Die Grundimpulse des weltgeschichtlichen Werdens der Menschheit
GA 216
29 September 1922, Dornach
Sechster Vortrag
[ 1 ] Ich habe Ihnen in der letzten Zeit von dem Geheimnis der Mumie und dem Geheimnis des Kultus gesprochen, insofern in Mumie und Kultus — wie wir gesehen haben — ganze Mysterien stecken: in der Mumie die Mysterien des ausgehenden Altertums vor dem Mysretium von Golgatha und in dem Kultus die Mysterien, die sich eigentlich erst in ihrer vollen Bedeutung in der Zukunft offenbaren werden, eben die Mysterien der kommenden Zeit. Ich möchte nun heute und morgen einiges zu dem schon Auseinandergesetzten hinzufügen. Zunächst möchte ich heute mehr in erzählender Form ein Bild vor Ihre Seelen stellen. Wenn Sie manche Mysterienszene in einem gewissen Zeitalter der ägyptischen Entwickelung, in dem Zeitalter, in welchem das Mumifizieren der Leichen in besonderer Blüte stand, hätten belauschen können, dann würden Sie das Folgende erfahren haben. Der lehrende Mysterienpriester versuchte seinen Zöglingen zunächst klarzumachen, wie im menschlichen Haupte eigentlich alle Geheimnisse der Welt verborgen liegen. Aber auf eine ganz besondere Art seien sie verborgen, so würde er gesagt haben. Er würde gesagt haben: Schauet die Erde an; so, wie sie der Wohnplatz der Menschen ist, ist sie eigentlich ein Spiegel, ein Reflex des ganzen Kosmos.
[ 2 ] Sie finden in der Tat alles, was Sie im Kosmos finden, auch in der Erde selbst. Sie brauchen nur auf das Folgende hinzublicken. Sie wissen, wenn wir hinausschauen in die Sternenwelt, so ist der Mond zunächst unser Erdennachbar unter den Himmelsgebilden. Wenn wir uns das als Erde vorstellen, hier den Mond kreisend um die Erde (siehe Zeichnung), so können wir uns die Bahn vorstellen, in der sich der Mond herumbewegt um die Erde, und wir können dann das, was sich zwischen der Erde und der Mondesbahn befindet, etwa mit dieser roten Fläche bezeichnen.
[ 3 ] Wer nun richtig die Erscheinungen zu deuten versteht, die ihm da entgegentreten, wenn er in die Erde hineingräbt, der muß in der Tat sich sagen: Das, was da in der Umgebung ist, findet sich abgespiegelt, aber nur verdichtet, in einer äußeren Schicht der Erde selbst.
[ 4 ] Gehen wir jetzt zu dem nächsten Planeten, der mit der Erde um die Sonne kreist, so können wir uns schematisch — es ist natürlich hier ungenau — diesen Planeten, die Venus, in ihrer Bahn vorstellen und können das, was in dem Raum auf eine luftförmige, ätherische, feinere Art eingeschlossen ist, wiederum in dieser Weise bezeichnen (gelb), und wir müßten, wenn wir die nächste Schicht der Erde zeichnen, diese Schicht wieder als eine Spiegelung dessen zeichnen, was da draußen ist (gelb). Und so würden wir die ganze Erde bekommen als ein Spiegelbild des Universums, nur daß wir immer das, was draußen in ätherischer Verdünnung, in ätherischer Flüchtigkeit ist, zusammengedrückt, verdichtet finden würden, wenn wir in die Erde hineingraben. Und wenn wir dann zu dem äußersten Umkreis des Weltenalls kämen, so würde dieser äußerste Umkreis des Weltenalls im Mittelpunkte der Erde ganz verdichtet in einem einzigen Punkte sein.
[ 5 ] Was ich Ihnen jetzt ganz skizzenhaft auseinandergesetzt habe, von dem sprach auch der ägyptische Eingeweihte zu seinen Schülern in der Zeit, die ich jetzt meine. Aber er sagte ihnen: Wenn man wiederum verstehen will, wie das Universum, der Kosmos, und sein Spiegelbild, die Erde, gegenseitig aufeinander wirken, dann schaue man den menschlichen Kopf, das menschliche Haupt an. — Das menschliche Haupt wird in der Tat im Leibe der Mutter gebildet durch das Zusammenwirken des ganzen Universums und der Erde. Aber — so sagte dieser Eingeweihte weiter zu seinen Schülern — durch keine Betrachtung des menschlichen Kopfes kann man das verstehen, was da eigentlich vorliegt, denn das menschliche Haupt enthüllt in sich selber nicht seine Geheimnisse. — Dieses menschliche Haupt enthält unendliche Geheimnisse, aber es enthüllt seine Geheimnisse keiner Betrachtung, wie man diese auch anstellen mag. Denn dieses menschliche Haupt ist allerdings von der ersten Zeit der Menschkeimung an im Leibe der Mutter bis zum Tode auf Erden tätig; aber es hat alles das, was es tut, als Wirkungen eigentlich nicht in sich. Das ist das Geheimnis des menschlichen Hauptes, daß es unendlich viel tut, aber alles, was es tut, geschieht nicht im Haupte selbst, sondern das geschieht im ganzen übrigen Organismus.
