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Fundamental Impulses
of Humanity's Development
Throughout World History
GA 216

30 September 1922, Dornach

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Siebenter Vortrag

Seventh Lecture

[ 1 ] Wir haben gesehen, wie sich die Grundimpulse des geschichtlichen Werdens der Menschheit in solchen Erscheinungen ausdrücken wie das merkwürdige Hinneigen der ägyptischen Kultur zu der Mumifizierung der menschlichen Form und in der neueren Zeit zu der Konservierung alter Kultformen, die auch in einer gewissen Beziehung eine Art Mumifizierung, aber eine Mumifizierung des Kulturgeschehens darstellt. Wenn wir noch einmal mit einigen Gedanken zu der ägyptischen Kultur zurückgreifen, wie sie sich in der Mumie äußerlich offenbart, so müssen wir das, was wir da als eine Anschauung gewonnen haben, mit einer Darstellung verbinden, die ich während des Kursus gegeben habe, der vor kurzem drüben im Goetheanum gehalten worden ist, die ich aber auch hier schon öfter gegeben habe. Ich meine die Darstellung von der gewöhnlichen menschlichen Denktätigkeit, wie sie vom Menschen ausgeübt wird so, daß er sie allmählich während seiner Kindheitszeit in sich heranerzieht, darinnen eine gewisse Fähigkeit erlangt und sie dann durchführt zwischen seinem Jugendalter und dem Tode. Diese Denktätigkeit, dieses, wie ich es öfter genannt habe, intellektualistische Sich-Betätigen haben wir kennengelernt als eine Art inneren Seelenleichnams.

[ 1 ] We have seen how the fundamental impulses of humanity’s historical development are expressed in phenomena such as the remarkable tendency of Egyptian culture toward the mummification of the human form and, in more recent times, toward the preservation of ancient forms of worship—which, in a certain sense, also constitutes a kind of mummification, but one of cultural events. If we return once more to some reflections on Egyptian culture, as it is outwardly revealed in the mummy, we must connect what we have gained there as an insight with a presentation I gave during the course recently held over at the Goetheanum, but which I have also given here on several occasions. I am referring to the description of ordinary human thought activity, as it is exercised by human beings in such a way that they gradually develop it within themselves during childhood, acquire a certain capacity for it, and then carry it out between adolescence and death. We have come to know this thinking activity—this, as I have often called it, “intellectualistic self-activity”—as a kind of inner soul-corpse.

[ 2 ] Wir haben es uns wiederholt vor die Seele geführt, daß das Denken, so wie es im Erdenleben von dem Menschen ausgeführt wird, nur dann in der richtigen Weise angeschaut wird, wenn man es zu seinem eigentlichen Wesen in die gleiche Beziehung zu setzen versteht, wie der Leichnam, den der Mensch übriggelassen hat, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, im Verhältnis zu dem lebendigen Erdenmenschen steht. Das, wodurch der Mensch Mensch ist, fährt eigentlich aus dem Menschen heraus, und im Leichnam bleibt etwas übrig, das nur diese Form haben kann, die uns entgegentritt, wenn sie eben von einem lebenden Menschen übriggelassen ist. Niemand könnte so einfältig sein zu glauben, daß durch irgendein Zusammenkommen von Kräften der menschliche Leichnam in seiner Form entstehen könnte. Er muß ein Rest sein, es muß ihm etwas vorangegangen sein, es muß ihm der lebendige Mensch vorangegangen sein. Die äußere Natur, die wir studieren, hat zwar die Macht, die Form des menschlichen Leichnams zu zerstören, sie hat aber nicht die Macht, sie zu bilden. Diese menschliche Form wird gebildet durch das, was dem Menschen an höheren Wesensgliedern eigen ist. Aber diese sind fort mit dem Tode. Geradeso wie wir einem Leichnam ansehen, daß er von einem lebendigen Menschen herrührt, so sehen wir es dem Denken an, wenn wir es in der richtigen Weise anschauen, daß es nicht durch sich selbst so sein kann, wie es uns im Erdenleben entgegentritt, sondern daß es eine Art Leichnam in der Seele ist, und zwar der Leichnam von dem, was es war, bevor der Mensch aus geistig-seelischen Welten in das physische Erdendasein heruntergestiegen ist. Da war die Seele etwas im vorirdischen Dasein, das gewissermaßen mit der Geburt gestorben ist; und der Leichnam dieses seelisch Gestorbenen ist das Denken.

[ 2 ] We have repeatedly brought to mind that thinking, as it is carried out by human beings in earthly life, is only properly understood when one is able to relate it to its true nature in the same way that the physical body left behind by a person who has passed through the gate of death relates to the living human being on earth. That which makes a human being a human being actually departs from the person, and what remains in the physical body is something that can only have this form—the form that appears to us precisely because it has been left behind by a living human being. No one could be so naive as to believe that the human corpse could come into being in its present form through some mere convergence of forces. It must be a remnant; something must have preceded it; the living human being must have preceded it. The external nature we study does indeed have the power to destroy the form of the human corpse, but it does not have the power to create it. This human form is created by what is inherent in the human being as higher constituents of its being. But these are gone with death. Just as we can tell by looking at a corpse that it originated from a living human being, so too, when we view thought in the right way, we see that it cannot, by itself, be as it appears to us in earthly life, but that it is a kind of corpse in the soul—namely, the corpse of what it was before the human being descended from the spiritual-soul worlds into physical earthly existence. In its pre-earthly existence, the soul was something that, in a sense, died at birth; and the corpse of this soul that has died is thought.

[ 3 ] Wie sollte es auch nicht so sein, da doch gerade die Menschen, die mit dem Denken am meisten zu leben verstanden, diese Torheit, dieses Gestorbensein des abstrakten Denkens fühlten! Ich brauche Sie nur zu verweisen auf jene ergreifende Stelle, mit der Nietzsche beginnt, die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen zu schildern, da, wo er schildert, wie die griechische Gedankenwelt in den vorsokratischen Philosophen, wie etwa in Parmenides oder in Heraklit, zu den abstrakten Gedanken des Seins und Werdens aufsteigt. Da, sagt Nietzsche, fühlt man eine eisige Kälte über sich kommen. Und so ist es auch. Vergleichen Sie nur damit, wie die Menschen des alten Orients in lebendigen, innerlich regsamen, allerdings mehr traumhaften Seelengebilden diese äußere Natur zu begreifen versuchten. Gegen dieses in sich regsame Denken, dessen Blüte uns entgegentritt in der Vedantaphilosophie, in den Veden, gegen dieses sich regende Denken, gegen dieses überall sprießende und sprossende Denken, das den ganzen Menschen innerlich lebendig durchwebt, ist tatsächlich das, was in späterer Zeit als abstrakter Gedanke auftritt, toter Leichnam. Das empfand Nietzsche, indem er sich gedrungen fühlte, die vorsokratischen Philosophen zu schildern, die zu solchen abstrakten Gedanken eigentlich in der Menschheitsentwickelung zuerst aufgestiegen sind.

[ 3 ] How could it be otherwise, since it was precisely those people who knew best how to live through thought who sensed this folly, this death of abstract thought! I need only refer you to that moving passage with which Nietzsche begins his description of philosophy in the tragic age of the Greeks—the passage where he describes how the Greek world of thought, in the presocratic philosophers such as Parmenides or Heraclitus, rises to the abstract concepts of being and becoming. There, says Nietzsche, one feels an icy chill coming over oneself. And so it is. Just compare this with how the people of the ancient Orient sought to comprehend this external nature through vivid, inwardly active—albeit more dreamlike—soul-formations. Compared to this thinking that is alive within itself—whose flowering we encounter in Vedanta philosophy and in the Vedas—compared to this stirring thinking, to this thinking that sprouts and flourishes everywhere, weaving its way through the whole human being with inner life, what later appears as abstract thought is, in fact, a dead corpse. Nietzsche sensed this when he felt compelled to describe the pre-Socratic philosophers, who were actually the first in human development to ascend to such abstract thoughts.

