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Geistige Zusammenhänge
in der Gestaltung des menschlichen Organismus
GA 218

23 Oktober 1922, Dornach

5. Geistige Zusammenhänge in der Gestaltung des menschlichen Organismus III

[ 1 ] Sie werden schon aus allerlei früheren Betrachtungen ersehen haben, daß ich nicht die Phrase gerne gebrauche: Wir leben in einer Übergangszeit —, denn jede Zeit ist eine Übergangszeit, nämlich vom Früheren zum Späteren, und es handelt sich immer nur darum: inwiefern ist irgendeine Zeit eine Übergangszeit, was geht über?

[ 2 ] Nun, in unserer Zeit ist tatsächlich für denjenigen, der hineinschauen kann in die geistige Welt, ein sehr wichtiger Übergang vorhanden, und auf diesen wichtigen Übergang hat ja die Weisheit ältester Zeiten immer hingewiesen. In den Epochen, in denen von einer geistigen Welt in Wahrheit noch die Rede war, wenn auch nur aus alten traumhaften Erkenntnissen heraus, ist immer gesagt worden, nach Ablauf einer gewissen Zeit werde das sogenannte finstere Zeitalter zu Ende gehen und ein lichtes Zeitalter beginnen. Nun, wenn man die Worte der alten Weisen prüft und ernst nimmt, so kommt man ja wirklich darauf, daß sie gemeint haben, um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert, in der wir eben jetzt leben, sei dieser Übergang von dem finsteren in das lichte Zeitalter. Wir brauchen uns aber nicht etwa darauf einzulassen, durch Anthroposophie die alte traumhafte Weisheit zu erneuern. Ich habe oftmals gesagt, daß das durchaus nicht der Fall ist, sondern daß es sich bei Anthroposophie um dasjenige handelt, was man gegenwärtig durch geistige Forschung erkennen kann. Anthroposophie soll also nicht die Erneuerung irgendwelcher alter Weisheit sein, sondern eine gegenwärtige Erkenntnis. Aber in dieser Sache, bezüglich des Obergange: aus dem finsteren Zeitalter in das lichte Zeitalter, muß die gegenwärtige Erkenntnis eben der alten Weisheit durchaus zustimmen.

[ 3 ] So wenig man auch, wenn man gerade die Ereignisse der Gegenwart ins Auge faßt, vom Äußerlichen her sagen kann, wir treten als Menschheit, namentlich als zivilisierte Menschheit Europas etwa aus schlimmeren in bessere Zustände ein, so wahr ist auf der anderen Seite aber dennoch dasjenige, was schon die alte Weisheit gemeint hat mit dem Übertritt in das lichte Zeitalter, und was wir heute wieder meinen müssen. Wir müssen die Dinge nur in der richtigen Weise verstehen. Ich möchte zunächst an einem Beispiele klarmachen, wie der Unterschied eines in diesem Sinne gemeinten lichten Zeitalters und eines finsteren Zeitalters ist.

[ 4 ] Die Menschen, die einstmals, etwa im 5. vorchristlichen Jahrtausend, von einem solchen finsteren und lichten Zeitalter gesprochen haben, die haben dieses finstere Zeitalter als die Folge von einem früheren lichten Zeitalter angesehen und haben die Meinung ausgesprochen, daß, nachdem das finstere Zeitalter eine Weile gedauert haben werde, wiederum ein lichtes Zeitalter kommen werde. Es wird also lehrreich sein, zurückzublicken, wodurch sich in wesentlichen menschlichen Angelegenheiten das lichte Zeitalter, das einmal vorhanden war, das etwa da war im 7. oder 8. vorchristlichen Jahrtausend, wodurch sich dieses lichte Zeitalter von dem späteren finsteren Zeitalter, aus dem wir Menschen nun heraustreten sollen, unterschieden hat.

[ 5 ] Ich möchte das, wie gesagt, an einem Beispiel klarmachen, an dem Beispiel des Heilens. Das Beispiel des Heilens ist sehr gut anwendbar dabei, denn man kann daran sehr vieles sehen. In jenem alten hellen oder lichten Zeitalter heilte man nämlich nicht dadurch, daß man hinblickte auf den physischen Menschenleib. Daran hat man gar nicht gedacht. Man hat überhaupt in jenem alten lichten Zeitalter nicht in dem Sinne von Krankheit gesprochen, wie man heute noch von Krankheit spricht, wie man aber aufhören wird in der Zukunft zu sprechen. Man hat in jenen alten Zeiten natürlich auch die Erscheinung gehabt, daß ein Mensch nach dieser oder jener Richtung einen Verfall seiner Organe erlebte, daß er nach dieser oder jener Richtung eben nicht gesund war, aber man hat nicht von Krankheit gesprochen, sondern man hat geradezu gesagt: Es gibt einen Tod, und der bemächtigt sich des Menschen. — Und man sah eine Art von Kampf zwischen Leben und Tod in dem Falle, wo wir heute sagen, der Mensch ist krank. Also in jenen älteren Zeiten sprach man nicht von Krankheit und Gesundheit, sondern man sprach davon, wenn ein Mensch in unserem Sinn krank geworden war: in dem kämpft der Tod. Und das Gesundmachen sah man als ein Bekämpfen, ein Austreiben des Todes an. Man sprach also eigentlich von Leben und Tod. Und Krankheit war nur ein spezieller Fall des Todes, möchte ich sagen, ein kleines Sterben; Gesundheit war das Leben.

