Geistige Zusammenhänge
in der Gestaltung des menschlichen Organismus
GA 218
4 Dezember 1922, Stuttgart
14. Beziehung des Erdenlebens des Menschen zum Leben zwischen Tod und neuer Geburt
[ 1 ] Es gereicht mir zur großen Befriedigung, daß ich gewissermaßen auf der Durchreise heute wiederum zu Ihnen sprechen kann, und ich möchte diese Gelegenheit dazu benützen, um manches nach einer gewissen Richtung hin weiter auszuführen, was gerade Gegenstand der letzten beiden Vorträge war, die ich hier halten durfte. Ich sprach ja dazumal über die Beziehungen des Menschen zur geistigen Welt, insofern sie erkannt werden können durch Aufhellung der für das gewöhnliche Bewußtsein unbewußt verlaufenden Vorgänge während des Schlafes, und insofern sie aufgehellt werden können dadurch, daß man geisteswissenschaftlich hineinleuchtet in die Erlebnisse, die der Mensch durchzumachen hat in der geistigen Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
[ 2 ] Heute möchte ich davon sprechen, wie das Leben, das der Mensch hier auf der Erde zwischen der Geburt und dem Tode zubringt, in einer gewissen Beziehung ein umgewandeltes Abbild ist desjenigen, was durchlebt wird in den geistigen Welten zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Man versteht das menschliche Leben auf Erden eben nur dann, wenn man die einzelnen Äußerungen dieses Lebens beziehen kann auf dasjenige, was ihnen entspricht in der geistigen Welt, in der ja der Mensch, man möchte sagen, den Hauptteil seines Daseins zuzubringen hat.
[ 3 ] Nun möchte ich zunächst vorzugsweise sprechen von den seelischen Äußerungen des Menschen, insofern sie als irdische seelische Äußerungen bezogen werden können auf Erlebnisse der geistigen Welt. Sie können ja entnehmen aus demjenigen, was ich in meinen beiden letzten Vorträgen hier vorgebracht habe, daß die Erlebnisse der Menschenseele zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der geistigen Welt wesentlich andere sind als diejenigen, die der Mensch hier zwischen der Geburt und dem Tode hat. Hier, zwischen der Geburt und dem Tode hat er ja alle seine Erlebnisse durch die Vermittlung seines Körpers, sei es seines physischen Leibes, sei es seines ätherischen Leibes. Gar nichts, was der Mensch hier auf Erden erlebt, kann erlebt werden, ohne daß es sich stützt auf das Leibliche. Man könnte zum Beispiel sehr leicht glauben, daß das Denken ein rein geistiger Akt sei, und so, wie es sich auf Erden in der Menschenseele vollzieht, nichts zu tun habe mit dem körperlichen Dasein. Das ist ja nach einer Richtung hin zutreffend. Aber so selbständig geistig das Denken des Menschen auch ist, so könnte dieses Denken hier im irdischen Dasein nicht verlaufen, wenn der Mensch nicht sich auf seinen Leib und dessen Vorgänge stützen könnte. Ich darf einen Vergleich gebrauchen, den ich bei dieser Gelegenheit öfters auch schon hier angewendet habe. Wenn ein Mensch über den Erdboden geht, so hat ja ganz gewiß der Erdboden nichts Wesentliches in sich, was den Menschen ausmacht; der Mensch trägt innerhalb seiner Haut sein Wesentliches. Aber der Mensch könnte sich als physischer Mensch ohne die Stütze des Erdbodens eben überhaupt nicht im physischen Dasein befinden.
[ 4 ] Und so ist es mit dem Denken, das als Vorgang der Seele lebt. Es ist seinem Wesen nach ganz gewiß nicht irgendein Gehirnvorgang, aber es könnte nicht verlaufen, wenn es nicht das Gehirn zur Stütze hätte hier im physischen Leben. Nur wenn man im Sinne dieses Bildes die Sache ansieht, hat man von der Geistigkeit und auch von der körperlichen Bedingtheit des menschlichen Denkens eine richtige Vorstellung. Kurz, es ist nichts im Menschen hier im Erdendasein, was sich nicht stützen müßte auf das körperliche Dasein. Wir tragen mit Bezug auf unser körperliches Dasein in uns unsere Organe: Lunge, Herz, Gehirn und so weiter. Im gewöhnlichen gesunden Leben ist unser Bewußtsein nicht erfüllt mit der Wahrnehmung unserer inneren Organe. Eigentlich nehmen wir es erst wahr, wenn wir an irgendeinem Organe krank sind, und zwar auch in einer recht unvollkommenen Weise. Wir können niemals sagen, daß wir von einem inneren Organ durch unmittelbare Anschauung wissen, wenn wir nicht Anatomie studieren, und dann haben wir ja auch nur das tote und nicht das lebende Organ vor uns. Wir können niemals sagen, daß wir von einem inneren Organ eine solche Anschauung, eine solche Wahrnehmung hätten wie von einem äußeren Gegenstande. Das ist gerade das Charakteristische, daß wir während des Erdendaseins durch unmittelbares Bewußtsein unser körperliches Inneres nicht kennen. Am wenigsten kennt ja der Mensch hier auf Erden