Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
12 October 1922, Stuttgart
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Spiritual Forces Working in Older and Younger Generations, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Ich wollte Ihnen gestern begreiflich machen, wie man zu einer Erziehung, beziehungsweise zu einer Führung der jungen Menschen dadurch kommen müsse, daß die Erziehung in künstlerischer Art gestaltet wird. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß der Erzieher in früheren Zeitaltern in einem gewissen Sinne vom Künstlerischen ausgegangen ist. Das geschah für die sogenannte höhere Schulbildung, indem man, was heute schon ganz die Form des Abstrakten, Wissenschaftlichen angenommen hat, das Grammatische, Dialektische und Rhetorische als Künste betrachtete und handhabte, so daß der junge Mensch an seinem Führer zuerst etwas kennenlernte, das ihn sich sagen ließ: Der kann etwas, was ich nicht kann. — Und dadurch allein stellte sich das richtige Verhältnis zwischen den jüngeren und den älteren Generationen her, denn dieses Verhältnis kann sich niemals auf dem Wege der Intellektualität entwickeln. Sobald man nicht mit der Gemüts- und Verstandesseele die innerlich geoffenbarten Ideen hat, sondern sich mit der Bewußtseinsseele auf den Boden des Verstandes stellt, gibt es keine Möglichkeit, unter den Menschen irgendwie noch zu differenzieren. Denn die menschliche Natur ist so veranlagt, wenn es sich darum handelt, irgend etwas mit der Bewußtseinsseele begrifflich auszumachen, wenn der Mensch überhaupt nur zu Begriffen kommt, daß jeder glaubt, mit jedem über diese Begriffe diskutieren zu können. So ist es beim Intellekt, bei dem ja die Reife, die Erfahrung des Menschen gar nicht in Betracht kommt. Reife und Erfahrung des Menschen kommen erst beim Können in Betracht. Das Können eines älteren Menschen wird von der Jugend auch ganz selbstverständlich anerkannt.
[ 1 ] Yesterday I wanted to explain to you how we must approach the education—or rather, the guidance—of young people by structuring that education in an artistic manner. I pointed out that, in earlier eras, educators, in a certain sense, drew upon the artistic. This was the case in so-called higher education, where what has today taken on an entirely abstract, scientific form—namely, grammar, dialectics, and rhetoric—was regarded and practiced as arts, so that the young person first came to recognize in his or her guide something that made him or her say: “This person can do something I cannot.” — And through this alone was the proper relationship between the younger and older generations established, for this relationship can never develop through intellectuality alone. As soon as one no longer possesses the ideas revealed within through the soul of feeling and the soul of understanding, but instead stands on the ground of the intellect with the soul of consciousness, there is no longer any possibility of distinguishing between people in any way. For human nature is such that, when it comes to defining something conceptually with the conscious soul—or indeed, whenever a person arrives at concepts at all—everyone believes they can discuss these concepts with anyone else. This is the case with the intellect, where a person’s maturity and experience are not taken into account at all. A person’s maturity and experience only come into play when it comes to skill. The skills of an older person are also recognized quite naturally by the young.
[ 2 ] Um nun diese Dinge aus dem Fundamente heraus zu verstehen, müssen wir uns noch einmal von einem anderen Gesichtspunkte aus ein wenig vor die Seele stellen, wie dieMenschheitsentwickelung eigentlich in bezug auf den Verkehr von Mensch zu Mensch verlaufen ist. Die äußere Geschichte, die sich an Dokumente hält, kann ja nur einige Jahrtausende vor das Mysterium von Golgatha zurückgehen, und sie kann das, was sie da erkundet, nicht einmal in der richtigen Weise bewerten, weil schon die geistigen Erzeugnisse der alten Griechenzeit mit den Begriffen von heute gar nicht mehr erfaßt werden können. Man muß schon für die alte Griechenzeit ganz andere Begriffe anwenden. Das hat unter anderen Nietzsche gefühlt. Daher ist so reizvoll seine nicht beendete kleine Schrift «Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen», wo er die Philosophie der Griechen im Zusammenhange mit der allgemeinen griechischen Kulturentwickelung bis zu Sokrates behandelt. In Sokrates findet er das erste Aufleuchten der bloßen Intellektualität, während alles Philosophische in dem sogenannten tragischen Zeitalter der griechischen Entwickelung aus umfassenden menschlichen Untergründen hervorgegangen ist, für die, wenn sie begrifflich ausgedrückt werden, das Begriffliche eben nur eine Sprache ist, um Erlebtes auszudrücken. Philosophie ist ja in den ältesten Zeiten etwas ganz anderes, als was sie später geworden ist. Aber darauf will ich jetzt nur hinweisen.
[ 2 ] In order to understand these things from their very foundations, we must once again take a step back and consider, from a different perspective, how human development has actually unfolded with regard to human interaction. External history, which relies on documents, can, after all, only go back a few millennia before the Mystery of Golgotha, and it cannot even evaluate what it investigates there in the proper way, because even the spiritual achievements of ancient Greece can no longer be grasped using today’s concepts. One must apply entirely different concepts even to the ancient Greek period. Nietzsche, among others, sensed this. This is why his unfinished short treatise Philosophy in the Tragic Age of the Greeks is so compelling; in it, he examines Greek philosophy in the context of the general development of Greek culture up to Socrates. In Socrates, he finds the first glimmer of pure intellectualism, whereas everything philosophical in the so-called tragic age of Greek development arose from comprehensive human foundations for which, when expressed conceptually, the conceptual is merely a language for expressing lived experience. Philosophy, after all, was something entirely different in the earliest times than what it later became. But I will merely point this out for now.
[ 3 ] Wovon ich hier eigentlich sprechen will, das ist, daß man mit geistiger Imagination und besonders Inspiration viel weiter zurückschauen kann, auch auf die Details der menschlichen Entwickelung, vor allen Dingen hineinschauen kann in die Seelen der Menschen. Und da zeigt sich, daß wenn wir sehr weit, etwa in das siebente, achte Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha zurückgehen, es da sogar eine ganz selbstverständliche Verehrung der Jugend für das hohe Alter gab. Warum war diese Verehrung selbstverständlich? Weil in jenen ältesten Zeiten dasjenige, was heute nur für die ersten Jugendjahre vorhanden ist, noch für die ganze Menschheitsentwickelung vorhanden war.
[ 3 ] What I actually want to talk about here is that, through spiritual imagination and especially inspiration, one can look back much further—even into the details of human development—and, above all, look into the souls of human beings. And there we see that if we go back very far—say, to the seventh or eighth millennium before the Mystery of Golgotha—there was even a completely natural reverence among the young for the very elderly. Why was this reverence so natural? Because in those earliest times, what today exists only during the early years of youth was still present throughout the entire course of human development.
[ 4 ] Wenn man nicht in so grober Weise auf die menschliche Wesenheit hinschaut, wie man es heute oft tut, so wird man schon finden, daß die ganze seelische Entwickelung des Menschen ungefähr um die Zeit des Zahnwechsels, um das sechste, siebente, achte Jahr herum, eine andere wird. Die Seele des Menschen wird eine andere, und sie wird wiederum eine andere mit der Geschlechtsreife. Ich habe das ausführlich auseinandergesetzt in meinem Büchelchen «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft». Das bemerken die Leute zur Not noch, daß die Seelenentwickelung des Menschen eine andere wird im siebenten, eine andere wird im vierzehnten, fünfzehnten Jahr. Was sie aber gar nicht mehr bemerken, ist, daß weitere Übergänge in der Seelenentwickelung stattfinden im Anfange der zwanziger, am Ende der zwanziger, in der Mitte der dreißiger Jahre und so weiter.