[ 6 ] Warum sprach man so? Man sprach aus dem Grunde so, weil man dazumal ganz vom ätherischen Leib des Menschen aus heilte. Man kümmerte sich sozusagen damals nicht um den physischen Leib des Menschen, sondern man heilte ganz und gar vom ätherischen Leib des Menschen aus.

[ 7 ] Wie machte man das? Nun, sagen wir, der Mensch wäre dazumal von so etwas befallen worden, was wir heute eine Lungenentzündung, Pneumonie nennen. Die Krankheitsform der Lungenentzündung hatte einen etwas anderen Typus dazumal, aber man kann immerhin von dieser Krankheitsform sprechen. Da sagte man sich dazumal: Dieser Mensch ist zu stark abhängig geworden von der Erdengegend, in der er lebt. — Es war ja das in den Zeiten, wo Menschenwanderungen, wo das Verlassen der Orte seltener waren als heute. Die Menschen blieben zumeist, wenigstens die Mehrzahl der Menschen, ihr ganzes Leben an dem Orte, wo sie waren. Dennoch, man sagte in einem solchen Falle: Der Mensch ist zu stark abhängig geworden von dem Erdenflecke, auf dem er geboren ist. — Man wußte in jenen älteren Zeiten ganz genau: der Mensch hatte schon ein vorirdisches Dasein, er hat sozusagen durch die Überschau, durch sein Schicksal sich im vorirdischen Dasein seinen Erdenort selber bestimmt. So also sagte man sich: Wenn ein Mensch etwa vor dem vierzigsten Jahre oder noch früher von einer Lungenentzündung, von Pneumonie befallen wird, dann hat er sich seinen Erdenort eben nicht ganz richtig gewählt. Er paßt nicht recht zu seinem irdischen Aufenthalte. — Kurz, man leitete die Krankheit ab von dem Verhältnis seiner menschlichen Organisation zum Erdenflecke, auf dem der Mensch war.

[ 8 ] Wenn ich das aufzeichnen will, so wäre also das so (siehe Zeichnung Seite 91), wenn man sich so die Erde vorstellte, so sagte man sich, wenn da der Mensch lebt, so ist er zu stark abhängig von diesem Erdenfleck, und man muß den Menschen dadurch heilen, daß man ihn innerlich befreit von der äußerlichen Abhängigkeit von diesem Erdenfleck. Das kann man dadurch, daß man ihn in Beziehung bringt zu dem umliegenden Kosmos, zu der äußeren Himmelswelt. Man sagte: Der Himmel ist dasjenige, was des Menschen Heimat war, bevor er hier auf der Erde war. Er paßt nicht recht auf die Erde herein. Man muß ihn heißen dadurch, daß man ihn in die richtige Beziehung zum Kosmos bringt. — Und das tat man dann etwa in der Weise, daß man sagte: Man muß also den Menschen, weil zuviel Erdenwirkungen in ihm sind, weil gewissermaßen zuviel Schwerkraft und das, was mit der Schwerkraft zusammenhängt, in ihm ist, man muß ihn erleichtern; man muß die überirdischen Kräfte in ihn hineinbringen. — Man sagte sich: Überirdische Kräfte wirken in diesen oder jenen Pflanzenblüten. Also man bearbeitete diese oder jene Pflanzenblüten, indem man ihren Saft gewann. Man sagte sich; Diese Pflanze, die blüht zu einer gewissen Jahreszeit; sie blüht durch die Einflüsse des Kosmos zu dieser Jahreszeit. — Man erforschte nun, inwiefern der Mensch gerade durch diese Jahreszeit beeinflußt wird. Zu diesem Zwecke wurden ja in älteren Zeiten die Abhängigkeiten des Menschen von den Himmelserscheinungen in einer horoskopartigen Weise gesucht. Und man gab dann als Arzneien dem Menschen dasjenige, was seinen Ätherleib in eine allgemeine Schwingung brachte. Man sagte sich so: Wenn das der Mensch ist (siehe Zeichnung $. 93, rot), dann ist das sein Ätherleib (hell), und er ist an Pneumonie erkrankt aus dem Grunde, weil sein Ätherleib in der Gegend der Lunge zu stark der Erde zuneigt (blau), und weil die Erdenkräfte auf ihn zu großen Einfluß haben. Jetzt bringt man ihm eben Säfte von Pflanzenblüten bei, welche in ihn hineinwirken und welche diese Kräfte überwinden (gelb). Man führte ihm also Kräfte zu, die ihn in Zusammenhang brachten mit dem Kosmos. Dadurch strebte man an, den ganzen Ätherleib in richtige Schwingungen zu versetzen, damit die unrichtigen einzelnen Schwingungen ausgeglichen werden. Also man fragte sich immer: Was muß man mit dem Ätherleib tun?

