Spiritual Connections
in the Structure of the Human Organism
GA 218
4 December 1922, Stuttgart
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Spiritual Connections in the Makeup of the Human Organism, tr. SOL
14. Beziehung des Erdenlebens des Menschen zum Leben zwischen Tod und neuer Geburt
14. The Relationship Between Human Life on Earth and Life Between Death and Rebirth
[ 1 ] Es gereicht mir zur großen Befriedigung, daß ich gewissermaßen auf der Durchreise heute wiederum zu Ihnen sprechen kann, und ich möchte diese Gelegenheit dazu benützen, um manches nach einer gewissen Richtung hin weiter auszuführen, was gerade Gegenstand der letzten beiden Vorträge war, die ich hier halten durfte. Ich sprach ja dazumal über die Beziehungen des Menschen zur geistigen Welt, insofern sie erkannt werden können durch Aufhellung der für das gewöhnliche Bewußtsein unbewußt verlaufenden Vorgänge während des Schlafes, und insofern sie aufgehellt werden können dadurch, daß man geisteswissenschaftlich hineinleuchtet in die Erlebnisse, die der Mensch durchzumachen hat in der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
[ 1 ] It gives me great satisfaction that, as it were, while passing through, I am able to speak to you again today, and I would like to take this opportunity to elaborate further in a certain direction on some of the topics that were the subject of the last two lectures I had the privilege of delivering here. At that time, I spoke about the relationship of the human being to the spiritual world, insofar as it can be recognized by shedding light on the processes that take place unconsciously to ordinary consciousness during sleep, and insofar as they can be illuminated by shedding light, from a spiritual-scientific perspective, on the experiences that a human being undergoes in the spiritual world between death and a new birth.
[ 2 ] Heute möchte ich davon sprechen, wie das Leben, das der Mensch hier auf der Erde zwischen der Geburt und dem Tode zubringt, in einer gewissen Beziehung ein umgewandeltes Abbild ist desjenigen, was durchlebt wird in den geistigen Welten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man versteht das menschliche Leben auf Erden eben nur dann, wenn man die einzelnen Äußerungen dieses Lebens beziehen kann auf dasjenige, was ihnen entspricht in der geistigen Welt, in der ja der Mensch, man möchte sagen, den Hauptteil seines Daseins zuzubringen hat.
[ 2 ] Today I would like to speak about how the life that a human being spends here on Earth between birth and death is, in a certain sense, a transformed reflection of what is experienced in the spiritual worlds between death and a new birth. One can understand human life on Earth only when one can relate the individual manifestations of this life to their counterparts in the spiritual world, where, one might say, the human being spends the greater part of his existence.
[ 3 ] Nun möchte ich zunächst vorzugsweise sprechen von den seelischen Äußerungen des Menschen, insofern sie als irdische seelische Äußerungen bezogen werden können auf Erlebnisse der geistigen Welt. Sie können ja entnehmen aus demjenigen, was ich in meinen beiden letzten Vorträgen hier vorgebracht habe, daß die Erlebnisse der Menschenseele zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der geistigen Welt wesentlich andere sind als diejenigen, die der Mensch hier zwischen der Geburt und dem Tode hat. Hier, zwischen der Geburt und dem Tode hat er ja alle seine Erlebnisse durch die Vermittlung seines Körpers, sei es seines physischen Leibes, sei es seines ätherischen Leibes. Gar nichts, was der Mensch hier auf Erden erlebt, kann erlebt werden, ohne daß es sich stützt auf das Leibliche. Man könnte zum Beispiel sehr leicht glauben, daß das Denken ein rein geistiger Akt sei, und so, wie es sich auf Erden in der Menschenseele vollzieht, nichts zu tun habe mit dem körperlichen Dasein. Das ist ja nach einer Richtung hin zutreffend. Aber so selbständig geistig das Denken des Menschen auch ist, so könnte dieses Denken hier im irdischen Dasein nicht verlaufen, wenn der Mensch nicht sich auf seinen Leib und dessen Vorgänge stützen könnte. Ich darf einen Vergleich gebrauchen, den ich bei dieser Gelegenheit öfters auch schon hier angewendet habe. Wenn ein Mensch über den Erdboden geht, so hat ja ganz gewiß der Erdboden nichts Wesentliches in sich, was den Menschen ausmacht; der Mensch trägt innerhalb seiner Haut sein Wesentliches. Aber der Mensch könnte sich als physischer Mensch ohne die Stütze des Erdbodens eben überhaupt nicht im physischen Dasein befinden.
[ 3 ] Now I would like to begin by focusing primarily on the soul’s expressions in human beings, insofar as these earthly soul expressions can be related to experiences in the spiritual world. You can see from what I have presented here in my last two lectures that the experiences of the human soul in the spiritual world between death and a new birth are fundamentally different from those a person has here between birth and death. Here, between birth and death, a person experiences everything through the mediation of their body—whether it be their physical body or their etheric body. Nothing that a person experiences here on Earth can be experienced without being grounded in the physical. One might, for example, very easily believe that thinking is a purely spiritual act and, as it takes place in the human soul here on Earth, has nothing to do with physical existence. This is true in one sense. But no matter how independently spiritual human thinking may be, it could not take place here in earthly existence if human beings could not rely on their bodies and the processes occurring within them. I would like to use a comparison that I have often employed here on this occasion. When a person walks on the ground, the ground itself certainly contains nothing essential that constitutes the person; the person carries what is essential within their own skin. But as a physical being, the person could not exist in physical existence at all without the support of the ground.
[ 4 ] Und so ist es mit dem Denken, das als Vorgang der Seele lebt. Es ist seinem Wesen nach ganz gewiß nicht irgendein Gehirnvorgang, aber es könnte nicht verlaufen, wenn es nicht das Gehirn zur Stütze hätte hier im physischen Leben. Nur wenn man im Sinne dieses Bildes die Sache ansieht, hat man von der Geistigkeit und auch von der körperlichen Bedingtheit des menschlichen Denkens eine richtige Vorstellung. Kurz, es ist nichts im Menschen hier im Erdendasein, was sich nicht stützen müßte auf das körperliche Dasein. Wir tragen mit Bezug auf unser körperliches Dasein in uns unsere Organe: Lunge, Herz, Gehirn und so weiter. Im gewöhnlichen gesunden Leben ist unser Bewußtsein nicht erfüllt mit der Wahrnehmung unserer inneren Organe. Eigentlich nehmen wir es erst wahr, wenn wir an irgendeinem Organe krank sind, und zwar auch in einer recht unvollkommenen Weise. Wir können niemals sagen, daß wir von einem inneren Organ durch unmittelbare Anschauung wissen, wenn wir nicht Anatomie studieren, und dann haben wir ja auch nur das tote und nicht das lebende Organ vor uns. Wir können niemals sagen, daß wir von einem inneren Organ eine solche Anschauung, eine solche Wahrnehmung hätten wie von einem äußeren Gegenstande. Das ist gerade das Charakteristische, daß wir während des Erdendaseins durch unmittelbares Bewußtsein unser körperliches Inneres nicht kennen. Am wenigsten kennt ja der Mensch hier auf Erden dasjenige, was er gewöhnlich für das Wertvollste im körperlichen Dasein ansieht, das Innere seines Kopfes. Denn wenn er anfängt das kennenzulernen, so ist das in der Regel die unangenehmste Bekanntschaft, die Kopfschmerzen und alles, was damit zusammenhängt. Im geistigen Dasein, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist das gerade Gegenteil der Fall. Da kennen wir wirklich unser Inneres. Da ist es so, wie wenn wir hier auf Erden gar nicht die Bäume und die Wolken außer uns sehen würden, sondern in der Hauptsache immer in uns hineinsehen würden und uns sagen würden: Da ist die Lunge, da ist das Herz, da ist der Magen. — In der geistigen Welt schauen wir in unser Inneres hinein. Nur ist dasjenige, was wir sehen, die Welt der geistigen Wesenheiten, die Welt, die wir ja kennenlernen aus unserer anthroposophischen Literatur als die Welt der höheren Hierarchien. Das ist unsere Innenwelt. Und wir fühlen uns eigentlich zwischen dem Tode und einer neuen Geburt als die ganze Welt — wenn ich vom Ganzen spreche, so ist das nur uneigentlich gesprochen, aber es ist trotzdem die volle Wahrheit —, wir fühlen uns jeweils jeder als die ganze Welt. Und in uns fühlen wir gerade in dem wichtigsten Momente unseres geistigen Daseins zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in uns fühlen wir, erleben wir die Welt der geistigen Wesenheiten, und von ihnen haben wir ein Bewußtsein. Ebenso wahr ist es, daß wir da ein Bewußtsein haben von unserem Inneren als den Geistern der höheren Welt, wie wir hier kein Bewußtsein von unserem Inneren haben, von der Leber, von der Lunge und so weiter. Das ist eben gerade das Charakteristische, daß im Grunde genommen in der geistigen Erfahrung alles umgekehrt ist gegenüber der physischen Erfahrung hier. Nur kommt man erst nach und nach durch die Initiationswissenschaft darauf, wie man sich diese Umkehrung zu denken hat.
