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Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt
Die geistige Kommunion der Menschheit
GA 219

22 Dezember 1922, Dornach

Siebenter Vortrag

[ 1 ] Der Mensch nimmt durch seine Sinne die Dinge der Welt wahr, aber er nimmt nicht mit dem gewöhnlichen Bewußtsein wahr, was sich innerhalb seiner Sinne selber abspielt. Würde er das im gewöhnlichen Leben tun, so würde er nicht die äußere Welt wahrnehmen können. Die Sinne müssen sozusagen sich selbst verleugnen, wenn sie zur Kenntnis des Menschen bringen wollen, was außerhalb der Sinne in der uns zunächst auf der Erde umgebenden Welt liegt. Redeten gewissermaßen unsere Ohren, redeten unsere Augen, würden wir also die Vorgänge, die sich in unseren Ohren, in unseren Augen abspielen, wahrnehmen, dann würden wir nicht hören können, was äußerlich hörbar ist, wir würden nicht sehen können, was äußerlich sichtbar ist. Aber gerade dadurch lernt der Mensch die Welt um sich her kennen, insofern er zunächst ein Erdenwesen ist, er lernt aber nicht sich selbst kennen. Sich selbst kennenlernen setzt voraus, daß man während dieses Vorganges der Selbsterkenntnis die Erkenntnis der Außenwelt zum Stillstand bringen kann, daß man also von der Außenwelt nichts erfährt.

[ 2 ] Es war von jeher das Bestreben innerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschung, solche Methoden ausfindig zu machen, durch die der Mensch sich wirklich selbst erkennen kann, und Sie wissen aus den verschiedensten Vorträgen, die ich gehalten habe, daß ich mit dieser Selbsterkenntnis nicht jenes allgemeine Hineinbrüten in das alltägliche Selbst meine, denn dadurch erfährt man doch von nichts anderem als von einer Art Reflexbild der äußeren Welt. Man lernt gewissermaßen nichts Neues kennen. Man lernt nur wie im Spiegel kennen, was man mit der sinnlichen Außenwelt erlebt hat. Wirkliche Selbsterkenntnis muß, wie Sie wissen, nach Methoden sinnen, welche nicht nur die gewöhnliche irdische Außenwelt zum Schweigen bringen, sondern welche auch das gewöhnliche alltägliche seelische Innere — das auch nichts anderes ist, insofern es im wirklichen Bewußtsein vorhanden ist, als ein Spiegelbild der Außenwelt — zum Schweigen bringen. Und durch diejenigen Methoden, die Sie geschildert finden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wissen Sie, daß die Geistesforschung zunächst zur sogenannten imaginativen Erkenntnis vorschreitet. Wer zu solcher imaginativen Erkenntnis vorschreitet, hat allerdings zunächst alles das aus der übersinnlichen Welt vor sich, was sich in die Bilder der imaginativen Erkenntnis kleiden kann. Aber wenn er sich die seelische Praxis erworben hat, um überhaupt imaginativ die Welt anschauen zu können, dann ist er in der Lage, gerade dasjenige zu verfolgen, was in den menschlichen Sinnesorganen sich abspielt. Man würde das, was sich in den Sinnesorganen abspielt, nicht verfolgen können, wenn überhaupt nur dann etwas in den Sinnesorganen vorginge, wenn man durch sie die Außenwelt wahrnimmt.

[ 3 ] Sehe ich einen Gegenstand der Außenwelt, so schweigt mein Auge. Höre ich irgendeinen Tonzusammenhang der Außenwelt, so schweigt mein Ohr; das heißt, es wird durch das Ohr nicht der Vorgang im Innern des Ohres wahrgenommen, sondern es wird das wahrgenommen, was von der Außenwelt sich in das Ohr hinein fortsetzt. Aber wenn zum Beispiel das Ohr nur eine Tätigkeit mit Bezug auf die Außenwelt ausführen würde, solange diese äußere Wahrnelimung da ist, so würden wir niemals dazu kommen, den Vorgang, der sich unabhängig von der Außenwelt im Ohr selbst abspielt, beobachten zu können. Sie alle wissen aber, daß ein Sinneseindruck in den Sinnen nachwirkt, abgesehen davon, daß die Sinne auch immer mittun, wenn wir auch nur mit dem gewöhnlichen Bewußtsein lebhaft denken.