[ 4 ] If one does not view the human being in such a crude manner as is often done today, one will find that the entire spiritual development of the human being changes around the time of tooth replacement, around the sixth, seventh, or eighth year. The human soul changes, and it changes again with the onset of puberty. I have discussed this in detail in my little book The Education of the Child from the Perspective of Spiritual Science. People may still notice, at a pinch, that a person’s soul development changes around the age of seven and again around the ages of fourteen and fifteen. What they no longer notice at all, however, is that further transitions in soul development take place in the early twenties, the late twenties, the mid-thirties, and so on.
[ 5 ] Wer intimer das seelische Leben zu betrachten vermag, weiß gut, daß solche Übergänge beim Menschen stattfinden, daß sich das menschliche Leben überhaupt in rhythmischer Art abspielt. Versuchen Sie nur, sich das beispielsweise bei Goethe anschaulich zu machen. Goethe verzeichnet ja selber, wie er es aus gewissen kindlichen religiösen Vorstellungen, aus dem ganzen Vorstellungskomplex, den er bis dahin hatte, durch das Erdbeben von Lissabon, also ungefähr zur Zeit seines Zahnwechsels herausgehoben wurde, und wie er schon als Kind an allem irre wurde. Er beschreibt, wie er über die Frage nachzudenken anfing, ob es denn eine Güte Gottes in der Wirksamkeit der Welt geben könne, wenn durch die fürchterlichen Feuerkräfte der Erde unzählige Menschen dahingerafft werden. Goethe war eben, ganz besonders in solchen Übergangsmomenten seines Lebens, sehr empfänglich dafür, äußere Ereignisse auf seine Seele wirken zu lassen, so daß er sich seiner seelischen Umgestaltung bewußt wurde. Und ungefähr für diese Zeit verzeichnet Goethe bei sich selber, wie er zu einer Art «sonderlichem Pantheisten» geworden ist, wie er an die Vorstellungen, die ihm von den älteren Leuten seines Hauses und von den Eltern überliefert wurden, nicht mehr glauben konnte. Er beschreibt, wie er sich ein Notenpult seines Vaters nahm, Mineralien darauf legte, obenauf ein Räucherkerzchen, das er beim ersten Hereinleuchten der Morgensonne durch ein Brennglas entzündete. Er drückte das im späteren Leben dadurch aus, daß er sagte, er habe dem großen Gotte der Natur ein Opfer darbringen wollen durch die Entzündung dieses Opferfeuers, das er an der Natur selber entzündet hatte.
[ 5 ] Anyone capable of observing the inner life more closely knows full well that such transitions occur in human beings, that human life as a whole unfolds in a rhythmic manner. Just try to visualize this, for example, in the case of Goethe. Goethe himself records how he was torn away from certain childlike religious notions—from the entire complex of ideas he had held up to that point—by the Lisbon earthquake, which occurred around the time he was losing his baby teeth, and how, even as a child, he became confused by it all. He describes how he began to ponder the question of whether there could be any divine goodness at work in the world when countless people are swept away by the earth’s terrible fiery forces. Goethe was, especially during such transitional moments in his life, very receptive to allowing external events to affect his soul, so that he became aware of his inner transformation. And around this time, Goethe notes in his own writings how he had become a sort of “peculiar pantheist,” how he could no longer believe in the ideas passed down to him by the older members of his household and by his parents. He describes how he took one of his father’s music stands, placed minerals on it, and set a small incense candle on top, which he lit with a magnifying glass as the first rays of the morning sun shone in. Later in life, he expressed this by saying that he had wanted to offer a sacrifice to the great God of Nature by kindling this sacrificial fire, which he had ignited from Nature itself.
[ 6 ] Nehmen Sie diese erste Periode von Goethes Leben, dann die folgende und immer weiter, indem Sie sein ganzes Leben aus Zeitabschnitten zusammensetzen, für die diese kindliche Epoche die ungefähre Länge angibt: Sie werden finden, daß bei Goethe in solchen Zeitabschnitten immer etwas geschieht, was seine Seelegründlich umändert. Es ist außerordentlich interessant zu sehen, wie selbst jenes Ereignis, daß Schiller Goethe angeregt hat, den «Faust» fortzusetzen, bei Goethe nur dadurch einen so fruchtbaren Boden fand, weil er am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in einer epochalen Periode seines Lebens stand. Es ist interessant, daß Goethe seinen «Faust» umgedichtet hat am Anfange eines neuen Lebensabschnittes. In Goethes Jugend wird «Faust» so begonnen, daß Faust dasBuch des Nostradamus aufschlägt, wo geschildert wird, «wie Himmelskräfte auf- und niedersteigen und sich die goldenen Eimer reichen». Dann wird aber das Blatt umgeschlagen und gesagt: «Du Geist der Erde bist mir näher.» Goethe weist das große Tableau des Makrokosmos zurück und läßt nur den Erdgeist an seinen Faust herankommen. Als er dann im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts von Schiller veranlaßt wurde, den «Faust» umzudichten, schuf er den «Prolog im Himmel».
[ 6 ] Take this first period of Goethe’s life, then the next, and so on, piecing together his entire life from time periods for which this childhood era serves as a rough guide: You will find that, in such periods of Goethe’s life, something always happens that fundamentally transforms his soul. It is extraordinarily interesting to see how even the event in which Schiller inspired Goethe to continue Faust found such fertile ground in Goethe only because he was at a pivotal juncture in his life at the end of the eighteenth century. It is interesting that Goethe rewrote his Faust at the beginning of a new phase of his life. In Goethe’s youth, Faust begins with Faust opening the Book of Nostradamus, which describes “how celestial forces ascend and descend and pass the golden buckets to one another.” But then the page is turned, and it is said: “You, Spirit of the Earth, are closer to me.” Goethe rejects the grand tableau of the macrocosm and allows only the Earth Spirit to approach his Faust. When, at the beginning of the nineteenth century, he was prompted by Schiller to rewrite Faust, he created the “Prologue in Heaven.”
[ 7 ] Wer in dieser intimen Art sein eigenes Leben beobachten kann, wird auch bei sich solche Umschwünge finden. Wir bemerken sie aber heute nur, wenn wir uns geradezu dahin trainieren, intim auf unser eigenes, Leben hinzuschauen.
[ 7 ] Anyone who can observe their own life in this intimate way will also find such changes within themselves. Today, however, we notice them only if we actively train ourselves to look closely at our own lives.
[ 8 ] Im sechsten, siebenten, achten Jahrtausend vor dem Mysterium von Golgatha waren diese Umschwünge für die Menschen so stark bemerkbar, daß sie als seelische Empfindung erlebt wurden, wie heute der Zahnwechsel oder die Geschlechtsreife. Und zwar war es so, daß ungefähr bis zur Mitte des Lebens, bis zum fünfunddreißigsten, sechsunddreißigsten Jahre, diese Umschwünge so empfunden wurden, daß man das Leben bis dahin als aufsteigend betrachtete. Dann aber ging es abwärts. Man empfand sozusagen das Verdorren des Lebens. Aber indem man fühlte: da im Organismus lagern sich mit einer gewissen Trägheit Stoffwechselprodukte ab — indem man fühlte, daß der physische Organismus immer schwerer und unlebendiger wird, wurde man zugleich bis in das höchste Alter hinein gewahr, wie gerade dasSeelischGeistige aufgeht. Man fühlte, wie beim Verdorren des Leibes die Seele sich befreite. Und man hätte in alten Zeiten nicht mit solcher Inbrunst von gewissen Menschen als von Patriarchen gesprochen — das Wort selber ist ja erst später gekommen —, wenn man nicht äußerlich an den Menschen bemerkt hätte: Der wird zwar physisch alt, aber er verdankt seinem physischen Älterwerden ein Aufleuchten des Geistes. Er ist nicht mehr vom Körper abhängig. Der Körper verdorrt, die Seele wird frei.
