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Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben
von alter und junger Generation
Pädagogischer Jugendkurs
GA 217

14 Oktober 1921, Stuttgart

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Aus den Ausführungen der letzten Tage wird Ihnen ja hervorgehen, daß der Mensch dem Menschen in der Gegenwart anders gegenübersteht, als das in früheren Zeitaltern der Fall war, und daß die Art und Weise, wie heute der Mensch dem Menschen gegenübersteht, sehr jungen Datums ist, eigentlich erst mit diesem Jahrhundert in die Menschheitsentwickelung hereingebrochen ist.

[ 2 ] In einer Sprache, die für unsere gegenwärtige Zeit nicht mehr genügen kann, haben ältere Zeitalter, gewissermaßen poetisch, vorausgesagt, was mit diesem Jahrhundert für die ganze Menschheit eingetreten ist. Ältere Zeitalter haben davon gesprochen, daß mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts das sogenannte finstere Zeitalter abläuft und daß in einem neuen Zeitalter für die menschliche Entwickelung ganz neue Bedingungen eintreten müssen. Diese werden schwer zu erringen sein, weil die Menschheit zunächst noch nicht an sie gewohnt ist, und sie werden, obwohl man es mit einem lichten Zeitalter zu tun hat, zunächst Zustände bringen, die sich für den Menschen chaotischer ausnehmen als diejenigen, die das lange, dunkle, finstere Zeitalter gebracht hat.

[ 3 ] Wir müssen heute dasjenige, was da in einem mehr der alten hellseherischen Einsicht entnommenen Bilde einmal vor die Menschheit hingestellt worden ist, nicht etwa bloß übersetzen in unsere Sprache. Da würden wir doch immer wieder nur das Alte verstehen. Wir müssen es wieder erkennen mit den geistigen Mitteln, die uns heute möglich sind. Wir müssen nämlich ganz intensiv uns durchdringen mit dem Bewußitsein, daß eigentlich erst in diesem Zeitalter Menschen-Ich dem Menschen-Ich im seelischen Verkehr, ich möchte sagen, hüllenlos gegenübersteht.

[ 4 ] Wenn man in das erste Zeitalter nach der großen atlantischen Erdenkatastrophe zurückgehen würde, also in das siebente, achte vorchristliche Jahrtausend, würde man finden, daß die Menschen als Erwachsene einander so gegenübergestanden haben, wie heute nur das Kind dem Erwachsenen gegenübersteht: mit einer totalen menschlichen Auffassung, wie ich sie gestern charakterisiert habe, wo nicht in ein vom Leib abgesondertes Seelisches oder gar Geistiges hineingesehen wird, sondern wo der physische Körper selber als ein Seelisches und Geistiges wahrgenommen wird. Wir dürfen ja nicht glauben, daß in jenem Zeitalter, das ich als das urindische bezeichnete und das unmittelbar als Menschheitszivilisation auf die atlantische Katastrophe folgte, der Mensch von Seele und Geist ebenso abgezogen geredet haben würde, wie wir das heute, sogar mit einem gewissen Rechte, tun.

[ 5 ] Gerade jene Äußerungen dieses ältesten Zeitalters, die uns heute recht spirituell, recht geistig erscheinen, die mißverstehen wir eigentlich. Wir mißverstehen sie, indem wir glauben, es hätten die Menschen dieser ersten nachatlantischen Kulturperiode die Außenwelt eigentlich übersehen und immer nur auf ein außerhalb der Sinneswelt Befindliches hindeuten wollen. Das war gar nicht der Fall, sondern diese Menschen haben eine gesättigtere Wahrnehmung etwa von einer menschlichen Bewegung oder einem menschlichen Mienenspiele gehabt, oder von der Art und Weise, wie ein junger Mensch durch fünf Jahre hindurch wächst, wie die Blumen diePlastik ihrer Blätter und Blüten entwickeln, wie die Totalkraft eines Tieres entweder in einen Huf oder in eine andere Endigung des Beines sich hineinergießt. Diese Menschen haben ihre Augen hinausgerichtet in die Welt, die wir heute die sinnliche nennen. Aber sie sahen in den sinnlichen Vorgängen Geistiges. Für sie war das, was sich ihren Sinnen in der Sinneswelt darbot, zugleich ein Geistiges. Allerdings war ihnen eine solche Anschauung eben nur möglich, weil sie außer dem, was wir heute in der sinnlichen Welt schauen, noch in ihrer Art ein Geistiges wahrgenommen haben. Zum Beispiel haben sie nicht nur über eine Wiese hin den Blumenteppich ausgebreitet gesehen, sondern sie haben über den Blumen in einer vibrierenden tätigen Existenz die kosmischen Kräfte wahrgenommen, welche die Kraft der Pflanzen aus der Erde herausziehen. Sie haben — es sieht für den heutigen Menschen schon grotesk aus, wenn man ihm das erzählt, aber ich erzähle Ihnen Tatsächliches — gewissermaßen gesehen, wie der Mensch fortwährend eine Art ätherische, astralische Kappe auf dem Kopfe trägt. In dieser ätherisch-astralischen Kappe haben sie die Kräfte empfunden, welche dem Haarwuchse zugrunde liegen. Heute möchten die Menschen gerne glauben, daß die Haare gewissermaßen nur von innen getrieben aus dem Kopfe herauswachsen, während in Wahrheit es die äußere Natur ist, die sie herauszieht.