[ 4 ] Es kann schon so sein, daß wir gewissermaßen von der ganzen äußeren Welt abstrahieren, insofern sie eine Farbenwelt, eine Tonwelt, eine Geruchswelt und so weiter ist, und dennoch demjenigen uns hingeben, was in unseren Sinnesorganen selbst, beziehungsweise durch sie vorgeht. Wenn wir dazu kommen, dann kommen wir zu wirklicher Menschenerkenntnis, und zwar zu der ersten Stufe der Menschenerkenntnis. Sagen wir zum Beispiel nur — wir wollen das Einfachste ins Auge fassen —, wir wollen uns klar darüber werden, wie im Auge ein Eindruck, den die Außenwelt auf es ausübt, abklingt. Wer nun die Gabe der imaginativen Erkenntnis sich erworben hat, verfolgt dann, indem er nichts außen sieht, dieses Abklingen des Sinneseindruckes, das heißt ein Geschehen, einen Vorgang, der das Sinnesorgan als solches in Anspruch nimmt, ohne daß das Sinnesorgan in diesem Augenblicke mit der Außenwelt in Korrespondenz ist. Oder es verfolgt jemand, der, in lebendiger Art denkend, sich das Gesehene vergegenwärtigen kann, das Mitspielen des Sehorganes bei solchem lebhaften Denken an Farben und dergleichen. So kann man das für alle Sinne machen. Dann wird man in der Tat gewahr, daß dasjenige, was in den Sinnen der Menschen selber vorgeht, nur Gegenstand einer imaginativen Erkenntnis sein kann.

[ 5 ] Sogleich gewissermaßen zaubert sich vor unsere Seele hin eine Welt von Imaginationen, wenn wir nicht in der Außenwelt, wenn wir in den Sinnen leben. Und da merken wir, wie in der Tat unsere Sinne selber einer andern Welt angehören als der, welche wir durch sie innerhalb unseres Erdendaseins wahrnehmen. Niemand, der wirklich durch imaginative Erkenntnis in der Lage ist, seine eigene Sinnestätigkeit zu beobachten, kann jemals einen Zweifel darüber fassen, daß der Mensch schon als ein Sinneswesen der übersinnlichen Welt angehört. Die Welt, die man da kennenlernt, indem man in dieser Weise sozusagen sich zurückzieht von der äußeren Welt und in seinen eigenen Sinnen lebt, ist jene, die ich auch in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» als die Welt der Angeloi beschrieben habe, die Welt derjenigen Wesen, die eine Stufe über dem Menschen stehen.

[ 6 ] Was geschieht denn eigentlich in unseren Sinnen? Wir können es durchschauen, wenn wir in dieser Weise das Innere der Sinne beobachten, während wir nicht wahrnehmen. Geradeso wie wir eine Erinnerung haben können von dem, was wir vor Jahren erlebt haben, trotzdem es jetzt gegenwärtig nicht da ist, können wir, wenn wir die Sinne beobachten können, ohne daß sie wahrnehmen, auch in dem, was wir da beobachten, eine Erkenntnis gewinnen. Es ist nicht Erinnerung zu nennen, weil das einen sehr ungenauen Begriff gäbe, aber wir können dennoch in dem, was wir da wahrnehmen, auch das mitwahrnehmen, was wir durch die Außenwelt in den Sinnen als Vorgänge haben, wenn wir der ganzen farbigen und tönenden und riechenden und schmeckenden, tastbaren Welt und so weiter gegenüberstehen.

[ 7 ] Wir können auf diese Weise in etwas eindringen, was sonst dem Menschen immer unbewußt bleibt: die Tätigkeit seiner eigenen Sinne, während seine Tätigkeit ihm die Außenwelt vermittelt. Und da werden wir gewahr, daß der Atmungsprozeß, das Einatmen der Luft, das Verteilen der Luft im menschlichen Organismus, das Wiederausatmen, in einer außerordentlichen Art durch den ganzen Organismus wirkt. Wenn wir einatmen, geht zum Beispiel die eingeatmete Luft bis in die feinsten Verzweigungen der Sinne. Und in diesen feinsten Verzweigungen der Sinne begegnet sich der Atmungsrhythmus mit dem, was wir in der Geisteswissenschaft den astralischen Leib des Menschen nennen. Das, was in den Sinnen vorgeht, beruht darauf, daß der astralische Leib des Menschen den Atmungsrhythmus spürt. Hören Sie also einen Ton, so geschieht das, weil in Ihrem Gehörorgan der astralische Leib mit der schwingenden Luft in eine Berührung kommen kann. Das kann er nicht zum Beispiel in irgendeinem andern Organ des menschlichen Organismus, das kann er nur in den Sinnen. Die Sinne sind überhaupt im Menschen da, damit sich der astralische Leib mit demjenigen begegnen kann, was durch den Atmungsrhythmus in dem menschlichen Leibe entsteht. Und das geschieht nicht etwa nur im Gehörorgan, das geschieht in jedem Sinnesorgan. In jedem, auch in dem über den ganzen Organismus ausgebreiteten Tast- oder Gefühlssinn ist es so, daß sich der astralische Leib mit dem Atmungsrhythmus begegnet, also mit den Taten der Luft in unserem Organismus.

