Die Grundimpulse des weltgeschichtlichen Werdens der Menschheit
GA 216
30 September 1922, Dornach
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Wir haben gesehen, wie sich die Grundimpulse des geschichtlichen Werdens der Menschheit in solchen Erscheinungen ausdrücken wie das merkwürdige Hinneigen der ägyptischen Kultur zu der Mumifizierung der menschlichen Form und in der neueren Zeit zu der Konservierung alter Kultformen, die auch in einer gewissen Beziehung eine Art Mumifizierung, aber eine Mumifizierung des Kulturgeschehens darstellt. Wenn wir noch einmal mit einigen Gedanken zu der ägyptischen Kultur zurückgreifen, wie sie sich in der Mumie äußerlich offenbart, so müssen wir das, was wir da als eine Anschauung gewonnen haben, mit einer Darstellung verbinden, die ich während des Kursus gegeben habe, der vor kurzem drüben im Goetheanum gehalten worden ist, die ich aber auch hier schon öfter gegeben habe. Ich meine die Darstellung von der gewöhnlichen menschlichen Denktätigkeit, wie sie vom Menschen ausgeübt wird so, daß er sie allmählich während seiner Kindheitszeit in sich heranerzieht, darinnen eine gewisse Fähigkeit erlangt und sie dann durchführt zwischen seinem Jugendalter und dem Tode. Diese Denktätigkeit, dieses, wie ich es öfter genannt habe, intellektualistische Sich-Betätigen haben wir kennengelernt als eine Art inneren Seelenleichnams.
[ 2 ] Wir haben es uns wiederholt vor die Seele geführt, daß das Denken, so wie es im Erdenleben von dem Menschen ausgeführt wird, nur dann in der richtigen Weise angeschaut wird, wenn man es zu seinem eigentlichen Wesen in die gleiche Beziehung zu setzen versteht, wie der Leichnam, den der Mensch übriggelassen hat, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, im Verhältnis zu dem lebendigen Erdenmenschen steht. Das, wodurch der Mensch Mensch ist, fährt eigentlich aus dem Menschen heraus, und im Leichnam bleibt etwas übrig, das nur diese Form haben kann, die uns entgegentritt, wenn sie eben von einem lebenden Menschen übriggelassen ist. Niemand könnte so einfältig sein zu glauben, daß durch irgendein Zusammenkommen von Kräften der menschliche Leichnam in seiner Form entstehen könnte. Er muß ein Rest sein, es muß ihm etwas vorangegangen sein, es muß ihm der lebendige Mensch vorangegangen sein. Die äußere Natur, die wir studieren, hat zwar die Macht, die Form des menschlichen Leichnams zu zerstören, sie hat aber nicht die Macht, sie zu bilden. Diese menschliche Form wird gebildet durch das, was dem Menschen an höheren Wesensgliedern eigen ist. Aber diese sind fort mit dem Tode. Geradeso wie wir einem Leichnam ansehen, daß er von einem lebendigen Menschen herrührt, so sehen wir es dem Denken an, wenn wir es in der richtigen Weise anschauen, daß es nicht durch sich selbst so sein kann, wie es uns im Erdenleben entgegentritt, sondern daß es eine Art Leichnam in der Seele ist, und zwar der Leichnam von dem, was es war, bevor der Mensch aus geistig-seelischen Welten in das physische Erdendasein heruntergestiegen ist. Da war die Seele etwas im vorirdischen Dasein, das gewissermaßen mit der Geburt gestorben ist; und der Leichnam dieses seelisch Gestorbenen ist das Denken.
[ 3 ] Wie sollte es auch nicht so sein, da doch gerade die Menschen, die mit dem Denken am meisten zu leben verstanden, diese Torheit, dieses Gestorbensein des abstrakten Denkens fühlten! Ich brauche Sie nur zu verweisen auf jene ergreifende Stelle, mit der Nietzsche beginnt, die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen zu schildern, da, wo er schildert, wie die griechische Gedankenwelt in den vorsokratischen Philosophen, wie etwa in Parmenides oder in Heraklit, zu den abstrakten Gedanken des Seins und Werdens aufsteigt. Da, sagt Nietzsche, fühlt man eine eisige Kälte über sich kommen. Und so ist es auch. Vergleichen Sie nur damit, wie die Menschen des alten Orients in lebendigen, innerlich regsamen, allerdings mehr traumhaften Seelengebilden diese äußere Natur zu begreifen versuchten. Gegen dieses in sich regsame Denken, dessen Blüte uns entgegentritt in der Vedantaphilosophie, in den Veden, gegen dieses sich regende Denken, gegen dieses überall sprießende und sprossende Denken, das den ganzen Menschen innerlich lebendig durchwebt, ist tatsächlich das, was in späterer Zeit als abstrakter Gedanke auftritt, toter Leichnam. Das empfand Nietzsche, indem er sich gedrungen fühlte, die vorsokratischen Philosophen zu schildern, die zu solchen abstrakten Gedanken eigentlich in der Menschheitsentwickelung zuerst aufgestiegen sind.
