bei den Mumien aufhielten, wiederum die Naturgeheimnisse mitteilten. Und von diesen noch bei den Mumien verweilenden Menschenseelen bekamen dann wiederum die Initiierten Ägyptens Aufschlüsse über das Tier-, Pflanzen- und Mineralreich. So war also innerhalb der ägyptischen Kultur eine merkwürdige Stimmung da. Die ägyptischen Eingeweihten sagten sich: Unsere Menschenleiber sind bis zum Tode nicht geeignet, Aufschlüsse über die Natur zu bekommen. Eine Naturwissenschaft können wir nicht erringen, dazu sind unsere Leiber noch nicht geeignet, das wird erst später, nach dem Mysterium von Golgatha möglich sein. Aber wir müssen doch einen Aufschluß gewinnen. So wie unsere jetzigen Leiber sind, so werden die Menschen erst nach dem Tode geeignet sein, etwas über die Natur zu wissen. Sie leben hier zwar in der Natur, aber sie können ihren Leib noch nicht gebrauchen, um sich Begriffe über die Natur zu machen. Erst nach dem Tode gehen ihnen diese Begriffe über die Natur auf. Daher halten wir die Toten eine Weile fest, daß sie uns Aufschlüsse über die Natur geben. — Es trat also im Grunde genommen etwas recht Bedenkliches in die geschichtliche Entwickelung der Menschheit gerade durch die ägyptische Kultur ein. Die chaldäische hielt sich in dieser Zeit fern und ist, man möchte sagen, eine reinere Kultur.

[ 8 ] Das alles, was ich Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe — was natürlich für die heutige Wissenschaft eine Phantasterei ist, aber vieles Wahre ist eben für die heutige Wissenschaft eine Phantasterei —, das wußten vor allen Dingen die Angehörigen des hebräischen Altertums. Daher jene Abneigung, jene Aversion, die Sie im Alten Testament gegen das Ägyptertum finden, obwohl wiederum auf dem Umwege durch Moses sehr vieles Ägyptisches in das Alte Testament hereingekommen ist. Sie können aus dem Alten Testament ablesen, wie die Stimmung war gegenüber allem, was ich Ihnen eben als das Wesen der historischen Entwickelung Ägyptens darstellen mußte. Und so war in dem alten Ägypten eben die Stimmung: Wir müssen äußere Mittel schaffen, da wir innere nicht mehr haben, um die die Menschen regierenden und erziehenden Kräfte zu bekommen. Wir müssen aber auch etwas vorausnehmen, was in der Zukunft erst kommen soll, eine Naturwissenschaft. Das können wir nicht anders, als daß wir sie uns von den Toten, die wir an ihre Mumien fesseln, zunächst einmal geben lassen.

[ 9 ] Nun kam das Mysterium von Golgatha, nun kamen nachher das 4., 5. Jahrhundert nach dem Mysterium von Golgatha. Die alte Seelenverfassung mit der bildhaften Weltvorstellung dämmerte vollständig hinab. Die Zeit kündigte sich schon an, wo der Mensch sich aus der äußeren Natur heraus Vorstellungen machen sollte über diese Natur, wo er es auch konnte. Die ganze menschliche Organisation wurde innerlich umgestaltet. Der Mensch fühlte immer mehr und mehr, daß seine Seele leer blieb, wenn er auf geoffenbarte Gedanken und Ideen wartete, die unmittelbar aus der geistigen Welt kommen sollten. Dafür aber schaute er die äußeren Dinge und Wesenheiten an, beobachtete sie und bildete sich aus der Beobachtung und später aus den Experimenten heraus seine Begriffe und Ideen. Und jetzt entstand wiederum die Aufgabe, das, was man noch nicht oder nicht mehr durch eigene menschliche Kräfte haben konnte, auf eine andere Weise zu bekommen. Immer mehr und mehr seit dem 4., 5. nachchristlichen Jahrhunderte mußte sich die Menschheit sagen: Es muß eine Zukunft kommen, wo, trotzdem wir durch unseren Verstand uns an den äußeren Naturdingen Ideen und Gedanken machen, wo wiederum eine Art Spiritualisierung des Intellekts eintritt, wo wiederum die Gedanken und Ideen unmittelbar hinweisen auf ein Göttlich-Geistiges, wo das, was in den Ideen als Kraft liegt, in die Ausatmung übergehen kann. Aber sie ist eben noch nicht da, diese Kraft. Vorläufig sind wir angewiesen auf den Intellekt, der nur an den physischen Leib gebunden ist.

