Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben
von alter und junger Generation
Pädagogischer Jugendkurs
GA 217
15 Oktober 1921, Stuttgart
Dreizehnter Vortrag
[ 1 ] Es wäre noch vieles zu sagen, um das in den vorangehenden Tagen vor Ihnen hier Entwickelte zu einer Art von Abschluß zu bringen. Denn indem man spricht, muß man eben die Dinge in Worte und Ideen auseinanderlegen; was man meint, ist aber der einheitliche Zug und die einheitliche Kraft, die man durch die vielen auseinandergelegten Worte und Ideen hindurchströmen lassen möchte. Damit aber vielleicht doch manches, was ich noch in vielen Worten sagen könnte und eigentlich sagen müßte, in einer gewissen Weise wiederum auch zusammenfassend gesagt wird, lassen Sie mich dasjenige, was ich heute noch zu Ihnen sprechen will, halb bildlich vorbringen. Sie werden das Halb-bildliche verarbeiten und dann vielleicht besser verstehen, was ich meine.
[ 2 ] Ich habe Sie von den verschiedensten Seiten her darauf aufmerksam gemacht, daß heute jeder Mensch, der mit der Zivilisation lebt, im Intellektualismus lebt, in jenem Begriffsleben, das sich gerade in unserem Zeitalter in intensivster, eindringlichster Weise ausgebildet hat. Die Menschheit hat es dazu gebracht, sich bis zu den abstraktesten Begriffen heraufzuarbeiten. Sie brauchen nur daran zu denken, wie in jener Zeit, die der unsrigen unmittelbar vorangegangen ist, Dante von seinem Lehrer die Welt beschrieben erhalten hat. Da war noch alles seelisch, alles geistig, und das webt noch wie ein Zauberhauch durch Dantes große Dichtung. Dann kam das Zeitalter, wo die Menschheit das innerlich Erlebte in abstrakte Begriffe gießen wollte. Begriffe haben die Menschen immer gehabt. Aber es waren, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, geoffenbarte Begriffe. Es waren nicht Begriffe, die gar keiner inneren seelischen Offenbarung mehr entsprachen. Erst als sich die Menschen zu Begriffen durchgerungen hatten, die gar keiner seelischen Offenbarung mehr entsprangen, kamen sie dazu, alle ihre Begriffe in der äußeren Naturbeobachtung, ja sogar an dem äußeren Experiment zu entwickeln und nur noch dasjenige gelten zu lassen, was von außen durch die Beobachtung aufgenommen wird.
[ 3 ] Man hat immer das Gefühl, wenn man sich in die alte Gedankenwelt vertieft, selbst in diejenige des zwölften, dreizehnten, vierzehnten Jahrhunderts, daß man da etwas hat, was sich mit dem inneren Seelenwesen verbindet. Man hat das Gefühl, daß man noch ein inneres Leben hat, ein Leben von innen heraus, ein Erleben, das dadurch entstanden ist, daß der Mensch sich damit verbunden hat.
[ 4 ] Das Begriffssystem des primitivsten Menschen ist heute von außen her erworben, von der äußeren Natur, die sinnlich beobachtet wird. Und selbst diejenigen Menschen, die heute noch in einer gewissen Gläubigkeit an den älteren Begriffen festhalten, haben zu dieser Gläubigkeit nicht mehr das intensive Verhältnis, das man früher hatte, selbst nicht der Bauer. Dem Menschen irgend etwas von außen her zu überliefern, was wissenschaftlich feststeht, was an der Natur verifiziert ist, ist heute ein Ideal, nach dem man hinstrebt. Aber Begriffe, Ideen, die aus dem Innern der Seele auftauchen, die haben ja, wie aus meiner Auseinandersetzung hervorgeht, das Eigentümliche, daß sie, indem sie aus dem inneren Seelischen sich herausringen, als Begriffe dann sterben. Und der Mensch fühlt es als richtig, daß seine Begriffe, insofern sie aus seinem Inneren heraus geboren werden, ersterben. Aber das Eigentümliche, was geschehen ist seit einigen Jahrhunderten und eben im neunzehnten Jahrhundert seine Kulmination hatte, war, daß die im Innern ersterbenden Begriffe sich an der Außenwelt wieder belebten. Wir können das wirklich an einer historischen Erscheinung nachweisen. Denken Sie einmal, wie Goethe sich aus seinem Inneren heraus eine ganze Entwickelungsanschauung gebildet hat, die in seinen Metamorphose-Begriffen gipfelt. Man hat das Gefühl, daß man sich aus dem Lebendigen herausarbeitet in das Tote, daß das aber so sein muß, weil das Lebendige Zwang ist. Freiheit konnte erst entstehen, nachdem die Begriffe zum Toten hin gekommen waren. Aber gleichzeitig haben sich diese Begriffe wieder an der äußeren Natur belebt: Indem so etwas wie der Darwinismus — auch in unserer mitteleuropäischen Zivilisatiou — an die Stelle des Goetheschen Entwickelungsgedankens tritt, haben wir Begriffe, Ideen, die an der äußeren Natur wieder Leben gewinnen. Das ist aber ein Leben, das den Menschen verschlingt!