[ 6 ] In jenen alten Zeiten haben eben die Menschen das als eine Tatsächlichkeit gesehen, was dann später nur noch im künstlerischen Abdruck gewissermaßen in der Kultur durchschimmert. Betrachten wir so etwas, wie den ja ganz deutlich zum Kopf gehörenden Helm der Pallas Athene. Man empfindet den Helm der Pallas Athene nicht in der richtigen Weise, wenn man glaubt, daß er aufgesetzt wäre. Er ist nicht aufgesetzt. Er ist ihr geschenkt aus einer Konzentration von kosmischen Strahlenkräften, welche um ihr Haupt wirken und um dasselbe sich verdichtend lagern, so daß es den Griechen in den älteren Zeiten als etwas Unmögliches erschienen wäre, eine Pallas Athene ohne diese Kopfbedeckung zu machen. Sie hätten das so empfunden, wie wir heute einen skalpierten Kopf empfinden. Ich sage nicht, daß das auch für die späteren Zeiten des Griechentums noch so war.

[ 7 ] Gehen wir aber in die alten Zeiten zurück, so können wir noch sehen, daß die Menschen die sinnliche Welt als etwas Geistig-Seelisches erleben konnten, weil sie da gewissermaßen noch etwas Ätherisches, Seelisch-Geistiges zu erleben hatten. Aber diese Menschen gaben auf das Seelisch-Geistige gar nicht so sonderlich viel. Und wenn heute die Menschen so leichtglauben, in den ältesten Mysterien sei den Mysterienschülern hauptsächlich gelehrt worden, die Sinneswelt sei nur Schein und die geistige Welt das einzig Wirkliche, so ist das nicht wahr. Wahr ist vielmehr, daß alle Bestrebungen der Mysterien dahin gingen, auf dem Umwege über ein Begreifen des Geistig-Seelischen den Menschen gerade das Sinnliche seelisch begreiflich zu machen.

[ 8 ] Schon in der ersten nachatlantischen Kulturperiode strebten die Mysterien dahin, den Menschen, wie er als Gestalt auf der Erde lebte, seelisch-geistig zu begreifen und namentlich innerlich fühlend — nicht theoretisch — zu deuten, was irgendeine Äußerung des physischen Menschen im Geistigen bedeutet. Es wäre den Menschen zum Beispiel ganz unmöglich erschienen, eine bloße Mechanik des Gehens aufzustellen, weil sie wußten, daß der Mensch, indem er geht, mit jedem Schritte ein Erlebnis hat. Dieses Erlebnis liegt heute tief unter der Schwelle des Bewußtseins. Warum gehen wir? Wenn wir das Bein vorwärtsstrecken und den Fuß hinstellen, kommen wir in ein anderes Verhältnis zur Erde und zur Himmelswelt, und in der Wahrnehmung dieser Änderung — daß wir den Fuß zum Beispiel in ein anderes Wärmebad hineinstellen, als dasjenige ist, in dem der andere, rückwärtige Fuß darinnensteht —, in der Wahrnehmung dieses Wechselverhältnisses zum Kosmos liegt etwas nicht nur Mechanisches, sondern durchaus Überdynamisches.

