Geistige Zusammenhänge
in der Gestaltung des menschlichen Organismus
GA 218
7 Dezember 1922, Berlin
15. Die Erlebnisse des Menschen im ätherischen Kosmos
[ 1 ] Es gereicht mir zu einer großen Befriedigung, wieder einmal zu Ihnen sprechen zu können, sprechen zu können in dem Zweige unserer Anthroposophischen Gesellschaft, in welchem ich durch viele Jahre den Hauptteil meiner Tätigkeit entfalten durfte. Ich möchte Ihnen heute sprechen über einiges, wovon ich glauben muß, daß es gerade in der Gegenwart wichtig ist, betrachtet zu werden, ich möchte Ihnen von einem gewissen Gesichtspunkte aus sprechen über die Beziehungen des Menschen zur übersinnlichen Welt.
[ 2 ] Eigentlich ist ja dies das ständige Thema, über das wir innerhalb der anthroposophischen Bewegung sprechen. Aber Sie werden sich ja schon daran gewöhnt haben, daß die Wahrheiten über die übersinnlichen Welten erst dann in den Vollbesitz des menschlichen Gemütes kommen können, wenn sie von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtet werden, so daß sich gewissermaßen, wie ich das oftmals aussprach, durch die Aufnahme von Bildern von den verschiedensten Seiten her ein Gesamteindruck eben ergeben kann.
[ 3 ] Sie wissen, daß sich der geisteswissenschaftlichen Betrachtung ergibt, wie das Menschenleben während des Erdendaseins in zwei zeitlich auseinanderliegende Teile zerfällt: in den vollbewußten Wachzustand und in den Schlafzustand. Sie wissen auch, daß während des Schlafzustandes jene Glieder der menschlichen Wesenheit, die wir bezeichnen als den physischen Leib, den ätherischen oder Bildekräfteleib, den astralischen Leib und das Ich, getrennt sind, so daß der Mensch gewissermaßen im physischen Dasein zurückläßt seinen physischen Leib und seinen ätherischen Leib, und daß er in seinem astralischen Leib und in seiner Ich-Wesenheit ein ihm unbewußtes Dasein zunächst führt außerhalb des physischen Leibes und des Ätherleibes. Wenn man zu höheren Erkenntnissen aufsteigt, so ist es ja nicht etwa so, daß man durch dieses Aufsteigen selbst, durch die Erkenntnis, für das menschliche Wesen etwas gewinnt, geradesowenig wie wir für unsere Verdauung dadurch etwas gewinnen, daß wir theoretisches Wissen über diese Verdauung haben, oder wie wir wenigstens nichts gewinnen für das unmittelbare Wesen der Verdauung, wie es in unserem normal organisierten Menschenwesen abläuft. Man kann schon sagen: Höhere Erkenntnis bringt nichts Neues in den Menschen herein. Das ist alles schon im Menschen, was die höhere Erkenntnis liefert. Aber es ist doch so, daß dasjenige, wovon man bestimmt sagen kann, daß es nichts Neues in den Menschen hineinbringt, auf dasjenige hinweist, was dem Menschen für das gewöhnliche Bewußtsein unbekannt bleibt, und was, indem es nicht nur erkannt wird, sondern indem es mit dem vollen Seeleninhalt, mit allen Seelenkräften erlebt wird, allerdings ein Höheres in das Menschenwesen dann hineinträgt: nicht die Erkenntnis als solche, sondern das Erleben dieser Erkenntnis.
[ 4 ] Damit aber habe ich auf das hingewiesen, was ich darstellen möchte als ein Dreifaches innerhalb des anthroposophischen Strebens. Zuerst liegt ja das vor, daß einzelne Menschen da sein müssen, welche sich die geisteswissenschaftlichen Methoden so aneignen, daß sie durch das höhere Schauen in den übersinnlichen Welten eine Erkenntnis über diese übersinnlichen Welten bringen können. Wie man das Erwerben dieser Erkenntnisse während des Erdendaseins nennt, darauf kommt es ja weniger an. Wenn man mit dem Ausdrucke Hellsehen nicht diejenigen nebulosen mystischen Vorstellungen verknüpft, die sehr häufig mit diesem Ausdrucke verknüpft werden, so kann man eben von hellseherischer Erkenntnis sprechen. Durch diese kommt also zunächst das zustande, was in unseren heutigen Zeitalter immer mehr und mehr in die Gemüter der Menschen als Lebensinhalt einziehen muß.
[ 5 ] Das zweite ist, daß durch den gewöhnlichen, wie man sagt, gesunden Menschenverstand, wenn er nur unbefangen genug ist, dasjenige eingesehen werden kann, was durch die hellseherische Erkenntnis sich offenbart. Ich habe es ja oft betont: man braucht nicht selbst ein Hellseher zu sein, um das einzusehen, was sich durch die hellseherische Forschung offenbart. Aber es ist auch für den, der selber zur hellseherischen Anschauung kommt, wichtig, daß er das, was er schaut, in die gewöhnlichen menschlichen Begriffe umsetzt. Denn das ist ja gerade die Bedeutung, die das Hellseherische für den Menschen in der gegenwärtigen Zeit seiner Entwickelung hat: daß es sich in jene Begriffe umsetzen läßt, welche wir überhaupt in der heutigen Zivilisation als die Begriffe des Menschen haben. Also man muß, ob man Hellseher oder Nichthellseher ist, das, was sich durch hellseherische Forschung offenbart, verstehen.
[ 6 ] Und das dritte ist dieses: was sich nun also aus der hellseherischen Forschung in die Begriffe umsetzt, was vorgestellt werden kann aus der hellseherischen Forschung, das muß innerlicher Lebensinhalt werden, muß so werden, daß der Mensch dadurch begreift: Ich bin ein Wesen, das nicht nur gebunden ist an das Erdendasein zwischen Geburt und Tod, sondern ich bin ein Wesen, für das das Erdendasein nur eine Phase, nur eine vorübergehende Metamorphose ist. — Und es soll ja in die Seele einziehen alles das, was an das menschliche Gemüt dadurch herankommen kann, daß Anthroposophie in diesem Sinne Lebensinhalt wird. Erstens weiß sich der Mensch dadurch als ein Angehöriger der geistigen Welten, und er weiß auch, daß das Erdendasein seine Aufgaben bekommen muß aus den geistigen Welten heraus. Zweitens aber weiß sich der Mensch dadurch verantwortlich gegenüber den geistigen Welten. Das alles hebt ihn über das bloße Erdendasein hinaus, aber nicht so, daß er es schwärmerisch-mystisch verläßt und es gering achtet, sondern indem er gerade aus der übersinnlichen Welt sich für das Erdendasein seine Aufgaben holt und den ganzen Duktus, den ganzen Status seines Erdendaseins dadurch beeinflußt.
[ 7 ] Dieses ist für unsere Zeit ganz besonders wichtig, daß wir erstens hinzuhorchen lernen auf das, was durch die hellseherische Forschung gesagt werden kann; daß wir sodann uns bemühen, durch den gesunden Menschenverstand den Inhalt dieses Erforschten zu begreifen, und daß wir diesen Inhalt zur Lebensarbeit, zur Durchleuchtung des Lebens mit Aufgaben, zur Erhöhung der Verantwortung des Lebens gegenüber den geistigen Welten machen. Indem ich mit diesen Worten gerne, ich möchte sagen, die Farbennuance geben möchte, von der ich meine, daß sie meine heutigen Ausführungen durchdringen soll, möchte ich wieder einiges Ihnen Neue über die Beziehungen des Menschen zur übersinnlichen Welt geben.
[ 8 ] Der Mensch, der hier auf der Erde lebt, öffnet seine Sinne der physischen Welt. Er nimmt, indem er in sich hineinblickt, sein Denken, sein Fühlen und sein Wollen in einer gewissen Weise wahr. Was er durch seine Sinne wahrnimmt und zu seinem Seeleninhalt macht, das nennt er seine irdische Umgebung. Beachten Sie, daß, indem wir als Erdenmenschen in dieser physischen Umgebung stehen, wir eigentlich recht gut bekannt sind mit dem, was wir die Außenwelt, die natürliche Außenwelt nennen, soweit sie in unserem Horizonte liegt, daß wir aber im Grunde genommen durch das unmittelbare Bewußtsein recht wenig bekannt sind mit dem, was — sogar oft physisch — innerhalb unserer eigenen Wesenheit liegt. Der Mensch lernt wohl durch eine äußere Wissenschaft seine inneren Organe kennen, aber eben erst dann, wenn er diese inneren Organe auf dem Seziertische oder dergleichen zu äußeren Wesen macht. Durch ein In-sich-Hineinschauen kann der Mensch seine Lungen, sein Herz und so weiter mit der gewöhnlichen Erkenntnis ja nicht kennenlernen. Wir lernen unsere inneren Organe höchstens fühlen, wahrnehmen, wenn sie krank sind. Im gesunden Zustande nimmt der Mensch sein Inneres eigentlich nicht wahr. Er lebt in seinem Inneren, er hat es an sich tätig. Aber gerade indem er darin lebt, gewissermaßen in ihm steckt und es selber ist, nimmt er es nicht so wahr, wie die Außenwelt, die er eben nicht selbst ist.