[ 9 ] Nun, warum konnte man denn überhaupt in dieser Weise vorgehen? Man konnte das aus dem Grunde, weil man eine deutliche Vorstellung vom menschlichen Ätherleib hatte. In jenen älteren Zeiten sah man nicht bloß den physischen Menschenleib, sondern man sah den physischen Menschenleib leuchten, man sah den Ätherleib. Der Mensch war ein Lichtwesen, und wie man heute am Inkarnat beurteilt, wenn zum Beispiel einer blaß ist, daß er krank ist, so beurteilte man seinen Gesundheitszustand an dem Ätherleib, an der Färbung, wenn er zum Beispiel rot oder blau oder grün wurde. Worauf gründete man also seine Menschenkenntnis in der damaligen Zeit? Auf das Licht, auf dasjenige, was im Menschen Licht war. Es ist ganz wörtlich zu nehmen: es war das lichte Zeitalter, es war das Zeitalter, in dem man das, was im Menschen als Licht lebte, wirklich sah.

[ 10 ] Wenn Sie vom heutigen Gesichtspunkte aus den Menschen nach Gesundheit und Krankheit betrachten, so werden Sie ja finden, daß auch heute gesagt werden muß: das Licht hat einen ungeheuer starken Einfluß auf die menschliche Gesundheit. Der Mensch muß darnach trachten, daß er die richtigen Quantitäten von Licht in seinen Organismus hereinbekommt. Wir wissen ja, wie Kinder, die im zarten Alter an Lichtmangel leiden, der Rachitis verfallen oder anderen Krankheiten, die eben durchaus mit dem Lichtmangel zusammenhängen — natürlich auch mit anderen Dingen, niemals ist eine Krankheit nur aus einer Ursache abzuleiten —, aber solche Dinge, wie Rachitis zum Beispiel, hängen durchaus mit Lichtmangel zusammen. Man kann durchaus konstatieren, wie sehr, sagen wir, die Kinder der Rachitis ausgesetzt sind, die in der Stadt in Wohnungen sind, wo wenig Licht hineinkommt, und wie wenig Kinder zu Rachitis neigen — im Durchschnitt natürlich —, die in gehöriger Weise dem Licht exponiert werden können. Also auch heute können wir durchaus sagen, daß der Mensch Licht in sich aufnimmt.

[ 11 ] Aber das Licht, das heute der Mensch in sich aufnimmt, das ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, mineralisches Licht. Der Mensch nimmt dasjenige Licht auf, was auf die Erde, auf die Mineralien gestrahlt und zu ihm zurückgestrahlt wird, oder was er direkt von der Sonne bekommt. Es ist mineralisches Licht. Auch das Licht, das auf die Wiesen, das auf den Baum fällt, wird in mineralischer Weise zu uns geleitet. Es ist totes Licht, das wir heute einsaugen durch unsere Haut, durch unseren ganzen Menschen. In jenem alten lichten Zeitalter, das dem finsteren Zeitalter vorangegangen ist, da waren sich die Menschen bewußt, daß dieses tote Licht eigentlich für sie keine Bedeutung hatte.

[ 12 ] Solche Dinge weiß der heutige Geschichtsforscher, auch der Kulturhistoriker, gar nicht. Das Licht, das wir heute so sehr schätzen, das war für jene alten Menschen gar nicht etwas so Schätzenswertes. Ungefähr so unterschieden sie zwischen dem Lichte, das sie schätzten, und diesem heute von uns geschätzten Lichte, wie, sagen wir, wenn wir uns zu Tisch setzen und Teller und Löffel und Gabel haben, auf dem Teller irgendeinen Kuchen oder irgend etwas anderes Eßbares. Da essen wir den Kuchen; wir schätzen auch natürlich Messer und Gabel, aber wir essen sie nicht, sie sind dabei. So war für die Alten bei dem, was sie als Licht schätzten, das dabei, was wir heute vorzugsweise als Licht schätzen. Aber das, was sie als Licht schätzten, das kommt vom Pflanzenreich. Das nehmen wir heute gar nicht mehr in der Weise auf, wie es in alten lichten Zeiten aufgenommen worden ist. Wir erfreuen uns heute, wenn wir in die Sonne gehen können. Der alte Mensch erfreute sich, wenn er über eine Wiese, durch einen Wald ging, weil er in sich, durch seine Haut hereinsaugte das Licht, das zunächst der Wald aufgesogen hatte, das belebt war im Walde, belebt war auf der Wiese. Und das andere, das tote Licht, das war die Zutat. Für uns ist die Zutat die Hauptsache geworden. Der alte Mensch lebte in dem Lichte, das ihm die Blumen, das ihm die Bäume des Waldes gaben. Für ihn war das ein Quell innerlichen Durchlebtwerdens mit Licht, mit innerlichem lebendigem Licht, und nicht mit totem Licht. Wir haben gar keine Vorstellung davon mit unserer abstrakten Freude am Walde, mit unserer abstrakten Freude an den Blumen, mit alldem, was im Grunde genommen, ich möchte sagen, im kosmischen Sinne philiströs ist. Es mag noch immer sehr schön sein, aber es ist philiströs im Gegensatz zu dem, was an innerlichem seelischem Jauchzen vorhanden war bei den alten Menschen im Angesichte des Waldes, der Wiese, im Angesichte überhaupt dessen, was da draußen lebte. Der alte Mensch fühlte sich verbunden mit seinen Bäumen, mit dem, was gerade die für ihn geeignete Pflanze war. Der alte Mensch fühlte Sympathie und Antipathie in der lebendigsten Weise mit dieser oder jener Pflanze. Wir gehen zum Beispiel über solche Wiesen, wie sie um das Goetheanum herum im Herbste sind. Wir urteilen philiströs, die Herbstzeitlose, das Colchicum autumnale sei vielleicht schön. Der alte Mensch ging an diesen Pflanzen so vorbei, daß er traurig wurde, daß seine Haut sogar sich etwas trocknete, während er an dem Colchicum autumnale vorbeiging. Er empfand sogar etwas von Schlaffwerden der Haare. Während, wenn er vorbeiging, sagen wir, an rot blühenden Pflanzen, meinetwillen an solchen Pflanzen, wie der heutige Mohn es ist, seine Haare flaumig, weich wurden. Also er erlebte das Licht der Pflanzenwelt absolut mit. Es war das lichte Zeitalter und darnach richtete sich sein ganzes Kulturleben, darnach richtete sich auch, daß er heilen konnte, das heißt, daß er den Tod bekämpfen konnte durch die Beobachtung und durch die Behandlung des Ätherleibes.