[ 9 ] Das war Wahrnehmung für eine solche ältere Zeit. Damals wurde der Menschen Blick auf des Menschen äußere Gestalt, auf seine äußeren Bewegungen hingelenkt. Und es wäre den Menschen der damaligen Zeit gar nicht im geringsten eingefallen, dasjenige, was sie wie ein Mienenspiel der Natur wahrgenommen haben: Wachsen der Pflanzen, Konfigurieren der Pflanzen, Wachsen der Tiere, Konfigurieren der Tiere und so weiter, in dem Sinne zu deuten, wie wir das heute wissenschaftlich tun. Es war durchaus etwas anderes im menschlichen Gemüte, als es heute sein kann, wenn jener Angehörige der urindischen Kultur, auf den ich gestern hindeutete, als etwas ganz Naturgemäßes empfunden hat: Während einer gewissen Jahreszeit atmet die Erde Himmelswesenheit, und während einer anderen Jahreszeit atmet sie nicht Himmelswesenheit, sondern sie arbeitet in sich, indem sie sich abschließt gegen diese Himmelswesenheit. — Natürlich war es im alten Indien anders, weil die klimatischen Verhältnisse anders waren. Würden wir aber diese alte Empfindung auf unsere klimatischen Verhältnisse ausdehnen, so müßten wir sagen: Während des Sommers schläft die Erde, gibt sich hin den Himmelskräften, empfängt die Sonnenkraft so, daß diese Sonnenkraft in das Unbewußte der Erde sich hineinergießt. Sommer ist Erdenschlaf, Winter ist Erdenwachen. Während des Winters denkt die Erde durch ihre eigene Kraft dasjenige, was sie während des Sommers schlafend und träumend in bezug auf den Himmel gedacht hat. Während des Winters verarbeitet die Erde in sich, was ihr geworden ist während des Sommers durch die Einwirkung der kosmischen Kräfte und Mächte.

[ 10 ] Heute weiß man von diesen Dingen praktisch nicht viel mehr, als daß der Bauer draußen auf dem Lande die Kartoffeln in die Erde hineintut und sie darin überwintern läßt. Aber man denkt nicht vorher über das Schicksal dieser Kartoffeln nach, weil man dieses Sichhineinversetzen in die unmittelbare Naturwesenheit verloren hat. Menschen, die so empfunden haben wie die alten Inder, wäre es gar nicht eingefallen, hinauszuschauen in die Natur, Tiere, Pflanzen und Mineralien zu sehen, die in den verschiedensten Farben erglänzen und erglitzern, und sich dabei vorzustellen, daß in alledem eine einzige Realität ist, ein Atomentanz. Ein solcher Atomentanz wäre ihnen als die größte Irrealität erschienen. Hierauf wird gewiß von manchen eingewendet werden: Aber diesen Atomentanz braucht man, damit man über die Natur rechnen kann. — Ja, meine lieben Freunde, das ist es eben, daß man glaubt, man brauche den Atomentanz, um die Natur berechnen zu können. Rechnen hieß in jener Zeit: in Zahlen und Größen selber leben zu können, und nicht die Zahlen und Größen anheften an das, was im Grunde genommen nur verdichtete Materialität ist. Ich will damit gar nichts einwenden dagegen, daß dieses verdichtete Materielle in der gegenwärtigen Zeit ganz gute Dienste tut. Aber trotzdem muß gesagt werden, wie anders die Seelenkonfiguration in jener älteren Zeit war.

[ 11 ] Dann kam eine andere Zeit. Ich habe sie in meiner «Geheimwissenschaft» die urpersische genannt. Da war alles auf das autoritative Prinzip gebaut. Die Menschen behielten ihr ganzes Leben hindurch etwas von dem, was der Mensch heute — aber zurückgedrängt, stumpf geworden — zwischen dem siebenten und vierzehnten Lebensjahre erlebt. Nur nahmen sie dieses damals in das spätere Lebensalter mit hinein. Damals war es intimer, aber zu gleicher Zeit auch intensiver. Die Menschen schauten schon in einem gewissen Sinne durch die äußere Bewegung, durch die äußere Physiognomie eines Menschen oder einer Blume hindurch. Sie sahen schon auf etwas, was weniger nach außen hin gegenständlich war. Es war ihnen nach und nach dasjenige, was sie sahen, nur mehr zu einer Offenbarung der eigentlichen Wirklichkeit geworden. Für die erste nachatlantische Kulturperiode war die ganze Außenwelt Wirklichkeit, aber geistige Wirklichkeit. Der Mensch war Geist. Er hatte einen Kopf, zwei Arme und einen Rumpf, und das war Menschengeist. Nichts hinderte den Ur-Inder, diesen Menschen, den er auf zwei Beinen stehen sah, mit Armen und Haupt, als Geist anzusprechen. In der nächsten Periode sah man schon etwas mehr durch. Das Geschaute war nur mehr Oberfläche, hinter der man etwas mehr Atherisches sah, einen Menschen, der mehr eine Lichtgestalt war. Man hatte die Fähigkeit, diese Lichtgestalt wahrzunehmen, weil eben noch atavistisches Hellsehen vorhanden war.