[ 9 ] Dies zeigt uns, daß wir hier während unseres Erdendaseins den Blick auf die Außenwelt richten und eben eine Welt mit Inhalt um uns herum haben, daß wir dann, wenn wir nach innen blicken, ein allgemeines, unbestimmtes Gefühl von einem Ich haben, von dem wir, wenn wir ehrlich mit uns sind, sagen müssen: Es ist recht dunkel, recht unklar. — Und daß wir wechseln können zwischen diesem Hineinschauen in unser Inneres, wobei uns eben ein ziemlich Unklares, Dunkles in der Seele erlebbar wird, und zwischen dem Erleben der in sich konkreten, überall bestimmten, inhaltvollen Außenwelt. Zwischen beidem können wir mit unserem Bewußtsein wechseln. Das ist im wesentlichen unsere Erfahrung zwischen Geburt und Tod.
[ 10 ] Zwischen dem Tode und einer neuen Geburt ist die Erfahrung eine wesentlich andere. Gerade in jenen Zeiten des Daseins zwischen Tod und neuer Geburt, die sich etwa vergleichen lassen mit dem mittleren Teile unseres Erdenlebens, wo wir etwa als Dreißig-, Vierzigjährige auf der Höhe des Gebrauches unserer physischen Kräfte sind, gerade in der Zeit, die also die mittlere zwischen Tod und neuer Geburt ist, da ist es umgekehrt gegenüber dem Erdenleben. Da blicken wir in unser Inneres durch ein anderes Bewußtsein, das wir dann haben, und indem wir in unser Inneres dann blicken, haben wir ein so Konkretes, ein so Inhaltvolles, wie wenn wir hier auf der Erde in die Außenwelt blicken. Nur, wenn wir hier auf der Erde in die Außenwelt blicken, haben wir die Wesen der drei oder vier Reiche um uns herum, die Wesen des mineralischen, des pflanzlichen, des tierischen Reiches und des physischen Menschenreiches. Wir haben sie um uns herum, indem sie sich uns darstellen als sinnenfälliger Inhalt. Wenn wir zwischen Tod und neuer Geburt in der gekennzeichneten Zeit in uns selbst hineinschauen — das ist schon so —, dann haben wir in uns nicht Dinge der Natur, sondern wir haben in uns eine Welt von Wesenheiten, eine Welt von jenen Wesenheiten, die wir beschreiben als die Wesenheiten der höheren, der geistigen Hierarchien. Hier haben wir Weltwahrnehmung, Außenwahrnehmung, Wahrnehmung von Dingen, in der geistigen Welt haben wir Innenwahrnehmung, Wesenswahrnehmung. Wir schauen in uns hinein, aber wir finden nicht solche Organe, wie wir sie hier auf der Erde in uns tragen, sondern wir finden die ganze Welt von Wesenheiten, wenn wir eben das richtige Bewußtsein dafür haben können. Und der, welcher diese Wesenheiten der höheren Hierarchien beschreibt, beschreibt eigentlich nichts anderes als die Außenerfahrung des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt. Und wenn wir so, wie wir hier den Blick von der Außenwelt zurückwenden können auf uns selbst, nun umgekehrt zwischen Tod und neuer Geburt den Blick von innen, wo wir die Wesen der höheren Hierarchien in uns finden, nun hinwenden nach außen, dann finden wir uns selbst, dann kommen wir zu uns selbst. Außenwelt ist dort eigentlich Innenwelt, Innenwesen ist dort Außenwesen, in der Art, wie ich es eben auseinandergesetzt habe.
[ 11 ] Dasjenige aber, was wir dort als eine innere, vollinhaltliche Welt von geistigen Wesenheiten in uns erblicken, das stellt sich uns hier, während des Erdendaseins, in seinem Abbilde dar, stellt sich uns so dar, daß wir die sinnlichen Abbilder jener Wesenheiten sehen, die wir sonst in unserem Inneren zwischen Tod und neuer Geburt wahrnehmen. Allerdings sehen wir hier nicht dieselben Wesen, sondern gewissermaßen die Wohnplätze dieser Wesen, und das ist — weil sich immer eine ganze Anzahl dieser Wesen in Gemeinsamkeit befinden —: die Sternenwelt um uns herum. Also was beschreiben wir, wenn wir voller Erkenntnis — nicht mit jener Maulwurfserkenntnis zwischen Geburt und Tod, die dem gewöhnlichen Bewußtsein eigen ist — von den Sternen, zum Beispiel von der Sonne reden? Die Sonne bietet uns gegenüber dem sinnlichen Anblick ein gewisses Bild: was sich aber hier als das Bild der Sonne uns darstellt, das erleben wir zwischen Tod und neuer Geburt als ein Reich geistiger Wesenheiten. Wir sehen da nicht die Sonne so, wie sie jetzt hier ist, sondern ein Reich geistiger Wesenheiten. Wir haben hier, vom Erdendasein aus, etwas wie eine Art Erinnerung, wodurch wir wissen: dieses Reich geistiger Wesenheiten entspricht, von der Erde aus gesehen, der Sonne. Und so ist es auch für die anderen Sterne. Das heißt, unser geistiges Bewußtsein zwischen Tod und neuer Geburt wird ein kosmisches Bewußtsein. Wir sind da nicht wie innerhalb unserer Haut hier, wir sind wahrhaftig die ganze Welt. Nur darf man es sich nicht räumlich vorstellen. Aber wir sind die ganze Welt, wir tragen den Sternenhimmel in uns. Und es ist so: wie wir hier auf der Erde unsere Lungen, unser Herz, unseren Magen und so weiter in uns tragen, so tragen wir zwischen Tod und neuer Geburt die Sonne, den Mond, den Saturn, die anderen Sterne in uns als unsere inneren Organe, aber sie sind geistige Wesenheiten. Es ist ihr geistiges Korrelat, ihr geistiges Urbild, was wir dann in uns tragen.
[ 12 ] Wir würden, wenn wir immer in diesem Zustande wären, in der geistigen Welt niemals zu uns kommen, wir würden uns immer eins fühlen mit der Welt der höheren Hierarchien. Aber das kann nicht sein. Das wäre genau so, wie wenn wir hier auf der Erde bloß einatmen wollten und niemals ausatmen. Daher besteht unser Leben zwischen Tod und neuer Geburt in einem rhythmischen Wechsel: in einem Leben in diesen höheren Hierarchien und — im kosmischen Bewußtsein — in einem Herausschauen; das heißt dort: zu uns selbst kommen. Wie wir hier Einatmung und Ausatmung im Wechsel haben ich könnte auch sagen: Wachen und Schlafen —, so wechseln wir dort mit dem Erleben der hierarchischen geistigen Welt, und dem Erleben von uns selbst, wo wir einsam in unsere eigene Seele zusammengezogen sind, wo wir zu uns selbst kommen. So entsteht dadurch der rhythmische Wechsel im Erleben des Menschen zwischen dem Ausgebreitetsein über das ganze Weltensein, und dem Zu-sich-Kommen: Ausgebreitetsein über das ganze Weltensein — Zu-sich-Kommen und so weiter.