[ 4 ] Aber sehen Sie hin auf diese orientalischen Weisen, die den griechischen Philosophen vorangegangen sind. Sie werden da nichts von einem Zweifel daran finden, daß der Mensch zuerst ein seelisches Dasein hatte, bevor er auf die Erde niedergestiegen ist. Man kann nicht das Denken als lebendiges erleben und nicht zugleich an das vorirdische Dasein des Menschen glauben. Wer das Denken als ein lebendiges erlebt, ist eben so wie einer auf der Erde, der den lebendigen Menschen erkennt. Wer nicht mehr das Denken als lebendiges erlebt, wie es die griechischen Philosophen auch schon vor Sokrates getan haben, der kann meinen, daß der Mensch ein Wesen ist, das erst mit der Geburt geboren wird, wie es Aristoteles getan hat. Also wir müssen unterscheiden zwischen dem einstmals orientalischen innerlich regsamen und lebendigen Denken, wodurch man wußte, daß man eben aus geistigen Welten in das Erdendasein eingezogen ist, und demjenigen Denken, das dann als das tote Denken, das Leichnamdenken aufgetreten ist, wodurch man nichts anderes kennenlernt als das, was einem eben zwischen Geburt und Tod zugänglich ist.

[ 4 ] But look at these Eastern sages who preceded the Greek philosophers. You will find no doubt there that human beings first had a spiritual existence before they descended to Earth. One cannot experience thinking as a living reality and at the same time not believe in the pre-earthly existence of human beings. Anyone who experiences thinking as a living reality is just like someone on Earth who recognizes a living human being. Anyone who no longer experiences thinking as a living force—as the Greek philosophers did even before Socrates—may believe that human beings are beings who are born only at the moment of birth, as Aristotle did. So we must distinguish between the once-Oriental, inwardly active, and living thinking—through which one knew that one had just entered earthly existence from spiritual worlds—and that thinking which then emerged as dead thinking, or “corpse thinking,” through which one comes to know nothing other than what is accessible to one between birth and death.

[ 5 ] Versetzen Sie sich nun in die Lage eines solchen Menschen innerhalb Ägyptens, sagen wir im 2. Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha. Der mußte sich sagen: Da drüben im Orient waren einmal Menschen, die haben das Denken als ein lebendiges gehabt. — Aber dieser ägyptische Weise war noch in einer besonderen Lage. Er hatte noch nicht das Seelenleben, das wir heute haben. Stellen Sie sich nur ganz lebendig vor, wie das Seelenleben eines solchen ägyptischen Weisen war. Lebendiges Denken zu fühlen, das war schon aus der Seele entwichen, das konnte man nicht mehr, und das abstrakte Denken war noch nicht da. Man schuf Ersatz durch das Einbalsamieren der Mumien, wodurch man in der Art, wie ich es geschildert habe, zu dem Formbegriff, zu den Formvorstellungen des Menschen kam. Man bändigte sich hin zum Begreifen dieser toten Menschenform in der Mumie, und daran erlernte man zuerst das abstrakte Denken, das tote Denken.

[ 5 ] Now put yourself in the shoes of such a person in Egypt, let’s say in the 2nd millennium before the Mystery of Golgotha. He must have said to himself: Over there in the Orient, there were once people who experienced thinking as a living reality. — But this Egyptian sage was still in a unique situation. He did not yet possess the soul life that we have today. Just imagine very vividly what the soul life of such an Egyptian sage was like. To feel living thought—which had already slipped away from the soul—was no longer possible, and abstract thought had not yet emerged. A substitute was created through the embalming of mummies, through which—as I have described—one arrived at the concept of form, at human ideas of form. One trained oneself to comprehend this dead human form in the mummy, and through this one first learned abstract thinking, dead thinking.

[ 6 ] Dem steht in der neueren Zeit gegenüber, daß in einzelnen okkulten Gemeinschaften namentlich Rituale und Kultformen, zeremonielle Handlungen bewahrt worden sind, die einmal in der Art, wie ich es gestern charakterisiert habe, ganz lebendig waren in der Menschheit, die aber jetzt als tote aufbewahrt werden. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, was Sie vielleicht von den Ritualien, sagen wir, des Freimaurerordens gelesen haben. Da werden Sie finden, daß Zeremonien des ersten Grades, des zweiten Grades, des dritten Grades entwickelt werden. Diese Zeremonien werden in äußerlicher Weise gelernt und beschrieben oder auch verrichtet. Das war einstmals eine volle Lebendigkeit; darinnen lebten einstmals Menschen so, wie die Pflanze in ihrem Lebensprinzip lebt. Heute sind sie ein Totes geworden. Auch das Mysterium von Golgatha hat nur in einzelnen priesterlichen Naturen die innerliche Lebendigkeit hervorrufen können, die etwa verknüpft ist mit dem Kultus der Kirchen, die nach dem Mysterium von Golgatha entstanden sind. Aber die Menschheit hat bis jetzt nicht die Möglichkeit errungen, in das Kultusartige das volle Lebendige hineinzubringen. Dazu ist eben ein anderes notwendig.

[ 6 ] In contrast, in more recent times, certain occult communities have preserved rituals, forms of worship, and ceremonial acts that were once very much alive among humanity—in the manner I described yesterday—but which are now preserved as dead traditions. You need only recall what you may have read about the rituals of, say, the Masonic Order. There you will find that ceremonies of the first degree, the second degree, and the third degree are performed. These ceremonies are learned, described, or performed in an external manner. They were once full of life; people once lived within them just as a plant lives through its life principle. Today they have become lifeless. Even the Mystery of Golgotha has been able to evoke inner vitality only in a few priestly souls, a vitality that is, so to speak, linked to the worship practices of the churches that arose after the Mystery of Golgotha. But humanity has not yet attained the ability to infuse worship with full vitality. For that, something else is necessary.

[ 7 ] An das Denken, das die Menschheit gegenwärtig hat, geht eigentlich auf das Tote hin. Für das lebendige Denken, das einmal vorhanden war, ist vorläufig gar kein Verständnis vorhanden. Das intellektualistische Denken, das die Menschheit namentlich seit der Mitte des 14. Jahrhunderts betreibt, das ist ein Leichnam. Deshalb ist dieses Denken auch so sehr bestrebt, sich nur auf die tote Natur zu beschränken, das Mineralreich kennenzulernen. Und man möchte auch die Pflanzen, man möchte die Tiere, man möchte den Menschen selber nur nach den mineralisch-physikalisch-chemischen Kräften studieren, weil man nur dieses tote Denken, diesen Gedankenleichnam handhaben will, den der rein intellektualistische Mensch mit sich herumschleppt.

[ 7 ] The way of thinking that humanity currently possesses is, in fact, oriented toward the dead. For the living thinking that once existed, there is, for the time being, no understanding at all. The intellectualistic thinking that humanity has been pursuing, particularly since the mid-14th century, is a corpse. That is why this way of thinking is so eager to limit itself solely to dead nature, to the study of the mineral kingdom. And people also want to study plants, animals, and even human beings themselves solely in terms of their mineral, physical, and chemical forces, because they want to deal only with this dead thinking, this corpse of thought, which the purely intellectualist person carries around with them.

[ 8 ] Ich mußte in diesen Vorträgen, die ich jetzt in dieser Serie vor Ihnen halte, einmal Goethe nennen. Goethe war ja, wie Sie wissen, Mitglied der Freimaurergemeinschaft. Er hat den Kultus der Freimaurergemeinschaft erlebt, aber er hat ihn so erlebt, wie ihn eben nur Goethe erleben konnte. Aus den sonst nur traditionell bewahrten Kultusformen ging für ihn ein unmittelbares Leben hervor. Für ihn war es wirklich, daß er sich in Verbindung setzen konnte mit jener geistigen Wesenheit, die sich hereinlebt in der Art, wie ich es dargestellt habe, aus dem vorirdischen Dasein in dieses irdische Dasein; was für Goethe immer, wie ich sagte, eine Art Verjüngungskraft war, denn Goethe hat sich oftmals in seinem Leben wirklich verjüngt. Und aus diesem inneren Leben ist aus Goethe das hervorgegangen, was im Grunde genommen eine der größten, eine der bedeutendsten Erscheinungen im modernen Geistesleben ist, was aber eben bis heute nicht gewürdigt wird: das ist der Metamorphosegedanke.

