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Geistige Zusammenhänge
in der Gestaltung des menschlichen Organismus
GA 218

22 Oktober 1922, Dornach

4. Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus II

[ 1 ] Ich möchte heute einmal zeigen, wie dasjenige, was am Menschen zu begreifen ist, als Grundlage dienen kann, um auch größere geschichtliche Zusammenhänge ins Auge zu fassen, damit wir dann vielleicht morgen dazu übergehen können, etwas nach dieser Richtung hin gerade aus der Gegenwart zu begreifen. Ich habe ja schon vorgestern über den Menschen selber in seiner Konstitution gesprochen. Ich möchte das heute von einem anderen Gesichtspunkte aus tun.

[ 2 ] Betrachten wir den Menschen einfach so, wie er im Leben Tag für Tag drinnensteht, und zwar zunächst heute einmal von der alleralltäglichsten Seite. Der Mensch muß sich, um sich zu erhalten, ernähren. Er muß dasjenige, was wir gewöhnlich Stoffe der Natur nennen, aus dem tierischen, pflanzlichen und zum Teil auch aus dem mineralischen Reich in seinen eigenen Organismus herein aufnehmen. Aber dasjenige, was der Mensch aus der äußeren Umgebung aufnimmt, das unterliegt im menschlichen Organismus einer ganz gewaltigen Umänderung. Zunächst, wenn wir Nahrungsmittel aufnehmen auf dem gewöhnlichen Wege, so bekommen wir sie, höchstens vorbereitet durch die Kochzubereitung, in unseren Organismus herein so, wie sie zunächst draußen in der umgebenden Natur, vielleicht eben etwas zugerichtet, sind. Wir bekommen außerdem durch unsere Atmung die Luft auch wiederum in demjenigen Zustand in uns herein, wie sie eben in unserer Umgebung vorhanden ist. Sehen wir jetzt zunächst ab von anderem, was im Grunde genommen noch wichtiger ist, zum Beispiel das Licht, das wir auch aus der Umgebung so hereinbekommen, wie es zunächst als Licht ist; aber auch die Nahrungsmittel und die Luft müssen in unserem Organismus einer gewaltigen Umänderung unterzogen werden, damit sie diesen unseren Organismus erfüllen können, damit sie gewissermaßen in unserem Organismus menschlich werden.

[ 3 ] Außerlich beschrieben, ist der Vorgang heute ein ganz bekannter. Wir nehmen die Nahrungsmittel auf, wenn wir zunächst bei diesen stehenbleiben, wie gesagt, vielleicht schon etwas zubereitet. Wir verarbeiten sie zunächst, namentlich durch die Absonderung der Drüsen, des übrigen Verdauungsapparates, wir nehmen sie herein, bespülen sie, durchtränken sie mit einem Stoff, den man Ptyalin nennt, der abgesondert wird von den Mundspeicheldrüsen. Wir bringen dann die Speisen weiter in unseren Verdauungsapparat hinein. Den Weg, der da gemacht wird, habe ich hier nicht zu charakterisieren. Aber den ganzen Vorgang muß ich Ihnen charakterisieren. Dadurch, daß wir die Nahrungsmittel in uns aufnehmen, in uns verarbeiten, werden sie schon etwas verändert gegenüber dem, was sie draußen in der Umgebung sind. Dasjenige, was die Nahrungsmittel in uns werden, das könnten sie niemals durch äußere Vorgänge werden. Wir können in dem chemischen Laboratorium die Stoffe, die unsere Nahrungsmittel darstellen, in der verschiedensten Weise bearbeiten. Das geht dort nicht vor, was mit den Nahrungsmitteln vorgeht, wenn wir sie bis in unseren Magen und von da in unseren Verdauungsapparat bringen. Da werden die Nahrungsmittel in der Tat zu etwas ganz anderem, als sie zunächst äußerlich sind.

[ 4 ] Erstens tritt dasjenige ein für sie, daß sozusagen jede Spur des äußeren Lebens aus ihnen herausgetilgt wird. Die Menschen genießen Fleisch. Das ist entnommen der äußeren Umgebung, dem Tierreiche. Aber indem die Menschen es genießen, treiben sie erst gerade durch die Vorverdauung, möchte ich sagen, und die weitere Verdauung dann alles dasjenige heraus, was diese Nahrungsmittel in den 'Tierkörpern darstellen. Auch noch alles das, was die pflanzlichen Nahrungsmittel dadurch, daß sie einem lebendigen Wesen in der Pflanze angehörten, in sich an Leben haben, muß erst ausgetrieben werden. Nur die eigentlich mineralischen Bestandteile nehmen wir als äußere stoffliche Substanzen auf. Wenn wir unseren Speisen Salz zusetzen, das also schon äußerlich mineralischer Natur ist, wenn wir Zucker zusetzen, der auch schon durch die äußere Zubereitung, wenn er auch vielleicht dem organischen Reiche entstammt, dennoch so weit getrieben ist, daß er bereits tot gemacht worden ist, so haben wir da etwas schon Totes aufgenommen. Das erfährt die wenigste Umgestaltung in uns; das erfährt wirklich bloß eine Umgestaltung, die man schon auch äußerlich laboratoriumsmäßig vollziehen könnte. Aber alles, was aus dem Tier- und Pflanzenreiche in unseren Organismus hineinkommt, das muß zunächst gründlich, wenn ich mich so ausdrücken will, getötet werden.

[ 5 ] Wir machen auch in unserem Kochen sozusagen eine Art Vortötung, indem wir die Speisen der Wärme unterwerfen und so weiter. Das wird gründlich von unserer Verdauung besorgt, so daß, wenn unsere Nahrungsmittel eine gewisse innere Entwickelung durchgemacht haben bis zum Darm, wenn sie herangekommen sind in diese unteren Verdauungsorgane, in ihnen wesentlich alles dasjenige ausgetrieben ist, was sie äußerlich dadurch sind, daß zum Beispiel die tierischen Nahrungsmittel unterworfen sind dem astralischen Leib und dem Ätherleib des Tieres, daß die pflanzlichen Nahrungsmittel unterworfen sind dem ätherischen Leib bei den Pflanzen und so weiter. Also es muß zunächst auf dem Wege vom Mund bis in den Darm das besorgt werden, daß alle Nahrungsmittel tot sind.