[ 8 ] In the sixth, seventh, and eighth millennia before the Mystery of Golgotha, these turning points were so strongly felt by human beings that they were experienced as emotional sensations, much like the loss of baby teeth or the onset of puberty today. Specifically, it was the case that up until about the middle of life—around the age of thirty-five or thirty-six—these changes were felt in such a way that life up to that point was regarded as ascending. But then it began to decline. One felt, so to speak, the withering away of life. But as one sensed that metabolic waste products were accumulating in the organism with a certain sluggishness—as one sensed that the physical organism was becoming ever heavier and more lifeless—one simultaneously became aware, right up into old age, of how the soul-spiritual aspect was flourishing. One felt how, as the body withered, the soul was liberated. And in ancient times, people would not have spoken with such fervor of certain individuals as “patriarchs”—the word itself, after all, came into use only later—if they had not observed outwardly in these people: Though he is growing old physically, he owes to his physical aging a radiance of the spirit. He is no longer dependent on the body. The body withers away; the soul becomes free.
[ 9 ] In der neueren Zeit ist außerordentlich seiten, was einmal an der Berliner Universität vorgekommen ist. Es waren da zwei Philosophen, der eine hieß Zeller- es war der berühmte Griechen-Zeller —, der andere Michelet. Zeller war siebzig Jahre alt und wollte sich pensionieren lassen. Michelet war neunzig und trug mit ungeheurer Lebendigkeit vor. Eduard von Hartmann hat mir erzählt, daß Michelet gesagt haben soll: «Ich begreife nicht, warum der Jüngling nicht mehr vortragen will.»
[ 9 ] In more recent times, an extraordinary incident occurred at the University of Berlin. There were two philosophers there: one was named Zeller—the famous “Greek” Zeller—and the other was Michelet. Zeller was seventy years old and wanted to retire. Michelet was ninety and lectured with tremendous vitality. Eduard von Hartmann told me that Michelet is said to have remarked, “I don’t understand why the young man doesn’t want to lecture anymore.”
[ 10 ] Selten erhalten sich Menschen heute in solcher Frische. Aber damals war es so, besonders bei denen, die sich mit wirklich geistigem Leben abgaben.Was sagte sich die Jugend, wenn sie die Patriarchen anschaute? Sie sagte sich: Es ist doch schön, alt zu werden! Da erfährt man etwas durch seine eigene Entwickelung, was man früher nicht wissen kann. — Und das sagte man sich auf eine ganz natürliche Weise. Gerade so, wie sich ein kleiner Junge, der ein Spielpferd hat, wünscht groß zu werden, um ein wirkliches Pferd zu bekommen, so wünschte man sich dazumal, alt zu werden, weil man empfand, daß einem dann von innen heraus etwas geoffenbart wird.
[ 10 ] Rarely do people today retain such vitality. But back then it was like that, especially among those who devoted themselves to a truly spiritual life. What did young people tell themselves when they looked at the patriarchs? They said to themselves: It’s wonderful to grow old! Through one’s own development, one comes to experience things that one could not have known before. — And people thought this in a completely natural way. Just as a little boy who has a toy horse wishes to grow up so he can get a real horse, so people back then wished to grow old because they felt that something would then be revealed to them from within.
[ 11 ] Dann kamen die folgenden Jahrtausende. Da empfand man dieses zwar noch bis in ein höheres Alter hinauf, aber nicht mehr so lange, wie in dem urindischen Zeitalter, nach der Terminologie, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» gebrauche. In der Blütezeit des Griechentums empfand der Mensch noch ganz lebendig den Umschwung des Lebens in der Mitte der dreißiger Jahre. Da wußte man noch den Unterschied zwischen Leiblichem und Geistigem anzugeben, indem man sich sagte: Wenn man dreißig Jahre alt ist, geht es mit dem Physischen abwärts, aber das Geistige sprießt dann erst recht hervor. — Das empfand man geistig-seelisch in unmittelbarer menschlicher Gegenwart. Darauf beruht das Urempfinden des Griechentums, nicht auf jener Phantasie, von der die heutige Wissenschaft spricht. Will man verstehen, worauf das Lebensvolle des Griechentums beruht, so muß man wissen, daß die Griechen noch mit Bewußtsein dreißig, fünfunddreiBig, sechsunddreißig Jahre alt werden konnten, während eine ältere Menschheit mit Bewußtsein noch viel älter wurde. Darin besteht die Entwickelung der Menschheit. Dann mußte die Menschheit von Natur aus das Älterwerden immer mehr unbewußt erleben; und nun entsteht die Anforderung, das wiederum bewußt zu durchleben, denn bewußt muß es wieder durchlebt werden.
[ 11 ] Then came the following millennia. Although people still experienced this into old age, it did not last as long as it had in the primordial Indian era, according to the terminology I use in my Outline of Esoteric Science. During the heyday of Greek civilization, people still vividly experienced the turning point in life in their mid-thirties. At that time, people could still articulate the difference between the physical and the spiritual by saying to themselves: When one is thirty years old, the physical begins to decline, but the spiritual then blossoms all the more. — This was experienced spiritually and emotionally in the immediate human presence. This is the foundation of the primordial sensibility of Greek civilization, not the fantasy of which modern science speaks. If one wishes to understand what the vitality of Greek culture is based on, one must know that the Greeks could still reach the ages of thirty, thirty-five, and thirty-six with full consciousness, whereas an older humanity could still grow much older with full consciousness. This is the course of human development. Then, by nature, humanity had to experience aging more and more unconsciously; and now the need arises to live through this process consciously once again, for it must be lived through consciously once more.
[ 12 ] Wer sich selbst beobachtet, kann diesen siebenjährigen Umschwung erkennen. Die Länge ist nicht pedantisch genau, aber approximativ. Wer zurückschaut auf die Zeit seines neunundvierzigsten, zweiundvierzigsten, fünfunddreißigsten Jahres, der kann ganz gut wissen: dazumal ist mit dir etwas vorgegangen, wodurch du etwas erfahren oder empfinden gelernt hast, was du vorher aus deiner Natur heraus einfach nicht hättest erreichen können, geradesowenig, wie du mit den zweiten Zähnen hättest beißen können, bevor du sie gehabthast.— Die Fähigkeit, das Menschenleben als etwas Konkretes zu erleben, ist im Verlauf der Menschheitsentwickelung verlorengegangen. Und wenn man sich heute nicht innerlich trainiert, um das an sich zu beobachten, so verwischen sich diese Epochen vom dreißigsten Jahre an vollständig. Im Beginne der zwanziger, auch noch am Ende der zwanziger Jahre, hier jedoch schon weniger, ist noch etwas zu bemerken von einem innerlichen Anderswerden. Aber die menschliche Organisation ist heute so geworden, daß der Mensch von seiner natürlichen Entwickelung eigentlich nur bis zu seinem sechsundzwanzigsten, siebenundzwanzigsten Jahre getragen wird, und diese Grenze wird immer mehr nach unten verschoben werden. Die Menschen waren in früheren Zeiten dadurch unfrei in ihrer Organisation, daß sie prädestiniert waren, dies aus ihrer Natur heraus durchzumachen. Freiheit ist nur dadurch möglich geworden, daß diese Naturbestimmtheit aufgehoben wurde. In dem Maße, in dem sie aufhört, wird Freiheit möglich. Der Mensch muß durch seine eigene innere Anstrengung dahin kommen, das Geistige zu finden, während dieses früher, von Jahr zu Jahr, je älter man wurde, naturgemäß hervorsproß.