dasjenige, was er gewöhnlich für das Wertvollste im körperlichen Dasein ansieht, das Innere seines Kopfes. Denn wenn er anfängt das kennenzulernen, so ist das in der Regel die unangenehmste Bekanntschaft, die Kopfschmerzen und alles, was damit zusammenhängt. Im geistigen Dasein, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist das gerade Gegenteil der Fall. Da kennen wir wirklich unser Inneres. Da ist es so, wie wenn wir hier auf Erden gar nicht die Bäume und die Wolken außer uns sehen würden, sondern in der Hauptsache immer in uns hineinsehen würden und uns sagen würden: Da ist die Lunge, da ist das Herz, da ist der Magen. — In der geistigen Welt schauen wir in unser Inneres hinein. Nur ist dasjenige, was wir sehen, die Welt der geistigen Wesenheiten, die Welt, die wir ja kennenlernen aus unserer anthroposophischen Literatur als die Welt der höheren Hierarchien. Das ist unsere Innenwelt. Und wir fühlen uns eigentlich zwischen dem Tode und einer neuen Geburt als die ganze Welt — wenn ich vom Ganzen spreche, so ist das nur uneigentlich gesprochen, aber es ist trotzdem die volle Wahrheit —, wir fühlen uns jeweils jeder als die ganze Welt. Und in uns fühlen wir gerade in dem wichtigsten Momente unseres geistigen Daseins zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, in uns fühlen wir, erleben wir die Welt der geistigen Wesenheiten, und von ihnen haben wir ein Bewußtsein. Ebenso wahr ist es, daß wir da ein Bewußtsein haben von unserem Inneren als den Geistern der höheren Welt, wie wir hier kein Bewußtsein von unserem Inneren haben, von der Leber, von der Lunge und so weiter. Das ist eben gerade das Charakteristische, daß im Grunde genommen in der geistigen Erfahrung alles umgekehrt ist gegenüber der physischen Erfahrung hier. Nur kommt man erst nach und nach durch die Initiationswissenschaft darauf, wie man sich diese Umkehrung zu denken hat.
[ 5 ] Aber nun gibt es doch einen wesentlichen Vorgang, oder eigentlich könnte ich sagen, eine Gruppe von Vorgängen, welche sich gerade bezieht auf dieses innerliche Zusammenleben mit den Wesen der höheren Hierarchien. Wenn das immer so wäre, daß wir nur in der geistigen Welt innerlich wahrnehmen würden die Welt der höheren Hierarchien, wir würden niemals zu uns selber kommen. Wir würden zwar wissen: in uns leben diese und jene Wesen, aber wir würden in der geistigen Welt niemals zu uns selber kommen. Daher gibt es im Erleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt einen Rhythmus. Dieser Rhythmus besteht darin, daß wir abwechselnd in unser Inneres schauen und erleben jene Welt der geistigen Wesenheiten, die in unserer anthroposophischen Literatur beschrieben ist; dann dämpfen wir gewissermaßen dieses Bewußtsein ab. Wir machen es diesem geistigen Inneren gegenüber so, wie wir es hier im physischen Leben machen, wenn wir die Augen schließen und mit den Ohren nicht mehr hören, wenn wir schlafen. Aber das Schlafen bedeutet hier etwas anderes. Wenden wir — wenn ich mich so ausdrücken darf — unsere Aufmerksamkeit ab von der Welt der geistigen Wesenheiten in uns, dann fangen wir an uns selber wahrzunehmen. Allerdings ist es dann so, wie wenn wir außer uns wären, aber wir wissen: dieses Außer-Uns sind wir selber. Wir nehmen uns also abwechselnd selber wahr in der geistigen Welt, oder wir nehmen wahr die Welt der geistigen Wesenheiten.
[ 6 ] Sehen Sie, diesen rhythmischen Vorgang, der sich immer wiederholt, den könnte man vergleichen mit zweierlei hier im physischen Erdendasein. Man könnte ihn dem Einatmen und Ausatmen vergleichen, man kann ihn aber auch vergleichen mit Schlafen und Wachen. Beides sind hier im physischen Erdendasein rhythmische Vorgänge, beide lassen sich vergleichen mit dem, was ich Ihnen eben beschrieben habe. Aber nun handelt es sich darum, von solchen Vorgängen in der geistigen Welt, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verlaufen, nicht nur etwas Abstraktes zu wissen, und, ich möchte sagen, die spirituelle Neugierde zu befriedigen, sondern es handelt sich darum, das irdische Leben als ein Abbild des überirdischen zu erkennen. Und fragen muß man sich: Was spielt sich denn hier im irdischen Leben ab, was wie ein Erinnerungsvermögen — das ja der Mensch im gewöhnlichen Bewußtsein nicht hat, aber wie ein Erinnerungsvermögen, das Wesenheiten der höheren Hierarchien, Archangeloi haben würden —, was spielt sich denn hier im physischen Erdenleben ab, was wie eine Erinnerung an dieses Sich-Hineinleben in die Welt geistiger Wesenheiten und wiederum an dieses Erleben seines eigenen Selbstes in der geistigen Welt ist? Was spielt sich hier ab?