[ 6 ] Denn indem jetzt die Nahrungsmittel herankommen an diejenigen drüsigen Organe, welche dann überleiten die Nahrungsmittel von dem Darm in die Lymphgefäße und in die Blutgefäße, da muß auf diesem Wege zurück eine Belebung der Nahrungsmittel stattfinden. Die Nahrungsmittel müssen zunächst tot werden in uns und müssen dann wiederum belebt werden. Wir könnten nicht in unserem menschlichen Organismus eine Fortsetzung desjenigen Lebens vertragen, das im Tiere, dem wir die Nahrungsmittel entnehmen, vorhanden ist, oder das in der Pflanze vorhanden ist. Wir können höchstens die unorganische Natur so aufnehmen, daß sie uns unsere eigenen Gesetze darbietet. Wir könnten nicht, sagen wir, Kohl essen, könnten ihn nicht bei der Verdauung an unsere Darmzotten so herankommen lassen, daß da drinnen noch dieselben ätherischen Kräfte vorhanden wären, die der Kohl hat, indem er einer Pflanze angehört. Das Ätherische, das Astralische, das die Nahrungsmittel haben, das muß erst weggemacht sein. Und dann muß von unserem eigenen Ätherleib aufgenommen und wieder belebt werden können dasjenige, was wir also aufnehmen. Das Leben der Nahrungsmittel in uns muß von uns kommen. Und das geschieht auf dem Wege von der Darmorganisation durch die Gefäße zum Herzen hin. So daß wir also sagen können: indem die Nahrungsmittel in das Blut gelangen, das Blut das Herz durchsetzt, wird von unserem Atherleib dasjenige aufgenommen, was an erst ertöteten Nahrungsmitteln in uns hineinversetzt wird. So daß Sie sich also vorstellen können: Wenn die Nahrungsmittel vom Mund in den Darm dann gelangen, gehen allmählich die letzten Spuren der Außenwelt verloren, aber hier (siehe Zeichnung, rot) werden sie neu belebt bis zum Herzen hin. Das Neubeleben bedeutet eben, daß sie von unserem eigenen Ätherleib aufgenommen werden. Sie würden nun aber zu wenig den Charakter des Irdischen haben, wenn bloß das geschehen wäre, was ich Ihnen bis jetzt beschrieben habe. Wir würden nämlich Wesen sein müssen, die bis zum Herzen hin bloß Mund- und Verdauungsapparat haben und dann müßten wir anfangen, Engel zu sein, denn es würde unser Ätherleib die Nahrungsmittel aufnehmen und ganz auflösen. Wir würden nicht irdisch sein können. Wir müßten dann so herumfliegende Münder mit anhängenden Schlünden sein, und Magen und Darm und Herz noch haben, und dann, nicht wahr, würde das alles von unserem Ätherleib aufgenommen werden. Aber sonst müßten wir dann Atherleib sein, und in dem Ätherleib würden dann die Nahrungsmittel sich verflüchtigen. Wir würden nicht Erdenmensch sein können. Daß wir es sein können, das wird dadurch bewirkt, daß nun der Sauerstoff der Luft aufgenommen wird. Es wird also in das, was durchdrungen ist an Nahrungsmitteln vom Ätherleib, der Sauerstoff der Luft hereingenommen, und dadurch bleibt weiter für uns die Möglichkeit, daß wir irdische, fleischliche Menschen sind hier auf Erden zwischen Geburt und Tod (siehe Zeichnung, hell). Also der Sauerstoff macht wiederum dasjenige, was sich sonst in unserem ätherischen Leib verflüchtigen würde, zu dem Irdisch-Lebendigen. Der Sauerstoff ist derjenige Stoff, der etwas, das sich sonst nur als ein Atherisches bilden würde, ins Irdische hereinversetzt. Jetzt sind wir bis zu der Verbindung von Herz und Lunge gekommen. Das Herz würde uns noch nicht zum irdischen Menschen machen, sondern es würde uns nur so weit bringen, daß wir nun an das Herz unseren Atherleib anschließen würden und als solche Engel auf der Erde herumfliegen würden, die also vielleicht manchem wenig schön vorkommende Ingredienzien hätten, wie Mund, Schlund, Gedärme und Gefäße bis zum Herzen hin. Aber dadurch, daß das Herz mit der Lunge in Verbindung ist, den Sauerstoff aufnimmt, wird die Nahrungsaufnahme nicht nur ätherisiert, sondern auch verirdischt.

[ 7 ] Jetzt kommt die Notwendigkeit, daß dasjenige, was nun von unserem Ätherleib aufgenommen ist, vom Sauerstoff durchtränkt ist, so daß wir irdische Menschen sein können, dem astralischen Leib eingefügt werden muß. Das ist jetzt noch nicht vom astralischen Leib aufgenommen, das ist erst vom Ätherleib aufgenommen. Es muß jetzt die Tätigkeit entwickelt werden, daß alles das, was sich da bis zur HerzLungentätigkeit herausgebildet hat, von dem ganzen Organismus aufgenommen wird, aber so, daß auch der astralische Organismus dabei etwas zu tun hat. Diese Tätigkeit vermittelt das Nierensystem des Menschen, das nun dasjenige absondert, was unbrauchbar ist von den Stoffen, die aufgenommen werden, aber das übrige in den ganzen Organismus auf Wegen leitet, die die heutige Physiologie gar nicht eigentlich beschreibt, die aber vorhanden sind.

[ 8 ] Und da wird nun, wenn ich mich so ausdrücken darf, der ganze Brei, der aber jetzt schon lebendig bleibt — er ist nur im Darmkanal ganz ertötet worden, ist dann belebt und von Sauerstoff durchtränkt worden —, durch die Tätigkeit des Nierensystems, das sich über den ganzen Organismus erstreckt und überall hinstrahlt, in den astralischen Leib hineinbefördert, so daß dieser jetzt mitarbeiten kann an der weiteren Gestaltung dessen, was durch die Nahrungsmittel in uns bewirkt wird (siehe Zeichnung, gelb).

