Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a
1 Oktober 1920, Dornach
2. Das Menschlichwerden des wissenschaftlichen Lebens
[ 1 ] Meine lieben Kommilitonen! Es geht aus manchen Ausführungen dieser Art das eine hervor, daß tatsächlich mit allem Nachdruck bei dem, was wir uns hier denken als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, auf Sie gerechnet ist. Wir rechnen mit allem Nachdruck auf Sie aus dem Grunde, weil ja, wenn dem drohenden Untergang der abendländischen Zivilisation entgegengearbeitet werden soll, das tatsächlich nur — so wie die Verhältnisse heute einmal liegen — von der Wissenschaft herkommen kann. Bedenken Sie, daß dasjenige, was uns in die heutige Lage hineingebracht hat, ja doch im Grunde auch von der Wissenschaft herkommt. Ich will da viel weniger auf das hinweisen, was eigentlich sozusagen auf der flachen Hand liegt: daß die zerstörenden Anti-Kultureinrichtungen der neuesten Zeit ja im Grunde genommen wissenschaftliche Ergebnisse sind. Darüber kann man sich ja auf leichte Weise Vorstellungen machen, so daß wir das hier nicht zu besprechen haben. Aber etwas anderes wollen wir doch ins Auge fassen. Sehen Sie, das Proletariat, das hat heute, wenn ich mich des grotesken Ausdrucks bedienen darf, eine Art Januskopf. Es ist ganz richtig, daß man das Proletariat unbedingt heranzuziehen hat, wenn es sich heute um eine Neugestaltung der Verhältnisse handelt. Das ist wiederum etwas, was so selbstverständlich wie nur möglich ist. Und ich darf ja vielleicht daran erinnern, daß es in Stuttgart unter der näheren und weiteren Umgebung am meisten verschnupft hat, als ich einmal in einem öffentlichen Vortrag ein gewisses Wort gesagt habe, das aber, wie ich glaube, aus einer wirklichen Erkenntnis der gegenwärtigen Verhältnisse heraus schon gesprochen ist. Ich habe nämlich gesagt, daß das Bürgertum zunächst leidet an einem dekadenten Gehim, und daß es unbedingt angewiesen ist darauf, die Gehirnarbeit zu ersetzen durch die Arbeit des Äthergehirnes, durch etwas Vergeistigtes. Das ist so offenbar, wie nur irgend etwas offenbar sein kann. Dagegen hat der Proletarier unter der gegenwärtigen vertikalen Völkerwanderung ein noch nicht dekadentes Gehirn. Er kann noch aus dem physischen Gehirn heraus arbeiten, wenn man ihn nur dazu gewinnt. — Das hat natürlich sehr stark verschnupft in Bürgerkreisen der näheren und ferneren Umgebung. Aber heute handelt es sich nicht darum, ob man die Leute mehr oder weniger verschnupft, sondern darum, daß die Wahrheit an den Tag kommt.