[ 8 ] In these lectures that I am now delivering to you as part of this series, I simply had to mention Goethe. As you know, Goethe was a member of the Masonic Order. He experienced the rituals of the Masonic Order, but he experienced them in a way that only Goethe could. From the forms of worship that are otherwise preserved only through tradition, a direct, living experience emerged for him. For him, it was truly the case that he could connect with that spiritual entity which, as I have described, flows into this earthly existence from pre-earthly existence; which, as I said, was always a kind of rejuvenating force for Goethe, for Goethe truly rejuvenated himself many times in his life. And out of this inner life emerged from Goethe what is, in essence, one of the greatest and most significant phenomena in modern spiritual life—yet one that has not been properly appreciated to this day: the idea of metamorphosis.

[ 9 ] Was hat denn Goethe eigentlich getan, indem er den Metamorphosegedanken gefaßt hat? Das war eben das Wiederaufleuchten eines innerlich lebendigen Denkens, eines Denkens, das in den Kosmos eintreten kann. Goethe hat sich aufgelehnt gegen die Linnésche Botanik, wo man eine Pflanze neben die andere hinstellt, von jeder einzelnen Pflanze sich einen Begriff macht und der Meinung ist, man müsse das alles hübsch in ein System bringen. Goethe konnte das nicht mitmachen. Goethe wollte nicht allein diese toten Begriffe haben, er wollte ein lebendiges Denken haben. Das hat er dadurch erreicht, daß er zunächst in der Pflanze selber nachgesehen hat. Und für ihn wurde die Pflanze nun so, daß sie unten grobe, ungestaltete Blätter entwickelt, weiter dann gestaltete Blätter, die aber Umformungen, Metamorphosen des andern sind, dann die Blumenblätter mit einer andern Farbe, dann die Staubgefäße, in der Mitte den Stempel — alles Umwandlungen der einen Grundform des Blattes selber. Goethe hat nicht das Pflanzenblatt so angesehen, daß er etwa gesagt hat: Das ist ein Pflanzenblatt, und das ist ein anderes Pflanzenblatt. — So hat Goethe nicht die Dinge angesehen, die an der Pflanze wachsen, sondern er hat gesagt: Daß dieses Blatt so und jenes Blatt so aussieht, das ist eine Äußerlichkeit. Innerlich angesehen ist es so, daß das Blatt innerlich selber eine Verwandlungskraft hat, daß es äußerlich ebensogut so ausschauen kann (rechts) wie so (links). Es sind gar nicht zwei Blätter, es ist eigentlich es Blatt, in zwei verschiedenen Weisen dargestellt.

[ 9 ] What, then, did Goethe actually accomplish by formulating the idea of metamorphosis? It was precisely the rekindling of an inwardly living way of thinking—a way of thinking capable of entering into the cosmos. Goethe rebelled against Linnaean botany, where one places one plant next to another, forms a concept of each individual plant, and believes that one must neatly organize it all into a system. Goethe could not go along with that. Goethe did not want merely these dead concepts; he wanted a living way of thinking. He achieved this by first looking into the plant itself. And for him, the plant now became something that developed coarse, unformed leaves at the bottom, followed by more formed leaves—which are, however, transformations, metamorphoses of the former—then the petals with a different color, then the stamens, and in the center the pistil—all transformations of the one basic form of the leaf itself. Goethe did not view the plant leaf in such a way that he would say, for example: “This is one plant leaf, and that is another plant leaf.”—Goethe did not view the parts growing on the plant in this way; rather, he said: “The fact that this leaf looks like this and that leaf looks like that is merely an outward appearance.” Viewed from within, the leaf itself possesses an inner power of transformation, so that externally it can just as easily look like this (right) as it can like that (left). There are not two leaves at all; it is actually one leaf, presented in two different ways.

[ 10 ] Und wenn ich eine Pflanze habe (siehe Zeichnung), sagte sich Goethe: Da unten das grüne Blatt, da oben das Blumenblatt (rot) —; der intellektualistische Philister sagt: Das sind zwei, das sind eben zwei Blätter. — Was könnte denn auch für den intellektualistischen Philister selbstverständlicher sein, als daß dies zwei Blätter sind, denn es ist sogar das eine rot, das andere grün. Aber wenn der Mensch einen grünen Rock und eine rote Jacke hat, das sind allerdings zwei, denn in bezug auf die Bekleidung gilt zunächst, wenigstens in der modernen Zeit, die Philistrosität; da ist diese Philistrosität ja am Platze. Aber die Pflanze macht diese Philistrosität nicht mit, sagte sich Goethe, das rote Blatt ist dasselbe wie das grüne Blatt. Es sind gar nicht zwei Blätter, es ist eigentlich nur ein Blatt in verschiedenen Gestaltungen; das eine Mal wirkt dieselbe Kraft da unten an der Stelle A. Da wirkt sie so, daß die Kräfte hauptsächlich aus der Erde herausgezogen werden. Die Pflanze zieht die Kräfte aus der Erde heraus, saugt sie da hinauf, und das Blatt muß unter dem Einfluß der Erdenkräfte wachsen und wird grün. Und indem die Pflanze weiterwächst (violett), kommt die Sonne und bestrahlt sie immer stärker als da unten. Die Sonne überwiegt, derselbe Impuls wächst in die Sonne hinein und wird rot.

[ 10 ] “And when I have a plant (see drawing),” Goethe said to himself, “the green leaf down below, the petal (red) up above”—; the intellectual philistine says: “Those are two; they’re simply two leaves.” — What could be more self-evident to the intellectualistic philistine than that these are two leaves, since one is red and the other green? But if a person has a green coat and a red jacket, those are indeed two, for when it comes to clothing—at least in modern times—philistine thinking prevails; there, such philistine thinking is indeed appropriate. But the plant does not go along with this philistinism, Goethe told himself; the red leaf is the same as the green leaf. There are not two leaves at all; it is actually just one leaf in different forms; at one point, the same force is at work down there at point A. There it acts in such a way that the forces are drawn mainly from the earth. The plant draws the forces out of the earth, sucks them upward, and the leaf must grow under the influence of the earth’s forces and turns green. And as the plant continues to grow (violet), the sun comes and shines on it more and more intensely than down below. The sun prevails; the same impulse grows toward the sun and turns red.

[ 11 ] Goethe hätte etwa sagen können: Wenn wir einen Menschen sehen, der einen andern furchtbar viel essen sieht und er selbst hat nichts, nun, da wird er eben blaß vor Neid. Ein andermal gibt ihm einer einen Puff und da wird er rot. Ja, nach demselben Prinzip, nach dem man das hier zwei Blätter nennt, könnte man auch sagen: Das sind zwei Menschen; das eine Mal ist er blaß, das andere Mal ist er rot, also sind es zwei Menschen. — Ebensowenig wie das zwei Menschen sind, ebensowenig sind das zwei Blätter. Es ist ein Blatt, das eine Mal ist es dieses, an einem andern Orte ist es jenes. Das ist ja auch nichts besonders Wunderbares für Goethe, denn schließlich kann der Mensch auch von einem Ort zum andern laufen, und es sind doch nicht zwei verschiedene Menschen, die Sie an verschiedenen Orten sehen! Kurz, Goethe kam darauf, daß dieses Nebeneinanderbetrachten der Dinge keine Wahrheit, sondern eine Täuschung ist, daß dies ein Blatt wäre, das grüne hier und das rote dort.

[ 11 ] Goethe might have said something like this: When we see a person who watches another person eating an awful lot while he himself has nothing, well, then he turns pale with envy. Another time, someone gives him a slap, and then he turns red. Yes, according to the same principle by which one calls these two leaves, one could also say: These are two people; one time he is pale, the other time he is red, so there are two people. — Just as these are not two people, neither are these two leaves. It is one leaf; one time it is this one, in another place it is that one. This isn’t particularly remarkable to Goethe, after all, because a person can also walk from one place to another, and yet the people you see in different places aren’t two different people! In short, Goethe concluded that this side-by-side observation of things is not truth but an illusion—that this is one leaf, the green one here and the red one there.