[ 4 ] Aber sehen Sie hin auf diese orientalischen Weisen, die den griechischen Philosophen vorangegangen sind. Sie werden da nichts von einem Zweifel daran finden, daß der Mensch zuerst ein seelisches Dasein hatte, bevor er auf die Erde niedergestiegen ist. Man kann nicht das Denken als lebendiges erleben und nicht zugleich an das vorirdische Dasein des Menschen glauben. Wer das Denken als ein lebendiges erlebt, ist eben so wie einer auf der Erde, der den lebendigen Menschen erkennt. Wer nicht mehr das Denken als lebendiges erlebt, wie es die griechischen Philosophen auch schon vor Sokrates getan haben, der kann meinen, daß der Mensch ein Wesen ist, das erst mit der Geburt geboren wird, wie es Aristoteles getan hat. Also wir müssen unterscheiden zwischen dem einstmals orientalischen innerlich regsamen und lebendigen Denken, wodurch man wußte, daß man eben aus geistigen Welten in das Erdendasein eingezogen ist, und demjenigen Denken, das dann als das tote Denken, das Leichnamdenken aufgetreten ist, wodurch man nichts anderes kennenlernt als das, was einem eben zwischen Geburt und Tod zugänglich ist.
[ 5 ] Versetzen Sie sich nun in die Lage eines solchen Menschen innerhalb Ägyptens, sagen wir im 2. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha. Der mußte sich sagen: Da drüben im Orient waren einmal Menschen, die haben das Denken als ein lebendiges gehabt. — Aber dieser ägyptische Weise war noch in einer besonderen Lage. Er hatte noch nicht das Seelenleben, das wir heute haben. Stellen Sie sich nur ganz lebendig vor, wie das Seelenleben eines solchen ägyptischen Weisen war. Lebendiges Denken zu fühlen, das war schon aus der Seele entwichen, das konnte man nicht mehr, und das abstrakte Denken war noch nicht da. Man schuf Ersatz durch das Einbalsamieren der Mumien, wodurch man in der Art, wie ich es geschildert habe, zu dem Formbegriff, zu den Formvorstellungen des Menschen kam. Man bändigte sich hin zum Begreifen dieser toten Menschenform in der Mumie, und daran erlernte man zuerst das abstrakte Denken, das tote Denken.
[ 6 ] Dem steht in der neueren Zeit gegenüber, daß in einzelnen okkulten Gemeinschaften namentlich Rituale und Kultformen, zeremonielle Handlungen bewahrt worden sind, die einmal in der Art, wie ich es gestern charakterisiert habe, ganz lebendig waren in der Menschheit, die aber jetzt als tote aufbewahrt werden. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, was Sie vielleicht von den Ritualien, sagen wir, des Freimaurerordens gelesen haben. Da werden Sie finden, daß Zeremonien des ersten Grades, des zweiten Grades, des dritten Grades entwickelt werden. Diese Zeremonien werden in äußerlicher Weise gelernt und beschrieben oder auch verrichtet. Das war einstmals eine volle Lebendigkeit; darinnen lebten einstmals Menschen so, wie die Pflanze in ihrem Lebensprinzip lebt. Heute sind sie ein Totes geworden. Auch das Mysterium von Golgatha hat nur in einzelnen priesterlichen Naturen die innerliche Lebendigkeit hervorrufen können, die etwa verknüpft ist mit dem Kultus der Kirchen, die nach dem Mysterium von Golgatha entstanden sind. Aber die Menschheit hat bis jetzt nicht die Möglichkeit errungen, in das Kultusartige das volle Lebendige hineinzubringen. Dazu ist eben ein anderes notwendig.
[ 7 ] An das Denken, das die Menschheit gegenwärtig hat, geht eigentlich auf das Tote hin. Für das lebendige Denken, das einmal vorhanden war, ist vorläufig gar kein Verständnis vorhanden. Das intellektualistische Denken, das die Menschheit namentlich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts betreibt, das ist ein Leichnam. Deshalb ist dieses Denken auch so sehr bestrebt, sich nur auf die tote Natur zu beschränken, das Mineralreich kennenzulernen. Und man möchte auch die Pflanzen, man möchte die Tiere, man möchte den Menschen selber nur nach den mineralisch-physikalisch-chemischen Kräften studieren, weil man nur dieses tote Denken, diesen Gedankenleichnam handhaben will, den der rein intellektualistische Mensch mit sich herumschleppt.
[ 8 ] Ich mußte in diesen Vorträgen, die ich jetzt in dieser Serie vor Ihnen halte, einmal Goethe nennen. Goethe war ja, wie Sie wissen, Mitglied der Freimaurergemeinschaft. Er hat den Kultus der Freimaurergemeinschaft erlebt, aber er hat ihn so erlebt, wie ihn eben nur Goethe erleben konnte. Aus den sonst nur traditionell bewahrten Kultusformen ging für ihn ein unmittelbares Leben hervor. Für ihn war es wirklich, daß er sich in Verbindung setzen konnte mit jener geistigen Wesenheit, die sich hereinlebt in der Art, wie ich es dargestellt habe, aus dem vorirdischen Dasein in dieses irdische Dasein; was für Goethe immer, wie ich sagte, eine Art Verjüngungskraft war, denn Goethe hat sich oftmals in seinem Leben wirklich verjüngt. Und aus diesem inneren Leben ist aus Goethe das hervorgegangen, was im Grunde genommen eine der größten, eine der bedeutendsten Erscheinungen im modernen Geistesleben ist, was aber eben bis heute nicht gewürdigt wird: das ist der Metamorphosegedanke.
