Das Verhältnis der Sternenwelt zum Menschen und des Menschen zur Sternenwelt
Die geistige Kommunion der Menschheit
GA 219
23 Dezember 1922, Dornach
Achter Vortrag
[ 1 ] Das Mysterium, das dem Weihnachtsfeste zugrunde liegt, kann Veranlassung geben, es mit den Mysterien zu vergleichen, die aus andern Bedingungen der Menschheitsentwickelung hervorgegangen sind. Das Weihnachtsmysterium, wenn es als Mysterium aufgefaßt wird, drückt sich als ein ausgesprochenes Wintermysterium aus. Es ist aus Anschauungen über die geistige Welt hervorgegangen, welche vor allen Dingen auf jene Beziehungen gesehen haben, die sich zwischen dem Menschen und seinem ganzen Erdenschauplatz im Beginn der Winterszeit herstellen.
[ 2 ] Wenn wir unseren Blick auf jene Mysterien wenden, welche auf der einen Seite in einem Teil Asiens lange Zeit vor der Begründung des Christentums gefeiert worden sind und mit großartigen Weltengedanken verknüpft waren, wenn wir das Weihnachtsmysterium vergleichen auch mit jenen Mysterien, welche in Mitteleuropa, in Westeuropa, Nordeuropa, auch in der Zeit vor der Begründung des Christentums gefeiert worden sind, dann fällt uns vor allen Dingen das auf, daß diese Mysterien Sommermysterien waren, daß also bei ihnen es darauf abgesehen war, die Vereinigungen ins Auge zu fassen, welche das menschliche Wesen mit dem verknüpfen, was im irdischen Leben während der Sommerszeit vor sich geht. Man versteht dasjenige, um was es sich dabei handelt, nur dann, wenn man den Blick zunächst auf jenen Teil der Menschheitsentwickelung richtet, der dem Mysterium von Golgatha vorangegangen ist.
[ 3 ] Schauen wir einmal zurück in sehr alte Zeiten der Menschheitsentwickelung, wie wir das des öftern getan haben, so finden wir das, was in den Mysterien gesagt wurde, in eine Menschheit hineingestellt, die noch ein älteres, instinktives Hellsehen hatte, die noch in gewissen Bewußtseinszuständen, die da zwischen dem vollständigen Schlafzustande und dem Wachzustande lagen, man möchte sagen, die in einem realen Traumzustande eine Einsicht in die geistigen Welten hatte, aus denen der Mensch heruntergestiegen ist, um auf Erden seine physische Organisation zu beziehen.
[ 4 ] Es war das eine Zeit, in der eigentlich jeder Mensch so von den geistigen Welten erzählen konnte, so über die geistigen Welten denken konnte, wie heute der Mensch von demjenigen erzählt, was ihm die gewöhnlichen Erkenntnisse, die er in der Schule lernt, sagen. Ich habe es schon öfters angedeutet: was die Menschen jener alten Zeiten als geistig-übersinnlich schauten, das stellte sich ihnen in Bildern dar. Nicht in Traumbildern, die Bilder waren den Traumbildern nur ähnlich. Aber während man bei den Traumbildern ganz genau weiß, sie sind aus Reminiszenzen des Lebens zusammengewoben, sie steigen aus den menschlichen Organisationen auf, bilden nicht, wie die Gedanken, eine Wirklichkeit ab, so wußte man durch jene Imaginationen des alten Hellsehens, daß sie sich zwar nicht auf eine äußere sinnliche Wirklichkeit, auch nicht auf die geschichtliche Wirklichkeit der Menschen beziehen, daß sie sich aber auf eine geistige Welt beziehen, die hinter der sinnlichen verborgen ist. Die geistige Welt war also dem Menschen zunächst in Bildern gegeben.
[ 5 ] Aber man soll sich nicht vorstellen, daß diese älteren Menschen etwa keine Gedanken gehabt hätten. Sie haben Gedanken gehabt, aber sie erwarben sich ihre Gedanken nicht so, wie heute der Mensch seine Gedanken erwirbt. Will heute der Mensch Gedanken haben, dann muß er sich innerlich für diese Gedanken anstrengen. Er muß sozusagen innerlich diese Gedanken ausgestalten. Bine ähnliche Tätigkeit verrichteten schon diese älteren Menschen gerade für ihre Bilder, die ihnen ein geistiges Dasein abbildeten. Aber wenn sie die Bilder bekamen, bekamen sie die Gedanken mit. Man kann sogar erstaunt sein, höchst erstaunt sein über die großartigen, leuchtenden Gedanken dieser älteren Menschheit. Sie waren nicht ausgedacht, sie waren empfangen als eine Offenbarung. Geradeso wie wir heute Schulen und Hochschulen haben, so hatte man dazumal Mysterien, in denen Wissenschaft, Kunst, Religion eines waren. Man machte keinen Unterschied zwischen Glauben und Wissen. Das Wissen war bildlich geworden, aber dasjenige, was man glaubte, begründete man durchaus auf das Wissen.