[ 9 ] Dieser astralische Organismus, insofern er vom Nierensystem aus seine Anstöße erfährt, steht jetzt wiederum in Verbindung mit dem Kopf-Sinnessystem, das gewissermaßen wie eine Decke darüber ist. Und Nieren- und Kopfsystem zusammen, die wirken nun fortwährend so, daß dasjenige, was eigentlich durch die Herztätigkeit flüssig, verschwimmend ist, nun zu den besonderen Organen geformt wird. Wir würden, wenn bloß Mund, Magen, Därme, Herz und Lunge da wären, gar nicht feste Organe haben, sondern der Magen selber müßte ein verschwimmendes, ein in sich bewegliches Organ sein, ebenso die Lunge, ebenso das Herz. Das könnte alles nicht fest sein. Gestaltet werden diese Organe von den Nieren aus, und den Nieren kommt zu Hilfe dasjenige, was vom Kopfe ausgeht.

[ 10 ] Die Organe müssen nämlich nicht nur während der Kindheit gestaltet werden, sondern fortwährend; denn unsere Organe werden fortwährend zerstört. Im Laufe von sieben bis acht Jahren wird solch ein Organ, wie der Magen zum Beispiel, vollständig vernichtet. Seine Substanz kommt ganz weg und wird immer wieder erneuert. Da müssen immer formgebende Kräfte vorhanden sein, die diese Organe erneuern. In der Kindheit muß noch viel mehr daran gearbeitet werden. Später sind aber diese formgebenden Kräfte auch noch da.

[ 11 ] Das geht so vor sich (siehe Zeichnung Seite 74): Das Nierensystem, das auf der einen Seite diese Kräfte ausstrahlt, würde nur einseitig die Organe zustande bringen. Es würde zum Beispiel einen Lungenflügel so gestalten — von der Seite angesehen —, daß er rückwärts ganz nett begrenzt wäre, aber nach vorne würde er verschwimmen, er würde da herausschwimmen. Nun muß ihm die Kraft vom Kopfe entgegenkommen, so daß die vordere Fläche vom Kopfe aus gebildet wird, so daß immer die einzelnen Formen des Menschen so geformt werden, daß gewissermaßen die Niere die Kräfte ausstrahlt, und vom Kopf dann die Kräfte kommen, welche so eindämmen, daß die Organe Konturen bekommen, gerundet werden. Vom Kopfe aus werden die Flächen äußerlich gebildet. Die Niere aber liefert so eine Art Strahlung in den Organismus hinein. Es ist ungefähr so, sagen wir, wie wenn ich irgend etwas plastisch bilden wollte. Ich nehme in die eine Hand Mörtel oder irgendeine weiche Substanz, und nun lerne ich mir an, mit der einen Hand den Mörtel hinaufzuwerfen (siehe Zeichnung, gelb, rot) und mit der anderen Hand abzuglätten. Das eine, das Hinaufwerfen, seien die Nieren, das könnte ich so machen, daß ich irgendeinen Bottich habe, wo ich die Substanz nehme (siehe Zeichnung); das schleudere ich herauf, oben glätte ich ab und bekomme auf diese Weise diese Organe, die eigentlich ausstrahlen und abgeformt sind. So werden die Organe im Zusammenhang von Nierensystem und Kopfsystem gebildet, und da drinnen wirken die Kräfte des astralischen Leibes. Das ist also etwas, was unter einer außerordentlich starken Veränderung des Stickstoffes vor sich geht. Der Stickstoff ist da schon nicht mehr das, was er äußerlich ist, denn der Stickstoff, der also noch die Ähnlichkeit behält mit dem äußeren Stickstoff, geht dann durch die Harnsäure und den Harnstoff weg. Aber dasjenige, was da ausstrahlt von der Niere und verarbeitet wird, das ist eigentlich ein innerlich bis in die wirksamen Kräfte des astralischen Leibes hinein veränderter Stickstoff. Das ist etwas ganz anderes als der äußere Stickstoff.

[ 12 ] Da haben Sie dasjenige, was der Mensch als Nahrungsmittel empfängt, getrieben bis zu dem Punkt, wo es in die Astralität, in den Astralleib des menschlichen Organismus aufgenommen wird. Diese Vorgänge, wie ich sie Ihnen jetzt geschildert habe, etwas verändert, finden auch im Tiere statt. Das Tier hat auch diese, ja sogar bei den höheren Tieren noch weitergehende Vorgänge. Bei den niederen Tieren aber finden höchstens noch Andeutungen desjenigen statt, was jetzt kommt. Die höheren Tiere haben es aber, weil sie von dem Menschengeschlecht abgezweigt sind; sie haben es noch, aber es ist bei ihnen deformiert und degeneriert.

[ 13 ] Nun, in all das, was da gebildet wird, strahlt nun noch etwas anderes hinein. Wir haben also zunächst dieses Treiben der Nahrungsmittel bis zur Ertötung. Da kommen wir ungefähr so weit, daß wir die Bauchspeicheldrüse als eine der letzten Drüsen haben, welche die Dinge soweit bringt, daß sie dann, indem sie der Lymphe entgegentreiben, belebt und in den Ätherleib aufgenommen werden können; dann durch die Kommunikation vom Herzen zu den Nieren hin wird das ganze in den astralischen Leib hineingetrieben. Nun muß aber auch noch das Ich engagiert werden. Alles, was in unserem Organismus ist, muß vom Ich in Anspruch genommen werden.

[ 14 ] Nun habe ich Ihnen gezeigt, wie das, was sich mit uns vereinigt, von dem ätherischen und astralischen Organismus in Anspruch genommen wird, wie es vom Nierensystem aufgenommen und ins Astralische hineingestrahlt, wie es da mit Hilfe des Stickstoffes zum Irdischen gemacht wird. Wir würden sonst wiederum Engel werden müssen, wenn nicht der Stickstoff in uns wirken würde, der uns wiederum vom Nierensystem aus den astralischen Leib innerhalb des Irdischen erhält. Aber das ganze würde uns nicht so gestalten, daß auch das Ich an dem Ganzen teilnimmt, wenn nun nicht das Lebersystem da wäre (siehe Zeichnung Seite 71, blau). Das Lebersystem treibt das ganze in das Ich hinein. Sie sehen, es ist die Fortsetzung der Herzwirkung, denn selbst bis in die Därme hinein geht die Herzwirkung.