[ 9 ] Was hat denn Goethe eigentlich getan, indem er den Metamorphosegedanken gefaßt hat? Das war eben das Wiederaufleuchten eines innerlich lebendigen Denkens, eines Denkens, das in den Kosmos eintreten kann. Goethe hat sich aufgelehnt gegen die Linnésche Botanik, wo man eine Pflanze neben die andere hinstellt, von jeder einzelnen Pflanze sich einen Begriff macht und der Meinung ist, man müsse das alles hübsch in ein System bringen. Goethe konnte das nicht mitmachen. Goethe wollte nicht allein diese toten Begriffe haben, er wollte ein lebendiges Denken haben. Das hat er dadurch erreicht, daß er zunächst in der Pflanze selber nachgesehen hat. Und für ihn wurde die Pflanze nun so, daß sie unten grobe, ungestaltete Blätter entwickelt, weiter dann gestaltete Blätter, die aber Umformungen, Metamorphosen des andern sind, dann die Blumenblätter mit einer andern Farbe, dann die Staubgefäße, in der Mitte den Stempel — alles Umwandlungen der einen Grundform des Blattes selber. Goethe hat nicht das Pflanzenblatt so angesehen, daß er etwa gesagt hat: Das ist ein Pflanzenblatt, und das ist ein anderes Pflanzenblatt. — So hat Goethe nicht die Dinge angesehen, die an der Pflanze wachsen, sondern er hat gesagt: Daß dieses Blatt so und jenes Blatt so aussieht, das ist eine Äußerlichkeit. Innerlich angesehen ist es so, daß das Blatt innerlich selber eine Verwandlungskraft hat, daß es äußerlich ebensogut so ausschauen kann (rechts) wie so (links). Es sind gar nicht zwei Blätter, es ist eigentlich es Blatt, in zwei verschiedenen Weisen dargestellt.
[ 10 ] Und wenn ich eine Pflanze habe (siehe Zeichnung), sagte sich Goethe: Da unten das grüne Blatt, da oben das Blumenblatt (rot) —; der intellektualistische Philister sagt: Das sind zwei, das sind eben zwei Blätter. — Was könnte denn auch für den intellektualistischen Philister selbstverständlicher sein, als daß dies zwei Blätter sind, denn es ist sogar das eine rot, das andere grün. Aber wenn der Mensch einen grünen Rock und eine rote Jacke hat, das sind allerdings zwei, denn in bezug auf die Bekleidung gilt zunächst, wenigstens in der modernen Zeit, die Philistrosität; da ist diese Philistrosität ja am Platze. Aber die Pflanze macht diese Philistrosität nicht mit, sagte sich Goethe, das rote Blatt ist dasselbe wie das grüne Blatt. Es sind gar nicht zwei Blätter, es ist eigentlich nur ein Blatt in verschiedenen Gestaltungen; das eine Mal wirkt dieselbe Kraft da unten an der Stelle A. Da wirkt sie so, daß die Kräfte hauptsächlich aus der Erde herausgezogen werden. Die Pflanze zieht die Kräfte aus der Erde heraus, saugt sie da hinauf, und das Blatt muß unter dem Einfluß der Erdenkräfte wachsen und wird grün. Und indem die Pflanze weiterwächst (violett), kommt die Sonne und bestrahlt sie immer stärker als da unten. Die Sonne überwiegt, derselbe Impuls wächst in die Sonne hinein und wird rot.
[ 11 ] Goethe hätte etwa sagen können: Wenn wir einen Menschen sehen, der einen andern furchtbar viel essen sieht und er selbst hat nichts, nun, da wird er eben blaß vor Neid. Ein andermal gibt ihm einer einen Puff und da wird er rot. Ja, nach demselben Prinzip, nach dem man das hier zwei Blätter nennt, könnte man auch sagen: Das sind zwei Menschen; das eine Mal ist er blaß, das andere Mal ist er rot, also sind es zwei Menschen. — Ebensowenig wie das zwei Menschen sind, ebensowenig sind das zwei Blätter. Es ist ein Blatt, das eine Mal ist es dieses, an einem andern Orte ist es jenes. Das ist ja auch nichts besonders Wunderbares für Goethe, denn schließlich kann der Mensch auch von einem Ort zum andern laufen, und es sind doch nicht zwei verschiedene Menschen, die Sie an verschiedenen Orten sehen! Kurz, Goethe kam darauf, daß dieses Nebeneinanderbetrachten der Dinge keine Wahrheit, sondern eine Täuschung ist, daß dies ein Blatt wäre, das grüne hier und das rote dort.