[ 12 ] Aber so wie er die verschiedenen Organe an der Pflanze sah, so sah er auch die verschiedenen Pflanzen an. Nehmen wir einmal die Sache so: Wir haben da irgendeine Pflanze. Sie hat es gut, sie kann aus dem Keim heraus eine ordentliche Wurzel bilden, einen Stengel, am Stengel ordentliche Blätter, eine ordentliche Blüte, sogar Staubgefäße und den Stempel in den Staubgefäßen drinnen (siehe Zeichnung). Goethe Do sagte: Die Staubgefäße sind auch nur dasselbe Blatt. — Er hätte sagen können: Ja, der Intellektualist behauptet, die roten Blumenblätter sind so breit, die Staubgefäße sind wie ein Faden so dünn, nur haben sie oben so eine Narbe. — Und dennoch sah Goethe im breiten Blumenblatt und im ganz schmalen Staubgefäß auch nur verschiedene Gestaltungen ein und desselben Blattes. Er hätte auch wieder bildlich sagen können: Habt ihr nicht schon einmal gesehen, daß ein Mensch einmal in seinem Leben ganz schlank war wie eine Gerte, nachher auseinandergegangen und ganz dick geworden ist? Das sind ja auch nicht zwei Menschen. — Also Blumenblätter und Staubgefäße sind eins, und wie gesagt, daß sie an verschiedenen Stellen sind, macht auch nichts aus, und das war auch für Goethe nichts Wesentliches, Der Mensch, der nicht so schnell laufen kann, kann nicht gleichzeitig an zwei Orten sein. Ein gebildeter Bankier in Berlin sagte einmal, als er von allen Seiten furchtbar ankrakeelt wurde: Glauben Sie, daß ich ein Vöglein bin, das an zwei Orten zugleich sein kann? — Ja, das kann eben der Mensch nicht, sondern hier handelt es sich darum, daß eben das Prinzip der Metamorphose, das Zeigen der Einheit in der Vielheit, der Einheit in der Mannigfaltigkeit überall von Goethe gesucht worden ist. Dadurch hat dann Goethe den Begriff der Metamorphose ins Leben gebracht.

[ 12 ] But just as he observed the various parts of the plant, he also observed the various plants themselves. Let’s look at it this way: We have a plant of some kind. It’s doing well; it can form a proper root from the seed, a stem, proper leaves on the stem, a proper flower, even stamens and the pistil inside the stamens (see drawing). Goethe Do said: “The stamens are also just the same leaf.” — He could have said: “Yes, the intellectualist claims that the red petals are so wide, the stamens are as thin as a thread, only they have a stigma at the top.” — And yet Goethe saw in the broad petal and the very narrow stamen merely different forms of the same leaf. He could also have said figuratively: “Haven’t you ever seen that a person was once in their life as slender as a switch, only to later spread out and become quite fat? These aren’t two different people, after all.” — So petals and stamens are one and the same, and as I said, the fact that they’re in different places doesn’t matter—and that wasn’t essential to Goethe either. A person who can’t run very fast can’t be in two places at once. An educated banker in Berlin once said, when he was being terribly harangued from all sides: “Do you think I’m a little bird that can be in two places at once?” — Yes, humans simply can’t do that, but the point here is that Goethe sought the principle of metamorphosis—the revelation of unity in multiplicity, of unity in diversity—everywhere. Through this, Goethe brought the concept of metamorphosis to life.

[ 13 ] Wenn Sie das, was ich jetzt gesagt habe, erfassen, dann bekommen Sie eine Idee vom Geist. Denn denken Sie sich alles das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe: Dieses, daß eigentlich die ganze Pflanze ein Blatt ist, in verschiedener Art gestaltet, das ist ganz gewiß nicht körperlich zu fassen. Da müssen Sie etwas geistig fassen, das sich in der verschiedensten Weise verändert. Es ist Geist, der im Pflanzenreich lebt. Und wir können weitergehen, wir können, wie gesagt, eine Pflanze nehmen, die es gut hat, die also in der richtigen Weise ihren Samen in die Erde versetzt bekommt, dann wiederum zur richtigen Zeit die schwache Frühlingssonne hat, dann die Sonne des Hochsommers, dann wiederum an der schwächer werdenden Sonne den Samen entwickeln kann. Aber nehmen wir an, die Pflanze wird in solche Naturverhältnisse versetzt, daß sie gar nicht Zeit hat, eine Wurzel zu entwickeln, auch keinen vernünftigen Stamm, keine vernünftigen Blätter, sondern daß sie alles das, was sonst eben in den Blumenblättern sich entwickelt, ganz furchtbar rasch und undeutlich entwickeln muß, weil sie gar nicht Zeit hat, das alles so schnell auszubilden. Da wird es ein Schwamm, ein Pilz.

[ 13 ] If you grasp what I have just said, you will get an idea of the spirit. For consider everything I have just told you: the fact that, in essence, the entire plant is a leaf, shaped in various ways—this certainly cannot be grasped in a physical sense. Here you must grasp something spiritually that changes in the most diverse ways. It is spirit that lives in the plant kingdom. And we can go further; as I said, we can take a plant that is well cared for—one whose seed is sown in the soil in the proper way, which then receives the gentle spring sun at the right time, followed by the sun of midsummer, and can then develop its seed as the sun’s rays grow weaker. But let’s suppose the plant is placed in such natural conditions that it has no time at all to develop a root, nor a proper stem, nor proper leaves, but instead must develop everything that would otherwise develop in the petals—all of it—terribly quickly and indistinctly, because it simply has no time to form all of that so rapidly. Then it becomes a sponge, a fungus.

[ 14 ] Da haben Sie zwei äußerste Extreme: eine Pflanze, die Zeit hat, sich in alle Einzelheiten hinein zu differenzieren, entwickelt Wurzeln, Stengel, Blätter, Blüten, Früchte, alles mögliche. Aber eine Pflanze, die in solche Naturverhältnisse versetzt wird, daß sie gar nicht Zeit hat, eine Wurzel zu bilden, bei der bleibt alles nur angedeutet, Stengel und Blätter kann sie auch nicht entwickeln, und das, was im Blütenprinzip ist und das Fruchtbilden, muß sie schnell und undeutlich machen. Sie setzt sich kaum auf der Erde auf, entwickelt mit furchtbarer Schnelligkeit das, was die andern Pflanzen langsam entwickeln. Denken Sie an den Klatschmohn, der, nachdem er die grünen Blätter so langsam hat vorangehen lassen, behutsam langsam die roten Mohnblätter ausbilden kann, dann die Staubgefäße, dann das kokette Pistill, das in der Mitte des Klatschmohns drinnen ist. Beim Pilz muß das rasch und überhastet gemacht werden; man hat nicht Zeit zu differenzieren, hat nicht Zeit, sich der Sonne auszusetzen, weil die auch gar nicht da ist, daß man so hübsch färben könnte, kurz, es wird ein Pilz. Im Pilz haben wir eine ganz undeutliche, rasch überhastet hingeworfene Blüte. Wiederum haben wir eins; zwei ganz verschiedene Pflanzen sind eigentlich ein und dasselbe.

[ 14 ] Here you have two extreme cases: a plant that has time to differentiate itself in every detail—developing roots, stems, leaves, flowers, fruits, and everything else. But a plant that is placed in such natural conditions that it has no time at all to form a root—in that case, everything remains only hinted at; it cannot develop stems and leaves either, and what is contained in the flowering principle and the formation of fruit, it must produce quickly and indistinctly. It barely takes root in the earth before it develops with tremendous speed what other plants develop slowly. Think of the poppy, which, after allowing its green leaves to emerge so slowly, can carefully and gradually form its red petals, then the stamens, and finally the coquettish pistil nestled in the center of the poppy. In the case of the mushroom, this must be done quickly and hastily; there’s no time to differentiate, no time to bask in the sun—because the sun isn’t even there to allow for such pretty coloring—in short, it becomes a mushroom. In the mushroom, we have a very indistinct, hastily thrown-together flower. Once again, we have one; two completely different plants are actually one and the same.

[ 15 ] Aber man muß innerlich ein wenig anders werden, wenn man das alles wirklich denken will. Denn der Intellektualist — Goethe würde vielleicht gesagt haben: der steife Philister —, der schaut sich den saftig roten Klatschmohn an, mit dem bauchigen, wohlausgebildeten Pistill in der Mitte, und jetzt soll er sich einen Pilz anschauen. Gleichzeitig soll er sich den Begriff, den er sich von diesem Klatschmohn gebildet hat, so beweglich erhalten, daß er undeutlich werden kann und daß er im Klatschmohn selber schon der Anlage nach den Eierschwamm oder den Kaiserling oder so irgend etwas sieht; das geht nicht, nicht wahr? Damit sich sein Intellekt nicht zu bewegen braucht, so daß er eigentlich nicht den Verstand lebendig zu machen braucht, sondern höchstens den Kopf ein bißchen hinüberzulatschen hat, muß man ihm extra den Eierschwamm oder den Kaiserling vorführen. Dann kann er sie nebeneinander vorstellen — sehen Sie, dann gelingt es ihm!