[ 7 ] Nun, wenn wir in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt jenes Erleben nicht hätten, durch das wir hineinschauen in uns und die Welt des Geistes erleben, so gäbe es hier auf der Erde keine Moral. Dasjenige, was wir von diesem Erleben der Geistesweltwesen zurückbehalten, wenn wir durchgehen durch das Embryonalleben und ins Erdenleben hereingehen, das, was wir zurückbehalten, ist die Neigung für das moralische Leben. Die Neigung für das moralische Leben ist bei dem Menschen um so stärker, je mehr er in heller Klarheit dieses Zusarmmensein mit den Geistern der höheren Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt erlebt hat. Und derjenige, der in diese Dinge hineinschaut mit rechtem geistigem Sinn, der weiß, daß die unmoralischen Menschen hier auf der Erde infolge ihres früheren Erdenlebens ein zu dumpfes Erleben hatten, wenn sie hineinschauten in dieses geistige Dasein. Aber wiederum, wenn wir nur das erleben könnten zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, was uns eins macht mit den Wesen der höheren Welt, wenn wir niemals in der geistigen Welt zu uns selbst kommen würden, dann könnten wir unmöglich hier auf der Erde jemals zur Freiheit, zum Freiheitsbewußtsein kommen, zum Bewußtsein unserer Persönlichkeit, was ja im Grunde genommen identisch ist mit dem Freiheitsbewußtsein. Indem wir also Moral und Freiheit hier auf der Erde entwickeln, sind Moral und Freiheit Erinnerungen an jenen Rhythmus, den wir oben in der geistigen Welt, zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in der geschilderten Weise erleben.
[ 8 ] Aber wir können, indem wir den Blick auf die Seele lenken, noch genauer sagen, was in der Seele vorhanden bleibt als Nachklang, auf der einen Seite jenes Einswerdens mit den geistigen Wesen, auf der anderen Seite jenes geistigen Selbstbewußtseins, das wir abwechselnd damit erleben. Dasjenige, was uns bleibt als ein Nachklang hier im Erdenleben innerhalb unserer Seele des Einswerdens mit den Wesen der geistigen Welt, ist die Fähigkeit, zu lieben. Diese Fähigkeit, zu lieben, hängt inniger, als man denkt, eben zusammen mit dem moralischen Leben. Denn ohne die Fähigkeit, zu lieben, gäbe es hier auf Erden kein moralisches Leben. Jedes moralische Leben geht hervor aus dem Verständnis, das wir der anderen Menschenseele entgegenbringen, geht hervor aus dem Bestreben, das, was wir tun, zu vollbringen aus dem Verständnis der anderen Menschenseele heraus. Wie wir uns selbstlos verhalten zu den anderen Menschen, das heißt, wie wir in Liebe moralisch werden können, das ist im wesentlichen ein Nachklang des Zusammenlebens mit den geistigen Wesen in der Welt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und was bleibt uns von dem, ich möchte sagen, einsamen Erleben — denn so stellt es sich dar —, vom einsamen Erleben unseres Selbstes in der geistigen Welt? Denn wir fühlen uns einsam, wenn wir gewissermaßen ausatmen. Es ist Einatmen wie Erleben der geistigen Wesen, Ausatmen wie Erleben unseres Selbstes. Aber Einsamkeitsgefühl, sehen Sie, der Nachklang dieses Einsamkeitsgefühles, der ist hier auf Erden die Fähigkeit des Gedächtnisses, der Erinnerung. Wir würden kein Gedächtnis haben als Menschen, wenn das nicht ein Nachklang wäre dieses eben beschriebenen Einsamkeitsgefühles. Wir sind eigentliche Menschen in der geistigen Welt dadurch, daß wir uns, ich kann nicht sagen, auf uns selbst zurückziehen können, sondern uns freimachen können von dem, was in uns ist an höheren Geistern. Dadurch sind wir Menschen, selbständige Menschen in der geistigen Welt. Und hier auf Erden sind wir selbständige Menschen dadurch, daß wir uns an unsere Erlebnisse erinnern können. Denken Sie sich nur, was es wäre mit Ihrer Selbständigkeit, wenn Sie immer nur in der Gegenwart leben könnten mit Ihren Gedanken. Ihre erinnerten Gedanken machen ja das aus, wodurch Sie eine Innerlichkeit überhaupt haben. Das Gedächtnis macht uns hier auf Erden zur Persönlichkeit. Dieses Gedächtnis ist eben der Nachklang jenes Einsamkeitserlebnisses in der geistigen Welt, das ich beschrieben habe.
[ 9 ] Nun, warum steigen wir denn überhaupt aus der geistigen Welt hier herunter in die physische? Sie können aus dem, was ich das letzte Mal hier beschrieben habe, entnehmen, daß die Kräfte, die uns zusammenhalten mit den höheren geistigen Wesenheiten, eben schwächer werden. Hier im physischen Leben werden wir alt, weil die Kräfte, die uns zusammenhalten mit der physischen Erde, schwächer werden; dort drüben werden die Kräfte eben schwächer, die uns zusammenhalten mit den geistigen Wesenheiten. Vor allen Dingen werden auch diejenigen Kräfte schwächer, die uns befähigen, uns zu erfassen innerhalb der geistigen Wesenheiten und ein Mensch zu sein, ein selbständiger. Wir verlieren zuerst innerhalb der geistigen Welt — ziemlich lange bevor wir auf die Erde heruntersteigen — die Fähigkeit, mit den geistigen Wesen zusammenzuleben. Ich habe es ja das letzte Mal mitgeteilt: mit den geistigen Wesen zusammen formen wir den Geistkeim unseres physischen Leibes; den schicken wir aber als erstes herunter, dann nehmen wir den Ätherleib und kommen nach. Das habe ich Ihnen das letzte Mal geschildert. Wir verlieren zuerst die Fähigkeit, mit den Geistwesen der geistigen Welt zu leben; die dämmert herunter. Und wir fühlen, wie wir durch die Mondenkräfte immer mehr uns der Erde annähern. Wir fühlen uns als ein Selbst, aber immer weniger fühlen wir diese Fähigkeit, uns innerhalb des geistigen Gebietes zu erfassen, zu erhalten; sie wird immer schwächer und schwächer. Wir fühlen immer mehr und mehr etwas, wie wenn wir ohnmächtig würden innerhalb der geistigen Welt. Das bringt uns dazu, das Bedürfnis zu haben, das, was wir nicht mehr in uns selber tragen können, dieses Selbstgefühl, auf ein Äußeres, nämlich auf unseren Körper zu stützen, auf einen Körper zu stützen. Ich möchte sagen, wir verlernen allmählich das Fliegen und müssen gehen lernen. Sie wissen, es ist bildlich gesprochen, aber das Bild bedeutet durchaus wiederum eine Wahrheit, eine Wirklichkeit. Und so leben wir uns in unseren Körper hinein. Das Einsamkeitsgefühl stützt sich auf den Körper und wird zu der Fähigkeit des Gedächtnisses, und das Gemeinschaftsgefühl müssen wir uns auf Erden erst wiederum erobern. Und diese Eroberung, die zeigt sich eigentlich so recht in ihrer ganzen Bedeutung, wenn wir geisteswissenschaftlich den Schlafzustand studieren.