[ 10 ] Aus gewissen traditionellen Vorstellungen heraus, die heute geschichtlich fast ganz verglommen sind, von denen man geschichtlich nichts mehr weiß, die aber im Mittelalter vom 4., 5. bis zum 12., 13. Jahrhunderte lebten und dann, obwohl ziemlich im Verborgenen, weiterlebten innerhalb der Menschheitszivilisation, bildete man nun auch eine Art von Mumien, die analog den ägyptischen Mumien sind, die aber, weil sie eben doch etwas anderes als die ägyptischen Mumien sind, nicht als solche empfunden werden.

[ 11 ] Von einer Konservierung der menschlichen Form zur Mumie, wie das die Ägypter gemacht haben, hätte die moderne Menschheit nichts gehabt. Sie mußte etwas anderes konservieren, und sie konservierte alte Kulte, vorzugsweise vorchristliche Kulte. Als dann insbesondere vom 14., 15. Jahrhundert herauf die völlig intellektualistische Kultur kam, da wurden in den verschiedensten okkulten Orden alte Kulte konserviert. Und es sind in der Tat wunderbare alte Kultushandlungen in allen möglichen Orden konserviert. Wir sehen, wie Gebräuche, okkulte Zeremonien in den verschiedenen okkulten Logen fortleben. Die sind wahrhaftig ebenso Mumien wie die Menschenmumien Ägyptens. Sie sind dann Mumien, wenn sie nicht von dem Mysterium von Golgatha durchglüht und durchwärmt werden. In solchen Kulten und Zeremonien ist außerordentlich vieles enthalten, aber sie haben von dem, was einstmals in ganz alten Zeiten in ihnen lag, ebenso nur das Tote bewahrt, wie die Mumie nur die tote Form des Menschen bewahrt hatte. Und das ist vielfach so bis zum heutigen Tage geblieben. Es gibt unzählige Orden, die Zeremonien betreiben, Ritualien haben, alles mögliche, aber das Leben ist daraus gewichen, sie sind mumifiziert. Geradeso wie der gewöhnliche Ägypter nur eine Art von Schauer hatte, wenn er die Mumie anschaute, so hat der moderne Mensch, wenn auch vielleicht nicht gerade einen Schauer, aber doch irgend etwas, was auch kein rechtes Gefühl der Seele ist, wenn er diesen mumifizierten spirituellen Verrichtungen nahekommt. Er empfindet sie als etwas Geheimnisvolles, wie die Mumie auch als etwas Geheimnisvolles empfunden wurde.

[ 12 ] Aber geradeso wie unter den ägyptischen Eingeweihten solche waren, die aus den Mitteilungen jener Geister, die die Mumien bewohnten, etwas Falsches machten in der Menschheitserziehung und Menschheitsdirektion — und es gab durchaus solche unter ihnen —, so ist in den mumifizierten Zeremonien vieler okkulter Orden eben ein falscher Antrieb vorhanden, um dieses oder jenes in der Lenkung und Leitung der Menschheit zu erreichen. Was damals in den Menschen auf dem Wege der Einatmung hereinkam, das kam aus dem, was er von der Mumie hatte. Ich habe Ihnen gestern gesagt, daß die geistigen Wesenheiten, welche die Ägypter brauchten, kein Obdach hatten, daß in den Mumien Obdach geschaffen werden mußte. Die geistigen Wesenheiten nun, die auf dem Wege der Ausatmung die innere Menschenform in die ätherische Welt tragen sollten, die, habe ich Ihnen gesagt, finden keine Wege draußen in der Welt, aber sie können sich auf dem Wege innerhalb der Zeremonien bewegen, wenn auch unverstandene, mumifizierte Zeremonien verrichtet werden. Die Mondengeister zur Zeit der ägyptischen Zivilisation waren namentlich bei Tag obdachlos. Die Ausatmungsgeister, diese Erdenelementargeister, die die heutigen Helfer der Menschheit sein sollen, sind bei der Nacht obdachlos, abet sie schlüpfen unter in das, was in solchen Zeremonien vollzogen wird. Da finden sie ihre Wege, da können sie leben. Bei Tag ist es ihnen noch möglich, ich möchte sagen, auf ehrliche Art mit dem Atem zu leben, denn bei Tag denkt der Mensch, und immerhin sendet er seine intellektualistischen Denkformen mit dem Atem hinaus, der durch das Gehirnwasser durch den Rückenmarkskanal getrieben wird und dann wieder ausgestoßen wird. In der Nacht aber, wo der Mensch nicht denkt, gehen keine Denkformen hinaus, leben gewissermaßen keine ätherischen Schifflein, auf denen diese Erdgeister vom Menschen in die Welt hinausgehen könnten, um dort seine Form dem Ätherkosmos einzuprägen.