[ 12 ] Anyone who observes themselves can recognize this seven-year cycle. The duration is not precisely defined, but is approximate. Anyone who looks back on the time of their forty-ninth, forty-second, or thirty-fifth year can know quite well: something happened to you back then that taught you to experience or feel something you simply could not have achieved on your own before—just as you could not have bitten with your second set of teeth before you had them. — The ability to experience human life as something concrete has been lost in the course of human development. And if one does not train oneself inwardly today to observe this within oneself, these phases become completely blurred starting at the age of thirty. At the beginning of one’s twenties—and even at the end of one’s twenties, though to a lesser extent—there is still something to be noticed in terms of an inner transformation. But the human constitution has now become such that a person is actually carried along by their natural development only until the age of twenty-six or twenty-seven, and this limit will be pushed lower and lower. In earlier times, people were unfree in their constitution because they were predestined, by their very nature, to go through this process. Freedom has become possible only through the abolition of this natural determinism. To the extent that it ceases, freedom becomes possible. Human beings must, through their own inner effort, come to find the spiritual, whereas in the past, as one grew older, year by year, it naturally sprang forth.
[ 13 ] So stehen wir heute vor der Situation, daß aus all den Gründen, die ich in den letzten Tagen auseinandergesetzt habe, von den älteren Leuten das nicht mehr betont wurde, was sie einfach durch ihr Ältersein geworden sind. Man blieb stehen bei jenem Intellektualismus, der ungefähr zwischen dem achtzehnten, neunzehnten Jahre schon so weit entwickelt ist, daß man von da ab intellektualistisch wissen kann. Aber in bezug auf das Intellektualistische kann man höchstens zu größerer Übung, nicht aber zu einem qualitativen Fortschritt kommen. Hat man überhaupt einmal von dieser Sünde gegessen, intellektualistisch alles beweisen oder widerlegen zu wollen, so erlebt man in diesem Beweisen oder Widerlegen keinen Fortschritt mehr. Daher kommt es, daß, wenn jemand aus jahrzehntelanger Erfahrung heraus etwas bringt und es intellektualistisch beweisen will, ein Achtzehnjähriger ihn intellektuell widerlegen kann. Denn was man intellektualistisch kann im sechzigsten Lebensjahre, das kann man auch schon im neunzehnten. Der Intellektualismus ist eben eine Etappe, die einmal während der Bewußtseinsseelenzeit erreicht wird, aber keinen Fortschritt mehr erfährt im Sinne einer Vertiefung, sondern nur im Sinne der Übung. Der junge Mensch kann wohl sagen: Ich bin noch nicht so gescheit wie du, du kannst mich noch übertölpeln, — aber er wird nicht glauben, daß der andere auf dem Gebiete des Intellektualismus mehr vermag als er.
[ 13 ] So today we find ourselves in a situation where, for all the reasons I have discussed over the past few days, older people no longer emphasize what they have simply come to be by virtue of their age. They remained stuck in that intellectualism which, by the ages of eighteen or nineteen, is already so far developed that one can know things intellectually from that point on. But with regard to intellectualism, one can at most achieve greater practice, but not qualitative progress. Once one has even tasted this sin—the desire to prove or disprove everything intellectually—one no longer experiences any progress in this proving or disproving. That is why, when someone draws on decades of experience to present an argument and attempts to prove it intellectually, an eighteen-year-old can intellectually refute them. For what one can do intellectually at the age of sixty, one can already do at the age of nineteen. Intellectualism is simply a stage that is reached once during the era of the conscious soul, but it no longer undergoes progress in the sense of deepening, only in the sense of practice. The young person may well say: “I’m not as smart as you yet; you can still outwit me”—but he will not believe that the other person is capable of more in the realm of intellectualism than he is.
[ 14 ] Man muß diese Dinge radikal aussprechen, damit sie deutlich werden. Ich will nicht kritisieren, sondern schildere nur, was eine naturgemäße Entwickelung der Menschheit ist. Wir müssen uns klar darüber sein, wie das heutige Zeitalter beschaffen ist: Wenn der Mensch heute nicht aus innerer Aktivität heraus eineEntwickelung anstrebt und diese Entwickelung wach erhält, so rostet er mit dem bloßen Intellektualismus von den zwanziger Jahren an ein. Dann erhält er sich nur noch künstlich durch Anregungen von außen. Wenn die Sache nicht so wäre, glauben Sie, daß die Leute so viel ins Kino laufen würden? Diese Sehnsucht nach dem Kino, überhaupt diese Sehnsucht, alles auf eine äußerliche Weise zu sehen, beruht ja darauf, daß der Mensch innerlich inaktiv, untätig geworden ist, daß er gar keine innere Aktivität will. Geisteswissenschaftliche Vorträge, wie sie hier gemeint sind, können ja nur so angehört werden, daß diejenigen, die dabei sind, immerfort mitarbeiten. Aber das liebt man ja heute nicht. Heute läuft man vor allem zu den Vorträgen oder Veranstaltungen, wenn dasteht: «mit Lichtbildern», damit man dasitzen und die Denktätigkeit möglichst in Ruhe lassen kann. Alles läuft da nur so an einem vorbei. Man kann ganz in Passivität sein.
[ 14 ] One must speak out about these things in no uncertain terms so that they become clear. I do not wish to criticize, but merely to describe what constitutes a natural development of humanity. We must be clear about the nature of the present age: If people today do not strive for development out of inner activity and keep that development alive, they will become rusty with the mere intellectualism of the 1920s. Then they will sustain themselves only artificially through external stimuli. If this were not the case, do you think people would flock to the movies so much? This longing for the movies—indeed, this longing to view everything in an external way—stems from the fact that people have become inwardly inactive and idle, that they do not want any inner activity at all. Lectures on spiritual science, as referred to here, can only be listened to in such a way that those in attendance are constantly participating. But that is not what people like today. Today, people mainly go to lectures or events when the program says “with slides,” so they can sit there and leave their thinking as undisturbed as possible. Everything just washes over them. They can remain completely passive.
[ 15 ] Aber schließlich ist ja auch unser ganzer Unterricht darauf abgestimmt, und man könnte jeden einen rückständigen Menschen nennen, der sich aus pädagogischen Gründen gegen die Trivialität des heutigen Anschauungsunterrichtes aufbäumt. Aber das muß man; denn der Mensch ist nicht bloß ein Anschauungsapparat, ein Apparat, der anschauen will. Der Mensch kann nur in innerer Aktivität leben. Etwas Geisteswissenschaftliches vorbringen heißt, den Menschen einladen, seelisch mitzuarbeiten. Das wollen die Menschen heute nicht. Alle Geisteswissenschaft muß zu einer solchen inneren Aktivität einladen, das heißt, sie muß alle Betrachtungen bis zu dem Punkte hinführen, wo man keine Anhaltspunkte mehr hat an dem äußerlich-sinnlichen Anschauen und sich das innere Kräftespiel frei bewegen muß. Erst wenn das Denken sich frei im inneren Kräftespiel bewegen kann, kann man zur Imagination kommen, nicht vorher. Die Grundlage für alle anthroposophische Geisteswissenschaft ist also die innere Aktivität, das Aufrufen zu innerer Aktivität, das Appellieren an das im Menschen, was noch tätig sein kann, wenn alle Sinne schweigen, und nur die Denktätigkeit dann in Regsamkeit ist.