[ 8 ] Gerade wenn man so etwas betrachtet, merkt man ganz besonders, wie sehr man nötig hat, zur Betrachtung des ganzen Menschen ins Auge zu fassen, daß der Mensch nicht nur ein Gebilde im festen Aggregatzustande ist, er ist zu fast neunzig Prozent eine Wassersäule, und er hat fortwährend den Wechsel der Luft in seinen inneren Vorgängen, er ist also auch ein Luftorganismus. Und dieser Luftorganismus, der ein Webend-Lebendes darstellt, begegnet sich in dem Sinnesorgan mit dem astralischen Leib des Menschen. Das geschieht allerdings in den Sinnesorganen in der mannigfaltigsten Weise, aber im allgemeinen kann man sagen, daß diese Begegnung das Wesentliche des Sinnesvorganges ist. Das kann man äußerlich nicht betrachten, wie sich ein Astralisches mit der Luft begegnet, ohne daß man in die imaginative Welt eintritt. Allerdings, wenn man zur imaginativen Erkenntnis kommt, sieht man auch anderes in der irdischen Umgebung, das sich so abspielt, daß ein Astralisches nur mit der Luft in Begegnung kommt. Aber in uns als Menschen ist das ein Wesentliches, daß das Astralische sich mit den Atmungsvorgängen begegnet, und zwar substantiell mit dem, was durch den Atmungsvorgang durch den menschlichen Organismus geschickt wird.

[ 9 ] Da lernen wir also das Weben und Wesen derjenigen Wesenheiten kennen, welche der Hierarchie der Angeloi angehören, so daß wir als Menschen es uns nur so vorstellen dürfen, daß in dem unbewußten Vorgang, der sich im sinnlichen Wahrnehmen abspielt, diese Welt übersinnlicher Wesen webt und lebt, gewissermaßen durch die Tore unserer Sinne aus- und eingeht. Hören wir, oder sehen wir, so ist das ein Prozeß, der sich nicht nur durch unsere Willkür abspielt, sondern der auch der objektiven Welt angehört, der vorgeht in einer Welt, in der wir zunächst als Menschen nicht einmal darinnen sind, durch die wir aber eigentlich Menschen, und zwar schon sinnenbegabte Menschen sind.

[ 10 ] Wenn unser astralischer Leib zwischen dem Aufwachen und Einschlafen innerhalb der Gebiete unserer Sinne mit der zum Atmungsrhythmus gewordenen und natürlich veränderten Luft in Beziehung tritt, so lernen wir, ich möchte sagen, die äußerste Peripherie des Menschen kennen. Aber wir können zu noch weiterem aufsteigen. Wir können noch mehr vom Menschen kennenlernen. Das geschieht auf folgende Weise. Es ergibt sich das jener Stufe der übersinnlichen Erkenntnis, die ich in den angedeuteten Schriften als die inspirierte Erkenntnis bezeichnet habe.

[ 11 ] Da muß man ins Auge fassen, wie der Mensch dem Wechselzustande unterliegt zwischen Wachen und Schlafen. Dieser Zustand als solcher ist gar nicht so ferne der sinnlichen Wahrnehmung. Auch unsere sinnliche Wahrnehmung unterliegt einem Wechsel. Wir würden zwar Wahrnehmungen haben, allein die hätten für unser Bewußtsein nicht die richtige Bedeutung, wenn wir nicht fortwährend das Wahrnehmen unterbrechen könnten. Sie wissen auch aus reinen Äußerlichkeiten, daß das lange Sich-Hingeben an einen Sinneseindruck das Bewußtsein von diesem Sinneseindruck beeinträchtigt. Wir müssen gewissermaßen von einem einzelnen Sinneseindruck den Sinn immer wieder abheben, müssen also zwischen dem Eindruck und einem Zustand wechseln, wo wir den Eindruck nicht haben. Und daß unser Bewußtsein in Ordnung ist in bezug auf die Sinneseindrücke, beruht darauf, daß wir immer diese Sinne auch zurückziehen können von ihren Eindrücken, daß wir eigentlich fortwährend in kurzen Wechselzuständen das sinnliche Wahrnehmen ausüben. Das üben wir für längere Strecken unseres Erlebens aus, indem wir im Verlauf von vierundzwanzig Stunden immer wechseln zwischen Wachen und Schlafen.