[ 10 ] Von einer gewissen Seite aus habe ich Ihnen diesen Schlafzustand das letzte Mal, als ich hier war, beschrieben. Ich will jetzt zu den Vorsängen, die ich dazumal beschrieben habe, noch andere hinzufügen. Ich weiß, daß solche Dinge leicht mißverstanden werden. Es kommt immer wieder und wiederum vor, daß Leute sagen: Nun ja, da hat er uns das letzte Mal doch beschrieben, was der Mensch erlebt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, und jetzt erzählt er uns etwas anderes. Ja, meine lieben Freunde, wenn ich Ihnen einmal erzähle, was ein Hofrat in seiner Kanzlei erlebt, so ist das nicht ein Widerspruch damit, wenn ich Ihnen das nächste Mal erzähle, was er im Kreise seiner Familie erlebt. Die Dinge gehen eben ineinander. Und so müssen Sie sich klar darüber sein, daß, wenn ich Ihnen von den Erlebnissen zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen erzähle, da noch manches andere hineingeht, wie in das Leben eines Hofrates außer dem Büroleben auch noch das Familienleben hineingehen kann.
[ 11 ] Und so erlebt der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen tatsächlich eine Art von rückwärtiger Wiederholung desjenigen, was er während des Tages verrichtet hat. Es ist nicht bloß, daß der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen — der Schlaf kann auch kurz sein, dann schieben sich eben die Dinge zusammen —, es ist nicht nur so, daß der Mensch zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen etwa einen Rückblick hat auf seine Tageserlebnisse, einen unbewußten Rückblick — es müßte ja natürlich ein unbewußter Rückblick sein —, nein, wenn die Seele wirklich hellseherisch wird während des Schlafes, oder wenn sie sich hellseherisch rückerinnert an dasjenige, was sie erlebt hat zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, da zeigt sich, daß der Mensch wirklich das rückwärtslaufend erlebt, was er erlebt hat seit dem letzten Aufwachen. Wenn man also regelmäßig lebt in der Nacht, so macht man rückwärts ablaufend das durch, was man bei Tag getan hat. Das letzte Ereignis spielt sich ab unmittelbar nach dem Einschlafen und so fort. Der ganze Schlaf wirkt dabei eben merkwürdig ausgleichend. Ich kann Ihnen ja nichts anderes erzählen als dasjenige, was man durch Geisteswissenschaft erforschen kann. Wenn Sie eine Viertelstunde schlafen, so weiß gewissermaßen der Anfang des Schlafes, wann das Ende sein wird. Und Sie erleben in der einen Viertelstunde auch das zurück, was Sie seit dem letzten Aufwachen vollbracht haben. Es verteilt sich ganz ordentlich, so wunderbar einem das erscheint. Und dieses Zurückerleben, das ist, ich möchte sagen, etwas, was zwischen der vollen Wirklichkeit und zwischen dem Schein liegt. Es ist so: Wenn man ein Erinnerungsbild hat an etwas, was man im physischen Leben vor zwanzig Jahren erlebt hat, so hat man nicht als gesunder Mensch, als besonnener Mensch die Vorstellung: Das erlebst du jetzt —, sondern im Erinnerungsbild selbst liegt es, daß man es auf ein vergangenes Erlebnis bezieht. Derjenige, der hellseherisch das durchschaut, was die Seele im Schlafe rückwärtsgehend erlebt, der bezieht es nicht auf die Gegenwart, sondern er bezieht es auf die Zukunft nach dem Tode, und er weiß: ebenso wie der, der sich erinnert an das, was er vor zwanzig Jahren erlebt hat, daß das vor zwanzig Jahren war, so weiß derjenige, der den Schlafzustand hellseherisch durchschaut, daß dies nicht für die Gegenwart Bedeutung hat, sondern daß es das Vorbild ist für das, was nach dem Tode zu erleben ist: daß wir also durchmachen müssen rückwärtsverlaufend, wiedertuend alle die Taten, die wir auf der Erde getan haben. Deshalb ist dieses Bild im Schlafe halb Wirklichkeit und halb Schein, denn es bezieht sich auf Zukünftiges. Es ist also für das gewöhnliche Bewußtsein ein unbewußtes Durchmachen desjenigen, was der Mensch in der Seelenwelt, wie ich sie in meinem Buche «Theosophie» genannt habe, eben zu durchleben hat. Und das intuitive und inspirierte Bewußtsein, wie ich es ja beschrieben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die entnehmen aus der Beobachtung des Schlafes, was der Mensch durchzumachen hat in dem ersten Stadium nach dem Tode. Es sind nicht Dinge, die aus dem Blauen heraus konstruiert werden, sondern es sind Dinge, die einfach beobachtet werden, wenn die Beobachtungsgabe dazu erworben ist. So also lebt der Mensch dasjenige durch vom Einschlafen bis zum Aufwachen ohne seinen Leib, was er mit seinem Leib beim Wachen getan hat.