[ 4 ] And so it is with thinking, which exists as a process of the soul. By its very nature, it is certainly not merely some brain process, but it could not take place if it did not have the brain as its support here in physical life. Only by viewing the matter in the light of this image can one form a correct conception of the spiritual nature and also of the physical conditioning of human thought. In short, there is nothing in human beings here in earthly existence that does not have to rely on physical existence. In relation to our physical existence, we carry our organs within us: lungs, heart, brain, and so on. In ordinary, healthy life, our consciousness is not filled with the perception of our internal organs. In fact, we only become aware of them when we are ill in some organ, and even then only in a rather imperfect way. We can never say that we know an internal organ through direct perception unless we study anatomy—and even then, we have only the dead organ before us, not the living one. We can never say that we have such a perception of an internal organ as we do of an external object. This is precisely what is characteristic: that during our earthly existence, we do not know the inner workings of our body through direct consciousness. In fact, what a person here on Earth knows least of all is precisely what they usually regard as the most valuable aspect of physical existence: the interior of their head. For when they begin to become acquainted with it, this is generally the most unpleasant experience—headaches and everything associated with them. In spiritual existence, between death and a new birth, the exact opposite is true. There we truly know our inner self. It is as if, here on Earth, we did not see the trees and clouds outside of us at all, but instead looked primarily within ourselves and said: There is the lung, there is the heart, there is the stomach. — In the spiritual world, we look into our inner self. Only what we see is the world of spiritual beings, the world we come to know from our anthroposophical literature as the world of the higher hierarchies. That is our inner world. And between death and a new birth, we actually feel ourselves to be the whole world—when I speak of the whole, this is only a figure of speech, but it is nonetheless the full truth— we each feel ourselves to be the whole world. And within ourselves, precisely at the most crucial moment of our spiritual existence—between death and a new birth—we feel and experience the world of spiritual beings, and we are conscious of them. It is equally true that we have an awareness of our inner being as the spirits of the higher world, just as we have no awareness here of our inner being—of the liver, the lungs, and so on. This is precisely the characteristic feature: that, fundamentally, in spiritual experience everything is reversed compared to physical experience here. It is only through the science of initiation that one gradually comes to understand how to conceive of this reversal.
[ 5 ] Aber nun gibt es doch einen wesentlichen Vorgang, oder eigentlich könnte ich sagen, eine Gruppe von Vorgängen, welche sich gerade bezieht auf dieses innerliche Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien. Wenn das immer so wäre, daß wir nur in der geistigen Welt innerlich wahrnehmen würden die Welt der höheren Hierarchien, wir würden niemals zu uns selber kommen. Wir würden zwar wissen: in uns leben diese und jene Wesen, aber wir würden in der geistigen Welt niemals zu uns selber kommen. Daher gibt es im Erleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt einen Rhythmus. Dieser Rhythmus besteht darin, daß wir abwechselnd in unser Inneres schauen und erleben jene Welt der geistigen Wesenheiten, die in unserer anthroposophischen Literatur beschrieben ist; dann dämpfen wir gewissermaßen dieses Bewußtsein ab. Wir machen es diesem geistigen Inneren gegenüber so, wie wir es hier im physischen Leben machen, wenn wir die Augen schließen und mit den Ohren nicht mehr hören, wenn wir schlafen. Aber das Schlafen bedeutet hier etwas anderes. Wenden wir — wenn ich mich so ausdrücken darf — unsere Aufmerksamkeit ab von der Welt der geistigen Wesenheiten in uns, dann fangen wir an uns selber wahrzunehmen. Allerdings ist es dann so, wie wenn wir außer uns wären, aber wir wissen: dieses Außer-Uns sind wir selber. Wir nehmen uns also abwechselnd selber wahr in der geistigen Welt, oder wir nehmen wahr die Welt der geistigen Wesenheiten.
[ 5 ] But there is, in fact, a fundamental process—or rather, I might say, a group of processes—that relates precisely to this inner coexistence with the beings of the higher hierarchies. If it were always the case that we perceived the world of the higher hierarchies only inwardly in the spiritual world, we would never come to our senses. We would know, of course, that these and those beings live within us, but we would never come to our senses in the spiritual world. That is why there is a rhythm in the experience between death and a new birth. This rhythm consists of our alternately looking within and experiencing that world of spiritual beings described in our anthroposophical literature; then we, so to speak, dim this consciousness. We relate to this spiritual inner world in the same way we do here in physical life when we close our eyes and no longer hear with our ears—when we sleep. But sleeping means something different here. When we—if I may put it this way—turn our attention away from the world of spiritual beings within us, we begin to perceive ourselves. It is, however, as if we were outside ourselves, yet we know that this “outside ourselves” is ourselves. Thus, we alternately perceive ourselves in the spiritual world, or we perceive the world of spiritual beings.
[ 6 ] Sehen Sie, diesen rhythmischen Vorgang, der sich immer wiederholt, den könnte man vergleichen mit zweierlei hier im physischen Erdendasein. Man könnte ihn dem Einatmen und Ausatmen vergleichen, man kann ihn aber auch vergleichen mit Schlafen und Wachen. Beides sind hier im physischen Erdendasein rhythmische Vorgänge, beide lassen sich vergleichen mit dem, was ich Ihnen eben beschrieben habe. Aber nun handelt es sich darum, von solchen Vorgängen in der geistigen Welt, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verlaufen, nicht nur etwas Abstraktes zu wissen, und, ich möchte sagen, die spirituelle Neugierde zu befriedigen, sondern es handelt sich darum, das irdische Leben als ein Abbild des überirdischen zu erkennen. Und fragen muß man sich: Was spielt sich denn hier im irdischen Leben ab, was wie ein Erinnerungsvermögen — das ja der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein nicht hat, aber wie ein Erinnerungsvermögen, das Wesenheiten der höheren Hierarchien, Archangeloi haben würden —, was spielt sich denn hier im physischen Erdenleben ab, was wie eine Erinnerung an dieses Sich-Hineinleben in die Welt geistiger Wesenheiten und wiederum an dieses Erleben seines eigenen Selbstes in der geistigen Welt ist? Was spielt sich hier ab?
[ 6 ] You see, this rhythmic process, which repeats itself over and over, could be compared to two things here in our physical earthly existence. One could compare it to inhaling and exhaling, but one could also compare it to sleeping and waking. Both are rhythmic processes here in physical earthly existence, and both can be compared to what I have just described to you. But the point now is not merely to have some abstract knowledge of such processes in the spiritual world—which take place between death and a new birth—and, I would say, to satisfy spiritual curiosity; rather, the point is to recognize earthly life as a reflection of the super-earthly. And one must ask oneself: What is taking place here in earthly life—what, like a memory—which, of course, human beings do not possess in ordinary consciousness, but like a memory that beings of the higher hierarchies, Archangels would possess—what is taking place here in physical earthly life that is like a memory of this immersion into the world of spiritual beings and, in turn, of this experience of one’s own self in the spiritual world? What is taking place here?
[ 7 ] Nun, wenn wir in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt jenes Erleben nicht hätten, durch das wir hineinschauen in uns und die Welt des Geistes erleben, so gäbe es hier auf der Erde keine Moral. Dasjenige, was wir von diesem Erleben der Geistesweltwesen zurückbehalten, wenn wir durchgehen durch das Embryonalleben und ins Erdenleben hereingehen, das, was wir zurückbehalten, ist die Neigung für das moralische Leben. Die Neigung für das moralische Leben ist bei dem Menschen um so stärker, je mehr er in heller Klarheit dieses Zusarmmensein mit den Geistern der höheren Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt erlebt hat. Und derjenige, der in diese Dinge hineinschaut mit rechtem geistigem Sinn, der weiß, daß die unmoralischen Menschen hier auf der Erde infolge ihres früheren Erdenlebens ein zu dumpfes Erleben hatten, wenn sie hineinschauten in dieses geistige Dasein. Aber wiederum, wenn wir nur das erleben könnten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, was uns eins macht mit den Wesen der höheren Welt, wenn wir niemals in der geistigen Welt zu uns selbst kommen würden, dann könnten wir unmöglich hier auf der Erde jemals zur Freiheit, zum Freiheitsbewußtsein kommen, zum Bewußtsein unserer Persönlichkeit, was ja im Grunde genommen identisch ist mit dem Freiheitsbewußtsein. Indem wir also Moral und Freiheit hier auf der Erde entwickeln, sind Moral und Freiheit Erinnerungen an jenen Rhythmus, den wir oben in der geistigen Welt, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in der geschilderten Weise erleben.