[ 15 ] But one must change a little on the inside if one really wants to think all this through. For the intellectual—Goethe might have said: the stiff philistine—looks at the lush red poppy, with its bulbous, well-formed pistil in the center, and now he is supposed to look at a mushroom. At the same time, he is supposed to keep the concept he has formed of this poppy so flexible that it can become indistinct, and that in the poppy itself he already sees, in its very structure, the chanterelle or the imperial mushroom or something like that; that’s not possible, is it? So that his intellect doesn’t have to engage—so that he doesn’t actually need to activate his mind, but at most just has to turn his head a little—one must specifically show him the chanterelle or the imperial mushroom. Then he can picture them side by side—you see, then he succeeds!

[ 16 ] Das ist eben der Unterschied zwischen dem toten Denken und dem innerlich belebten, lebendigen Denken, das Goethe für die Metamorphose geformt hat. Es war schon eine innerliche Entdeckung von großartigster Art, die da durch Goethe in die Welt gekommen ist. Daher habe ich im allerersten Band von «Goethes naturwissenschaftlichen Schriften», den ich im Anfange der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erscheinen ließ, in der Einleitung den Satz niedergeschrieben: Goethe ist zu gleicher Zeit der Kopernikus und Kepler der organischen Naturwissenschaft, und was Kopernikus und Kepler für die äußere tote Natur getan haben, den Begriff gereinigt, um im gereinigten Begriff das Astronomische und Physikalische zu fassen, das hat Goethe durch den lebendigen Begriff, den Begriff der Metamorphose, für die organische Naturwissenschaft geleistet. Und das ist seine zentrale Entdeckung.

[ 16 ] That is precisely the difference between dead thinking and the inwardly animated, living thinking that Goethe shaped for the metamorphosis. It was indeed an inner discovery of the most magnificent kind that came into the world through Goethe. That is why, in the very first volume of Goethe’s Scientific Writings, which I published in the early 1880s, I wrote the following sentence in the introduction: Goethe is at once the Copernicus and Kepler of organic natural science, and just as Copernicus and Kepler purified the concept of external, lifeless nature in order to encompass the astronomical and the physical within that purified concept, so Goethe accomplished the same for organic natural science through the living concept—the concept of metamorphosis. And that is his central discovery.

[ 17 ] Und wenn man will, so dehnt sich eben dieser Begriff der Metamorphose dann über die ganze Natur aus. Goethe hat sich natürlich sofort gedacht, als er die Pflanzenformen aus diesem Metamorphosegedanken heraus bekommen konnte: Das muß sich auch auf das Tier anwenden lassen. — Aber da geht es eben schwerer. Ein Blatt aus dem andern in Gedanken hervorgehen zu lassen, das hat Goethe ganz gut zustande gebracht. Aber wie man, sagen wir, einen Ringknochen aus dem Rückgrat sich der Gestalt nach metamorphosiert denken soll, daß ein Kopfknochen daraus wird, so daß man auch für das Tier und den Menschen die Metamorphose anwenden kann, das ging eben doch schwerer. Und dennoch ist es Goethe gelungen, wie ich Ihnen schon öfter erzählt habe, als er auf dem Lido bei Venedig, 1790, das Glück hatte, einen besonders günstig auseinandergefallenen Schafschädel vor sich liegen zu sehen. Es war ein Schafschädel, in die einzelnen Knochen auseinandergefallen. Da ging ihm auf: Die schauen doch aus, wenn sie auch sehr verwandelt sind, wie die Ringknochen des Rückgrats. — Und da bildete er sich diesen Gedanken, daß wenigstens die Knochen auch so vorgestellt werden können, daß sie alle eigentlich einen Knochenimpuls darstellen, der nur in verschiedenen Formen auftritt.

[ 17 ] And if one wishes, this very concept of metamorphosis can then be extended to encompass all of nature. Goethe, of course, immediately thought—once he was able to derive plant forms from this idea of metamorphosis—that this must also apply to animals. — But that is more difficult. Goethe managed quite well to conceive of one leaf emerging from another in his mind. But how one is supposed to imagine, say, a vertebra in the spine undergoing a metamorphosis in form to become a skull bone—so that metamorphosis can also be applied to animals and humans—that was simply more difficult. And yet, as I have told you many times before, Goethe succeeded when, in 1790 on the Lido near Venice, he was fortunate enough to come across a sheep skull that had fallen apart in a particularly revealing way. It was a sheep’s skull that had fallen apart into its individual bones. Then it dawned on him: Even though they are greatly transformed, they do look like the vertebrae of the spine. — And so he formed the idea that, at the very least, the bones can also be conceived of as representing a single “bone impulse” that merely manifests itself in various forms.

[ 18 ] Aber in bezug auf den ganzen Menschen ist eben Goethe doch nicht sehr weit damit gekommen, weil es ihm nicht gelungen ist, von seiner Metamorphoseidee zur wirklichen Imagination zu gelangen. Kommt man aber zur wirklichen Imagination und von da aus zur Inspiration, Intuition, dann ergibt sich einem die Einheit noch viel bedeutsamer. Und ich habe auch schon hinweisen können, wie sich diese Einheit am Menschen ergibt, wenn man den Metamorphosegedanken richtig faßt. Da muß man von demselben Gesichtspunkte, von dem aus Goethe in der Blüte der Dikotyledonenpflanzen, indem er sie immer einfacher und einfacher, verworrener und verworrener dachte, den Pilz sah, den Menschenkopf studieren, wie er heute uns entgegentritt; dann kann man ihn als eine Metamorphose des übrigen Skeletts denken.

[ 18 ] But when it comes to the whole human being, Goethe did not get very far with this, because he did not succeed in moving from his idea of metamorphosis to true imagination. However, if one arrives at true imagination and, from there, at inspiration and intuition, then this unity becomes even more significant. And I have already been able to point out how this unity manifests itself in the human being when one grasps the idea of metamorphosis correctly. From the same perspective—the one from which Goethe, in the blossoms of dicotyledonous plants, saw the mushroom as he conceived them as increasingly simpler and simpler, more and more entangled—one must study the human head as it appears to us today; then one can conceive of it as a metamorphosis of the rest of the skeleton.

[ 19 ] Versuchen Sie einmal so, mit einem künstlerischen Blick, einen halben Unterkiefer am Menschenskelett anzuschauen. Wenn Sie es mit künstlerischem Blick anschauen, werden Sie kaum anders können, als das, was Sie da unten haben, was hier ansitzt und dann so hinuntergeht, mit den Arm- und mit den Beinknochen zu vergleichen. Wenn Sie sich die Beinknochen und die Armknochen verwandelt denken, dann haben Sie hier auch zwei Beine — Unterkiefer —, nur sind diese verkümmert. Der Kopf ist ein fauler Kerl, der nicht geht, der immer sitzt. Daher sitzt er auch auf seinen zwei Beinen, die in der Dekadenz sind, die verkümmert sind. Aber wenn Sie sich denken, daß zum Beispiel der Mensch die Beine so mit einem Bindfaden zusammengebunden bekäme, so kann man schon fast nachahmen, was hier ist. Und wenn Sie mit künstlerischem Blick das ansehen, so könnte man sich schon denken, wie man die Beine dahin kriegen könnte, daß sie auch so wie die untere Kinnlade unbeweglich wären.

[ 19 ] Try looking at half a lower jaw on a human skeleton with an artist’s eye. If you look at it with an artist’s eye, you’ll find it hard not to compare what you see down there—what’s attached here and then extends downward—with the arm and leg bones. If you imagine the leg bones and arm bones transformed, then you also have two legs here—the lower jaw—only these are atrophied. The head is a lazy fellow who doesn’t walk, who always sits. That’s why it sits on its two legs, which are in a state of decay, which are atrophied. But if you imagine, for example, that a person’s legs were tied together with a string, you could almost mimic what is shown here. And if you look at this with an artistic eye, you could already imagine how to position the legs so that they, too, would be immobile, just like the lower jaw.