[ 6 ] Man machte auch keinen Unterschied zwischen demjenigen, was man durch die verschiedenen Stoffe als Kunstwerke ausgestaltete, und demjenigen, was man sich als Weisheit erwarb. Heute macht der Mensch den Unterschied, daß er sagt, was er als Weisheit erwirbt, das muß wahr sein. Dasjenige aber, was er seinen Stoffen als Maler, als Bildhauer, als Musiker einverleibt, das ist eben Phantasie. Man möchte sagen: Goethe war der letzte Nachzügler, der nicht diese Anschauung hatte. Denn Goethe betrachtete dasjenige, was er als Künstler seinem Stoffe einverleibte, durchaus ebenso als Wahrheitsgehalt, wie er dasjenige als Wahrheitsgehalt ansah, was ihm wissenschaftlich war. Die eigentliche Philisterei des Unterschiedes zwischen dem Künstlerischen und dem Pedantisch-Wissenschaftlichen, diese eigentliche Philisterei hat erst später begonnen. Und Goethe hat diese Philisterei noch nicht mitgemacht. Goethe konnte noch das große Wort aussprechen, als er den Kunstwerken, die er in Italien gesehen hat, gegenüberstand: Ich habe die Vermutung, daß die Griechen bei der Schöpfung ihrer Kunstwerke nach denselben Gesetzen verfuhren, nach denen die Natur selbst verfährt, und denen ich auf der Spur bin. — Er hatte in Weimar, bevor er nach Italien gegangen war, mit Herder zusammen sorgfältig die Philosophie des Spinoza studiert, hatte versucht, sich in ein Göttlich-Geistiges hineinzuversenken, das alle Wesenheiten der Menschheitsumgebung durchdringt. Er hat aber versucht, dieses Göttlich-Geistige bis in die Einzelheiten zu verfolgen, bis in das Pflanzenblatt und die Pflanzenblüte. Und die Art und Weise, wie er sich in seinen Pflanzen- und Tierstudien die pflanzliche und tierische Gestalt zurechtbildete, war ihm seelenhaft dasselbe, was er seinen Kunstwerken einbilden wollte.
[ 7 ] Heute gilt es als nichtwissenschaftlich, wenn man von einer Wahrheit in der Kunst, in der Wissenschaft und in der Religion spricht. Wie gesagt, jene älteren Bildungsanstalten der Menschheit waren durchaus so, daß Kunst, Wissenschaft, Religion eine vollständige Einheit bildeten. Und diejenigen, die Leiter dieser Mysterien waren, sie waren es vor allen Dingen, welche allmählich anfingen, dasjenige, was sich den andern Menschen in ihrem instinktiven Hellsehen offenbarte, als Gedanken, als besondere Gedanken herauszunehmen und eine Gedankenweisheit zu begründen. Überall sehen wir in den Mysterien Gedankenweisheit aus der hellseherischen Anschauung hervorspringen. Während der größte Teil der Menschheit im Grunde genommen befriedigt war damit, in einer Bildanschauung zu leben und zu weben, während der größte Teil der Menschheit zufrieden und befriedigt war damit, diese Bildanschauung in Mythen, in Legenden, in Sagen, in Märchen ausgestaltet zu bekommen von denen, die fähig waren, solche Sagen, Mythen, Märchen zu bilden, gestalteten die Leiter der Mysterien die Lehre der Menschheit aus: eine Gedankenweisheit. Aber sie waren sich bewußt: diese Gedankenweisheit ist nicht durch die eigenen Kräfte des Menschen erworben, diese Gedankenweisheit ist geoffenbatt.