[ 7 ] Well, if, in the time between death and a new birth, we did not have that experience through which we look within ourselves and experience the world of the spirit, there would be no morality here on Earth. What we retain from this experience of the beings of the spiritual world as we pass through embryonic life and enter earthly life—what we retain—is the inclination toward the moral life. The inclination toward a moral life is all the stronger in a person the more clearly they have experienced this communion with the spirits of the higher world between death and a new birth. And anyone who looks into these things with the right spiritual insight knows that immoral people here on Earth, as a result of their previous earthly life, had a too dull experience when they looked into this spiritual existence. But then again, if we could experience only that which unites us with the beings of the higher world between death and a new birth—if we were never to come to our senses in the spiritual world—then we could never, here on Earth, attain freedom, a sense of freedom, or an awareness of our personality, which is, after all, essentially identical to the sense of freedom. Thus, by developing morality and freedom here on Earth, morality and freedom become memories of that rhythm which we experience above in the spiritual world—between death and a new birth—in the manner described.
[ 8 ] Aber wir können, indem wir den Blick auf die Seele lenken, noch genauer sagen, was in der Seele vorhanden bleibt als Nachklang, auf der einen Seite jenes Einswerdens mit den geistigen Wesen, auf der anderen Seite jenes geistigen Selbstbewußtseins, das wir abwechselnd damit erleben. Dasjenige, was uns bleibt als ein Nachklang hier im Erdenleben innerhalb unserer Seele des Einswerdens mit den Wesen der geistigen Welt, ist die Fähigkeit, zu lieben. Diese Fähigkeit, zu lieben, hängt inniger, als man denkt, eben zusammen mit dem moralischen Leben. Denn ohne die Fähigkeit, zu lieben, gäbe es hier auf Erden kein moralisches Leben. Jedes moralische Leben geht hervor aus dem Verständnis, das wir der anderen Menschenseele entgegenbringen, geht hervor aus dem Bestreben, das, was wir tun, zu vollbringen aus dem Verständnis der anderen Menschenseele heraus. Wie wir uns selbstlos verhalten zu den anderen Menschen, das heißt, wie wir in Liebe moralisch werden können, das ist im wesentlichen ein Nachklang des Zusammenlebens mit den geistigen Wesen in der Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und was bleibt uns von dem, ich möchte sagen, einsamen Erleben — denn so stellt es sich dar —, vom einsamen Erleben unseres Selbstes in der geistigen Welt? Denn wir fühlen uns einsam, wenn wir gewissermaßen ausatmen. Es ist Einatmen wie Erleben der geistigen Wesen, Ausatmen wie Erleben unseres Selbstes. Aber Einsamkeitsgefühl, sehen Sie, der Nachklang dieses Einsamkeitsgefühles, der ist hier auf Erden die Fähigkeit des Gedächtnisses, der Erinnerung. Wir würden kein Gedächtnis haben als Menschen, wenn das nicht ein Nachklang wäre dieses eben beschriebenen Einsamkeitsgefühles. Wir sind eigentliche Menschen in der geistigen Welt dadurch, daß wir uns, ich kann nicht sagen, auf uns selbst zurückziehen können, sondern uns freimachen können von dem, was in uns ist an höheren Geistern. Dadurch sind wir Menschen, selbständige Menschen in der geistigen Welt. Und hier auf Erden sind wir selbständige Menschen dadurch, daß wir uns an unsere Erlebnisse erinnern können. Denken Sie sich nur, was es wäre mit Ihrer Selbständigkeit, wenn Sie immer nur in der Gegenwart leben könnten mit Ihren Gedanken. Ihre erinnerten Gedanken machen ja das aus, wodurch Sie eine Innerlichkeit überhaupt haben. Das Gedächtnis macht uns hier auf Erden zur Persönlichkeit. Dieses Gedächtnis ist eben der Nachklang jenes Einsamkeitserlebnisses in der geistigen Welt, das ich beschrieben habe.
[ 8 ] But by turning our gaze to the soul, we can describe even more precisely what remains in the soul as an echo: on the one hand, that union with spiritual beings; on the other hand, that spiritual self-awareness which we experience alternately with it. What remains with us as an echo here in earthly life within our soul—of that union with the beings of the spiritual world—is the capacity to love. This capacity to love is more intimately connected to moral life than one might think. For without the capacity to love, there would be no moral life here on earth. Every moral life arises from the understanding we show toward the souls of other human beings; it arises from the striving to accomplish what we do out of an understanding of the souls of other human beings. The way we behave selflessly toward other people—that is, how we can become moral through love—is essentially an echo of our coexistence with spiritual beings in the world between death and a new birth. And what remains to us of this—I would say—lonely experience—for that is how it presents itself—of the lonely experience of our self in the spiritual world? For we feel lonely when we, so to speak, exhale. Inhaling is like experiencing the spiritual beings; exhaling is like experiencing our own self. But the feeling of loneliness—you see, the echo of this feeling of loneliness—is, here on earth, the capacity for memory, for recollection. We would have no memory as human beings if this were not an echo of the very feeling of loneliness just described. We are truly human in the spiritual world in that we can—I cannot say “withdraw into ourselves”—but rather free ourselves from what is within us in terms of higher spirits. Through this, we are human beings, independent human beings in the spiritual world. And here on Earth, we are independent human beings in that we can remember our experiences. Just imagine what would become of your independence if you could only ever live in the present with your thoughts. After all, it is your remembered thoughts that constitute the very basis of your inner life. Memory is what makes us personalities here on Earth. This memory is precisely the echo of that experience of loneliness in the spiritual world that I have described.
[ 9 ] Nun, warum steigen wir denn überhaupt aus der geistigen Welt hier herunter in die physische? Sie können aus dem, was ich das letzte Mal hier beschrieben habe, entnehmen, daß die Kräfte, die uns zusammenhalten mit den höheren geistigen Wesenheiten, eben schwächer werden. Hier im physischen Leben werden wir alt, weil die Kräfte, die uns zusammenhalten mit der physischen Erde, schwächer werden; dort drüben werden die Kräfte eben schwächer, die uns zusammenhalten mit den geistigen Wesenheiten. Vor allen Dingen werden auch diejenigen Kräfte schwächer, die uns befähigen, uns zu erfassen innerhalb der geistigen Wesenheiten und ein Mensch zu sein, ein selbständiger. Wir verlieren zuerst innerhalb der geistigen Welt — ziemlich lange bevor wir auf die Erde heruntersteigen — die Fähigkeit, mit den geistigen Wesen zusammenzuleben. Ich habe es ja das letzte Mal mitgeteilt: mit den geistigen Wesen zusammen formen wir den Geistkeim unseres physischen Leibes; den schicken wir aber als erstes herunter, dann nehmen wir den Ätherleib und kommen nach. Das habe ich Ihnen das letzte Mal geschildert. Wir verlieren zuerst die Fähigkeit, mit den Geistwesen der geistigen Welt zu leben; die dämmert herunter. Und wir fühlen, wie wir durch die Mondenkräfte immer mehr uns der Erde annähern. Wir fühlen uns als ein Selbst, aber immer weniger fühlen wir diese Fähigkeit, uns innerhalb des geistigen Gebietes zu erfassen, zu erhalten; sie wird immer schwächer und schwächer. Wir fühlen immer mehr und mehr etwas, wie wenn wir ohnmächtig würden innerhalb der geistigen Welt. Das bringt uns dazu, das Bedürfnis zu haben, das, was wir nicht mehr in uns selber tragen können, dieses Selbstgefühl, auf ein Äußeres, nämlich auf unseren Körper zu stützen, auf einen Körper zu stützen. Ich möchte sagen, wir verlernen allmählich das Fliegen und müssen gehen lernen. Sie wissen, es ist bildlich gesprochen, aber das Bild bedeutet durchaus wiederum eine Wahrheit, eine Wirklichkeit. Und so leben wir uns in unseren Körper hinein. Das Einsamkeitsgefühl stützt sich auf den Körper und wird zu der Fähigkeit des Gedächtnisses, und das Gemeinschaftsgefühl müssen wir uns auf Erden erst wiederum erobern. Und diese Eroberung, die zeigt sich eigentlich so recht in ihrer ganzen Bedeutung, wenn wir geisteswissenschaftlich den Schlafzustand studieren.