[ 20 ] Aber wie sich die Sache verhält, darauf kommt man erst, wenn man wirklich das Menschenhaupt als einen umgebildeten andern Menschenleib ansieht. Ich habe Ihnen dargestellt: dieses Menschenhaupt, das wir in dem gegenwärtigen menschlichen Erdenleben tragen, ist der umgestaltete Leib ohne Kopf, wie wir ihn im vorigen Erdenleben an uns getragen haben. Der Kopf von dazumal ist uns verlorengegangen manchen Menschen vermutlich schon während des Erdenlebens —, aber jedenfalls nach dem Erdenleben sind auch die Kräfte des Kopfes verlorengegangen. Der Kopf erhält sich nicht. Ich meine jetzt die Kräfte, natürlich nicht die Materie, sondern die Kräfte, aber diese Kräfte, die Sie jetzt in Ihrem Haupte tragen, die haben Sie früher, wenn Sie sich geköpft denken, an Ihrem übrigen Leib getragen. In einem vorigen Erdenleben haben Sie wiederum den Kopf aus dem vorvorigen Erdenleben getragen. Und das, was Sie jetzt als Leib haben, das wird wirklich metamorphosiert, umgestaltet, und Sie werden es als Ihren Kopf im nächsten Erdenleben tragen. Daher ist es auch zuerst da. Sehen Sie sich den menschlichen Embryo im menschlichen Mutterleibe an: der Kopf kommt zuerst, das übrige setzt sich an, weil es Neubildung ist; der Kopf aber stammt aus dem vorigen Erdenleben, der ist der umgestaltete Körper, ist Form, ist durch das ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt herübergetragen, bildet sich als Kopf und setzt sich die andern Glieder an. Und so können wir sagen: Wir sehen, indem wir die wiederholten Erdenleben dazunehmen, in dem Menschen nun die letztlich ausgebildete Metamorphose. In dem, worauf Goethe gekommen ist im Anfang der achtziger Jahre des 13. Jahrhunderts, in dem Pflanzenmetamorphose-Gedanken, da ruht das, was einen nun zum lebendigen Begriff vom Werden führt, durch das ganze Tierreich hinauf bis zum Menschen, und zwar so, daß es auch noch die Idee hergibt, durch die wir die wiederholten Erdenleben in ihrer Form begreifen. Goethe ist das Denken innerlich dadurch so belebt worden, daß er das Zeremoniell seines Kultus mitgemacht hat. Da hat er, wenn ihm das auch nicht klar zum Bewußtsein gekommen ist, doch eine Ahnung davon bekommen, wie der noch ganz seelische Mensch im vorirdischen Dasein das herüberträgt, was vom Körperskelett an Kräften aus dem früheren Erdenleben geblieben ist; wie das von dem Menschen in dieses Erdenleben hereingetragen und zur Kopfform ausgestaltet worden ist unter der schützenden Hülle des mütterlichen Leibes.

[ 20 ] But one can only truly understand how things stand when one regards the human head as a transformed human body. I have explained to you: this human head that we bear in our present earthly life is the transformed, headless body that we carried within us in our previous earthly life. The head from that time has been lost to us—for some people, presumably even during their earthly life—but in any case, after the earthly life, the powers of the head have also been lost. The head does not endure. I am referring now to the powers—not the matter, of course, but the powers—and these powers that you now carry in your head, you previously carried on the rest of your body, if you imagine yourself decapitated. In a previous earthly life, you in turn carried the head from the earthly life before that. And what you now have as your body is truly being metamorphosed, transformed, and you will carry it as your head in your next earthly life. That is why it is there first. Look at the human embryo in the mother’s womb: the head comes first; the rest of the body develops later because it is a new formation; but the head originates from the previous earthly life—it is the transformed body, it is form, it has been carried over through the entire life between death and a new birth, takes shape as the head, and the other limbs develop around it. And so we can say: By taking into account the repeated earthly lives, we now see in the human being the ultimately developed metamorphosis. In what Goethe arrived at in the early 1280s—the idea of plant metamorphosis—lies the foundation that now leads us to a living conception of becoming, ascending through the entire animal kingdom up to the human being, and in such a way that it also yields the idea through which we comprehend the repeated earthly lives in their form. Goethe’s thinking was inwardly enlivened by his participation in the rituals of his cult. There, even if it did not come clearly into his consciousness, he nevertheless gained an inkling of how the human being—still entirely spiritual in pre-earthly existence—carries over the forces remaining from the previous earthly life, beginning with the skeletal structure; how these were brought by the human being into this earthly life and shaped into the form of the head under the protective covering of the mother’s womb.

[ 21 ] Goethe hat das nicht gewußt, aber er hat eine Ahnung bekommen und hat das zunächst auf das Einfachste, das Pflanzenleben, angewandt. Er konnte das, weil seine Zeit dazu noch nicht reif war, eben nicht so weit ausdehnen, wie es heute ausgedehnt werden kann, nämlich bis zum Begreifen der Menschenverwandlung von einem Erdenleben bis zum andern. Gewöhnlich wird es mit einem Gefühl von Mitleid gesagt, daß Goethe diese Metamorphose ausgebildet hat, weil ihm da seine Künstlernatur in die Quere gekommen sei. Das sagen die Pedanten, die Philister, aus Mitleid heraus. Wer kein Pedant und Philister ist, der muß mit Begeisterung sagen: Goethe konnte eben zur Wissenschaft das Künstlerische hinzufügen und konnte gerade dadurch zu beweglichen Begriffen kommen. — Aber so kann man doch nicht, sagt jetzt der philiströse Dialektiker, die Natur begreifen. Da muß man steif logische, streng logische Begriffe, wie er sagt, haben. — Aber wenn die Natur eine Künstlerin wäre, dann könnte der ganzen Naturwissenschaft, die die Kunst ausschließt und nur auf äußere Begriffe geht, passieren, was mir einmal ein Münchner Künstler, der noch ein Zeitgenosse des großen Ästhetikers Carrière war und mit dem wir über Carriere ins Gespräch kamen, erzählt hat. Er sagte: Wir Künstler dazumal in unserer Jugend, wir gingen nicht in die Vorlesungen des Carriere. Sind wir einmal hereingegangen, dann gingen wir wieder heraus und sagten: Das ist der ästhetische Wonnegrunzer! — So, wie es dem Ästhetiker passierte, daß der Künstler ihn einen Wonnegrunzer nennt, so könnte die Natur, wenn sie selber über ihre Geheimnisse sprechen würde, den bloß logischen Naturforscher vielleicht nicht einmal einen Wonne-, sondern einen Jammergrunzer nennen, denn die Natur schafft eben künstlerisch. Und man kann der Natur nicht befehlen, sie dürfe sich bloß logisch begreifen lassen, sondern man muß die Natur so begreifen, wie sie ist.

[ 21 ] Goethe did not know this, but he had a hunch and initially applied it to the simplest form of life: plant life. Since his time was not yet ripe for it, he was unable to extend this concept as far as it can be extended today—namely, to the understanding of the human transformation from one earthly life to the next. It is usually said with a sense of pity that Goethe developed this metamorphosis because his artistic nature got in the way. That is what the pedants and philistines say, out of pity. Anyone who is not a pedant or a philistine must say with enthusiasm: Goethe was simply able to add the artistic to science and, precisely through this, arrive at flexible concepts. — But one cannot understand nature that way, says the philistine dialectician. One must have rigidly logical, strictly logical concepts, as he puts it. — But if nature were an artist, then the whole of natural science—which excludes art and relies solely on external concepts—might suffer the same fate that a Munich artist, who was a contemporary of the great aesthetician Carrière and with whom we once struck up a conversation about Carrière, once told me about. He said: “We artists back then, in our youth, didn’t attend Carrière’s lectures.” If we ever did go in, we’d walk right back out and say, ‘That’s the aesthetic grunter!’ — Just as it happened to the aesthetician that the artist called him a “grumbler of delight,” so too might nature, were she herself to speak of her secrets, perhaps not even call the purely logical naturalist a “grumbler of delight,” but rather a “grumbler of woe”—for nature, after all, creates artistically. And one cannot command Nature to allow itself to be understood merely logically; rather, one must understand Nature as it is.