[ 2 ] Nun aber zeigt eben das Proletariat dieses. Auf der einen Seite werden die Proletarier stets geneigt sein, sich zu sagen: Ja, wir wollen nichts wissen von dem, was ihr uns da bringt. Das ist für uns zu schwierig; das interessiert uns zunächst nicht. Aber auf der anderen Seite sind diese Proletarier ganz gespeist mit Abfallprodukten der Wissenschaft des 19. Jahrhunderts und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie arbeiten ja nur mit dem, was davon abgefallen ist. Wir müssen uns schon dazu durchringen, die Sache so anzusehen. Wir müssen uns sagen: Gewiß, es wird recht schwer sein, mit dem, was wir in ganz ernsthafter Weise aus der Wissenschaft herausarbeiten, ins Proletariat hineinzukommen. Aber wenn wir nicht nachlassen, wenn wir nicht uns zurückschrecken lassen, sondern auf dieser sozialen Aktion fußen: wir müssen von der Wissenschaft aus das Proletariat gewinnen! — dann werden wir auch ebenso sicher mit etwas Gesundem unter das Proletariat kommen, wie man unter das Proletariat gekommen ist mit Marzismus und Bolschewismus. Es handelt sich nur darum, daß wir nicht zu früh überhaupt die Puste verlieren, daß wir tatsächlich das einmal als richtig Eingesehene unbedingt durchführen. Das war ja auch immer und immer mein Grundsatz in der anthroposophischen Arbeit. Daher habe ich nie Kompromisse geschlossen, sondern mir eben — es ging nicht anders — ganz mit voller Einsicht in die Sache Feinde gemacht, indem ich alles das, was dilettantisch heraufgekommen ist, einfach abgestoßen habe. Und wenn es einem der Mühe wert wäre, könnte man sehr leicht den Nachweis führen, daß das Gros der gegenwärtigen Feinde solche Leute sind, die einmal wegen Überdilettantismus zurückgestoßen worden sind. Sie würden schon sehen, wenn Sie auf die Einzelheiten eingehen, daß die Sache so ist. Man braucht dazu nur einen Gedächtnisersatz zu haben. Das Gedächtnis ist ja nicht mehr so stark ausgebildet! Wenn man an geisteswissenschaftliche Schulung herankommt, weiß man das. Dann weiß man die Feinde zu taxieren. Sie tauchen aus Untiefen oft nach Jahren auf.
[ 3 ] Deshalb müssen Sie nicht zurückschrecken vor einem machtvollen Einhalten des einmal als richtig Erkannten, dann wird es auch mit dem Proletariat gehen. Denn das Proletariat leidet nur an einem übertriebenen Autoritätsgefühl. Sobald man es aber für sich haben würde, würde man es gewinnen. Es ist heute noch schwer, den Leuten klar zu machen, daß ihre Führer von unten bis oben ihre größten Feinde sind; daß sie Schädlinge sind. Das muß man aber den Leuten auch nach und nach beibringen; dann wird es schon gehen. Dann wird man wahrscheinlich eben dem Proletariat für diese gesunde wissenschaftliche Arbeit Interesse geben, die wir wissenschaftlich uns erarbeiten. Dann wird man gerade im Proletariat ein außerordentlich gutes Publikum haben. Und für lange Zeit hinaus wird das Proletariat in seiner Masse selbstverständlich gerade «Publikum» sein müssen.
[ 4 ] Nun möchte ich aber noch auf etwas anderes hinweisen. Sehen Sie, ich habe mich seit den Jahren, die ich in der anthroposophischen Bewegung tätig bin, eigentlich immer bemüht, in einer gewissen Richtung zu wirken, die darin bestand, zusammenzubringen das Anthroposophische mit dem speziell Wissenschaftlichen. Ich könnte Ihnen Spezialbeispiele hier vorweisen von den Schwierigkeiten, die sich da immer entgegengestellt haben. Es kam zum Beispiel vor vielen Jahren heran ein Gelehrter, der ein außerordentlich gelehrtes Haus war in bezug auf Orientalismus und Assyriologie. Auf der anderen Seite war er begeistert für Anthroposophie. Es wäre ja selbstverständlich gewesen, daß einer, der nun wirklich als Gelehrter den Orientalismus und so weiter im kleinen Finger hatte und auf der anderen Seite begeistert war für Anthroposophie, daß der diese zwei Dinge nebeneinander bearbeitete. Dazu war er aber nicht zu bringen; der Mann konnte nicht dazu gebracht werden, daß er eine Brücke schlug von einem Gebiet zum andern. Er konnte in beiden vorwärtskommen, aber er konnte nicht eine Brücke schlagen. Dennoch muß es da auch wiederum sein, daß diese Brücke absolut versucht werden muß. Und man findet sie; man findet durch Anthroposophie den Eingang in jede einzelne Wissenschaft.