[ 12 ] Aber so wie er die verschiedenen Organe an der Pflanze sah, so sah er auch die verschiedenen Pflanzen an. Nehmen wir einmal die Sache so: Wir haben da irgendeine Pflanze. Sie hat es gut, sie kann aus dem Keim heraus eine ordentliche Wurzel bilden, einen Stengel, am Stengel ordentliche Blätter, eine ordentliche Blüte, sogar Staubgefäße und den Stempel in den Staubgefäßen drinnen (siehe Zeichnung). Goethe Do sagte: Die Staubgefäße sind auch nur dasselbe Blatt. — Er hätte sagen können: Ja, der Intellektualist behauptet, die roten Blumenblätter sind so breit, die Staubgefäße sind wie ein Faden so dünn, nur haben sie oben so eine Narbe. — Und dennoch sah Goethe im breiten Blumenblatt und im ganz schmalen Staubgefäß auch nur verschiedene Gestaltungen ein und desselben Blattes. Er hätte auch wieder bildlich sagen können: Habt ihr nicht schon einmal gesehen, daß ein Mensch einmal in seinem Leben ganz schlank war wie eine Gerte, nachher auseinandergegangen und ganz dick geworden ist? Das sind ja auch nicht zwei Menschen. — Also Blumenblätter und Staubgefäße sind eins, und wie gesagt, daß sie an verschiedenen Stellen sind, macht auch nichts aus, und das war auch für Goethe nichts Wesentliches, Der Mensch, der nicht so schnell laufen kann, kann nicht gleichzeitig an zwei Orten sein. Ein gebildeter Bankier in Berlin sagte einmal, als er von allen Seiten furchtbar ankrakeelt wurde: Glauben Sie, daß ich ein Vöglein bin, das an zwei Orten zugleich sein kann? — Ja, das kann eben der Mensch nicht, sondern hier handelt es sich darum, daß eben das Prinzip der Metamorphose, das Zeigen der Einheit in der Vielheit, der Einheit in der Mannigfaltigkeit überall von Goethe gesucht worden ist. Dadurch hat dann Goethe den Begriff der Metamorphose ins Leben gebracht.
[ 13 ] Wenn Sie das, was ich jetzt gesagt habe, erfassen, dann bekommen Sie eine Idee vom Geist. Denn denken Sie sich alles das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe: Dieses, daß eigentlich die ganze Pflanze ein Blatt ist, in verschiedener Art gestaltet, das ist ganz gewiß nicht körperlich zu fassen. Da müssen Sie etwas geistig fassen, das sich in der verschiedensten Weise verändert. Es ist Geist, der im Pflanzenreich lebt. Und wir können weitergehen, wir können, wie gesagt, eine Pflanze nehmen, die es gut hat, die also in der richtigen Weise ihren Samen in die Erde versetzt bekommt, dann wiederum zur richtigen Zeit die schwache Frühlingssonne hat, dann die Sonne des Hochsommers, dann wiederum an der schwächer werdenden Sonne den Samen entwickeln kann. Aber nehmen wir an, die Pflanze wird in solche Naturverhältnisse versetzt, daß sie gar nicht Zeit hat, eine Wurzel zu entwickeln, auch keinen vernünftigen Stamm, keine vernünftigen Blätter, sondern daß sie alles das, was sonst eben in den Blumenblättern sich entwickelt, ganz furchtbar rasch und undeutlich entwickeln muß, weil sie gar nicht Zeit hat, das alles so schnell auszubilden. Da wird es ein Schwamm, ein Pilz.
[ 14 ] Da haben Sie zwei äußerste Extreme: eine Pflanze, die Zeit hat, sich in alle Einzelheiten hinein zu differenzieren, entwickelt Wurzeln, Stengel, Blätter, Blüten, Früchte, alles mögliche. Aber eine Pflanze, die in solche Naturverhältnisse versetzt wird, daß sie gar nicht Zeit hat, eine Wurzel zu bilden, bei der bleibt alles nur angedeutet, Stengel und Blätter kann sie auch nicht entwickeln, und das, was im Blütenprinzip ist und das Fruchtbilden, muß sie schnell und undeutlich machen. Sie setzt sich kaum auf der Erde auf, entwickelt mit furchtbarer Schnelligkeit das, was die andern Pflanzen langsam entwickeln. Denken Sie an den Klatschmohn, der, nachdem er die grünen Blätter so langsam hat vorangehen lassen, behutsam langsam die roten Mohnblätter ausbilden kann, dann die Staubgefäße, dann das kokette Pistill, das in der Mitte des Klatschmohns drinnen ist. Beim Pilz muß das rasch und überhastet gemacht werden; man hat nicht Zeit zu differenzieren, hat nicht Zeit, sich der Sonne auszusetzen, weil die auch gar nicht da ist, daß man so hübsch färben könnte, kurz, es wird ein Pilz. Im Pilz haben wir eine ganz undeutliche, rasch überhastet hingeworfene Blüte. Wiederum haben wir eins; zwei ganz verschiedene Pflanzen sind eigentlich ein und dasselbe.