[ 13 ] Dieses Leben zwischen Tod und neuer Geburt innerhalb der geistigen Welt, deren physischer Abglanz die Sternenwelt ist, dieses Leben ist wahrhaftig nicht weniger reich als das Erdenleben. Aber wir können im Erdenleben eigentlich nur das Resultat — und zwar in seinem sehr undeutlichen Zustande — dessen erkennen, was wir zwischen Tod und neuer Geburt erleben. Denken wir uns etwa folgendes: Wir leben hier im Erdenleben auf der Erde, der eine verfertigt Schuhe, der andere Röcke, der dritte schneidet den Menschen die Haare, der vierte baut Lokomotiven und so weiter. Indem wir dies hier auf der Erde im physischen Dasein tun, kommt die sogenannte menschliche Kultur, die Zivilisation zustande. Denken Sie sich nun, diese ganze Zivilisation würde in ihren Hervorbringungen von Zeit zu Zeit in eine Art Resultat zusammengefaßt werden auf einem ganz anderen Gebiete, zum Beispiel auf der Sonne, so könnte man ja nicht gleich von dem, was auf der Sonne dort ist, mit einem Sonnenbewußtsein erkennen, daß dies das Ergebnis der Erdenzivilisation ist. Nehmen wir einmal an, alles das, was hier auf der Erde, wie ich es angedeutet habe, zustande kommt, gäbe eben auf der Sonne ein einziges Ergebnis in vielen Exemplaren. So ist es nämlich in Wirklichkeit mit dem, was wir tun im geschilderten Zusammenhange mit den Wesen der höheren Hierarchien zwischen Tod und neuer Geburt: wir arbeiten dort mit diesen Wesen an der Geistform unseres physischen Erdenleibes. Und diese Arbeit, die da verrichtet wird, wo der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt zusammenarbeitet mit den Wesenheiten der höheren Hierarchien, um die Geistform des physischen Erdenleibes zustande zu bringen, diese Arbeit ist wahrhaftig eine reichere, eine vielartigere als das, was wir hier als Kulturarbeit im physischen Dasein vollbringen, wenn auch dann der physische Menschenleib, der vor uns steht, uns nicht gleich verrät, daß er das Ergebnis der Arbeit von Götterwesenheiten im Zusammenhange mit dem Menschen in der Zeit seines Daseins zwischen Tod und neuer Geburt ist. Aber ältere Weltanschauungen haben wohl gewußt, was sie sagten, wenn sie den menschlichen Leib einen «’Tempel der Götter» nannten. Denn dieser menschliche Leib ist tatsächlich, so wenig wir mit dem gewöhnlichen Bewußtsein hier auf der Erde das beachten, das Allerkomplizierteste, das es im Weltenall überhaupt gibt. Und das, was ein einzelner Menschenleib ist, das ist eben die zusammengeflossene Arbeit unzähliger Wesen, zu denen wir aber selbst gehören; denn wir arbeiten mit an dem Leibe, mit dem wir uns in einer Erdeninkarnation umkleiden, nur könnten wir ihn nicht einzeln für uns erarbeiten, sondern wir müssen ihn in Gemeinschaft mit unzähligen geistigen Wesenheiten verschiedenster Rangordnungen erarbeiten.
[ 14 ] Wenn wir vom Gesichtspunkte des Erdenlebens aus sprechen, so sind wir gewohnt, dasjenige einen Keim zu nennen, was anfangs klein ist und dann groß wird im physischen Sinne. Wenn wir das, was da der Mensch ausarbeitet zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, den Geistkeim des physischen Leibes nennen, so müssen wir sagen, dieser Geistkeim ist so groß wie das Weltall und wird dann, indem er durch das Embryonalleben des Menschen geht, eben «klein» im physischen Leben. In dem kleinen Menschenkeim steckt ein Abbild des großen Geistkeimes drinnen, der von dem Menschen im Zusammenhange mit den höheren Wesenheiten ausgearbeitet worden ist. So daß wir, indem wir schauend hineinblicken in die Welt, die der Mensch durchlebt zwischen Tod und neuer Geburt, eigentlich sehen, wie aus den Aufgaben des Makrokosmos heraus der Mikrokosmos, der menschliche Leib, in immer neuen Exemplaren geformt wird. Und das ist eine erhabenere Aufgabe als alle Kulturarbeit, die der Mensch zwischen Geburt und Tod verrichtet. Und das Leben, das der Mensch durchmacht, indem er also aus dem Weltenall heraus an dem Menschenkeim arbeitet, dieses Leben ist ein vielseitigeres, reichhaltigeres als das, welches wir hier auf der Erde verbringen, indem wir etwa Schuhe fabrizieren, Röcke machen, Kinder unterrichten, Staaten regieren und so weiter, ich könnte natürlich das Verzeichnis lange fortsetzen. Es muß eben durchaus derjenige, der die Welt durchschauen will, sich damit bekanntmachen, daß es etwas ungeheuer Erhabenes ist, den Menschen 19 leib, wie er hier im physischen Abbilde da ist, aus den Aufgaben des Weltalls heraus zu gestalten, und daß das Erleben dieses Gestaltens etwas Ungeheures, in bezug auf Erhabenheit, gar nicht mit dem zu Vergleichendes ist, was der Mensch hier vollbringt, wenn er auch die schätzbarsten Kulturprodukte des physischen Erdenlebens mitfabriziert.
[ 15 ] So steht eigentlich der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt in der geistigen Welt drinnen: er hat eine Außenwelt, die ist er selbst; sein Blick geht hin auf das künftige Erdenleben, und in dem Anblick, in der Perspektive dieses künftigen Erdenlebens liegt eben das, daß er sich in sich selbst zusammenzieht, daß er zu sich selbst kommt. In dem Moment, wo sein Bewußtsein erfüllt ist von dem Hinschauen auf sein künftiges Erdenleben und von dem Zurückschauen auf sein früheres Erdenleben, da ist er bei sich. In dem Moment, wo er mit den Wesen der höheren Hierarchien zusammenarbeitet an der Aufgabe, den komplizierten physischen Leib zustande zu bringen im Geistkeim, da ist er gewissermaßen außer sich, aber er ist eins geworden mit der geistigen Wesenheit, er lebt mit in der geistigen Wesenheit draußen. Gerade in diesem Hochpunkt des Erlebens zwischen Tod und neuer Geburt, den ich in einem meiner Mysteriendramen die Mitternachtsstunde des menschlichen Daseins genannt habe, da erlebt der Mensch als sein Inneres das, was er als den Fixsternhimmel hier im Abbilde sieht. Der Fixsternhimmel oder sein Repräsentant — wie es die alten Weltanschauungen auch bezeichnet haben —, der Tierkreis, von hier aus gesehen, ist das physische Abbild der geistigen Welt, in welcher der Mensch zwischen Tod und neuer Geburt lebt, und die er als seine innere Welt erlebt.
[ 16 ] Das geht dann durch einige Zeit weiter, und der Mensch verläßt dann gewissermaßen dieses lebendige, dieses regsame, dieses vom irdischen Standpunkte aus erhaben zu nennende unmittelbare Arbeiten mit den Geistern der höheren Hierarchien. Und das Nächste, was dann sein Erleben ist, das ist der Standpunkt des Miterlebens mit jenen höheren Wesen, die Offenbarungen höherer Wesen sind. Von einem gewissen Zeitpunkte an weiß der Mensch: Ja, das unmittelbare Mittun mit den höheren Wesen ist nicht mehr da, aber die höheren Wesen zeigen sich mir im Abbilde. Vom Erdenstandpunkte aus gesehen, kann man dies so bezeichnen: der Mensch findet den Übergang von der Fixsternwelt in die Planetenwelt. Indem der Mensch die Planetensphäre durchschreitet beim Vorschreiten gegen ein Erdendasein zu, fühlt er nicht mehr das Leben der höheren Welten als sein inneres Leben; vorher fühlte er es als sein inneres Leben. Hier in der physischen Welt fühlen wir unsere Blutzirkulation, unsere Atmung und so weiter, als unser Innenleben, dort im Leben zwischen Tod und neuer Geburt fühlen wir das Leben und Wesen der höheren Hierarchien als unser Innenleben. Wir stehen in einer geistigen Wirklichkeit drinnen und tun mit. Nun, von einem gewissen Zeitpunkte an sagen wir uns: Jetzt tun wir nicht mehr mit, jetzt erscheint uns wie in einem Bilde dasjenige, woran wir früher mitgetan haben; früher waren wir in der Tatsächlichkeit der geistigen Welt drinnen, jetzt sind wir in ihren Offenbarungen. Das heißt aber in Wirklichkeit: wir sind aus der Sphäre der Fixsternwelt übergetreten in die Planetensphäre.