[ 15 ] But after all, our entire educational system is geared toward this, and one could call anyone who, for pedagogical reasons, rebels against the triviality of today’s visual-based instruction “backward.” But this is necessary; for human beings are not merely visual-perception machines, machines that merely want to observe. Human beings can only live through inner activity. To present something from the spiritual sciences means inviting people to participate with their souls. People today do not want that. All spiritual science must invite such inner activity; that is to say, it must lead all contemplation to the point where one no longer has any points of reference in external, sensory perception, and the interplay of inner forces must be allowed to move freely. Only when thinking can move freely within this interplay of inner forces can one arrive at imagination—not before. The foundation for all anthroposophical spiritual science is therefore inner activity—the call to inner activity, the appeal to that within the human being which can still be active when all the senses are silent and only the activity of thought remains active.
[ 16 ] Da liegt aber etwas außerordentlich Bedeutsames vor. Stellen Sie sich jetzt einmal vor, Sie könnten das. Ich will Ihnen nicht schmeicheln und Ihnen etwa sagen: Sie können es. — Aber setzen Sie zunächst einmal die Hypothese, Sie könnten so denken, daß Ihre Gedanken nur ein innerer Gedankenfluß wären. Wenn ich in meiner «Philosophie der Freiheit» vom reinen Denken spreche, so war diese Bezeichnung für die damaligen Kulturverhältnisse schon deplaciert; denn Eduard von Hartmann sagte mir einmal: «Das gibt es gar nicht; man kann nur an Hand der äußeren Anschauung denken!» Ich konnte ihm darauf nur antworten: «Man muß es probieren; man wird es dann schon lernen und zuletzt auch wirklich können.» — Nehmen Sie also an, Sie könnten Gedanken im reinen Gedankenflusse haben. Dann beginnt für Sie der Moment, wo Sie das Denken bis zu einem Punkte geführt haben, an dem es gar nicht mehr Denken genannt zu werden braucht. Es ist im Handumdrehen — sagen wir im Denkumdrehen — etwas anderes geworden. Es ist nämlich dieses mit Recht «reines Denken» genannte Denken reiner Wille geworden; es ist durch und durch Wollen. Sind Sie im Seelischen so weit gekommen, daß Sie das Denken befreit haben von der äußeren Anschauung, dann ist es damit zugleich reiner Wille geworden. Sie schweben, wenn ich so sagen darf, mit Ihrem Seelischen im reinen Gedankenverlauf. Dieser reine Gedankenverlauf ist ein Willensverlauf. Damit aber beginnt das reine Denken, ja sogar die Anstrengung nach seiner Ausübung, nicht nur eine Denkübung zu sein, sondern eine Willensübung, und zwar eine solche, die bis in das Zentrum des Menschen eingreift. Denn Sie werden die merkwürdige Beobachtung machen: Erst jetzt können Sie davon sprechen, daß das Denken, wie man es im gewöhnlichen Leben hat, eine Kopftätigkeit ist. Sie haben ja vorher gar kein Recht, davon zu sprechen, daß das Denken eine Kopftätigkeit ist, denn das wissen Sie nur äußerlich aus der Physiologie, Anatomie und so weiter. Aber jetzt spüren Sie innerlich, daß Sie nicht mehr so hoch oben denken, sondern daß Sie beginnen, mit der Brust zu denken. Sie verweben tatsächlich Ihr Denken mit dem Atmungsprozesse. Sie regen damit an, was die Jogaübungen künstlich angestrebt haben. Sie merken, indem das Denken immer mehr und mehr eine Willensbetätigung wird, daß es sich zuerst der Menschenbrust und dann dem ganzen Menschenkörper entringt. Es ist, als ob Sie aus der letzten Zellfaser Ihrer großen Zehe dieses Denken hervorziehen würden. Und wenn Sie mit innerlichem Anteile so etwas studieren, was mit allen Unvollkommenheiten in die Welt getreten ist — ich will nicht meine «Philosophie der Freiheit» verteidigen —, wenn Sie so etwas auf sich wirken lassen und fühlen, was dieses reine Denken ist, so fühlen Sie, daß ein neuer innerer Mensch in Ihnen geboren ist, der aus dem Geiste heraus Willensentfaltung bringen kann.
[ 16 ] But this is something extraordinarily significant. Just imagine for a moment that you could do that. I don’t want to flatter you by saying, for example, “You can do it.” — But first, let’s assume for the sake of argument that you could think in such a way that your thoughts were merely an inner flow of thought. When I speak of “pure thinking” in my Philosophy of Freedom, that term was already out of place given the cultural conditions of the time; for Eduard von Hartmann once said to me: “That doesn’t exist at all; one can only think on the basis of external perception!” I could only reply to him: “One must try it; one will then learn it and ultimately be able to do it.” — So suppose you could have thoughts in a pure flow of thought. Then the moment begins for you when you have led thinking to a point where it no longer needs to be called thinking at all. In the blink of an eye—let’s say in the blink of thought—it has become something else. For this thinking, rightly called “pure thinking,” has become pure will; it is will through and through. If you have progressed so far in your inner life that you have freed thinking from external perception, then it has simultaneously become pure will. You are, if I may say so, soaring with your inner life in the pure course of thought. This pure course of thought is a course of will. But with this, pure thinking—indeed, even the effort to practice it—begins to be not merely a mental exercise but an exercise of the will, and one that penetrates to the very center of the human being. For you will make the remarkable observation: Only now can you speak of thinking, as it is experienced in ordinary life, as a mental activity. After all, you had no right at all to speak of thinking as a mental activity before, for you knew this only superficially from physiology, anatomy, and so on. But now you sense inwardly that you are no longer thinking so high up, but that you are beginning to think with your chest. You are, in fact, interweaving your thinking with the breathing process. In doing so, you are stimulating what the yoga exercises have sought to achieve artificially. You notice that as thinking becomes more and more an act of the will, it first breaks free from the human chest and then from the entire human body. It is as if you were drawing this thinking out from the very last cell fiber of your big toe. And when you study something like this with inner attention—something that entered the world with all its imperfections (I do not mean to defend my Philosophy of Freedom)—when you allow such a thing to take effect within you and feel what this pure thinking is, then you feel that a new inner human being has been born within you, one who can bring about the unfolding of the will out of the spirit.
[ 17 ] Woher weiß denn der Mensch sonst, daß er einen Willen hat? Er «hat» ihn ja nicht! Denn er ist hingegeben an Instinkte, die mit seiner organischen Entwickelung zusammenhängen. Er träumt oftmals, daß er dies oder jenes aus einem seelischen Antrieb heraus tut. Er tut es jedoch, weil sein Magen gut oder schlecht gestimmt ist. Jetzt aber wissen Sie, daß Sie den physischen Organismus mit demjenigen durchdrungen haben, was ihn auch mit Bewußtsein ausfüllt. Dazu brauchen Sie kein Hellseher zu werden. Sie brauchen lediglich mit innerem Anteil die «Philosophie der Freiheit» auf sich wirken zu lassen. Denn diese «Philosophie der Freiheit» kann nicht so gelesen werden, wie sonst Bücher gelesen werden. Sie muß schon so gelesen werden, daß man das Gefühl hat, sie ist ein Organismus: ein Glied entwickelt sich aus dem anderen und man gerät damit in etwas Lebendiges hinein. Wenn ihnen so etwas zugemutet wird, kriegen die Leute gleich eine Art von Gänsehaut: Da kommt ein gewisses Etwas in mich hinein, was ich nicht haben will; da werde ich ja gerade unfrei!