[ 15 ] Aber man muß innerlich ein wenig anders werden, wenn man das alles wirklich denken will. Denn der Intellektualist — Goethe würde vielleicht gesagt haben: der steife Philister —, der schaut sich den saftig roten Klatschmohn an, mit dem bauchigen, wohlausgebildeten Pistill in der Mitte, und jetzt soll er sich einen Pilz anschauen. Gleichzeitig soll er sich den Begriff, den er sich von diesem Klatschmohn gebildet hat, so beweglich erhalten, daß er undeutlich werden kann und daß er im Klatschmohn selber schon der Anlage nach den Eierschwamm oder den Kaiserling oder so irgend etwas sieht; das geht nicht, nicht wahr? Damit sich sein Intellekt nicht zu bewegen braucht, so daß er eigentlich nicht den Verstand lebendig zu machen braucht, sondern höchstens den Kopf ein bißchen hinüberzulatschen hat, muß man ihm extra den Eierschwamm oder den Kaiserling vorführen. Dann kann er sie nebeneinander vorstellen — sehen Sie, dann gelingt es ihm!
[ 16 ] Das ist eben der Unterschied zwischen dem toten Denken und dem innerlich belebten, lebendigen Denken, das Goethe für die Metamorphose geformt hat. Es war schon eine innerliche Entdeckung von großartigster Art, die da durch Goethe in die Welt gekommen ist. Daher habe ich im allerersten Band von «Goethes naturwissenschaftlichen Schriften», den ich im Anfange der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erscheinen ließ, in der Einleitung den Satz niedergeschrieben: Goethe ist zu gleicher Zeit der Kopernikus und Kepler der organischen Naturwissenschaft, und was Kopernikus und Kepler für die äußere tote Natur getan haben, den Begriff gereinigt, um im gereinigten Begriff das Astronomische und Physikalische zu fassen, das hat Goethe durch den lebendigen Begriff, den Begriff der Metamorphose, für die organische Naturwissenschaft geleistet. Und das ist seine zentrale Entdeckung.
[ 17 ] Und wenn man will, so dehnt sich eben dieser Begriff der Metamorphose dann über die ganze Natur aus. Goethe hat sich natürlich sofort gedacht, als er die Pflanzenformen aus diesem Metamorphosegedanken heraus bekommen konnte: Das muß sich auch auf das Tier anwenden lassen. — Aber da geht es eben schwerer. Ein Blatt aus dem andern in Gedanken hervorgehen zu lassen, das hat Goethe ganz gut zustande gebracht. Aber wie man, sagen wir, einen Ringknochen aus dem Rückgrat sich der Gestalt nach metamorphosiert denken soll, daß ein Kopfknochen daraus wird, so daß man auch für das Tier und den Menschen die Metamorphose anwenden kann, das ging eben doch schwerer. Und dennoch ist es Goethe gelungen, wie ich Ihnen schon öfter erzählt habe, als er auf dem Lido bei Venedig, 1790, das Glück hatte, einen besonders günstig auseinandergefallenen Schafschädel vor sich liegen zu sehen. Es war ein Schafschädel, in die einzelnen Knochen auseinandergefallen. Da ging ihm auf: Die schauen doch aus, wenn sie auch sehr verwandelt sind, wie die Ringknochen des Rückgrats. — Und da bildete er sich diesen Gedanken, daß wenigstens die Knochen auch so vorgestellt werden können, daß sie alle eigentlich einen Knochenimpuls darstellen, der nur in verschiedenen Formen auftritt.
[ 18 ] Aber in bezug auf den ganzen Menschen ist eben Goethe doch nicht sehr weit damit gekommen, weil es ihm nicht gelungen ist, von seiner Metamorphoseidee zur wirklichen Imagination zu gelangen. Kommt man aber zur wirklichen Imagination und von da aus zur Inspiration, Intuition, dann ergibt sich einem die Einheit noch viel bedeutsamer. Und ich habe auch schon hinweisen können, wie sich diese Einheit am Menschen ergibt, wenn man den Metamorphosegedanken richtig faßt. Da muß man von demselben Gesichtspunkte, von dem aus Goethe in der Blüte der Dikotyledonenpflanzen, indem er sie immer einfacher und einfacher, verworrener und verworrener dachte, den Pilz sah, den Menschenkopf studieren, wie er heute uns entgegentritt; dann kann man ihn als eine Metamorphose des übrigen Skeletts denken.
[ 19 ] Versuchen Sie einmal so, mit einem künstlerischen Blick, einen halben Unterkiefer am Menschenskelett anzuschauen. Wenn Sie es mit künstlerischem Blick anschauen, werden Sie kaum anders können, als das, was Sie da unten haben, was hier ansitzt und dann so hinuntergeht, mit den Arm- und mit den Beinknochen zu vergleichen. Wenn Sie sich die Beinknochen und die Armknochen verwandelt denken, dann haben Sie hier auch zwei Beine — Unterkiefer —, nur sind diese verkümmert. Der Kopf ist ein fauler Kerl, der nicht geht, der immer sitzt. Daher sitzt er auch auf seinen zwei Beinen, die in der Dekadenz sind, die verkümmert sind. Aber wenn Sie sich denken, daß zum Beispiel der Mensch die Beine so mit einem Bindfaden zusammengebunden bekäme, so kann man schon fast nachahmen, was hier ist. Und wenn Sie mit künstlerischem Blick das ansehen, so könnte man sich schon denken, wie man die Beine dahin kriegen könnte, daß sie auch so wie die untere Kinnlade unbeweglich wären.