[ 6 ] So, wie ich jetzt zu Ihnen spreche, würde eben auch dieser Eingeweihte, nur in der damaligen Form des Ausdruckes, zu seinen Schülern gesprochen haben. Er würde ihnen begreiflich gemacht haben: Wenn durch das menschliche Auge eine Farbe angeschaut wird, wenn durch das Anschauen dieser Farbe eine Veränderung im menschlichen Gehirn hervorgebracht wird, so ist das, was da im menschlichen Auge hervorgebracht wird, diese Veränderung des Gehirns, eine Tat der Außenwelt. Was im Gehirn selber geschicht, sind Taten der Außenwelt. Aber das Gehirn tut selber auch etwas. Wenn das Gehirn von außen den Farbeneindruck empfängt und im Innern dadurch einen Nervenvorgang als Wirkung erfährt, so tut das Gehirn in seinem astralischen Leibe und in seiner Ich-Wesenheit etwas. Aber das zeigt sich nicht im Gehirn. Die Wirkung davon ist im übrigen Organismus. Und während die Wirkung der Außenwelt in einer Veränderung des Gehirns vorliegt, wirkt das Gehirn seinerseits zum Beispiel auf das Herz oder auf irgendein anderes Organ des menschlichen Leibes. Was der menschliche Kopf tut, das könnt ihr nur dann betrachten — so würde dieser Eingeweihte zu seinen Schülern gesprochen haben —, wenn ihr genau alles das kennt, was im menschlichen physischen Leibe vor sich geht.
[ 7 ] Die Ägypter wußten das, aber sie mußten, weil sie nicht mehr die Mittel der alten Zeit hatten, zu andern Mitteln greifen als zum Beispiel die urpersischen oder die urindischen Eingeweihten. Die urindischen Eingeweihten haben ihre Schüler Jogaübungen machen lassen; sie haben sie in einer bestimmten Weise atmen lassen. Dadurch, daß die Schüler den Atmungsvorgang zu einem Sinnesvorgang gemacht haben, haben sie den menschlichen physischen Leib kennengelernt. Wie ging das vor sich?
[ 8 ] Nun, wir wissen ja, wie in dieser Beziehung der menschliche Organismus geartet ist. Wenn wir eine Einatmung machen, da geht der Atemstoß durch die Lunge in den Körper und geht durch denRückenmarkskanal in das Gehirn. Im Gehirn verbindet er sich mit den andern Vorgängen, die da vor sich gehen, stößt zurück, und namentlich diesen Rückstoß beobachtete der Jogaschüler. Es war also für ihn so, daß er den Atemstoß bekam, der zunächst in die Lunge, dann durch den Rückenmarkskanal in das Gehirn ging und sich da ausbreitete. Er stieß dann wiederum zurück, ging durch die verschiedenen Organe in die Brust und so weiter. Diesen Rückstoß, den beobachtete also vorzugsweise der Jogaschüler. Was konnte er sich sagen? Indem er den Atemstoß, der zurückging in den Organismus, durch seine besondere Atemkunst beobachten konnte, beobachtete er in dem Hinunterwirken des Atems, was das Gehirn in seiner Brust, in seinen Unterleibsorganen und so weiter tut. In dem Zurückstoßen durch den Rückenmarkskanal und in dem Ausbreiten dieses Rückstoßes im ganzen Leibe beobachtete der Jogaschüler, was in seinem Organismus durch das Kopforgan bewirkt wird.
[ 9 ] Das war die Kunst des Atmens, als es noch so vorhanden war, daß tatsächlich der Atmungsvorgang zu einem Sinnesvorgang gemacht wurde, daß auf dem Umwege des Atmens der Mensch sich die Frage beantwortete: Was tut mein Haupt in meinem Organismus? — Nun habe ich Ihnen schon die letzten Male klargemacht, daß diese Art der Hellseherkunst eben in einer bestimmten Epoche des ägyptischen Zeitalters verlorengegangen war, daß die Ägypter zu andern Mitteln greifen mußten. Und so führten die Eingeweihten dieses ägyptischen Zeitalters ihren Schülern die Mumie vor, lehrten sie auch, den menschlichen Organismus zu mumifizieren, und lehrten sie durch diese Anschauung das, was früher auf eine innerliche Weise durch das Verfolgen des Atmungsprozesses gelernt worden war.