[ 5 ] Das muß man in seiner ganzen Intensität fühlen, wie wir heute von einem Denken umgeben sind, das sich mit der Natur verbunden, von der Natur Lebenskraft gewonnen hat, das aber den Menschen verschlingt. Wie verschlingt? Nun, mit alledem, was gerade die vorgerückteste Denkweise an Ideen aus der Natur herausholt, können wir niemals den Menschen begreifen. Was gibt uns unsere großartige Entwickelungslehre? Sie zeigt uns, wie Tiere aus Tieren sich entwickeln. Dann steht der Mensch vor uns, aber doch nur als Schlußpunkt der Tierreihe und nicht, wie er als Mensch ist.
[ 6 ] Das sagt uns die heutige Zivilisation. Frühere Zivilisationen begriffen vom Menschen aus die Naturreiche; unsere Zivilisation heute begreift den Menschen von der Natur aus als das höchste Tier. Aber was sie nicht begreift, das ist, inwiefern die Tiere unvollkommene Menschen sind. Wenn wir uns in unserer Seele erfüllen mit dem, was unser Denken an der Natur geworden ist, dann erscheint uns in dem Bilde des den Menschen verschlingenden Drachens dasjenige, was heute gerade das Intensivste in unserer Zivilisation ist. Wir fühlen uns als Mensch einem Wesen gegenüber, das uns verschlingt.
[ 7 ] Sehen Sie nur einmal, wie dieses Verschlingen Platz gegriffen hat. Indem seit dem fünfzehnten Jahrhundert die Naturwissenschaft sich immer weiter und weiter auf geradezu triumphale Art ausgebildet hat, ist die Menschenkunde immer mehr in Verfall geraten. Die Menschen konnten sich nur mit Mühe gegenüber dem ihr innerstes Leben verschlingenden Drachen halten, indem sie die alten, aber nicht mehr lebendigen Traditionen aufbewahrten und fortpflanzten. Und im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts stand der Drache, der das menschliche Seelenleben in der furchtbarsten Weise zu verschlingen drohte, mit besonderer Intensität vor den Menschen. Diejenigen, die noch ein volles seelisches Leben in sich hatten, fühlten, wie der Drache, der zum Tode bestimmt war, in der neuesten Zeitentwickelung durch Beobachtung und Experiment Leben gewonnen hatte, aber ein Leben, das den Menschen verschlingt.
[ 8 ] In älteren Zeiten war der Mensch an dem Hervorbringen des Drachens noch beteiligt, doch hatte er die nötige Dosis von Todeskraft mitbekommen, so daß er ihn noch bezwingen konnte. Der Mensch hat damals dem Erleben nur soviel Intellektualität mitgegeben, daß er sie noch durch die Herzenskräfte überwinden konnte. Jetzt ist der Drache streng objektiv geworden, jetzt lebt er so, daß er uns von außen begegnet und uns als seelisches Wesen verschlingt.
[ 9 ] Das war im wesentlichen die Signatur der Zivilisation vom fünfzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein: Wir sehen sie nur richtig, wenn wir auf das Bild des Drachens hinschauen, das in alten Zeiten prophetisch gemeint war und hindeutete auf das, was in zukünftiger Zeit erst kommen wird. Aber jene alten Zeiten waren sich bewußt, daß, indem sie den Drachen aus sich heraus gebären, sie auf der anderen Seite den Michael oder den St.Georg gebären, nämlich das, was den Drachen überwinden kann.