[ 5 ] Andererseits habe ich einen ganz bekannten Professor der Botanik gefunden, der auch ein begeisterter 'Theosoph war. Der betreffende Mann schrieb botanische Werke und er schrieb über Theosophie. Er gehörte nicht der Anthroposophischen Gesellschaft an, sondern der Theosophischen. Er schrieb über Theosophie so, wie auch Annie Besant darüber schrieb. Er war ganz und gar Botaniker, wenn er das Theosophiebuch zuschlug, und ganz und gar 'Theosoph, ohne daß man merken konnte, daß er Botaniker war, wenn er in der 'Theosophie unterrichtete oder Bücher schrieb. Es war ihm sogar ein Greuel, wenn ich mit ihm über Botanik sprach und so vorbereiten wollte eine Art BrückeSchlagen.
[ 6 ] Sehen Sie: dieses ist das Ergebnis der Kultur der letzten Jahrhunderte, diese doppelte Buchführung — so muß ich sie immer nennen. Man will haben dasjenige, was sich auf das Leben bezieht, in der Fachschrift, und dasjenige, was man dann braucht für das Gemüt, für das «Innere», wie man es nennt, in der Sonntagsbeilage seines politischen Blattes. Die Politik nimmt man dazwischen; die will man nach der bis jetzt bestehenden «Dreigliederung» bekommen vom politischen Blatt. Diese Dinge sind diejenigen, die Sie eigentlich vor allen Dingen durchschauen müssen. Und Sie werden dann vielleicht gerade die Berufensten sein, zu helfen, diese Brücke überall zu finden. In einem gewissen Sinne — es wird ja nicht immer so radikal erscheinen — sind die Dinge doch so.
[ 7 ] Sehen Sie, der arme Hölderlin hat ja schon um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert das schöne Wort ausgesprochen, als er sich sagte, wenn er in seinem Deutschland herumsieht, dann findet er überall Beamte, Fabrikanten, Tischler und Schneider, aber — keine Menschen. Er findet Gelehrte, Künstler und Lehrer und so weiter, aber — keine Menschen. Er findet junge und ältere und alte, gesetzte Leute, aber — keine Menschen.
[ 8 ] Man möchte heute sagen: Wir haben eigentlich gerade in unseren gelehrten Berufen am wenigsten das noch, daß dort Menschen sind! Wir haben Wissenschaften, und die Wissenschafter schwimmen so eigentlich als etwas Tatsächliches herum. Im Grunde genommen leben wir ja eigentlich in einem hohen Grade ganz abseits von der Wissenschaft, indem wir uns als Menschen fühlen. Denken Sie nur einmal, wenn wir heute — ich meine, wenn wir alles, was gelehrtes Wissen ist, zusammenfassen —, wenn wir heute eine Arbeit machen, um zu habilitieren, was tun wir dann? Dann können wir nicht einfach uns hinsetzen und das, was aus unserer Seele fließt, etwa in eine solche gelehrte Arbeit hineinschreiben. Das geht ja nicht. Dann würden wir sehr bald den Vorwurf bekommen: Ja, der schreibt aus dem Handgelenk heraus. Das darf man nicht. Man darf nicht aus dem Handgelenk schreiben, sondern man muß zur Doktordissertation seine Bücher studieren, um die man sich sonst nicht kümmert, vielleicht auch nicht liest, die man nur aufschlägt an den Seiten, wo etwas steht, was man zitieren muß, kurz: man muß ein möglichst äußerliches Verhältnis haben zu dem, was man arbeitet, und darf nur ja nicht ein innerliches Verhältnis dazu haben! Wenn man dann wiederum zusammenkommt — da kann ich Ihnen erzählen von einer merkwürdigen Zusammenkunft in Weimar, die zum Beispiel gepflogen wurde auch während meiner Arbeitszeit am dortigen