[ 20 ] Aber wie sich die Sache verhält, darauf kommt man erst, wenn man wirklich das Menschenhaupt als einen umgebildeten andern Menschenleib ansieht. Ich habe Ihnen dargestellt: dieses Menschenhaupt, das wir in dem gegenwärtigen menschlichen Erdenleben tragen, ist der umgestaltete Leib ohne Kopf, wie wir ihn im vorigen Erdenleben an uns getragen haben. Der Kopf von dazumal ist uns verlorengegangen manchen Menschen vermutlich schon während des Erdenlebens —, aber jedenfalls nach dem Erdenleben sind auch die Kräfte des Kopfes verlorengegangen. Der Kopf erhält sich nicht. Ich meine jetzt die Kräfte, natürlich nicht die Materie, sondern die Kräfte, aber diese Kräfte, die Sie jetzt in Ihrem Haupte tragen, die haben Sie früher, wenn Sie sich geköpft denken, an Ihrem übrigen Leib getragen. In einem vorigen Erdenleben haben Sie wiederum den Kopf aus dem vorvorigen Erdenleben getragen. Und das, was Sie jetzt als Leib haben, das wird wirklich metamorphosiert, umgestaltet, und Sie werden es als Ihren Kopf im nächsten Erdenleben tragen. Daher ist es auch zuerst da. Sehen Sie sich den menschlichen Embryo im menschlichen Mutterleibe an: der Kopf kommt zuerst, das übrige setzt sich an, weil es Neubildung ist; der Kopf aber stammt aus dem vorigen Erdenleben, der ist der umgestaltete Körper, ist Form, ist durch das ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt herübergetragen, bildet sich als Kopf und setzt sich die andern Glieder an. Und so können wir sagen: Wir sehen, indem wir die wiederholten Erdenleben dazunehmen, in dem Menschen nun die letztlich ausgebildete Metamorphose. In dem, worauf Goethe gekommen ist im Anfang der achtziger Jahre des 13. Jahrhunderts, in dem Pflanzenmetamorphose-Gedanken, da ruht das, was einen nun zum lebendigen Begriff vom Werden führt, durch das ganze Tierreich hinauf bis zum Menschen, und zwar so, daß es auch noch die Idee hergibt, durch die wir die wiederholten Erdenleben in ihrer Form begreifen. Goethe ist das Denken innerlich dadurch so belebt worden, daß er das Zeremoniell seines Kultus mitgemacht hat. Da hat er, wenn ihm das auch nicht klar zum Bewußtsein gekommen ist, doch eine Ahnung davon bekommen, wie der noch ganz seelische Mensch im vorirdischen Dasein das herüberträgt, was vom Körperskelett an Kräften aus dem früheren Erdenleben geblieben ist; wie das von dem Menschen in dieses Erdenleben hereingetragen und zur Kopfform ausgestaltet worden ist unter der schützenden Hülle des mütterlichen Leibes.
[ 21 ] Goethe hat das nicht gewußt, aber er hat eine Ahnung bekommen und hat das zunächst auf das Einfachste, das Pflanzenleben, angewandt. Er konnte das, weil seine Zeit dazu noch nicht reif war, eben nicht so weit ausdehnen, wie es heute ausgedehnt werden kann, nämlich bis zum Begreifen der Menschenverwandlung von einem Erdenleben bis zum andern. Gewöhnlich wird es mit einem Gefühl von Mitleid gesagt, daß Goethe diese Metamorphose ausgebildet hat, weil ihm da seine Künstlernatur in die Quere gekommen sei. Das sagen die Pedanten, die Philister, aus Mitleid heraus. Wer kein Pedant und Philister ist, der muß mit Begeisterung sagen: Goethe konnte eben zur Wissenschaft das Künstlerische hinzufügen und konnte gerade dadurch zu beweglichen Begriffen kommen. — Aber so kann man doch nicht, sagt jetzt der philiströse Dialektiker, die Natur begreifen. Da muß man steif logische, streng logische Begriffe, wie er sagt, haben. — Aber wenn die Natur eine Künstlerin wäre, dann könnte der ganzen Naturwissenschaft, die die Kunst ausschließt und nur auf äußere Begriffe geht, passieren, was mir einmal ein Münchner Künstler, der noch ein Zeitgenosse des großen Ästhetikers Carrière war und mit dem wir über Carriere ins Gespräch kamen, erzählt hat. Er sagte: Wir Künstler dazumal in unserer Jugend, wir gingen nicht in die Vorlesungen des Carriere. Sind wir einmal hereingegangen, dann gingen wir wieder heraus und sagten: Das ist der ästhetische Wonnegrunzer! — So, wie es dem Ästhetiker passierte, daß der Künstler ihn einen Wonnegrunzer nennt, so könnte die Natur, wenn sie selber über ihre Geheimnisse sprechen würde, den bloß logischen Naturforscher vielleicht nicht einmal einen Wonne-, sondern einen Jammergrunzer nennen, denn die Natur schafft eben künstlerisch. Und man kann der Natur nicht befehlen, sie dürfe sich bloß logisch begreifen lassen, sondern man muß die Natur so begreifen, wie sie ist.