[ 9 ] Well, why do we descend from the spiritual world down into the physical world in the first place? You can gather from what I described here last time that the forces that bind us to the higher spiritual beings are indeed growing weaker. Here in physical life, we grow old because the forces that bind us to the physical Earth are growing weaker; over there, the forces that bind us to the spiritual beings are growing weaker. Above all, the forces that enable us to perceive ourselves within the spiritual beings and to be human—an independent human being—are also growing weaker. First, within the spiritual world—quite a long time before we descend to Earth—we lose the ability to live together with the spiritual beings. As I mentioned last time: together with the spiritual beings, we form the spiritual germ of our physical body; but we send that down first, then we take the etheric body and follow. I described that to you last time. First we lose the ability to live with the spiritual beings of the spiritual world; that ability gradually fades away. And we feel how, through the forces of the Moon, we are drawing ever closer to the Earth. We feel ourselves as a self, but we feel this ability to grasp and maintain ourselves within the spiritual realm less and less; it grows weaker and weaker. We feel more and more as if we were losing consciousness within the spiritual world. This leads us to feel the need to anchor what we can no longer carry within ourselves—this sense of self—to something external, namely our body, to anchor it to a body. I would say that we are gradually forgetting how to fly and must learn to walk. You know, this is a metaphor, but the image certainly conveys a truth, a reality. And so we settle into our bodies. The feeling of loneliness is anchored in the body and becomes the capacity for memory, and we must first reclaim the sense of community here on Earth. And this reclaiming truly reveals its full significance when we study the state of sleep from a spiritual scientific perspective.
[ 10 ] Von einer gewissen Seite aus habe ich Ihnen diesen Schlafzustand das letzte Mal, als ich hier war, beschrieben. Ich will jetzt zu den Vorsängen, die ich dazumal beschrieben habe, noch andere hinzufügen. Ich weiß, daß solche Dinge leicht mißverstanden werden. Es kommt immer wieder und wiederum vor, daß Leute sagen: Nun ja, da hat er uns das letzte Mal doch beschrieben, was der Mensch erlebt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, und jetzt erzählt er uns etwas anderes. Ja, meine lieben Freunde, wenn ich Ihnen einmal erzähle, was ein Hofrat in seiner Kanzlei erlebt, so ist das nicht ein Widerspruch damit, wenn ich Ihnen das nächste Mal erzähle, was er im Kreise seiner Familie erlebt. Die Dinge gehen eben ineinander. Und so müssen Sie sich klar darüber sein, daß, wenn ich Ihnen von den Erlebnissen zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen erzähle, da noch manches andere hineingeht, wie in das Leben eines Hofrates außer dem Büroleben auch noch das Familienleben hineingehen kann.
[ 10 ] From a certain perspective, I described this state of sleep to you the last time I was here. I would now like to add to the preliminary songs I described back then. I know that such things are easily misunderstood. It happens time and again that people say: “Well, last time he described to us what a person experiences between falling asleep and waking up, and now he’s telling us something else.” Yes, my dear friends, if I tell you one time what a court councilor experiences in his office, that is not a contradiction to my telling you the next time what he experiences in the circle of his family. These things simply intertwine. And so you must realize that when I tell you about the experiences between falling asleep and waking up, there are many other elements involved—just as a court councilor’s life includes family life in addition to his office life.
[ 11 ] Und so erlebt der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen tatsächlich eine Art von rückwärtiger Wiederholung desjenigen, was er während des Tages verrichtet hat. Es ist nicht bloß, daß der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen — der Schlaf kann auch kurz sein, dann schieben sich eben die Dinge zusammen —, es ist nicht nur so, daß der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen etwa einen Rückblick hat auf seine Tageserlebnisse, einen unbewußten Rückblick — es müßte ja natürlich ein unbewußter Rückblick sein —, nein, wenn die Seele wirklich hellseherisch wird während des Schlafes, oder wenn sie sich hellseherisch rückerinnert an dasjenige, was sie erlebt hat zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, da zeigt sich, daß der Mensch wirklich das rückwärtslaufend erlebt, was er erlebt hat seit dem letzten Aufwachen. Wenn man also regelmäßig lebt in der Nacht, so macht man rückwärts ablaufend das durch, was man bei Tag getan hat. Das letzte Ereignis spielt sich ab unmittelbar nach dem Einschlafen und so fort. Der ganze Schlaf wirkt dabei eben merkwürdig ausgleichend. Ich kann Ihnen ja nichts anderes erzählen als dasjenige, was man durch Geisteswissenschaft erforschen kann. Wenn Sie eine Viertelstunde schlafen, so weiß gewissermaßen der Anfang des Schlafes, wann das Ende sein wird. Und Sie erleben in der einen Viertelstunde auch das zurück, was Sie seit dem letzten Aufwachen vollbracht haben. Es verteilt sich ganz ordentlich, so wunderbar einem das erscheint. Und dieses Zurückerleben, das ist, ich möchte sagen, etwas, was zwischen der vollen Wirklichkeit und zwischen dem Schein liegt. Es ist so: Wenn man ein Erinnerungsbild hat an etwas, was man im physischen Leben vor zwanzig Jahren erlebt hat, so hat man nicht als gesunder Mensch, als besonnener Mensch die Vorstellung: Das erlebst du jetzt —, sondern im Erinnerungsbild selbst liegt es, daß man es auf ein vergangenes Erlebnis bezieht. Derjenige, der hellseherisch das durchschaut, was die Seele im Schlafe rückwärtsgehend erlebt, der bezieht es nicht auf die Gegenwart, sondern er bezieht es auf die Zukunft nach dem Tode, und er weiß: ebenso wie der, der sich erinnert an das, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat, daß das vor zwanzig Jahren war, so weiß derjenige, der den Schlafzustand hellseherisch durchschaut, daß dies nicht für die Gegenwart Bedeutung hat, sondern daß es das Vorbild ist für das, was nach dem Tode zu erleben ist: daß wir also durchmachen müssen rückwärtsverlaufend, wiedertuend alle die Taten, die wir auf der Erde getan haben. Deshalb ist dieses Bild im Schlafe halb Wirklichkeit und halb Schein, denn es bezieht sich auf Zukünftiges. Es ist also für das gewöhnliche Bewußtsein ein unbewußtes Durchmachen desjenigen, was der Mensch in der Seelenwelt, wie ich sie in meinem Buche «Theosophie» genannt habe, eben zu durchleben hat. Und das intuitive und inspirierte Bewußtsein, wie ich es ja beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die entnehmen aus der Beobachtung des Schlafes, was der Mensch durchzumachen hat in dem ersten Stadium nach dem Tode. Es sind nicht Dinge, die aus dem Blauen heraus konstruiert werden, sondern es sind Dinge, die einfach beobachtet werden, wenn die Beobachtungsgabe dazu erworben ist. So also lebt der Mensch dasjenige durch vom Einschlafen bis zum Aufwachen ohne seinen Leib, was er mit seinem Leib beim Wachen getan hat.
[ 11 ] And so, between falling asleep and waking up, a person actually experiences a kind of reverse replay of what they did during the day. It is not merely that, from the moment of falling asleep until waking—sleep can also be brief, in which case events simply overlap—it is not merely that, between falling asleep and waking, a person has a sort of retrospective view of their daytime experiences, an unconscious retrospective view—it would, of course, have to be an unconscious retrospective view— no, if the soul truly becomes clairvoyant during sleep, or if it clairvoyantly recalls what it experienced between falling asleep and waking up, then it becomes evident that a person truly experiences in reverse what they have experienced since their last waking. So if one lives a regular life at night, one goes through, in reverse order, what one has done during the day. The most recent event takes place immediately after falling asleep, and so on. The entire sleep process has a remarkably balancing effect. I can tell you nothing other than what can be investigated through spiritual science. If you sleep for a quarter of an hour, the beginning of sleep, so to speak, knows when the end will be. And in that quarter of an hour, you also relive what you have accomplished since the last time you woke up. It is distributed quite evenly, as wonderful as that may seem. And this reliving is, I would say, something that lies between full reality and illusion. It is like this: When you have a memory of something you experienced in physical life twenty years ago, as a healthy, level-headed person you do not think, “You are experiencing this now”—rather, it is inherent in the memory itself that you relate it to a past experience. The one who clairvoyantly perceives what the soul experiences in a retrograde manner during sleep does not relate it to the present, but rather to the future after death, and knows: just as the person who remembers what they experienced twenty years ago knows that it was twenty years ago, so too does the one who clairvoyantly perceives the state of sleep know that this has no significance for the present, but that it is the model for what is to be experienced after death: that we must thus go through it in reverse, repeating all the deeds we have done on Earth. That is why this image in sleep is half reality and half illusion, for it relates to the future. For ordinary consciousness, it is thus an unconscious re-experiencing of what the human being must go through in the soul world, as I have called it in my book *Theosophy*. And the intuitive and inspired consciousness, as I have described it in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, derives from the observation of sleep what a person must go through in the first stage after death. These are not things constructed out of thin air, but rather things that are simply observed once the gift of observation has been acquired. Thus, from the moment of falling asleep until waking up, the human being experiences without his body what he did with his body while awake.