[ 13 ] Das wirkte lange nach, und wir sehen zum Beispiel noch, wenn wir zu der älteren griechischen Medizin zurückgehen, zu Hippokrates, wie gesprochen wird von den Säften des Menschen, von schwarzer und heller Galle, von Blut und von Schleim. Damit waren eigentlich noch immer Erinnerungen an das alte lichte Zeitalter gemeint. Der Schleim war im Grunde genommen für den Ätherleib gemeint und zum Beispiel das Blut für jene Schwingungen, die der astralische Leib im Ätherleib bewirkt und so weiter. Also diese Nachwirkungen waren noch da, und im Grunde genommen bekam erst in der Zeit des Galen, als auch schon für das andere menschliche Kulturleben das Rechnen mit der bloßen physischen Welt heraufkam, auch die Anschauung des Menschen, insofern sie die Grundlage von Heilprozessen sein sollte, einen physischen Charakter. Man sah auf den menschlichen physischen Leib hin.

[ 14 ] Aber so richtig war das doch erst an der großen Wende im 15. Jahrhundert, in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, daß man gar nichts mehr wußte vom menschlichen Ätherleib, nicht einmal, wie er sich in den Temperamenten ausdrückt, daß man anfing, immer mehr und mehr bloß auf den physischen Leib des Menschen hinzuschauen. Es war auch die ältere physische Medizin noch etwas anderes, als sie später, namentlich im 18. und 19. Jahrhundert geworden ist. Die alte physische Medizin hatte noch immer Traditionen, wenigstens von dem früheren Heilen durch den Ätherleib, und man hat eigentlich den Eindruck von jener älteren, auch europäischen Medizin, daß man alte Grundsätze behalten hatte und sie nur auf das Physische übertragen hatte. Es wurde gewissermaßen der physische Menschenorganismus doch fortwährend unter dem Einfluß des ätherischen Organismus gesehen. Erst in der neueren Zeit, in der kopernikanischen Zeit, in der Galilei-Zeit, fing man an, immer mehr bloß den physischen Menschenleib zu betrachten, und man hörte auf, etwas zu wissen, was die früheren Zeiten ganz genau gewußt haben. Man denkt ja heute: Wenn der Mensch diesen oder jenen Stoff, den man da draußen in der Natur findet, ißt, so bleibt er im menschlichen Organismus im Grunde genommen dasselbe. Das ist aber nicht wahr. Annähernd dasselbe bleiben nur etwa die Salze; aber alles das — ich habe es ja gestern gesagt —, was im Tier- und Pflanzenreich ist, wird im menschlichen Organismus etwas ganz anderes. Der menschliche Organismus ändert es völlig. Man wußte, daß der physische Menschenorganismus in seiner inneren Zusammensetzung «nicht von dieser Welt ist», und man wußte, daß im Grunde genommen Krankwerden nichts anderes ist als eine Fortsetzung dessen, was durch das menschliche Essen geschieht. Und es gab tatsächlich eine Zeit, insbesondere unter den arabischen Ärzten, wo man jede Verdauung als einen partiellen Krankheitsprozeß ansah, wo man über die Verdauung die Ansicht hatte, die durchaus nicht etwa unrichug ist: hat der Mensch gegessen, so hat er etwas Fremdes in sich hinein gebracht und er ist eigentlich krank. Er muß erst durch seinen inneren Organismus, durch die innere organische Funktion die Krankheit überwinden. So daß man eigentlich fortwährend in einem «Ein-bißchenKranksein», «Ein-bißchen-die-Krankheit-Überwinden», «Ein-bißchen-Heilen» lebt. Man ißt sich krank und verdaut sich gesund. Das war tatsächlich eine Zeitlang, namentlich unter arabischen Ärzten, eine Anschauung, die durchaus — wenn ich mich so ausdrücken darf — etwas sehr Gesundes hat, denn es gibt eigentlich keine Grenze zwischen dem, was man heute Sich-gesund-Essen nennt und dem Sich-krank-Essen. Denken Sie sich doch nur einmal, wie leicht es möglich ist, daß man sich beim Essen verdirbt. Da geht gleich dasjenige, was man gerade noch, wie man sagt, normal überwinden kann, über in das, was man nicht mehr überwinden kann. Dann ist man eben krank. Aber die Grenze ist wirklich gar nicht zu ziehen.