[ 8 ] Man muß sich nur in diese ganz andersartige Seelenverfassung hineindenken. Diese Seelenverfassung ist so, daß man sagen kann, der heutige Mensch schreibt es seiner eigenen Denktätigkeit zu, wenn er einen Gedanken faßt. Und er gestaltet die Gedankenzusammenhänge nach logischen Regeln, die seine Regeln, die Regeln seiner Denktätigkeit sind. Der alte Mensch empfing die Gedanken. Er dachte gar nicht darüber nach, wie die Zusammenhänge zu gestalten seien, denn er empfing diese Gestaltungen als fertige Offenbarungen. Dafür aber lebte dieser ältere Mensch in seinen Gedanken nicht so, wie wir in diesen Gedanken leben. Wir betrachten diese Gedanken als Eigentum unserer Seele. Wir wissen, wir haben sie uns erarbeitet. Sie sind gewissermaßen aus unserem Seelenwesen hervorgegangen, sind aufgestiegen aus uns selbst. Wir betrachten sie als unser Eigentum. Der ältere Mensch konnte seine Gedanken nicht als sein Eigentum betrachten. Sie waren Erleuchtungen, diese Gedanken. Sie waren mit den erleuchteten Bildern gekommen. Sie erzeugten in diesen älteren Menschen den weisheitsvollen Gedanken gegenüber eine ganz bestimmte Stimmung. Der Mensch sagte sich, indem er auf seine Gedanken hinsah: Ein Göttliches aus einer Überwelt hat sich in mich hineingesenkt. Ich nehme teil an den Gedanken, die eigentlich andere Wesen denken, höhere Wesen als die Menschen sind, und die mich inspirieren, die in mir leben, die mir diese Gedanken geben. Ich kann diese Gedanken nur ansehen, als mir verliehen durch eine Gnade von oben.
[ 9 ] Weil sich dieser ältere Mensch das sagte, so fühlte er das Bedürfnis, diese Gedanken durch seine Gefühle gewissermaßen zu bestimmten Zeiten den oberen Wesen wiederum zu opfern. Und das geschah in den Sommermysterien. In den Sommermysterien ist der Mensch deshalb, weil die Erde mehr in ihrem Umkreis, in ihrem Dunstkreis, in ihrer Atmosphäre lebt, weil die Erde sich nicht durch die Kälte zusammengezogen hat, weil die Erde gewissermaßen sich nicht mit einem Schneegewand des Winters umschlossen hat, weil sie sich im stetigen atmosphärischen Verkehre mit ihrer atmosphärischen Umgebung öffnet, deshalb ist der Mensch den Weiten der Welt hingegeben. Er fühlte sich im Sommer den oberen Göttern verbunden. Er suchte in diesen älteren Zeiten die Hochsommerszeit, dasjenige, was wir heute die Johannizeit nennen würden, die Zeit, in welcher die Sonne ihren höchsten Sommerstand hat, er suchte diese Zeit, um an gewissen ihm heilig gewordenen Orten sich mit den oberen Göttern in Verbindung zu setzen, er versuchte gewissermaßen, dasjenige, was eine natürliche Verbindung des Menschen mit der ganzen ätherischen Umgebung, mit der Sommerszeit ist, zu benützen, um aus dem Gefühl heraus den Göttern zu opfern, die ihm ihre Gedanken gegeben haben, geoffenbart haben.
[ 10 ] Und wenn wir in die Mysterien hineinschauen, hinschauen auf dasjenige, was die Mysterienlehrer ihre Schüler gelehrt haben, so war es etwa das Folgende. Sie sagten: Es muß jedes Jahr zur Hochsommerszeit den Göttern geopfert werden, den oberen Göttern geopfert werden für die Gedanken, die sie den Menschen verleihen, denn sonst mischen sich zu leicht in das Erleben des Denkens beim Menschen luziferische Mächte hinein. — Der Mensch wird von luziferischen Mächten und Kräften durchdrungen. Dem entgeht er, wenn er sich in jedem Sommer erinnert, daß die oberen Götter ihm diese Gedanken gegeben haben, daß er sie gewissermaßen wiederum in dieser Hochsommerszeit zurückfließen läßt. Vor luziferischen Einflüssen sich zu retten, versuchte dieser ältere Mensch, indem die Mysterienleiter diejenigen zusammenriefen, die ihre Bekenner waren, und indem sie vor ihnen jenen Kultus vollbrachten, der darinnen gipfelte, daß man dasjenige, was man an Gedanken geoffenbart erhielt von den oberen Göttern, in zu diesen oberen Göttern aufströmenden Gefühlen hinopferte.
[ 11 ] Dasjenige, was äußerlich dabei im Kultus vollzogen wurde — der aufstrebende Rauch, in den hineingesprochen wurde das rezitative Wort, das den Rauch in entsprechende Wellen brachte —, war nur so gemeint, als ob die Menschen dasjenige, was eigentlich als der seelische Opferrauch ihres Inneren zu den oberen Göttern aufstieg, eben in ein äußeres Mittel hineinschreiben würden, in den Opferrauch durch das formgestaltende Wort. Das Gebet schrieb gewissermaßen nur dasjenige in den Opferrauch hinein, was die Seele hinaufschicken wollte an Gefühlen für die geoffenbarten Gedanken. Das war im wesentlichen die Stimmung, aus der die Hochsommer-Mysterienfeiern hervorgingen. Diese Hochsommer-Mysterienfeiern hatten eigentlich nur einen Sinn, solange die Menschen ihre Gedanken geoffenbart erhielten.