[ 10 ] Vom fünfzehnten bis ins neunzehnte Jahrhundert wurde die Menschheit dem Drachen gegenüber ohnmächtig. Es war das Zeitalter, das nach und nach ganz dem Glauben an die materielle Welt verfallen ist. Dadurch ist dieses Zeitalter in seinem Innersten seelenhaft so ertötet worden, daß in bezug auf die innersten Seelenschätze keine Wahrhaftigkeit mehr da war. Eine Zeit, welche die Welt herausentstehen läßt aus dem Kant-Laplaceschen Urnebel, der sich zusammenballt und in seiner Zusammenballung die Lebewesen und zuletzt die Menschen hervorbringt, muß sagen: Ein solches Zusammenwirken kann schließlich auch nur in den Wärmetod hinein verschwinden. Aber dann wird auch das tot sein, was die Menschen sich moralisch erarbeitet haben! Wenn man immer wieder versucht hat, den Beweis zu liefern, die moralische Weltordnung könne Platz haben in einer Welt, an deren Anfange der sogenannte Kant-Laplacesche Urnebel und an deren Ende der Wärmetod steht, so ist das nicht aufrichtig. Und schon gar nicht aufrichtig und gar nicht ehrlich ist es, die moralische Entwickelung so aufzufassen, daß sie aufsteigt mit den Infusorien und verschwindet, wenn der Wärmetod den Untergang bewirken wird.
[ 11 ] Und warum kam man zu einer solchen Weltanschauung? Warum lebt das heute im Grunde genommen in allen Seelen? Weil bis in die äußerste Landhütte, wenn es auch nicht bewußt wird, der Drache hindurchdringt und das Herz ertötet. Und warum ist das so? Weil der Mensch den Menschen nicht mehr erfassen kann. Was geschieht denn im Menschen? Im Menschen geschieht in jedem Augenblick etwas, was sonst nirgends in der irdischen Umwelt geschieht: Der Mensch nimmt die Nahrungsmittel aus der äußeren Umwelt auf, er nimmt sie auf aus dem Lebensreiche und nur weniges aus dem toten Reiche; aber indem die Nahrungsmittel durch den Verdauungsapparat dringen, werden auch die lebendigsten Nahrungsmittel ertötet. Der Mensch zerstört das, was er lebendig aufnimmt, vollständig, um dem Ertöteten das eigene Leben einzuflößen, und erst wenn die Nahrungsmittel in die Lymphgefäße übergehen, wird im Innern des Menschen das Tote wiederum lebendig gemacht.
[ 12 ] Im ganzen durchseelten und durchgeistigten organischen Prozeß — wenn man die Menschenwesenheit ganz erkennt und durchschaut, so stellt sich das heraus — wird die Materie vollständig vernichtet, um neu geschaffen zu werden. Wir haben im menschlichen Organismus immer einen Vernichtungsprozeß der Materie, damit diese Materie neu geschaffen werden kann. In uns wird fortgesetzt Materie in Nichts verwandelt und wiederum neu geschaffen.
[ 13 ] Zu dieser Erkenntnis wurde die Tür dicht verriegelt im neunzehnten Jahrhundert, in dem man zu dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft gekommen ist und glaubte, die Materie erhalte sich auch durch den menschlichen Organismus hindurch. Die Statuierung des Gesetzes von der Erhaltung der Materie ist ein deutlicher Beweis dafür, daß man den Menschen nicht innerlich erkennt.
[ 14 ] Nun stellen Sie sich aber vor, wie unendlich schwierig es ist, heute nicht für einen Toren gehalten zu werden, wenn man gegen dasjenige kämpft, was in der heutigen Physik als das Sicherste angesehen wird! Das Gesetz von der Erhaltung der Materie und der Erhaltung der Kraft bedeutet nichts anderes, als daß die Naturwissenschaft den Weg zum Menschen dicht verriegelt hat. Da hat der Drache die menschliche Natur ganz verschlungen. Aber der Drache muß besiegt werden, und deshalb muß die Erkenntnis Platz greifen, daß das Bild von dem Michael, der den Drachen besiegt, nicht nur ein altes Bild ist, sondern ein Bild, das in unserer Zeit den höchsten Grad seiner Realität erreicht hat. Ältere Zeiten haben es ausgebildet, weil die Menschen in sich noch den Michael fühlten als etwas, was sie unbewußt durchdrang und unbewußt das überwindet, was aus der bloßen Intellektualität kommt. Jetzt ist der Drache ganz äußerlich geworden. Jetzt begegnet uns der Drache von außen und droht fortwährend, den Menschen zu ertöten. Aber der Drache muß besiegt werden, und er kann nicht anders besiegt werden, als indem wir gewahr werden, wie auch der Michael, der St.Georg, von außen kommt. Und dieser Michael, dieser St.Georg, der von außen kommt, der imstande ist, den Drachen zu besiegen, ist nichts anderes als eine wirkliche geistige Erkenntnis, die auch noch dieses Lebenszentrum, das aber für das Innere des Menschen ein Todeszentrum ist — das sogenannte Gesetz von der Erhaltung der Energie — besiegt, so daß die Menschen bis in die Erkenntnis hinein wieder Menschen sein können. Heute dürfen sie es nicht; denn wenn es ein Gesetz von der Erhaltung der Materie und der Erhaltung der Kraft gibt, so zerfließt das moralische Gesetz in den Wärmetod, und die Kant-Laplacesche Theorie ist keine Phrase.