[ 10 ] Aber ich habe Ihnen auch gesagt, wenn diese ägyptischen Schüler der Eingeweihten auch nicht mehr die geistigen Vorgänge innerlich verfolgen konnten — denn auf die kam es an —, die sich als Taten des Gehirnes am menschlichen Organismus enthüllen, so kamen den alten ägyptischen Eingeweihten, wenn sie mit ihren Schülern sprachen, die geistigen Wesenheiten zu Hilfe, die mit dem Monde, mit der Mondensphäre zusammenhängen. Und diese geistigen Wesenheiten, die eben sonst obdachlos herumgeirrt wären auf Erden, die fanden ihr Obdach, ihr Haus, ihre Wohnung in den Mumien. Die waren es dann, welche man noch beobachten konnte, deren Sprache man sogar noch verstand in diesem Zeitalter der ägyptischen Entwickelung und von denen man die erste Naturwissenschaft lernte, indem man das, was der Jogaschüler noch auf innere Weise durch den kultivierten Atmungsprozeß wahrgenommen hat, so lehrte, daß man sagte: Sieh dir das menschliche Haupt an! Es ist eigentlich in einem fortwährenden Vergehen. — Das menschliche Haupt ist im Grunde genommen in einem fortwährenden Sterben, und in jeder Nacht muß sich der menschliche Organismus bemühen, gegen dieses Sterben des menschlichen Kopfes zu arbeiten. Aber was er während dieses Sterbens zwischen Geburt und Tod ausführt, das ist ein Neubeleben der übrigen Körperorgane, so daß diese, indem sie ihre Kräfte — natürlich nicht ihre Materie, sondern ihre Kräfte — durch die Zwischenzeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in die Zukunft hineinschicken, Haupt werden, Kopf werden in der nächsten Erdenorganisation. Aber — so sagte der Eingeweihte zu seinen Schülern — ihr müßt verstehen, was in den Formen der Organe liegt. — Deshalb suchte man so sorgfältig die Mumie zu bewahren, damit einem an den Formen der Organe der Mumie die eben angeführten Mondengeister erzählen konnten, welches die Geheimnisse dieser Organe sind, wie sie im Zusammenhange stehen mit dem menschlichen Haupte, wie sie in sich die Keimkräfte tragen, um selbst im nächsten Erdenleben Haupt zu werden. Diesen Unterricht gab der ägyptische Eingeweihte seinen Schülern an der Mumie.
[ 11 ] So hatte man in einem bestimmten Zeitalter auf äußerliche Weise zu lehren, was in den Blütezeiten der Jogaphilosophie und der Jogareligion auf eine innerliche Weise gelehrt worden war. Das war der ungeheure große Übergang, der stattfand von der urindischen und urpersischen Kultur zur ägyptischen Kultur hinüber, daß das, was früher auf innerliche Weise gelehrt worden war, nun auf äußerliche Weise gelehrt wurde. Und so etwa schloß mit einer, ich möchte sagen, grandiosen Pointe der ägyptische Eingeweihte diesen Unterricht, indem er sagte: Und nun versetzt euch ganz in das, was ihr in der Plastik der Mumie vor euch habt. Ihr habt in der Plastik der Mumie ganz undeutlich vor euch, was im Leben des Menschen auf der Erde in fortwährendem Vergehen ist: das Innere des menschlichen Hauptes. Ihr habt aber mit einer großen Deutlichkeit vor euch, was im übrigen Organismus in der Form ist. Nicht die Lebensprozesse, nicht die Empfindungsprozesse, das alles könnt ihr nicht studieren an der Mumie, aber ihr könnt studieren, was die plastische Form von Herz, von Leber, von Niere, von Magen, von alledem ist, was der menschliche Leib in seinem Inneren trägt. Und jetzt stellt euch vor: wenn ihr während des Lebens den Atem zurückgezogen habt in eurem Kopfe und ihn wiederum zurückstrahlt in den Organismus, so liegt in diesem Atem die plastizierende Kraft, Mumie zu werden.
[ 12 ] Der Atemstoß, der vom Kopfe nach dem Körper geht, will sich zur Mumie formen (siehe Zeichnung S. 92). Und nur dadurch, daß der Körper entgegenwirkt und wiederum die Ausatmung bewirkt, wird diese Mumie zurückverwandelt. Was man da vom menschlichen Haupte gegen den übrigen menschlichen Organismus zu sich bilden sieht, indem der Atem vorstößt, diese schnell wie eine Mumie sich bildende Gestalt, die sich aber sogleich wiederum auflöst, indem der Atem ausgeatmet wird (weiß), das bleibt nur zurück in einem fast fortwährend, namentlich während des Wachens, bleibenden Schein des ätherischen Leibes (rot). Wenn man den ätherischen Leib betrachtet, bekommt man das Gefühl: vom Kopf aus will er sich fortwährend zur Mumie formen und wiederum auflösen in eine Art von Ähnlichkeit mit dem menschlichen physischen Organismus (blau). Das ist die innere bewegliche Plastik, diese Tendenz des menschlichen ätherischen Leibes, die Mumiengestalt anzunehmen und wiederum zurückzukehren, so daß er wieder ähnlich wird dem menschlichen physischen Organismus.
[ 13 ] Diese Eigentümlichkeit des Menschen wurde zuerst gelehrt, wie ich sagte, als die grandiose Pointe von all den einzelnen vielgestaltigen Lehren, die der ägyptische Eingeweihte mit Hilfe übersinnlicher, elementarischer Wesenheiten, die man als Mondengeister ansprechen kann, seinen Schülern gab.