[ 17 ] Da haben wir zunächst eine gewisse Schwierigkeit zu überwinden: das ist der Eintritt in die Saturnsphäre. Von dem Saturn strahlen bestimmte geistige Kräfte aus. Wenn wir nämlich durch den Tod gegangen sind, ist es ja so, daß wir zuerst in die Planetensphäre gehen und dann erst in die Fixsternsphäre kommen; denn wir gehen ja dann den Weg, den ich jetzt eben beschrieben habe, in der umgekehrten Folge. So ist, wenn wir durch den Tod aus dem Erdenleben hinausgehen, der Saturn der Wohnplatz derjenigen Wesenheiten, die uns nicht auf der Erde lassen wollen, die uns von der Erde hinwegheben wollen, uns befreien wollen von unseren irdischen Kräften und hinausbefördern wollen in die Welt der reinen Geistigkeit. Ich habe dieses Erleben in meiner «Theosophie» von einem anderen Gesichtspunkt aus beschrieben als den Übergang von dem Leben im Seelenlande in das Geisterland. Es verhalten sich diese beiden Schilderungen so, wie man zum Beispiel auch einen Baum immer von verschiedenen Seiten aus photosraphieren kann: es ist immer dasselbe, schaut aber immer anders aus. Beim Rückgange, einem neuen Erdenleben entgegen, haben wir also diesen Einfluß der Saturnwesen. Und diejenigen Menschen, die durch ihr vorheriges Erdenleben ein solches Karma haben, daß bei ihrer Rückkehr zu einem neuen Erdenleben die Saturnkräfte einen großen Einfluß auf sie haben, werden leicht erdenfremde Menschen; Menschen, die entweder davon schwärmen, wie das Irdische eigentlich wertlos sei, und wie man sich in ein begriffliches Wolkenkuckucksheim hineinflüchten solle, oder Menschen, die, weil sie die menschlichen Verhältnisse nur oberflächlich ansahen, eine Neigung entfalten, spiritistische Sitzungen und dergleichen zu veranstalten, in denen sich die verschiedensten geistigen Wesenheiten tummeln können. Das alles wird dadurch bewirkt, daß der Mensch sich in seinem vorherigen Erdenleben ein solches Karma erworben hatte, durch das er beim Rückgange zur Erdensphäre mit den Saturnkräften in eine stärkere Beziehung kommt.
[ 18 ] Indem aber der Mensch in die Planetensphäre eintritt und der Sonnensphäre sich nähert, kommt er auch unter den Einfluß des Gegenparts der Saturnkräfte, das heißt derjenigen geistigen Wesenheiten, die ihren Wohnplatz im Monde haben. Diese Wesenheiten haben vor allen Dingen die Aufgabe, den Menschen ins Erdendasein wieder hineinzuführen, so daß also derjenige Mensch, der von den Mondenkräften Gewirktes aufnimmt, eben doch fix im Erdendasein steht, obwohl es auf der anderen Seite natürlich die Mondenkräfte wieder sein können, die den Menschen gar zu stark durchdringen mit dem rein physischen Dasein, das heißt mit der Vorliebe, mit der Neigung für dieses rein physische Dasein.
[ 19 ] So können wir sagen: Hier im Erdenleben gehen wir herum zwischen Bäumen, Blumen, Gräsern, Tieren und so weiter, zwischen dem Tode und einer neuen Geburt wandeln wir unter Sternen. Und es ist gar nicht so unreal, wenn Sie sich einfach in einem umfassenden Bilde die Vorstellung bilden, daß Sie während des Erdenlebens hier auf der Erde sind, nach dem Tode die Sphären der Planeten passieren, indem Sie die Mondensphäre verlassen, die Neigung für das Erdenleben verlieren, durch den Saturn hinausbefördert werden, in der Fixsternsphäre verhältnismäßig gegenüber dem Erdendasein sogar sehr lange leben, dann wieder zurückkehren, in die Planetensphäre eintreten, und insbesondere, indem Sie in den Mondeneinfluß kommen, wird Ihnen im übersinnlichen Dasein durch dasjenige, was die Mondenkräfte sind, die Veranlassung, ins Erdenleben wieder zurückzukehren. Es drängt Sie wieder, ins Erdenleben zurückzukehren. Wie wir hier auf der Erde in gewissen Beziehungen stehen zu dem, was wir unsere sinnliche Umgebung nennen, so tun wir es auch bei diesem Leben durch die Sternenwelt hindurch. Und das hat alles für unser Arbeiten mit den Wesen der höheren Hierarchien an dem Geistkeim des physischen Menschenleibes eine große Bedeutung. Denn bis wir beim Wiederherabstieg zu einem neuen Erdenleben in die Planetensphäre kommen, bleibt es sogar in unserem Wesen, das wir uns da für das künftige Erdenleben aufbauen, unentschieden, ob wir zum Manne oder zum Weibe werden. Ja, das bleibt sogar noch für eine gewisse Zeit unentschieden, wo wir schon als seelisch-geistige Wesen in der Planetensphäre sind. In der Fixsternsphäre auch nur von etwas Ähnlichem zu reden, wie wir es hier haben als Mann und Weib, wäre sogar der reine Unsinn. Aber in dem Bilde, das ich nun angefangen habe zu malen, können Sie sich, wenn Sie sich von der Erde entfernen, ganz gut vorstellen: hier haben Sie den Mond von vorn gesehen; dann haben Sie ihn von hinten gesehen. Venus, Merkur und Sonne sehen Sie ebenfalls von hinten, dann sehen Sie die Tierkreissphäre und so weiter. Aber indem Sie diese Sphären passieren, verwandelt sich das, was für uns hier sonst physisches Abbild ist, in eine Summe von geistigen Wesenheiten, die Sie anschauen. Indem Sie den Mond von hinten anschauen, sehen Sie geistige Wesenheiten, zum Beispiel diejenigen geistigen Wesenheiten, welche vorzugsweise die Eingeweihten des Alten Testamentes interessiert haben: die Jahvewesenheit und die zu ihr gehörigen Wesenheiten. Wenn Sie aber jetzt wieder zur Erde zurückkehren, können Sie durch Ihr früheres Karma, indem Sie sich der Mondensphäre nähern, denjenigen Zeitpunkt sich aussuchen, wo, von der Erde aus gesehen, am Himmel Vollmond steht; das heißt, Sie sehen, von der Erde aus geschaut, Vollmond, die beleuchtete Mondenscheibe, aber von rückwärts aus gesehen schaut man beim Herannahen an die Erde dann den Mond schwarz. Wählen Sie sich diesen Zeitpunkt für Ihre Annäherung an die Erde gerade so, daß gewissermaßen die schwarze, von der Sonne unbeeinflußte Mondensphäre auf Sie hineinwirkt, wo also auf der Erde Vollmond ist, dann werden Sie mit einem weiblichen Dasein auf der Erde erscheinen. Wählen Sie dagegen jene Zeit, in welcher wir hier auf der Erde den Mond nicht sehen, wo also Neumond ist und wo die Sonnenwirkungen nach allen Seiten frei in den Weltenraum hineingehen, dann richten Sie sich ein männliches Erdendasein ein. Sie sehen also, bis zur Form des Männlichen und Weiblichen müssen wir das, was wir hier auf der Erde im physischen Leibe sind, aus. den Erlebnissen herleiten, die wir gewissermaßen in der Sternensphäre, das heißt in der geistigen Sphäre, von der anderen Seite aus gesehen, zwischen Tod und neuer Geburt haben. In allen Einzelheiten lassen sich diese Dinge verfolgen. So wie wir auf der Erde sagen können, was der Mensch dadurch hat, daß er zum Beispiel Kohl oder Eier oder Ochsenfleisch ißt — denn davon ist auf der Erde sein physisches Dasein abhängig —, so gibt es überall die entsprechenden Beziehungen in den geistigen Welten, deren Ergebnis dann in der Formung und inneren Durchlebung des Menschen auf der Erde auftritt. Hier auf der Erde essen wir Ochsenfleisch oder Eier; in der geistigen Welt, zwischen Tod und neuer Geburt, wählen wir uns, je nachdem es unserem Karma entspricht, für die Zeit des Überganges den Neumonddurchgang oder den Vollmonddurchgang und werden dadurch Mann oder Weib. Aber das volle Menschendasein im Zusammenhange mit dem Weltendasein läßt sich eben nur begreifen, wenn wir nicht bloß das ins Auge fassen, was hier zwischen Geburt und Tod sich abspielt, sondern wenn wir das im Erdenleben sich Abspielende auffassen können im Zusammenhange mit dem, was zwischen dem Tode und einer neuen Geburt für den Menschen vor sich geht.
