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The Rudolf Steiner Archive

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Die Erkenntnis—Aufgabe der Jugend
Aufsätze und Berichte aus den Jahren 1920 bis 1924 in Ergänzung zum «Pädagogischen Jugendkurs» von 1922
GA 217a

20 März 1921, Stuttgart

3. Über die Jugendbewegung

[ 1 ] Frage: Was war die Jugendbewegung, was ist sie, und wie kann man von ihr aus zur Anthroposophie gelangen? Diejenigen, die durch die Jugendbewegung durchgegangen sind, glauben in der Anthroposophie eine Fortsetzung dessen zu finden, was sie in der Jugendbewegung gesucht haben. Sie wollen etwas hören über die Bedeutung der Jugendbewegung vom geisteswissenschaftlichen Gesichtspunkt aus.

[ 2 ] Rudolf Steiner: Die Jugendbewegung gehört einem Zeitalter an, in dem ich selber nicht mehr jung war; so müssen diejenigen, die der Jugendbewegung angehören, über dieselbe äußerlich besser unterrichtet sein als ich.

[ 3 ] Die Jugendbewegung ist, äußerlich genommen, nicht durchaus eine abstrakte einheitliche Bewegung, sondern es finden sich Menschen der verschiedensten Vorstellungswelten und Weltanschauungen in ihr zusammen. Die Menschen finden sich vielleicht dem Gefühl nach zusammen. Das ist die eine Seite der Jugendbewegung. Es sind andere Kräfte keine Persönlichkeiten halten sie zusammen, elementarere Kräfte als zum Beispiel Weltanschauungskräfte, die in ihr wirken und sie zusammenhalten. Es gibt innerhalb der Jugendbewegung viele Persönlichkeiten, die keine klar formulierte Auskunft geben könnten über das, was sie wollen; sie könnten nicht aus dem Bewußtsein heraus sagen, was sie wollen.

[ 4 ] Die zweite Seite der Jugendbewegung ist, daß sie international überall so Zutage getreten ist, daß man zum Beispiel nicht sagen kann, daß sich ‚die Jugendbewegung der Schweiz und die Jugendbewegung Deutschlands gegenseitig beeinflußt haben, sondern die Jugendbewegung ist aus elementaren Kräften heraus international in die Höhe geschossen. Sie ist eine allgemeine menschheitliche Sache. Man muß die Charakteristiken der Jugendbewegung gewissenhaft beachten. Wenn einem so etwas entgegentritt, hat man das Gefühl, daß man es nur von tiefen Gesichtspunkten aus verstehen kann. Wenn man mit geisteswissenschaftlichhistorischen Kenntnissen an die Jugendbewegung herantritt, wird es einem klar, daß sie mit dem innerlich-menschheitlichen, geschichtlichen Umschwung, der sich für den Geisteswissenschafter stark kennzeichnet als eingetreten am Ende des 19. Jahrhunderts, zusammenhängt. Man kommt darauf, wenn man die Merkmale genau betrachtet, die man bei den Aussprachen mit denen findet, die in diesem Zeitpunkt noch jung oder Kinder waren.

[ 5 ] Ich bin diesen Momenten näher nachgegangen und bin auf Grund meiner Beobachtungen zu der Ansicht oder besser Einsicht gekommen, daß die Jugendbewegung mit dem großen Umschwung vom Ende des 19. Jahrhunderts zusammenhängt und eines der Symptome ist, die zu diesem Zeitpunkt auf das Heraufkommen einer neuen Epoche hindeutet. Wenn man einer Sache sehr nahesteht, lernt man sie nicht in ihrem vollen Wesen kennen, man lernt sie erst kennen, wenn man sich von ihr entfernt; wie man Geschichtszusammenhänge auch erst von einem späteren historischen Zeitpunkt aus beurteilen kann. Man kann durch die geisteswissenschaftliche Methode ein gewisses Sich-Fernstellen erreichen und dadurch genau beobachten lernen und sich Einsichten in Zusammenhänge verschaffen. So werden einmal die Menschen dahin kommen, daß sie über das Ende des 19. Jahrhunderts so denken und einsehen, daß damals ein bedeutsamer Impuls hereingekommen ist, der heute noch verborgen ist.