[ 12 ] Dann kam die dritte nachatlantische Kulturperiode. Da hatte man das Bedürfnis, noch mehr in das Innere des Menschen oder der Natur hineinzuschauen, Da war einem das Äußere schon in hohem Grade sinnlich geworden und man begann von einem sinnlichen Äußeren zu einem geistig-seelischen Innerlichen hindurchzuschauen. Der Ägypter, der dieser dritten nachatlantischen Kulturperiode angehört, hat den Menschen mumifiziert. In der urindischen Kulturepoche wäre ein Mumifizieren ein Unsinn gewesen, denn es wäre ein Fesseln des Geistes gewesen. Man mußte schon Körper und Geist unterscheiden, als man sich zum Mumifizieren geneigt fand. Sonst hätte man geglaubt, man sperre den Menschengeist ein, wenn man den Menschenkörper in der Mumie einbalsamierte, weil man noch nicht unterschied zwischen Körper und Geist.

[ 13 ] Bei den Griechen — und das hat sich bis in unsere Zeit herein erhalten — war schon ein ganz deutliches Auseinanderhalten des KörperlichLeiblichen und des Geistig-Seelischen vorhanden. Heute können wir nicht mehr anders, als diese beiden auseinanderhalten: das KörperlichLeibliche und das Geistig-Seelische. So hat man eigentlich das Ich in früheren Zeitaltern durch Hüllen hindurch gesehen.

[ 14 ] Stellen Sie sich den Ur-Inder vor. Er sah nicht hin auf das Ich des Menschen. Seine Sprache war so, daß sie eigentlich nur äußerlich sichtbare Gebärden und äußerlich sichtbare Oberflächen ausdrückte. Der ganze Charakter des Sanskrit, wenn man es dem Geiste und nicht nur dem Inhalt nach studiert, ist noch gebärdenhaft und oberflächenhaft, was sich besonders in Beweglichkeit und Begrenzung ausdrückt. Man sah bei den Ur-Indern also das Ich durch die Hülle des physischen Leibes, in der nächsten Epoche durch die Hülle des ätherischen und in der dritten durch die Hülle des astralischen Leibes — und noch immer blieb undeutlich das Ich des Menschen, bis es in unserem Zeitalter unverhüllt in den menschlichen Verkehr eintritt.

[ 15 ] Meine lieben Freunde! Keiner bezeichnet den Einschnitt, den die Menschheitsentwickelung in unserer Zeit erlebt, der nicht darauf hinweist, daß in diesem Verkehr von Ich zu Ich in hüllenloser Art etwas völlig Neues eintrat in die menschliche Entwickelung, allerdings langsam. Ich will gewiß nicht in der gewöhnlichen Weise von unserer Zeit als einer Übergangszeit reden; denn welche Zeit ist keine Übergangszeit? Jede Zeit ist eine Übergangszeit von dem, was vorangegangen ist, zu dem, was folgt. Und solange man nur sagt, unsere Zeit ist eine Übergangszeit, ist es eben eine Phrase. Hand und Fuß bekommt die Sache erst, wenn man charakterisiert, was übergeht: In unserer Zeit geht die Menschheit über von einem hüllenhaften Erleben des anderen Menschen zu einem wirklichen Erleben des Ich des anderen Menschen. Und das ist die Schwierigkeit des menschlichen Seelenlebens, daß wir uns in dieses ganz neue Verhältnis von Mensch zu Mensch hineinleben müssen. Glauben Sie nicht, daß ich darauf hindeuten will, wir alle müßten die Lehren über das Ich lernen. Darum handelt es sich nicht, daß wir irgendwelche Theorien lernen. Ob Sie ein Bauer auf dem Lande oder irgendein durch seine Handarbeit tätiger Mensch sind, oder ein Gelehrter: für Sie alle gilt, daß in der Gegenwart — insofern wir es mit den zivilisierten Menschen zu tun haben — die Iche der Menschen einander hüllenlos gegenübertreten. Aber das gibt der ganzen Kulturentwickelung die besondere Färbung.

[ 16 ] Versuchen Sie nur, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie noch im Mittelalter viel Elementares war in der Art und Weise, wie ein Mensch den andern empfunden hat. Versetzen wir uns in eine mittelalterliche Stadt. Ein Mensch, sagen wir ein Schlosser, begegnet auf der Straße einem Ratsherrn. Das, was da erlebt wurde, erschöpft sich nicht darin, daß der Betreffende wußte, der andere ist Ratsherr. Nicht einmal darin erschöpft es sich, daß er wußte: Den haben wir gewählt. — Allerdings waren ja Zusammenschlüsse vorhanden, die den Menschen auch eine Vignette aufdrückten. Man gehörte der Schneiderinnung, der Schlosserzunft an; aber das wurde noch in einer mehr instinktiven Weise erlebt. Und wenn man als Schlosser einem Ratsherrn entgegenkam, so wußte man, auch ohne daß man es im Adreßbuch gesehen hatte: Das ist ein Ratsherr! — Man brauchte es nicht aus Papieren oder aus der Zeitung zu wissen; er ging anders, er schaute anders, er trug den Kopf anders. Man erlebte noch den anderen, aber man erlebte ihn eben durch die Hüllen.