[ 17 ] How else would a person know that he has a will? After all, they don’t “have” one! For they are at the mercy of instincts linked to their organic development. They often imagine that they do this or that out of some psychological impulse. In reality, however, they do it because their stomach is in good or bad shape. But now you know that you have permeated the physical organism with that which also fills it with consciousness. You don’t need to become a clairvoyant to realize this. You merely need to let the Philosophy of Freedom take effect within you with inner engagement. For this Philosophy of Freedom cannot be read the way other books are read. It must be read in such a way that one has the feeling it is a living organism: one section develops out of the next, and one is thus drawn into something alive. When something like this is expected of them, people immediately get a kind of goosebumps: “Something is entering me that I don’t want; this is making me unfree!”
[ 18 ] Das ist nicht anders, als wenn man behaupten wollte, ein Mensch würde unfrei, wenn er sich bequemen muß, in zwei, drei Jahren sich in einer bestimmten Sprache auszudrücken. Man sollte ihn, um ihn nicht in diese zufällige Ideenassoziation hineinzubringen, vor der Sprache bewahren, denn durch sie werde er unfrei! Er müsse beliebig bald chinesisch oder französisch, bald deutsch sprechen können. — Das sagt kein Mensch, weil es zu absurd ist, und weil das Leben diesen Unsinn widerlegen würde. Dagegen gibt es Leute, die hören oder sehen einmal etwas von Eurythmie und sagen dann, sie beruhe auf zufälliger Ideenassoziation einzelner Menschen. Man sollte doch bei Philosophen soviel Fähigkeit voraussetzen, daß sie sich sagen könnten: Bei dieser Eurythmie muß man erst untersuchen, ob es da nicht gerade so ist, daß mit dem Hervorholen dieser Gebärden erst die Begründung einer höheren Freiheit erfolgt, daß das nur eine Entfaltung eines Sprachlichen auf einem höheren Niveau ist.
[ 18 ] This is no different from claiming that a person becomes unfree if he has to make the effort to express himself in a particular language within two or three years. To prevent him from falling into this arbitrary association of ideas, one should shield him from language, for it is through language that he becomes unfree! They must be able to speak Chinese or French one moment and German the next. — No one says this, because it is too absurd, and because life itself would refute such nonsense. On the other hand, there are people who hear or see something about eurythmy and then claim that it is based on the random association of ideas among individual people. One should surely expect philosophers to have enough insight to say to themselves: With this eurythmy, one must first investigate whether it is not precisely the case that the expression of these gestures actually lays the foundation for a higher freedom—that it is merely an unfolding of language on a higher level.
[ 19 ] Man braucht sich also nicht zu wundern — da ja nichts, was über das Intellektualistische hinausgeht, heute unbefangen betrachtet werden kann—, daß die Leute eine Gänsehaut bekommen, wenn man ihnen sagt, ein Buch müsse ganz anders gelesen werden als andere Bücher; es müsse so gelesen werden, daß man dabei etwas erlebt. Und was muß erlebt werden? Das Erwachen des Willens aus dem Geistigen heraus! In dieser Beziehung sollte mein Buch ein Erziehungsmittel sein. Es wollte nicht bloß einen Inhalt vermitteln, sondern es wollte in einer ganz bestimmten Art sprechen, so daß es als Erziehungsmittel hätte wirken können. Daher finden Sie in meiner «Philosophie der Freiheit» eine Auseinandersetzung über Begriffskunst, das heißt eine Schilderung dessen, was im menschlichen Seelenleben vorgeht, wenn man sich mit seinen Begriffen nicht bloß an die äußeren Eindrücke hält, sondern im freien Gedankenstrome leben kann.
[ 19 ] It is therefore no surprise—since nothing that goes beyond the intellectual can be viewed impartially today—that people get goosebumps when they are told that a book must be read quite differently from other books; it must be read in such a way that one experiences something in the process. And what must be experienced? The awakening of the will from within the spiritual realm! In this regard, my book was intended to be an educational tool. It was not intended merely to convey content, but to speak in a very specific way so that it could function as an educational tool. That is why you will find in my Philosophy of Freedom a discussion of the art of concepts—that is, a description of what takes place in the human soul when one does not limit one’s concepts to external impressions alone, but is able to live within the free flow of thought.
[ 20 ] Das aber, meine lieben Freunde, ist eine Tätigkeit, die zwar auf Erkenntnisse in einem viel tieferen Sinne abzielt als die äußere Naturerkenntnis, und die zu gleicher Zeit künstlerisch ist, ganz identisch ist mit der künstlerischen Tätigkeit. In dem Augenblick, wo das reine Denken als Wille erlebt wird, ist der Mensch in künstlerischer Verfassung. Und diese künstlerische Verfassung ist es auch, die der heutige Pädagoge braucht, um die Jugend zu leiten vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, oder sogar darüber hinaus. Es ist dies die Stimmung, die man hat, wenn man aus dem Innerlich-Seelischen heraus zu einem zweiten Menschen gekommen ist, der nicht so erkannt werden kann wie der äußere physische Leib, den man physiologisch oder anatomisch studieren kann, sondern der erlebt werden muß, daher er mit Recht «Lebensleib» oder «Ätherleib» genannt werden kann, wenn man die Ausdrücke nur nicht wieder im alten Sprachgebrauche nimmt. Dieser Lebensleib kann nicht äußerlich angeschaut werden. Er muß innerlich erlebt werden; es muß, um ihn zu erkennen, eine Art künstlerischer Tätigkeit entfaltet werden. Daher ist jene Stimmung in der «Philosophie der Freiheit» — die meisten entdecken sie gar nicht —, die überall an das künstlerische Element anschlägt. Die meisten Menschen bemerken das nicht, weil sie das Künstlerische im Trivialen, Natürlichen suchen und nicht in der freien Betätigung. Erst aus dieser freien Betätigung aber kann man die Pädagogik als Kunst erleben, und der Lehrer kann dadurch zum pädagogischen Künstler werden, daß er sich in diese Stimmung hineinfindet. Dann wird in diesem unserem Zeitalter der Bewußtseinsseele der ganze Unterricht wirklich darauf angelegt, eine künstlerische Atmosphäre zwischen den geführten Menschen und den Führenden zu schaffen. Und innerhalb dieser künstlerischen Atmosphäre kann sich jenes Verhältnis des Geführten zum Führenden ausbilden, das ein Anlehnen, ein Hinneigen ist, weil man weiß: Der kann etwas, was er einem künstlerisch zeigen kann, und was er kann — das fühlt man — möchte man auch können. — Man bäumt sich dann nicht auf, weil man fühlt, daß man sich vernichten würde, wenn man sich aufbäumte.