[ 12 ] Nun kommen wir zu einer außerordentlich subtilen Vorstellung. Denken Sie sich einmal, wir müssen mit unserem Ich und unserem astralischen Leib äußerlich unsere Taten noch einmal durchleben. Die Fähigkeit, das zu tun, eignen wir uns um so mehr an, je mehr wir Liebe entfalten können. Das ist das Geheimnis des Lebens in bezug auf die Liebe. Kann der Mensch in der Liebe wirklich aus sich herausgehen, gewissermaßen seinen Nächsten als sich selbst lieben, so lernt er das, was er im Schlafe braucht, um da voll ohne Qual zurückerleben zu können dasjenige, was er eben zurückerleben muß. Denn da muß er ganz außer sich sein. Ist der Mensch ein liebloses Wesen, dann gibt das eine Spannung, wenn er nun außer sich seine Taten, die er in Lieblosigkeit vollbracht hat, wiederum erleben soll. Das engt ihn ein. Lieblose Menschen schlafen, wenn ich mich bildhaft ausdrücken darf, engbrüstig. Und so wird, während wir schlafen, dasjenige eigentlich für uns Menschen recht fruchtbar, was wir durch die Liebe im Leben in uns hineinverpflanzen. Und in dem, was da sich entwickelt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen — es geht ja hervor aus meiner gerade gegebenen Darstellung —, haben wir dasjenige, was durch die Pforte des Todes hinausgeht und dann da draußen weiterlebt in der geistigen Welt. Es verliert sich selbst in den Zuständen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt das Zusammenleben mit den geistigen Wesen der höheren Welten; wir erringen es uns keimhaft wiederum während unseres Erdenlebens durch die Liebe. Denn die Liebe enthüllt ihren Sinn, wenn der Mensch mit seinem Ich und seinem astralischen Leib außerhalb seines physischen und Ätherleibes im Schlafe ist. Des Menschen Wesenheit wird weit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wenn er liebevoll ist, und bereitet sich gut vor zu demjenigen, was nach dem Tode geschehen soll mit ihm. Des Menschen Wesenheit wird eng, wenn er lieblos ist, und bereitet sich schlecht vor für dasjenige, was nach dem Tode mit ihm geschehen soll. In der Liebe-Entfaltung liegt vorzugsweise das, was Keim ist für jenes Geschehen, das nach dem Tode sich abspielt.
[ 12 ] Now we come to an extraordinarily subtle concept. Imagine for a moment that we must relive our actions externally with our ego and our astral body. The more love we are able to develop, the more we acquire the ability to do this. This is the secret of life as it relates to love. If a person can truly step outside of themselves in love—loving their neighbor as themselves, so to speak—then they learn what they need during sleep to be able to relive, fully and without torment, precisely what they must relive. For in that state, they must be completely outside of themselves. If a person is a loveless being, this creates tension when they must relive, outside of themselves, the deeds they have committed out of lovelessness. This constricts them. Loveless people sleep—if I may put it figuratively—with constricted chests. And so, while we sleep, what we plant within ourselves through love in life actually becomes quite fruitful for us human beings. And in what develops there between falling asleep and waking up—as is evident from the description I have just given—we have that which passes through the gate of death and then lives on out there in the spiritual world. It is in the states between death and a new birth that our communion with the spiritual beings of the higher worlds is lost; we regain it in embryonic form during our earthly life through love. For love reveals its meaning when the human being, with his “I” and his astral body, is outside his physical and etheric bodies during sleep. A person’s being expands greatly between falling asleep and waking up when they are loving, and prepares well for what is to happen to them after death. A person’s being contracts when they are unloving, and prepares poorly for what is to happen to them after death. It is primarily in the unfolding of love that the seed lies for the events that will unfold after death.
[ 13 ] Die Erinnerung ist während unseres Erdenlebens, zwischen der Geburt und dem Tode, etwas außerordentlich Flüchtiges; es sind ja nur Bilder, die in unserem Gedächtnis vorhanden sind. Denken Sie, wie wenig das ist von den Ereignissen, die wir durchleben, was uns da in den Erinnerungsbildern bleibt. Man soll sich nur einmal vorstellen, was man vielleicht für einen namenlosen Schmerz durcherlebt hat beim Tode irgendeiner nahestehenden Persönlichkeit, und soll sich den inneren Seelenzustand für einen solchen Fall einmal lebhaft vorstellen, und dann sich vorstellen, wie sich das ausnimmt als inneres Erlebnis, wenn man nach zehn Jahren das Erinnerungsbild rege werden läßt an dasjenige, was man damals erlebt hat. Abgeblaßt, fast abstrakt geworden ist es. So ist es mit unserer Erinnerungsfähigkeit. Sie ist blaß und abstrakt gegenüber der Vollfrische unseres Lebens. Warum ist unsere Erinnerung schwach und schattenhaft? Sie ist ja eben der Schatten unseres Selbsterlebnisses zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da drinnen ist die Fähigkeit der Erinnerung, so daß sie uns eigentlich unser Dasein gibt. Was uns hier auf der Erde Fleisch und Blut gibt, das gibt uns zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die Fähigkeit der Erinnerung. Da ist die Erinnerung vollsaftig und stark wenn ich diese Ausdrücke von Geistigem gebrauchen darf —, sie gebraucht des Fleisches und wird schwach. Und wenn wir sterben, dann ist wenige Tage — ich habe das oftmals beschrieben und Sie finden das auch in meinen Büchern — der letzte Rest der Erinnerung im ätherischen Leibe noch vorhanden. Gehen wir durch die Pforte des Todes, schauen wir zurück auf unser verflossenes Erdenleben, dann blaßt diese Erinnerung ab. Und es windet sich aus dieser Erinnerung dasjenige heraus, was uns die Kraft der Liebe auf Erden eben an Kraft für das Leben nach dem Tode gegeben hat. So ist die Kraft unserer Erinnerung die Erbschaft, die wir haben von unserem vorirdischen Leben, und so ist die Kraft der Liebe die Keimeskraft für dasjenige, was wir haben nach unserem Tode. So bezieht sich das Erdenleben auf die geistige Welt.
[ 13 ] Memory is something extraordinarily fleeting during our earthly life, between birth and death; after all, there are only images stored in our memory. Consider how little of the events we experience actually remains with us in the form of memories. Just imagine for a moment the nameless pain one might have experienced at the death of a loved one, and vividly picture the inner state of mind in such a case; then imagine what that inner experience feels like when, ten years later, you allow the memory of what you experienced back then to come to life. It has faded, becoming almost abstract. So it is with our capacity for memory. It is pale and abstract compared to the full vitality of our lives. Why is our memory weak and shadowy? It is, after all, the shadow of our own experience between death and a new birth. Within that lies the capacity for memory, which in fact gives us our very existence. What gives us flesh and blood here on earth gives us, between death and a new birth, the capacity for memory. There, memory is full of vitality and strong—if I may use these spiritual terms—but it draws upon the flesh and grows weak. And when we die, for a few days—I have described this many times, and you will find it in my books as well—the last remnant of memory is still present in the etheric body. As we pass through the gate of death and look back on our past earthly life, this memory fades away. And from this memory emerges that which the power of love on Earth has given us as strength for life after death. Thus, the power of our memory is the inheritance we have from our pre-earthly life, and thus the power of love is the germinative force for what we have after our death. In this way, earthly life relates to the spiritual world.