[ 12 ] Nun kommen wir zu einer außerordentlich subtilen Vorstellung. Denken Sie sich einmal, wir müssen mit unserem Ich und unserem astralischen Leib äußerlich unsere Taten noch einmal durchleben. Die Fähigkeit, das zu tun, eignen wir uns um so mehr an, je mehr wir Liebe entfalten können. Das ist das Geheimnis des Lebens in bezug auf die Liebe. Kann der Mensch in der Liebe wirklich aus sich herausgehen, gewissermaßen seinen Nächsten als sich selbst lieben, so lernt er das, was er im Schlafe braucht, um da voll ohne Qual zurückerleben zu können dasjenige, was er eben zurückerleben muß. Denn da muß er ganz außer sich sein. Ist der Mensch ein liebloses Wesen, dann gibt das eine Spannung, wenn er nun außer sich seine Taten, die er in Lieblosigkeit vollbracht hat, wiederum erleben soll. Das engt ihn ein. Lieblose Menschen schlafen, wenn ich mich bildhaft ausdrücken darf, engbrüstig. Und so wird, während wir schlafen, dasjenige eigentlich für uns Menschen recht fruchtbar, was wir durch die Liebe im Leben in uns hineinverpflanzen. Und in dem, was da sich entwickelt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen — es geht ja hervor aus meiner gerade gegebenen Darstellung —, haben wir dasjenige, was durch die Pforte des Todes hinausgeht und dann da draußen weiterlebt in der geistigen Welt. Es verliert sich selbst in den Zuständen zwischen dem Tod und einer neuen Geburt das Zusammenleben mit den geistigen Wesen der höheren Welten; wir erringen es uns keimhaft wiederum während unseres Erdenlebens durch die Liebe. Denn die Liebe enthüllt ihren Sinn, wenn der Mensch mit seinem Ich und seinem astralischen Leib außerhalb seines physischen und Ätherleibes im Schlafe ist. Des Menschen Wesenheit wird weit zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wenn er liebevoll ist, und bereitet sich gut vor zu demjenigen, was nach dem Tode geschehen soll mit ihm. Des Menschen Wesenheit wird eng, wenn er lieblos ist, und bereitet sich schlecht vor für dasjenige, was nach dem Tode mit ihm geschehen soll. In der Liebe-Entfaltung liegt vorzugsweise das, was Keim ist für jenes Geschehen, das nach dem Tode sich abspielt.
[ 13 ] Die Erinnerung ist während unseres Erdenlebens, zwischen der Geburt und dem Tode, etwas außerordentlich Flüchtiges; es sind ja nur Bilder, die in unserem Gedächtnis vorhanden sind. Denken Sie, wie wenig das ist von den Ereignissen, die wir durchleben, was uns da in den Erinnerungsbildern bleibt. Man soll sich nur einmal vorstellen, was man vielleicht für einen namenlosen Schmerz durcherlebt hat beim Tode irgendeiner nahestehenden Persönlichkeit, und soll sich den inneren Seelenzustand für einen solchen Fall einmal lebhaft vorstellen, und dann sich vorstellen, wie sich das ausnimmt als inneres Erlebnis, wenn man nach zehn Jahren das Erinnerungsbild rege werden läßt an dasjenige, was man damals erlebt hat. Abgeblaßt, fast abstrakt geworden ist es. So ist es mit unserer Erinnerungsfähigkeit. Sie ist blaß und abstrakt gegenüber der Vollfrische unseres Lebens. Warum ist unsere Erinnerung schwach und schattenhaft? Sie ist ja eben der Schatten unseres Selbsterlebnisses zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Da drinnen ist die Fähigkeit der Erinnerung, so daß sie uns eigentlich unser Dasein gibt. Was uns hier auf der Erde Fleisch und Blut gibt, das gibt uns zwischen dem Tode und einer neuen Geburt die Fähigkeit der Erinnerung. Da ist die Erinnerung vollsaftig und stark wenn ich diese Ausdrücke von Geistigem gebrauchen darf —, sie gebraucht des Fleisches und wird schwach. Und wenn wir sterben, dann ist wenige Tage — ich habe das oftmals beschrieben und Sie finden das auch in meinen Büchern — der letzte Rest der Erinnerung im ätherischen Leibe noch vorhanden. Gehen wir durch die Pforte des Todes, schauen wir zurück auf unser verflossenes Erdenleben, dann blaßt diese Erinnerung ab. Und es windet sich aus dieser Erinnerung dasjenige heraus, was uns die Kraft der Liebe auf Erden eben an Kraft für das Leben nach dem Tode gegeben hat. So ist die Kraft unserer Erinnerung die Erbschaft, die wir haben von unserem vorirdischen Leben, und so ist die Kraft der Liebe die Keimeskraft für dasjenige, was wir haben nach unserem Tode. So bezieht sich das Erdenleben auf die geistige Welt.