[ 15 ] Daß man immer zurückgeschreckt ist vor dieser Konsequenz, das ist das Unwahre, das bis in das menschliche Herz, bis in die menschliche Seele gedrungen ist, alles am Menschen ergriffen und ihn zu einem unwahren Menschen auf dem Erdenrund gemacht hat. Wir müssen den Aufblick zu Michael gewinnen, der uns zeigt, daß das, was auf der Erde materiell da ist, nicht bloß durch den Wärmetod durchgeht, sondern einmal wirklich zerstiebt, und daß wir imstande sind, durch Verbindung mit der geistigen Welt mit unseren moralischen Impulsen Leben zu pflanzen. Und da tritt ein die Umbildung dessen, was in der Erde ist, in das neue Leben, in das Moralische. Denn Realität der moralischen Weltordnung ist dasjenige, was der an uns herantretende Michael uns geben kann. Das können die alten Religionen nicht, denn sie haben sich von dem Drachen besiegen lassen. Sie nehmen einfach den Drachen, der den Menschen ertötet, hin und begründen neben dem Drachen irgendeine besondere, abstrakt-moralische, göttliche Ordnung. Aber der Drache duldet so etwas nicht; der Drache muß besiegt werden. Er duldet nicht, daß man bloß neben ihm etwas begründet. Denn was der Mensch braucht, ist die Kraft, die er aus der Besiegung des Drachens gewinnen kann.
[ 16 ] Sie sehen, wie tief das Problem gefaßt werden muß. Aber was hat die neuzeitliche Zivilisation uns gegeben? Das hat sie uns gegeben, daß uns jede Wissenschaft eine Metamorphose des Drachens war, daß uns alle äußere Kultur auch ein Ergebnis des Drachens war. Gewiß, der äußere Weltmechanismus, der nicht nur in der Maschine, sondern auch in unserem ganzen sozialen Organismus lebt, ist mit Recht ein Drache, Aber der Drache tritt uns ja auch sonst überall da entgegen, wo die heutige Wissenschaft von dem Ursprunge des Lebens, von der Verwandlung der Lebewesen, von der menschlichen Seele zu uns spricht. Auch wo über Geschichte gesprochen wird, ist das Ergebnis ein solches, daß es eigentlich vom Drachen ausgeht. Und das war so arg geworden im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts, um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts und in das zwanzigste Jahrhundert hinein, daß der aufwachsende Mensch, der danach gelechzt hat, etwas zu erfahren von dem, was die älteren Menschen wußten, überall, in der Botanik, Zoologie, Geschichte und so weiter, aus allen Wissenschaften den Drachen sich entgegenkommen sah, denjenigen sich entgegenkommen sah, der eigentlich das innerste Wesen seiner Seele verschlingen will.
[ 17 ] Im intensivsten Grade real ist der Kampf des Michael mit dem Drachen erst in unserem Zeitalter geworden. Und wenn man in das geistige Gefüge der Welt eindringt, so findet man, daß gleichzeitig mit derKulmination der Macht des Drachens auch das Eingreifen des Michael, mit dem wir uns verbinden können, um die Wende des neunzehnten, zwanzigsten Jahrhunderts eingetreten ist. Der Mensch kann, wenn er will, Geisteswissenschaft haben, das heißt, Michael dringt wirklich aus den geistigen Reichen bis in unser Erdenreich herein, doch drängt er sich uns nicht auf, denn heute muß alles aus der Freiheit des Menschen entspringen. Der Drache aber drängt sich vor, er fordert die höchste Autorität. Es hat niemals in der Welt eine so mächtig auftretende Autorität gegeben wie diejenige, die heute von der Wissenschaft ausgeübt wird. Vergleichen Sie sie mit der päpstlichen Autorität; sie ist fast ebenso groß. Man kann der dümmste Kerl sein, aber man kann sagen: Die Wissenschaft hat festgestellt. — Denken Sie nur, wie die Menschen von der Wissenschaft mundtot gemacht werden, auch wenn man etwas Wahres sagt. Es gibt keine erdrückendere Autorität in der ganzen Menschheitsentwickelung als diejenige der heutigen Wissenschaft. Überall springt einem der Drache entgegen.