[ 12 ] Aber in den Jahrhunderten, schon vom 8., 9. vorchristlichen Jahrhundert angefangen, in den Jahrhunderten, die vorangingen dem Mysterium von Golgatha, verdunkelten sich die Gedanken von oben, diese geoffenbarten Gedanken, und immer mehr und mehr erwachte in dem Menschen die Fähigkeit, sich seine Gedanken durch seine eigenen Kräfte zu erringen. Dadurch wurde der Mensch in eine ganz andere Stimmung versetzt. Während er früher die Gedanken als etwas empfand, was ihm wie von Weltenweiten zukam, sich in sein Inneres senkte, fing er an, die Gedanken als etwas zu empfinden, was in ihm wächst, was ihm angehört wie sein Blut. In alten Zeiten sah man die Gedanken als etwas an, was einem angehört wie der Atem, den man aus der Atmosphäre empfängt und immer wieder an die Atmosphäre zurückgibt. Wie man die Luft als dasjenige ansieht, was einen umgibt, was man in sich hineinsaugt, aber immer wiederum abgibt, so empfand man die Gedanken als etwas, was man in sich nicht einsog, aber geoffenbart erhielt, was man immer wieder und wieder zur Hochsornmerszeit gewissermaßen an die Götter abzuliefern hatte.
[ 13 ] Es wurden sogar diese Feiern in entsprechender Weise dramatisch so ausgestaltet, daß die Mysterienleiter zu ihren Opferfeiern gingen, indem sie die Symbole der Weisheit trugen. Indem sie jene Opfer, die ich beschrieben habe, verrichteten, legten sie ein Symbolum nach dem andern ab. Und sie gingen weg von diesen Opferfeiern, indem sie nach Ablegung der Symbole der Weisheit als Toren erschienen, die erst wiederum im Laufe des Jahres sich ihre Weisheit zu holen hatten. Und es war gewissermaßen ein Bekenntnis dieser alten Opferweisen, daß sie, indem sie ihr Opfer vollbracht hatten, bekannten vor der Menge, die ihre Bekenner waren: Wir sind wieder Toren geworden.
[ 14 ] In der Tat, man fühlte dieses als ein Mittel, nicht den luziferischen Mächten zu verfallen, wenn man den Jahreslauf so mitmachte, daß man gegen die Hochsommerszeit aufrückte in den Besitz der Weisheit, dann in die Torheit überging, um wiederum zur Weisheit zurückzukehren. So wollte man gewissermaßen den Kosmos miterleben. Wie der Kosmos Winter und Sommer abwechseln ließ, so wollte man in sich abwechseln lassen die Weisheitszeit mit der Zeit des Einrückens in die Finsternis der Torheit. Und es war so, daß diejenigen, deren Weisheit man das ganze Jahr brauchte, zum Beispiel die der Mysterienlehrer, welche die Heilkunde ausübten — denn auch die Heilkunde war einbezogen in das Mysterienwesen, war eins mit dem übrigen Mysterienwesen —, das nicht mitmachen konnten. Denn man durfte natürlich nicht — wenn ich mit unseren Monatsbezeichnungen spreche im August, September, als Arzt ein Tor werden. Sie durften die Weisheit natürlich behalten, aber sie brachten dafür das Opfer, nur dienende Glieder in den Mysterien zu sein, während diejenigen, welche gerade die führenden Persönlichkeiten in den Mysterien waren, jedes Jahr in die Torheit eingingen.
[ 15 ] Von diesem Eingehen in die Torheit ist dann so etwas geblieben wie dasjenige, was zum Beispiel Goethe beschreibt als den Dreizehnten in seinen «Geheimnissen», wo eigentlich ein Mensch in der Dumpfheit, nicht in der Weisheit, die andern leitete. Das war eine ganz andere Stimmung gegenüber demjenigen, was die führende Weisheit der Menschen war, als die spätere, in der die Menschen dann anfingen, ihre Gedanken als Selbsterrungenes anzusehen. Während, wie gesagt, was man früher als Weisheit durchaus wie die Atemluft empfand, empfand man später die Gedanken als etwas, was in dem Menschen selbst erzeugt wird wie das Blut. Man möchte sagen, der Atemluft ähnlich empfand man die Gedanken in der alten Zeit. Dem Blute ähnlich fing man an, die Gedanken zu empfinden in dem Zeitalter, das dann das Mysterium von Golgatha sah. Aber damit sagte sich der Mensch auch: Dasjenige, was ich als Gedanke erlebe, ist nun nicht mehr himmlisch, ist nicht mehr etwas, was sich von oben heruntergesenkt hat. Es ist etwas, was im Menschen selber entsteht, was irdisch ist.
