Spiritual Forces Working in the Shared Lives
of the Older and Younger Generations
GA 217
14 October 1922, Stuttgart
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Spiritual Forces Working in Older and Younger Generations, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Aus den Ausführungen der letzten Tage wird Ihnen ja hervorgehen, daß der Mensch dem Menschen in der Gegenwart anders gegenübersteht, als das in früheren Zeitaltern der Fall war, und daß die Art und Weise, wie heute der Mensch dem Menschen gegenübersteht, sehr jungen Datums ist, eigentlich erst mit diesem Jahrhundert in die Menschheitsentwickelung hereingebrochen ist.
[ 1 ] As you will have gathered from the discussions of the past few days, people today relate to one another differently than they did in earlier eras, and the way in which people relate to one another today is a very recent development—one that actually only emerged in the course of human evolution with the advent of this century.
[ 2 ] In einer Sprache, die für unsere gegenwärtige Zeit nicht mehr genügen kann, haben ältere Zeitalter, gewissermaßen poetisch, vorausgesagt, was mit diesem Jahrhundert für die ganze Menschheit eingetreten ist. Ältere Zeitalter haben davon gesprochen, daß mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts das sogenannte finstere Zeitalter abläuft und daß in einem neuen Zeitalter für die menschliche Entwickelung ganz neue Bedingungen eintreten müssen. Diese werden schwer zu erringen sein, weil die Menschheit zunächst noch nicht an sie gewohnt ist, und sie werden, obwohl man es mit einem lichten Zeitalter zu tun hat, zunächst Zustände bringen, die sich für den Menschen chaotischer ausnehmen als diejenigen, die das lange, dunkle, finstere Zeitalter gebracht hat.
[ 2 ] In a language that is no longer adequate for our present time, earlier eras predicted—in a poetic sense, so to speak—what has come to pass for all of humanity in this century. Earlier eras spoke of how, with the end of the nineteenth century, the so-called “dark age” would come to an end, and that a new era would bring entirely new conditions for human development. These conditions will be difficult to achieve, because humanity is not yet accustomed to them, and although we are dealing with an age of enlightenment, they will initially bring about circumstances that seem more chaotic to people than those brought about by the long, dark, and gloomy age.
[ 3 ] Wir müssen heute dasjenige, was da in einem mehr der alten hellseherischen Einsicht entnommenen Bilde einmal vor die Menschheit hingestellt worden ist, nicht etwa bloß übersetzen in unsere Sprache. Da würden wir doch immer wieder nur das Alte verstehen. Wir müssen es wieder erkennen mit den geistigen Mitteln, die uns heute möglich sind. Wir müssen nämlich ganz intensiv uns durchdringen mit dem Bewußitsein, daß eigentlich erst in diesem Zeitalter Menschen-Ich dem Menschen-Ich im seelischen Verkehr, ich möchte sagen, hüllenlos gegenübersteht.
[ 3 ] Today, we must not merely translate into our language that which was once presented to humanity in an image drawn more from the old clairvoyant insight. For then we would only ever understand the old. We must recognize it anew using the spiritual means available to us today. For we must deeply imbue ourselves with the awareness that it is actually only in this age that the human “I” stands face to face with the human “I” in soulful communion—I would say, without any veil.
[ 4 ] Wenn man in das erste Zeitalter nach der großen atlantischen Erdenkatastrophe zurückgehen würde, also in das siebente, achte vorchristliche Jahrtausend, würde man finden, daß die Menschen als Erwachsene einander so gegenübergestanden haben, wie heute nur das Kind dem Erwachsenen gegenübersteht: mit einer totalen menschlichen Auffassung, wie ich sie gestern charakterisiert habe, wo nicht in ein vom Leib abgesondertes Seelisches oder gar Geistiges hineingesehen wird, sondern wo der physische Körper selber als ein Seelisches und Geistiges wahrgenommen wird. Wir dürfen ja nicht glauben, daß in jenem Zeitalter, das ich als das urindische bezeichnete und das unmittelbar als Menschheitszivilisation auf die atlantische Katastrophe folgte, der Mensch von Seele und Geist ebenso abgezogen geredet haben würde, wie wir das heute, sogar mit einem gewissen Rechte, tun.
[ 4 ] If one were to go back to the first age following the great Atlantean catastrophe—that is, to the seventh or eighth millennium B.C.—one would find that adults related to one another in a way that today is characteristic only of the relationship between a child and an adult: with a holistic human perspective, as I characterized it yesterday, in which one does not look into a soul or even a spiritual realm separate from the body, but rather perceives the physical body itself as both soul and spirit. We must not believe that in that age—which I have described as the Proto-Indian and which immediately followed the Atlantean catastrophe as a human civilization—human beings would have spoken of the soul and spirit in terms just as detached as we do today, even with a certain degree of justification.
[ 5 ] Gerade jene Äußerungen dieses ältesten Zeitalters, die uns heute recht spirituell, recht geistig erscheinen, die mißverstehen wir eigentlich. Wir mißverstehen sie, indem wir glauben, es hätten die Menschen dieser ersten nachatlantischen Kulturperiode die Außenwelt eigentlich übersehen und immer nur auf ein außerhalb der Sinneswelt Befindliches hindeuten wollen. Das war gar nicht der Fall, sondern diese Menschen haben eine gesättigtere Wahrnehmung etwa von einer menschlichen Bewegung oder einem menschlichen Mienenspiele gehabt, oder von der Art und Weise, wie ein junger Mensch durch fünf Jahre hindurch wächst, wie die Blumen diePlastik ihrer Blätter und Blüten entwickeln, wie die Totalkraft eines Tieres entweder in einen Huf oder in eine andere Endigung des Beines sich hineinergießt. Diese Menschen haben ihre Augen hinausgerichtet in die Welt, die wir heute die sinnliche nennen. Aber sie sahen in den sinnlichen Vorgängen Geistiges. Für sie war das, was sich ihren Sinnen in der Sinneswelt darbot, zugleich ein Geistiges. Allerdings war ihnen eine solche Anschauung eben nur möglich, weil sie außer dem, was wir heute in der sinnlichen Welt schauen, noch in ihrer Art ein Geistiges wahrgenommen haben. Zum Beispiel haben sie nicht nur über eine Wiese hin den Blumenteppich ausgebreitet gesehen, sondern sie haben über den Blumen in einer vibrierenden tätigen Existenz die kosmischen Kräfte wahrgenommen, welche die Kraft der Pflanzen aus der Erde herausziehen. Sie haben — es sieht für den heutigen Menschen schon grotesk aus, wenn man ihm das erzählt, aber ich erzähle Ihnen Tatsächliches — gewissermaßen gesehen, wie der Mensch fortwährend eine Art ätherische, astralische Kappe auf dem Kopfe trägt. In dieser ätherisch-astralischen Kappe haben sie die Kräfte empfunden, welche dem Haarwuchse zugrunde liegen. Heute möchten die Menschen gerne glauben, daß die Haare gewissermaßen nur von innen getrieben aus dem Kopfe herauswachsen, während in Wahrheit es die äußere Natur ist, die sie herauszieht.