[ 14 ] Aber ich habe ja vergleichen müssen dasjenige, was der Mensch erlebt im Zusammenhang mit den höheren Wesen der geistigen Welt, abwechselnd mit seinem Selbsterlebnis in der geistigen Welt, mit dem Atmen, Einatmen, Ausatmen. Gewissermaßen kann man auch wiederum in unserem Atmungsprozeß und in demjenigen, was zusammenhängt mit unserem Atmungsprozeß, in dem Sprach- und Singprozeß, in den Sprach- und Singvorgängen ein Abbild dieses Atmens in der geistigen Welt erkennen. Und zwar in der folgenden Weise: Nicht wahr, unser Leben in der geistigen Welt, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, geht eigentlich so vor sich: Einblick in das eigene Innere, Einswerden mit den Wesen der höheren Hierarchien; Ausblick aus dem eigenen Inneren, Einswerden mit sich selbst. So geht es vor sich wie Einatmen und Ausatmen. Wir atmen da nur in uns selber hinein, und atmen uns da selber heraus, und das Atmen ist ein Geistiges. Hier auf dieser Erde wird dieser Atmungsprozeß, wie ich eben dargestellt habe, zur Erinnerung und zur Liebe. Und in der Tat: Erinnerung und Liebe wirken auch wie ein Atmen hier im physischen Erdenleben zusammen. Und Sie können sogar, wenn Sie dieses physische Leben richtig mit Seelenaugen betrachten können, an einer wichtigen Offenbarung des Atmens — im Sprechen und Singen — das Zusammenwirken von Erinnerung und Liebe immer beobachten, sogar physiologisch.
[ 14 ] But I had to compare what a person experiences in connection with the higher beings of the spiritual world—alternating with their experience of the self in the spiritual world—with breathing: inhaling and exhaling. In a sense, one can also recognize in our breathing process—and in what is connected to it, namely the processes of speech and singing—a reflection of this breathing in the spiritual world. And this is how it works: Isn’t it true that our life in the spiritual world, between death and a new birth, actually unfolds in this way: Looking inward into one’s own inner being, becoming one with the beings of the higher hierarchies; looking outward from one’s own inner being, becoming one with oneself. This proceeds like inhaling and exhaling. There we breathe only into ourselves, and breathe ourselves out again, and this breathing is a spiritual act. Here on Earth, this breathing process, as I have just described, becomes memory and love. And indeed: memory and love also work together like breathing here in physical earthly life. And if you are able to observe this physical life correctly with the eyes of the soul, you can always observe—even physiologically—the interplay of memory and love in an important manifestation of breathing: in speaking and singing.
[ 15 ] Studieren Sie das Kind bis zum Zahnwechsel. Zu dem interessantesten Studium am Kinde bis zum Zahnwechsel gehört dasjenige, wie sich allmählich die Kraft des Gedächtnisses, die Erinnerungskraft ergibt. Die ist erst ganz elementar. Das Kind hat eine gewisse Erinnerung, aber selbständige Kraft wird diese Erinnerung erst gegen die Zeit des Zahnwechsels hin. Ungeheuer interessant ist es zu beobachten, wie sich die Kraft des Erinnerns herausarbeitet in der ersten menschlichen Lebensepoche. Sie ist eigentlich erst fertig ausgebildet, wenn das Kind schulfähig geworden ist. Da können wir erst auf die Erinnerung bauen. Früher machen wir den Menschen steif und für das spätere Leben seelisch sklerotisch, wenn wir zu stark auf seine Erinnerung bauen. Beim Kinde handelt es sich darum — beim Kinde bis zum Zahnwechsel —, daß die Gegenwartseindrücke richtig sind. Auf die Erinnerung dürften wir erst bauen zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife.
[ 15 ] Study the child up until the time of tooth replacement. One of the most interesting aspects of studying a child up until this time is how the power of memory gradually develops. At first, it is quite rudimentary. The child has a certain capacity for memory, but this memory does not become an independent faculty until around the time of the change of teeth. It is immensely interesting to observe how the power of memory develops during the first stage of human life. It is not actually fully developed until the child is ready for school. Only then can we rely on the child’s memory. If we rely too heavily on a child’s memory at an earlier stage, we make the person rigid and, in later life, emotionally sclerotic. For the child—up until the change of teeth—what matters is that impressions of the present are accurate. We should only begin to rely on memory between the change of teeth and sexual maturity.
[ 16 ] Heute ist unsere physiologische Wissenschaft noch nicht so weit, um die Einzelheiten dieses eben geschilderten Vorganges genau zu beschreiben. Geisteswissenschaft kann das, und die physiologische Wissenschaft wird ihr gewiß nachfolgen, denn die Dinge sind auch durch ganz exaktes Beobachten der Menschennatur herauszubekommen. Wir können sagen, wenn wir einen Laut oder einen Ton von uns geben, dann wirkt erstens der Kopf mit. Aber aus dem Kopfe ist es dieselbe Fähigkeit, die innerlich seelisch die Erinnerung gibt, die gewissermaßen in den Laut und in den Ton hineinschießt; das kommt von oben. Und daß irgendein Wesen sprechen kann, ohne eine Erinnerungsfähigkeit zu haben, das können Sie sich doch nicht vorstellen. Wenn man immer vergessen würde das, was im Laut oder im Ton liegt, so würde man natürlich niemals sprechen oder singen können, Es ist geradezu die verkörperte Erinnerung, die im Ton oder im Laute liegt, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: welchen Anteil die Liebe, auch im physiologischen Sinne, an dem hat, was im Atmungsprozeß zum Sprechen und Singen wird, dafür ist Ihnen ja ein deutliches Zeugnis, daß nun in der zweiten wichtigen Epoche des Lebens, wenn also die Liebe physiologisch zum Ausdruck kommt, beim männlichen Geschlechte sogar erst die volle innere Fülle des Tones auftritt; das kommt von unten. Da haben Sie die beiden Elemente zusammen. Von oben dasjenige, was physiologisch der Erinnerung zugrunde liegt, und von unten dasjenige, was physiologisch der Liebe zugrunde liegt: das bildet den Sprach- und Gesangston. Da haben Sie das wechselweise Zusammenwirken. Es ist gewissermaßen auch ein Atmungsprozeß, der durch das ganze Leben hindurchgeht. Wie wir den Sauerstoff einatmen und die Kohlensäure ausatmen, so verbindet sich in uns die Kraft der Erinnerung mit der Kraft der Liebe, begegnet sich in der Sprache, begegnet sich im Ton. Und wir können sagen: Sprechen und Singen sind beim Menschen ein wechselseitiges Sich-Durchdringen von der Kraft der Erinnerung mit der Kraft der Liebe. In dem liegt außerordentlich Bedeutsames für die Enthüllung des eigentlichen Ton- und Lautgeheimnisses.
[ 16 ] Today, our physiological science has not yet advanced far enough to describe the details of the process just described with precision. Spiritual science can do this, and physiological science will certainly follow in its footsteps, for these things can also be discovered through very precise observation of human nature. We can say that when we produce a sound or a tone, the head is involved first and foremost. But it is the same faculty within the head—the inner, soul-based faculty of memory—that, so to speak, shoots into the sound and the tone; this comes from above. And you surely cannot imagine that any being could speak without having the faculty of memory. If one were always to forget what lies in the sound or tone, one would of course never be able to speak or sing. On the one hand, it is precisely the embodied memory that lies in the tone or sound. On the other hand: as for the role that love—even in the physiological sense—plays in what becomes speech and song through the breathing process, you have clear evidence of this in the fact that it is only in the second important epoch of life—when love finds physiological expression—that the full inner richness of tone even begins to emerge in the male sex; this comes from below. There you have the two elements together. From above, that which physiologically underlies memory, and from below, that which physiologically underlies love: this forms the tone of speech and song. There you have the reciprocal interaction. In a sense, it is also a breathing process that runs through the whole of life. Just as we inhale oxygen and exhale carbon dioxide, so within us the power of memory unites with the power of love, meeting in speech, meeting in sound. And we can say: In human beings, speaking and singing are a mutual interpenetration of the power of memory and the power of love. This holds extraordinary significance for the revelation of the true mystery of tone and sound.