[ 15 ] Ebensowenig ist sonst selbst bei Quetschungen zum Beispiel auch die Grenze zwischen dem, was noch auf eine ganz naturgemäße Weise ausgeglichen wird, und dem, wo man zu Hilfe kommen muß durch einen Heilprozeß, gar nicht so ohne weiteres zu ziehen. So daß man also einmal in dem innerlich Krankwerden mit Recht eine Fortsetzung des Essens sah, ein nicht ganz richtiges Essen. Und so studierte man den täglichen Verdauungsprozeß, also das Sich-gesund-Verdauen; das studierte man.

[ 16 ] So ist es auch eine ganz gute Sitte, daß der eine oder andere, der dies oder jenes nicht so ungesalzen vertragen kann, es sich weiter salzt; mancher muß es sich sogar pfeffern, mancher paprizieren, nicht wahr. Weil er die Dinge nicht so ohne weiteres vertragen kann, richtet er es sich zu. Da ist wiederum keine Grenze, wenn einer Pfeffer oder Paprika braucht als Heilmittel; da ist wieder keine Grenze, ob man nun Pfeffer oder Paprika gibt, damit man sich gesund verdauen kann, oder ob, wenn die Sache ärger wird, man etwas aus dem Mineralreich nimmt. Ob man das nun als Speisezusatz oder als Medizin gibt, darauf kommt es nicht an. Da ist wiederum ein Ineinanderlaufen, da ist wiederum keine Grenze.

[ 17 ] Also das, was man genau wußte, das ist: wenn der Mensch überhaupt irgend etwas aus der äußeren Welt zu sich nimmt, so beeinträchtigt das seinen inneren Organismus, und er muß es unbedingt überwinden. Ob ich mir schließlich einen rostigen Nagel einstoße und mein Organismus ihn herausschwären muß, oder ob ich in meinen Magen etwas hineinbringe, was so nicht bleiben darf, und mein Organismus alle diese Prozesse durchmachen muß, damit er es assimiliert, das hat nur Gradunterschiede. Aber diese Erkenntnis, daß der menschliche Organismus nicht von dieser Erde ist, daß er auf dieser Erde sich nur erhalten kann, wenn er fortwährend angeregt wird, die Kräfte dieser Erde zu überwinden, die war vorhanden. Wir essen nämlich nicht, damit wir diese oder jene Speise in uns bekommen, sondern wir essen aus dem Grunde, damit wir die Kräfte innerlich entwickeln, die diese Speise überwinden. Wir essen, um Widerstand zu leisten gegen die Kräfte dieser Erde, und wir leben auf dieser Erde dadurch, daß wir Widerstand leisten.

[ 18 ] Aber es wurde das allmählich vergessen. Man nahm die ganze Sache eben materialistisch, und man probierte schließlich nur noch, ob dieses oder jenes Substantielle in diesen oder jenen Pflanzen eine Hilfe gewährt. Ja, sehen Sie, das ist dasjenige, was man einmal gemeint hat und was wir heute wieder meinen müssen mit dem finsteren Zeitalter. Es ist ja alles finster geworden. Man hat früher auf den hellen Ätherleib hingeschaut; der war einem der Mensch. Jetzt sieht man nichts mehr von diesem Licht. Man nimmt nur wahr, wo Stoffe sind, und man hält sich an das tote Licht. Aber dieses tote Licht hat für den Menschen zunächst nur abstrakte Begriffe, hat nur den Intellektualismus hergegeben. Heute stehen wir aber im Übergange zu der Notwendigkeit, in neuer Weise das Licht wiederum zu erkennen. Früher hat der Mensch in sich gewußt: er hat diesen lichten Ätherleib. Jetzt müssen wir immer mehr ausbilden das Erkennen, das ätherische Erkennen in der äußeren Welt, namentlich in der Pflanzenwelt.

[ 19 ] Goethe hat damit den Anfang gemacht in seiner Metamorphosenlehre. Er hat allerdings das Ganze auch noch intellektualistisch abstrakt in Begriffe gefaßt. Das muß immer mehr und mehr zu Bildern werden. Und wir müssen uns klar sein darüber, daß wir eben dahin kommen müssen, das Pflanzliche in leuchtenden Bildern zu sehen. Während der Mensch geglänzt hat im früheren lichten Zeitalter, muß in Zukunft die Natur um uns herum, insofern sie Pflanzenwelt ist, in den mannigfaltigsten Imaginationen der Pflanzenformen erglänzen. Dann werden wir auch gerade durch dieses Erglänzen der Pflanzenformen in den Pflanzen wiederum die Heilmittel finden. Diese Notwendigkeit steht vor uns. Während ein inneres Licht geschaut haben die Menschen des früheren lichten Zeitalters, obliegt den Menschen der Gegenwart das Schauen in der äußeren Welt, wiederum ein Licht zu schauen, dieses Licht in der äußeren Welt.