[ 5 ] It is precisely those statements from this earliest age—which seem quite spiritual and quite intellectual to us today—that we actually misunderstand. We misunderstand them by believing that the people of this first post-Atlantean cultural period actually overlooked the external world and always sought only to point to something existing outside the sensory world. That was not the case at all; rather, these people had a more nuanced perception of, for example, a human movement or a human facial expression, or of the way a young person grows over the course of five years, how flowers develop the form of their leaves and blossoms, and how the total vitality of an animal pours into either a hoof or another extremity of the limb. These people directed their gaze out into the world we today call the sensory world. But they saw the spiritual within sensory processes. For them, what presented itself to their senses in the sensory world was at the same time spiritual. However, such a view was possible for them precisely because, in addition to what we today perceive in the sensory world, they also perceived, in their own way, something spiritual. For example, they did not merely see a carpet of flowers spread out across a meadow; rather, they perceived, in a vibrant, active existence above the flowers, the cosmic forces that draw the plants’ vitality out of the earth. They saw—it seems almost grotesque to people today when you tell them this, but I am telling you the truth—in a sense, how human beings constantly wear a kind of etheric-astral cap on their heads. In this etheric-astral cap, they sensed the forces that underlie hair growth. Today, people would like to believe that hair, so to speak, grows out of the head driven only from within, whereas in reality it is external nature that draws it out.
[ 6 ] In jenen alten Zeiten haben eben die Menschen das als eine Tatsächlichkeit gesehen, was dann später nur noch im künstlerischen Abdruck gewissermaßen in der Kultur durchschimmert. Betrachten wir so etwas, wie den ja ganz deutlich zum Kopf gehörenden Helm der Pallas Athene. Man empfindet den Helm der Pallas Athene nicht in der richtigen Weise, wenn man glaubt, daß er aufgesetzt wäre. Er ist nicht aufgesetzt. Er ist ihr geschenkt aus einer Konzentration von kosmischen Strahlenkräften, welche um ihr Haupt wirken und um dasselbe sich verdichtend lagern, so daß es den Griechen in den älteren Zeiten als etwas Unmögliches erschienen wäre, eine Pallas Athene ohne diese Kopfbedeckung zu machen. Sie hätten das so empfunden, wie wir heute einen skalpierten Kopf empfinden. Ich sage nicht, daß das auch für die späteren Zeiten des Griechentums noch so war.
[ 6 ] In those ancient times, people actually perceived as reality what later only shone through, so to speak, in culture through artistic representations. Let us consider, for example, the helmet of Pallas Athena, which is clearly part of her head. One does not perceive the helmet of Pallas Athena correctly if one believes that it is simply placed on her head. It is not placed on her head. It is bestowed upon her from a concentration of cosmic radiant forces that act around her head and gather around it in a condensed form, so that to the Greeks of earlier times it would have seemed impossible to depict Pallas Athena without this head covering. They would have perceived it in the same way that we today perceive a scalped head. I am not saying that this was still the case in the later periods of Greek civilization.
[ 7 ] Gehen wir aber in die alten Zeiten zurück, so können wir noch sehen, daß die Menschen die sinnliche Welt als etwas Geistig-Seelisches erleben konnten, weil sie da gewissermaßen noch etwas Ätherisches, Seelisch-Geistiges zu erleben hatten. Aber diese Menschen gaben auf das Seelisch-Geistige gar nicht so sonderlich viel. Und wenn heute die Menschen so leichtglauben, in den ältesten Mysterien sei den Mysterienschülern hauptsächlich gelehrt worden, die Sinneswelt sei nur Schein und die geistige Welt das einzig Wirkliche, so ist das nicht wahr. Wahr ist vielmehr, daß alle Bestrebungen der Mysterien dahin gingen, auf dem Umwege über ein Begreifen des Geistig-Seelischen den Menschen gerade das Sinnliche seelisch begreiflich zu machen.
[ 7 ] But if we go back to ancient times, we can still see that people were able to experience the sensory world as something spiritual and soulful, because, in a sense, they still had something ethereal, spiritual, and soulful to experience. But these people did not attach all that much importance to the spiritual-soul aspect. And while people today are so quick to believe that in the most ancient mysteries, the initiates were taught primarily that the sensory world is merely an illusion and the spiritual world the only reality, this is not true. Rather, the truth is that all the efforts of the mysteries were directed toward making the sensory world spiritually comprehensible to human beings, by way of an understanding of the spiritual-soul aspect.
[ 8 ] Schon in der ersten nachatlantischen Kulturperiode strebten die Mysterien dahin, den Menschen, wie er als Gestalt auf der Erde lebte, seelisch-geistig zu begreifen und namentlich innerlich fühlend — nicht theoretisch — zu deuten, was irgendeine Äußerung des physischen Menschen im Geistigen bedeutet. Es wäre den Menschen zum Beispiel ganz unmöglich erschienen, eine bloße Mechanik des Gehens aufzustellen, weil sie wußten, daß der Mensch, indem er geht, mit jedem Schritte ein Erlebnis hat. Dieses Erlebnis liegt heute tief unter der Schwelle des Bewußtseins. Warum gehen wir? Wenn wir das Bein vorwärtsstrecken und den Fuß hinstellen, kommen wir in ein anderes Verhältnis zur Erde und zur Himmelswelt, und in der Wahrnehmung dieser Änderung — daß wir den Fuß zum Beispiel in ein anderes Wärmebad hineinstellen, als dasjenige ist, in dem der andere, rückwärtige Fuß darinnensteht —, in der Wahrnehmung dieses Wechselverhältnisses zum Kosmos liegt etwas nicht nur Mechanisches, sondern durchaus Überdynamisches.
[ 8 ] Even in the first post-Atlantean cultural epoch, the Mystery Schools sought to understand human beings—as they lived as physical beings on Earth—from a soul-spiritual perspective, and specifically to interpret, through inner feeling—not theoretically—what any manifestation of the physical human being signifies in the spiritual realm. For example, it would have seemed entirely impossible to people to reduce walking to mere mechanics, because they knew that when a person walks, they have an experience with every step. Today, this experience lies deep below the threshold of consciousness. Why do we walk? When we extend our leg forward and set our foot down, we enter into a different relationship with the Earth and the heavenly world, and in the perception of this change—that we place our foot, for example, into a different thermal bath than the one in which the other, rear foot is standing—in the perception of this interrelationship with the cosmos lies something that is not merely mechanical, but thoroughly superdynamic.
[ 9 ] Das war Wahrnehmung für eine solche ältere Zeit. Damals wurde der Menschen Blick auf des Menschen äußere Gestalt, auf seine äußeren Bewegungen hingelenkt. Und es wäre den Menschen der damaligen Zeit gar nicht im geringsten eingefallen, dasjenige, was sie wie ein Mienenspiel der Natur wahrgenommen haben: Wachsen der Pflanzen, Konfigurieren der Pflanzen, Wachsen der Tiere, Konfigurieren der Tiere und so weiter, in dem Sinne zu deuten, wie wir das heute wissenschaftlich tun. Es war durchaus etwas anderes im menschlichen Gemüte, als es heute sein kann, wenn jener Angehörige der urindischen Kultur, auf den ich gestern hindeutete, als etwas ganz Naturgemäßes empfunden hat: Während einer gewissen Jahreszeit atmet die Erde Himmelswesenheit, und während einer anderen Jahreszeit atmet sie nicht Himmelswesenheit, sondern sie arbeitet in sich, indem sie sich abschließt gegen diese Himmelswesenheit. — Natürlich war es im alten Indien anders, weil die klimatischen Verhältnisse anders waren. Würden wir aber diese alte Empfindung auf unsere klimatischen Verhältnisse ausdehnen, so müßten wir sagen: Während des Sommers schläft die Erde, gibt sich hin den Himmelskräften, empfängt die Sonnenkraft so, daß diese Sonnenkraft in das Unbewußte der Erde sich hineinergießt. Sommer ist Erdenschlaf, Winter ist Erdenwachen. Während des Winters denkt die Erde durch ihre eigene Kraft dasjenige, was sie während des Sommers schlafend und träumend in bezug auf den Himmel gedacht hat. Während des Winters verarbeitet die Erde in sich, was ihr geworden ist während des Sommers durch die Einwirkung der kosmischen Kräfte und Mächte.