[ 12 ] Sie wissen, indem wir in den Schlafzustand übergehen, tritt unser astralischer Leib mit unserem Ich aus unserem physischen Leib und Ätherleib heraus. Und dieser astralische Leib also tritt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen zu der äußeren Welt in Beziehung, während er zwischen dem Aufwachen und Einschlafen nur mit dem in Beziehung war, was innerhalb des menschlichen Leibes vor sich geht. Fassen Sie diese zwei Zustände oder diese zwei Geschehnisse einmal ins Auge: der astralische Leib zwischen dem Aufwachen und Einschlafen in Beziehung zu dem, was innerhalb des menschlichen physischen und ätherischen Leibes vor sich geht, und der astralische Leib zwischen dem Einschlafen und Aufwachen in Beziehung zu dem, was die äußere Welt ist, nicht mehr in Beziehung zu dem, was physischer und ätherischer Leib des Menschen selbst ist.

[ 13 ] Die Sinnesgebiete in uns — ich möchte mich des paradoxen Ausdruckes bedienen, Sie werden schon verstehen, was ich meine — sind schon fast eine Außenwelt. Betrachten Sie einmal das menschliche Auge zum Beispiel: es ist wie eine unabhängige Wesenheit — das ist alles nur vergleichsweise, selbstverständlich —, aber es ist wirklich wie eine unabhängige Wesenheit da hineingelegt in eine Höhle des Schädels, setzt sich dann weiter nach innen mit verhältnismäßiger Selbständigkeit fort. Aber wenn Sie das Auge selbst betrachten: es ist zwar durchlebt, aber es ist merkwürdig ähnlich einem physikalischen Apparat. Wir können so merkwürdig ähnlich im Auge die Vorgänge charakterisieren, wie wir sie auch in einem physikalischen Apparat charakterisieren. Die Seele umfaßt gewiß die Vorgänge, die auf diese Weise entstehen, aber man kann schon sagen, daß die Sinnesorgane das sind, was ich öfter als Bezeichnung dafür gewählt habe: daß die Sinnesorgane oder die Sinnesgebiete wie Golfe sind, welche die Außenwelt in unser eigenes menschliches Innere hineinsendet. Es setzt sich gewissermaßen die Außenwelt in uns hinein fort in den Sinnen, und wir Menschen nehmen in unserem Sinnesgebiete an der Außenwelt viel mehr teil als in den andern Gebieten unseres Organismus.

[ 14 ] Wenn man irgendein Organ, sagen wir die Niere oder ein anderes inneres Organ des menschlichen Organismus, ins Auge faßt, kann man nicht sagen, daß man da an irgend etwas Äußerem teilnimmt, indem man die Vorgänge des Organs in sich erlebt. Aber indem wir dasjenige erleben, was sich in den Sinnen abspielt, erleben wir die Außenwelt mit. Ich bitte, da ganz abzusehen von Ihnen etwa bekannten Dingen aus der Sinnesphysiologie und so weiter. Die meine ich jetzt gar nicht, sondern ich meine den durchaus dem gewöhnlichen Menschenverstand zugänglichen Tatbestand, daß wirklich der Vorgang, der sich im Sinnesgebiet abspielt, eher aufgefaßt werden kann wie etwas, das sich von außen in uns hineinerstreckt und was wir mitmachen, als etwas, das wir innerlich durch unsere Organisation bewirken.

[ 15 ] Deshalb ist es auch, daß in den Sinnen unser astralischer Leib nahezu in der Außenwelt ist. Insbesondere, wenn wir vollwillentlich an die Außenwelt sinnlich wahrnehmend hingegeben sind, ist unser astralischer Leib tatsächlich fast in die Außenwelt eingesenkt, nicht für alle Sinne gleich, aber er ist fast in die Außenwelt eingesenkt. Ganz eingesenkt ist er, wenn wir schlafen, so daß der Schlaf gewissermaßen von diesem Gesichtspunkte aus eine Art Steigerung ist des sinnlichen Hingegebenseins an die Außenwelt. Wenn Sie Ihre Augen zuhaben, dann zieht sich auch Ihr astralischer Leib mehr in das Innere des Kopfes zurück, er gehört mehr Ihnen selbst an. Wenn Sie ordentlich nach außen gucken, dann zieht sich der astralische Leib in das Auge hinein und nimmt an der Außenwelt teil. Geht er ganz heraus aus Ihrem Organismus, so schlafen Sie. Sinnliches Hingegebensein an die Außenwelt ist nämlich nicht das, was man gewöhnlich meint, sondern es ist eigentlich eine Etappe auf dem Wege zum Einschlafen in bezug auf die Charakteristik des Bewußtseins.