[ 20 ] But this, my dear friends, is an activity that, while aiming at insights in a much deeper sense than the external understanding of nature, is at the same time artistic—it is entirely identical with artistic activity. The moment pure thinking is experienced as will, the human being is in an artistic state of mind. And it is precisely this artistic state of mind that today’s educator needs in order to guide young people from the time their baby teeth fall out until they reach sexual maturity—or even beyond. This is the state of mind one has when, from within one’s inner soul, one has come to a second human being who cannot be perceived in the same way as the outer physical body—which can be studied physiologically or anatomically—but who must be experienced; hence, he can rightly be called the “life body” or “etheric body,” provided these terms are not simply taken back into the old usage. This life body cannot be observed externally. It must be experienced inwardly; to recognize it, a kind of artistic activity must be unfolded. Hence, there is that mood in The Philosophy of Freedom—which most people do not even notice—that touches upon the artistic element throughout. Most people do not notice this because they seek the artistic in the trivial and the natural, and not in free activity. But it is only through this free activity that one can experience pedagogy as an art, and the teacher can become a pedagogical artist by attuning himself to this mood. Then, in our age of the conscious soul, the entire educational process will truly be geared toward creating an artistic atmosphere between those being guided and those who guide. And within this artistic atmosphere, that relationship between the guided and the guide can develop—a leaning, an inclining—because one knows: This person can do something that he can show one artistically, and what he can do—one senses this—is what one would also like to be able to do. — One does not then rebel, because one feels that one would destroy oneself if one did so.
[ 21 ] So wie heute Schreiben gelehrt wird, geschieht es oft so, daß man schon als Kind — es steckt ja schon immer ein Gescheiterer im Kinde als der Lehrer einer ist — das Gefühl hat: Warum soll man sich mit Schreiben quälen, man hat ja gar keine Beziehung dazu! — So ähnlich ging es den nordamerikanischen Indianern, als sie die europäische Schrift sahen: Sie haben die schwarzen Zeichen als Zauberei empfunden, und so ist auch oft die Empfindung des Kindes. Aber man rufe im Kinde einmal wach, was es heißt: Schwarz, Rot, Grün, Gelb, Weiß anzuschauen! Man rufe im Kinde ein Gefühl dafür hervor, was es heißt, wenn ein Punkt von einem Kreise umlaufen wird. Das ganz ungeheure Empfinden von den Unterschieden rufe man hervor, die bestehen, wenn man zwei grüne Kreise und in jedem drei rote, dann zwei rote und in jedem drei grüne, zwei gelbe und in jedem drei blaue, dann zwei blaue und in jedem drei gelbe Kreise macht. Man läßt die Kinder an dem Farbigen empfinden, was die Farben vor allen Dingen zu den Menschen sprechen; denn in den Farben liegt eine ganze Welt. Aber man läßt sie auch empfinden, was die Farben einander selbst zu sagen haben. Man läßt sie empfinden, was Grün dem Rot, was Blau dem Gelb, was Blau dem Grün und Rot dem Blau sagt — das sind ja die wunderbarsten Verhältnisse, die die Farben zueinander haben. Man zeigt einem Kinde nicht Symbole oder Allegorien, sondern man macht es künstlerisch. Dann wird man sehen, wie das Kind allmählich aus diesem künstlerischen Empfinden heraus Figurales auf die Fläche bringt, aus dem sich die Buchstaben dann so entwickeln, wie sich die Schrift einmal aus der Bilderschrift entwickelt hat. Wie fremd ist heute für das Kind ein B oder ein G oder irgendein anderes solches Zeichen, das sich aus innerlicher Notwendigkeit zu der heutigen Gestalt entwickelt hat! Was ist heute für ein Kind mit sieben Jahren ein G,K oder U? Es hat doch nicht das geringste Verhältnis dazu. Der Mensch hat ja erst durch Jahrtausende hindurch dieses Verhältnis gewonnen. Das Kind muß auf ästhetische Weise ein Verhältnis dazu gewinnen. Es wird ja alles aus dem Kinde ausgerottet, weil die Schriftzeichen unmenschlich sind. Das Kind aber will menschlich bleiben.
[ 21 ] The way writing is taught today, it often happens that even as a child—after all, there’s always a smarter child than the teacher—one gets the feeling: Why should I torture myself with writing when I have absolutely no connection to it! — The North American Indians felt much the same way when they saw European writing: they perceived the black symbols as sorcery, and that is often how a child feels as well. But let us awaken in the child an awareness of what it means to look at black, red, green, yellow, and white! Let us awaken in the child a sense of what it means when a dot is encircled by a circle. Let us evoke that immense sense of the differences that exist when one draws two green circles, each containing three red ones; then two red circles, each containing three green ones; two yellow circles, each containing three blue ones; and finally two blue circles, each containing three yellow ones. Let the children sense, through the colors, what the colors say to people above all else; for a whole world lies within the colors. But let them also sense what the colors have to say to one another. One helps them sense what green says to red, what blue says to yellow, what blue says to green, and what red says to blue—these are, after all, the most wonderful relationships that colors have with one another. One does not show a child symbols or allegories, but rather approaches it artistically. Then one will see how the child gradually brings figurative elements onto the surface out of this artistic sensibility, from which the letters then develop in the same way that writing once developed from pictographic writing. How foreign is a B or a G or any other such symbol—which has developed into its present form out of an inner necessity—to a child today! What does a “G,” “K,” or “U” mean to a seven-year-old child today? The child has not the slightest connection to them. After all, it was only over the course of millennia that humanity established this connection. The child must develop a connection to them in an aesthetic way. Everything is being eradicated from the child because the written characters are inhuman. The child, however, wants to remain human.
[ 22 ] Das geht in die Intimitäten der pädagogischen Kunst, was heute gesagt werden muß, wenn man die Jugend gegenüber dem Alter verstehen will. Nicht mit Phrasen, sondern aus einer pädagogischen Kunst heraus, die sich nicht scheut, sich auf wirkliche geisteswissenschaftliche Erkenntnis zu stützen, muß man die Kluft zwischen dem Alter und der Jugend überbrücken. Daher sagte ich vor einigen Tagen: Worauf geht diese Kunst? Sie geht auf ein Erleben des realen Geistigen. Und worauf geht dasjenige, was das Zeitalter allmählich so entwickelt hat, daß es glaubt, es selbstverständlicherweise an die Jugend heranbringen zu müssen? Nicht auf den Geist, sondern auf das Geistlose! Da wird es als eine Sünde betrachtet, den Geist heranzutragen an das, was man Wissen und Wissenschaft nennt.
[ 22 ] This touches on the innermost aspects of the art of education—something that must be said today if one is to understand youth in relation to old age. The gap between old age and youth must be bridged not with empty phrases, but through an art of education that does not shy away from drawing on genuine insights from the humanities. That is why I said a few days ago: What is the basis of this art? It is based on an experience of the real spiritual. And what is the basis of what our age has gradually developed to the point where it believes it must, as a matter of course, impart to youth? Not the spirit, but the spiritless! There, it is regarded as a sin to bring the spirit into what is called knowledge and science.
[ 23 ] Diese Wissenschaft läßt ja die Menschen schon in der ersten Kindheit nicht ungeschoren. Es kann ja auch nicht viel anders sein; denn wenn man so dressiert wird in botanischer Systematik und es Bücher gibt, die nur in botanischer Systematik leben, dann glaubt der Lehrer, daß er eine Sünde begeht, wenn er in einer andern Weise zu den Kindern spricht als wie es in der wissenschaftlichen Botanik steht. Aber das, was in einer Botanik steht, kommt für ein Kind vor dem zehnten Jahre nicht in Frage; ein Verhältnis dazu kann man höchstens nach dem achtzehnten, neunzehnten Jahre gewinnen.
[ 23 ] This science, after all, doesn’t let people off scot-free, even in early childhood. It can hardly be any other way; for when one is trained in botanical systematics—and there are books that exist solely within the framework of botanical systematics—the teacher believes he is committing a sin if he speaks to children in any way other than what is prescribed by scientific botany. But what is written in a botany textbook is out of the question for a child under the age of ten; one can only begin to grasp it after the age of eighteen or nineteen.