[ 9 ] That was the perception of a bygone era. Back then, people’s attention was focused on the outward appearance of human beings and on their external movements. And it would never have occurred to the people of that time to interpret what they perceived as a play of nature—the growth of plants, the formation of plants, the growth of animals, the formation of animals, and so on—in the same way we do scientifically today. The human mindset was quite different from what it can be today, when that member of the ancient Indian culture, to whom I referred yesterday, perceived as something entirely natural: During a certain season, the earth breathes the essence of the heavens, and during another season, it does not breathe the essence of the heavens, but rather works within itself by closing itself off from this heavenly essence. — Of course, things were different in ancient India because the climatic conditions were different. But if we were to extend this ancient perception to our own climatic conditions, we would have to say: During the summer, the Earth sleeps, surrenders itself to the celestial forces, and receives the power of the sun in such a way that this solar power pours into the Earth’s unconscious. Summer is the Earth’s sleep; winter is the Earth’s waking. During the winter, the Earth thinks through its own power what it had thought during the summer—while sleeping and dreaming—in relation to the heavens. During the winter, the Earth processes within itself what has come to it during the summer through the influence of the cosmic forces and powers.
[ 10 ] Heute weiß man von diesen Dingen praktisch nicht viel mehr, als daß der Bauer draußen auf dem Lande die Kartoffeln in die Erde hineintut und sie darin überwintern läßt. Aber man denkt nicht vorher über das Schicksal dieser Kartoffeln nach, weil man dieses Sichhineinversetzen in die unmittelbare Naturwesenheit verloren hat. Menschen, die so empfunden haben wie die alten Inder, wäre es gar nicht eingefallen, hinauszuschauen in die Natur, Tiere, Pflanzen und Mineralien zu sehen, die in den verschiedensten Farben erglänzen und erglitzern, und sich dabei vorzustellen, daß in alledem eine einzige Realität ist, ein Atomentanz. Ein solcher Atomentanz wäre ihnen als die größte Irrealität erschienen. Hierauf wird gewiß von manchen eingewendet werden: Aber diesen Atomentanz braucht man, damit man über die Natur rechnen kann. — Ja, meine lieben Freunde, das ist es eben, daß man glaubt, man brauche den Atomentanz, um die Natur berechnen zu können. Rechnen hieß in jener Zeit: in Zahlen und Größen selber leben zu können, und nicht die Zahlen und Größen anheften an das, was im Grunde genommen nur verdichtete Materialität ist. Ich will damit gar nichts einwenden dagegen, daß dieses verdichtete Materielle in der gegenwärtigen Zeit ganz gute Dienste tut. Aber trotzdem muß gesagt werden, wie anders die Seelenkonfiguration in jener älteren Zeit war.
[ 10 ] Today, we know practically nothing more about these things than that farmers out in the countryside plant potatoes in the ground and let them overwinter there. But we don’t stop to think beforehand about the fate of these potatoes, because we have lost this ability to immerse ourselves in the immediate reality of nature. People who felt as the ancient Indians did would never have thought to look out into nature, to see animals, plants, and minerals shimmering and sparkling in the most varied colors, and to imagine that in all of this there is a single reality—a dance of atoms. Such a dance of atoms would have seemed to them the greatest of all unreality. To this, some will certainly object: But we need this dance of atoms in order to calculate nature. — Yes, my dear friends, that is precisely the point: that we believe we need the dance of atoms in order to calculate nature. In those days, “calculating” meant being able to live within numbers and quantities themselves, rather than attaching those numbers and quantities to what is, in essence, merely condensed materiality. I do not mean to object in any way to the fact that this condensed materiality serves us quite well in the present day. Nevertheless, it must be said how different the configuration of the soul was in those earlier times.
[ 11 ] Dann kam eine andere Zeit. Ich habe sie in meiner «Geheimwissenschaft» die urpersische genannt. Da war alles auf das autoritative Prinzip gebaut. Die Menschen behielten ihr ganzes Leben hindurch etwas von dem, was der Mensch heute — aber zurückgedrängt, stumpf geworden — zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre erlebt. Nur nahmen sie dieses damals in das spätere Lebensalter mit hinein. Damals war es intimer, aber zu gleicher Zeit auch intensiver. Die Menschen schauten schon in einem gewissen Sinne durch die äußere Bewegung, durch die äußere Physiognomie eines Menschen oder einer Blume hindurch. Sie sahen schon auf etwas, was weniger nach außen hin gegenständlich war. Es war ihnen nach und nach dasjenige, was sie sahen, nur mehr zu einer Offenbarung der eigentlichen Wirklichkeit geworden. Für die erste nachatlantische Kulturperiode war die ganze Außenwelt Wirklichkeit, aber geistige Wirklichkeit. Der Mensch war Geist. Er hatte einen Kopf, zwei Arme und einen Rumpf, und das war Menschengeist. Nichts hinderte den Ur-Inder, diesen Menschen, den er auf zwei Beinen stehen sah, mit Armen und Haupt, als Geist anzusprechen. In der nächsten Periode sah man schon etwas mehr durch. Das Geschaute war nur mehr Oberfläche, hinter der man etwas mehr Atherisches sah, einen Menschen, der mehr eine Lichtgestalt war. Man hatte die Fähigkeit, diese Lichtgestalt wahrzunehmen, weil eben noch atavistisches Hellsehen vorhanden war.
[ 11 ] Then came a different era. In my Occult Science, I called it the “primordial Persian” era. Everything was built on the principle of authority. Throughout their entire lives, people retained something of what human beings today—though repressed and dulled—experience between the ages of seven and fourteen. Only, back then, they carried this experience with them into later life. At that time, it was more intimate, but at the same time also more intense. In a certain sense, people were already looking beyond the outward movement, beyond the outward appearance of a human being or a flower. They were already perceiving something that was less outwardly concrete. Gradually, what they saw had become for them nothing more than a revelation of actual reality. For the first post-Atlantean cultural period, the entire external world was reality—but spiritual reality. Man was spirit. He had a head, two arms, and a torso, and that was the human spirit. Nothing prevented the ancient Indian from addressing this human being—whom he saw standing on two legs, with arms and a head—as spirit. In the next period, people were already able to see a little more deeply. What was seen was now merely a surface, behind which one perceived something more etheric—a human being who was more of a luminous form. People had the ability to perceive this luminous form because atavistic clairvoyance was still present.