[ 16 ] So nimmt man als Mensch beim sinnlichen Wahrnehmen fast an der Außenwelt teil, beim Schlafen nimmt man ganz an der Außenwelt teil. Dann kann man dasjenige, was da vorgeht in der Welt, in der man nun drinnen ist mit seinem astralischen Leibe zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, mit inspirierter Erkenntnis wahrnehmen. Aber man kann mit dieser inspirierten Erkenntnis dann auch noch etwas anderes wahrnehmen, nämlich den Moment des Aufwachens, das Wiederum-Zurückgehen. Es wird gewissermaßen der Moment des Aufwachens etwas, das nur intensiver, stärker ist, aber sich doch mit dem Augenschließen vergleichen läßt.

[ 17 ] Wenn ich einer Farbe gegenüberstehe, gebe ich meinen astralischen Leib an dasjenige im Auge hin, was nahezu, sagte ich, außen ist, nämlich an den Prozeß, der dadurch hervorgerufen wird, daß eine Farbe von der Außenwelt aus auf mein Auge einen Eindruck macht. Schließe ich das Auge, so ziehe ich meinen astralischen Leib in mich selber zurück. Wache ich auf, so ziehe ich meinen astralischen Leib aus der Außenwelt, aus dem ganzen Kosmos zurück. Ich mache nämlich oftmals, unendlich oft während des Tagwachens, zum Beispiel in bezug auf die Augen, in bezug auf die Ohren, dasselbe mit meinem astralischen Leib, was ich — nur in Totalität, in bezug auf den ganzen Organismus — beim Aufwachen mache. Ich nehme meinen ganzen astralischen Leib zurück beim Aufwachen. Dieses Zurücknehmen des astralischen Leibes beim Aufwachen bleibt natürlich auch für das gewöhnliche Bewußtsein unbewußt, so wie der sinnliche Vorgang selber unbewußt bleibt. Aber wenn für denjenigen, der mit inspirierter Erkenntnis begabt ist, dieser Moment des Aufwachens bewußt wird, dann zeigt es sich schon, daß dieses Hereinkommen des astralischen Leibes einer ganz andern Welt angehört als der, in der wir sonst sind, und vor allen Dingen ist es sehr häufig stark wahrzunehmen, wie schwer es der astralische Leib hat, wiederum in den physischen und Ätherleib zurückzukommen. Da sind Hemmnisse vorhanden.

[ 18 ] Man kann sagen, daß derjenige, der beginnt, diesen Vorgang des Zurückkehrens des astralischen Leibes in den physischen Leib und in den Ätherleib wahrzunehmen, geistige Gewitter erlebt mit allerlei Gegenschlägen, geistige Gewitter mit solchen Gegenschlägen, die zeigen, daß der astralische Leib untertaucht in den physischen und in den Ätherleib, daß aber jetzt der physische und der Ätherleib bei diesem Untertauchen nicht so ausschauen, wie der Anatom und der Physiologe sie beschreiben, sondern daß sie etwas sind, was auch einer geistigen Welt angehört. Was sonst der unschuldige physische Leib ist, oder was vermutet wird als der etwas nebulose unschuldige Ätherleib, das stellt sich dar als in einer geistigen Welt wurzelnd. In seiner Wahrheit stellt sich der physische Leib als etwas ganz anderes dar, als was er äußerlich in einem sinnlichen Abbilde für das Auge oder für die gewöhnliche Wissenschaft erscheint.

[ 19 ] In tausendfachen Mannigfaltigkeiten kann dieses Untertauchen des astralischen Leibes in den physischen und in den Ätherleib erscheinen, wie etwa, wenn ein brennendes Holzstück untertaucht mit Gebrause in Wässeriges. Das ist noch die einfachste, die abstrakteste Art, die demjenigen, der eben anfängt, so etwas zu erkennen, zunächst erscheinen kann. Dann aber konkretisiert sich der Vorgang innerlich sehr mannigfaltig, durchgeistigt sich aber nachher damit, daß dasjenige, was vorerst nur, ich möchte sagen, sich in seiner Erscheinung mit brausendem Gewitter, mit aufsteigenden Stürmen vergleichen läßt, daß das sich mit harmonischen Bewegungsvorgängen durchdringt, die aber in allen ihren Teilen zu gleicher Zeit etwas sind, von dem man sagen muß: Es spricht, es sagt etwas, es kündet etwas an.