[ 14 ] Aber ich habe ja vergleichen müssen dasjenige, was der Mensch erlebt im Zusammenhang mit den höheren Wesen der geistigen Welt, abwechselnd mit seinem Selbsterlebnis in der geistigen Welt, mit dem Atmen, Einatmen, Ausatmen. Gewissermaßen kann man auch wiederum in unserem Atmungsprozeß und in demjenigen, was zusammenhängt mit unserem Atmungsprozeß, in dem Sprach- und Singprozeß, in den Sprach- und Singvorgängen ein Abbild dieses Atmens in der geistigen Welt erkennen. Und zwar in der folgenden Weise: Nicht wahr, unser Leben in der geistigen Welt, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, geht eigentlich so vor sich: Einblick in das eigene Innere, Einswerden mit den Wesen der höheren Hierarchien; Ausblick aus dem eigenen Inneren, Einswerden mit sich selbst. So geht es vor sich wie Einatmen und Ausatmen. Wir atmen da nur in uns selber hinein, und atmen uns da selber heraus, und das Atmen ist ein Geistiges. Hier auf dieser Erde wird dieser Atmungsprozeß, wie ich eben dargestellt habe, zur Erinnerung und zur Liebe. Und in der Tat: Erinnerung und Liebe wirken auch wie ein Atmen hier im physischen Erdenleben zusammen. Und Sie können sogar, wenn Sie dieses physische Leben richtig mit Seelenaugen betrachten können, an einer wichtigen Offenbarung des Atmens — im Sprechen und Singen — das Zusammenwirken von Erinnerung und Liebe immer beobachten, sogar physiologisch.
[ 15 ] Studieren Sie das Kind bis zum Zahnwechsel. Zu dem interessantesten Studium am Kinde bis zum Zahnwechsel gehört dasjenige, wie sich allmählich die Kraft des Gedächtnisses, die Erinnerungskraft ergibt. Die ist erst ganz elementar. Das Kind hat eine gewisse Erinnerung, aber selbständige Kraft wird diese Erinnerung erst gegen die Zeit des Zahnwechsels hin. Ungeheuer interessant ist es zu beobachten, wie sich die Kraft des Erinnerns herausarbeitet in der ersten menschlichen Lebensepoche. Sie ist eigentlich erst fertig ausgebildet, wenn das Kind schulfähig geworden ist. Da können wir erst auf die Erinnerung bauen. Früher machen wir den Menschen steif und für das spätere Leben seelisch sklerotisch, wenn wir zu stark auf seine Erinnerung bauen. Beim Kinde handelt es sich darum — beim Kinde bis zum Zahnwechsel —, daß die Gegenwartseindrücke richtig sind. Auf die Erinnerung dürften wir erst bauen zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife.
[ 16 ] Heute ist unsere physiologische Wissenschaft noch nicht so weit, um die Einzelheiten dieses eben geschilderten Vorganges genau zu beschreiben. Geisteswissenschaft kann das, und die physiologische Wissenschaft wird ihr gewiß nachfolgen, denn die Dinge sind auch durch ganz exaktes Beobachten der Menschennatur herauszubekommen. Wir können sagen, wenn wir einen Laut oder einen Ton von uns geben, dann wirkt erstens der Kopf mit. Aber aus dem Kopfe ist es dieselbe Fähigkeit, die innerlich seelisch die Erinnerung gibt, die gewissermaßen in den Laut und in den Ton hineinschießt; das kommt von oben. Und daß irgendein Wesen sprechen kann, ohne eine Erinnerungsfähigkeit zu haben, das können Sie sich doch nicht vorstellen. Wenn man immer vergessen würde das, was im Laut oder im Ton liegt, so würde man natürlich niemals sprechen oder singen können, Es ist geradezu die verkörperte Erinnerung, die im Ton oder im Laute liegt, auf der einen Seite. Auf der anderen Seite: welchen Anteil die Liebe, auch im physiologischen Sinne, an dem hat, was im Atmungsprozeß zum Sprechen und Singen wird, dafür ist Ihnen ja ein deutliches Zeugnis, daß nun in der zweiten wichtigen Epoche des Lebens, wenn also die Liebe physiologisch zum Ausdruck kommt, beim männlichen Geschlechte sogar erst die volle innere Fülle des Tones auftritt; das kommt von unten. Da haben Sie die beiden Elemente zusammen. Von oben dasjenige, was physiologisch der Erinnerung zugrunde liegt, und von unten dasjenige, was physiologisch der Liebe zugrunde liegt: das bildet den Sprach- und Gesangston. Da haben Sie das wechselweise Zusammenwirken. Es ist gewissermaßen auch ein Atmungsprozeß, der durch das ganze Leben hindurchgeht. Wie wir den Sauerstoff einatmen und die Kohlensäure ausatmen, so verbindet sich in uns die Kraft der Erinnerung mit der Kraft der Liebe, begegnet sich in der Sprache, begegnet sich im Ton. Und wir können sagen: Sprechen und Singen sind beim Menschen ein wechselseitiges Sich-Durchdringen von der Kraft der Erinnerung mit der Kraft der Liebe. In dem liegt außerordentlich Bedeutsames für die Enthüllung des eigentlichen Ton- und Lautgeheimnisses.