[ 12 ] Dann kam die dritte nachatlantische Kulturperiode. Da hatte man das Bedürfnis, noch mehr in das Innere des Menschen oder der Natur hineinzuschauen, Da war einem das Äußere schon in hohem Grade sinnlich geworden und man begann von einem sinnlichen Äußeren zu einem geistig-seelischen Innerlichen hindurchzuschauen. Der Ägypter, der dieser dritten nachatlantischen Kulturperiode angehört, hat den Menschen mumifiziert. In der urindischen Kulturepoche wäre ein Mumifizieren ein Unsinn gewesen, denn es wäre ein Fesseln des Geistes gewesen. Man mußte schon Körper und Geist unterscheiden, als man sich zum Mumifizieren geneigt fand. Sonst hätte man geglaubt, man sperre den Menschengeist ein, wenn man den Menschenkörper in der Mumie einbalsamierte, weil man noch nicht unterschied zwischen Körper und Geist.
[ 12 ] Then came the third post-Atlantean cultural epoch. By then, people felt the need to look even deeper into the inner being of human beings or into nature. The external world had already become highly sensuous, and people began to look beyond the sensuous exterior to the spiritual and soulful inner world. The Egyptians, who belonged to this third post-Atlantean cultural period, mummified human beings. In the primordial Indian cultural epoch, mummification would have been nonsensical, for it would have been a binding of the spirit. One had to be able to distinguish between body and spirit by the time one felt inclined to mummify. Otherwise, one would have believed that one was imprisoning the human spirit when embalming the human body in a mummy, because one did not yet distinguish between body and spirit.
[ 13 ] Bei den Griechen — und das hat sich bis in unsere Zeit herein erhalten — war schon ein ganz deutliches Auseinanderhalten des KörperlichLeiblichen und des Geistig-Seelischen vorhanden. Heute können wir nicht mehr anders, als diese beiden auseinanderhalten: das KörperlichLeibliche und das Geistig-Seelische. So hat man eigentlich das Ich in früheren Zeitaltern durch Hüllen hindurch gesehen.
[ 13 ] Among the Greeks—and this has persisted right up to our own time—there was already a very clear distinction between the physical-bodily and the spiritual-psychic. Today, we have no choice but to distinguish between these two: the physical and the spiritual-psychic. In earlier ages, people actually saw the “I” through these layers.
[ 14 ] Stellen Sie sich den Ur-Inder vor. Er sah nicht hin auf das Ich des Menschen. Seine Sprache war so, daß sie eigentlich nur äußerlich sichtbare Gebärden und äußerlich sichtbare Oberflächen ausdrückte. Der ganze Charakter des Sanskrit, wenn man es dem Geiste und nicht nur dem Inhalt nach studiert, ist noch gebärdenhaft und oberflächenhaft, was sich besonders in Beweglichkeit und Begrenzung ausdrückt. Man sah bei den Ur-Indern also das Ich durch die Hülle des physischen Leibes, in der nächsten Epoche durch die Hülle des ätherischen und in der dritten durch die Hülle des astralischen Leibes — und noch immer blieb undeutlich das Ich des Menschen, bis es in unserem Zeitalter unverhüllt in den menschlichen Verkehr eintritt.
[ 14 ] Imagine the ancient Indian. He did not focus on the human “I.” His language was such that it actually expressed only outwardly visible gestures and outwardly visible surfaces. The entire character of Sanskrit—when studied in terms of its spirit and not merely its content—is still gestural and superficial, which is expressed particularly in its fluidity and its limitations. Thus, among the ancient Indians, the “I” was perceived through the shell of the physical body; in the next epoch, through the shell of the etheric body; and in the third, through the shell of the astral body—and yet the human “I” remained obscure until it entered human interaction unveiled in our own age.
[ 15 ] Meine lieben Freunde! Keiner bezeichnet den Einschnitt, den die Menschheitsentwickelung in unserer Zeit erlebt, der nicht darauf hinweist, daß in diesem Verkehr von Ich zu Ich in hüllenloser Art etwas völlig Neues eintrat in die menschliche Entwickelung, allerdings langsam. Ich will gewiß nicht in der gewöhnlichen Weise von unserer Zeit als einer Übergangszeit reden; denn welche Zeit ist keine Übergangszeit? Jede Zeit ist eine Übergangszeit von dem, was vorangegangen ist, zu dem, was folgt. Und solange man nur sagt, unsere Zeit ist eine Übergangszeit, ist es eben eine Phrase. Hand und Fuß bekommt die Sache erst, wenn man charakterisiert, was übergeht: In unserer Zeit geht die Menschheit über von einem hüllenhaften Erleben des anderen Menschen zu einem wirklichen Erleben des Ich des anderen Menschen. Und das ist die Schwierigkeit des menschlichen Seelenlebens, daß wir uns in dieses ganz neue Verhältnis von Mensch zu Mensch hineinleben müssen. Glauben Sie nicht, daß ich darauf hindeuten will, wir alle müßten die Lehren über das Ich lernen. Darum handelt es sich nicht, daß wir irgendwelche Theorien lernen. Ob Sie ein Bauer auf dem Lande oder irgendein durch seine Handarbeit tätiger Mensch sind, oder ein Gelehrter: für Sie alle gilt, daß in der Gegenwart — insofern wir es mit den zivilisierten Menschen zu tun haben — die Iche der Menschen einander hüllenlos gegenübertreten. Aber das gibt der ganzen Kulturentwickelung die besondere Färbung.
[ 15 ] My dear friends! No one describes the turning point that human development is experiencing in our time without pointing out that, in this direct, unmediated interaction from “I” to “I,” something entirely new has entered human development—albeit slowly. I certainly do not wish to speak in the usual way of our time as a transitional period; for what time is not a transitional period? Every era is a transitional period from what has gone before to what follows. And as long as one merely says that our time is a transitional period, it remains nothing more than a cliché. The matter only takes on real substance when one characterizes what is in transition: In our time, humanity is transitioning from a veiled experience of the other human being to a genuine experience of the other person’s “I.” And that is the difficulty of human spiritual life: that we must grow into this entirely new relationship from person to person. Do not think that I am suggesting we all need to study the teachings about the “I.” That is not the point—it is not about learning any particular theories. Whether you are a farmer in the countryside, a person engaged in manual labor, or a scholar—the same applies to all of you: in the present day—insofar as we are dealing with civilized people—people’s “I’s” face one another without any veils. But this is what gives the entire development of culture its distinctive character.
[ 16 ] Versuchen Sie nur, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie noch im Mittelalter viel Elementares war in der Art und Weise, wie ein Mensch den andern empfunden hat. Versetzen wir uns in eine mittelalterliche Stadt. Ein Mensch, sagen wir ein Schlosser, begegnet auf der Straße einem Ratsherrn. Das, was da erlebt wurde, erschöpft sich nicht darin, daß der Betreffende wußte, der andere ist Ratsherr. Nicht einmal darin erschöpft es sich, daß er wußte: Den haben wir gewählt. — Allerdings waren ja Zusammenschlüsse vorhanden, die den Menschen auch eine Vignette aufdrückten. Man gehörte der Schneiderinnung, der Schlosserzunft an; aber das wurde noch in einer mehr instinktiven Weise erlebt. Und wenn man als Schlosser einem Ratsherrn entgegenkam, so wußte man, auch ohne daß man es im Adreßbuch gesehen hatte: Das ist ein Ratsherr! — Man brauchte es nicht aus Papieren oder aus der Zeitung zu wissen; er ging anders, er schaute anders, er trug den Kopf anders. Man erlebte noch den anderen, aber man erlebte ihn eben durch die Hüllen.