[ 16 ] Diese Stimmung, daß man in den Gedanken der Menschen etwas Irdisches hat, war ganz besonders bedeutsam vorhanden bei den alten Nachzüglern der alten Mysterien, auch noch zur Zeit des Mysteriums von Golgatha. Diejenigen, die dazumal auf der Höhe der Zeitbildung standen, sagten sich: Solche Gedanken kann man nicht mehr haben, wie die alten Weisen sie hatten, die gewissermaßen mit den Göttern zusammenlebten im Hegen ihrer Gedanken, man muß rein menschliche Gedanken entwickeln. — Aber diese rein menschlichen Gedanken stehen in der Gefahr, den ahrimanischen Mächten zu verfallen. So wie diejenigen Gedanken, die von oben sich den Menschen offenbaren, in der Gefahr stehen, den luziferischen Mächten zu verfallen, so stehen die menschlichen Gedanken, die selbsterrungenen Gedanken in der Gefahr, den ahrimanischen Mächten zu verfallen.
[ 17 ] Diejenigen, die so denken konnten gerade in der Zeit des Mysteriums von Golgatha — im 4. Jahrhundert ist dieses Empfinden dann verlorengegangen —, empfanden das Mysterium von Golgatha als die wirkliche Erlösung der Menschheit. Sie sagten sich: Diejenige geistige Macht, die mit der Sonne lebt, konnte vorher eigentlich nur von dem Übermenschlichen erreicht werden. Jetzt muß sie erreicht werden von dem Menschlichen, denn der Mensch hat seine Gedanken in sich selber hereinbekommen. Er muß jetzt etwas anderes vollbringen: er muß jetzt diese seine Gedanken innerlich zum Göttlichen erheben. Der Mensch muß, indem er ein Erdendenker ist, die Gedanken mit dem Göttlichen innerlich durchdringen. Das kann er durch seine gefühls- und gedankenmäßige Verbindung mit dem Mysterium von Golgatha.
[ 18 ] Aber damit wurde die Mysterienfeier aus einer Hochsommerfeier eine Winterfeier. Im Winter, wenn die Erde sich mit ihrem Schneegewande umhüllt, wenn die Erde nicht in der lebhaften Wechselwirkung steht mit ihrer atmosphärischen Umgebung, ist auch der Mensch mehr an die Erde gefesselt. Da lebt der Mensch nicht die Weiten mit, da lebt er aber dasjenige mit, was, ich möchte sagen, unter dem Erdboden wurzelt. Sie müssen nur dieses Wurzeln unter dem Erdboden richtig verstehen. Fortwährend können wir gewahr werden, wie in der Umgebung der Erde nicht nur dasjenige lebt, was von der Sonne unmittelbar kommt, was von der Umgebung kommt, sondern dasjenige, was unter der Erdoberfläche an dem Leben der Erde teilhat. Ich habe diese Sache schon durch sehr einfache Tatsachen hier auseinandergesetzt. Manche von Ihnen, die auf dem Lande gelebt haben, werden wissen, daß die Bauern auf dem Lande in der Winterszeit Gruben aufmachen und ihre Kartoffeln hineintun. Die Kartoffeln überwintern gut darinnen, was sie nicht tun würden, wenn man sie einfach in den Keller legte. Warum?
[ 19 ] Wenn Sie sich hier (siehe Zeichnung) ein Stück Erdoberfläche denken: die Erdoberfläche nimmt dasjenige auf, was an Sonnenwärme und Sonnenlicht während des Sommers zufließt. Es senkt sich gewissermaßen in den Erdboden. So daß, wenn wir zur Winterszeit unsere Aufmerksamkeit auf dasjenige richten, was unter dem Erdboden ist, wir noch den Sommer darinnen haben. Während des Winters ist der Sommer unter dem Erdboden. Und dieser Sommer unter dem Erdboden während des Winters, läßt auch die Wurzeln der Pflanzen gedeihen. Die Keime werden zu Wurzeln, der Keim entwickelt sich so, daß, wenn Sie eine Pflanze wachsen sehen heuer, in diesem Jahre, so wächst sie eigentlich heraus aus der Kraft der Sonne vom vorigen Jahre, die erst in die Erde hineingegangen ist.
[ 20 ] Sehen Sie also die Wurzeln an, ja noch einen Teil der Blätter, dann haben Sie den vorigen Sommer in der Pflanze, und den diesjährigen Sommer haben Sie erst in der Blüte hervorgezaubert durch das jetzige Sonnenlicht und die jetzige Sonnenwärme. Wir haben in der Tat in der Pflanze in dem Aufschießen noch das vorige Jahr und in den Blüten erst dieses Jahr. Und wenn Sie in den Fruchtknoten der Pflanze hineinschauen, der in der Mitte der Blüte ist, so müssen Sie sagen: Das ist noch Ergebnis des Winters, eigentlich also des vorigen Sommers, und nur das, was den Fruchtknoten umgibt, ist von diesem Jahre. — Die Zeiten schieben sich ineinander, so wie in einem andern Falle, wie ich Ihnen gestern auseinandergesetzt habe, sich im Menschen durch das Schlafen die Zeiten ineinanderschieben, so schieben sich auch hier die Zeiten ineinander.