[ 17 ] Im Sinne der neuzeitlichen Menschheitsentwickelung ist es nunmehr dazu gekommen, daß wir den Menschen hüllenlos erleben müssen. Das ist nach und nach heraufgekommen. Davor erschrickt in einem gewissen Sinne die Menschheit. Und wenn wir eine Kulturpsychologie hätten, so würde für die letzten Jahrhunderte in dieser Kulturpsychologie vor allen Dingen dieses Erschrecken der Menschheit verzeichnet sein: den Menschen hüllenlos als Ich neben sich haben zu müssen. Wenn man dieses im Bilde vor sich hat, so möchte man sagen: Es erscheinen einem gerade die Menschen, die in den letzten Jahrhunderten ihr Zeitalter miterlebten, mit erschreckten Augen. Diese erschreckten Augen, die Sie beim Griechen, beim Römer noch nicht hätten finden können, treten namentlich seit der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts auf. Diese erschreckten Augen können wir auch in der Literatur verfolgen. Man kann sich davon eine ganz deutliche Vorstellung bilden, wenn man zum Beispiel die Schriften des Baco von Verulam liest. Was der für Augen gemacht hat in der Welt, das liest man seinen Schriften ab. Aber noch mehr die Augen des Shakespeare. Die kann man sich sehr deutlich vor die Seele stellen. Man ergänze sich nur die Worte durch die Bilder, die in die Welt gesetzt worden sind über die Art, wie Shakespeare ausgesehen hat. Und so müssen wir uns gerade die am meisten mit ihrer Zeit lebenden Menschen der letzten Jahrhunderte mit etwas erschreckten Augen, mit einem unbewußt erschreckten Blick beladen, vorstellen. Mindestens einmal in ihrem Leben hatten sie diesen erschreckten Blick. Goethe hatte ihn, Lessing hatte ihn, Herder hatte ihn. Jean Paul wurde ihn bis zu seinem Tode nicht los. Man muß für solche Zartheiten ein Organ haben, wenn man die geschichtliche Entwickelung überhaupt verstehen will.

[ 18 ] Das muß der Menschheit schon klar sein, die in das zwanzigste Jahrhundert hineinleben will, daß die Repräsentanten des neunzehnten Jahrhunderts für dieses zwanzigste Jahrhundert nicht mehr gelten können. Liest man ein Werk über Goethe aus dem neunzehnten Jahrhundert, den philiströsen Lewes oder den schulmeisterlichen Richard M. Meyer man bekommt von Goethe selbstverständlich keine Vorstellung. Das einzige Werk aus der Literatur des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts, aus dem man noch eine Vorstellung von Goethe bekommen kann, ist das über Goethe von Herman Grimm. Das ist aber ein Greuel für diejenigen, die an der großen Kulturkrankheit der neueren Zeit leiden, an der Philistrosität. Denn in diesem Goethebuch steht der Satz: «Faust» sei ein Werk, das vom Himmel gefallen ist. Nun denken Sie sich, was dieKommentatoren, die alles zerpflücken und zerblättern, über den «Faust» gesagt haben, und nun kommt einer und sagt, man solle es nicht zerpflücken und zerblättern. Dies scheint vielleicht unwesentlich, und dennoch, auf solche Dinge müssen wir hinhorchen, wenn von Kulturerscheinungen die Rede ist. Lesen Sie das erste Kapitel in Grimms Werk über Raffael: Sie werden das Gefühl haben, es ist ein Greuel für jeden rechtgläubigen Kathedermenschen; aber es hat doch noch etwas, was man herübernehmen kann in das zwanzigste Jahrhundert, eben deshalb, weil für den rechtgläubigen Kathedermenschen eigentlich nichts davon stimmt.