[ 15 ] Das Aufsaugen durch die Lymphgefäße, das ist noch etwas, was zum Herzen gehört. Das Herz ist in der Regel dasjenige Organ, das mit der Lunge zusammen die äußeren Substanzen in unser eigenes Atherisches hineintreibt. Von da aus ist es dann das Nierensystem, das es in unser Astralisches hineintreibt. Und das Lebersystem mit seiner Gallenabsonderung treibt das ganze erst in unser eigentliches Ich hinein. Das Gallen- und Lebersystem findet sich auch nur im höheren Tierreiche; bei niederen Tieren nicht, nicht einmal Gallensäure wird da in den körperlichen Substanzen gefunden. Das Lebersystem also mit seiner eigentümlichen Konstruktion der Pfortader und so weiter — man kann das auch anatomisch in jedem Stück belegen —, führt nun das ganze so, daß es ergriffen wird von dem Ich. Wenn alles das, was durch die Niere im Körper ausgestrahlt wird, allein vorhanden wäre, so würde es bloß vom Astralleib aufgenommen sein. Dadurch, daß die Leber vorhanden ist, von der Leber die Galle abgesondert wird und dem Speisebrei schon in dem Darm beigemischt ist, und so das ganze schon durchsetzt ist von Lebererzeugnissen (siehe Zeichnung Seite 71, blau), dadurch wird es dann in den Ich-Organismus hineingetrieben. So also auch beteiligt sich unser Ich-Organismus durch die Leber, die im wesentlichen den Wasserstoff zu ihrem physischen Repräsentanten hat, an dem ganzen Aufbau der menschlichen Organisation. Der Mensch hat eigentlich von außen nichts Lebendiges, nichts Astralisches aufzunehmen; was er von außen aufnimmt, das hat er erst in seinem eigenen Organsystem alles so umzubilden, daß es in sein eigenes Astralisches und in sein eigenes Ätherisches und in sein Ich-System aufgenommen werden kann.

[ 16 ] Da haben wir die ganze, ich möchte sagen, normale Organisation des Menschen. Denken Sie, wie das alles zusammenstimmen muß. Es darf zum Beispiel die Nierentätigkeit nicht unterbrochen sein; wenn die Nierentätigkeit unterbrochen ist durch eine Stau- oder eine Schrumpfniere, dann wird der astralische Leib nicht in Anspruch genommen. In Wirklichkeit ist es sogar umgekehrt: wenn der astralische Leib nicht in Ordnung ist, dann entsteht die Stau- oder die Schrumpfniere. So daß wir in der Beschaffenheit der Niere, wenn also eine Stau- oder Schrumpfniere vorhanden ist, ein deutliches Abbild von dem haben, was eigentlich im astralischen Leib des Menschen vor sich geht, ebenso wie wir bei einem degenerierten Herzen ganz genau ein Abbild haben von dem, was im ätherischen Leib des Menschen vor sich geht. Ich habe Ihnen das letzte Mal gesagt, daß da sogar ein Zusammenstimmen des Rhythmus ist. In demjenigen, was von der Niere heraufstrahlt (siehe Zeichnung Seite 71, gelb) sind immer vier Stöße vorhanden, während in dem, was von oben, vom Kopf, abrundend geschieht, nur ein Stoß vorhanden ist. Da ist dasselbe Verhältnis, wie es in dem Verhältnis von Atemzug zu Puls sich ausdrückt. Ich müßte also, wenn ich diesen Vergleich noch einmal gebrauchen darf, hier mit der Hand viermal langsamer runden. So macht es nämlich der Organismus (siehe Zeichnung Seite 74, unten).

[ 17 ] Das muß nun alles in der feinsten Weise stimmen, sonst geht das nicht. Krank sein heißt, daß das eben nicht stimmt. Nehmen Sie also zum Beispiel an: der ätherische Leib ist ganz in der Ordnung; der astralische Leib aber, der ist nicht mächtig genug, um alles das, was vom Herzen zu den Nieren herüberströmt, aufzunehmen und in der richtigen Weise zu bearbeiten. Das kann nun auf die Weise geschehen, daß der ätherische Leib zu stark arbeitet. Ich sagte, er sei in Ordnung, aber nehmen wir jetzt an: er arbeitet zu stark. Wenn der ätherische Leib zu stark arbeitet und der astralische Leib normal ist, so kann die Stauniere entstehen mit ihren eigentümlichen Folgen. Ist der ätherische Leib richtig und der astralische arbeitet zu stark, so wird die Niere zu wenig in Anspruch genommen. Dasjenige, was herüberstrahlt, wird, weil der astralische Leib zu stark arbeitet, von ihm in Anspruch genommen, ohne daß die Niere in der richtigen Regulierung in ordentlicher Weise mitarbeitet. Dadurch wird die Niere ausgeschaltet, und es entsteht die Schrumpfniere, die zu gleicher Zeit, weil sie zurückwirkt, zu einer Entartung der Herzfunktion und des Herzens selber führt.

[ 18 ] Sie sehen, daß man auf diese Weise zusammenschauen kann dasjenige, was im menschlichen Organismus vor sich geht, und daß man an der Entartung der Organe sehen kann, wie die Glieder der menschlichen Wesenheit, physischer Leib, ätherischer Leib, astralischer Leib und Ich eben nicht in der richtigen Weise zusammenwirken.

[ 19 ] Man muß sich nur klar sein darüber, daß alle diese Dinge aufeinander abgestimmt sein und in der richtigen Weise zusammenwirken müssen. Nehmen Sie zum Beispiel an, es wird irgendein Organsystem in falscher Weise von irgendeinem Gliede des menschlichen Organismus, vom astralischen Leibe etwa, nicht richtig durchsetzt, dann kann das in zweifacher Weise geschehen. Entweder es wird dasjenige, was vom Nierensystem ausgeht — also vom Kopf aus geschieht die Abrundung, vom Nierensystem die Ausstrahlung —, zu stark angeregt, so daß also eigentlich alles das, was vom Herzen gegen das Nierensystem hin arbeitet, eine zu starke Anregung für das Nierensystem ist. In dieser zu starken Anregung haben Sie eigentlich zu suchen die letzten Urgründe für alle Entzündungen, für alles das, was Entzündungen und Geschwürhaftes im menschlichen Organismus ist. Man muß nur dann den Weg suchen, wie irgendwo im Organismus so eine Entzündung entsteht, und man muß dann versuchen, durch das Heilmittel die Sache so auszugleichen, daß man diese zu starke Wirkung auf die Nierentätigkeit einschränkt.