[ 18 ] Es gibt kein anderes Mittel dagegen, als sich mit Michael zu verbinden, das heißt, sich mit dem geistigen Weben und Wesen der Welt in wirklicher Erkenntnis zu durchdringen. Erst Jetzt steht dieses Bild des Michael so recht vor uns, und erst jetzt ist es unsere ureigenste Menschenangelegenheit geworden. In alten Zeiten hat man dieses Bild noch im Imaginativen gesehen. Heute ist das für das äußereBewußtsein nicht möglich. Daher kann jeder Tor sagen, es sei eine Unwahrheit, wenn man die äußere Wissenschaft als den Drachen bezeichne. Aber sie ist der Drache.
[ 19 ] Diejenigen, welche mit der Wissenschaft aufgewachsen sind und von dem Drachen nicht so in Bann gehalten wurden, daß sie sich ruhig verschlingen ließen, die nicht so weit gehen konnten, das Seelische durch allerlei Apparate erforschen zu lassen, um Gedächtnis- und Erinnerungsvermögen zu prüfen, diejenigen, die mit ihr aufgewachsen sind als Menschen, aber denen nicht mehr gesagt wurde, was der Mensch ist, weil es nicht mehr gewußt wurde, weil der Drache den Menschen verschlungen hat, die sahen sich zunächst dem Drachen gegenüber und sahen noch nicht den Michael. Das ist es, was in den Herzen vieler Menschen gerade im Beginne des zwanzigsten Jahrhunderts lebte, daß sie gefühlsmäßig-instinktiv den Drachen vor sich sahen, aber nicht den Michael sehen konnten. Daher gingen sie so weit als möglich von dem Drachen weg. Sie wollten sich ein Land suchen, wo der Drache nicht hinkommen kann, sie wollten nichts mehr wissen von dem Drachen. Und so sehen wir, wie die Jugend dem Alter entläuft, weil sie aus dem Gebiete des Drachens herauskommen will. Das ist auch eine Seite der Jugendbewegung. Die Jugend wollte dem Drachen entfliehen, weil sie keine Möglichkeit sah, den Drachen zu besiegen. Sie wollte irgendwo hingehen, wo der Drache nicht war.
[ 20 ] Aber da gibt es nun ein Geheimnis und das besteht darin, daß der Drache seine Macht überall ausüben kann, auch da, wo er nicht räumlich vorhanden ist. Und wenn es ihm nicht gelingt, direkt durch Ideen, durch den Intellektualismus den Menschen zu ertöten, dann gelingt es ihm dadurch, daß er überall in der Welt die Luft so dünn gemacht hat, daß man in ihr nicht mehr atmen kann. Und das wird wohl das Wesentliche sein: Diejenige Jugend, die hinweggegangen war von dem Drachen, um von ihm keinen Schaden zu erleiden, und die dadurch, daß sie in eine zu dünne Lebensluft gekommen ist, keine Zukunft atmen konnte, die fühlte höchstens den Albdruck der Vergangenheit, weil die Luft auch in jenen Gegenden ungesund geworden war, wo man sich dem unmittelbaren Einflusse des Drachens entziehen konnte. Aber der Albdruck, der von innen kommt, ist in bezug auf die menschlichen Erlebnisse nicht viel anders als der Druck, der von außen, von dem Drachen kommt.
[ 21 ] So war es das unmittelbare Dem-Drachen-Ausgesetztsein, was eine ältere Generation im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts fühlte, und es war der Albdruck der durch den Drachen verdorbenen Luft, die keine Atemluft abgab, den dann die Jugend erlebte. Hier hilft nur dasFinden desMichael, der den Drachen besiegt. Denn man braucht die Kraft des Drachenbesiegers, weil der Drache ja sein Leben aus einer ganz anderen Welt erhält als diejenige ist, in der die Menschenseele leben kann. Die Menschenseele kann nicht leben in der Welt, aus der der Drache sein Lebensblut entnimmt; aber der Mensch muß in der Überwindung des Drachens die Kraft gewinnen, um leben zu können. Daher sagen wir heute richtig: Jenes Zeitalter, vom fünfzehnten bis neunzehnten Jahrhundert, das den Menschen so entwickelt hat, daß alles aus ihm herausging, muß überwunden werden. Es muß das Zeitalter des Michael beginnen, der den Drachen besiegt. Denn des Drachens Macht ist groß geworden!