[ 6 ] Dieser Impuls, der ein menschheitlicher ist, scheint in den Gemütern derer zu leben, die sich der Jugendbewegung zugewendet haben. In diesen Gemütern lebt ein Aufleuchten des ungeheuer bedeutsamen Wendepunktes vom Ende des 19. Jahrhunderts. Manchmal kann es sehr unwichtig sein, sich diskutierend darauf einzulassen, aber es ist wichtig einzusehen, daß wichtige Impulse wirken und von denen empfunden werden, die sich der Jugendbewegung angeschlossen haben. Geisteswissenschaft will das bewußt auffangen, was in der Menschheitsentwickelung wirkt, und sie steht auf dem Standpunkt, daß man ohne sie auch nicht die große Weltkatastrophe verstehen kann. Die Philister, die eine Sache nicht verstehen können, werden sie für verschroben halten und wissen nicht, daß sie selber verschroben sind. Die Menschen, die in den Vorstellungen von vorher alt geworden sind, können nicht mehr mit. Dekadente Gehirne leben in denen, die Altes noch in das 20. Jahrhundert hineintragen.

[ 7 ] Es ist kein Widerspruch, wenn sich die Jugendbewegung in die Geisteswissenschaft hineinlebt. Man kann sogar von einer gewissen Prädestination der Jugendbewegung für Geisteswissenschaft reden. Die Jugendbewegung ist bedingt durch ein Fühlen desjenigen, was der Geisteswissenschaft mehr oder weniger bewußt vorliegt. Man darf nicht eitel werden. Man darf durch solche Erkenntnisse nicht dahin kommen und zum Beispiel sagen: In mir lebt die Epoche. Wir sind mitbedingt von dem Impuls vom Ende des 19. Jahrhunderts. Wir müssen solche Dinge äußerlich betrachten, nicht patriarchalisch wie unsere Vorväter. Unserem Zeitalter gegenüber kommt man mit so etwas nicht zurecht.

[ 8 ] Frage: Wie finder man die Brücke von der Jugendbewegung, in der Menschen sind, die sich gegen die seitherige Weltanschauung auflehnen, zur Anthroposophie? Man kann eine gewisse Ablehnung finden gegen Anthroposophie. Manche Menschen empfinden sie als etwas schroff. Der Weg ist ihnen zu strikte vorgeschrieben. Die Anthroposophen rükken ihnen das Geistige zu sehr in den Vordergrund, während sie sich bemühen, sich selbst zu finden.

[ 9 ] Rudolf Steiner: Dies hängt mit dem erwähnten Impuls zusammen. Man kann dieselbe Frage vom entgegengesetzten Gesichtspunkt sehen. Anthroposophie ist doch dasjenige, was in unserem Zeitalter an gewisse geistige Dinge herangehen kann. Die Menschen, die sich in die Anthroposophie hineinfinden, sind entwurzelt dem, was als Kultur unmittelbar vorhergegangen ist. Ein Beispiel ist Friedrich Nietzsche. Er lebte in der Übergangsepoche; er ist vom Schicksal verurteilt gewesen, durch alle intimseelischen Kulturleiden hindurchzugehen. Nietzsche ist durch alles, was man an der Kultur leiden kann, hindurchgegangen. Wenn man ihn in seiner Studentenzeit, in der Wagner-Schopenhauer-Zeit, in der Zeit des Positivismus betrachtet, leidet er an dem, was für die damalige Kultur das Erhebendste war. Man kann sehen, wie dieser Mensch zuerst leidet an der Kultur des 19. Jahrhunderts und dann an ihr zugrunde geht. Er steckte noch in der Kultur des 19. Jahrhunderts darinnen.

[ 10 ] Einzelne Menschen konnten sich herausarbeiten und sind dann zur Anthroposophie gekommen. Sie hatten an ihr etwas, was am Ende des 19. Jahrhunderts gewissermaßen keinen Vater und keine Mutter hatte; es war etwas, was sich auf einen neuen Boden stellen mußte. Gegenüber dem, was vergangen ist, steht Anthroposophie verlassen da. Man ist nicht Anthroposoph, um eine Weltanschauung zu haben, sondern man ist es mit seinem ganzen Menschen. Die Menschen, die kein Verhältnis zur Anthroposophie gewinnen wollen, setzen sich einer Gefahr aus, und wenn nicht versucht wird, die Brücke zu finden von denjenigen, die dazu fähig sind, die vom entgegengesetzten Pol auch ohne Vater und Mutter sind, so würde für die anderen Menschen unter Umständen der Anschluß an die Menschheitsentwickelung versäumt.