[ 20 ] Das einfachste Mittel, wodurch man das erreicht, ist, daß man versucht, die zu starke Entwickelung von strahlender innerer Körperwärme, die ja immer im Gefolge ist, in irgendeiner Weise dadurch einzudämmen, daß man etwa durch Zufuhr gerade derjenigen Stoffe, die sich in den Blütenorganen der Pflanzen entwickeln, eine innerliche Abkühlung herbeiführt. Das ist das Eigentümliche derjenigen Stoffe, die sich gerade in den Blütenorganen der Pflanzen entwickeln, daß man mit ihnen Entzündungen entgegenarbeiten kann dadurch, daß man eine innere Abkühlung herbeiführt. Oder aber es kann auch so sein, daß die plastische Kopftätigkeit, die der Nierentätigkeit entgegenwirkt, zu stark wirkt. Dann entstehen geschwulstartige Bildungen. Bei denen ist eben die plastische, die abrundende Tätigkeit, ich möchte sagen, die kristallisierende Tätigkeit zu groß. Da muß man dann dadurch, daß man von außen Wärme herankriegt — aber man muß sie in der richtigen Weise heranbringen —, gewissermaßen äußerlich die Geschwulst durch Wärme umhüllen, so daß sie von außen allmählich geheilt wird (siehe Zeichnung, gelb, rot). Alle Geschwülste werden eigentlich von außen geheilt, man muß nur im Organismus, sagen wir, durch Injektion von Stoffen, die sich in einer gewissen Weise ausbreiten, die Möglichkeit herbeirufen, durch einen bestimmten Stoff es auf irgendeinem Weg bis zu einem Umstrahlen der Geschwulst zu bringen (rot). So daß allmählich, wenn Sie es dahin bringen, daß von außen eingestrahlt wird und umstrahlt wird die Geschwulst, sie zur Auflösung gebracht wird; dann zerbröckelt sie, hört auf. Wenn Sie eine Entzündung haben, müssen Sie dagegen durch den Verdauungsapparat das Mittel in das Organ hereinbringen, wo die Entzündung sitzt, von dem Verdauungsapparat aus ein Abkühlendes bringen. Eine Entzündung muß von innen aus behandelt werden (siehe Zeichnung rechts).

[ 21 ] Man muß da nur die Wege finden. Jede Substanz hat eine spezifische Ausbreitung im menschlichen Organismus. Es gibt zum Beispiel Substanzen, die, indem sie durch den Mund dem Menschen zugeführt werden, sich nicht kümmern um die Speiseröhre; es ist ihnen ganz gleich, das ganze Pepsin, Ptyalin und so weiter, sie kümmern sich zum Beispiel bloß um das Herz. Anderen ist auch wieder das Herz gleich; die werden erst durch Magen, durch Herz zu den Nieren geführt, werden erst da regsam. So hat jede Substanz ihre innere Affinität. Man muß nur die richtigen Substanzen anwenden. So gibt es aber auch solche Substanzen, die, wenn Sie sie einimpfen, sich um ein Magenkarzinom gar nicht kümmern würden. Sie haben gar keine Affinität dazu, kümmern sich aber sehr wohl, sagen wir, um ein Brustkarzinom.

[ 22 ] Man muß also den Weg finden, wie man ein Geschwür oder eine Entzündung innerlich angreift, oder wie man etwas von außen nimmt, belagert gewissermaßen. Die Geschwülste muß man belagern von außen. So müssen die Dinge im Organismus studiert werden und müssen eben durchaus zusammenstimmen. Dazu muß man natürlich diese höheren Glieder der Menschennatur kennen. Es ist unmöglich, überhaupt über die Niere zu reden, wenn man den Menschen einfach auf den Seziertisch legt und aufschneidet, nachdem er gestorben ist. Dann liegt die Niere neben der Leber meinetwillen; aber was weiß man über die Niere und Leber anders, als daß beide aus Zellen bestehen, in verschiedener Weise aus Zellen aufgebaut sind. Denn die Niere hat eine innige Beziehung zum astralischen Leib, und die Leber zum Ich. Das gibt ihnen erst den Charakter. Ohne das ist die ganze Sache überhaupt sinnlos, zu definieren oder zu betrachten.

[ 23 ] Wenn Sie nun ein solches Organ wie die Milz nehmen, da weiß die gewöhnliche Physiologie und Medizin nicht viel darüber zu sagen. Sie finden in allen entsprechenden Lehrbüchern überall die Anmerkung: Über die Milz weiß man heute noch nichts zu sagen. — Sie werden das überall finden, lesen Sie es nur nach. Das ist auch gar nicht zu verwundern. Sehen Sie, der Sprachgenius ist da eigentlich weiser als dasjenige, was Wissenschaft auf diesem Gebiete ist. In diesem Falle in anderen Fällen ist ja gerade der deutsche Sprachgenius ein außerordentlich weiser — ist es sogar der englische Sprachgenius, der die Milz als «Spleen» bezeichnet. Und das ist eine außerordentlich günstige Bezeichnung, denn die Milz hängt zusammen mit all denjenigen Betätigungen des Menschen, die über das Ich hinausgehen, die schon an das Geistselbst herankommen, und die Milz ist sogar geradezu das Organ des Geistselbstes. Das geht schon ganz ins Geistige hinein. Nur ist das so, daß man das vertragen muß. Die meisten Menschen können das wirklich Geistige nicht vertragen, und sie werden daher durch die Milztätigkeit nicht etwa angeregt zur Betätigung im Geistigen, zum Spirituellen, sondern sie werden «spleenig». Sie werden gerade heruntergestimmt. Der «Spleen» ist ja nichts anderes als ein Geist, der, statt daß er in den Kopf geht, in die Gedärme sich verschlingt. Es ist also «Spleen» eine außerordentlich gute Bezeichnung, die gerade auf das Geistige hinweist, für das die Milz das entsprechende Organ ist.