[ 16 ] Just try to get a sense of how much was still fundamental in the Middle Ages in the way one person perceived another. Let’s imagine ourselves in a medieval town. A man—let’s say a locksmith—meets a councilman on the street. The experience in that moment wasn’t limited to the fact that the person knew the other was a councilman. Nor was it limited to the fact that he knew, “We elected him.”—Admittedly, there were associations that did label people in a certain way. One belonged to the tailors’ guild or the locksmiths’ guild; but this was still experienced in a more instinctive way. And when, as a locksmith, one came face to face with a city councilman, one knew—even without having seen it in the address book—that this was a city councilman! — One didn’t need to know it from documents or the newspaper; he walked differently, he looked differently, he held his head differently. One still experienced the other person, but one experienced him precisely through these outward trappings.
[ 17 ] Im Sinne der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung ist es nunmehr dazu gekommen, daß wir den Menschen hüllenlos erleben müssen. Das ist nach und nach heraufgekommen. Davor erschrickt in einem gewissen Sinne die Menschheit. Und wenn wir eine Kulturpsychologie hätten, so würde für die letzten Jahrhunderte in dieser Kulturpsychologie vor allen Dingen dieses Erschrecken der Menschheit verzeichnet sein: den Menschen hüllenlos als Ich neben sich haben zu müssen. Wenn man dieses im Bilde vor sich hat, so möchte man sagen: Es erscheinen einem gerade die Menschen, die in den letzten Jahrhunderten ihr Zeitalter miterlebten, mit erschreckten Augen. Diese erschreckten Augen, die Sie beim Griechen, beim Römer noch nicht hätten finden können, treten namentlich seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts auf. Diese erschreckten Augen können wir auch in der Literatur verfolgen. Man kann sich davon eine ganz deutliche Vorstellung bilden, wenn man zum Beispiel die Schriften des Baco von Verulam liest. Was der für Augen gemacht hat in der Welt, das liest man seinen Schriften ab. Aber noch mehr die Augen des Shakespeare. Die kann man sich sehr deutlich vor die Seele stellen. Man ergänze sich nur die Worte durch die Bilder, die in die Welt gesetzt worden sind über die Art, wie Shakespeare ausgesehen hat. Und so müssen wir uns gerade die am meisten mit ihrer Zeit lebenden Menschen der letzten Jahrhunderte mit etwas erschreckten Augen, mit einem unbewußt erschreckten Blick beladen, vorstellen. Mindestens einmal in ihrem Leben hatten sie diesen erschreckten Blick. Goethe hatte ihn, Lessing hatte ihn, Herder hatte ihn. Jean Paul wurde ihn bis zu seinem Tode nicht los. Man muß für solche Zartheiten ein Organ haben, wenn man die geschichtliche Entwickelung überhaupt verstehen will.
[ 17 ] In the context of modern human development, we have now reached a point where we must experience human beings without their outer shells. This has come about gradually. In a certain sense, humanity is horrified by this. And if we had a cultural psychology, this very sense of alarm among humanity would be recorded above all else in that cultural psychology for the past few centuries: having to have human beings, stripped of their coverings, standing beside us as “I.” When one holds this image before one’s mind, one is tempted to say: It is precisely those people who lived through their own era in the past few centuries who appear to us with eyes filled with alarm. These terrified eyes—which you would not have found among the Greeks or Romans—have appeared notably since the mid-sixteenth century. We can also trace these terrified eyes in literature. One can form a very clear picture of this by reading, for example, the writings of Bacon of Verulam. What he did for the world’s perception of the eyes can be gleaned from his writings. But even more so, the eyes of Shakespeare. One can picture them very clearly in one’s mind’s eye. One need only supplement the words with the images that have been set out into the world regarding what Shakespeare looked like. And so we must imagine precisely those people of the last few centuries who were most in tune with their times as possessing somewhat frightened eyes, an unconsciously frightened gaze. At least once in their lives, they had that frightened look. Goethe had it, Lessing had it, Herder had it. Jean Paul could not shake it until his death. One must have a sensibility for such subtleties if one wishes to understand historical development at all.
[ 18 ] Das muß der Menschheit schon klar sein, die in das zwanzigste Jahrhundert hineinleben will, daß die Repräsentanten des neunzehnten Jahrhunderts für dieses zwanzigste Jahrhundert nicht mehr gelten können. Liest man ein Werk über Goethe aus dem neunzehnten Jahrhundert, den philiströsen Lewes oder den schulmeisterlichen Richard M. Meyer man bekommt von Goethe selbstverständlich keine Vorstellung. Das einzige Werk aus der Literatur des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, aus dem man noch eine Vorstellung von Goethe bekommen kann, ist das über Goethe von Herman Grimm. Das ist aber ein Greuel für diejenigen, die an der großen Kulturkrankheit der neueren Zeit leiden, an der Philistrosität. Denn in diesem Goethebuch steht der Satz: «Faust» sei ein Werk, das vom Himmel gefallen ist. Nun denken Sie sich, was dieKommentatoren, die alles zerpflücken und zerblättern, über den «Faust» gesagt haben, und nun kommt einer und sagt, man solle es nicht zerpflücken und zerblättern. Dies scheint vielleicht unwesentlich, und dennoch, auf solche Dinge müssen wir hinhorchen, wenn von Kulturerscheinungen die Rede ist. Lesen Sie das erste Kapitel in Grimms Werk über Raffael: Sie werden das Gefühl haben, es ist ein Greuel für jeden rechtgläubigen Kathedermenschen; aber es hat doch noch etwas, was man herübernehmen kann in das zwanzigste Jahrhundert, eben deshalb, weil für den rechtgläubigen Kathedermenschen eigentlich nichts davon stimmt.
[ 18 ] It must be clear to humanity, which intends to move into the twentieth century, that the representatives of the nineteenth century can no longer be relevant to this twentieth century. If one reads a work about Goethe from the nineteenth century—the philistine Lewes or the schoolmasterly Richard M. Meyer—one naturally gets no sense of Goethe himself. The only work from the literature of the last third of the nineteenth century from which one can still gain an impression of Goethe is Herman Grimm’s book on Goethe. But this is an abomination to those who suffer from the great cultural malady of modern times: philistinism. For in this book on Goethe there is the sentence: “Faust” is a work that fell from heaven. Now imagine what the commentators—who pick everything apart and dissect it—have said about Faust, and then someone comes along and says one shouldn’t pick it apart or dissect it. This may seem insignificant, and yet we must pay attention to such things when discussing cultural phenomena. Read the first chapter of Grimm’s work on Raphael: you will feel that it is an abomination to any orthodox academic; yet it still has something that can be carried over into the twentieth century, precisely because, for the orthodox academic, none of it is actually true.
[ 19 ] Man hat also den Menschen in Hüllen gesehen. Man hat lernen müssen und muß lernen, den Menschen hüllenlos als eine Ich-Wesenheit zu sehen. Davor erschrickt man, denn alles, was ich als die Hüllen bezeichnet habe, in denen man noch einen Ratsherrn hat herankommen sehen, konnte man jetzt nicht mehr empfinden. Man kann den Leuten auch nicht mehr, wenigstens nicht in Mitteleuropa, die äußeren Repräsentationen der Hüllen geben, denn die äußeren Repräsentationen hatten noch eine Beziehung zu dem, was an geistigem Inhalt vorhanden war bei den mittelalterlichen Ratsherren. Jetzt — ich muß es Ihnen schon gestehen — würde es mir schwerfallen, aus der äußerlichen Umhüllung den Unterschied zu erkennen zwischen einem Regierungsrat und einem Geheimen Regierungsrat. Beim Militär hat man es in seiner Blütezeit noch wissen können; aber man mußte es sorgfältig lernen, man mußte erst ein eigenes Studium darüber anstellen. Es hing nicht mehr zusammen mit dem elementaren menschlichen Erleben.