[ 20 ] Das ist nun etwas, was der Mensch heute noch nicht in seiner vollen, realen Bedeutung auch für das Erdenleben einsieht. Aber man kennt ja heute den Menschen eigentlich eben nur so, wie der Maulwurf die Museen kennt. Der Maulwurf, der den Boden unter den Museen durchwühlt, kann vielleicht seine Erfahrungen darüber aufzählen; aber darin wird nicht viel sein von dem, was ja doch über ihm ist. So ungefähr ist der Welt gegenüber in dem, was uns eine Erdenwissenschaft sein kann, solch ein «Maulwurfsstandpunkt» eingenommen; nur daß der Maulwurf auch leben könnte, ohne daß ein Museum über ihm ist — es hat nicht viel Zusammenhang mit ihm —, aber der Mensch ist mit dem, womit er zusammenhängt als mit der übersinnlichen Welt, innig verknüpft, er hängt damit zusammen. Ein Bewußtsein davon muß sich die Menschheit wieder erwerben. Es war einmal ein dumpfes, gedämpftes Bewußtsein für diese Dinge vorhanden, in das hineingeleuchtet wurde in den alten Mysterien, aber auch mit den alten Methoden. Diese alten Mysterien waren nicht einseitige Kultusstätten bloß. Ein Bedürfnis zu einseitigen Kultusstätten hat eigentlich erst die neuere Menschheit. Die neuere Menschheit muß schon abgesonderte Kulte treiben, weil sie egoistisch geworden ist und für das eigene Selbst eine Versicherung für die Unsterblichkeit haben will. Die kann gegeben werden, sie ist ja Tatsache. Aber der Mensch ist heute geneigt, das alles abgesondert voneinander zu treiben. Noch zu Paracelsus’ Zeit war es nicht so, da war die Heilkunde noch Gottesdienst. Wir müssen — obwohl wir Übergänge haben müssen — doch wieder dazu kommen, alles Erdenwirken als eine Vollendung eines geistigen Wirkens anzusehen. Nur obliegt es heute dem Menschen, gewissermaßen abgeschnürt von der geistigen Welt während seines Erdendaseins die Erdenereignisse durchzumachen; er würde sonst sein Freiheitsbewußtsein nicht erringen können. Aber die Zeit ist erfüllt, in welcher der Mensch sich abgeschnürt halten darf vom geistigen Dasein. Er muß wiederum sein Bewußtsein mit innerer Erleuchtung vom geistigen Dasein durchdringen, und dazu kann er heute die alten Methoden nicht benützen. Er muß durchgehen durch das, was ihm in der Gegenwart nach dieser Richtung geoffenbart werden kann.
[ 21 ] Denn nehmen Sie einmal an: irgendeine alte Mysterienstätte versorgte mit den Angelegenheiten der Mysterien eine umliegende Gegend. Da erstreckte sich die Sorge dieser Mysterienstätte auf alle Angelegenheiten der Menschen, die umher wohnten, auf alle diejenigen Angelegenheiten, die eben nur durch den Zusammenhang des Erdenlebens mit der geistigen Welt erfüllt, geordnet werden konnten. Nehmen wir an, es trat bei einem Menschen eine Krankheit auf. Da fragte man in jenen älteren Zeiten nun nicht: Was haben wir für Stoffe probiert, die eine Wirkung auf den Menschen nach dieser oder jener Richtung geäußert haben? — Am wenigsten fragte man sich nach der Wirkung von Stoffen, die man ausprobiert hat auf Tiere und so weiter. Das alles muß der Mensch heute durchmachen. Es ist jetzt nicht etwa eine abfällige Kritik der Medizin damit gemeint, sondern nur eine Einordnung in den richtigen Ort der Erden- und Menschheitsentwickelung. Aber in den älteren Zeiten suchte ein Kranker, der mit irgend etwas behaftet war, eben seine Zuflucht in den Mysterienstätten; denn die Priester waren auch zugleich Künstler und Ärzte. Kunst, Religion und Wissenschaft waren eines; das wurde in den Mysterien gepflegt. In jenen alten Zeiten gab es noch eine Gesamtanschauung des Menschen. Man wußte: Wenn der Mensch in einem bestimmten Lebensalter von irgend etwas befallen wird, so hängt das nicht bloß mit der chemischen Mischung oder Entmischung seiner Stoffe zusammen, sondern von einem höheren Gesichtspunkte aus hängt es zusammen mit den Erfahrungen und Erlebnissen, die er durchgemacht hat, als er in der Sternenwelt war und von dort aus sein Erdendasein gesucht hat.
[ 22 ] Nehmen wir also an, ein solcher Kranker kam in der Zeit zwischen seinem vierzehnten und einundzwanzigsten Lebensjahre hilfesuchend an eine Mysterienstätte, die zugleich Arztstätte war. Wenn nun in den alten Zeiten, wo auch in den Mysterienstätten nur ein instinktives, halb traumhaftes Wissen wirkte, ein solcher Kranker zur Behandlung kam, so war doch oftmals das Examen, das mit ihm durchgemacht wurde, dennoch heller, als die heutigen Examen sind. Denn ich habe wirklich Ärzte kennengelernt, die, wenn man mit ihnen in ein Gespräch kam über das Allerwichtigste an dem Patienten und sie fragte: Wie alt ist der Patient? — es nicht wußten. Als ob man überhaupt an irgendeines Menschen Gesundheit mitwirken könnte, wenn man nicht eine genaue Vorstellung über sein Lebensalter hat! Denn in jedem Lebensjahre muß der Mensch gewissermaßen anders kuriert werden, weil sich ja das menschliche Leben dauernd ändert. Es wird niemandem einfallen, zum Beispiel ein Blütenblatt zu nehmen, es in die Erde zu senken und zu glauben, es wüchse aus ihm eine neue Pflanze heraus, sondern er wird den Keim aus der Frucht nehmen und in die Erde senken, weil er weiß: die Entwickelung der Pflanze ist etwas. Und so muß auch das menschliche Leben betrachtet werden. Kam also ein hilfesuchender Kranker im Alter von vierzehn bis einundzwanzig Jahren — die Dinge sind approximativ — zu einem Mysterienarzt, so wußte dieser: es gibt eine Anzahl von Erkrankungen, die einfach etwas zu tun haben mit dem Durchgange des Menschen durch die Sonnensphäre bei seinem Heruntersteigen aus der Planetenwelt in die physische Welt. War der Kranke im Alter von fünfunddreißig bis zweiundvierzig Jahren, so wußte der Mysterienpriester, welche Krankheiten etwas zu tun haben mit dem Durchgange des Menschen durch die Saturnsphäre bei seinem Herabsteigen. Also er fragte sich vor allem nach dem Zusammenhang des Erdenlebens mit den Erfahrungen und Erlebnissen des Menschen im Dasein zwischen Tod und neuer Geburt: dann kannte er das, was hier auf der Erde wiederum vom Außenwesen in Beziehung steht zu den Wesenheiten der höheren Hierarchien beziehungsweise ihren physischen Abbildern, den Sternen. Nun stehen gewisse Pflanzen auf der Erde in einem innigeren Verhältnis zur Sonne als andere, und andere wiederum stehen in einem innigeren Verhältnis zum Saturn und so weiter. Den sprießenden, sprossenden Blütenpflanzen zum Beispiel werden Sie durch einen gesunden Instinkt ansehen können, daß sie in einem anderen Verhältnis zur Sonne stehen als ein Pilz oder eine Flechte an einem Baume. Und jemanden, der zwischen seinem vierzehnten und einundzwanzigsten Jahre beispielsweise von einer Erkrankung seines Magens oder seines Herzens befallen wird, den werden Sie ganz gewiß nicht mit Kramperl-Tee kurieren, wie ihn der alte Mysterienarzt nicht mit Kramperl-Tee behandelt hätte, sondern mit einem sonnenverwandten Pflanzensaft; aber dies aus der Erkenntnis des Zusammenhanges des Menschenlebens mit dem Weltenall heraus.
[ 23 ] Diese Dinge sind sozusagen «verschüttete» Erkenntnis; sie müssen auf einer höheren Stufe, durchleuchtet mit unserer modernen Intelligenz, wiedergefunden werden, nachdem die Menschheit eine Zeitlang durch die Finsternis hindurchgegangen ist. Sie müssen wiedergefunden werden und sie können wiedergefunden werden, und eben die anthroposophische Weltanschauung ist der Anfang dieses Wiederfindens einer geistigen Erleuchtung der Menschheit auf allen Gebieten des Lebens.