[ 24 ] Daher wirkt die Milz auch in der Weise ausgleichend, wie das dargestellt ist in der Broschüre, die von unserem Stuttgarter Physiologischen Institut ausgearbeitet worden ist, namentlich von Frau Dr. Kolisko, wo die Milztätigkeit im Zusammenhange mit der Plättchenentstehung und der ganzen Verdauungstätigkeit dargestellt wird. Da ist nun wirklich einmal eine wissenschaftlich-systematische Darstellung der Milztätigkeit im ersten Anhub unternommen. Würde irgendwo in einem anderen Forschungsinstitute eine solche Arbeit gemacht werden, so würde man das sehr bald als etwas außerordentlich Epochemachendes ansehen. Aber nun ist es eben so, daß, wenn in unserem Kreise, in dem Schoße unserer Gesellschaft etwas entsteht, es nicht in die Welt hinausdringt. Man redet nicht davon. Es ist ja nicht notwendig, daß man, um es zu rühmen, redet, sondern weil es wohltätig wirken könnte im Zusammenhange der ganzen Zeitführung. Aber der Anfang dazu, daß man über die Sache nicht redet, wird ja schon in unserer Anthroposophischen Gesellschaft gemacht, Ich möchte abstimmen darüber, wie viele unserer Mitglieder Gelegenheit gehabt haben, daß die ganze Bedeutung der Sache wirklich zu ihnen gedrungen ist! Es ist dann nicht weiter zu verwundern, daß, wenn die Anthroposophische Gesellschaft schon anfängt, sich um dasjenige, was bei uns geschieht, nicht zu kümmern, das natürlich auch nach außen hin wirkt. Wir arbeiten ja in der Tat nicht bioß mit Ausschluß der Öffentlichkeit, sondern in den wichtigsten Dingen auch mit Ausschluß des Interesses der Anthroposophischen Gesellschaft! Aber das ist dasjenige, was ich — heute wenigstens — nur in Parenthese sagen will. Wichtig aber ist, daß wir tatsächlich nur den menschlichen Organismus verstehen können, wenn wir seine höhere Gliederung verstehen.

[ 25 ] Sie sehen, wie fein diese Dinge zusammenstimmen müssen. Es ist sogleich irgend etwas im Organismus nicht in Ordnung, wenn im geringsten in den astralischen Organismus etwas hineinwirkt, was nicht richtig vor sich geht, denn in dem Augenblicke arbeiten die Nieren nicht in Ordnung, und dann treten alle die Folgeerscheinungen einer nicht ordentlichen Nierentätigkeit auf.

[ 26 ] Aber das ist nicht so für den Menschen im allgemeinen, sondern das ändert sich von Zeitalter zu Zeitalter. Der Mensch ist eine ungemein feine Organisation; aber diese ist nicht immer gleich. Wenn wir nur ein paar Jahrhunderte zurückgehen — nicht wahr, für die Gesamtentwickelung sind ein paar Jahrhunderte nicht viel —, da kommen wir zum Beispiel in die Zeit, in welcher das jetzige Zeitalter, die eigentliche Epoche der Bewußtseinsentwickelung begonnen hat. Wir kommen hinter das 15., 14., 13, Jahrhundert zurück in der nachchristlichen Zeit. Da ist es in der Tat so gewesen, daß gerade in der zivilisierten Welt — so grotesk das heute auch für die Menschen erscheint —, ungefähr durch die ganze Zeit vom 4. Jahrhundert bis ins 14. Jahrhundert, die Nierentätigkeit das Wichtigste war; und seither ist es die Lebertätigkeit geworden für die Gesamtmenschennatur.

[ 27 ] Ich möchte sagen: die Anatomie und Physiologie des Menschen ändert sich eben im Laufe der Jahrhunderte, und namentlich der Jahrtausende, und man kann Geschichte nicht studieren, wenn man nicht auf die feine Struktur des Menschen eingeht und weiß, wie solche Umwandlungen der äußeren Zivilisationserscheinungen, wie die vom Mittelalter in die neue Zeit, auch verknüpft sind mit einer Umwandlung der ganzen Menschheitsorganisation.

[ 28 ] Zu solchen Dingen muß man wieder kommen, sonst bleibt immer auf der einen Seite die Wissenschaft stehen, die immer irreligiöser und antireligiöser wird, weil sie schließlich nur herumtappst mit dem Seziermesser und mit der Sonde und so weiter, und auf der anderen Seite das religiöse Leben, das gar nichts mehr über die Welt zu sagen hat, sondern sich nur noch an die egoistischen Instinkte des Menschen für das Leben nach dem Tode richtet. Die Dinge stehen nebeneinander da. Unsere heutige Religiosität hat ja ganz vergessen, daß Gott die Welt geschaffen hat. Sie spricht noch vom Göttlichen, aber sie hat vergessen, daß Gott die Welt geschaffen hat, und daß man in den Dingen der Welt die Spuren des göttlichen Schaffens überall finden kann. Man muß nicht nur reden von abstrakten wolkenkuckucksheimartigen Verwandlungen der Zivilisation in der Geschichte, sondern man muß wissen, wie gerade durch die zarte Menschenorganisation hindurch, durch dieses Abstimmen des unendlich feinen Uhrwerkes der menschlichen Organisation, die göttlichen Schöpferkräfte den Menschen umwandeln, wie dadurch, daß sie einmal, ich möchte sagen, die Saite der Nierentätigkeit etwas stärker anziehen, dann nachlassen, und dann die Saite der Lebertätigkeit anziehen, eine ganz andere Zivilisationsmusik herauskommt.

[ 29 ] Nur wenn wir uns nicht darauf beschränken, einen abgesonderten Gott zu betrachten, sondern den Gott verfolgen bis in seine einzelne Tätigkeit hinein, haben wir dasjenige, was die Menschheit der Zukunft braucht; sonst wird sie endlich das Abstrakte ganz pflegen und zu der rein materialistischen Wissenschaft kommen. Einzig und allein wenn wir durchdringen können bis in die konkreten Einzelheiten der Stoffwirksamkeiten im göttlichen Schaffen, kommen wir dazu, Religion mit Wissenschaft zu durchdringen und Wissenschaft wiederum zur Religion zurückzuführen.