[ 19 ] People were thus seen as being enclosed in shells. We have had to learn—and must continue to learn—to see human beings without these shells, as “I”-beings. This is frightening, because everything I have described as the shells within which one could still perceive a city councilman approaching could no longer be sensed. Nor can one any longer—at least not in Central Europe—present people with the outward manifestations of these “shells,” for those outward manifestations still had a connection to the spiritual content that was present in the medieval councilors. Now—I must admit to you—I would find it difficult to discern, based on outward appearance alone, the difference between a government councilor and a privy councilor. In the military, during its heyday, one could still tell the difference; but one had to learn it carefully; one first had to conduct one’s own study of the matter. It was no longer connected to elementary human experience.
[ 20 ] Es war also eine Art Erschrecken da, und dagegen hat man sich abgestumpft durch dieses intellektualistische Gespinst, das ich Ihnen gestern geschildert habe, das sich um uns herum ausdehnt, in dem jeder darinnen ist. In den Kulturzentren, die sich noch so etwas Östliches erhalten hatten, hat man das Innere noch mit einem Äußerlichen, das Elementarische mit einem Intellektualistischen in eine gewisse Beziehung gebracht. Diejenigen, die aus Wien sind, werden wissen, daß das im vorigen Jahrhundert noch stark fühlbar war. Denn in Wien nannte man zum Beispiel denjenigen einen Doktor, der eine Brille hatte. Man kümmerte sich nicht um das Diplom, sondern um das Exterieur. Wer sich einen Fiaker leisten konnte, war ein Adliger, ein Baron. Es war das Exterieur. Man hatte noch das Gefühl dafür, man will noch in etwas drinnen leben, was man mit Worten bezeichnet.
[ 20 ] So there was a kind of fear there, and people have become desensitized to it through this intellectualistic web that I described to you yesterday—one that spreads out around us and in which everyone is caught up. In the cultural centers that had still preserved something of the East, the inner was still brought into a certain relationship with the outer, the elemental with the intellectual. Those from Vienna will know that this was still very much in evidence in the last century. For in Vienna, for example, anyone who wore glasses was called a “doctor.” People cared not about the diploma, but about outward appearances. Anyone who could afford a horse-drawn carriage was a nobleman, a baron. It was all about outward appearances. People still had a sense of wanting to live within something that could be described in words.
[ 21 ] Das ist der große Übergang zu der neueren Zeit, daß Mensch und Mensch sich ihrer inneren Anlage gemäß, gemäß dem, was die Seele fordert, hüllenlos gegenüberstehen, daß aber noch nicht die Fähigkeiten erworben sind zu einem solchen hüllenlosen Sichgegenüberstehen. Vor allen Dingen haben wir uns noch nicht die Möglichkeit erworben, ein Verhältnis zu gewinnen zwischen Ich und Ich. Das aber muß durch die Erziehung vorbereitet werden. Daher ist die Erziehungsfrage eine so brenzlige, eine so wichtige Frage.
[ 21 ] This is the great transition to the modern era: that human beings face one another unmasked, in accordance with their inner nature and with what the soul demands; yet the abilities necessary for such an unmasked encounter have not yet been acquired. Above all, we have not yet acquired the ability to establish a relationship between the “I” and the “I.” But this must be prepared for through education. That is why the question of education is such a delicate and important one.
[ 22 ] Und nun möchte ich Ihnen unverhüllt sagen, wann erst der große Fortschritt in bezug auf die Erziehungsweise an die einzelnen IchMenschen der neueren Zeit herankommen kann. Aber ich bitte, gebrauchen Sie das, was ich sagen werde, nicht gar zu sehr dazu, andere Menschen, welche heute noch die gegenteilige Meinung haben, verblüffen zu wollen; sonst kommt nichts dabei heraus, als ein ungeheures Geschimpfe über Anthroposophie. Richtig in der Erziehung werden wir erst wirken, wenn wir uns ein gewisses Schamgefühl aneignen werden, wenn wir uns schämen werden, über Erziehung überhaupt zu reden. Es ist eine verblüffende Sache, aber es ist so: Das heutige Reden über Erziehung wird einmal von einer künftigen Menschheit als schamlos angesehen werden. Heute redet jeder über Erziehung und über das, was er da für das Richtige hält. Aber Erziehung ist nicht etwas, was sich so in Begriffe fassen läßt, ist nicht etwas, dem man mit Theoretisieren beikommt. Erziehung ist etwas, in das man hineinwächst, indem man älter wird und jüngeren Leuten gegenübersteht. Und erst dann, wenn man älter geworden ist und jüngeren Leuten gegenübersteht, und durch dieses Faktum, daß man jüngeren Leuten gegenübersteht, und weil man selbst einmal jung war, an das Ich herankommt, dadurch wird die Erziehung zu einer Selbstverständlichkeit.
[ 22 ] And now I would like to tell you plainly when the great progress regarding the methods of education can finally reach the individual “I-people” of modern times. But please, do not use what I am about to say too much in an attempt to astonish others who still hold the opposite view today; otherwise, the only result will be a tremendous outcry against anthroposophy. We will only be effective in education once we have acquired a certain sense of modesty—once we feel ashamed to even speak of education at all. It is a startling thought, but it is true: today’s talk about education will one day be regarded as shameless by future generations. Today, everyone talks about education and what they consider to be the right approach. But education is not something that can be easily defined in concepts; it is not something that can be grasped through theorizing. Education is something one grows into as one gets older and interacts with younger people. And only then—when one has grown older and interacts with younger people, and through the very fact of interacting with younger people, and because one was once young oneself, comes to understand the self—only then does education become a matter of course.
[ 23 ] Mir kommen heute viele Anweisungen über das Erziehungswesen gar nicht anders vor als der Inhalt des — horribile dictu — einstmals berühmten «Knigge», der auch Anweisungen gegeben hat, wie man dem erwachsenen Menschen gegenübertreten soll, und wie die Bücher über den «guten Ton». Daher ist dasjenige, was ich selbst über Erziehung gesprochen und geschrieben habe und alles, was mit dem praktischen Versuch in der Waldorfschule zusammenhängt, nur darauf berechnet, möglichst viel über Charakteristik des Menschen zu sagen, den Menschen kennenzulernen, aber nicht Anweisungen zu geben: Dies sollst du so machen, das sollst du so machen. — Menschenerkenntnis, das ist es, was man eigentlich anstreben sollte, und das übrige — wenn ich mich eines religiösen Ausdrucks bedienen darf — Gott überlassen. Richtige Menschenkenntnis macht den Menschen schon zum Erzieher, denn eigentlich sollte man das Gefühl bekommen, daß man sich schämen sollte, über Erziehung zu reden. Aber man muß ja unter den Kultureinflüssen manches tun, worüber man sich schämen müßte. Die Zeit wird aber kommen, in der man nicht mehr über Erziehung zu reden braucht.