[ 13 ] So schafft der Mensch das, was diese Erddämonen an Wegen, an Richtungen finden sollen, durch solche mumifizierten Zeremonien. Die haben ihren guten Sinn. Was in der neueren Zeit, namentlich seit dem Aufkommen des Intellektualismus, alle möglichen okkulten Orden haben, das hat einen ähnlichen Grund wie das Auftreten der Mumien in Ägypten. Denn der Mensch kann das, was in der äußeren Natur ist, nicht ohne sich, ohne seine eigene Form erkennen, und als die Ägypter darauf angewiesen waren, eine Naturerkenntnis zu schaffen, konnten sie durch die Mumien die menschliche Form vor sich hinstellen. Als die neueren Menschen darauf angewiesen waren, nun auch etwas zu bekommen, was nicht bloß passiv machtloser Gedanke ist, den sich. der Mensch intellektualistisch erarbeitet, sondern was in die Welt hinausziehen kann, um wirksam zu werden, da hatte der Mensch nötig, draußen etwas um sich zu haben, was symbolistisch, ist, was eine Ausdeutung von dem ist, was sich spirituell eigentlich in ihm gestalten sollte.

[ 14 ] Nun sind diese Formen, die da als Zeremoniell in den Logen getrieben werden, ja auch entseelt. Ebensowenig wie in der Mumie die Seele des Menschen lebte, so lebt in diesen Verrichtungen eigentlich jene Beseelung, die einstmals in ihnen vorhanden war, als sie unter den alten Eingeweihten ausgeübt wurden. Damals pulsierte noch durch jene Zeremonien unmittelbares spirituelles Leben, das vom Menschen in die Zeremonie floß. Da waren der Mensch und die Zeremonie eines. Man vergleiche damit, wie äußerlich die Zeremonien und Verrichtungen unter den modernen Menschen in den modernen Orden sind.

[ 15 ] Aber da kommt nun etwas anderes an den modernen Menschen heran. Der moderne Mensch kann aus seinem Intellekt nicht heraus. Ich habe Ihnen gestern an einem Benediktinerpater gezeigt, wie selbst ein Mensch, der berufsmäßig ein Diener des Spirituellen sein soll, aus dem Intellektuellen nicht herauskommt. Der moderne Mensch kann aus dem Intellektuellen nicht heraus, wie der alte Ägypter nicht hineinkonnte in das Intellektuelle. Der alte Ägypter brauchte die Menschenleiber, wenn sie schon tot waren, damit sie ihm eine Naturwissenschaft vermitteln konnten. Der moderne Mensch braucht etwas, was ihm wiederum eine geistige Wissenschaft, eine Geist-Erkenntnis vermittelt.