[ 22 ] So ist einmal die historische Entwickelung. Einstmals im alten Orient waren lebendige Begriffe. Ich habe Ihnen geschildert, wie zunächst durch die Umgestaltung, die Metamorphose des Atmungsprozesses diese lebendigen Begriffe zu einem Wahrnehmungsprozeß geworden waren. Die Menschen mußten sich zu den toten Begriffen hindurcharbeiten. Die Ägypter konnten es noch nicht. Sie bändigten sich heran zu den toten Begriffen, indem sie zunächst den Menschen selbst in seiner Torheit in der Mumie entwickelten. Jetzt aber sind wir in der Lage, daß wir den Begriff neu erwecken müssen. Und das kann nicht geschehen dadurch, daß wir nur alte okkulte Formen traditionell pflegen, sondern indem wir uns wirklich hineinleben, immer weiter und weiter nicht nur uns hineinfinden, sondern es ausbilden, was als erster Goethe als den Metamorphosegedanken gefaßt hat: den lebendigen Begriff. Wer den lebendigen Begriff, das heißt, die seelische Handhabe des Geistigen beherrscht, der ist auch imstande, aus dem Geiste heraus wiederum die äußere Handlung des Menschen zu beleben. Dann kommt es dahin, daß wirklich einmal erreicht werden kann, wovon ich öfter vor unseren anthroposophischen Freunden gesprochen habe, daß man sich nicht in einer solchen gleichgültigen materialistischen Weise an den Laboratoriumstisch oder an den Seziertisch stellt und da herumfuhrwerkt, sondern daß man empfindet, was man der Natur als ihre Geheimnisse ablauscht, als Taten des Geistes, der durch die Natur durchströmend sich betätigt: daß der Laboratoriumstisch zum Altar wird. Ehe nicht Verehrung, religiöses Empfinden in unsere Wissenschaft hineinkommt, solange eine abgesonderte Religion neben der Wissenschaft sich auftut und bloß dem menschlichen Egoismus dient, ehe nicht die Wissenschaft selber wiederum, was sie erforscht, verehren lernt — so wie die alten Mysterienschüler verehren gelernt haben, wie ich das in meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» nachgewiesen habe —, eher kommen wir nicht wieder zu aufsteigenden Kräften in der Menschheit. Wir müssen wiederum alles Forschen als einen Verkehr mit der geistigen Welt begreifen lernen. Dann werden wir der Natur dasjenige ablauschen, was die Menschheit wirklich in ihrer Entwickelung weiterbringt. Und dann werden wir den Mumifizierungsprozeß, den die Menschheit einmal durchmachen mußte, im umgekehrten Sinne durchmachen. So wie der Ägypter den Leichnam des Menschen genommen hat, um ihn einzubalsamieren, so daß jetzt noch in einer, ich möchte sagen, fast schauererregenden Weise ganze Kolonien von Mumien geschaut werden können in den Museen, wohin sie die Europäer verschleppt haben, so wie da einstmals das Denken der Menschen in der Mumie erstarrt ist, so muß es in der Zukunft wieder erweckt werden. Der alte Ägypter nahm den menschlichen Leichnam, balsamierte ihn ein, konservierte den Tod. Wir müssen fühlen, daß wir den Seelentod in uns tragen, wenn wir die bloß abstrakten, intellektualistischen Gedanken haben. Wir müssen fühlen: Das ist die Seelenmumie. Wir müssen verstehen lernen, was noch als eine Ahnung in Paracelsus lebte, als er, wenn er eine gewisse Substanz aus dem menschlichen Organismus nahm, dies die «Mumie» nannte. Er sah in einem kleinen substantiellen Rest des Menschen die Mumie. Er brauchte nicht den einbalsamierten Leichnam, um die Mumie zu sehen, denn für ihn war die Mumie die Summe der Kräfte, die den Menschen in jedem Augenblick zum Tode bringen konnten, wenn er sich nicht in der Nacht wiederum belebte.

[ 22 ] Such, then, is the course of historical development. Once upon a time, in the ancient Orient, there were living concepts. I have described to you how, initially through the transformation—the metamorphosis—of the respiratory process, these living concepts had become a process of perception. Human beings had to work their way toward the dead concepts. The Egyptians were not yet able to do so. They gradually approached the dead concepts by first developing the human being himself—in all his folly—within the mummy. But now we are in a position where we must reawaken the concept. And this cannot happen simply by traditionally preserving old occult forms, but by truly immersing ourselves in it—not only finding our way into it further and further, but also developing what Goethe was the first to grasp as the idea of metamorphosis: the living concept. Whoever masters the living concept—that is, the soul’s grasp of the spiritual—is also capable of, from within the spirit, once again enlivening human outer action. Then we will reach the point where what I have often spoken of to our anthroposophical friends can truly be achieved: that one does not stand at the laboratory table or the dissection table in such an indifferent, materialistic manner and tinker around there, but rather that one perceives what one discerns from nature as its secrets to be the deeds of the spirit, which is active as it flows through nature: that the laboratory table becomes an altar. Until reverence and religious feeling find their way into our science—as long as a separate religion stands apart from science and serves merely human egoism—and until science itself learns to revere what it investigates—just as the ancient mystery school students learned to revere, as I have demonstrated in my book Christianity as a Mystical Fact— we will not return to ascending forces within humanity. We must once again learn to understand all research as a communion with the spiritual world. Then we will discern from nature what truly advances humanity in its development. And then we will undergo, in reverse, the process of mummification that humanity once had to undergo. Just as the Egyptians took the human corpse to embalm it—so that even now, in a way I might call almost spine-chilling, entire colonies of mummies can be seen in the museums to which the Europeans have carried them off—just as human thought once solidified within the mummy, so must it be reawakened in the future. The ancient Egyptians took the human corpse, embalmed it, and preserved death. We must feel that we carry the death of the soul within us when we have merely abstract, intellectualistic thoughts. We must feel: This is the mummy of the soul. We must learn to understand what still lived as an intuition in Paracelsus when, upon extracting a certain substance from the human organism, he called it the “mummy.” He saw the mummy in a small, substantial remnant of the human being. He did not need an embalmed corpse to see the mummy, for to him the mummy was the sum of the forces that could bring a person to death at any moment, unless they were revived again during the night.

[ 23 ] In uns waltet das tote Denken. Das Denken stellt den Seelentod dar. Wir tragen in unserem Denken die seelische Mumie in uns. Sie bildet gerade das, was man in der gegenwärtigen Kultur am meisten schätzt. Man kann, wenn man will, in den Museen, wo eine Mumie nach der andern ausgestellt ist, wenn man mit einem etwas universelleren Blick ausgestattet ist, mit dem Goetheschen Blick zum Beispiel, Metamorphosen sehen. Man kann da durch die Säle gehen und dann auf die Straße treten mit dem Gefühl: Da ist in der heutigen Zeit des Intellektualismus gar kein Unterschied, denn daß die Mumien nicht gehen und daß draußen auf der Straße die Menschen gehen, das ist ja nur ein Zufall, ist nur eine Äußerlichkeit. Die Menschen, die heute, im intellektuellen Zeitalter, draußen auf der Straße gehen, sind seelisch Mumien, Seelenmumien, weil sie ganz von toten, intellektualistischen Gedanken ausgefüllt sind, von Gedanken, die nicht leben können. Wie ein ursprüngliches Leben in den ägyptischen Mumien erstarrt ist, so ist das Seelenleben erstarrt, und es muß für die Zukunft der Menschheit wiederum lebendig gemacht werden. Wir dürfen es nicht so weitertreiben, wie wir es mit der Anatomie und Physiologie getrieben haben. Das war den Ägyptern gestattet mit den physischen Menschenleichnamen. Aber den abstrakten Seelenleichnam, den wir im intellektualistischen Denken in uns tragen, dürfen wir nicht weiter mumifizieren. Es ist heute überhaupt die Lust vorhanden, das Denken einzubalsamieren, damit es nur recht pedantisch logisch wird und nicht irgendwie ein Fünkchen von enthusiastischem Leben in dieses Denken hineinkommt.