[ 24 ] Jetzt habe ich Ihnen dieses Herabsteigen des Menschen geschildert, bis er in die Planetensphäre eintritt. Dann kommt eine Zeit, nachdem schon der Mondeneinfluß da war, eigentlich eben begonnen hat, wo der Mensch jenen Geistkeim seines physischen Leibes, der aber schon sehr stark zusammengeschrumpft ist — die Ausdrücke sind natürlich grob, aber Sie werden sie nicht mißverstehen —, verliert. Dieser Geistkeim des physischen Leibes senkt sich früher herunter als der Mensch selbst, er wird einem Elternpaare übergeben, senkt sich ein in einen befruchteten Menschenkeim, bildet da das Wachstumselement, bevor der Mensch selbst herabgestiegen ist. Es ist also gewissermaßen eine Zeit da, wo der Mensch schon diesen physischen Keim dem Erdenleben übergeben hat, wo er gewissermaßen herunterschaut auf die Erde: Das soll er werden, der Mensch, dem ich zugehören werde —, wo der Mensch selbst aber noch für kurze Zeit frei im Kosmos lebt. Da zieht der Mensch jetzt aus der ätherischen Welt des Kosmos die Kräfte zu seinem Ätherleib zusammen, so daß er dann seinem Wesen nach besteht aus Ich-Wesenheit, astralischem Leib und ätherischem Leib. Und nachdem er sich so seinen Ätherleib erworben hat, schließt er sich nun zusammen mit dem, was sein physischer Keim geworden ist, den er selbst zuerst heruntergeschickt hat.
[ 25 ] In diesem Voraussenden des physischen Menschenkeimes und im nachherigen Zusammenballen, wenn ich so sagen darf, des ätherischen Leibes liegt eine ungeheuer tiefe Weisheit. Denn nehmen Sie an, wir behielten unseren physischen Leib, während wir den ätherischen Leib zusammensammeln, und der physische Leib wäre nicht das von physischer Materie Durchdrungene, sondern eben die Kräfte, die von physischer Materie durchdrungen sein könnten im Mutterleibe, aber nehmen Sie an, wir schickten ihn nicht voraus, sondern durchdringen ihn noch mit dem Ätherleibe, bevor wir angekommen sind in die Substanz des physischen Embryos und bei dem, was uns da geboten wird. Was würde dann geschehen? Gerade dadurch, daß man wissen kann, was da geschehen könnte, fängt man an, die weisheitsvolle Lenkung des Weltenalls ungeheuer zu bewundern. Denn wenn das anders wäre, würde fortwährend bei jedem Gedanken, den wir fassen, jede Neigung, die wir zum Bösen haben, vor uns stehen. Es würde gleichsam ein lebendiges Gedächtnis desjenigen fortwährend da sein für das, was wir auch als kleinstes Böses auch nur im Gedanken oder in der Empfindung auf der Erde vollbracht hätten. Wir würden überwuchert sein von dem Inhalt des Gewissens, und zwar besonders von seinen bösen Seiten aus, und wir würden nicht einen neutralen Gedanken fassen können, würden zum Beispiel zu keiner Naturerkenntnis kommen können. Wollten wir neutral die Pflanzen betrachten nach den Naturgesetzen, so würden leicht in die Naturbetrachtung hinein sich etwa solche Gedanken mischen: Ach, was warst du doch damals mit siebzehn Jahren für ein schlechter Kerl, was hast du da vollbracht! — Das würde sich in die Naturbetrachtung hineinleben, und man würde zu keiner neutralen Anschauung kommen. Daß wir auseinanderhalten können unsere einfache neutrale Besonnenheit von dem, was in uns steckt an moralischen oder unmoralischen Instinkten, das verdanken wir der Tatsache, daß wir unseren physischen Geistkeim zuerst herunterschikken und uns erst dann, nachdem wir den Ätherleib gesammelt haben, mit dem physischen Leibe verbinden. Dadurch halten wir diese beiden so weit auseinander, daß im physischen Leibe das Gedächtnis aufgehalten werden kann, daß es nicht immer da ist, daß es uns auch freiläßt, daß nicht immer unser ganzes, namentlich moralisches Leben vor uns steht, und daß wir im Ätherleibe die Gedanken der neutralen Besonnenheit fassen können.
[ 26 ] Ich habe Ihnen jetzt das Herabsteigen des Menschen aus der geistigen Welt geschildert bis zu dem Momente, wo der Mensch sich mit der physischen Erdensubstanz vereinigt, um sodann weiter auf der Erde zu leben. Was stellt sich nun da heraus, indem wir hier angekommen sind? Ich sagte schon, es stellt sich heraus, daß wir uns sagen müssen: Erkenne ich, daß der Mensch zuerst die Formungskräfte seines physischen Menschenleibes herabschickt und dann nachfolgt, dann werde ich unbedingt zur Bewunderung der weisen Lenkung der Weltenangelegenheiten geführt. Wenn ich mit aller Lebendigkeit dies fasse, kann ich nicht da stehen wie ein Strohkopf, der eine Maschine verfertigt und sie nicht zu bewundern braucht, denn ich müßte ein ganz ausgedörrter Mensch sein, der eine so ungeheure Weisheit der Weltenführung geoffenbart bekommt und nicht die Bewunderung gegenüber dieser Weisheit in sich hervorquellend hätte! Und so ist es bei allen anthroposophischen Erkenntnissen.
[ 27 ] Mit anderen Worten, die gewöhnliche Erdenerkenntnis, die wir im Wachzustande fassen, wendet sich an unseren Verstand, weniger schon an unser Gefühl. Das ist nicht der Fall bei denjenigen Erkenntnissen, die wir im innerlichen Erleben aus der geistigen Welt heraus bekommen. Die nehmen unseren ganzen Menschen in Anspruch, ja, es wird unser ganzes Wesen anders organisiert, indem wir uns diese Erkenntnisse aneignen. Die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse wollen uns nicht, wie die physischen Erkenntnisse, kalt lassen in unserem Gemüt, aber sie sind indessen nicht weniger objektive Erkenntnisse. Wenn jemand etwa sagen würde: Erkenntnisse, die das Gemüt berühren, sind nicht objektiv, die sind ja subjektiv —, so braucht man sich nur folgendes vorzustellen: Wenn einer vor Raffaels Sixtinischer Madonna steht, so müßte das ja auch ein sonderbarer Kauz sein, wenn er vor diesem Bilde nicht in Bewunderung käme; aber keiner wird sagen können: Das ist bloß subjektiv, die Raffaelsche Madonna ist nicht objektiv. — Denn es handelt sich nicht darum, daß wir keine Sympathie- oder Antipathiekräfte regsam fühlen sollten im Gemüt, wenn wir auf Objektives hinschauen, sondern darum, daß nicht durch unser Subjektives das Objektive gestört wird. Wenn wir freilich etwas deshalb anerkennen, weil es uns paßt, irgend etwas objektiv zu nehmen, dann sind wir nicht objektiv, da wir in diesem Falle etwas annehmen, weil es uns gefällt. Aber wenn etwas so objektiv vor uns träte wie solche Erkenntnisse, und wir dann in Bewunderung darüber ausbrechen, dann würde diese Bewunderung ganz gewiß nicht die Objektivität der Erkenntnis beeinträchtigen. Das ist das Wesentliche an den anthroposophischen, geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen, daß sie nicht nur unseren Verstand, unseren Kopf, sondern unseren ganzen Menschen in Anspruch nehmen. Und wer immer mehr und mehr von solchen Wahrheiten kennenlernt, die sich auf das Leben des Menschen zwischen Tod und neuer Geburt ‚beziehen, dem sprießt ein Gefühlsleben auf und nachher auch ein Willensleben. Das heißt, der Mensch durchdringt die Impulse zu seinen Taten mit dem, was er erkennt aus den geistigen Welten heraus. Er fühlt sich hier auf der Erde als ein Erfüller dessen, was er im geistigen Leben zwischen Tod und neuer Geburt war.