[ 19 ] Man hat also den Menschen in Hüllen gesehen. Man hat lernen müssen und muß lernen, den Menschen hüllenlos als eine Ich-Wesenheit zu sehen. Davor erschrickt man, denn alles, was ich als die Hüllen bezeichnet habe, in denen man noch einen Ratsherrn hat herankommen sehen, konnte man jetzt nicht mehr empfinden. Man kann den Leuten auch nicht mehr, wenigstens nicht in Mitteleuropa, die äußeren Repräsentationen der Hüllen geben, denn die äußeren Repräsentationen hatten noch eine Beziehung zu dem, was an geistigem Inhalt vorhanden war bei den mittelalterlichen Ratsherren. Jetzt — ich muß es Ihnen schon gestehen — würde es mir schwerfallen, aus der äußerlichen Umhüllung den Unterschied zu erkennen zwischen einem Regierungsrat und einem Geheimen Regierungsrat. Beim Militär hat man es in seiner Blütezeit noch wissen können; aber man mußte es sorgfältig lernen, man mußte erst ein eigenes Studium darüber anstellen. Es hing nicht mehr zusammen mit dem elementaren menschlichen Erleben.

[ 20 ] Es war also eine Art Erschrecken da, und dagegen hat man sich abgestumpft durch dieses intellektualistische Gespinst, das ich Ihnen gestern geschildert habe, das sich um uns herum ausdehnt, in dem jeder darinnen ist. In den Kulturzentren, die sich noch so etwas Östliches erhalten hatten, hat man das Innere noch mit einem Äußerlichen, das Elementarische mit einem Intellektualistischen in eine gewisse Beziehung gebracht. Diejenigen, die aus Wien sind, werden wissen, daß das im vorigen Jahrhundert noch stark fühlbar war. Denn in Wien nannte man zum Beispiel denjenigen einen Doktor, der eine Brille hatte. Man kümmerte sich nicht um das Diplom, sondern um das Exterieur. Wer sich einen Fiaker leisten konnte, war ein Adliger, ein Baron. Es war das Exterieur. Man hatte noch das Gefühl dafür, man will noch in etwas drinnen leben, was man mit Worten bezeichnet.

[ 21 ] Das ist der große Übergang zu der neueren Zeit, daß Mensch und Mensch sich ihrer inneren Anlage gemäß, gemäß dem, was die Seele fordert, hüllenlos gegenüberstehen, daß aber noch nicht die Fähigkeiten erworben sind zu einem solchen hüllenlosen Sichgegenüberstehen. Vor allen Dingen haben wir uns noch nicht die Möglichkeit erworben, ein Verhältnis zu gewinnen zwischen Ich und Ich. Das aber muß durch die Erziehung vorbereitet werden. Daher ist die Erziehungsfrage eine so brenzlige, eine so wichtige Frage.

[ 22 ] Und nun möchte ich Ihnen unverhüllt sagen, wann erst der große Fortschritt in bezug auf die Erziehungsweise an die einzelnen IchMenschen der neueren Zeit herankommen kann. Aber ich bitte, gebrauchen Sie das, was ich sagen werde, nicht gar zu sehr dazu, andere Menschen, welche heute noch die gegenteilige Meinung haben, verblüffen zu wollen; sonst kommt nichts dabei heraus, als ein ungeheures Geschimpfe über Anthroposophie. Richtig in der Erziehung werden wir erst wirken, wenn wir uns ein gewisses Schamgefühl aneignen werden, wenn wir uns schämen werden, über Erziehung überhaupt zu reden. Es ist eine verblüffende Sache, aber es ist so: Das heutige Reden über Erziehung wird einmal von einer künftigen Menschheit als schamlos angesehen werden. Heute redet jeder über Erziehung und über das, was er da für das Richtige hält. Aber Erziehung ist nicht etwas, was sich so in Begriffe fassen läßt, ist nicht etwas, dem man mit Theoretisieren beikommt. Erziehung ist etwas, in das man hineinwächst, indem man älter wird und jüngeren Leuten gegenübersteht. Und erst dann, wenn man älter geworden ist und jüngeren Leuten gegenübersteht, und durch dieses Faktum, daß man jüngeren Leuten gegenübersteht, und weil man selbst einmal jung war, an das Ich herankommt, dadurch wird die Erziehung zu einer Selbstverständlichkeit.

[ 23 ] Mir kommen heute viele Anweisungen über das Erziehungswesen gar nicht anders vor als der Inhalt des — horribile dictu — einstmals berühmten «Knigge», der auch Anweisungen gegeben hat, wie man dem erwachsenen Menschen gegenübertreten soll, und wie die Bücher über den «guten Ton». Daher ist dasjenige, was ich selbst über Erziehung gesprochen und geschrieben habe und alles, was mit dem praktischen Versuch in der Waldorfschule zusammenhängt, nur darauf berechnet, möglichst viel über Charakteristik des Menschen zu sagen, den Menschen kennenzulernen, aber nicht Anweisungen zu geben: Dies sollst du so machen, das sollst du so machen. — Menschenerkenntnis, das ist es, was man eigentlich anstreben sollte, und das übrige — wenn ich mich eines religiösen Ausdrucks bedienen darf — Gott überlassen. Richtige Menschenkenntnis macht den Menschen schon zum Erzieher, denn eigentlich sollte man das Gefühl bekommen, daß man sich schämen sollte, über Erziehung zu reden. Aber man muß ja unter den Kultureinflüssen manches tun, worüber man sich schämen müßte. Die Zeit wird aber kommen, in der man nicht mehr über Erziehung zu reden braucht.