[ 22 ] So ist einmal die historische Entwickelung. Einstmals im alten Orient waren lebendige Begriffe. Ich habe Ihnen geschildert, wie zunächst durch die Umgestaltung, die Metamorphose des Atmungsprozesses diese lebendigen Begriffe zu einem Wahrnehmungsprozeß geworden waren. Die Menschen mußten sich zu den toten Begriffen hindurcharbeiten. Die Ägypter konnten es noch nicht. Sie bändigten sich heran zu den toten Begriffen, indem sie zunächst den Menschen selbst in seiner Torheit in der Mumie entwickelten. Jetzt aber sind wir in der Lage, daß wir den Begriff neu erwecken müssen. Und das kann nicht geschehen dadurch, daß wir nur alte okkulte Formen traditionell pflegen, sondern indem wir uns wirklich hineinleben, immer weiter und weiter nicht nur uns hineinfinden, sondern es ausbilden, was als erster Goethe als den Metamorphosegedanken gefaßt hat: den lebendigen Begriff. Wer den lebendigen Begriff, das heißt, die seelische Handhabe des Geistigen beherrscht, der ist auch imstande, aus dem Geiste heraus wiederum die äußere Handlung des Menschen zu beleben. Dann kommt es dahin, daß wirklich einmal erreicht werden kann, wovon ich öfter vor unseren anthroposophischen Freunden gesprochen habe, daß man sich nicht in einer solchen gleichgültigen materialistischen Weise an den Laboratoriumstisch oder an den Seziertisch stellt und da herumfuhrwerkt, sondern daß man empfindet, was man der Natur als ihre Geheimnisse ablauscht, als Taten des Geistes, der durch die Natur durchströmend sich betätigt: daß der Laboratoriumstisch zum Altar wird. Ehe nicht Verehrung, religiöses Empfinden in unsere Wissenschaft hineinkommt, solange eine abgesonderte Religion neben der Wissenschaft sich auftut und bloß dem menschlichen Egoismus dient, ehe nicht die Wissenschaft selber wiederum, was sie erforscht, verehren lernt — so wie die alten Mysterienschüler verehren gelernt haben, wie ich das in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» nachgewiesen habe —, eher kommen wir nicht wieder zu aufsteigenden Kräften in der Menschheit. Wir müssen wiederum alles Forschen als einen Verkehr mit der geistigen Welt begreifen lernen. Dann werden wir der Natur dasjenige ablauschen, was die Menschheit wirklich in ihrer Entwickelung weiterbringt. Und dann werden wir den Mumifizierungsprozeß, den die Menschheit einmal durchmachen mußte, im umgekehrten Sinne durchmachen. So wie der Ägypter den Leichnam des Menschen genommen hat, um ihn einzubalsamieren, so daß jetzt noch in einer, ich möchte sagen, fast schauererregenden Weise ganze Kolonien von Mumien geschaut werden können in den Museen, wohin sie die Europäer verschleppt haben, so wie da einstmals das Denken der Menschen in der Mumie erstarrt ist, so muß es in der Zukunft wieder erweckt werden. Der alte Ägypter nahm den menschlichen Leichnam, balsamierte ihn ein, konservierte den Tod. Wir müssen fühlen, daß wir den Seelentod in uns tragen, wenn wir die bloß abstrakten, intellektualistischen Gedanken haben. Wir müssen fühlen: Das ist die Seelenmumie. Wir müssen verstehen lernen, was noch als eine Ahnung in Paracelsus lebte, als er, wenn er eine gewisse Substanz aus dem menschlichen Organismus nahm, dies die «Mumie» nannte. Er sah in einem kleinen substantiellen Rest des Menschen die Mumie. Er brauchte nicht den einbalsamierten Leichnam, um die Mumie zu sehen, denn für ihn war die Mumie die Summe der Kräfte, die den Menschen in jedem Augenblick zum Tode bringen konnten, wenn er sich nicht in der Nacht wiederum belebte.
[ 23 ] In uns waltet das tote Denken. Das Denken stellt den Seelentod dar. Wir tragen in unserem Denken die seelische Mumie in uns. Sie bildet gerade das, was man in der gegenwärtigen Kultur am meisten schätzt. Man kann, wenn man will, in den Museen, wo eine Mumie nach der andern ausgestellt ist, wenn man mit einem etwas universelleren Blick ausgestattet ist, mit dem Goetheschen Blick zum Beispiel, Metamorphosen sehen. Man kann da durch die Säle gehen und dann auf die Straße treten mit dem Gefühl: Da ist in der heutigen Zeit des Intellektualismus gar kein Unterschied, denn daß die Mumien nicht gehen und daß draußen auf der Straße die Menschen gehen, das ist ja nur ein Zufall, ist nur eine Äußerlichkeit. Die Menschen, die heute, im intellektuellen Zeitalter, draußen auf der Straße gehen, sind seelisch Mumien, Seelenmumien, weil sie ganz von toten, intellektualistischen Gedanken ausgefüllt sind, von Gedanken, die nicht leben können. Wie ein ursprüngliches Leben in den ägyptischen Mumien erstarrt ist, so ist das Seelenleben erstarrt, und es muß für die Zukunft der Menschheit wiederum lebendig gemacht werden. Wir dürfen es nicht so weitertreiben, wie wir es mit der Anatomie und Physiologie getrieben haben. Das war den Ägyptern gestattet mit den physischen Menschenleichnamen. Aber den abstrakten Seelenleichnam, den wir im intellektualistischen Denken in uns tragen, dürfen wir nicht weiter mumifizieren. Es ist heute überhaupt die Lust vorhanden, das Denken einzubalsamieren, damit es nur recht pedantisch logisch wird und nicht irgendwie ein Fünkchen von enthusiastischem Leben in dieses Denken hineinkommt.