[ 22 ] Das ist es aber auch, was wir insbesondere zuwege bringen müssen, wenn wir richtige Führer der Jugend werden wollen. Denn Michael brauchtgewissermaßen einen Wagen, durch den er in unsere Zivilisation hereinkommt. Und dieser Wagen ist dasjenige, was sich dem wirklichen Erzieher enthüllt, wenn es aus dem jugendlichen, werdenden Menschen hervortritt, ja schon aus dem Kinde. Da arbeitet noch das, was Kraft des vorirdischen Lebens ist. Da ist es real vorhanden, was, wenn wir es pflegen, für Michael der Wagen wird, mit dem er in unsere Zivilisation hereinfahren wird. Erziehen wir in der richtigen Weise, so bereiten wir Michael das Fahrzeug, damit er hereinkommen kann in unsere Zivilisation.
[ 23 ] Wir dürfen nicht weiterhin den Drachen pflegen, indem wir eine Wissenschaft mit Gedankenformen ausbilden, bei denen wir gar nicht daran denken, daß sie eindringen wollen in eine Menschenseele, in den Menschenkörper, in den Menschen selber und den Menschen heranbilden wollen. Wir müssen Michael den Wagen, das Fahrzeug bauen. Dazu brauchen wir lebendige Menschlichkeit, wie sie aus übersinnlichen Welten in das irdische Menschenleben sich hineinlebt und darinnen sich manifestiert, gerade in den ersten Zeiten des Menschenlebens. Aber wir müssen ein Herz haben für eine solche Erziehung. Wir müssen gewissermaßen lernen — wenn wir im Bilde sprechen —, uns zum Bundesgenossen des hereinziehenden Michael zu machen, wenn wir richtige Erzieher werden wollen. Mehr als mit allen theoretischen Grundsätzen ist für die Erziehungskunst getan, wenn dasjenige, was wir in uns aufnehmen, so wirkt, daß wir uns als Bundesgenossen Michaels fühlen, des auf die Erde hereinfahrenden Geisteswesens, dem wir das Fahrzeug bereiten durch eine lebendige, künstlerisch geführte Erziehung der Jugend. Was uns aus diesem Impuls werden kann, ist viel besser als alle theoretischen Erziehungsgrundsätze. Wir müssen dahin gelangen, daß wir aufschauen zu dem mit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in unsere altgewordene Drachenkultur hereinstrebenden Michael.
[ 24 ] Das ist der eigentliche Grundimpuls aller Erziehungslehre. Wir müssen diese Erziehungskunst nicht aufnehmen als eine "Theorie, nicht als etwas, was wir lernen können. Wir müssen sie aufnehmen wie etwas, mit dem wir uns verbünden, dessen Ankunft wir begrüßen, das nicht wie tote Begriffe, sondern wie ein lebendiges Geistwesen zu uns kommt, dem wir unsere Dienste anbieten, weil wir sie ihm anbieten müssen, wenn die Menschheit den Fortgang ihrer Entwickelung finden soll. Das heißt: Erkenntnis wiederum zum Leben erwecken, mit aller Bewußtheit wieder heraufbringen, was im Unbewußten einmal in der Menschheit da war.
[ 25 ] Meine lieben Freunde! In alten Zeiten, als das atavistische Hellsehen unter den Menschen noch heimisch war, hat es Mysterienstätten gegeben. In diesen Mysterienstätten, die gleichzeitig Kirche, Schule und Kunststätte waren, suchten diejenigen, die dort ihre menschliche Entwickelung durchmachten, auch an die Kräfte der Erkenntnis heranzukommen, aber eben mehr in seelischer Weise. In diesen Mysterienstätten war damals so mancherlei anzutreffen aber eine Bibliothek in unserem Sinne gab es nicht. Mißverstehen Sie mich nicht: eine Bibliothek in unserem Sinne gab es nicht. Etwas Bibliothekartiges, das heißt Dinge, die aufgeschrieben waren, gab es wohl, aber alles Aufgeschriebene war da, um gelesen zu werden, um auf Seelen zu wirken. Heute ist ein großer Teil des Bibliothekmaterials nur da, um aufgespeichert, nicht um gelesen zu werden. Man nimmt es sich nur vor, wenn man eine Dissertation zu schreiben hat, weil man es da berücksichtigen muß. Aber man möchte am liebsten die Lebendigkeit ganz ausschalten. Ganz Mechanisches soll hineinkommen in die Dissertationen. Man will, daß der Mensch möglichst wenig Anteil daran habe. Es ist aller Anteil des Menschen an der Geistigkeit aus dem Menschen herausgerissen.