GoetheSchiller-Archiv, wo ich an den Zusammenkünften der Goethe-Gesellschaft teilnehmen konnte. Sobald man nur irgend etwas redete, was anknüpfend war an Goethe, oder sobald man nur etwas Wissenschaftliches anschnitt, so sagte man: Da ist wiederum eine Gruppe, die fachsimpelt, das geht doch nicht! Was der Zweck des Zusammenkommens war, das war dasjenige, was man möglichst vermeiden mußte, um ja nicht in einen üblen Geruch zu kommen der Fachsimpelei. Das alles ist im wesentlichen aber mit daran schuld, daß wir in diese Lage hineingekommen sind. Man konnte in Weimar ja wirklich alle Fachleute — viele boten schon einmal eine Art Zusammenfügung aller Fächer — in diesen sieben Jahren durchlaufen sehen, wie im Grunde genommen auch keine starke Differenzierung nach Nationalitäten besteht. Denn wenn zum Beispiel Mr. Thomas von einer ganz westlichen Universität in Amerika schreibt, zeigt sich sogar in seiner Arbeit und in seinem Denken — er arbeitete an Goethes «Faust» — kein eigentlicher Unterschied zwischen dem, was irgendein Schmidt- oder Scherer-Schüler arbeitet. Das war im Grunde genommen international, denn Thomas unterschied sich nur dadurch von den anderen: er setzte sich auf den Boden und schlug die Beine übereinander, wenn er auf dem Boden vor dem Bücherschrank saß. Dadurch zeichnete er sich als Amerikaner aus. Aber im übrigen arbeitete er wie die anderen. Die einzige Ausnahme war ein russischer Staatsrat. Der Mann wußte nicht, über welche Fragen er forschte. Wenn er aber abends in ein Gasthaus kam, wo man zusammensaß, sagte man immer zu den anderen: Schaut euch nicht um, denn der Staatsrat geht um! — Weil er immer wieder anfing von dem, was er von Goethes «Faust» wußte, hat man es vermieden, mit ihm zusammenzusitzen. — Nun, diese Dinge sind eigentlich wichtiger, als man gewöhnlich denkt; denn sie könnten reichlich vermehrt werden und würden doch etwas erläutern, wie das wissenschaftliche Leben sich so nach und nach entwickelt hat. Und aus diesem wollen wir heraus! Wir wollen ganz gewiß keine Pedanten, keine neuen Fachsimpler werden, aber wir müssen uns klar sein, daß der Mensch höher steht als alle Wissenschaften, daß er sich nicht von ihr tyrannisieren lassen muß. Und die Emanzipation des Geisteslebens arbeitet eigentlich darauf hin, die Wissenschaft als solche in ihrer Abstraktion zu bekämpfen, und den Menschen an die erste Stelle zu stellen. So daß wir nicht nur Wissenschaft so haben, wie Bölsche schreibt über die «Unsterblichkeit» der Wissenschaft. Wilhelm Bölsche hat auch eine Art von Geisteswissenschaft aufgestellt, aber die sucht er in Bibliotheken, die aber sind Verpapierung und Verdruckerschwärzung der eigentlichen Geister.
[ 9 ] Das ist aber, worauf wir hinarbeiten müssen: dieses Menschlichwerden des wissenschaftlichen Lebens, dieses: den Menschen in den Vordergrund stellen in der sogenannten objektiven Wissenschaft. Die objektive Wissenschaft muß im Leben in dem Menschen eigentlich ihr Dasein haben. Und man wird dadurch nicht zum vertrockneten Menschen, wenn man das hat. Im Gegenteil, man wird durch dasjenige, was ich jetzt nennen möchte «Bekämpfung des abstrakten Daseins», gerade zu einem nützlichen Mitarbeiter werden an dem, was wir so notwendig haben: an dem Bekämpfen der Verbarbarisierung des abendländischen Zivilisationslebens.