[ 11 ] Ich kann durchaus verstehen, daß solche Bedenken vorgebracht werden. Man müßte sich jedoch bemühen, die Brücke zu suchen. Aber wenn dies ängstlich vermieden wird, so würde man ganz der Gefahr sich aussetzen, die eben charakterisiert wurde, und überhaupt zu keinem Fortschritt kommen. Die Jugendbewegung ist vor kurzer Zeit zu einer Schwankung gekommen. Sie strebte überall nach Zusammenschluß; die Menschen wollten einander finden und zusammenkommen. In den letzten Jahren ist dieses bei einzelnen anders geworden; sie strebten nach einem gewissen Sich-Abschließen. Dies trat auch als durchgreifende internationale Nuance auf. Das Sich-nicht-Erfüllen mit einem geistigen Gehalt führt zu einer Einkapselung des einzelnen Individuums.

[ 12 ] Es gibt zahlreiche Wege zur Anthroposophie. Man sollte darüber hinauskommen, sich zu stoßen an dem Wesen einzelner Menschen, die Anthroposophen sein wollen, und sollte versuchen, die Anthroposophie wirklich zu erleben. In der Gegenwart ist eigentlich Anthroposophie das einzige, das nicht dogmatisiert, und das nicht darauf erpicht ist, etwas in ganz bestimmter Weise hinzustellen, sondern das bestrebt ist, etwas von verschiedenen Seiten anzuschauen. Die Hauptsache der Anthroposophie liegt im Leben und nicht in der Form. Man ist ja wohl gezwungen, wenn man verstanden werden will, Formen anzuwenden, die gegenwärtig üblich sind.

[ 13 ] Ein Amerikaner fragte mich einmal: Ich habe Ihre Schriften gelesen, auch Ihre sozialen. Glauben Sie, daß sie auch noch für kommende Zeitalter gelten? Ich habe ihm geantwortet: Sie sind so aufgebaut, daß sie sich metamorphosieren können, und dann können ganz andere Folgerungen für die kommende Zeit sich ergeben als für die jetzige. Es kommt darauf an, daß Leben Leben findet.

[ 14 ] Ein Teilnehmer: Für die Jugend müßte eine Brücke gefunden werden, indem man von der Lehre das ins Leben umsetzt, was die Jugend direkt angeht. Mit der Lehre kann die Jugend nichts anfangen. Die Lehrer zum Beispiel, die aus der Jugendbewegung hervorgegangen sind, kämpfen um das, was in der Waldorfschule geschieht, schon lange; da könnte man Brücken schlagen. Auch das, was durch die verschiedenen Kurse von der Anthroposophie gedanklich nahegebracht wurde, wurde in der Jugendbewegung unbewußt schon erlebt.

[ 15 ] Rudolf Steiner: Man muß berücksichtigen, daß in unserem Zeitalter der einzelne den Anschluß an die allgemeine Entwickelung durch Gedanken finden muß; er muß durch Gedanken hindurch. Es ist restlos möglich, Anthroposophie in junge Menschen hereinzubringen und auch in Kinder. Natürlich darf man dabei nicht auf dem Standpunkt der Alten stehen. Zum Beispiel, wenn man dem Kinde den Gedanken der Unsterblichkeit der Seele beibringen will, nimmt man das Beispiel vom Schmetterling und der Puppe. Das Kind wird verstehen können, um was es sich handelt, denn es ist eine Wahrheit. Die Natur selbst stellt im Hervorgehen des Schmetterlings aus der Puppe auf einer niederen Stufe dasselbe hin, was auf einer höheren Stufe für die Seele die Unsterblichkeit ist. Wenn man von dem Standpunkt ausgeht, das Kind ist—dumm und ich gescheit, so wird das Kind niemals etwas Rechtes lernen, besonders wenn man noch dazu selbst nicht glaubt, was man dem Kind beibringt. Darin liegt die Möglichkeit, alles von der Anthroposophie an die Kinder heranzubringen. Im Geschichtsunterricht muß das, was als Leben in der Geschichte wirkt, in richtiger Weise an das Leben herangebracht werden.