[ 21 ] So daß Sie sich also vorstellen können: wenn die Erde ihr Winterschneegewand anzieht, so ist unter dem Winterschneegewand die Fortsetzung des Sommers. Der Mensch verbindet sich nun nicht mit dem, was in den Weiten draußen ist, sondern er wendet sein Seelisches hinein in das Erdeninnere. Er wendet sich zu den unteren Göttern. Und das war die Vorstellung gerade bei denjenigen, welche im Besitze der Erbschaft der alten Weisheit waren zur Zeit des Mysteriums von Golgatha, was diese veranlaßte, sich zu sagen: Wir haben zu suchen in demjenigen, was mit der Erde verbunden ist, die Kraft des Christus, der neuen Weisheit, die das Erdenwerden durchsetzt.
[ 22 ] Und indem der Mensch übergegangen ist zu den selbsterrungenen Gedanken, fühlte er das Bedürfnis, diese selbsterrungenen Gedanken jetzt innerlich mit der Gottheit zusammenzubringen, mit andern Worten: sie innerlich zu durchchristen. Das kann er in derjenigen Zeit, in der er der Erde am meisten zugewendet ist, in der tiefen Winterzeit. Das kann er dann, wenn die Erde selbst sich gewissermaßen von dem Kosmos abschließt, wenn er auch abgeschlossen ist. Dann ist er dem Gotte am nächsten, der aus diesen Weiten, von denen man abgeschlossen ist während der Winterzeit, herabgestiegen ist und sich mit der Erde verbunden hat. Und es ist ein schöner Gedanke, die Weihnachtsfesteszeit gerade zu verbinden mit derjenigen Zeit, da die Erde vom Kosmos abgeschlossen ist, wo der Mensch in der Erdeneinsamkeit seine Gemeinschaft mit dem Göttlich-Geistigen-Übersinnlichen sucht für seine selbsterrungenen Gedanken. Und indem er dasjenige, was hier eigentlich gemeint ist, versteht, sucht er sich zu bewahren vor den ahrimanischen Kräften, wie er sich in alten Zeiten durch die Hochsommermysterien vor den luziferischen Kräften bewahrt hatte.
[ 23 ] Und so, wie sich eigentlich der alte Mensch unter der Leitung seiner Mysterienlehrer in einer Dämmerung seiner Gedankenwelt durch die Hochsommerfeste gefühlt hat, so sollte sich der Mensch, der in der richtigen Weise das Weihnachtsmysterium versteht, indem er in der Weihnachtszeit mit solchen Wahrheiten sich durchdringt, wie wir sie wieder angeführt haben, gestärkt fühlen. Er sollte gewissermaßen fühlen, wie er durch das richtige Verhältnis, das er zu dem Mysterium von Golgatha entwickelt, die Gedanken, die er sich innerlich in Finsternis erringt, erleuchtet bekommen kann dadurch, daß er in der Tat einsieht: einmal ist im Erdenwerden das geschehen, daß das Wesen, das sonst nur mit der Sonne in Verbindung gedacht werden konnte in älteren vorchristlichen Zeiten, den Übergang zum Erdenwerden gefunden hat, die Erde mit dem Menschen als Geistwesen bewohnt. Und es sollte eigentlich das Weihnachtsopfer so gedacht werden, daß es im Gegensatze zu den alten Hochsommer-Opferfeiern, die möglichst äußerlich waren, ein möglichstes In-Sich-Gehen des Menschen darstellt, daß gerade das Weihnachtsfest dasjenige ist, wo der Mensch versucht, zu verinnerlichen, innerlich zu vergeistigen, was er als Wissen über die ganze Welt sich anzueignen versucht.
[ 24 ] Der alte Mensch fühlte das Wissen nicht als sein Eigentum, sondern als ein Geschenk. Er gab es jedes Jahr wiederum ab. Der Mensch der Gegenwart muß seine Gedankenwelt, sein Gedankenwissen als sein Eigentum betrachten. Daher muß er in sein eigenes Herz hereinnehmen Denjenigen, dem er sich anschließt als dem mit der Erde verbundenen Geistwesen, dem er gewissermaßen in sich seine Gedanken übergibt, um nicht in egoistischer Einsiedelei dazustehen mit seinem Gedankenbesitz, sondern um diesen Gedankenbesitz zu vereinigen mit Dem, der als das Sonnenwesen dutch das Mysterium von Golgatha Erdenwesen geworden ist.