[ 10 ] Das ist dasjenige, was im Grunde genommen am allernotwendigsten ist für diejenigen, die in die gelehrten Berufe, oder eben von den Wissenschaften getragenen Berufe hineingehen. Deshalb glaube ich, daß es schon außerordentlich segensreich sein wird, wenn Sie sich zusammentun an den einzelnen Hochschulen und in freier Weise solche Themen wissenschaftlich behandeln, solche Themen ausarbeiten, wie es versucht werden soll aus denjenigen Körperschaften heraus, die wir schon haben, vor allen Dingen aus der Waldorfschule heraus. Ich denke mir dabei nicht, daß da ein schulmäßiger Betrieb eingerichtet werden soll, ganz und gar nicht, meine lieben Kommilitonen, sondern ich denke mir etwas anderes. Wir werden gewissermaßen versuchen, die Fäden so zu gestalten, daß sie aus den Notwendigkeiten der Zeit heraus gewoben sind, daß sie im Grunde genommen gefunden werden im Hinblick auf dasjenige, was eigentlich in der Gesinnung des Gesamtzusammenhanges unserer Kultur liegt. Und dann soll einfach von gewissen Persönlichkeiten unserer Waldorfschul-Lehrerschaft namentlich, der Körperschaft, die ihrerseits wiederum eine Art Zusammengehörigkeit festhalten soll mit denjenigen, die hier vorgetragen haben, die Aufgabe gelöst werden, gerade die Themen herauszufinden, welche heute gelöst werden müssen. Und es soll nur gesagt werden der Studentenschaft, was für Aufgaben notwendig sind nach den Einsichten eben, die diese Kreise haben können. Dann ist das übrige also ja durchaus kein SichAufgaben-stellen-Lassen oder so etwas, sondern es ist ein Ergründen, was heute als besonders notwendig vorliegt. Und da wird sich schon die Möglichkeit bieten, wirklich richtig aus wissenschaftlichen Untergründen heraus zu arbeiten. Nur das möchte ich durchaus betonen, daß vermieden werden muß, daß sich abschließen mehr oder weniger wirklich oder angeblich arbeitende kleine wissenschaftliche Kreise, und daß man glaubt, daß man damit heute schon genug tun kann. Dieses könnte ja natürlich sehr nützlich sein und wird auch sehr nützlich sein, es muß auch schließlich getan werden, aber wir brauchen daneben eine großzügige Studentengruppenbewegung, die sich heute wirklich bewußt ist: es kann nicht so fortgehen unter der Jugend, wie es gehen würde, wenn diese Jugend nur folgen würde in ihren Intentionen denjenigen, die heute noch aus alten Zeiten heraus, aus alten Traditionen heraus stammen und eben die Ämter innehaben. Wenn man davon spricht, daß die Sozialdemokraten ihre Führer loswerden müssen, so ist es vor allen Dingen notwendig, daß die Jugend von heute die alten Führer in einer gewissen Weise losbekommt. Das wird schwerer werden, als es eigentlich gehen müßte.