[ 23 ] Dead thinking reigns within us. Thinking represents the death of the soul. In our thinking, we carry the mummy of the soul within us. It constitutes precisely what is most highly valued in contemporary culture. If one wishes, one can see metamorphoses in museums where one mummy after another is on display—provided one is endowed with a somewhat more universal perspective, such as Goethe’s, for example. One can walk through the halls there and then step out onto the street with the feeling: In today’s age of intellectualism, there is no difference at all, for the fact that the mummies do not walk and that people walk out there on the street is merely a coincidence, merely an external detail. The people walking outside on the street today, in this intellectual age, are mummies of the soul—soul mummies—because they are entirely filled with dead, intellectualistic thoughts, with thoughts that cannot live. Just as original life has become frozen in the Egyptian mummies, so too has the life of the soul become frozen, and it must be brought back to life for the future of humanity. We must not carry this on as far as we have with anatomy and physiology. The Egyptians were permitted to do this with physical human corpses. But we must not continue to mummify the abstract corpse of the soul that we carry within us in our intellectualistic thinking. Today there is a general tendency to embalm thought, so that it becomes merely pedantically logical and no spark of enthusiastic life can enter into it.

[ 24 ] Wenn die Mumien photographiert werden, so sind es eben auch steife Bilder. Man kann so ein Mumienbild von der Mumie selbst in der Steifheit nicht gut unterscheiden. Wenn man aber heute ein Literaturwerk aus diesem oder jenem Fache in die Hand nimmt, so ist das eine Photographie der mumifizierten Seele. Da hat man ein Abbild der Seelenmumie, da ist die Seele einbalsamiert. Vielleicht könnte man noch ein bißchen im Zweifel sein, weil die Menschen außer ihrem Verstande, der eben mumifiziert ist, auch noch etwas anderes an sich haben. Deshalb laufen sie eben herum: sie haben so allerlei fleischliche und andere Antriebe. Es kommt dieses Bild von der Mumie nicht ganz deutlich heraus, aber bei den Büchern kommt es heute schon sehr deutlich heraus, da merken wir schon die Einbalsamierung sehr stark. Aber wir müssen weg von diesem Balsamieren, wir brauchen statt dieses Balsamierens der Ägypter, das sie für die Mumien verwendet haben, ein anderes Ingredienz, wir brauchen ein Lebenselixier. Nicht in der Weise, wie es sich heute vielleicht mancher denkt, um den physischen Körper zu vervollkommnen, sondern etwas, was die Gedanken lebendig macht, das sie entmumifiziert. Und wenn wir das verstehen, haben wir einen tiefen, einen bedeutenden historischen Impuls vor die Seele hingestellt. So wie die Menschheit ihre Geistkultur im Mumifizieren erstarren ließ, als sie die Mumien einbalsamierte, so müssen wir wiederum dasjenige, was nun einmal mumifiziert bei dem geistigen Menschen zur Welt kommt, im Laufe seiner Erziehung, seiner Entwickelung, mit geistig-seelischem Lebenselixier durchdringen, damit es weiter in die Zukunft hineindringen kann. Es sind zwei Kräfte: das Einbalsamieren der Ägypter und das Entbalsamieren, das die neuere Menschheit lernen muß.

[ 24 ] When mummies are photographed, the resulting images are, of course, equally rigid. It is difficult to distinguish such a photograph of a mummy from the mummy itself in terms of rigidity. But when one picks up a literary work today—whether in this or that field—it is a photograph of the mummified soul. There you have an image of the mummified soul; the soul has been embalmed. Perhaps one might still harbor a little doubt, because people possess something else besides their intellect, which is, after all, mummified. That is precisely why they walk around: they have all sorts of carnal and other impulses. This image of the mummy doesn’t come across very clearly, but in books today it’s already very evident; we can already sense the embalming very strongly. But we must move away from this embalming; instead of the embalming agents the Egyptians used for their mummies, we need a different ingredient—we need an elixir of life. Not in the way some might imagine today—to perfect the physical body—but something that brings thoughts to life, that “demumifies” them. And when we understand this, we have placed a profound, significant historical impulse before the soul. Just as humanity allowed its spiritual culture to become frozen in the process of mummification when it embalmed the mummies, so too must we, in turn, imbue that which is born mummified within the spiritual human being—in the course of their education and development—with a spiritual-soul elixir of life, so that it may continue to penetrate into the future. There are two forces: the embalming of the Egyptians and the de-embalming that modern humanity must learn.

[ 25 ] Die neuere Menschheit hat sehr nötig, das Entbalsamieren der versteiften, der toten Seelenkräfte zu lernen. Es liegt darin eigentlich eine ganz besonders wichtige Aufgabe. Denn sonst kommen solche Erscheinungen heraus wie die, von der ich Ihnen auch schon vor einiger Zeit hier gesprochen habe. Da merkt jemand wie Spengler, daß es mit diesen einbalsamierten Begriffen nicht geht, daß die einbalsamierten Begriffe eben zum Tode der Kultur führen. Ich habe in einem Artikel des «Goetheanums» gezeigt, was beim Spengler passiert. Er hat zwar gemerkt, wie die Begriffe alle tot sind, aber seine Begriffe leben auch nicht. Ihm ist es gegangen wie jener Frau aus dem Alten Testament, die sich umgeschaut hat. Der Spengler hat sich umgeschaut nach alldem, was an toten, mumienhaften Begriffen vorhanden ist, und so ist er zur Salzsäule geworden. Diese lebt ebensowenig. Es ist Spengler gegangen wie jener Frau des Lot. Er ist zur Salzsäule erstarrt, denn seine Begriffe leben ebensowenig wie die anderer.

[ 25 ] Modern humanity urgently needs to learn how to “unembalm” its rigid, dead spiritual powers. This is actually a particularly important task. For otherwise, phenomena such as those I spoke to you about here some time ago will arise. Then someone like Spengler realizes that these embalmed concepts are no good, that embalmed concepts lead to the death of culture. In an article in Goetheanum, I showed what happens with Spengler. He did indeed realize that all these concepts are dead, but his own concepts are not alive either. He fared like that woman from the Old Testament who looked back. Spengler looked back at all the dead, mummified concepts that exist, and thus he turned into a pillar of salt. It is just as lifeless. It happened to Spengler just as it did to Lot’s wife. He froze into a pillar of salt, for his concepts are just as lifeless as those of others.

[ 26 ] Es ist ein alter okkulter Satz, daß im Salz Weisheit lebt, aber nur, wenn es im menschlichen Merkur und im menschlichen Phosphor aufgelöst ist. Die Weisheit, die im Salze erstarrt, die hat Spengler, aber es fehlt sowohl der Merkur, der dieses Salz in Bewegung bringt und es dadurch universell, kosmisch macht, und noch mehr fehlt der Phosphor. Denn anzünden — ich meine seelisch durch Begeisterung anzünden —, das kann man nicht mit Spenglers Begriffen, wenn man ihn mit Gefühl, namentlich mit künstlerischem Gefühl liest. Sie bleiben alle salzig-steif und schmecken sauer, und man muß erst hinterher sich ordentlich durchmerkurialisieren und durchphosphorisieren, wenn man diesen Salzklotz, der sich «Untergang des Abendlandes» nennt, verdauen will. Wir müssen aus dem Salze, aus der Erstarrung heraus. Wir müssen Lebenselixier auch gerade in bezug auf die Seelenmumie, die abstrakten Begriffssysteme anwenden. Das ist es, was uns nötig ist.

[ 26 ] It is an ancient occult saying that wisdom dwells in salt, but only when it is dissolved in human Mercury and human Phosphorus. Spengler possesses the wisdom that has solidified within the salt, but what is missing is both the Mercury that sets this salt in motion and thereby makes it universal and cosmic, and—even more so—the Phosphorus. For to ignite—I mean to ignite spiritually through enthusiasm—is something that cannot be done with Spengler’s concepts if one reads him with feeling, particularly with artistic feeling. They all remain salty and stiff and taste sour, and one must first thoroughly imbue oneself with Mercury and Phosphorus afterward if one wishes to digest this block of salt called The Decline of the West. We must break free from the salt, from the rigidity. We must apply the elixir of life precisely to the mummified soul, to the abstract systems of concepts. That is what we need.