[ 16 ] Nun will ich dabei ganz von denjenigen okkulten Orden absehen die ja vielfach bestehen —, die vollständige Mumien sind, die also eigentlich mehr aus einer Kulturkoketterie heraus getrieben werden, die tiefere Untergründe nicht haben. Aber es gibt doch auch und hat namentlich bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts herein immerhin sehr ernsthafte Ordensverbindungen gegeben, die mehr vermittelten, als was zum Beispiel ein heutiger Durchschnittsfreimaurer aus seinem Orden erhält. Und die konnten nun auch wirklich mehr vermitteln aus dem Grunde, weil in der geistigen Welt heute gewisse Bedürfnisse unter der Hierarchie der Angeloi herrschen, die uns auf der Erde allerdings weniger interessieren, die uns aber in unserem vorirdischen Dasein sehr wichtig sind. Da haben gewisse Wesen der Hierarchie der Angeloi nun auch gewisse Erkenntnisbedürfnisse, die sie nur dadurch befriedigen können, daß sie gerade dahin, wo solche ernsthafte okkulte Orden sind, gewissermaßen schon probeweise die Menschenseelen hingelangen lassen, bevor sie eigentlich aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein herunterkommen.

[ 17 ] Es ist durchaus so gewesen, daß in gewissen mit alten Zeremonien wirkenden Logen derjenige, der die Dinge wirklich verfolgen konnte, sich sagte: Hier ist schon die Seele eines Menschen gegenwärtig, der erst in der Zukunft auf die Erde heruntersteigen wird. — Bevor der Mensch heruntersteigt auf die Erde, kehrt diese Seele in einer solchen okkulten Loge ein, und man kann gefühlsmäßig aus ihr außerordentlich viel gewinnen. Geradeso wie die Menschenseele die Mumie umschwirrte, also noch an die Mumie gewissermaßen gebannt war, so schwirren in okkulten Logen die Geister der noch nicht geborenen Menschen wie in einem vorher sich auswirkenden Dasein herum. Es kommt das wiederum nicht durch intellektuelle Gedanken zum Vorschein, denn die haben die modernen Menschen ohnedies, die brauchen sie nicht, aber wenn sie mit der richtigen Seelenstimmung in ihren okkulten Logen sind, so bekommen sie da Mitteilungen von noch nicht geborenen Menschen, von Menschen, die noch in dem vorirdischen Dasein sind und die jetzt durch dieses Zeremoniell gegenwärtig sein können. Und sie fühlen die spirituelle Welt, diese Menschen, und können auch aus der spirituellen Welt heraus reden.

[ 18 ] Es gibt etwas in der Goethe-Biographie, das auf einen Menschen, der für solche Dinge ein Gefühl hat, außerordentlich bedeutsam wirkt, besonders dann, wenn es von Leuten gesagt wird, die nicht eigentlich das Rechte wissen, die aber aus einer gewissen Erkenntnis heraus sozusagen halbbewußt auf das Rechte hinweisen. In dieser Beziehung war Karl Julius Schröer, von dem ich Ihnen oftmals erzählt habe, ganz merkwürdig, wenn er über Goethe sprach. Wenn er so die GoetheBiographie mit den Werken von Goethe vor die Seelen seiner Zuhörer stellte, so kam immer wiederum ein Wort heraus, das einen frappierte, das einen ungeheuer gefangennahm, das Wort: Das hatte Goethe wiedererlebt, und er hatte sich an diesem Erlebnis verjüngt. Und so hat Schröer eigentlich Goethe so dargestellt, als ob dieser eine Persönlichkeit gewesen wäre, die, nachdem sie einmal mit sieben Jahren jung gewesen ist, dann mit vierzehn Jahren etwas anderes erlebte, und durch dieses Erlebnis eigentlich ein bißchen weiter in die Kindheit zurückgebracht wurde. Goethe verjüngte sich. Und dann, meinetwillen mit einundzwanzig Jahren, verjüngte er sich wiederum. Und so hat tatsächlich Schröer den Goethe so dargestellt, als ob er von Etappe zu Etappe immer solche Verjüngungsprozesse durchgemacht hätte.