[ 23 ] To me, many of today’s guidelines on education seem no different from the content of the—horribile dictu—once-famous Knigge, which also provided instructions on how to behave toward adults, and from books on “proper etiquette.” That is why what I myself have spoken and written about education—and everything connected with the practical experiment at the Waldorf School—is intended solely to say as much as possible about the nature of the human being, to get to know the human being, but not to give instructions: “You should do this this way, you should do that that way.” — Knowledge of human nature—that is what one should actually strive for, and the rest—if I may use a religious expression—should be left to God. True knowledge of human nature already makes a person an educator, for one should actually feel that one ought to be ashamed to speak of education. But under the influence of culture, one must do many things of which one ought to be ashamed. The time will come, however, when there will be no need to speak of education anymore.
[ 24 ] Solche Gedankenformen fehlen heute dem Menschen. Sie fehlen ihm aber im Grunde genommen erst seit etwas mehr als hundert Jahren. Denn lesen Sie sich einmal hinein in Fichte oder auch in Schiller. Da finden Sie etwas darinnen, das einem heutigen Menschen geradezu horribel erscheint. Diese Leute haben zum Beispiel über den Staat und über allerlei Einrichtungen gesprochen, wie der Staat sein sollte, und über das Ziel des Staates haben sie gesagt: Die Sittlichkeit muß so sein, daß der Staat sich überflüssig macht, daß die Menschen aus sich heraus dazu kommen können, freie Menschen zu sein, und durch ihre Sittlichkeit den Staat überflüssig machen. — Fichte sagte, daß der Staat eine Institution sein sollte, die sich selbst aus dem Sattel hebt und sich nach und nach ganz überflüssig macht. Auf den heutigen Menschen würde das einen Eindruck machen wie ein Vorkommnis bei einer herumziehenden Schauspielertruppe, die ein Stück zum fünfzigsten Male spielte und welcher der Direktor sagte: Jetzt haben wir das Stück fünfzigmal gespielt, nun können wir wohl den Souffleurkasten weglassen. — Die Schauspieler waren ganz erschrocken. Endlich raffte sich einer auf und sagte: Ja, Herr Direktor, dann wird man aber den Souffleur sehen! — So ungefähr würde das auf die heutigen Menschen wirken. Sie sehen nicht, daß der Souffleur wegbleiben kann. Der Staat hat seine beste Konstitution dann erreicht, wenn er sich überflüssig macht. Ja, aber die Regierungsräte und die Hofräte und die Geheimräte, was würden die da sagen?
[ 24 ] People today lack such ways of thinking. But, strictly speaking, they have only been missing for a little over a hundred years. Just take a look at Fichte or even Schiller. You’ll find something there that seems downright horrifying to people today. These thinkers, for example, spoke about the state and all manner of institutions—how the state should be—and regarding the state’s purpose, they said: Morality must be such that the state renders itself superfluous, that people can, of their own accord, become free individuals, and through their morality render the state superfluous. — Fichte said that the state should be an institution that removes itself from power and gradually renders itself entirely superfluous. To people today, this would make the same impression as an incident involving a traveling theater troupe that had performed a play for the fiftieth time, and to whom the director said: “Now that we’ve performed the play fifty times, we can probably do without the prompter’s box.” — The actors were completely shocked. Finally, one of them plucked up the courage to say: “Yes, Mr. Director, but then everyone will see the prompter!” — That’s roughly how it would strike people today. They don’t see that the prompter can be dispensed with. The state has reached its best form when it renders itself superfluous. “Yes, but what would the state councilors, the court councilors, and the privy councilors say?”
[ 25 ] Man muß sich schon einmal, ich möchte sagen, aus der unmittelbaren Alltagspraxis in diesen großen Umschwung, der in den Tiefen der Seelen in unserer Zeit vor sich geht, hineinversetzen, wenn man sich klar darüber sein will, daß wir wiederum zu einem Gesichtspunkte kommen müssen, welcher das Reden über Erziehung ebenso überflüssig macht, wie es in älteren Kulturepochen gewesen ist. Früher hat man nicht über Erziehung geredet. Die Erziehungswissenschaft kam erst herauf, als man nicht mehr aus den elementarischen Menschenkräften heraus erziehen konnte. Die Sache ist viel wichtiger als man meint! Der Junge oder das Mädchen, die den Lehrer in die Klasse kommen sehen, dürfen nicht das Gefühl haben: Der erzieht nach theoretischen Grundsätzen, weil er das Unterbewußte nicht begreift. Sie wollen ein menschliches Verhältnis zu dem Lehrer haben. Das wird aber gestört, wenn Erziehungsgrundsätze vorhanden sind. Deshalb ist es von unendlicher Wichtigkeit und unbedingt notwendig, um wiederum zu einer Art selbstverständlichen Autoritätsverhältnisses der Jungen zu den Alten zu kommen, daß über Erziehung nicht so viel geredet wird, und daß es nicht notwendig ist, über Erziehung so viel zu reden oder zu denken wie heute. Denn es wird ja auf manchen Gebieten auch heute noch nach ganz gesunden Grundsätzen erzogen, obwohl sie auch schon durchlöchert werden.
[ 25 ] One must, I would say, step back from the immediate practicalities of everyday life and immerse oneself in this great upheaval taking place in the depths of the human soul in our time, if one wishes to realize that we must once again arrive at a perspective that renders talk of education just as superfluous as it was in earlier cultural epochs. In the past, people did not talk about education. The science of education only emerged when it was no longer possible to educate based on elementary human faculties. This matter is far more important than one might think! The boy or girl who sees the teacher enter the classroom must not have the feeling: “He educates according to theoretical principles because he does not understand the subconscious.” They want to have a human relationship with the teacher. But this is disrupted when educational principles are in place. Therefore, it is of infinite importance and absolutely necessary—in order to return to a kind of natural relationship of authority between the young and the old—that we not talk so much about education, and that it not be necessary to talk or think about education as much as we do today. For even today, in some areas, education is still carried out according to quite sound principles, although these principles are already being undermined.
[ 26 ] Theoretisch ist einem das alles ganz klar, und theoretisch weiß man schon die Sache auch so zu behandeln, wie die Gelehrtengesinnung der Gegenwart es tut. Aber praktisch ist es doch ganz gut, wenn man erlebt, wie es mir einmal bei einem Freunde passiert ist, der eine Waage neben seinem Teller stehen hatte und sich die einzelnen Nahrungsmittel zuwog, damit er die richtige Menge in seinen Organismus hineinbekomme. Physiologisch mag das ganz richtig sein. Aber denken Sie sich das einmal auf dem Gebiet der Kindererziehung, wo es ja leider geschieht, wenn auch in primitiver Weise. Da bleibt es noch immer gesünder, wenn das aus gewissen Intuitionen heraus geschieht, wenn die Eltern sich nicht ein besonderes physiologisches Werk kaufen, um daraus zu ersehen, wie sie die Kinder ernähren müssen, sondern wenn sie es aus dem Gefühl heraus beurteilen, wie sie selber einmal als Kinder gegessen haben. So handelt es sich auch darum, daß wir diese Pädagogik, die Anweisung gibt, wieviel Speisen wir in den Magen hineinbringen dürfen, überwinden, und daß wir uns durchringen dazu, uns auf dem Gebiete der Pädagogik eine wirkliche Einsicht in die menschliche Natur und Wesenheit anzueignen. Dieses Einsichtnehmen in die menschliche Natur und Wesenheit hat nämlich Folgen für das ganze menschliche Leben.