[ 17 ] So ist schon etwas Wahres in dem, was ältere Sprachen zum Ausdruck bringen dadurch, daß sie die Summe der Weltenkräfte und Weltengedanken den Logos nennen, der das Jenseitige, das Übersinnliche desjenigen ist, was physisch in der Sprache zum Ausdruck kommt. Wir atmen nicht nur die höheren Wesen ein und aus, sondern wir sprechen gewissermaßen — obwohl dieses Sprechen zugleich ein Singen ist — zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in diesem Wechselverhältnis zwischen Aufgehen in den geistigen Wesen der höheren Welt und Zu-sich-selbst-Kommen, wir sprechen mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien. Denn es ist ein geistiges Sprechen zugleich. Wenn wir in dem Zustande sind, daß wir eins werden mit den Wesen der geistigen Welt, dann schauen wir sie, wenn auch in uns selber, an. Wenn wir wieder sie los werden und zu uns selber kommen, dann haben wir den Nachklang, da sind wir wir selbst. Dort drücken sie ihr eigenes Wesen in uns aus, dort sagen sie uns, was sie sind, dort lebt der Logos in uns. Wenn wir zu uns kommen, auf Erden, ist es umgekehrt: da drücken wir unser eigenes Wesen aus, wenn wir sprechen und singen. Denn es ist das eigene Wesen des Menschen, was wir ausdrücken im Gesang und in der Sprache. Unser ganzes Wesen drücken wir im Ausatmungsprozesse aus; während wir das ganze Wesen der Welt im Logos empfangen, wenn wir uns des Zusammenseins mit den Geistwesen entledigen zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
[ 18 ] Nun ist es aber so, daß wir, wenn wir den Übergang durchmachen von der geistigen Welt in die physische herein, gewissermaßen durch das große Vergessen zugleich gehen. Wer sieht hier in der schwachen, schattenhaften Kraft der Erinnerung durch das gewöhnliche Bewußtsein den Nachklang dessen, was wir eigentlich als ein Selbst in der geistigen Welt waren? Und wer erkennt noch in der Sprache, in dem Teil, der aus der Erinnerung kommt, das Nachvibrieren des Selbstes? Und wer erkennt in der Gestaltung der Sprache, im Singen und Sprechen, in dem Ausbilden der Plastik der Sprache, wer erkennt mit dem gewöhnlichen Bewußtsein den Nachklang der Wesenheiten der höheren Hierarchien? Dennoch, ist es denn nicht so, daß derjenige, der versteht die Sprache anzuhören ohne ihr Nützlichkeitsmoment, der hinhorchen kann auf dasjenige, was die Töne durch ihre selbsteigene Wesenheit äußern, daß der doch eine Ahnung bekommt, namentlich wenn er künstlerischen Sinn hat, wie sich im Sprechen und Singen mehr offenbart als das, was das gewöhnliche Bewußtsein hat? Und warum bilden wir denn um dasjenige, was die gewöhnliche Sprache ist, die wir als Nützlichkeitsfähigkeit hier auf der Erde haben, warum bilden wir sie denn um im Gesang, indem wir ihre Eigenschaften als Nützlichkeitsfähigkeit abstreifen und sie zum Ausdruck unseres eigenen Wesens machen in der Deklamation, im Gesang? Warum bilden wir sie denn da um? Was tun wir denn da?
[ 19 ] Nun, wir bekommen die richtige Vorstellung darüber, wenn wir uns sagen: Du warst, bevor du auf diese Erde herabgestiegen bist, in der geistigen Welt, hast darin so gelebt, wie es beschrieben worden ist. Es trat das große Vergessen ein. Du erkennst in demjenigen, was dein Mund äußert, was deine Seele erinnert, wie deine Seele liebt, nicht den Nachklang desjenigen, was du in der geistigen Welt warst. Aber in der Kunst treten wir gewissermaßen einige Schritte zurück vom Leben, und wir treten einige Schritte näher demjenigen, was wir waren im vorgeburtlichen Leben und was wir werden im nachtodlichen Leben. Und wenn wir auf der einen Seite erkennen können, wie die Erinnerung der Nachklang ist dessen, was wir im vorirdischen Leben gehabt haben, wie die Liebe-Entfaltung der Keim ist zu demjenigen, was wir nach dem Tode haben werden, wenn wir gewissermaßen durch die GeistErkenntnis Vergangenheit und Zukunft des Menschenseins vergegenwärtigen: in der Kunst rufen wir in die Gegenwart selber — soweit es eben dem Menschen möglich ist innerhalb seiner physischen Organisation —, in der Kunst rufen wir in die Gegenwart herein dasjenige, was uns mit dem Geiste zusammenbindet.