[ 14 ] Worauf wies denn dieser Eingeweihte seine Schüler hin? Er wies seine Schüler auf das hin, was in älteren Zeiten die Menschen innerlich erlebt haben: auf die Vergangenheit. Das war in der Tat das Eigentümliche dieser ägyptischen Kultur, die heute so rätselhaft vor uns steht, wenn wir uns die Sphinxe, Pyramiden, Mumien vergegenwärtigen. Rätselhaft steht das vor uns. Aber es enthüllt sich dem geisteswissenschaftlichen Blicke, wenn wir wissen, daß die Sphinxe zurück weisen auf die Gestaltungen, die während der atlantischen Zeit auf der Erde für den damaligen Blick der Menschen durchaus sichtbar waren, und wenn wir bedenken, daß in den Lehren, die der ägyptische Eingeweihte seinen Schülern über die Mumie geben konnte, ein Nachklang enthalten war von dem, was zum Beispiel der urindische Eingeweihte seinen Jogaschülern auf eine leichte Weise beibringen konnte, weil in diesen alten Erdenzeiten schon durch einen geringen Anstoß jeder Mensch dazu zu bringen war, das wahrzunehmen, was ich nennen möchte: den Augenblick des Entstehens der Äthermumie und die Rückgestaltung in einen menschlichen physischen Organismus.
[ 15 ] Es ist außerordentlich interessant, sich in die Art und Weise zu vertiefen, wie diese Mysterien enthüllt wurden in den ägyptischen Lehrstätten, die sich ja deshalb mit dem menschlichen Tode in eine innige Verbindung setzten, weil der menschliche Tod eben die Formen, wenn sie so bearbeitet werden, wie das in Ägypten geschah, beibehält, diese Formen, die sich während des Lebens der Beobachtung entziehen und die im Grunde genommen dennoch erkannt werden müssen, wenn man wirklich in die menschliche Wesenheit eindringen will.
[ 16 ] Nun habe ich Ihnen gesagt, daß in dem, was vielfach seit dem Mysterium von Golgatha als Kultus bewahrt worden ist, etwas Ähnliches vorliegt wie für den Ägypter in der Mumie. Ich habe Ihnen gesagt, wie in der Zeit, als man es brauchte, schon vom 4., 5. nachchristlichen Jahrhundert an, leise in Anfängen, aber dann später immer deutlicher und deutlicher begonnen wurde, alte Kultformen im Grunde zu mumifizieren. Denn wenn wir hinschauen auf die Art und Weise, wie in gewissen okkulten und sonstigen Brüderschaften Ritualien beobachtet werden, so sehen wir in diesen Ritualien eigentlich nirgends etwas Neues, sondern überall alte Formen, alte Ritualformen konserviert. Wir sehen sogar, wie diejenigen Persönlichkeiten, welche solche Ritualien und Zeremonien zu bewahren und das, was mit ihnen vorgenommen wird, zu leiten haben, den größten Wert darauf legen, daß solche Zeremonien in uralte Zeiten zurückweisen, also gewissermaßen konservierte Gebräuche aus uralten Zeiten sind. Und wir sehen auch überall, wie diese Zeremonien, die Wirksamkeiten dieser Ritualformen eigentlich nicht mehr verstanden werden. Denn was heißt es eigentlich, solche Zeremonien verstehen? Was heißt das, die Handlungen zu verstehen, die im Ritus vor sich gehen? Wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, müssen wir uns vergegenwättigen, wie Handlungen, die mit Ritualien zusammenhingen in alten Zeiten, zum Beispiel in der urpersischen und in der urindischen Zeit, verstanden wurden.
[ 17 ] Der Mensch nimmt heute einen Unterschied wahr, wenn er, sagen wir, mit der Hand eine Rose aus Papiermach£ und eine wirkliche Rose berührt. Er nimmt ja schließlich auch diesen Unterschied wahr, wenn er sich mit der Nase an diese Rose heranmacht. Und er bezeichnet diesen Unterschied dadurch, daß er die Rose aus Papiermache& eben als etwas Totes und die Rose, die er am Rosenstrauch gepflückt hat, als ein Lebendiges bezeichnet. Jemand, der in der richtigen Weise die Welt in jenen alten Zeiten, die ins 4., 5. vorchtistliche Jahrtausend zurückführen, ansah, der würde das, was zum Beispiel jemand tut, wenn er mit einer Maschine Holz zuschneidet und dergleichen, als einen toten Vorgang bezeichnet haben, denn er sah ja, auch wenn er geistig hinsah, nicht die physische Materie, sondern so etwas wie ein totes Schattenbild. Aber bei einer Handlung, die im Ritus ausgeführt wurde, bei einer Zeremonie, da sah er, wiein dem, was sich da vollzog, sogleich aus der umliegenden elementarischen Welt geistige Wesenhaftigkeiten heranrückten und durch all die Formen durchgingen, welche sich in der ritusmäßigen Handlung vollzogen. Geistigkeit sah er in diesen Handlungen.