[ 20 ] Und dieses Licht kann angefacht werden, wenn man sich mehr und mehr in die Geisteswissenschaft vertieft. Sie können sagen: Geisteswissenschaft, Anthroposophie — da lese ich doch auch nur Begriffe, und schließlich, wenn ich die «Geheimwissenschaft im Umriß» lese, dann sind da auch Begriffe drinnen; da habe ich doch nicht den Anlaß, nun auch wirklich zu schauen. — Doch, meine lieben Freunde! Diese «Geheimwissenschaft» hat ja ein doppeltes Ziel: Zunächst, daß man das kennenlernt, was drinnen steht; aber das ist noch nicht das Ganze. Wenn Sie meine «Geheimwissenschaft» so gelesen haben wie ein anderes Buch, dann kennen Sie nämlich erst das Zündhölzchen. Wenn Sie aber Feuer haben wollen, so dürfen Sie nicht sagen: Dieses Zündhölzel ist doch kein Feuer! Es ist doch Unsinn, zu sagen, wenn der mir ein Zündhölzel gibt, daß er mir Feuer gibt, es sieht doch nicht aus wie Feuer. Geheimwissenschaft schaut doch nicht aus wie Heilsehen! Das wäre gerade so, wie wenn Sie sagen würden: Das Zündhölzel schaut doch nicht aus wie Feuer. — Es wird schon aussehen wie Feuer, wenn Sie das Zündhölzel erst anreiben. Und wenn es das erste Mal nicht geht, reiben Sie ein zweites Mal und so weiter. So ist es mit der «Geheimwissenschaft», Wenn Sie es so gelesen haben wie ein anderes Buch, dann ist es eben erst das Zündhölzel; aber wenn Sie es richtig verrieben haben in Ihrem ganzen menschlichen Wesen, da werden Sie schon sehen, da zündet es. Es hat nur noch wenig gezündet! Aber es zündet, meine lieben Freunde. Und derjenige, der sagt: Das steht dem, was man eigentlich anstrebt, dem Hellsehen, ganz fern —, der will eben das Zündholz bloß angucken, nicht anzünden. Aber es wird nie ein Feuer, wenn Sie das Zündhölzel bloß angucken. Also es ist tatsächlich so: man muß schon erst das Zündholz kennen, sonst wird man sich dem Wahn hingeben können, daß man mit der Stecknadel anzünden könnte. Sie können natürlich mit der Stecknadel — das heißt mit der modernen Wissenschaft — nicht anzünden; Sie können es nur mit dem Zündhölzel, mit dem wirklichen Zündhölzel anzünden; aber es ist so, man kann es anzünden!

[ 21 ] Vor dieser Notwendigkeit steht eben das Menschengeschlecht heute, und vielleicht wird sich am meisten gerade an so etwas, wie es das medizinische Wissen und Können ist, zeigen, ob man den Übergang finden wird von dem bloßen Anschauen des Finsteren im Stofflichen — so daß man irgendwie anschaut eine Pflanzenblüte, so wie man es heute tut —, zu dem imaginativ bildhaften Anschauen durch Anzünden des Zündhölzels, um von da aus dann zu erkennen, wie dies oder jenes auf den Menschen wirkt. Und derjenige, welcher sich die Sache jetzt ein wenig überlegt, der wird sich sagen müssen: Das steht vor der heutigen Menschheit, sie soll aus der Finsternis wiederum ins Licht eintreten, sie soll lichtvoll urteilen lernen.

[ 22 ] Ich will das noch einmal an einem Beispiel klarlegen. Nehmen wir einmal an, der heutige Arzt diagnostiziert meinetwillen Herzerweiterung. Er macht das in der Weise, wie man das heute macht, und er findet die Herzerweiterung. Man kann nicht viel anfangen mit einer solchen Diagnose. Man hat vielleicht probiert, ob dieses oder jenes da helfend wirken kann, aber man weiß ja keinen Zusammenhang. Man weiß keinen Zusammenhang, weil man die ganze Sache nicht durchschaut. Ein richtiges Durchschauen aber wird folgendes ergeben. Nehmen Sie einmal an, daß, wie ich Ihnen öfter auseinandergesetzt habe, der Mensch doch eigentlich seinen Organismus immer nach sieben Jahren erneuert. Ich habe Ihnen aber auch das letzte Mal gesagt, wie diese Erneuerung geschieht. Da werden immerfort vom Nierensystem aus die unverarbeiteten Stoffe gewissermaßen nach aufwärts oder auch nach vorne oder nach unten geschickt. Vom Kopfsystem aus wird die Abrundung vollzogen (siehe Zeichnung), so daß fortwährend vom Kopfsystem aus solche Wellen gehen (blau), welche die Form bewirken, und vom Nierensystem aus solche Wirkungen stattfinden, die durch die Wellen abgebrochen und geformt werden (rot), viermal schneller, habe ich gesagt.