[ 28 ] So hat schon dasjenige, was von erlebter Anthroposophie kommt, eine Kraft, den ganzen Menschen von sich aus zu erfüllen, wie einst aus dem ganzen Menschen das instinktive Hellsehen, also der instinktive Zusammenhang mit der geistigen Welt, bei der alten Menschheit vorhanden war. Wodurch sind wir denn heute solche intellektuellen Kerle geworden, und weshalb sind es die alten Menschen nicht gewesen? Weil eben die alten Menschen auch das wußten, was an Vorschriften aus dem ganzen Menschen kam. Heute lernt der Mensch zum Beispiel Geometrie; da wird ihm klargemacht, was eine Senkrechte ist. Nur aber schwebt das — man kann nicht einmal sagen: in der Luft —, was eine Senkrechte ist, das schwebt so im Ideellen, man weiß eben den Zusammenhang nicht. Niemals würde der Mensch zu einem Gefühl für eine Senkrechte gekommen sein, wenn er nicht selbst im Laufe seines Lebens ein Aufrechtgehender geworden wäre, so daß er das, was eine Senkrechte ist, in seinem Bewegungsvorgange fühlt. Und was so der ganze Mensch erlebt, das erlebt sein Kopf mit und macht es zur Senkrechten. Auf dieselbe Weise wird das, was der Mensch erlebt im Ausbreiten seiner Arme, zum Erleben der Waagerechten. Der Mensch, der ursprünglich in seinem Seelenleben als ganzer Mensch tätig war, hat sich allmählich beschränkt auf den Kopf, der alles nur bildlich darstellen kann. Und wie macht es nun der Kopf am Menschen? Ja, wenn ich gehe, so lebe ich anders, als wenn ich in einem Auto fahre: da geht das Auto, und ich bin ruhig. So macht es eigentlich im Menschen der Kopf: der ist faul, der hat sein Vehikel in meinem übrigen Organismus und läßt sich fahren, da kommt alles zur Ruhe, so wie wenn ich in einem Eisenbahnzuge sitze. Daher wird alles bildlich, abstrakt. Zu dieser Abstraktheit sind wir im Laufe des Erdendaseins gekommen. Wir müssen aber wieder zu dem kommen, was uns das Geistige im Dasein ergreifen läßt. Und dieses ergreift dann den ganzen Menschen. Es ist dies der umgekehrte Vorgang, als er beim alten Menschen vor sich ging, aber durch diesen umgekehrten Vorgang können wir wieder zur Erforschung des ganzen Menschen kommen. Auf diese Weise kommen wir dann auch wieder zu einer Kultur, die den ganzen Menschen erfüllt.
[ 29 ] Es gibt nun Menschen, die heute hören, was von der Geisteswissenschaft aus dargestellt werden kann, und die dann sagen: Da gibt es solche sonderbaren Menschen, die verkünden heute eine geisteswissenschaftliche Wahrheit und meinen, die wäre für die Menschheit not Pr} wendig. Wir wollen gar nicht bezweifeln, daß es richtig sein kann, daß es diese Welten alle gibt, wovon die Geisteswissenschafter reden; aber, was gehen sie uns an? Wir können doch ruhig warten, bis wir zum Tode kommen, dann werden wir schon sehen, was es damit auf sich hat. Warum sollen wir uns hier anstrengen, zu begreifen, wie es in der geistigen Welt ist? — Aber so ist die Sache denn doch nicht. Es ist nämlich so: wenn man einsehen will, was die geistige Erkenntnis — eben die, die durch den gesunden Menschenverstand nach den Mitteilungen des Geistesforschers an den Menschen herankommen kann bedeutet, so lernt man es am besten erkennen, wenn einem aus der Geistesforschung erklärt wird, wie die erste Stufe einer übersinnlichen Erkenntnis, die imaginative Erkenntnis erworben wird. Dafür will ich ein paar Züge anführen.
[ 30 ] So wie der Mensch gewöhnlich lebt, hat er ja nur ein Gegenwartsbewußtsein. Er hat dieses Bewußtsein durch seinen physischen Leib. Der ist im Raume. Der Raum stellt die Gegenwart dar mit seinen drei Dimensionen. Der Mensch hat daher immer nur ein Gegenwartsbewußtsein. Und wenn er eine Erinnerung hat, so hat er eine Erinnerung von der Gegenwart; er lebt sich nicht hinein in das, was er etwa vor zehn Jahren erlebt hat, sondern nur in das Bild dessen, was er damals erlebte. Das ist daher genügend schattenhaft und abstrakt. Wenn man diejenigen Übungen ernsthaft macht, die ich in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» behufs Erlangung der imaginativen Erkenntnis beschrieben habe, so kommt man dazu, nicht bloß in der Gegenwart zu leben, sondern allmählich das Schattenhafte der Erinnerung zu überwinden und auch in seinen früheren Erlebnissen zu leben; so daß man im Jahre 1922 seine Erlebnisse etwa aus dem Jahre 19Äther noch so mitzuleben vermag, wie man sie 19Äther erlebt hat. Und wer sich insbesondere anstrengt mit einem Leben in Gedanken das ist nicht ein Leben in Abstraktheiten, sondern in einem vollen Konkreten, durch das man in die Lage kommt, zu erfassen, wie das Leben in Gedanken Schicksalswendungen und alles mögliche bringt, tiefe Sympathie und Antipathie, wie sonst nur das derbe materielle Erdenieben —, der gelangt eben auch dazu, seinen Zeitleib zu erleben, wie er seinen Raumleib überhaupt durch das gewöhnliche Bewußtsein erlebt. Wenn ich mich zum Beispiel in die große Zehe schneide, tut mir diese wehe, und ich habe im Kopfe nicht nur eine Erinnerung dieses Wehtuns, weil der Kopf von der großen Zehe weit entfernt ist, sondern ich habe ein unmittelbar erlebtes Schmerzempfinden. Gewiß, der Kopf ist räumlich mit der großen Zehe verbunden, die Zeit erlebt man so nicht. Wenn man als dreißigjähriger Mensch an das zurückdenkt, was man als siebzehnjähriger erlebte, von dem man sich jetzt zeitlich entfernt hat, so ist das abgeblaßt. Wie gewaltig war, wenn Sie vor dreizehn Jahren einen lieben Menschen verloren haben, das Schmerzerlebnis damals gegenüber der heutigen Erinnerung. Aber wer durch die Übungen, wie sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben sind, diese imaginative Erkenntnis erlangt hat, so daß er versteht, in Gedanken zu leben, namentlich in reinen, sinnlichkeitsfreien Gedanken zu leben, wie ich es in der «Philosophie der Freiheit» geschildert habe, der lebt dann, wie er hier im Raumleib in jedem Teile lebt, so dort in jedem Teile seines Zeitenleibes gleichzeitig und in jeder Stärke. Man sieht, wenn man sich als fünfzig- oder sechzigjähriger Mensch zurückversetzt oder auch als ein achtzigjähriger, nicht nur fünf Jahre zurück — denn es dehnt sich das gegenwärtige Dasein über den ganzen Lebenslauf aus —: Man ist in jedem einzelnen Punkte unmittelbar gegenwärtig. Allerdings erkauft man diese Gegenwärtigkeit mit der Flüchtigkeit. Wenn Sie imstande sind, in noch so lebendiger Weise ein Erlebnis zu haben mit etwas, was in Ihr achtzehntes Jahr fällt: es entschwindet Ihnen zwar nicht so schnell wie ein "Traum, aber Sie können es nicht halten, Sie müssen es vergessen. Und als Geistesforscher könnte man zum Beispiel, wenn es nicht andere Hilfen gäbe, in eine sehr üble Lage kommen. Man könnte die Beziehungen herstellen, durch die man etwas in der ätherischen Welt sehen kann, aber man vergißt es sogleich. Daher muß man auch zu allerlei Hilfen greifen — Einzelheiten darüber habe ich in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» angeführt —, damit dasjenige nicht gleich wieder entschwindet, was man sich auf diese Weise als ein geistig-ätherisches Anschauen erwirbt. Es verschwindet mit großer Sicherheit nach ein paar Tagen, und was der Mensch als seinen Ätherleib noch an sich trägt nach dem Tode, das verschwindet ebenso schnell.