[ 26 ] Das muß wiederkommen und jetzt in voller Bewußtheit: daß die Geistigkeit ein Lebendiges wird, daß wir nicht bloß erfahren, was äußerlich mit den Sinnen gesehen werden kann, sondern daß wir wieder erfahren, was im Geiste geschaut werden kann. Es muß das Zeitalter des Michael eintreten. Im Grunde genommen ist alles, was den Menschen vom fünfzehnten Jahrhundert an zuteil geworden ist, von außen eingeflossen. Im Zeitalter des Michael wird der Mensch sein eigenes Verhältnis zur geistigen Welt finden müssen. Und Wissen, Erkennen wird in einer ganz anderen Weise wertvoll werden.
[ 27 ] Sehen Sie, was von den alten Mysterien in den Bibliotheken war, waren mehr Denkmäler, in denen aufgezeichnet wurde, was in die Erinnerung aller übergehen sollte. Mit unseren Büchern lassen sich jene Bibliotheken gar nicht vergleichen. Denn alle Mysterienführer haben ihre Zöglinge zu einer anderen Lektüre angewiesen. Sie haben gesagt: Es gibt eine Bibliothek — und diese Bibliothek sind die Menschen, die draußen herumlaufen. An denen lernt lesen! Lernt lesen die Geheimnisse, die in jedem Menschen eingezeichnet sind! — Dazu müssen wir wieder kommen. Wir müssen nur gewissermaßen von einer andern Seite dazu kommen, so dazu kommen, daß wir als Erzieher wissen: Alle Erkenntnis, alles Wissen als Aufstapelung hat keinen Wert. Da ist es tot und bekommt sein Leben nur vom Drachen. Wir aber müssen, indem wir überhaupt «wissen» wollen, die Empfindung haben, daß dieses Wissen etwas ist, was nicht da und dort aufgestapelt werden kann, weil es gleich auseinanderfließen würde. Wir müssen lernen, daß in der Literatur dasjenige, was Geist ist, eigentlich nur angedeutet werden kann.
[ 28 ] Wie können Sie in einem Buche das wirklich umfaßt haben, was Geist ist? Ist doch das Geistige ein Lebendiges! Das Geistige gleicht nicht den Knochen, es gleicht dem Blute. Und das Blut braucht Gefäße, in denen es rinnt. Was wir als Geistiges erkennen, braucht Gefäße. Diese Gefäße sind die aufwachsenden Menschen. Da müssen wir es hineingießen, damit es überhaupt zusammenhält. Sonst müssen wir den Geist haben als etwas, das so lebendig ist, daß es gleich zerrinnt. Wir müssen alle unsere Erkenntnisse schon so bewahren, daß sie rinnen können in den sich entwickelnden Menschen. Dann werden wir Michael das Fahrzeug zimmern, werden die Genossen des Michael werden können. Und dasjenige, was Sie wollen, meine lieben Freunde, werden Sie am besten dadurch erreichen, daß Sie sich bewußt werden: Sie wollen Genossen des Michael werden.
[ 29 ] Sie müssen wiederum dazu kommen, folgen zu können einem rein geistigen Wesen, das nicht auf der Erde verkörpert ist, und Sie werden lernen müssen, an einen Menschen dadurch zu glauben, daß er Ihnen den Weg zu dem Michael vermittelt. Die Menschheit muß in einer neuen, lebendigen Weise das Christus-Wort verstehen: «Mein Reich ist nicht von dieser Welt.» Dadurch ist es nämlich erst recht von dieser Welt! Denn der Mensch ist dazu da, daß er den Geist, der nicht ohne ihn in dieser Welt ist, zum Inhalt dieser Welt mache. Der Christus ist selber auf die Welt gekommen. Nicht hat er den Menschen zu einem irdischen Leben in den Himmel genommen, sondern der Mensch muß sein irdisches Leben durchdringen mit einer Geistigkeit, die mitteilbar ist und die dem Menschen wiederum die Möglichkeit gibt, den Drachen zu besiegen.
[ 30 ] So etwas muß man so gründlich verstehen, daß man sich selbst die Frage beantworten kann, warum sich die Menschen im zweiten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts zerfleischt haben. Sie haben sich zerfleischt, weil sie den Kampf auf ein Gebiet getragen haben, wo er nicht hingehört, weil sie den eigentlichen Feind, den Drachen, nicht gesehen haben. Zu seiner Besiegung gehören die Kräfte, die erst dann, wenn sie in der richtigen Weise entwickelt werden, auf die Erde den Frieden bringen werden.