[ 30 ] Und sehen Sie, es tritt so um die Wende des 12., 13., 14. Jahrhunderts in Europa eine Anschauung auf, die ich von den verschiedensten Seiten her schon charakterisiert habe, und die sich ausspricht in der Gralssage, in der Parzival-Sage, in alldem, was solche Dichter gedichtet haben wie Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und so weiter. Da tauchen die Motive auf. In der Parzival-Dichtung, in der echten Parzival-Dichtung, da taucht besonders ein Motiv auf, das besteht darin, daß man plötzlich einmal darstellen will, wie der Mensch sich hinentwickeln soll zu demjenigen, was man dazumal «saelde» nannte. Das ist das Gefühl eines gewissen inneren Glücksempfindens, saelde, verwandt mit unserem Seligkeit, aber nicht dasselbe, saelde ist Durchzogensein mit einem gewissen inneren Glücksgefühl. Das taucht auf und beherrscht eigentlich die ganze Zivilisation des 13. und 14. Jahrhunderts. Alle poetischen Motive, auch alle prosaischen Motive, aber insbesondere das Parzival-Motiv, die werden durchdrungen von dem, und es strebt alles dahin. Man strebt nach dieser saelde, nach diesem innerlichen Glücksgefühl, das aber nicht irreligiös, nicht etwa ein innerliches Glücksbehagen sein soll, sondern ein Durchseeltsein mit den göttlichen Schöpferkräften.

[ 31 ] Warum kommt das herauf? Das kommt herauf, weil dieser Übergang stattfindet von Nierentätigkeit zur Lebertätigkeit. Sie können das begreifen, wenn Sie zur Physiologie Ihre Zuflucht nehmen. Die früheren Physiologen waren, in einer gewissen Beziehung natürlich, bessere Physiologen als die materialistischen Physiologen der Gegenwart; das waren nämlich die Schreiber des Alten Testamentes, wo man zum Beispiel sagte, wenn man schlechte Träume gehabt hat — ich habe darauf schon aufmerksam gemacht —: Der Herr hat mich durch meine Nieren in dieser Nacht gestraft. — Dieses Wissen von gewissen Zusammenhängen einer unnormalen Nierentätigkeit mit den schlechten Träumen, das setzte sich dann fort, und davon war man zum Beispiel im 8., 9., 10. Jahrhundert noch tief durchdrungen, daß man schwer wird durch die Nierentätigkeit. Die Nierentätigkeit war allmählich den Menschen zu etwas Schwerem geworden. Natürlich redet man im Äußeren nur von etwas, was einem schwer geworden war. Man kam nicht so recht hinaus. Man klebte an dem Irdischen. Und da empfand man dieses Durchsetzen mit Galle von der physischen Seite her, das aber verbunden war mit einer Durch-saeld-ung, als eine Erlösung, eine innerliche Erlösung — ein innerliches, aber gotterfülltes Glücksgefühl, ein Hinwegstreben von dem Dumpfen der Niere. Die Niere entwickelt ja auch eine Denktätigkeit; die Niere entwickelt die dumpfe Denktätigkeit im Menschen auf dem Umwege durch das Gangliensystem, was dann durch Induktion verbunden ist mit dem Rückenmarkssystem und mit dem Gehirnsystem, sie entwickelt namentlich dasjenige Denken, das gerade auch im Mittelalter eine große Rolle gespielt hat. Man nannte es dazumal «tumpheit». Und diese Entwickelung von der tumpheit bis zur Erhellung, saelde, das war ja etwas, was zum Parzival-Motiv wurde. Der Parzival entwickelt sich von der tumpheit bis zur saelde.

[ 32 ] Man darf das nicht bloß in der abstrakten Weise betrachten, sondern man muß das auch anschauen mit etwas Gefühl und Empfindung. Anfangs ist der Parzival so, wie er hervorgeht aus seiner schwer gewordenen Kultur. Man kriegt ihn nicht recht in Bewegung. Erst später kommt die saelde in ihn, nachdem er durch den Zweifel hindurchgegangen ist. Der Zweifel ist in ihm, das Durchrütteltwerden mit dem Herz-Lungensystem. Nachdem er da hindurchgegangen ist, findet er den Einzug in die saelde.

[ 33 ] Und es gibt eine solche Möglichkeit, bis in die Glieder des menschlichen Organismus hinein zu verfolgen, was an Stimmungen in der großen Weltgeschichte vorgeht. Man kann sagen: Bei den tonangebenden Menschen, bei denjenigen, die solch ein Parzival-Motiv ausgestaltet haben, bei denen ist es so, daß sie die Pioniere, die ersten Vorläufer waren dieser neuzeitlichen Menschheitsorganisation, die übergegangen ist von der alten Nierentätigkeit zu der neueren Lebertätigkeit.

[ 34 ] Man muß so etwas nicht verachten. Man muß nicht sagen: Das ist das niedere Sinnliche. — Gott hat es auch nicht verachtet, die niedere Materie zu schaffen, sondern er hat sie eben geschaffen. Ebenso obliegt es der Erkenntnis, bis in die äußersten Ausläufer des Materiellen hinein die göttliche Schöpfertätigkeit zu verfolgen, und nicht nur ein vornehmer Historiker zu sein, der den Parzival schildert und der sagt: Wenn man den Parzival schildert, darf man nicht zugleich etwas so Niedriges wie die physiologische Tätigkeit des Menschen ins Auge fassen.

[ 35 ] Die Welt ist eines, und man muß, um die großen geschichtlichen Zusammenhänge zu verstehen, zu gleicher Zeit wirklich hineinleuchten können von da aus in die einzelnen menschlichen Zusammenhänge. Davon haben ältere Zeiten noch durchaus, auch im Mittelalter, Spuren von Erkenntnissen gehabt. Sie können das in Beschreibungen hinein verfolgen, wie in die des «Armen Heinrich», wo wir sehen, wie noch moralische Heilungen stattfinden und so weiter.