[ 23 ] Nehmen Sie ein solches Organ wie das Herz (siehe Zeichnung Seite 102, hell}. Auch da findet ungefähr nach sieben, acht Jahren bei jedem Menschen ein solcher Austausch statt. Das Herz wird erneuert. Es wird neu gemacht. Dasjenige, was Sie an den Fingernägeln sehen, daß sie nach außen hin wachsen, immer nachwachsen, wenn man sie abschneidet, das ist auch beim ganzen Menschen so: daß er vom Mittelpunkte her die Materie immer erneuert. Nun denken Sie aber einmal, es sei der rhythmische Mensch nicht in Ordnung, es sei so, daß für seine Organisation viel zu schnell diese Strahlen vom Nierensystem herschießen, daß also nicht das richtige Verhältnis von vier zu eins besteht. Das variiert für jeden Menschen, jeder Mensch ist in dieser Beziehung eine Individualität, aber es ist das mit Bezug auf seine ganze Menschheitskonstruktion der Fall. Nehmen Sie also an, es sei das nicht in Ordnung, es schlage ein zu schnelles Strahlen vom Nierensystem her. Was wird dadurch geschehen?

[ 24 ] Dadurch kann nämlich das Folgende geschehen. Der Erneuerungsprozeß geschieht ja fortwährend — nehmen wir also an, bevor das alte Herz ganz heraußen ist, ganz weggeworfen ist (siehe Zeichnung, hell), ist das neue schon hineingeschoben (rot). Da geht es zu schnell. Wenn die Erneuerung zu schnell geht, so kommen solche Erscheinungen wie die Herzerweiterung. Am allerersten werden Sie an der beginnenden Herzerweiterung nachweisen können, daß an der Nierentätigkeit etwas nicht in Ordnung ist. Gerade wenn Sie diese Dinge ernst nehmen von der Erneuerung des Menschen in sieben, acht Jahren, da werden Sie sehen: wenn das schon nach sechs Jahren fertig ist, was erneuert werden soll, so ist das Alte noch nicht genügend fortgeschoben, und das Organ dehnt sich, oder strebt wenigstens darnach, sich zu dehnen. So muß man die Dinge anschauen lernen, in lebendiger Bewegung anschauen lernen. Das steht vor uns. Wir müssen vor allen Dingen dasjenige sehen, was man immer nur abgegrenzt hat. Wie diagnostiziert denn heute der Arzt?

[ 25 ] Der heutige Arzt diagnostiziert so, daß er am liebsten außen aufzeichnet die Konturen des Herzens, so recht eben dasjenige, was fertiges Organ ist. Es kommt gar nicht so sehr darauf an, hinzuschauen, wie das fertige Organ ist, denn es ist eben ein Organ, das immer wegflutet und wieder nachgeschoben wird. Und in diesem Weggehen und Nachschieben ist ein innerlich Beweglicheres, und wenn ich es aufzeichne, so ist es im Grunde genommen so, wie wenn ich den Blitz aufzeichne; es ist in einer fortwährenden Beweglichkeit. Ich muß also, wenn ich den Menschen erfassen will, ihn in seiner Lebendigkeit erfassen. Und diese Lebendigkeit, die finde ich heute nur, wenn ich die ganze Welt verstehe und den Menschen aus der Welt heraus.

[ 26 ] Das steht vor uns: es muß alles in bewegliches Erkennen übergehen. Vor allen Dingen müssen wir eigentlich schon in der Schule anfangen mit der Beweglichkeit. Es ist etwas Fürchterliches, wenn wir die Kinder im Unbeweglichen halten in der Schule. Es ist zum Beispiel mir immer schon etwas Schweres, daß die Kinder, sagen wir, irgendein fertiges Dreieck haben, mit dem sie alle möglichen Sachen machen. Dieses Stillstehende ist eigentlich nichts. Man müßte im Grunde genommen so etwas haben, wo das Dreieck verschiebbar ist. Darauf kommt es an, daß das Kind richtig die Vorstellung bekommt, daß das alles nur in Bewegung erfaßt werden soll (siehe Zeichnung).

[ 27 ] Es ist natürlich furchtbar schwer, sich über diese Dinge mit denjenigen, die am liebsten ihren Frieden haben wollen und nur ja nicht so irgend etwas haben möchten, wo man als Mensch tätig sein muß, es ist schwer, sich mit solchen Menschen zu verständigen, die ihre Ruhe und ihren Frieden haben möchten, und die auch schon bös sind, wenn die Kinder spektakulieren, und nun auch noch die Unterrichtswerkzeuge spektakulieren sollen. Es ist etwas Furchtbares natürlich: aber es ist so, wir müssen zum Lebendigen übergehen. Und das alles zusammengefaßt, ergibt eben die Forderung, ins helle, lichte Zeitalter hinaufzukommen. Wir müssen eintreten aus dem finsteren ins helle lichte Zeitalter.

[ 28 ] Und weil die Menschen es nicht können — das heißt, sie reden sich ein, daß sie es nicht können —, weil die Menschen nicht wollen, weil die Menschen an dem Alten hängen und nicht eintreten wollen ins Neue, und weil das Alte nicht mehr hereinpaßt, deshalb ist es, daß wir die schrecklichen Katastrophen in der Gegenwart erleben. Und wir werden sie noch mehr erleben, wenn die Menschen sich nicht bequemen, ins Neue einzutreten.