[ 31 ] Kurz, wir müssen ernst nehmen das Einziehen in das Michaelszeitalter. Erst wenn mit den Mitteln der Gegenwart erreicht wird, daß den Menschen wiederum das Bild umschwebt des von Lichtglanz umflossenen starken Michael, der den die Menschheit aussaugenden Drachen zu besiegen vermag durch dieKraft des zu lebendigem Seelenleben sich entwickelnden Menschen — erst wenn man dieses Bild viel lebendiger, als man es früher vor Augen hatte, in seine Seele wieder aufnehmen kann, werden einem die Kräfte kommen, innere Regsamkeit zu entwickeln, weil man sich in der Genossenschaft des Michael weiß. Dann erst wird man teilnehmen an allem, was Fortschritt und zwischen den Generationen Frieden bringen kann, was die Jugend dahin bringt, auf das Alter hinzuhören, was macht, daß die Alten etwas zu sagen haben, was die Jugend wissen und aufnehmen will.
[ 32 ] Weil das Alter der Jugend den Drachen entgegengehalten hat, floh sie in luftarme Gegenden. Erst wenn nicht der Drache entgegengehalten wird, sondern aus der Kraft des Michael heraus dasjenige gefunden werden kann, was ihn austilgt, dann wird eine echte Jugendbewegung ihr wahres Ziel erringen. Das wird sich darin offenbaren, daß die Generationen sich etwas zu sagen haben, daß die Generationen etwas voneinander aufnehmen können. Denn in Wahrheit nimmt der Erzieher, wenn er nur ein ganzer Mensch ist, für sich ebensoviel von dem Kinde, als er dem Kinde gibt. Wer nicht vom Kinde lernen kann, was es ihm als Botschaft herunterbringt aus der geistigen Welt, kann dem Kinde auch nichts beibringen über die Geheimnisse des Erdendaseins. Nur wenn das Kind unser Erzieher wird, indem es Botschaften aus der geistigen Welt herunterbringt, wird es sich bereitfinden, die Botschaften, die wir ihm aus dem Erdenleben entgegenbringen, aufzunehmen.
[ 33 ] Goethe hat nicht um eines bloßen Symboles willen überall nach Dingen gesucht, die so sind wie etwa das Atmen — Ausatmen, Einatmen, Ausatmen, Einatmen —, sondern Goethe sah das ganze Menschenleben im Bilde vom Nehmen und Geben. Jeder gibt und jeder nimmt. Jeder Gebende wird ein Nehmender. Aber damit das Nehmen und das Geben in einen richtigen Rhythmus komme, dazu ist notwendig, daß wir in das Michaelzeitalter eintreten.
[ 34 ] So möchte ich mit diesem Bilde schließen, damit Sie sehen, wie eigentlich die vorhergehenden Betrachtungen gemeint waren. Sie waren so gemeint, daß Sie nicht dasjenige, was ich hier gesprochen habe, in Ihren Köpfen davontragen und darüber nachdenken, sondern was ich wünsche ist, daß Sie etwas in Ihren Herzen haben, und daß Sie das, was Sie in ihren Herzen tragen, in Wirksamkeit umsetzen. Was der Mensch im Kopfe trägt, verliert er unterwegs. Aber was er in das Herz aufnimmt, das bewahrt das Herz in alle Wirkungskreise hinein, in die der Mensch versetzt werden wird. Wenn es möglich ist, daß dasjenige, was ich zu Ihnen habe sagen dürfen, von Ihnen nicht bloß mit den Köpfen weggetragen wird — denn da würde es sicher sehr bald verloren sein —, wenn es hinweggetragen wird mit Ihren Herzen, mit Ihrem ganzen Menschen, dann, meine lieben Freunde, haben wir hier in der richtigen Weise miteinander gesprochen.
[ 35 ] Und von diesem Gesichtspunkte, aus diesem Gefühl, aus dieser Empfindung heraus möchte ich heute Ihren Herzen den Abschiedsgruß sagen, indem ich Ihnen zurufe: Nehmen Sie das, was ich in Worten auszusprechen versuchte, so hin, als ob ich vor allem etwas in Ihre Herzen hätte dringen lassen wollen, was in Worten nicht ausgesprochen werden kann. Wenn sich die Herzen nur ein bißchen zusammengefunden haben mit dem, was hier als lebendiger Geist gemeint ist, dann ist, wenigstens zu einem Teile, erfüllt, was wir erreichen wollten, als wir hier zusammenkamen. Mit diesem Gefühl wollen wir auseinandergehen, mit diesem Gefühle wollen wir aber auch wieder zusammenkommen. So werden wir den Zusammenhang im Geiste finden, wenn wir auch auf den verschiedensten Gebieten des Lebens einzeln wirken. Die Hauptsache wird sein, daß wir uns gefunden haben in unseren Herzen. Dann wird auch einfließen das Geistige, das Michaelhafte in unsere Herzen.