[ 20 ] Sehen Sie, das gibt der Kunst ihren eigentlichen Glanz, daß sie uns in naiver Weise versetzt in die geistige Welt in unmittelbarer Gegenwart. Derjenige, der in das Innere des Menschenlebens zu schauen vermag, der sagt sich: Der Mensch erinnert sich gewöhnlich ja nur an die Dinge, die er in dem unmittelbar vorangehenden Erdenleben durchgemacht hat. Aber die Kraft, durch die er sich an diese irdischen Erlebnisse erinnert, diese Kraft ist nur die abgeschwächte Kraft seines eigentlichen Selbstdaseins im vorirdischen Leben. Und die Liebe, die der Mensch hier als allgemeine Menschenliebe entfalten kann, ist die abgeschwächte Keimeskraft desjenigen, was voll erblühen wird nach dem Tode: Vergangenheit, Zukunft. Und so wie zum Beispiele im Gesang und im deklamatorischen Sprechen sich wirklich verbinden muß das, was der Mensch ist, eben Erinnerung, mit demjenigen, wie der Mensch sich der Welt geben kann, Liebe, so ist es eben in aller Kunst so: Der Mensch erlebt in der Gegenwart den Zusammenklang seines Selbstes mit dem Äußeren, und ohne daß der Mensch fähig ist, gewissermaßen sein Inneres — sei es nun der Laut, sei es der Ton, sei es die Verrichtung des Malens, sei es irgendein anderes Künstlerisches —, ohne daß der Mensch fähig ist, an seine Oberfläche zu tragen dasjenige, was er ist, was das Leben aus ihm gemacht hat, was im Grunde genommen doch der Inhalt seiner Erinnerung ist, kann er nach der einen Seite hin kein Künstler sein. Und der ist kein wahrer Künstler, der im ausgesprochensten Sinne auch in seiner Kunst ein Egoist sein will. Nur derjenige, der Sinn hat, gewissermaßen in die Welt auszufließen, eins zu werden mit anderen, der Liebe-Entfaltung hat, der kann diese Liebe-Entfaltung mit seinem eigenen Wesen in eins vereinigen. Altruismus und Egoismus fließen in eines zusammen. Sie fließen am innigsten natürlich in den tönenden Künsten, aber sie fließen auch in den bildenden Künsten in eins zusammen. Und wenn wir durch eine gewisse Vertiefung unserer Erkenntniskräfte enthüllen, wie der Mensch nach Vergangenheit und Zukunft zusammenhängt mit einer übersinnlichen Welt, so können wir auf der anderen Seite auch uns sagen, daß der Mensch ahnend in der Gegenwart diesen Zusammenhang hat eigentlich in der Kunstproduktion oder im Kunstgenuß. Und eigentlich ist immer die Kunst nicht in ihrer vollen Geltung, wenn sie nicht in einem gewissen Sinn doch eine Art Anklang an etwas Religiöses hat. Nicht daß sie religiös-Frömmelnd sein muß, es kann eine lustige Kunst auch diesen Anklang an das Religiöse haben.
[ 21 ] Aber ein voller Beweis dafür ist auch, wie dasjenige sich entwickelt hat, was Kunst ist. Sie war ja ursprünglich eins mit dem religiösen Leben. Dasjenige, was Kunst war, war durchaus verwoben in einen Kultus in den Urzeiten der Menschheit, in den religiösen Kultus. Dasjenige, was der Mensch als seine Götterbilder formte, das war die Quelle der Plastik. Erinnern wir dabei zum Beispiel an die samothrakischen Mysterien, auf die Goethe im zweiten Teile seines «Faust» anspielt, wo er von den Kabiren spricht. Ich habe versucht, in meinem Atelier in Dornach diese Kabiren nachzubilden. Was habe ich herausbekommen? Es war etwas sehr Interessantes. Ich habe einfach mir die Aufgabe gestellt, herauszubekommen durch Anschauung, wie innerhalb der samothrakischen Mysterien die Kabiren ausgesehen haben müssen. Und denken Sie: Ich habe drei Krüge, allerdings plastisch-künstlerisch gestaltete Krüge bekommen! Ich war anfangs selbst erstaunt, obwohl Goethe auch von Krügen spricht. Die Sache wurde mir erst erklärlich, als ich darauf kam: diese Krüge standen auf einem Altar, da wurde etwas Weihrauchähnliches hineingebracht, das Opferwort wurde gesungen, und aus der Kraft des Opferwortes, das in älteren Menschheitszeiten noch eine ganz andere schwingungserregende Gewalt hatte als heute, gestaltete sich der Opferrauch zu dem Bilde der Gottheit, das gesucht wurde. Sie haben unmittelbar in der religiösen Verrichtung den sekundierenden Gesang, der unmittelbar in der Plastik des Rauches sich auslebt.
[ 22 ] Die Menschheit hat wirklich die Kunst aus dem religiösen Leben herausgezogen. Und Schiller hat recht, wenn er sagt: «Nur durch das Morgenrot des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land», was gewöhnlich in den Büchern so gedruckt steht: «Nur durch das Morgentor des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land.» Wenn einmal ein Künstler einen Schreibfehler macht, so wird natürlich von der Nachwelt dieser Schreibfehler weiter überliefert. Es heißt natürlich: «Nur durch das Morgenrot des Schönen dringst du in der Erkenntnis Land.» Das heißt mit anderen Worten: alles Wissen ist aus der Kunst genommen. Es gibt im Grunde genommen kein Wissen, das nicht mit der Kunst innig verwandt wäre. Nur das Wissen, das sich auf das Äußere, Nützliche bezieht, scheint keinen Zusammenhang mit der Kunst zu haben. Aber dieses Wissen kann sich in der Welt nur auf das erstrecken, was der bloße Farbenreiber von der Malerei weiß. Sobald man in der Chemie oder Physik über dasjenige hinausgeht — ich spreche bildlich, Sie wissen, was gemeint ist —, was das bloße Farbenreiben bedeutet, so wird die Wissenschaft zum Künstlerischen. Und wenn das Künstlerische in der richtigen Weise in seiner Geistigkeit erfaßt wird, dann geht es allmählich über in das Religiöse. Kunst, Religion und Wissenschaft waren einstmals eins. Aber wir sollen auch noch ahnen in ihnen ihren gemeinsamen Ursprung. Das können wir nur, wenn wir in der Menschheitszivilisation, in der Menschheitsentwickelung wiederum zum Geist zurückkehren, wenn wir die Beziehungen ernst nehmen, die zwischen dem Menschen hier in seinem physischen Erdendasein und der geistigen Welt bestehen. Das müssen wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus zu unserer Erkenntnis machen.
[ 23 ] Einen dieser Gesichtspunkte wollte ich heute einnehmen, um Ihnen wiederum von einer gewissen Seite her zu schildern, wie der Mensch mit der geistigen Welt zusammenhängt. Ich hoffe, daß wir ergänzend wiederum in nicht allzu ferner Zeit hier diese Betrachtungen fortsetzen können.