[ 31 ] Man lernt nämlich das ganze Wesen des Ätherischen aus diesem Erleben heraus kennen, wie ich es jetzt beschrieben habe. Die Dinge, die man über das Leben nach dem Tode erzählt, sind nicht konstruiert, sondern aus einer lebendigen Erkenntnis heraus gewonnen. Aber wenn man nun solche Hilfen anwenden will, genügt nie eine bloße Kopftätigkeit. Ich scheue mich nicht, da von eigenen Erfahrungen zu reden, die ich machte, als ich bemerkte, wie flüchtig solche Erlebnisse im ätherischen Kosmos sind. Wenn man noch so viel schaut, so nimmt man, um seine Erlebnisse nach einer Woche anderen Menschen zu erzählen, dann seine Zuflucht zu anderem. Aber diese Hilfen nimmt man nicht aus den Kopfmitteln. So war ein Mittel sehr günstig, das darin bestand, das Erlebte, wenn es noch dastand, aufzuschreiben, so daß die Tätigkeit nicht durch den Kopf gegangen ist, sondern durch die schreibende Hand. Es handelt sich in diesem Falle nicht um ein mediales Schreiben, auch nicht um den Zweck, dieSache aufgeschrieben zu haben. Das Aufschreiben — auch das Nachschreiben von Vorträgen — ist einem ohnedies, wenn man auf geistigem Gebiete steht, etwas außerordentlich Unsympathisches. Aber man hat dadurch eine Hilfe, dasjenige, was sonst flüchtig wird, zu fixieren, indem man den ganzen Organismus daran teilnehmen läßt, wie sonst, wenn man eine Zeichnung oder eine Malerei ausführt. Es bleibt dann im eigenen Organismus, man braucht es sich gar nicht wieder nachher anzueignen. Es handelt sich nur darum, die Sachen zu fixieren. Aber dazu kann man nicht Kopfhilfen brauchen. Wenn Sie Geistesforscher sind, können Sie es durch keine Kopfhilfen fixieren; Sie müssen es fixieren durch etwas, was Ihren ganzen Menschen in Anspruch nimmt. Ein solches Mittel wäre es, wenn Sie das Erlebte aufschreiben. Nehmen Sie aber keine Rücksicht darauf, daß Sie eine intellektuelle Tätigkeit hineinverarbeiten, sondern was in Frage kommt, ist nur der Duktus des Schreibens; oder Sie machen sich gar eine symbolische Zeichnung, malen ab oder dergleichen.
[ 32 ] Daraus sehen Sie, wie innig mit dem ganzen Menschen das zusammenhängt, was dasein muß, damit man in die gewöhnlichen Vorstellungen herüberführen kann, was man in der geistigen Welt schaut. Wenn man es aber herüberführt, dann kann man es anderen Menschen mitteilen, die nicht selber geistig schauen können und die es dann mit ihrem gewöhnlichen, gesunden Menschenverstand durch dieselben Vorstellungen auffassen, in denen man es ihnen überliefert. Sie haben dann dieselben Vorstellungen über das, was ihnen der Hellseher darstellt. Zum Auffinden der geisteswissenschaftlichen Wahrheiten braucht man die hellseherische Kunst; um mit diesen Wahrheiten zu leben, braucht man diese hellseherische Kunst nicht, sondern nur das gesunde Verständnis für das Dargestellte.
[ 33 ] Aus dem hier Dargestellten sehen Sie aber noch etwas anderes. Was der Mensch geistig ist in seinem Ätherleibe, das lebt nicht im Raume, das lebt in der Zeit. Sehen Sie nun den physischen Organismus an, zum Beispiel das Auge: damit sehen Sie die sichtbaren Dinge. Wenn Sie das Auge ausreißen, sehen Sie die sichtbaren Dinge nicht mehr. Wenn Sie auf den geistigen Menschen hinschauen, so ist er gewissermaßen der ganze Strom, der von Leben zu Leben durchgeht, der einmal im Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt lebt, dann im physischen Erdenleben, dann wieder im Leben zwischen Tod und neuer Geburt und so weiter. Das ist eine Einheit. Die Menschen der alten Zeit bekamen in das Erdenleben ihr instinktives Hellsehen mit, das heißt einen Zusammenhang mit der geistigen Welt durch die Naturkräfte selbst, und das bildete sich bei ihnen so um, daß sie das auch wieder mitnehmen konnten durch den Tod; aber es durfte nicht das Wissen vom Geistigen aufhören. Beim neueren Menschen darf es auch nicht verschwinden. Der Mensch muß sich hier auf der Erde dieses Wissen vom Geistigen aneignen, denn er ist auf der Erde ein fortlaufender Strom. Wenn Sie ein Erdenleben hinter sich haben, das ganz und gar nichts vom Geistigen gewußt hat, so ist das für das geistige Leben gerade so, wie wenn Sie dem physischen Organismus das Auge ausreißen würden. Denn, was Sie sich hier auf der Erde als Wissen vom geistigen Leben erwerben, das gehört Ihnen an, das ist Ihr Auge, mit dem Sie später zwischen Tod und neuer Geburt «sehen». Und bleiben Sie hier auf der Erde «finster» in bezug auf das Wissen des geistigen Lebens, dann haben Sie nach dem Tode kein Auge; dann gehen Sie im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt wie durch ein finsteres Tal. Denn dieses Auge müssen Sie haben durch das, was Sie hier sich erworben haben. Sie reißen das Auge des Geistes aus, indem Sie das Wissen von der geistigen Welt ausschließen.
[ 34 ] Das ist eine Erkenntnis, mit der sich die Menschheit durchdringen muß. Jetzt, wo das alte instinktive Schauen des Geistigen vollständig herabgedämmert ist, muß sich die Menschheit klar werden, daß auf einem Wege, wie er durch die anthroposophische Bewegung angestrebt wird, Organe für das geistige Leben wieder erworben werden müssen. Es handelt sich also nicht darum, daß man sagen könnte: Wir wollen bis nach dem Tode warten, brauchen uns jetzt noch nicht für ein Begreifen der geistigen Welten anzustrengen, denn nach dem Tode werden wir schon sehen, wie es in den geistigen Welten ist. Gewiß, wir werden es nach dem Tode sehen. Aber wie in einem finsteren Kerker wird es für die Seele sein, wenn wir uns hier, im Leben zwischen Geburt und Tod, nicht das Auge für das Leben in den geistigen Welten erworben haben. Daher können Sie sehen, wie unmöglich es ist, wenn der Mensch es geradezu als ein Dogma aufstellt, er brauche sich hier im Erdenleben um das übersinnliche Dasein nicht zu kümmern. Denn wir leben vielmehr in einer Zeit, wo im wahren Sinne des Wortes derjenige seine übersinnliche Pflicht gegenüber dem Weltenrund auch erfüllt, der sich sagt: Hier, im Leben zwischen Geburt und Tod, mußt du dir das Auge erwerben, damit es für dich in der geistigen Welt nach dem Tode nicht finster ist, und damit du das Licht, das dann um dich ist, auch erleben kannst.
[ 35 ] Als ich vor einiger Zeit hier in diesem Kreise sprechen konnte, habe ich von einem gewissen Gesichtspunkte aus den Menschen in seinen Beziehungen zur geistigen Welt dargestellt und damit geschlossen, daß ich sagte: Man sehe aus alledem, wie man im gegenwärtigen Zeitalter an dem Punkt angekommen ist, wo ein Kern von Menschen sich bilden muß, der die Notwendigkeit einer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis einsieht. — Aus dem, was ich heute wieder gesagt habe, kann man erst recht diese Notwendigkeit einsehen. Wir leben heute in einem Zeitalter, wo die geistige Welt sich uns während des Erdenlebens zeigen will. Wir dürfen ihr die Tore und die Fenster, durch die sie hereinkommen kann, nicht verschließen. Wir müssen das Licht der geistigen Welt hereinkommen lassen, müssen es hereinkommen lassen um des Erdenlebens willen, müssen es hereinkommen lassen um des Lebens willen, das wir durchleben zwischen Tod und neuer Geburt. Der Mensch muß die Stimmen hören, die auf geistige Art zu dem Menschen aus der geistigen Welt sprechen, und er muß sich sagen: Es ist an der Zeit, daß der Mensch wahrnehme das Licht des Geistes, daß er höre die Stimme des Geistes. — Und haben wir uns bekanntgemacht mit dem, was man in dieser Weise von einer geisteswissenschaftlichen Erkenntnis aus als die Notwendigkeiten der Zeit einsehen kann, dann herrscht in einem solchen Arbeitsraume die richtige Gesinnung, wenn man sich betrachtet als verpflichtet, die Menschheit dahin zu führen, daß sie erkennt: jetzt ist es an der Zeit, das Licht des Geistes zu schauen, die Stimme des Geistes zu hören und zu verstehen.
[ 36 ] In diesen Gedanken, namentlich in diesem Gefühle und in erster Linie in dieser Gesinnung wollen wir zusammensein und zusammenhalten in den Zeiten, wo wir wieder räumlich getrennt sind. Das ist es, was ich Ihnen als einen Gruß sagen möchte, ein Gruß, dahingehend: Lassen wir das, was wir miteinander sprechen können, wenn uns das Schicksal zusammenführt, den Anlaß sein, daß es als Gedanke unter uns waltet, als eine Zusammengehörigkeit, die im Geistigen da ist, wenn wir auch nicht räumlich zusammensein können! Trotzdem schließt sich daran der Wunsch, daß es mir bald möglich sein möchte, in Ihrer Mitte einiges zur Fortsetzung des heute Dargestellten sprechen zu dürfen.