[ 16 ] Frage: Von der Jugendbewegung ist heute ein großer Teil in das Philisterlager übergegangen. Die Jugendbewegung ist sehr stark seelisch eingestellt. Sie geht nach einem starken Natur- und Gefühlsleben, und dadurch kommen die Menschen dazu, sich gegen vieles, was bisher war, zu sträuben. Die Menschen wollten ihre eigene Gesetzlichkeit ausleben, sie kamen aus dem Gefühlsmäßigen nicht hinaus, sie konnten nicht erkennen, daß das Leben aus innerer Wahrhaftigkeit nur wirklich fruchtbar werden kann, wenn es ganz durchgedacht wird. Deshalb zeigt sich das Nicht-zu-Ende-Denken. Wenn man die Bedeutung der Anthroposophie für junge Menschen erkennt, kann man jungen Menschen weltanschaulich oder philosophisch nachweisen, daß sie zur Anthroposophie kommen müssen, daß Anthroposophie nur bewußter, aber nichts anderes will als was sie auch wollen. Die Lösung der Geschlechterfrage wurde bisher auf drei Wegen gesucht: Kurellas Körperseele, Askese und jugendliche Ehe. Keiner der drei Wege hat aber eine wirkliche Lösung gebracht.

[ 17 ] Rudolf Steiner: In diesen drei Wegen wird ein neues Problem, das sich vor die Menschheit stellt, mit altem dogmatischem Denken zu lösen versucht. Die Wesenheit des freien Menschen läßt sich nicht erschöpfen in bloß Gedachtem.

[ 18 ] In der Anthroposophie sehe ich etwas, was lebt, was fähig ist, aus dem Menschen ein anderes Wesen zu machen, das er vorher nicht war. Er wird frei durch dieses Substantielle, er wird ein wirklich freier Mensch im Verlaufe einer kurzen Entwickelung. Man kann nicht denkerisch eine Frage lösen, die durch das Leben gegeben ist. Die Frage wird sich durch die Praxis des Lebens lösen, wenn sie vom Standpunkt der Freiheit aus erfaßt wird. Man darf ohne Sorge sein, daß dadurch etwas Unsoziales zustande kommt. Stellen Sie sich vor, man wollte eines Tages erkennen, wie die Konzeption eingerichtet werden muß, daß ein männliches oder weibliches Wesen geboren wird. Wenn dies zur Verstandessache gemacht wird, wären sicher nicht so viel Männer wie Frauen auf der Welt. Trotzdem dies nur ganz individuell sich vollzieht, kommt doch durch innere Gesetzmäßigkeit ein Soziales zustande. [Rudolf Steiner weist auf sein Buch «Die Philosophie der Freiheit» hin und fährt fort:] Nicht mit einem Sprung, am wenigsten durch Programme kann man zu einem neuen Leben kommen. Man ist dazu dadurch vorbereitet, wenn man als Untergrund eine freie Gesinnung hat. Dieses Problem muß von jedem einzelnen individuell gelöst werden. Die Jugendliteratur ist in bezug auf die Geschlechterfrage ganz dogmatisch.

[ 19 ] Frage: Die Jugendbewegung war anfangs ganz romantisch. Man erkannte etwas an, was einem draußen in der Natur entgegentrat. Man erkannte, daß man das Göttliche nicht nur mit dem Verstande erfassen kann. Anthroposophie will alles ins Bewußtsein ziehen. Sie geht auf ein Streben nach Erkenntnis aus. Die Brücke zwischen diesen beiden finden die meisten nicht, können sie auch nicht finden.