[ 11 ] Denn sehen Sie, ich kann ja natürlich da nicht an der Sache vorbeikommen, auf die es eigentlich ankommt. Und ich muß Sie schon bitten, durchaus sich klar darüber zu sein, daß ich in aller Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit über diese Dinge rede. Sie können ganz sicher sein: wir würden leicht vorwärtskommen in der anthroposophisch orientierten Geistesbewegung, wenn wir das in uns frei hätten, daß wir eigentlich nur für den Geist und als Anregung dem Geiste nach arbeiten müßten. Die Ämter vergeben, die Grade erteilen, die Studenten durchfallen lassen im Staatsexamen — das tun die anderen. Und das ist ein wichtiger Faktor. Den unterschätzen wir auf unserem Boden durchaus nicht. Denn wir wissen ganz genau, was es heute an Mut und Kühnheit bedarf gerade für den angehenden Gelehrten und angehenden wissenschaftlichen Arbeiter, bei uns zu sein und zu bleiben. Denn wir können ihm ja eigentlich heute noch außerordentlich wenig bieten. Wenn wir unsere einzelnen Bewegungen nach und nach zur Tragkraft bringen, dann werden die Dinge schon besser. Ich habe, als die Waldorfschule begründet worden ist, gesagt: Die Gründung ist schön, aber sie hat keine Bedeutung, wenn nicht im nächsten Vierteljahr zehn weitere Schulen mindestens begründet werden, denn dann ist sie erst begründet. Und ich habe durchaus in Aussicht genommen — wie ich immer praktische Ideen verfolge, nicht bloß Ideen, die man bloß tradieren kann —, daß, wenn wir überall Schulen gründen können, dann werden wir an unsere Schulen auch diejenigen berufen können, die es unter Umständen so machen, wie Dr. Stein es uns selbst erzählt hat. Es ist aber kein System. Er hat sich inskribieren lassen, hat sich angeschaut, wie es in ein paar Vorlesungen zugeht, aber im übrigen hat er Zyklen und sonstiges gelesen, hat gelesen, was da zitiert ist, und hat es zur Absolvierung des akademischen Studiums gebracht. Selbstverständlich kann diese Sache nicht verallgemeinert werden, denn wahrscheinlich würden nur drei Viertel der Professoren damit einverstanden sein, daß Sie eigentlich, wenn lauter solche Studenten da wären, wie Dr. Stein einer war, nur in die ersten drei Vorlesungen zu kommen brauchen und dann spazieren gehen können. Das läßt sich heute nicht ohne weiteres realisieren für die Allgemeinheit. Also, ich will das nicht propagieren. Aber ich möchte Sie nur darauf aufmerksam machen, daß jedenfalls der Geist, der heute in den Hörsälen auf den Kathedern sitzt, wenn er sich überträgt auf die Schulbänke, uns keine Zukunft bringt. Aus dieser Notwendigkeit heraus müssen Sie schon den Mut finden, wenigstens in einer gewissen Weise sich mit demjenigen zu alliieren, was hier gewollt wird. Aber auf der anderen Seite — ich dachte praktisch, wie die Waldorfschule begründet worden ist —: wenn wir in der Lage sind, das Geistesleben wirklich zu emanzipieren, so werden wir immer mehr und mehr Waldorfschulen haben, und dann werden wir auch unseren jungen Freunden aus der Studentenschaft eine Zukunft bieten können. Es ist durchaus nicht unidealistisch gemeint, daß ich das sage. Aber dann wird es schon leichter gehen. Aber wir müssen eben von hüben und drüben uns gegenseitig unterstützen. Wie wir arbeiten wollen an der Gründung von freien Schulen bis zu den Hochschulen hinauf, so werden wir nur arbeiten können, wenn wir auf der anderen Seite eine verständnisvolle Studentenschaft uns entgegenkommen sehen. Dazu sind nicht nur kleine Gruppen notwendig, dazu ist eine studentische Bewegung notwendig, die in großem Stil arbeiten will, die in großem Stil für das eintreten will, was hier gedacht ist.
[ 12 ] Da muß ich doch darauf aufmerksam machen, daß das von mir ganz ernsthaft gemeint ist, was ich in diesen Tagen als die Begründung des Weltschulvereins Ihnen angeführt habe. Den denke ich international gebildet, so daß er gewissermaßen aus dem Denken und Empfinden der heutigen Zeit heraus noch geschaffen werden soll. Wenn wir der Welt erst zum Verständnis bringen, daß es heute eigentlich nur zwei Bewegungen gibt, die miteinander zu ringen haben, das ist auf der einen Seite der die Welt in den Sumpf hineinführende Bolschewismus, auf der anderen Seite die Dreigliederung des sozialen Organismus, dann sind die Menschen auch vor die Wahl gestellt, sobald sie sehen, daß es mit den alten Impulsen nicht mehr weitergeht! Daß es entweder geschehen muß, daß diejenigen, die in vernünftiger Weise die Kultur vorwärtsführen wollen, allmählich in den Dreigliederungsimpuls sich hineinleben müssen, oder daß, wenn die Menschen dazu zu bequem sind, der Bolschewismus Europa überfluten und die europäische Kultur barbarisieren wird. Wenn die Menschen das verstehen, werden sie doch leichter zu gewinnen sein als heute.