[ 18 ] Heute können Sie überall herumfragen, wo man irgendeine von Ritualien getragene Handlung ausführt, in Logen oder auch in Kirchen, ob die Leute in solchen rituellen Handlungen noch geistige Wesenheiten sehen, die diese Handlungen durchströmen und durchpulsen. Es ist nicht der Fall. Es ist ebensowenig in diesen Handlungen heute geistiges Leben, wie in der ägyptischen Mumie das Leben dessen war, den man mumifiziert hatte. Diese Ritualien wurden nun bewahrt. Gewissermaßen wurden so, wie in der ägyptischen Mumie der menschliche Körper seiner Form nach mumifiziert worden ist, menschliche Handlungen, menschliche Verrichtungen traditionell aufbewahrt und werden, indem man sie nun vornimmt, gewissermaßen eben auch mumifiziert; wurde doch in ihnen etwas bewahrt, was wieder auferweckt werden kann und was auch wieder auferweckt werden wird, wenn man einmal den Weg gefunden haben wird, um die Kraft, die von dem Mysterium von Golgatha ausgeht, wiederum in alles menschliche Tun hineinzubringen.
[ 19 ] Dieses Hineinbringen der Kraft des Mysteriums von Golgatha, das verstehen die Menschen eigentlich heute sehr wenig. Einzelne Menschen gab es noch immer im Laufe der Zeiten, die einen Begriff davon hatten, wenn dieser Begriff auch nicht mehr so klar war wie in alten Zeiten, aber einzelne Menschen gab es noch immer, die einen Begriff hatten, wie das, was im Menschen als geistiger Impuls leben kann, hineingeleitet werden kann in alle menschlichen Handlungen, wie der Mensch ein Vermittler sein kann zwischen dem Geiste und dem, was äußerlich durch ihn selbst geschieht. Man muß natürlich dazu den rechten inneren Impuls haben. Man braucht nur auf einen solchen Geist wie Paracelsus hinzuweisen. Da ist noch solch ein Einsamer da, der wenigstens noch eine Ahnung davon hatte, daß das Geistige unter den Menschen so leben muß, daß es wirklich von den Menschen ausströmt und in die Handlungen hineingeht. Es ist ein großer Unterschied zwischen dem, was heute die Menschen gelten lassen und dem, was zum Beispiel noch Paracelsus ahnungsvoll wollte. Heute trennen die Menschen, was sie auf gewissen Gebieten des Lebens tun. Sie treiben zum Beispiel Medizin; aber sie wird nach materialistischer Auffassung getrieben. Nun kann man als Mediziner auch ein religiös frommer Mann oder eine religiös fromme Frau im heutigen Sinne sein. Aber man trennt das. Man verrichtet die Medizin äußerlich nach materialistischen Grundsätzen und sucht dann, was man für seine Seele braucht, in einer abgesonderten Religion. Dadurch bekommt die Religion etwas außerordentlich Egoistisches, denn eigentlich geht der Mensch an die Religion nur heran, wenn er wissen will, wie es ihm nach dem Tode ergeht oder wie seine Taten zusammenhängen mit dem, was ein Gott aus ihnen macht.
[ 20 ] Paracelsus war in seiner ganzen Gesinnung noch anders. Paracelsus wollte als Arzt ein religiös frommer Mensch sein. Die einzelne medizinische Tat, die therapeutische Tat sollte eine religiöse Tat sein. Für ihn war gewissermaßen das, was er am Kranken tat, ein Zusammenfügen der äußeren physischen Menschentat mit einer religiösen Verrichtung. Im Grunde genommen war für ihn das Heilen noch Kultushandlung. Und es war sein Ideal, es zur Kultushandlung zu machen.
[ 21 ] Das verstanden seine Zeitgenossen schon recht wenig, und in der Gegenwart wird es noch weniger verstanden. Es tut einem immer das Herz weh, wenn man nach Salzburg kommt und hört, wie die Tradition davon lebt, daß Paracelsus ein Säufer gewesen sei, daß er einmal spät nachts betrunken nach Hause gegangen, über einen Felsen heruntergefallen sei und sich den Schädel zerschlagen habe, daß er auf diese Weise zugrunde gegangen sei. Würde man das Richtige erzählen, so würde man natürlich darauf hinweisen, was seine Feinde getan haben; denn für dieses Schädelzerschlagen hat nicht die Betrunkenheit des Paracelsus gesorgt, sondern diejenigen haben es getan, die dann auch die Märe von seiner Betrunkenheit aufgebracht haben.