[ 20 ] Rudolf Steiner: Man denkt hierin zu egoistisch; man denkt nicht daran, wie man den Anschluß an die gesamte Menschheitsentwickelung findet. Das Vorstellungs- und Begriffsmäßige stellt sich in diesem Zeitalter heraus. Wir erleben heute die Welt vorstellungsgemäß. Es ist notwendig, sich aus der Dumpfheit des Fühlens zu erheben und zu einer lichtvollen Vorstellung durch das Denken zu kommen. Wir sind Menschen doch eigentlich erst durch das Denken. Unser Gefühlsleben wird durch das Denken ein anderes, und wir sind mehr Mensch durch das, was das Denken in uns entbindet. Das Leben im Gefühl wird angestrebt, weil man eine Scheu vor dem Klaren hat. Das Gefühl kann sehr intensiv sein, wenn es durch das Denken hindurchgeht. «Leben in der Natur» wird so oft mit einem Uhnterton gefaßt, als wenn man etwas Besonderes anstrebte. Man muß sich klar sein, daß man damit nichts Neues bringt, sondern nur etwas wieder erwirbt, was man früher verloren hat. In dem modernen Menschen muß ja die Sehnsucht leben. Ihm wurde von dem Alten zu wenig gegeben; er muß sich etwas erwerben. Es empfiehlt sich, Schillers Abhandlung «Über naive und sentimentalische Dichtung» zu lesen. «Die Philosophie der Freiheit» ist auf einem natürlichen Verhältnis zur Natur aufgebaut.

[ 21 ] Frage: Es besteht eine Kluft zwischen der älteren und jüngeren Jugend. Die Jugend, die jetzt auf den Mittelschulen ist, ist anders als die Jugend der Jugendbewegung. Den Geist der Mittelschuljugend, aus der die Jugendbewegung herauswuchs, hat man mit einem Schlagwort gekennzeichnet als «Romantik der Empörung». Den Geist der heutigen Mittelschuljugend müßte man bezeichnen als «Resignation des Wiederaufbaus». Alles was dem Jugendbewegungsmenschen tiefes Erleben war: nächtliche Fahrten, Lagerfeuer, zielloses Umherstreifen — das erscheint der heutigen Jugend als Bolschewismus. Sie lehnt es ab und sehnt sich nach Schranken, an die sie sich halten kann, nach Autoritäten. Ist in dieser Tatsache nur eine vorübergehende Reaktion oder das Aufkommen einer neuen Epoche von der Jugend zu sehen?

[ 22 ] Rudolf Steiner: Eine schwierige Zeitepoche war die, die durchgemacht worden ist von den Menschen, die heute zwischen dem fünfunddreißigsten und fünfzigsten Jahre stehen. Die letzten Jahre des 19. und die ersten des 20. Jahrhunderts waren eine schwierige Zeit; sie war geistig auf das Materielle gerichtet. Das Gute, das geistige Leben der fünfziger und sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts ist verschüttet worden. Die heute wirksamen Menschen sind zu alt geworden; die meisten, die in der Welt etwas tun, sind mindestens fünfzig Jahre alt. Und diejenigen Jungen, die etwas vorhaben zu tun, werden nicht herangelassen. Zwischen beiden steht eine innerlich untätige Generation, und das sind die Väter der heutigen Gymnasiasten. Diese Väter haben einen schlimmen Einfluß auf die Jugend gewonnen, die zu ihnen als zu ihren Führern aufschaut. Autorität ist schon recht, aber es kommt darauf an, an was für Persönlichkeiten sie sich knüpft. Und was sind das für Ideale, die in der Generation zwischen fünfunddreißig und fünfzig leben und auf deren Söhne übertragen werden? Mit dieser Jugend kann man nur Mitleid haben.

[ 23 ] Frage: Hält Dr. Steiner es für wünschenswert, daß etwas wie eine Organisation unter den Jugendbeweglern, die gleichzeitig Anthroposophen sind, sich bildet?

[ 24 ] Rudolf Steiner: Nun, ich halte von Organisation nicht besonders viel. Sehen Sie, ich habe in meinen «Kernpunkten» absichtlich gesprochen vom sozialen Organismus, nicht von Organisation. Mit dieser Kost sind wir doch reichlich überfüttert worden in den letzten Jahren.

[ 25 ] Frage: Es war gemeint zu fragen, ob sich gemeinsame Aufgaben ergeben würden für die Jugend in der anthroposophischen Bewegung, oder ob jeder seine Aufgabe für sich hat.

[ 26 ] Rudolf Steiner: In der Zukunft wird es so sein, daß alle Aufgaben, die der einzelne hat, Aufgaben der Gemeinschaft sein werden, und daß jeder die Aufgaben der Gemeinschaft zu seinen eigenen machen muß. Anders wird es nicht gehen. Aber so etwas kann man nicht organisieren, sondern nur assoziieren.