[ 20 ] Zunächst allerdings kleidet sich das, was sich da ankündigt, in Reminiszenzen aus dem gewöhnlichen Leben. Aber das formt sich im Laufe der Zeit um, und man erfährt nach und nach eben vieles von einer Welt, die auch um uns ist, und in der man Dinge erlebt, von denen man nicht sagen kann, daß sie Reminiszenzen sind aus dem gewöhnlichen Wahrnehmen, weil sie ganz und gar anderer Natur sind, weil man wirklich bei diesem Erleben weiß, daß man es mit einer andern Welt zu tun hat. Da merkt man, daß der Mensch, indem er mit seinem astralischen Leib aus seiner Umgebung in seinen physischen und Ätherleib hereinkommt, das jetzt auf dem Wege des Vollatimungsprozesses tut. Der astralische Leib, der in den Sinnen tätig ist, berührt die feinen Verzweigungen des Atmungsvorganges, greift gewissermaßen in die feinen Rhythmen ein, in denen sich der Atmungsvorgang in die Sinnesgebiete fortsetzt. Der beim Aufwachen aus der Außenwelt in den physischen und Ätherleib hereinziehende Astralleib ergreift den ganzen Atmungsprozeß, der sich zwischen dem Einschlafen und Aufwachen selbst überlassen ist. Auf den Bahnen der Atmungsprozesse, der Atmungsbewegungen, kommt der astralische Leib hinein in den physischen und Ätherleib, breitet sich aus, wie sich der Atem selber ausbreitet.

[ 21 ] Das gewöhnliche Bewußtsein stößt, möchte ich sagen, rasch beim Aufwachen hinein in die Wahrnehmung der äußeren Welt, verbindet schnell das Erleben des Atmungsprozesses mit dem gesamtorganischen Erleben. Das inspirierte Bewußtsein kann dieses Fortlaufen des astralischen Leibes auf den Bahnen des Atmungsrhythmus trennen und den übrigen organischen Prozeß gesondert wahrnehmen. Er verläuft natürlich nicht gesondert. Nicht nur in diesem Augenblicke, sondern in jedem Augenblicke steht natürlich im menschlichen Organismus die Atmungsbewegung in innigem Zusammenhang mit den übrigen Vorgängen im Organismus. Aber in der Erkenntnis, in der inspirierten Erkenntnis kann das abgetrennt werden. Man verfolgt, wie der astralische Leib auf den Wegen des Atmungsrhythmus in den physischen Leib hereinkommt, und lernt da etwas kennen, was sonst völlig unbewußt bleibt. Nachdem man alle die Zustände durchgemacht hat, welche objektive — nicht subjektive — Gefühlszustände sind, die dieses Hereinkommen begleiten, weiß man, daß, indem der Mensch nun nicht bloß ein Sinnenwesen, sondern ein Atmungswesen ist, er in derjenigen Welt wurzelt, welche ich in meiner «Geheimwissenschaft» die Welt der Archangeloi genannt habe. Geradeso wie die eine Stufe über den Menschen stehenden Wesenheiten der übersinnlichen Welt in seinem Sinnesprozeß tätig sind, sind tätig in seinem Atmungsprozesse die zwei Stufen über den Menschen stehenden geistigen Wesenheiten. Sie gehen gewissermaßen ein und aus mit unserem Einschlafen und Aufwachen.

[ 22 ] Nun stellt sich uns, wenn wir diese Vorgänge betrachten, etwas sehr Bedeutsames für das menschliche Leben vor unsere Seele. Wenn wir ein Leben hätten, das nicht vom Schlafe unterbrochen wäre, so würden wir Eindrücke der Außenwelt empfangen, aber diese Eindrücke würden nur kurz vorhalten. Ein bleibendes Erinnerungsvermögen könnten wir nicht entwickeln. Sie wissen, wie flüchtig die Bilder in den Sinnen als Nachbilder wirken. Allerdings, was tiefer im Organismus angeregt wird, wirkt länger. Aber es wirkte doch nicht länger als einige Tage nach, wenn wir nicht schlafen würden.