[ 19 ] Und schauen Sie sich schließlich die Goethe-Biographie an: es ist etwas daran, daß diese Verjüngung in ihm war. Selbst als Goethe in Weimar schon der dicke Geheimrat mit dem Doppelkinn war, selbst in der Zeit, als er gewissen Leuten so gegenübertrat, daß sie in ihm oftmals schon mehr oder weniger einen Sauertopf verspürten — in dieser Beziehung ist ja vieles bekannt, was durchaus im persönlichen Verkehr von Goethe mit andern Menschen nicht ganz nett war —, selbst da kam es immer mehr und mehr über ihn, und er hat eigentlich im spätesten Alter eine Verjüngung durchgemacht. Und schließlich hätte er das, was er im spätesten Greisenalter am zweiten Teile des «Faust» geschrieben hat, wahrhaftig nicht schreiben können, wenn er nicht eine solche Verjüngung durchgemacht hätte. Denn Goethe war so ungefähr im Jahre 1816 oder 1817 eine Persönlichkeit, der man nichts von dem zumuten konnte, was Goethe im zweiten Teile des «Faust» später vom Jahre 1824 an geschrieben hat. Das war wirklich eine Verjüngungskur. Goethe hat das auch geahnt, allerdings in früheren Jahren, da, wo er dem Faust einen Verjüngungstrank geben ließ. Das ist auch so etwas wie eine Art Selbstbiographie. Und wenn man nachforscht, wodurch Goethe zu so etwas gekommen ist, dann sieht man: es ist seine Mitgliedschaft zur Loge gewesen. Die andern ehrsamen Weimaraner, höchstens mit Ausnahme von Wieland, Kanzler von Müller und ein paar andern — nun, die waren halt Mitglieder der Loge, wie die Leute es eben sind. Wenn man in Weimar ein ordentlicher Beamter ist, kann man nicht anders, als am Sonntag in die Kirche gehen, und so ist man auch, trotzdem das gerade das Gegenteil ist, Mitglied der Loge. Das war schon einmal so Sitte, in diesen Kreisen wenigstens. Aber bei Goethe war das nicht so, auch bei dem Kanzler von Müller und bei Wieland und bei einigen andern nicht; die machten wirklich solche Verjüngungen durch, weil sie in ihrer Seele den Verkehr mit noch ungeborenen Menschenkindern hatten.

[ 20 ] Geradeso wie der alte ägyptische Tempelpriester mit den Menschenseelen nach ihrem Tode verkehrte, so verkehrten solche Leute mit den Menschen vor ihrer Geburt. Und die Menschen können nun, bevor sie geboren sind, etwas von Spiritualität in die Welt der Gegenwart hereintragen. Intellektualistisches tragen sie nicht herein, aber Spirituelles tragen sie herein, was der Mensch dann durch seine Gefühle aufnimmt und was sich in sein ganzes Leben hereinlebt.

[ 21 ] So kann man sagen: Das erste von Intellektualismus, was die Menschheit in ihrer geschichtlichen Entwickelung gelernt hat, haben die Ägypter von den Toten gelernt, und das erste, was in der neueren Zeit über Spirituelles gelernt worden ist, das haben wiederum hervorragende Persönlichkeiten aus ihrer Initiationslehre in okkulten Logen von ungeborenen Menschen bekommen. Das ist etwas, was einander in einer merkwürdigen Weise entspricht. Sehen Sie nur einmal, wenn Sie Goethes Werke verfolgen, wie Ihnen manchmal daraus etwas entgegenblitzt, was in spirituelle Weisheit zu dringen scheint, was er nicht imstande ist, in Gedankenform auszusprechen. Aber er prägt es in ein Bild, und das Bild hat eine große Ähnlichkeit mit irgendeinem Logensymbolum. Er hat es nur auf diese Weise bekommen. Und so gibt es viele, die auf diese Weise etwas bekommen haben. Aber diese ungeborenen Menschen können doch nur über das Aufschluß geben, was eben in der nichtirdischen Welt an Geistigem erfahren werden kann, sie können natürlich nur über das Himmlische Aufschluß geben, über das, was außerhalb der Erdenentwickelung liegt. Dadurch aber, daß dutch die Zeremonien die elementarischen Erdengeister festgehalten wurden, dadurch können wiederum Mitteilungen gemacht werden von den ungeborenen Menschen an die elementarischen Erdengeister. Und ist dann gar noch ein Talent, ein Genie vorhanden, um die elementarischen Erdengeister abzuhorchen über das, was ihnen die ungeborenen Menschen mitteilen, dann sprechen die betreffenden Menschen, die so etwas abhören können, eben das aus, was die ungeborenen Menschen den Naturgeistern, den Erdgeistern sagen.