[ 22 ] Nun, heute sind die Sitten milder in dieser Beziehung, nicht gerade sehr viel anders, aber milder. Um was es sich handelt, ist, daß die Zeit schon herankommen wird, in der eine vertiefte Auffassung alles Kultus, aller Kultushandlungen Platz greifen wird. Und dann werden die richtigen Lehrer den richtigen Schülern etwas Ähnliches klarmachen können, wie es der ägyptische Eingeweihte seinen Schülern an den Mumien klarmachen konnte. Wie dazumal der ägyptische Eingeweihte seinen Schülern hat klarmachen können, daß sie etwas an der Mumie sehen, was in alten Zeiten durch den zu einem Sinnesprozeß umgestalteten Atmungsprozeß innerlich erlebt wurde, so wird, wenn wiederum der Kultus in der richtigen Weise verstanden werden kann, der Eingeweihte seinen Schülern klarmachen können, daß die Kultushandlung etwas ist, was im Vergleiche zu den äußeren Taten, die sonst der Mensch mit Hilfe von Werkzeugen verrichtet — und auch bei den Kultushandlungen spielen Werkzeuge ja eine Rolle —, eine ungeheuer viel größere Bedeutung im Zusammenhang mit dem Kosmos, mit dem Universum hat.
[ 23 ] Einstmals wird der Eingeweihte an den, allerdings nicht im heutigen Sinne verlaufenden, sondern an den wieder richtiggestellten Kultushandlungen seinen Schülern folgendes klarmachen können. Er wird ihnen sagen können: Wenn Ihr eine Kultushandlung verrichtet, so ist das ein Appell an die geistigen Mächte des Universums, ein Appell an diejenigen Mächte, die gerade durch das, was der Mensch tut, sich mit der Erde verbinden sollen. — Solch eine Handlung, die nach einem gewissen Ritus ausgeführt wird, unterscheidet sich wesentlich von einer bloß technischen Handlung. Eine Handlung, die bloß technisch ist, bewirkt irgend etwas. Mit einer Maschine macht man irgend etwas. Das, was man macht, wird verwendet im Leben. Man macht, sagen wir, heute mit der Nähmaschine Kleider, die Kleider trägt man, sie gehen zugrunde. Damit ist aber auch das, was durch die Maschine geschieht, getan. So ist es nicht bei der Kultushandlung. Ich habe Ihnen das letztemal gezeigt, wie der Mensch, wenn die Kultushandlung in der richtigen Weise aufgefaßt wird, in die Möglichkeit kommt, mit andern geistigen Wesenheiten verkehren zu können, mit Wesenheiten, die der Erde so nahestehen, wie die Geister, welche zu den Ägyptern aus den Mumien sprachen, dem Monde nahestanden. Durch die Maschine, durch die äußere Technik verkehrt man mit den physischen Naturkräften der Erde; durch die Kultushandlungen verkehrt man mit den geistig-elementarischen Mächten der Erde. Mit denjenigen Mächten der Erde verkehrt man, welche in die Zukunft hinweisen.
[ 24 ] Und so wird der Eingeweihte seinen Schülern sagen können: Indem ihr euch einlebt in eine Kultushandlung, indem ihr verfolgt, was da geschieht, verfolgt ihr etwas, wovon der materialistische Phantast sagt: Das ist ja nichts Wirkliches! —, oder gar, wenn er zynisch ist, sagt: Das ist ja ein Spiel! — So mag es sein, aber alles, was nach dem richtigen Ritus ausgeführt wird, birgt Geistiges in sich. Die geistig-elementaren Wesenheiten, welche in die Gegenwart herein berufen werden, wenn eine Kultushandlung ausgeführt wird, brauchen diese Kultushandlung, denn aus ihr ziehen sie ihre Nahrung, ihre Wachstumskräfte.
[ 25 ] Einmal wird eine Zeit kommen, in der die Erde nicht mehr sein wird. Es ist so, daß alles, was wir um die physischen Sinne ringsherum haben, alles, was wir im heutigen Mineralreich, Pflanzenreich, Tierreich sehen, alles, was an Luft und Wolken, selbst das, was an dem Glanze der Sterne vorhanden ist, daß alles das vergehen wird. Dann wird die Erde sich angeschickt haben, das zu werden, wovon ich im Umriß einer «Geheimwissenschaft» gesprochen habe. Die Erde wird sich anschicken müssen, in einer gewissen Zukunft zum Jupiterdasein hinüberzugehen. Dieser Jupiter wird ebenso eine folgende Verkörperung der Erde sein, wie unser eigenes künftiges Erdenleben eine Wiederverkörperung unseres gegenwärtigen Erdendaseins sein wird, nur daß die Zeiträume wesentlich größer sind. Kein Stäubchen wird von der Materie, die heute in Mineralien, Pflanzen, Tieren, in Wind und Wolken ist, kein Stäubchen von dieser Erde wird in einer gewissen Weise in der Zukunft mehr vorhanden sein. Alle Vorgänge, die auf äußerlich technische Weise geschehen, die mit den technischen Maschinen vor sich gehen, die werden ihre Aufgabe getan haben. Das alles wird Vergangenheit sein.