[ 26 ] In theory, all of this is perfectly clear, and in theory, one already knows how to approach the matter in the same way that contemporary scholarly thought does. But in practice, it’s actually quite helpful to witness what once happened to me with a friend who had a scale next to his plate and weighed out each food item to ensure he was getting the right amount into his body. Physiologically, that may be entirely correct. But imagine that applied to the field of child-rearing, where it unfortunately does happen, albeit in a primitive way. It is still healthier when this is done based on certain intuitions—when parents do not buy a specialized physiological textbook to determine how they should feed their children, but rather judge it based on their own feelings, recalling how they themselves used to eat as children. So it is also a matter of overcoming this pedagogy—which prescribes how much food we are allowed to put into our stomachs—and of bringing ourselves to acquire, in the field of pedagogy, a genuine insight into human nature and essence. For this insight into human nature and essence has consequences for the whole of human life.
[ 27 ] Wer den Menschen wirklich kennenlernt, so wie ich es in diesen Tagen charakterisiert habe, und dabei künstlerisches Auffassen in die Erkenntnis hineinnimmt, wird durch ein solches Kennenlernen seine menschliche Natur jung erhalten. Denn es ist etwas daran: wenn wir einmal erwachsen sind, sind wir ja eigentlich schon verarmte Menschen. Es gehört doch als das Allerwichtigste zum Menschen, daß wir Wachstumskräfte in uns haben. Was wir als Kind in uns haben, ist für den Menschen das Allerwichtigste. Zu dem werden wir aber im inneren Erleben durch wahre Menschenerkenntnis zurückgeführt. Wir werden wirklich kindhaft, wenn wir richtige Menschenkenntnis uns erwerben, und dadurch geeignet, auch dem jungen Menschen und dem Kinde in der richtigen Weise gegenüberzutreten.
[ 27 ] Anyone who truly gets to know human beings—as I have described in recent days—and incorporates an artistic perspective into that understanding will, through such an exploration, keep their human nature youthful. For there is truth to this: once we become adults, we are, in a sense, already impoverished human beings. After all, the most essential aspect of being human is that we possess inner forces of growth. What we possess within ourselves as children is the most essential thing for human beings. Yet we are led back to this through inner experience gained from a true understanding of human nature. We become truly childlike when we acquire a true understanding of human nature, and through this, we become capable of relating to young people and children in the right way.
[ 28 ] Und das ist es, was wir erstreben müssen: nicht nur in einem egoistischen Sinne, wie das heute oft geschieht, zu sagen: «Wenn ihr nicht werdet wie dieKindlein, könnt ihr nicht in dasReich Gottes kommen», sondern es im praktischen Leben aufzusuchen. Wäre nicht heute mit uns eine regsame menschliche Kraft verbunden, die in der Kindheit in uns wirkte, so könnten wir nicht erziehen. Die Pädagogik ist ungenügend, wenn sie den Lehrer oder Erzieher bloß gescheit macht. Ich sage nicht, daß sie ihn gedankenlos machen soll. Aber gedankenlos wird man auf diese Art auch schon nicht. Die Pädagogik, die den Lehrer nur gescheit macht, ist nicht die richtige, wohl aber diejenige, die den Lehrer innerlich regsam macht, mit seelischem Lebensblut erfüllt, das regsam sich in sein physisches Lebensblut hineinergießt. Und wenn man an irgend etwas sehen kann, daß einer ein richtiger Lehrer oder Erzieher ist, so kann man es daran sehen, daß er durch seine pädagogische Kunst kein Pedant geworden ist.
[ 28 ] And that is what we must strive for: not merely to say, in a self-centered way—as is often the case today—“Unless you become like little children, you cannot enter the Kingdom of God,” but to seek it out in practical life. If we were not connected today to a lively human force that was at work within us during childhood, we would not be able to educate. Pedagogy is inadequate if it merely makes the teacher or educator intelligent. I am not saying that it should make him thoughtless. But one does not become thoughtless in this way either. Pedagogy that merely makes the teacher intelligent is not the right kind; rather, it is the kind that makes the teacher inwardly vibrant, filled with the lifeblood of the soul, which actively flows into his physical lifeblood. And if there is one thing by which one can tell that someone is a true teacher or educator, it is that he has not become a pedant through his pedagogical art.
[ 29 ] Nun, meine lieben Freunde, es ist vielleicht nur eine Mythologie oder etwas legendenhaft erzählt, daß da oder dort ein Pedant wirkt. Wenn die lehrenden oder erziehenden Personen Pedanten sein sollten, wenn diese Legenden und Mythologien irgendwie auf Wahrheit beruhen sollten, dann müßten wir sicher sein, daß die Pädagogik auf Abwege gekommen wäre. Um niemand zu treffen, muß ich die wirkliche Wahrheit dieser Legenden und Mythologien hypothetisch voraussetzen und sagen: Wenn es wahr wäre, daß es Pedanten und Philister unter der Lehrerschaft gibt, so würde das ein Zeichen sein, daß unsere Pädagogik im Niedergange begriffen ist. Nur dann ist die Pädagogik im Aufgange begriffen, wenn durch ihr Erleben und durch ihr ganzes Wirken Pedanterie und Philistrosität gründlich aus dem Menschen ausgetrieben werden. Der richtige Pädagoge kann kein Philister, kein Pedant mehr sein.
[ 29 ] Well, my dear friends, it may be nothing more than mythology or a legendary tale that a pedant is at work here or there. If those who teach or educate were to be pedants, if these legends and myths were somehow based on truth, then we would have to conclude that pedagogy has gone astray. To avoid offending anyone, I must hypothetically assume the truth of these legends and myths and say: If it were true that there are pedants and philistines among the teaching staff, that would be a sign that our pedagogy is in decline. Pedagogy is on the rise only when, through its experience and its entire body of work, pedantry and philistinism are thoroughly eradicated from human beings. The true educator can no longer be a philistine or a pedant.
[ 30 ] Ich bitte Sie jetzt nur, vielleicht im Anschluß an dieses, damit Sie mich kontrollieren können in dem, was ich gemeint habe, darüber nachzudenken, aus welchem Lebensberuf heraus das Wort Pedant überhaupt gekommen ist. Vielleicht werden Sie dann etwas beitragen können zu der Erkenntnis der Tatsächlichkeit des eben Angedeuteten, über das ich mich nicht verbreiten will, weil mir ohnehin schon so vieles übelgenommen wird. Nur unter dieser Voraussetzung wäre es eine richtige Pädagogik, sonst müßte es eine richtige Pädagogik erst werden in Gemäßheit dessen, was ich in diesen Tagen gegeben habe. Und so darf ich wohl in der morgigen Stunde eine Art Abschluß dieser Unterredungen versuchen.
[ 30 ] I would simply ask you now—perhaps after reading this, so that you can verify what I meant—to consider the line of work from which the word “pedant” actually originated. Perhaps you will then be able to contribute something to the understanding of the truth of what I have just hinted at—a point on which I do not wish to dwell, since I am already being criticized for so many things. Only under this condition would it be proper pedagogy; otherwise, it would first have to become proper pedagogy in accordance with what I have presented these past few days. And so I may well attempt a sort of conclusion to these discussions in tomorrow’s session.