[ 25 ] Die alten Mysterien hatten in einer gewissen Beziehung eine Art, man möchte sagen aristokratischen Charakter, ja, alles Aristokratische hat aus diesen alten Mysterien im Grunde genommen seinen Ursprung bekommen, denn die einzelnen Mysterienpriester standen da, und sie verrichteten ja die Opfer für alle übrigen.
[ 26 ] Die Weihnachtsmysterien-Feier hat einen demokratischen Charakter, denn was die Menschen der neueren Zeit als dasjenige erwerben, was sie eigentlich zu Menschen macht, ist der innere Gedankenbesitz. Und das Weihnachtsmysterium wird nur dann in seinem richtigen Lichte gesehen, wenn nicht der eine für den andern das Opfer vollbringt, sondern wenn der eine mit dem andern ein Gemeinschaftliches erlebt: das Gleichwerden der Menschen gegenüber dem Wesen, das als Sonnenwesen auf die Erde heruntergestiegen ist. Und das ist auch dasjenige, was gerade in den ersten Zeiten der christlichen Entwickelung bis hinein ins 4. Jahrhundert etwa als ganz besonders bedeutsam für das Christentum empfunden worden ist. Erst dann haben sich wiederum die alten Mysterienformen von Ägypten herein über das Römertum und nach Westeuropa herauf fortgepflanzt und haben, man möchte sagen, das ursprüngliche Christentum übertüncht und auch in Traditionen eingehüllt, welche wiederum verlassen werden müssen, wenn das Christentum richtig verstanden werden soll. Denn dasjenige Wesen, in das eingekleidet worden ist das Christentum im Römertum, ist durchaus noch altes Mysterienwesen.
[ 27 ] Das Christentum selber verlangt durchaus dieses Finden des GeistigÜbersinnlichen im Menschen dann, wenn der Mensch gewissermaßen nicht außer sich kommt und hingegeben ist an den Kosmos, sondern wenn der Mensch in sich ist. Das ist er am meisten, wenn er mit der Erde verbunden ist, in der Zeit, in der die Erde selber abgeschlossen von den kosmischen Weiten ist, also zur Tiefwinterszeit.
[ 28 ] Damit versuchte ich Ihnen zu charakterisieren, warum im Laufe der Zeitentwickelung die Hochsommer-Mysterienfeiern sich verwandelt haben in das Tief-winter-weihnachts-Mysterium. Das muß nur im richtigen Sinne verstanden werden. Und gerade ein Rückblick auf die Entwickelung der Menschheit kann dasjenige, was im Weihnachtsmysterium vorliegen soll, ganz besonders verinnerlichen. Man kann dasjenige, was der Mensch immer mehr und mehr werden muß, indem er die Geheimnisse, die er sonst außer sich gesucht hat, in sich suchen muß, so recht fühlen an dem Gegensatze zu den alten Zeiten.
[ 29 ] Von diesem Gesichtspunkte aus ist auch meine «Geheimwissenschaft im Umriß» geschrieben. Würde ein solches Buch — nun, wenn es ein Buch geworden wäre, es wäre etwas anderes geworden! — in alten Zeiten verfaßt worden sein, so würde man begonnen haben, von den Sternenweiten aus zu beschreiben. In meiner «Geheimwissenschaft» ist ganz vom Menschen ausgegangen: der Mensch gewissermaßen innerlich angeschaut und vom Menschen aus die Welt gesucht, des Menschen Inneres erweitert zur alten Saturn-, zur alten Sonnen-, zur alten Mondenzeit und wiederum zu den zukünftigen Epochen der Erdenentwickelung.
[ 30 ] Man ging, indem man in alten Zeiten den Wissensinhalt der Welt suchte, von den Sternen aus, die man äußerlich anschaute, und man versuchte dasjenige, was einem die Sterne sagten, in das Menscheninnere aufzunehmen. Man studierte also etwa die Sonne. In der alten imaginativen Erkenntnis ging einem viel auf, wenn man die Sonne kennenlernte. Heute ist die Sonne dem wirklichen Wissenschafter ein Gasball, etwas, was sie natürlich nicht für das unbefangene Anschauen sein kann. Dem älteren Menschen war sie, insofern er sie äußerlich mit dem Auge sah, geradeso der körperliche Ausdruck für ein Geistig-Seelisches, wie der Menschenkörper der körperliche Ausdruck für ein Geistig-Seelisches ist. Der Mensch sah viel an der Sonne. Dann, wenn er gewissermaßen im Kosmos das gelesen hatte, was er an der Sonne sah, konnte er sich an das eigene Herz schlagen und konnte sagen: Jetzt verstehe ich das menschliche Herz. Die Sonne hat mir gesagt, was das Wesen des menschlichen Herzens ist. — Und so auch in den andern Gestirnen fand der Mensch das, was er selber ist.