[ 22 ] Versuchen Sie einmal auf das hin so manches wunderbare Naturbekenntnis Goethes zu verfolgen, manches Naturbekenntnis auch eines andern Menschen dieser Zeit, in dem so etwas besonders rege war, zum Beispiel in dem Dänen Steffens, oder sagen wir in Menschen wie etwa Troxier, Schubert, der so viel über den 'Iraum geschrieben hat, aber eigentlich die besten Anregungen dazu von den Naturgeistern bekommen hat. Verfolgen Sie das bei vielen andern, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch zahlreicher waren als später, dann bekommen Sie Zeugnis für das, was auf diese Weise unter die Menschen gekommen ist. Aber manchmal ist sogar noch etwas anderes zustande gekommen. Manchmal ging die Mitteilung, welche die ungeborenen Menschen auf diese Weise den Naturgeistern auf Erden machten, nicht so in die Menschen über, daß diese aus der Natur und ihren Geheimnissen heraus spirituelle Dinge sprachen, sondern die Menschen nahmen sie manchmal in ihrer ganzen Seelenverfassung auf. Sie nahmen die Kräfte der Naturgeister in ihrer ganzen Seelenverfassung auf, und das kam dann zum Vorschein in dem Stil, den solche Menschen schrieben. Und wo ein Gefühl für so etwas vorhanden ist, da kann der heutige Mensch sich folgendes sagen: Wenn ich heute einen Historiker lese, wie zum Beispiel Ranke oder Taine oder einen gegenwärtigen englischen Historiker, da wird der Stil schon intellektualistisch. Ranke schreibt ja schon im Stil intellektualistisch, die Sätze sind schon intellektualistisch gefügt, es ist alles so gescheit, das Subjekt gescheit an seine Stelle gesetzt, das Prädikat gescheit an seine Stelle gesetzt, so daß schon fast die Schulmeister sogar mit einem solchen Stil zufrieden sein könnten. Aber man vergleiche solch einen Stil zum Beispiel mit dem von Johannes Müller in seinen «24 Büchern allgemeiner Geschichte». Es ist ein Stil, man möchte sagen, wie wenn ein Engel sprechen würde. Und auch in andern Kulturen ist im 18. Jahrhundert eben noch manches in einem solchen Stil geschrieben, der tatsächlich nicht dieses Unindividuelle, dieses beleidigend Objektive eines jetzigen historischen oder naturwissenschaftlichen Stiles hat, sondern der etwas von dem hat, woran man sieht: es gehen elementare Naturkräfte durch den schreibenden Menschen hindurch und sein Stil ist aus dem Kosmos, aus dem Universum heraus geschrieben.

[ 23 ] Da kommt an den modernen Menschen etwas heran, was für die moderne Zeit ähnlich ist wie das, was von den Mumien ausging für den ägyptischen Eingeweihten. Das sind außerordentlich wichtige, hinter den Kulissen der äußeren Geschichte sich abspielende historische Begebenheiten, die man eben kennen muß, wenn man überhaupt etwas von der Entwickelung der Menschheit verstehen will. Und so sehen wir, wie auf diese Weise vorbereitet wurde — was jetzt nur eine Weile verkannt wird, weil eigentlich kein Mensch mehr auf so etwas in der richtigen Weise hinhorcht —, wie vorbereitet wurde das Spirituelle, das wiederum auch in den Intellekt hereinkommen soll und in der Zukunft im Intellekt leben muß, wenn die Menschheit der neueren Zivilisation nicht ganz den Spengler-Weg gehen will in den Niedergang des Abendlandes hinein. So können wir sagen: Die alten Ägypter mumifizierten die Menschenform; die neuere Menschheit seit dem 4., 5. nachchristlichen Jahrhunderte mumifizierte die alten Kulte auf allen Gebieten. Aber sie gab dadurch immerhin Veranlassung, daß ein Außerirdisches in dem Zeremoniell der alten Kulte leben konnte. Von dem Menschen lebte ja nicht viel darinnen in diesen Kulten, aber von außermenschlichen Wesenheiten lebt doch manches darinnen.