[ 13 ] Drei Dinge sind es, die man durchaus berücksichtigen muß. Wenn man vor der Welt, vor der internationalen Welt, heute von so etwas redet, wie es der Dornacher Bau ist, und daß man Geld dazu braucht, da stellen sich die Leute auf den Standpunkt: das muß doch alles Idealismus sein! Da kann man doch nicht so schofel sein, Geld dazu herzugeben! Geld ist doch viel zu schmutzig, um es für eine so idealistische Sache zu verwenden. Kurz, die Leute sind, wenn sie nicht lange dazu vorbereitet werden, nicht ohne weiteres für so etwas zu haben. Und da wir ja aus mitteleuropäischen Ländern wegen der Valuta keine Möglichkeit haben, unseren Bau fertigzustellen, so sind wir eben angewiesen auf andere Teile der heutigen zivilisierten Welt. Die geben uns aber so ohne weiteres kein Geld. Da findet man im Grunde sehr zugeknöpfte Taschen. Dagegen sind die Leute heute noch verhältnismäßig leicht zu gewinnen, wenn man ihnen sagt, man will Sanatorien begründen. Da bekommt man Geld, soviel man haben will. Das können wir nun nicht, Sanatorien begründen, aber wir können uns auf das Mittlere einlassen. Das Mittlere ist dasjenige, was ich mit dem Weltschulverein meine. Der Weltschulverein kann alle Kultureinrichtungen finanzieren, wenn er in der richtigen Weise verstanden wird. Und für die Einrichtung des Schulhaften findet man doch noch einiges Verständnis, weniger für so etwas, was direkt der Bau ist. Für dasjenige, was in der Mitte steht sozusagen, müssen wir wirken. Daher kommt es darauf an, daß in einer gewissen Weise vorbereitet werde diese Begründung des Weltschulvereines, den wir als etwas Universelles haben werden, daß Stimmung gemacht werde für diesen Weltschulverein. Und ich möchte daher meinen, daß es das beste wäre, wenn Sie in Ihre Entschlüsse, in Ihre stärkste Initiative das aufnehmen werden, daß Sie an jeden herantreten, der Ihnen zugänglich ist, und ihn überzeugen davon, daß dieser Weltschulverein verbreitet werden muß über alle Länder, daß an ihm es hängt, das Geistesleben zu emanzipieren. Daß er finanzieren muß soviele freie Schulen über die ganze Erde hin, als irgend möglich ist. Die Emanzipation des Geisteslebens muß eben im größten Stile betrieben werden. Wir müssen dahin kommen, uns von dem zu emanzipieren, was uns im Grunde genommen geistig knechtet. Das können wir aber nur, wenn wir Stimmung dafür machen. Die Tyrannis ist ja größer, als man meint. Von einem Orte Europas aus werde ich diese Begründung des Weltschulvereins selber versuchen zu inaugurieren. Aber was vorangehen muß, das ist: Stimmung dafür zu machen. Denn man kann heute nicht etwas erreichen dadurch, daß man Gruppen bildet von zwölf, fünfzehn Leuten, die die Sachen ausarbeiten. Sondern darauf kommt es an, daß wir möglichst verbreiten diese Idee: ein Weltschulverein muß entstehen. Nun kann ich mir ja gut vorstellen, bin auch durchaus damit zufrieden, daß ja selbstverständlich die Studenten nicht gerade sehr weit ihr Portemonnaie aufmachen können. Das ist nicht notwendig. Dazu gehören die anderen. Aber das, was der Student doch aufmachen kann, das ist — Sie wissen, ich meine das cum grano salis —, was der Student aufmachen kann, das ist sein Mund. Das ist dasjenige, was ich meine: daß Sie möglich machen können, für den Weltschulverein, überall wo Sie hinkommen, den Mund aufzumachen. Damit dann, wenn wir in allernächster Zeit diesen Weltschulverein begründen, wir nicht auf taube Ohren stoßen, sondern auf vorbereitete Menschen. Das ist das, was sein muß.