[ 17 ] So ist schon etwas Wahres in dem, was ältere Sprachen zum Ausdruck bringen dadurch, daß sie die Summe der Weltenkräfte und Weltengedanken den Logos nennen, der das Jenseitige, das Übersinnliche desjenigen ist, was physisch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Wir atmen nicht nur die höheren Wesen ein und aus, sondern wir sprechen gewissermaßen — obwohl dieses Sprechen zugleich ein Singen ist — zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in diesem Wechselverhältnis zwischen Aufgehen in den geistigen Wesen der höheren Welt und Zu-sich-selbst-Kommen, wir sprechen mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Denn es ist ein geistiges Sprechen zugleich. Wenn wir in dem Zustande sind, daß wir eins werden mit den Wesen der geistigen Welt, dann schauen wir sie, wenn auch in uns selber, an. Wenn wir wieder sie los werden und zu uns selber kommen, dann haben wir den Nachklang, da sind wir wir selbst. Dort drücken sie ihr eigenes Wesen in uns aus, dort sagen sie uns, was sie sind, dort lebt der Logos in uns. Wenn wir zu uns kommen, auf Erden, ist es umgekehrt: da drücken wir unser eigenes Wesen aus, wenn wir sprechen und singen. Denn es ist das eigene Wesen des Menschen, was wir ausdrücken im Gesang und in der Sprache. Unser ganzes Wesen drücken wir im Ausatmungsprozesse aus; während wir das ganze Wesen der Welt im Logos empfangen, wenn wir uns des Zusammenseins mit den Geistwesen entledigen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
[ 17 ] Thus there is indeed some truth in what older languages express by calling the sum of the world’s forces and world’s thoughts the Logos, which is the otherworldly, the supersensible aspect of that which is physically expressed in language. We do not merely breathe in and out the higher beings; rather, we speak, so to speak—although this speaking is at the same time a singing—between death and a new birth, in this interplay between merging with the spiritual beings of the higher world and returning to ourselves; we speak with the beings of the higher hierarchies. For it is, at the same time, a spiritual form of speech. When we are in a state where we become one with the beings of the spiritual world, we behold them, even if only within ourselves. When we detach ourselves from them again and return to ourselves, we are left with the afterglow; there we are ourselves. There they express their own being within us; there they tell us what they are; there the Logos lives within us. When we return to ourselves on earth, it is the reverse: there we express our own essence when we speak and sing. For it is the human being’s own essence that we express in song and speech. We express our entire being in the process of exhalation; while we receive the entire being of the world in the Logos when we shed our connection with the spiritual beings between death and a new birth.
[ 18 ] Nun ist es aber so, daß wir, wenn wir den Übergang durchmachen von der geistigen Welt in die physische herein, gewissermaßen durch das große Vergessen zugleich gehen. Wer sieht hier in der schwachen, schattenhaften Kraft der Erinnerung durch das gewöhnliche Bewußtsein den Nachklang dessen, was wir eigentlich als ein Selbst in der geistigen Welt waren? Und wer erkennt noch in der Sprache, in dem Teil, der aus der Erinnerung kommt, das Nachvibrieren des Selbstes? Und wer erkennt in der Gestaltung der Sprache, im Singen und Sprechen, in dem Ausbilden der Plastik der Sprache, wer erkennt mit dem gewöhnlichen Bewußtsein den Nachklang der Wesenheiten der höheren Hierarchien? Dennoch, ist es denn nicht so, daß derjenige, der versteht die Sprache anzuhören ohne ihr Nützlichkeitsmoment, der hinhorchen kann auf dasjenige, was die Töne durch ihre selbsteigene Wesenheit äußern, daß der doch eine Ahnung bekommt, namentlich wenn er künstlerischen Sinn hat, wie sich im Sprechen und Singen mehr offenbart als das, was das gewöhnliche Bewußtsein hat? Und warum bilden wir denn um dasjenige, was die gewöhnliche Sprache ist, die wir als Nützlichkeitsfähigkeit hier auf der Erde haben, warum bilden wir sie denn um im Gesang, indem wir ihre Eigenschaften als Nützlichkeitsfähigkeit abstreifen und sie zum Ausdruck unseres eigenen Wesens machen in der Deklamation, im Gesang? Warum bilden wir sie denn da um? Was tun wir denn da?
[ 18 ] The fact is, however, that when we undergo the transition from the spiritual world into the physical world, we simultaneously pass, as it were, through the great forgetting. Who, through ordinary consciousness, perceives in the faint, shadowy power of memory the echo of what we actually were as a self in the spiritual world? And who still recognizes in language—in that part that arises from memory—the lingering vibration of the self? And who, with ordinary consciousness, recognizes in the form of language—in singing and speaking, in the shaping of language’s plasticity—the echo of the beings of the higher hierarchies? Nevertheless, is it not the case that the one who understands how to listen to language without its utilitarian aspect—who can listen intently to what the sounds express through their very own essence—that such a person does indeed gain a sense, especially if they have an artistic sensibility, of how more is revealed in speaking and singing than what ordinary consciousness perceives? And why, then, do we transform ordinary language—which we possess here on earth as a means of utility—why do we transform it through song, by stripping away its characteristics as a means of utility and making it an expression of our own being in recitation and song? Why do we transform it in this way? What are we doing there?
[ 19 ] Nun, wir bekommen die richtige Vorstellung darüber, wenn wir uns sagen: Du warst, bevor du auf diese Erde herabgestiegen bist, in der geistigen Welt, hast darin so gelebt, wie es beschrieben worden ist. Es trat das große Vergessen ein. Du erkennst in demjenigen, was dein Mund äußert, was deine Seele erinnert, wie deine Seele liebt, nicht den Nachklang desjenigen, was du in der geistigen Welt warst. Aber in der Kunst treten wir gewissermaßen einige Schritte zurück vom Leben, und wir treten einige Schritte näher demjenigen, was wir waren im vorgeburtlichen Leben und was wir werden im nachtodlichen Leben. Und wenn wir auf der einen Seite erkennen können, wie die Erinnerung der Nachklang ist dessen, was wir im vorirdischen Leben gehabt haben, wie die Liebe-Entfaltung der Keim ist zu demjenigen, was wir nach dem Tode haben werden, wenn wir gewissermaßen durch die GeistErkenntnis Vergangenheit und Zukunft des Menschenseins vergegenwärtigen: in der Kunst rufen wir in die Gegenwart selber — soweit es eben dem Menschen möglich ist innerhalb seiner physischen Organisation —, in der Kunst rufen wir in die Gegenwart herein dasjenige, was uns mit dem Geiste zusammenbindet.
[ 19 ] Well, we can get a clear picture of this if we tell ourselves: Before you descended to this Earth, you were in the spiritual world, and you lived there just as it has been described. Then the great forgetting set in. In what your mouth utters, in what your soul remembers, and in how your soul loves, you do not recognize the echo of what you were in the spiritual world. But in art, we take a few steps back from life, so to speak, and we take a few steps closer to what we were in our pre-birth life and what we will become in our afterlife. And while, on the one hand, we can recognize how memory is the echo of what we had in our pre-earthly life, and how the unfolding of love is the seed of what we will have after death—when, through spiritual knowledge, we bring the past and future of human existence into the present, so to speak— in art we summon into the present itself—to the extent that this is possible for human beings within their physical organization—in art we summon into the present that which binds us together with the spirit.
[ 20 ] Sehen Sie, das gibt der Kunst ihren eigentlichen Glanz, daß sie uns in naiver Weise versetzt in die geistige Welt in unmittelbarer Gegenwart. Derjenige, der in das Innere des Menschenlebens zu schauen vermag, der sagt sich: Der Mensch erinnert sich gewöhnlich ja nur an die Dinge, die er in dem unmittelbar vorangehenden Erdenleben durchgemacht hat. Aber die Kraft, durch die er sich an diese irdischen Erlebnisse erinnert, diese Kraft ist nur die abgeschwächte Kraft seines eigentlichen Selbstdaseins im vorirdischen Leben. Und die Liebe, die der Mensch hier als allgemeine Menschenliebe entfalten kann, ist die abgeschwächte Keimeskraft desjenigen, was voll erblühen wird nach dem Tode: Vergangenheit, Zukunft. Und so wie zum Beispiele im Gesang und im deklamatorischen Sprechen sich wirklich verbinden muß das, was der Mensch ist, eben Erinnerung, mit demjenigen, wie der Mensch sich der Welt geben kann, Liebe, so ist es eben in aller Kunst so: Der Mensch erlebt in der Gegenwart den Zusammenklang seines Selbstes mit dem Äußeren, und ohne daß der Mensch fähig ist, gewissermaßen sein Inneres — sei es nun der Laut, sei es der Ton, sei es die Verrichtung des Malens, sei es irgendein anderes Künstlerisches —, ohne daß der Mensch fähig ist, an seine Oberfläche zu tragen dasjenige, was er ist, was das Leben aus ihm gemacht hat, was im Grunde genommen doch der Inhalt seiner Erinnerung ist, kann er nach der einen Seite hin kein Künstler sein. Und der ist kein wahrer Künstler, der im ausgesprochensten Sinne auch in seiner Kunst ein Egoist sein will. Nur derjenige, der Sinn hat, gewissermaßen in die Welt auszufließen, eins zu werden mit anderen, der Liebe-Entfaltung hat, der kann diese Liebe-Entfaltung mit seinem eigenen Wesen in eins vereinigen. Altruismus und Egoismus fließen in eines zusammen. Sie fließen am innigsten natürlich in den tönenden Künsten, aber sie fließen auch in den bildenden Künsten in eins zusammen. Und wenn wir durch eine gewisse Vertiefung unserer Erkenntniskräfte enthüllen, wie der Mensch nach Vergangenheit und Zukunft zusammenhängt mit einer übersinnlichen Welt, so können wir auf der anderen Seite auch uns sagen, daß der Mensch ahnend in der Gegenwart diesen Zusammenhang hat eigentlich in der Kunstproduktion oder im Kunstgenuß. Und eigentlich ist immer die Kunst nicht in ihrer vollen Geltung, wenn sie nicht in einem gewissen Sinn doch eine Art Anklang an etwas Religiöses hat. Nicht daß sie religiös-Frömmelnd sein muß, es kann eine lustige Kunst auch diesen Anklang an das Religiöse haben.