[ 29 ] Das, was als Katastrophe auftritt, das ist ja die Reaktion des finsteren Zeitalters, das nicht mehr in die Gegenwart hereingehört. Aber da ist es natürlich furchtbar schwer, Verständnis zu finden, weil höchstens in dem Gegensatz zwischen dem Alter und der Jugend heute so etwas auftritt wie eine Ahnung von dem neuen lichten Zeitalter. Die Jugend sagt in der Regel: Ach, die Alten sind Philister. — Auch das hat ja seine Vorgänger. Der große deutsche Philosoph Johann Gottlieb Fichte hat ja das schon vorgeahnt, indem er den klassischen Ausspruch tat, daß man eigentlich alle Dreißigjährigen totschlagen sollte, weil der Mensch eigentlich nur bis zu seinem dreißigsten Jahre anständig ist. Das ist ja ein berühmter Fichtescher Ausspruch, und da Goethe, als Fichte ihn getan hat, schon wesentlich älter war, so hat er sich furchtbar geärgert und hat dann diese ganze Lehre in seinem «Faust» im zweiten Teile verspottet. Es war ja auch ärgerlich, nicht wahr, für Goethe. So findet man, daß die Jugend ja schon damit einverstanden ist, daß die Alten Philister sind, aber bis jetzt ist es eben noch nicht zu großem Ernst gekommen mit solchen Dingen, weil die Jugend das bis zu einem gewissen Lebensalter macht, und dann in der Regel sogar ein noch größerer Philister wird, als die Alten es gewesen sind. Es geht ganz hübsch in das Philisterium über. Die Dinge müssen eben auch von dieser Seite aus innerlich genommen werden.

[ 30 ] Ich meine also, daß es sich schon darum handelt, daß wir nun wissen: entweder Spenglerismus, das heißt Niedergang des Abendlandes, oder Sich-Anbequemen dem neu auftretenden Zeitalter des Lichtes gegenüber der Finsternis, in welcher die Menschen dem Kosmos gegenüber Regenwürmer waren. Das ist nicht anders. Aber es mußte in der Geschichte eine Zeitlang der Mensch Regenwurm sein, weil er sonst von dem Lichte ganz hingenommen wäre. Er konnte seine Freiheit nur erringen im finsteren Zeitalter, und zwar erst eigentlich am Ausgange des finsteren Zeitalters, in der neueren Zeit. Er konnte seine Freiheit nur dadurch erringen, daß das Licht ihn ungeschoren ließ, daß er ein Regenwurmdasein führen konnte.

[ 31 ] Nun aber sagte ich Ihnen, die Menschen des älteren lichten Zeitalters haben vorzugsweise das Licht der Pflanzenwelt empfangen. Die Pflanzen tranken gewissermaßen das kosmische Licht, und der Mensch trank wiederum aus dem Becher das Licht, das ihm die Pflanzen darreichten.

[ 32 ] Wir haben heute nur das tote Licht. Aber auf den Strahlen dieses toten Lichtes ist einstmals der Christus hereingezogen und hat das Mysterium von Golgatha vollbracht. Das ist das große Weltengeheimnis der neuen Zeit. Zwar haben wir das tote Licht. Das tote Licht kann uns nicht selig machen. Aber auf den Strahlen des toten Lichtes ist der Christus auf die Erde hereingezogen, hat das Mysterium von Golgatha vollbracht. Und wenn wir außer uns auch heute das tote Licht haben, dann können wir in uns den Christus beleben. Und mit dem Christus in richtiger Weise in uns, beleben wir alles Licht auf Erden um uns herum, tragen Leben in das tote Licht hinein, wirken selber belebend auf das Licht. Das heißt, wir müssen mit dem richtigen Christus-Impuls in das neue Zeitalter des Lichtes eintreten. Und die Verleugnung des Christus-Impulses ist es im Grunde genommen, welche die Menschen davon abhält, richtig zu sehen, wie ein finsteres Zeitalter in das lichte Zeitalter hinübergeht.

[ 33 ] Es ist schon so. Wenn die Pflanze herauswächst aus der Erde (siehe Zeichnung S. 105), so entwickelt sie, wie ich Ihnen schon gezeigt habe, den Fruchtknoten oben noch mit den Kräften aus dem vorigen Jahre; nur die Blütenblätter wachsen aus dem Lichte dieses Jahres heraus. Dasjenige, was die Pflanze aus der Erde herauszieht, ist eigentlich vom vorigen Jahre. So daß es ein recht konserviertes Licht war, was die Pflanzen den Menschen einstmals im alten lichten Zeitalter gegeben haben. Wir müssen eben die Möglichkeit finden, das tote Licht mit demjenigen Gemüte in der Welt aufzufassen, das in uns erzeugt wird, indem wir die Kraft des Christus in der lebendigen Anschauung des Mysteriums von Golgatha aufnehmen. Dann beleben wir, wie ich es dargestellt habe, das Licht. Das können wir aber nur, wenn wir alle Dinge versuchen lernen so anzuschauen, wie ich das eben gerade in diesen Vorträgen versuchte, vor Ihnen auseinanderzusetzen.