[ 36 ] Diese Dinge, die sollten Sie zunächst einmal heute vorläufig hinweisen darauf, daß alles menschliche Erkennen eine große Einheit darstellt, daß man von dem, was mit den höchsten religiösen Ideen erfaßt werden muß, heruntersteigen kann bis zu dem, was die Menschen oftmals für so Niedriges halten, daß sie es nicht betrachten wollen. Schuld daran ist eben die Gestalt, welche die Wissenschaft der Gegenwart angenommen hat, die gar nicht weiß, daß man eben den Geist bis in die äußersten Verzweigungen der Materie hinein verfolgen muß; aber dann erst lernt man allmählich die Welt verstehen. Dann erst lernt man auch sich emporringen zu einer wirklich religiösen Auffassung der Welt; während sie sonst eben vielfach nur eine egoistische ist, eine Auffassung, die auf die egoistischen Motive des Menschen spekuliert, die aber nicht in die Erkenntnis hineingeht, wodurch wir durchaus in einen Verfall, nicht in einen Aufschwung der Zivilisation kommen.

[ 37 ] Der Aufschwung der Zivilisation ist denn doch damit verknüpft, daß die Leute das Licht in sich hineinbekommen und die Welt im Lichte betrachten und nicht in der Dunkelheit. Die heutige Physiologie und Anatomie, die die Menschen bloß auf den Seziertisch legt, bloß die Symptome betrachtet, die sich auch noch mit materialistischer Wissenschaft am kranken Menschen beobachten lassen, die kommt eben nicht dahin, wirklich innerlich den Menschen zu verstehen.

[ 38 ] Man kann sagen: aufgenommen die Nahrungsstoffe, getötet, belebt, astralisiert, in das Ich umgewandelt, dann erst versteht man Ptyalin, Pepsin in der aufgenommenen, ertöteten Nahrung. Übergeführt in die Lymphdrüsen, zum Herzen übergeführt, vom Herzen befeuert, von den Nieren durchstrahlt, alles astralisch gemacht, von der Leberfunktion aufgenommen und in das Ich übergeführt. Dann kann das ganze von der Milztätigkeit aufgefangen werden, und dann wird der Mensch durch die Milztätigkeit unter Umständen zu einem Enthusiasten gemacht, zu einem, der Kraft empfängt aus der geistigen Welt, oder aber auch er wird durch die Milztätigkeit zum spleenigen, kopfhängerischen Menschen gemacht, der nur auf seinem Stuhl sitzen will, der sich am liebsten nicht vom Geiste durchdringen lassen will, nicht denken will. Solche Menschen gibt es heute zahlreiche. Sie bringen einen zur Verzweiflung, weil sie auf ihren Stühlen sitzen, nur eine schwere Masse eigentlich, wie wenn sie gar keinen Kopf hätten. Die Milztätigkeit, die etwas Hohes sein könnte im Menschen, wirkt eigentlich zerdrückend auf diese Menschen. Statt Enthusiasmus haben sie Spleen, und der tritt schon in den verschiedensten Formen heute auf.

[ 39 ] Aber man braucht heute jene Arbeit, welche möglichst viel Spleen in Enthusiasmus, in Feuer umwandelt, so daß die Menschen eben nicht nur eine schläfrige, sondern eine wache Zivilisation haben. Das ist dasjenige, was eigentlich von Anthroposophie ausgehen soll, wach sein, Enthusiasmus haben, die Erkenntnis in wirkliche Tätigkeit, in Tat überführen, so daß der Mensch nicht nur etwas weiß, sondern etwas wird durch Anthroposophie. Dann erst hat die Anthroposopbie ein Ziel und kann ein solches Ziel auch wirklich erreichen. Aber durch Anthroposophie schläfrig werden, heißt eben, der physischen Qualität der Milz viel zu viel Respekt zuerkennen und die hohen geistigen Eigenschaften der Milz nicht fruktifizieren. Das aber weist hin auf etwas, was die gegenwärtige Menschheit gar sehr braucht. Feuer braucht sie, Enthusiasmus braucht sie, begeistert sein können für irgend etwas. Solange wir das nicht können, so lange werden wir immer nur an uns selbst denken, und das bedeutet, zu großen Wert legen auch auf dasjenige, was in uns abgesondert wird als Harnsäure, Harnstoffe, die eigentlich dazu bestimmt sind, nicht in einen Kreis — Zelle, Eiweiß —, sondern in jenes fluktuierende Eiweiß übergeführt zu werden, das wir eigentlich ganz sind. Wir sind im Grunde genommen ein in lebhafter Bewegung fortwährend begriffenes lebendiges, aber großes Zellenhaftes; denn wir haben den Kohlenstoff in uns, wir bekommen den Sauerstoff, indem die Nahrungsmittel ätherisiert werden, wir bekommen den Stickstoff, indem die Nahrungsmittel durchstrahlt werden von der Nierentätigkeit, wir bekommen den Wasserstoff, indem die Leberfunktion hineinspielt im Zusammenhange mit der Sinnestätigkeit, wir bekommen auf diesem Wege schon auch den Schwefel, entweder den unangemessenen, der heute zumeist geredet wird, oder den ordentlichen Schwefel. Aber wir bekommen schon dasjenige, was notwendig ist, damit wir ein lebendiges Wesen sind, das aus Eiweiß, Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff besteht, und auch aus Schwefel, aber wie gesagt, es muß eben ordentlicher Schwefel sein. Heute ist noch zuviel von der anderen Sorte vorhanden, von der Sorte, wie es die Studenten meinten von jenem Philosophieprofessor in Würzburg. Der war so langweilig geworden, daß er zuletzt noch zwei Studenten hatte; da konnte er sein Kollegium nur noch zu dreien lesen, aber man ist dann selbst der dritte. Und endlich war keiner mehr da. Und dann hat er an seiner Türe geschrieben gefunden «Schwefelbude». Die Sorte meine ich nicht; die ist heute zu sehr verbreitet. Aber was der Mensch sein muß, das ist ein durch und durch Lebendiges, durch und durch Durchseeltes, Durchgeistigtes. Und das kann man schon auch lernen, gerade wenn man es bis in die äußersten Verzweigungen des Stofflichen betrachtet. Dann werden wir erst eine Physiologie bekommen, dann werden wir auch erst etwas bekommen, was auch therapeutisch an die Menschennatur wirklich heran kann.