[ 23 ] Was geht denn eigentlich im Schlafe vor? Da muß ich Sie erinnern an eine Auseinandersetzung, die ich vor kurzem hier gegeben habe, und in der ich Ihnen geschildert habe, wie der Mensch tatsächlich zwischen dem Einschlafen und Aufwachen mit seinem astralischen Leibe und seinem Ich eigentlich immer rückwärts durchlebt, was er in der vorhergehenden Wachperiode in der physischen Welt erlebt hat. Nehmen wir ein regelmäßiges Wachen und regelmäßiges Schlafen an — es ist allerdings auch für das unregelmäßige ganz ähnlich —, nehmen wir also an, wir wachen an einem Morgen auf, beschäftigen uns während des Tages, gehen abends zur Ruhe und schlafen die Nacht hindurch ungefähr ein Drittel der Zeit, die wir wachen. Ein solcher Mensch erlebt also zwischen dem Aufwachen und Einschlafen eine Reihe von Erlebnissen, eben seine Tageserlebnisse. Er erlebt während des Schlafzustandes wirklich in rückwärtiger Bewegung dasjenige, was während des Tages erlebt worden ist. Und zwar geht das Schlafleben mit einer größeren Schnelligkeit zurück, so daß Sie nur ein Drittel der Zeit dazu brauchen.

[ 24 ] Nun aber, was ist denn da eigentlich geschehen? Wenn die Sache so wäre, daß Sie nach den Gesetzen der physischen Welt schliefen ich meine jetzt nicht, daß der Körper nach den Gesetzen der äußeren physischen Welt schläft, das tut er selbstverständlich, aber wenn Sie in den Zuständen außerhalb des physischen und des Ätherleibes, wenn Sie also in Ihrem Ich und in Ihrem astralischen Leib nach denselben Gesetzen schlafen würden, nach denen Sie bei Tag wachen —, dann würden Sie diese Bewegung nicht ausführen können, denn Sie müßten einfach mit der Zeit weitergehen. Es sind durchaus andere Gesetze, denen wir da unterliegen, wenn wir in unserem astralischen Leib und in unserem Ich außerhalb des physischen und des Ätherleibes sind. Und äußerlich angesehen, wie ist denn da die Sache eigentlich? Nun, bedenken Sie, heute ist also der 22.Dezember, heute morgen beim Aufwachen waren Sie am Morgen des 22. Dezember. Nun gehen Sie nachher schlafen, dann werden Sie, wenn Sie morgen aufwachen, mit Ihrem Rückwärtserleben bei heute morgen dem 22.Dezember sein. Sie haben also innerlich einen Prozeß durchgemacht, dutch den Sie sich zurückgedreht haben. Indem Sie am Morgen des 23. Dezember aufwachen, sind Sie mit diesem Prozeß am Morgen des 22. Dezember angekommen. Sie wachen auf. In demselben Momente sind Sie genötigt, indem Ihr astralischer Leib jetzt, entgegen den Gesetzen, die er zwischen Ihrem Einschlafen und Aufwachen eingehalten hat, den Ruck durch Ihren Leib in die gewöhnliche physische Welt macht, in Ihrem innersten Seelenwesen mit Ihrem Ich und mit Ihrem astralischen Leibe rasch zu dem Morgen des 23. Dezember vorzurücken. Diesen Prozeß machen Sie tatsächlich im Innern durch.

[ 25 ] Ich bitte Sie nun, das, was ich hier sage, in seinem vollen Ernste, das heißt in seiner vollen Bedeutung aufzufassen. Wenn Sie, sagen wir in einem Gefäß, das durch irgendeine Vorrichtung geschlossen ist, einen gasförmigen Körper haben, so können Sie diesen gasförmigen Körper zusammendrücken: er wird immer dichter und dichter. Das ist ein räumlicher Vorgang. Aber er ist zu vergleichen — natürlich nur zu vergleichen — mit dem, was ich Ihnen eben beschrieben habe. Sie gehen zurück in Ihrem astralischen Leib und in Ihrem Ich bis zum Morgen des 22.Dezember und rücken rasch vor beim Aufwachen zum Morgen des 23. Dezember. Sie schieben innerhalb der Zeit Ihr Seelenwesen vorwärts. Das ist eine Verdichtung der Zeit, oder eigentlich genauer gesagt desjenigen, was in der Zeit lebt. Und durch diesen Vorgang wird unser Seelisches, unser astralischer Leib innerhalb der Zeit so verdichtet, daß er die Eindrücke der Außenwelt nicht nur kurz, sondern als bleibendes Gedächtnis trägt. So wie irgendein Gas, das Sie verdichten, einen stärkeren Druck ausübt, also innerlich mehr Kraft hat, so bekommt Ihr astralischer Leib die starke Kraft der Erinnerung, die starke Kraft des Gedächtnisses durch dieses innerliche Zusammenschieben in der Zeit.