[ 24 ] Solche Gedankenformen fehlen heute dem Menschen. Sie fehlen ihm aber im Grunde genommen erst seit etwas mehr als hundert Jahren. Denn lesen Sie sich einmal hinein in Fichte oder auch in Schiller. Da finden Sie etwas darinnen, das einem heutigen Menschen geradezu horribel erscheint. Diese Leute haben zum Beispiel über den Staat und über allerlei Einrichtungen gesprochen, wie der Staat sein sollte, und über das Ziel des Staates haben sie gesagt: Die Sittlichkeit muß so sein, daß der Staat sich überflüssig macht, daß die Menschen aus sich heraus dazu kommen können, freie Menschen zu sein, und durch ihre Sittlichkeit den Staat überflüssig machen. — Fichte sagte, daß der Staat eine Institution sein sollte, die sich selbst aus dem Sattel hebt und sich nach und nach ganz überflüssig macht. Auf den heutigen Menschen würde das einen Eindruck machen wie ein Vorkommnis bei einer herumziehenden Schauspielertruppe, die ein Stück zum fünfzigsten Male spielte und welcher der Direktor sagte: Jetzt haben wir das Stück fünfzigmal gespielt, nun können wir wohl den Souffleurkasten weglassen. — Die Schauspieler waren ganz erschrocken. Endlich raffte sich einer auf und sagte: Ja, Herr Direktor, dann wird man aber den Souffleur sehen! — So ungefähr würde das auf die heutigen Menschen wirken. Sie sehen nicht, daß der Souffleur wegbleiben kann. Der Staat hat seine beste Konstitution dann erreicht, wenn er sich überflüssig macht. Ja, aber die Regierungsräte und die Hofräte und die Geheimräte, was würden die da sagen?

[ 25 ] Man muß sich schon einmal, ich möchte sagen, aus der unmittelbaren Alltagspraxis in diesen großen Umschwung, der in den Tiefen der Seelen in unserer Zeit vor sich geht, hineinversetzen, wenn man sich klar darüber sein will, daß wir wiederum zu einem Gesichtspunkte kommen müssen, welcher das Reden über Erziehung ebenso überflüssig macht, wie es in älteren Kulturepochen gewesen ist. Früher hat man nicht über Erziehung geredet. Die Erziehungswissenschaft kam erst herauf, als man nicht mehr aus den elementarischen Menschenkräften heraus erziehen konnte. Die Sache ist viel wichtiger als man meint! Der Junge oder das Mädchen, die den Lehrer in die Klasse kommen sehen, dürfen nicht das Gefühl haben: Der erzieht nach theoretischen Grundsätzen, weil er das Unterbewußte nicht begreift. Sie wollen ein menschliches Verhältnis zu dem Lehrer haben. Das wird aber gestört, wenn Erziehungsgrundsätze vorhanden sind. Deshalb ist es von unendlicher Wichtigkeit und unbedingt notwendig, um wiederum zu einer Art selbstverständlichen Autoritätsverhältnisses der Jungen zu den Alten zu kommen, daß über Erziehung nicht so viel geredet wird, und daß es nicht notwendig ist, über Erziehung so viel zu reden oder zu denken wie heute. Denn es wird ja auf manchen Gebieten auch heute noch nach ganz gesunden Grundsätzen erzogen, obwohl sie auch schon durchlöchert werden.

[ 26 ] Theoretisch ist einem das alles ganz klar, und theoretisch weiß man schon die Sache auch so zu behandeln, wie die Gelehrtengesinnung der Gegenwart es tut. Aber praktisch ist es doch ganz gut, wenn man erlebt, wie es mir einmal bei einem Freunde passiert ist, der eine Waage neben seinem Teller stehen hatte und sich die einzelnen Nahrungsmittel zuwog, damit er die richtige Menge in seinen Organismus hineinbekomme. Physiologisch mag das ganz richtig sein. Aber denken Sie sich das einmal auf dem Gebiet der Kindererziehung, wo es ja leider geschieht, wenn auch in primitiver Weise. Da bleibt es noch immer gesünder, wenn das aus gewissen Intuitionen heraus geschieht, wenn die Eltern sich nicht ein besonderes physiologisches Werk kaufen, um daraus zu ersehen, wie sie die Kinder ernähren müssen, sondern wenn sie es aus dem Gefühl heraus beurteilen, wie sie selber einmal als Kinder gegessen haben. So handelt es sich auch darum, daß wir diese Pädagogik, die Anweisung gibt, wieviel Speisen wir in den Magen hineinbringen dürfen, überwinden, und daß wir uns durchringen dazu, uns auf dem Gebiete der Pädagogik eine wirkliche Einsicht in die menschliche Natur und Wesenheit anzueignen. Dieses Einsichtnehmen in die menschliche Natur und Wesenheit hat nämlich Folgen für das ganze menschliche Leben.