[ 26 ] Aber in dem, was da war, in dem, was menschliche äußere technische Kultur war, darinnen wird etwas anderes vorbereitet sein. Zeichnen wir uns das schematisch hin (siehe Zeichnung). Nehmen wir an, das sei unsere heutige Erde. Dadrinnen gehen die verschiedensten Naturprozesse vor sich(grün); Pflanzendecke und so weiter, Wolken umgeben die Erde (hell), Maschinen sind da, mit denen allerlei geschieht auf der Erde (lila); Tiere laufen herum, physische Menschenkörper (rötlich). Das alles wird weg sein. Aber auf dieser Erde werden in der Zukunft solche Kultushandlungen vollzogen werden, welche aus einem richtigen Erfassen der geistigen Welt hervorgehen. In alledem, was dadrinnen ist, werden Kultushandlungen vollzogen.
[ 27 ] Ich will sie hier schematisch in der verschiedensten Weise zeichnen (siehe Zeichnung). Dadurch, daß diese Kultushandlungen vollzogen werden, werden in die Sphäre dieser Kultushandlungen elementar-geistige Wesenheiten hereingerufen. Ich will sie hier gelb zeichnen. Sie sind unsichtbar für das äußere Auge. Aber eine Zeit wird kommen, in der alles, was an Stoffen heute die Mineralien, die Pflanzen, die Tiere, die Wolken ausfüllt, was da wirkt in Wind und Wetter, fort sein wird. Alles, was Pflanzendecke ist, wird fort sein, zerstäubt sein im Weltenall, selbstverständlich auch die Geräte, mit denen dieKultushandlungen verrichtet werden. Aber was an elementaren geistigen Wesenheiten in die Sphäre der Kultushandlungen gerufen worden ist, das wird darinnenstecken, das wird, wenn diese Erde ihrer Vollendung zugeht, in vollkommener Ausbildung ebenso innerhalb der Erde sein, wie im Herbst der Pflanzenkeim des nächsten Jahres verborgen in der Pflanze steckt. Und wie von der Pflanze die welk gewordenen, dürren Blätter abfallen, so wird in das Weltenall hineinzerfallen all das, was im Mineral-, im pflanzlichen, im tierischen Reiche ist. Und wie ein Same für die Zukunft werden die elementaren Wesen, die sich dann vervollkommnet haben, da sein, weiterlebend ins Jupiterdasein.
[ 28 ] Und dann kann wiederum, ich möchte sagen, in einer grandiosen Pointe zusammengefaßt werden, was solch ein Eingeweihter seinen Schülern zu sagen hat. Er kann sagen: So wie der ägyptische Eingeweihte an der Mumie alle Geheimnisse des menschlichen Hauptes und damit alle Geheimnisse der Erde und ihrer kosmischen Umgebung seinen Schülern klarmachen konnte, so kann ich euch klarmachen, wie die Erde in ihrer Vernichtung auferstehen wird aus den elementarisch sich erlebenden Wesenheiten, die in dem richtig verstandenen Kultus sich in die Zukunft hinein entwickeln. — Und es gibt in der Entwickelung unserer Zeit für diese Auffassung einen grandiosen Anfang. Dieser Anfang kann sich so vor die Seele hinstellen: Menschen haben ihren Hunger und Durst befriedigt, indem sie vor sich auf ihrer Tafel hatten, was den Hunger und den Durst befriedigt. Dann aber kam das Wesen, das in dem Leibe des Jesus von Nazareth wohnte, versammelte seine intimsten Jünger um sich und sagte zu ihnen: Hier ist das Brot, hier ist der Wein. Seht jetzt nicht auf das, was eure äußeren Augen im Brote und Weine sehen, was eure Gaumen schmecken, was euer physischer Leib verdauen kann. Was auf der Erde ist, das trägt den Keim des Unterganges in sich. Aber wenn ihr in euch den rechten Impuls habt, könnt ihr es erfüllen mit dem, was Geist der Erde ist. Denn das ist dann nicht Brot, das ist nicht Wein, das ist, was als das Tiefste im Menschen selber leben kann, das ist, was im menschlichen Leibe lebt und west, was der Mensch vergeistigen kann und was hinübergetragen wird in die Zukunft, wenn alles das, was hier auf Erden lebt, vergangen ist. — Der Christus ist eingezogen in den Leib des Jesus von Nazareth; alles ist geistig geworden an diesem Jesus von Nazareth. Er konnte hinweisen auf das Brot und auf den Wein und konnte sagen: Das ist nicht die wahre Gestalt von Brot und Wein, die wahre Gestalt ist diese, die im Menschen wohnt. «Dies ist mein Leib, dies ist mein Blut.» Die Worte bekommen ihre rechte Bedeutung dann, wenn man sie interpretiert durch das andere Christus-Wort.
[ 29 ] Ich mußte heute und schon früher oftmals zu Ihnen sagen, daß alles, was auf der Erde als Pflanzenreich, als Tierreich, als Mineralreich ist, was in Wind und Wetter, in Wolken und so weiter lebt, selbst was im Sternenscheine lebt, daß alles das zerstieben wird. Es wird nichts davon da sein, nicht ein Stäubchen. Es zerstiebt im Weltenall, Aber das, was der Mensch geistig vorbereitet, das wird da sein.