[ 26 ] Man bekommt auf diese Weise eine Vorstellung von etwas, das einem eigentlich sonst immer entgeht. Man stellt sich die Zeit als etwas vor, das gleichmäßig fortläuft, und alles, was in der Zeit sich abspielt, läuft auch gleichmäßig mit der Zeit fort. Beim Raum weiß man: was im Raume ausgedehnt ist, kann verdichtet werden, es wächst seine innere Expansionskraft. Aber auch was in der Zeit lebt, das Seelische, kann — es ist allerdings vergleichsweise gesprochen — verdichtet werden, dann wächst seine innere Kraft. Und für den Menschen ist eine dieser Kräfte die Erinnerungskraft.

[ 27 ] Diese Erinnerungskraft verdanken wir in der Tat dem Vorgange während unseres Schlafes. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen sind wir in der Welt der Archangeloi, und mit den Wesen der Hierarchie der Archangeloi zusammen bilden wir diese Kraft unseres Gedächtnisses aus. So wie wir die Kraft des sinnlichen Wahrnehmens und des Kombinierens der sinnlichen Wahrnehmungen mit den Wesenheiten der Hierarchie der Angeloi ausbilden, so bilden wir diese mehr verinnerlichte, mehr mit dem Zentrum zusammenhängende Kraft des Erinnerns in der Welt der Archangeloi aus.

[ 28 ] Wahre Menschenerkenntnis gibt es nicht im nebulos-mystischen Sinne, wo man hineinbrütet in sich, wahre Menschenerkenntnis führt bei jedem Schritt, den man ins Innere macht, sogleich in höhere Welten hinauf. Wir haben heute von zwei solchen Schritten gesprochen. Schaut man das Gebiet der Sinne an — man ist in dem Gebiete der Angeloi; schaut man das Gebiet der Erinnerung an man ist in dem Gebiete der Archangeloi. Selbsterkenntnis heißt zugleich Götter-Erkenntnis, Geist-Erkenntnis, weil jeder Schritt, der in das menschliche Innere führt, zugleich in die geistige Welt hineinführt. Und je tiefer man in das Innere dringt, desto höher — möchte ich sagen, um dieses Paradoxon zu gebrauchen — steigt man in die Welt der geistigen Wesenheiten hinauf. Selbsterkenntnis ist wirkliche Welterkenntnis, nämlich Erkenntnis des geistigen Inhaltes der Welt, wenn diese Selbsterkenntnis eine ernste ist.

[ 29 ] Auch wiederum aus dieser Auseinandersetzung können Sie sehen, warum in älteren Zeiten, wo unter den orientalischen Völkern eine instinktive Art des geistigen Anschauens erstrebt worden ist, der Atmungsprozeß durch besondere Atmungsübungen zu einem bewußten Vorgang gemacht werden sollte. Man tritt, sobald der Atmungsprozeß bewußt wird, in eine geistige Welt ein. Ich brauche heute nicht wieder zu sagen, daß jene älteren Übungen von dem heutigen Menschen mit seiner veränderten Konstitution nicht wiederholt werden sollen, sondern durch andere zu ersetzen sind, die Sie in den genannten Büchern beschrieben finden. Aber für beide Arten von Erkenntnissen — für die Erkenntnis der älteren mystischen Clairvoyance, für die Erkenntnis der neueren exakten Clairvoyance — gilt das: daß man durch wirkliche Beobachtung derjenigen Vorgänge, die sich im Menschen innerlich abspielen, zugleich in die geistige Welt hineinkommt.

[ 30 ] Es gibt Menschen, die sagen: Ja, aber auf diese Weise gerät man ins Ungeistige hinein. Man will die Sinnesvorgänge untersuchen, Atmungsvorgänge untersuchen. — Manche Menschen nennen das gegenüber einer nebulosen Mystik dann sogar materialistische Selbsterkenntnis. Man soll es nur einmal versuchen! Man wird sehen, daß der Sinnesprozeß sogleich ein geistiger wird, wenn man ihn wirklich kennenlernt, und daß es nur eine Illusion ist, wenn man ihn für einen materiellen Prozeß hält. Ebenso der Atmungsprozeß. Der Atmungsprozeß ist nur nach außen angesehen ein materieller Prozeß. Nach innen angesehen ist er durch und durch ein geistiger Prozeß, sogar ein solcher, der sich in einer weit höheren Welt abspielt als derjenigen, die wir durch unsere Sinne wahrnehmen.

[ 31 ] Morgen wird mein Vortrag sein, der sich an den heutigen anschließen soll, vielleicht aber mehr hinüberleiten wird in eine Art von Weihnachtsbetrachtung.