[ 14 ] Sie sehen, Aufgaben haben wir genug. Was wir brauchen, ist nichts anderes als wirklichen Mut und einen freien Blick in die Welt hinein. Warum sollten wir es nicht zustande bringen, mit jugendlichen Kräften wirklich auch diejenigen Dinge zu überwinden, die überwunden werden müssen, weil sie noch mit aller Signatur der alten Zeit in unsere Zeit hereinragen und uns beugen wollen? Wir dürfen uns nicht beugen lassen. Wir müssen heute einsehen, daß wir auf des Messers Schneide tanzen, man kann auch sagen: auf einem Vulkan tanzen. Es ist nicht so, meine lieben Kommilitonen, daß die Dinge so fortgehen werden, wie sie Jetzt gehen. Wir gehen sehr, sehr traurigen Zeiten entgegen. Aber wir können diesen traurigen Zeiten abhelfen dadurch, daß wir mit Mut und Energie in diese Zeiten hineinwachsen. Und ich glaube, darin kann Ihnen schon Geisteswissenschaft, Anthroposophie eine Stütze sein. Sie kann jedem eine Stütze sein.
[ 15 ] Ich bitte Sie zum Schlusse nur: Treiben Sie die Dinge nicht partikularistisch, sektenmäßßig, sondern im weitesten Stile. Schließen Sie niemand aus, sondern schließen Sie alle ein, die mitarbeiten wollen. Es kann nichts anderes ausschlaggebend sein als lediglich der Wille, daß jemand ehrlich in unserer Richtung mitarbeiten will, in derjenigen Richtung, die uns durch das Hineinwachsen in wissenschaftliche Berufe vorgezeichnet ist. Mir scheint es wirklich, meine lieben Kommilitonen, daß nach dieser Richtung hin nicht mehr weiter gesündigt werden darf. Wir müssen weitherzig sein. Wir müssen jeden als sehr willkommenen Mitarbeiter betrachten, der ehrlich mit uns arbeiten will. Wir dürfen keinen Unterschied zwischen Mensch und Mensch aufkommen lassen, sondern wir müssen jeden mitarbeiten lassen, der einfach den Willen hat mitzuarbeiten. Es soll die Sache auch so sein, wie im Grunde genommen in der anthroposophischen Bewegung es immer war. Wir haben nie von jemandem verlangt, daß er etwas ablegt von dem, was er sonst vertritt in der Welt. Nie hat jemand etwas abzulegen brauchen, sondern man hat nur anzunehmen brauchen das, was ihm von der anthroposophischen Bewegung heraus eben hat werden können. Und ich darf da vielleicht an ein Persönliches erinnern. Sie wissen ja, wie mir immer zum Vorwurf gemacht wird, daß ich einmal mit der theosophischen Bewegung gegangen wäre. Kein Mitgehen war es! Die theosophische Bewegung ist eigentlich zu mir gekommen; sie hat sich mir angeschlossen eine Zeitlang, bis sie das, was ich vertreten habe, hinauswarf. Aber ich habe bei der ersten Zusammenkunft in London dazumal zu den Theosophen gesagt, daß es sich nicht darum handle, daß wir irgend etwas von der Zentrale aus annehmen, sondern: wir bringen zu dem gemeinsamen Altar dasjenige, was wir gerade zu bringen haben.
[ 16 ] In solchem Sinne kann man dann zusammenarbeiten in weitestem Maße. Und wenn Sie im Stile eines solchen Arbeitens gerade in Studentenkreisen wirken, dann werden wir vorwärtskommen.