[ 24 ] Wenn die Mumien photographiert werden, so sind es eben auch steife Bilder. Man kann so ein Mumienbild von der Mumie selbst in der Steifheit nicht gut unterscheiden. Wenn man aber heute ein Literaturwerk aus diesem oder jenem Fache in die Hand nimmt, so ist das eine Photographie der mumifizierten Seele. Da hat man ein Abbild der Seelenmumie, da ist die Seele einbalsamiert. Vielleicht könnte man noch ein bißchen im Zweifel sein, weil die Menschen außer ihrem Verstande, der eben mumifiziert ist, auch noch etwas anderes an sich haben. Deshalb laufen sie eben herum: sie haben so allerlei fleischliche und andere Antriebe. Es kommt dieses Bild von der Mumie nicht ganz deutlich heraus, aber bei den Büchern kommt es heute schon sehr deutlich heraus, da merken wir schon die Einbalsamierung sehr stark. Aber wir müssen weg von diesem Balsamieren, wir brauchen statt dieses Balsamierens der Ägypter, das sie für die Mumien verwendet haben, ein anderes Ingredienz, wir brauchen ein Lebenselixier. Nicht in der Weise, wie es sich heute vielleicht mancher denkt, um den physischen Körper zu vervollkommnen, sondern etwas, was die Gedanken lebendig macht, das sie entmumifiziert. Und wenn wir das verstehen, haben wir einen tiefen, einen bedeutenden historischen Impuls vor die Seele hingestellt. So wie die Menschheit ihre Geistkultur im Mumifizieren erstarren ließ, als sie die Mumien einbalsamierte, so müssen wir wiederum dasjenige, was nun einmal mumifiziert bei dem geistigen Menschen zur Welt kommt, im Laufe seiner Erziehung, seiner Entwickelung, mit geistig-seelischem Lebenselixier durchdringen, damit es weiter in die Zukunft hineindringen kann. Es sind zwei Kräfte: das Einbalsamieren der Ägypter und das Entbalsamieren, das die neuere Menschheit lernen muß.
[ 25 ] Die neuere Menschheit hat sehr nötig, das Entbalsamieren der versteiften, der toten Seelenkräfte zu lernen. Es liegt darin eigentlich eine ganz besonders wichtige Aufgabe. Denn sonst kommen solche Erscheinungen heraus wie die, von der ich Ihnen auch schon vor einiger Zeit hier gesprochen habe. Da merkt jemand wie Spengler, daß es mit diesen einbalsamierten Begriffen nicht geht, daß die einbalsamierten Begriffe eben zum Tode der Kultur führen. Ich habe in einem Artikel des «Goetheanums» gezeigt, was beim Spengler passiert. Er hat zwar gemerkt, wie die Begriffe alle tot sind, aber seine Begriffe leben auch nicht. Ihm ist es gegangen wie jener Frau aus dem Alten Testament, die sich umgeschaut hat. Der Spengler hat sich umgeschaut nach alldem, was an toten, mumienhaften Begriffen vorhanden ist, und so ist er zur Salzsäule geworden. Diese lebt ebensowenig. Es ist Spengler gegangen wie jener Frau des Lot. Er ist zur Salzsäule erstarrt, denn seine Begriffe leben ebensowenig wie die anderer.
[ 26 ] Es ist ein alter okkulter Satz, daß im Salz Weisheit lebt, aber nur, wenn es im menschlichen Merkur und im menschlichen Phosphor aufgelöst ist. Die Weisheit, die im Salze erstarrt, die hat Spengler, aber es fehlt sowohl der Merkur, der dieses Salz in Bewegung bringt und es dadurch universell, kosmisch macht, und noch mehr fehlt der Phosphor. Denn anzünden — ich meine seelisch durch Begeisterung anzünden —, das kann man nicht mit Spenglers Begriffen, wenn man ihn mit Gefühl, namentlich mit künstlerischem Gefühl liest. Sie bleiben alle salzig-steif und schmecken sauer, und man muß erst hinterher sich ordentlich durchmerkurialisieren und durchphosphorisieren, wenn man diesen Salzklotz, der sich «Untergang des Abendlandes» nennt, verdauen will. Wir müssen aus dem Salze, aus der Erstarrung heraus. Wir müssen Lebenselixier auch gerade in bezug auf die Seelenmumie, die abstrakten Begriffssysteme anwenden. Das ist es, was uns nötig ist.