[ 24 ] So ist es ja auch mit den Kirchenkulten, und wer in die Dinge hineinschaut, wirklich der Realität nach hineinschaut, der kann manchmal ganz gut auch bei den Kirchenkulten die Persönlichkeiten, die mit Fleisch und Blut vor dem Altare stehen, entbehren, weil die geistigen Wesenheiten, ganz abgesehen von den zelebrierenden Priestern, da sind, weil er auf die geistigen Wesenheiten, die da eben in den Zeremonien drinnen leben, hinschauen kann. Wenn Sie das alles ins Auge fassen, so werden Sie sich sagen: Man muß schon eine ganz andere Sprache wählen, als es die heutige Menschheit gewöhnt ist, wenn man überhaupt an das herankommen will, was im spirituellen Sinne wirklich um uns herum ist. — Deshalb brauchen Sie sich gar nicht zu verwundern, wenn heute solche Werke erscheinen wie Fritz Mauthners «Kritik der Sprache», in der bewiesen werden soll, daß alles, was die Menschen sich an geistigen Wesenheiten vorgestellt haben, nur in den Worten liegt — und wenn man nicht an die Worte glauben will, so kann man auch nicht an Geister glauben! Das ist ja der Sinn der «Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner. Fritz Mauthner hat für einen großen Teil der modernen Menschheit recht, wirklich recht. Ein großer Teil der modernen Menschheit hat nichts als Worte, wenn er von übersinnlichen Dingen spricht. Für diese gilt die «Kritik der Sprache» — leider. Aber es ist ebenso notwendig, daß wiederum in die Worte der substantielle geistige Gehalt hineingebracht wird. Und deshalb war es auch in der geschichtlichen Entwickelung notwendig, daß eine Zeit hindurch, in der die Menschen selber noch nicht diesen geistigen Gehalt erfassen konnten, dieser ihnen fortentwickelt wurde von außermenschlichen Wesenheiten und von den Menschen, die noch nicht geboren sind, wie ebenso von außermenschlichen Wesenheiten und von Menschen, die nicht mehr irdisch lebten, die schon in dem Leben nach dem Tode standen, den Ägyptern die Intellektualität vorbereitet worden ist. Die Intellektualität, in der wir stehen, lernten die Ägypter von den Toten. Wir müssen die Spiritualität, in der wir noch nicht drinnen sind, in der Gegenwart lernen auf dem Umwege durch den mumifizierten Kultus, den wir uns wieder aneignen müssen, den wir mindestens studieren müssen. Denn dann ist er vielsagend. Wir müssen uns die Spiritualität der Zukunft zu unserer Intellektualität hinzu durch diese andere Mumie aneignen. An die Stelle des mumifizierten Menschen ist die mumifizierte menschliche Verrichtung getreten, an die Stelle der mumifizierten menschlichen Form ist die mumifizierte menschliche Handlung getreten. In entsprechender Weise hat sich das andere so ausgebildet, wie ich es charakterisiert habe.

[ 25 ] So muß man das studieren, was hinter den Kulissen der Weltgeschichte vor sich geht, sonst bleibt alles, was die Leute über geschichtliche Vorgänge erzählen, dennoch ein für die Menschheit unverstandenes Konglomerat von äußeren Zufallstatsachen, reinen Zufallstatsachen. Sie sind aber nicht Zufallstatsachen, wenn man ihren Hintergrund kennt. Sie werden erst Zufallstatsachen, wenn die Menschen es verschmähen, die Hintergründe zu erkennen. Sie werden sozusagen Wellen, von denen man glaubt, daß eine jede neben der andern steht, während sie alle zusammen aus den Tiefen des Meeres heraufspielen. In Wahrheit sind die geschichtlichen Vorgänge Wellen, die aus ungeheuren Tiefen eines spirituellen Meeres der Weltevolution heraufgeworfen werden auf die Oberfläche des unmittelbar von den Menschen zu erreichenden Geschehens. Und man sollte in jeder einzelnen historischen Tatsache eine solche Welle sehen, aber nicht glauben, daß Welle sich neben Welle durch sich selbst stellt, sondern daß jede einzelne Welle, das heißt jede einzelne historische Tatsache, aus spirituellen Tiefen der von Zeitenferne zu Zeitenferne gehenden spirituellen historischen Entwickelung herrührt.