[ 20 ] You see, what gives art its true brilliance is that it transports us, in a naive way, into the spiritual world in the here and now. Those who are able to look into the innermost depths of human life say to themselves: People usually remember only the things they experienced in their immediately preceding earthly life. But the power through which they remember these earthly experiences—this power is merely the weakened form of the power of their true self-existence in pre-earthly life. And the love that human beings can develop here as universal love for humanity is the weakened seed-power of that which will fully blossom after death: the past and the future. And just as, for example, in singing and in declamatory speech, what a person is—namely, memory—must truly unite with the way a person can give themselves to the world—namely, love—so it is in all art: In the present, a person experiences the harmony of their self with the external world, and unless a person is capable, so to speak, of bringing their inner self—be it sound, be it tone, be it the act of painting, be it any other artistic expression— without being able to bring to the surface what they are—what life has made of them, which is, after all, the content of their memory—they cannot, in one sense, be an artist. And one who, in the most explicit sense, wishes to be an egoist even in their art is no true artist. Only the person who has a sense of, so to speak, flowing out into the world, of becoming one with others—the person who possesses the unfolding of love—can unite this unfolding of love with his own being. Altruism and egoism merge into one. They flow most intimately and naturally in the performing arts, but they also merge into one in the visual arts. And when, through a certain deepening of our powers of insight, we reveal how human beings are connected—through the past and the future—to a supersensible world, we can also tell ourselves that, in the present, human beings intuitively experience this connection precisely in the creation or appreciation of art. And in fact, art never fully realizes its potential unless it possesses, in a certain sense, a kind of resonance with something religious. Not that it must be religiously pious; even lighthearted art can possess this resonance with the religious.
[ 21 ] Aber ein voller Beweis dafür ist auch, wie dasjenige sich entwickelt hat, was Kunst ist. Sie war ja ursprünglich eins mit dem religiösen Leben. Dasjenige, was Kunst war, war durchaus verwoben in einen Kultus in den Urzeiten der Menschheit, in den religiösen Kultus. Dasjenige, was der Mensch als seine Götterbilder formte, das war die Quelle der Plastik. Erinnern wir dabei zum Beispiel an die samothrakischen Mysterien, auf die Goethe im zweiten Teile seines «Faust» anspielt, wo er von den Kabiren spricht. Ich habe versucht, in meinem Atelier in Dornach diese Kabiren nachzubilden. Was habe ich herausbekommen? Es war etwas sehr Interessantes. Ich habe einfach mir die Aufgabe gestellt, herauszubekommen durch Anschauung, wie innerhalb der samothrakischen Mysterien die Kabiren ausgesehen haben müssen. Und denken Sie: Ich habe drei Krüge, allerdings plastisch-künstlerisch gestaltete Krüge bekommen! Ich war anfangs selbst erstaunt, obwohl Goethe auch von Krügen spricht. Die Sache wurde mir erst erklärlich, als ich darauf kam: diese Krüge standen auf einem Altar, da wurde etwas Weihrauchähnliches hineingebracht, das Opferwort wurde gesungen, und aus der Kraft des Opferwortes, das in älteren Menschheitszeiten noch eine ganz andere schwingungserregende Gewalt hatte als heute, gestaltete sich der Opferrauch zu dem Bilde der Gottheit, das gesucht wurde. Sie haben unmittelbar in der religiösen Verrichtung den sekundierenden Gesang, der unmittelbar in der Plastik des Rauches sich auslebt.
[ 21 ] But clear proof of this can also be found in how art itself has developed. Art was, after all, originally one with religious life. What constituted art was thoroughly interwoven with religious ritual in the earliest days of humanity. What human beings shaped as images of their gods was the source of sculpture. Let us recall, for example, the Samothracian Mysteries, to which Goethe alludes in the second part of his *Faust*, where he speaks of the Cabiri. I have attempted to recreate these Cabiri in my studio in Dornach. What did I discover? It was something very interesting. I simply set myself the task of discovering, through observation, what the Cabiri must have looked like within the Samothracian Mysteries. And just imagine: I ended up with three jugs—albeit jugs designed with sculptural artistry! I was astonished myself at first, even though Goethe also speaks of jugs. The matter only became clear to me when I realized this: these jugs stood on an altar; something resembling incense was placed inside them; the sacrificial word was chanted; and through the power of the sacrificial word—which in earlier times of humanity still possessed a vibrational force quite different from what it does today—the sacrificial smoke took shape as the image of the deity that was being sought. Directly within the religious ritual, there is the accompanying song, which finds its full expression in the sculptural form of the smoke.
[ 22 ] Die Menschheit hat wirklich die Kunst aus dem religiösen Leben herausgezogen. Und Schiller hat recht, wenn er sagt: «Nur durch das Morgenrot des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land», was gewöhnlich in den Büchern so gedruckt steht: «Nur durch das Morgentor des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land.» Wenn einmal ein Künstler einen Schreibfehler macht, so wird natürlich von der Nachwelt dieser Schreibfehler weiter überliefert. Es heißt natürlich: «Nur durch das Morgenrot des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land.» Das heißt mit anderen Worten: alles Wissen ist aus der Kunst genommen. Es gibt im Grunde genommen kein Wissen, das nicht mit der Kunst innig verwandt wäre. Nur das Wissen, das sich auf das Äußere, Nützliche bezieht, scheint keinen Zusammenhang mit der Kunst zu haben. Aber dieses Wissen kann sich in der Welt nur auf das erstrecken, was der bloße Farbenreiber von der Malerei weiß. Sobald man in der Chemie oder Physik über dasjenige hinausgeht — ich spreche bildlich, Sie wissen, was gemeint ist —, was das bloße Farbenreiben bedeutet, so wird die Wissenschaft zum Künstlerischen. Und wenn das Künstlerische in der richtigen Weise in seiner Geistigkeit erfaßt wird, dann geht es allmählich über in das Religiöse. Kunst, Religion und Wissenschaft waren einstmals eins. Aber wir sollen auch noch ahnen in ihnen ihren gemeinsamen Ursprung. Das können wir nur, wenn wir in der Menschheitszivilisation, in der Menschheitsentwickelung wiederum zum Geist zurückkehren, wenn wir die Beziehungen ernst nehmen, die zwischen dem Menschen hier in seinem physischen Erdendasein und der geistigen Welt bestehen. Das müssen wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zu unserer Erkenntnis machen.
[ 22 ] Humanity has indeed separated art from religious life. And Schiller is right when he says: “Only through the dawn of beauty do you enter the realm of knowledge,” which is usually printed in books as: “Only through the morning gate of beauty do you enter the realm of knowledge.” If an artist makes a spelling error, that error is naturally passed down to posterity. It is, of course, written as: “Only through the dawn of beauty do you enter the realm of knowledge.” In other words: all knowledge is derived from art. Fundamentally, there is no knowledge that is not intimately connected to art. Only knowledge that relates to the external and the utilitarian seems to have no connection to art. But this knowledge can extend in the world only as far as what the mere color-grinder knows about painting. As soon as one goes beyond—in chemistry or physics—what mere mixing of colors entails—I am speaking figuratively; you know what I mean—science becomes artistic. And when the artistic is grasped in the right way in its spiritual essence, it gradually transitions into the religious. Art, religion, and science were once one. But we must also begin to sense their common origin within them. We can do this only if, within human civilization and human development, we return once more to the spirit; if we take seriously the relationships that exist between human beings here in their physical earthly existence and the spiritual world. We must come to this realization from the most diverse points of view.
[ 23 ] Einen dieser Gesichtspunkte wollte ich heute einnehmen, um Ihnen wiederum von einer gewissen Seite her zu schildern, wie der Mensch mit der geistigen Welt zusammenhängt. Ich hoffe, daß wir ergänzend wiederum in nicht allzu ferner Zeit hier diese Betrachtungen fortsetzen können.
[ 23 ] Today I would like to focus on one of these perspectives in order to describe to you, once again from a certain angle, how human beings are connected to the spiritual world. I hope that we will be able to continue these reflections here in the not-too-distant future.