[ 24 ] Nun soll durch dasjenige, was ich sagte, nicht wieder eine intellektuelle Theorie über Erziehung geschaffen werden, sondern es soll eine künstlerische Atmosphäre geschaffen werden zwischen Älteren und Jüngeren. Nur wenn das geschieht, tritt ein, was eintreten muß, damit der heutige junge Mensch in gesunder Weise in die Welt hineinwachsen kann. In was die heutigen Menschen hineinwachsen, kann ganz konkret beschrieben werden. Zwischen dem neunten und zehnten Jahre lebt in der Seele eines jeden Menschen, der nicht Psychopath ist, ein unbestimmtes Gefühl. Es braucht kein deutlicher, nicht einmal ein undeutlicher Begriff davon vorhanden zu sein, aber es beginnt vom neunten, zehnten Lebensjahre an im Menschen zu leben. Bis dahin hat das, was man Astralleib nennt, im Menschen allein sein Seelenleben besorgt. Von da ab regt sich die Ichkraftnatur im Menschen. Dieses Sichregen der Ichkraftnatur im Menschen lebt nicht in Begriffen formuliert; aber in der Empfindung, tief unbewußt in der Seele, lebt sich eine Frage in das Gemüt des heranwachsenden Menschen ein. Sie lautet bei dem einen so und bei dem anderen anders. In einen Begriff gefaßt, würde sie vielleicht so lauten: Bisher hat der astralische Leib an die anderen Menschen geglaubt; jetzt brauche ich irgend etwas, was mir einer sagt, so daß ich an ihn oder mehrere in meiner Umgebung glauben kann. Diejenigen, die sich als Kinder am meisten gegen so etwas auflehnen, die brauchen es am allermeisten. Zwischen dem neunten und zehnten Jahre beginnt man, darauf angewiesen zu sein, sein Ich durch den Glauben an einen älteren Menschen befestigen zu können. An diesen Menschen muß man glauben können, ohne daß einem dieser Glaube eingebleut zu werden braucht; man muß an ihn glauben können durch die künstlerische Atmosphäre, die geschaffen worden ist. Und wehe, wenn nichts von seiten eines Älteren geschieht, um diese Frage, die sich bei manchen Kindern bis zum sechzehnten, siebzehnten Jahre, ja bei manchen sogar bis zu dem achtzehnten, neunzehnten Jahr erhalten kann, in richtiger Weise zu beantworten, damit der Junge sich sagen kann: Ich bin dankbar dafür, daß ich von dem Alten habe erfahren können, was nur von ihm erfahren werden kann. Was er mir sagen kann, kann nur er mir sagen, denn wenn ich es in meinem Alter erfahren werde, wird es schon anders sein.
[ 24 ] Now, what I have said is not intended to create yet another intellectual theory of education, but rather to foster an artistic atmosphere between older and younger people. Only when this happens will what must happen occur, so that today’s young people can grow into the world in a healthy way. What today’s people are growing into can be described in very concrete terms. Between the ages of nine and ten, an indefinable feeling lives in the soul of every human being who is not a psychopath. There need not be a clear—or even a vague—concept of it, but it begins to live within the person from the age of nine or ten. Up to that point, what is called the astral body has been solely responsible for the person’s soul life. From then on, the nature of the “I” force stirs within the person. This stirring of the “I” force within the person does not take the form of articulated concepts; rather, a question takes root in the mind of the growing person through a feeling, deep in the unconscious soul. It takes one form in one person and another in another. Put into words, it might sound something like this: Until now, the astral body has believed in other people; now I need something that someone tells me, so that I can believe in that person or in several people around me. Those who rebel most against such a thing as children are the ones who need it the most. Between the ages of nine and ten, one begins to depend on being able to strengthen one’s sense of self through faith in an older person. One must be able to believe in this person without having that belief drummed into one; one must be able to believe in them through the artistic atmosphere that has been created. And woe betide if an older person does nothing to properly answer this question—which for some children can persist until they are sixteen or seventeen, and for others even until they are eighteen or nineteen—so that the child can say to himself: I am grateful that I was able to learn from the older person what can only be learned from him. What he can tell me, only he can tell me, for when I come to understand it at my own age, it will already be different.
[ 25 ] Dadurch kann in pädagogischer Weise wiederum etwas geschaffen werden, was, in richtiger Weise angewendet, für das Bewußtseinsseelenzeitalter von größter Bedeutung werden kann und was im urältesten Patriarchenzeitalter schon webte zwischen Jung und Alt. Da sagte sich jeder junge Mensch: Der Alte mit seinem Schnee auf dem Haupte hat Erfahrungen, die man nur dann machen kann, wenn man so alt geworden ist wie er. Vorher hat man nicht die Organe dazu. Daher muß er einem seine Erfahrungen mitteilen. Daher ist man mit seinen Angaben verknüpft, weil nur er sie einem sagen kann. Gewiß werde ich ebenso alt werden wie er. Aber ich werde es erst fünfunddreißig bis vierzig Jahre später erfahren. Da ist die Zeit weitergeschritten und da werde ich etwas anderes erfahren.
[ 25 ] In this way, something can be created through education that, when applied correctly, can become of the utmost importance for the Age of the Conscious Soul—and which already wove a bond between young and old in the most ancient Patriarchal Age. Back then, every young person would say to themselves: The old man with snow on his head has experiences that one can only have once one has grown as old as he is. Before that, one does not have the faculties for it. That is why he must share his experiences with me. That is why I am bound to his insights, because only he can tell me these things. Certainly, I will grow to be just as old as he is. But I will not know this until thirty-five to forty years later. By then, time will have moved on, and I will have learned something different.
[ 26 ] In den Untergründen des Geisteslebens der Welt liegt gleichsam eine Kette, die von der Vergangenheit in die Zukunft hinüberreicht und welche die Generationen aufnehmen, forttragen, schmieden, fortbilden müssen. Diese Kette ist im intellektualistischen Zeitalter unterbrochen worden. Das ist im weitesten Umfange von dem heranwachsenden Menschen um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts gefühlt worden. Fühlen Sie, daß Sie so etwas gefühlt haben, wenn Sie es damals auch nicht haben ausdrücken können! Fühlen Sie, daß, indem Sie das so fühlen, Sie in der richtigen Weise darüber fühlen! Und wenn Sie das fühlen, werden Sie die richtige Bedeutung der heutigen Jugendbewegung erleben, die einen Januskopf hat und haben muß, weil sie hingewiesen wird auf das Erleben des Geistigen, ein Erleben des Geistigen, das den Gedanken so weit verfolgt, daß er zum Willen, zum innersten Menschenimpulse wird.
[ 26 ] In the depths of the world’s spiritual life lies, as it were, a chain that stretches from the past into the future, and which generations must take up, carry forward, forge, and develop. This chain was broken during the age of intellectualism. This was felt to the greatest extent by young people at the turn of the nineteenth and twentieth centuries. Do you feel that you sensed something like this, even if you were unable to express it at the time? Do you feel that, by feeling this way, you are perceiving it correctly? And when you feel this, you will experience the true significance of today’s youth movement, which has—and must have—a Janus-like nature, because it is directed toward the experience of the spiritual—an experience of the spiritual that pursues thought so far that it becomes will, the innermost human impulse.
[ 27 ] Jetzt haben wir den Willen an seinem abstraktesten Ende, beim Gedanken, aufgesucht. Wir wollen ihn nun an den folgenden Tagen noch in den tieferen Gebieten des Menschen aufsuchen.
[ 27 ] We have now explored the will in its most abstract form, as an idea. In the coming days, we will explore it further in the deeper realms of the human being.