[ 27 ] Wer den Menschen wirklich kennenlernt, so wie ich es in diesen Tagen charakterisiert habe, und dabei künstlerisches Auffassen in die Erkenntnis hineinnimmt, wird durch ein solches Kennenlernen seine menschliche Natur jung erhalten. Denn es ist etwas daran: wenn wir einmal erwachsen sind, sind wir ja eigentlich schon verarmte Menschen. Es gehört doch als das Allerwichtigste zum Menschen, daß wir Wachstumskräfte in uns haben. Was wir als Kind in uns haben, ist für den Menschen das Allerwichtigste. Zu dem werden wir aber im inneren Erleben durch wahre Menschenerkenntnis zurückgeführt. Wir werden wirklich kindhaft, wenn wir richtige Menschenkenntnis uns erwerben, und dadurch geeignet, auch dem jungen Menschen und dem Kinde in der richtigen Weise gegenüberzutreten.

[ 28 ] Und das ist es, was wir erstreben müssen: nicht nur in einem egoistischen Sinne, wie das heute oft geschieht, zu sagen: «Wenn ihr nicht werdet wie dieKindlein, könnt ihr nicht in dasReich Gottes kommen», sondern es im praktischen Leben aufzusuchen. Wäre nicht heute mit uns eine regsame menschliche Kraft verbunden, die in der Kindheit in uns wirkte, so könnten wir nicht erziehen. Die Pädagogik ist ungenügend, wenn sie den Lehrer oder Erzieher bloß gescheit macht. Ich sage nicht, daß sie ihn gedankenlos machen soll. Aber gedankenlos wird man auf diese Art auch schon nicht. Die Pädagogik, die den Lehrer nur gescheit macht, ist nicht die richtige, wohl aber diejenige, die den Lehrer innerlich regsam macht, mit seelischem Lebensblut erfüllt, das regsam sich in sein physisches Lebensblut hineinergießt. Und wenn man an irgend etwas sehen kann, daß einer ein richtiger Lehrer oder Erzieher ist, so kann man es daran sehen, daß er durch seine pädagogische Kunst kein Pedant geworden ist.

[ 29 ] Nun, meine lieben Freunde, es ist vielleicht nur eine Mythologie oder etwas legendenhaft erzählt, daß da oder dort ein Pedant wirkt. Wenn die lehrenden oder erziehenden Personen Pedanten sein sollten, wenn diese Legenden und Mythologien irgendwie auf Wahrheit beruhen sollten, dann müßten wir sicher sein, daß die Pädagogik auf Abwege gekommen wäre. Um niemand zu treffen, muß ich die wirkliche Wahrheit dieser Legenden und Mythologien hypothetisch voraussetzen und sagen: Wenn es wahr wäre, daß es Pedanten und Philister unter der Lehrerschaft gibt, so würde das ein Zeichen sein, daß unsere Pädagogik im Niedergange begriffen ist. Nur dann ist die Pädagogik im Aufgange begriffen, wenn durch ihr Erleben und durch ihr ganzes Wirken Pedanterie und Philistrosität gründlich aus dem Menschen ausgetrieben werden. Der richtige Pädagoge kann kein Philister, kein Pedant mehr sein.

[ 30 ] Ich bitte Sie jetzt nur, vielleicht im Anschluß an dieses, damit Sie mich kontrollieren können in dem, was ich gemeint habe, darüber nachzudenken, aus welchem Lebensberuf heraus das Wort Pedant überhaupt gekommen ist. Vielleicht werden Sie dann etwas beitragen können zu der Erkenntnis der Tatsächlichkeit des eben Angedeuteten, über das ich mich nicht verbreiten will, weil mir ohnehin schon so vieles übelgenommen wird. Nur unter dieser Voraussetzung wäre es eine richtige Pädagogik, sonst müßte es eine richtige Pädagogik erst werden in Gemäßheit dessen, was ich in diesen Tagen gegeben habe. Und so darf ich wohl in der morgigen Stunde eine Art Abschluß dieser Unterredungen versuchen.