[ 30 ] Der heutige Mensch meint, durch unsere Sprachorgane bewegen wir die Luft, und da werden in der Luft Schwingungen angeschlagen, die trommeln dann auf das Trommelfell — das davon auch den Namen hat, sonst würde man es nicht Trommelfell nennen, wenn nicht darauf getrommelt würde —, und da geschieht so etwas wie die Umsetzung in Nervenbewegung, und da hört es dann auf. Es gab eine Zeit in der Menschheitsentwickelung, in der man noch wußte, wie auf den Worten die elementarischen Geister sich bewegten, in der man noch wußte, daß, wenn der Mensch zum Beispiel das Wort ausspricht in der rituellen Handlung, dasjenige, was er im Worte ausspricht, sich hineinströmend bewegt in die äußere Handlung, die äußere Handlung durchsetzt, und daß der Geist, der im Menschen lebt, sich mit dem, was die äußere Handlung ist, verbindet und dadurch eben das alles geschieht, was ich so ausdrückte: Es werden elementarische Geister, die in die Zukunft hinein sich vervollkommnen, in der Sphäre der Ritualhandlung gegenwärtig sein. — Wer das verfolgt, der kann auch verstehen, was man einstmals meinte, wenn man von dem «Wort» sprach. Heute meint man Schall und Rauch. Daher konnte Goethe mit einem gewissen Recht von Schall und Rauch sprechen lassen. Aber ehedem meinte man mit dem Worte nicht Schall und Rauch, sondern das, was als Geist in dem Worte lebt, nicht das abstrakt begriffliche Vorstellungsmäßige, sondern das wirklich Spirituelle, das im Worte lebt. Und im Worte lebte eben viel Spirituelles. Der Christus machte darauf aufmerksam, daß dasjenige, was der Mensch also im Worte leben läßt, eben in dem steckt, was sich mit der Ritualhandlung als eine Vervollkommnung elementarischer Geister ergibt, und er konnte sagen: «Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.»
[ 31 ] Und jetzt nehmen Sie den Ausgangspunkt des Johannes-Evangeliums: Im Urbeginne war der Logos, das Wort. — Stellen Sie sich vor, wie der Logos mit dem Christus eines ist; was sind dann Brot und Wein bei der Einsetzung des Abendmahles? Leib und Blut des Logos. Und wir haben hingeschaut, wie der Logos das Vergehende verläßt, das Werdende ergreift, die Zukunft vorbereiten will.
[ 32 ] So kann gerade auf das Mysterium von Golgatha von einer solchen Betrachtungsweise aus ebenso grandios hingewiesen werden, wie einstmals hingewiesen worden ist auf das Bild des Ätherleibes als einer Mumiengestalt und sein sofortiges wiederum Sich-Verwandeln in eine Gestalt, die ähnlich ist dem menschlichen physischen Leib. Aber der Mensch — das habe ich ja in allen möglichen Zusammenhängen schon betont — wird wiederum seinen Zusammenhang mit der geistigen Welt erringen müssen, wenn die Erde ihr Ziel erreichen soll. Ebenso wie diejenigen, die den Ägyptern vorangegangen sind, innerlich dieses Mumiewerden erlebt haben, das sich gleich wiederum auflöst und das die Wahrnehmung des Atemstoßes darstellte, der in den Organismus sich ausbreitet, so wird in der Zukunft wahrgenommen werden müssen der Ausatmungsprozeß, das Hinaustreten der ausgeatmeten Luft in den äußeren Weltenraum, die Mitteilung von dem, was sich im menschlichen Organismus bildet, die Anschauung der Vergeistigung unserer Umgebung durch den Menschen selber. Der Ägypter sagte sich: Die Mumie stellt mit jedem Atemzuge eine Form dar, die der Mensch innerlich geistig werden will. — Künftige Eingeweihte werden sagen: Jede Ausatmung stellt dar, wie der Mensch ein ganzer Kosmos, eine ganze Welt werden will. Stößt aus dem Kopf die eingeatmete Luft nach dem Organismus, dann wird der Mensch verstanden. Stößt aus dem Menschen die Luft wiederum hinaus in die Welt, so wird im Anstoß der Luft an die Welt der Kosmos verstanden. — Man wird den Kosmos dadurch wieder verstehen, daß man in der Imagination die Welt umfassen wird. Und man wird in der Imagination dasjenige erkennen, was der Mensch selber mit seiner Atemluft in die Außenwelt versetzt. Es wird aber nichts anderes sein als das, was er in dieser Weise für die Zukunft vorbereitet.
[ 33 ] So schließt sich zusammen, was der Mensch geschichtlich tut, mit dem, was im Kosmos geschieht. Ohne daß man diese Dinge zusammenschließen kann, kann man zu keinem Weltverständnis kommen, denn der Mensch muß die Geschichte wiederum kosmisch verstehen und den Kosmos geschichtlich verstehen.