[ 31 ] So konnte nicht in meiner «Geheimwissenschaft» vorgegangen werden. Wenn das dort auch nicht in allen Einzelheiten ausgeführt ist, weil dazu noch nicht die Zeit gekommen ist, so ist aber doch so vorgegangen, daß zunächst der Mensch als Ganzes ins Auge gefaßt wird (es wird gezeichnet), darinnen Herz, Lunge und so weiter, die einzelnen Organe, daß, indem die einzelnen Organe verstanden werden, rechts man das Weltenall versteht. So daß man heute das Herz des Menschen studiert, daß man im Herzen des Menschen liest. Und was man da gelesen hat, das sagt einem, was die Sonne ist, das sagt einem etwas über das Wesen der Sonne. Man lernt also durch das Herz von innen nach außen das Wesen der Sonne kennen. In alten Zeiten lernte man das Wesen der Sonne kennen, und indem man das Wesen der Sonne kannte, wußte man, was das menschliche Herz ist. In neueren Zeiten lernt man, was das Herz ist, was die Lunge ist, und lernt den ganzen Kosmos, das ganze Weltenall vom Menschen aus kennen.
[ 32 ] Will man eine empfindende Aufmerksamkeit von dieser Stellung des Menschen zum Weltenall feierlich zum Ausdrucke bringen, so konnte man das als älterer Mensch nur, indem man zur Hochsommerszeit sich hinstellte und recht hinaufsah, weil da am leichtesten und am besten hinaufzusehen war zur Sonne und zu dem übrigen gestirnten Himmel, um da eins zu werden mit dem Kosmos. Will man heute in seine Empfindungswelt intensiv aufnehmen, wie man das Weltenall kennenlernen kann, so muß man tief den Blick in das menschliche Innere wenden. Dazu ist nach dem, was ich Ihnen ausgeführt habe, der richtige Zeitpunkt zur tiefen Winterszeit, zur Weihnachtszeit.
[ 33 ] Versuchen Sie einmal mit diesem Weihnachtsgedanken zurechtzukommen, denn wir haben in der heutigen Zeit schon nötig, daß solche alten Gewohnheiten — denn das sind sie schon geworden eine Belebung erfahren, so daß wir ehrlich wiederum werden gegenüber demjenigen, was wir als Miterlebnis haben mit dem Jahreslaufe zum Beispiel. Wieviel wissen die Menschen vieler Kreise heute von der Weihnachtszeit anderes, als daß man sich da beschenkt, und daß man in einer ziemlich äußerlichen Weise, nun ja, so die Gedanken mitmacht, die halt eben erinnern an das Mysterium von Golgatha!
[ 34 ] Solche Veräußerlichungen sind gerade an dem großen Unglück schuld, in das die Menschheit heute mit ihrer Zivilisation hineingesegelt ist, sie sind die wahre Schuld. Die wahre Schuld liegt in dem gewohnheitsmäßigen Festhalten und in der Abneigung gegenüber der Notwendigkeit, zu erneuern dasjenige, was zum Beispiel auch der Weihnachtsgedanke oder die Weihnachtsempfindung sein soll. Wir brauchen durchaus eine solche Erneuerung. Wir brauchen sie, weil wir nur dadurch wiederum rechte Menschen werden können, daß wir unser geistiges Teil in der Welt finden. Ein Weltenweihnachten, wie ich oftmals gerade in dieser Zeit gesagt habe, ein Weltenweihnachten brauchen wit, eine Geburt des geistigen Lebens. Dann werden wir wiederum als ehrliche Menschen Weihnachten feiern, dann wird es wieder einen Sinn haben, sich gerade dann, wenn die Erde sich mit ihrem Schneegewande umgibt, in der Empfindung der Durchchristung unserer Gedankenwelt nähern zu wollen, die jetzt ist wie das Blut in uns, gegenüber der alten Gedankenwelt, die war wie der Atem in uns,
[ 35 ] Allerdings, man wird wiederum mehr mit der Zeit leben müssen, als man das heute gewöhnt ist. Es ist nicht lange her, zwei Jahrzehnte, da tauchte der Gedanke auf, das Osterfest, das wenigstens noch nach dem Zeitenlauf geordnet ist, immer auf den 1.April zu verlegen, damit man die Kontobücher nicht immer in Unordnung bringt dadurch, daß diese Festeszeit auf einen andern Tag fällt in jedem Jahre. Es sollte alles auch mit Bezug auf das Miterleben des Zeitenlaufes in den materialistischen Gang der Menschheitsentwickelung einbezogen werden. Man konnte verstehen, daß sich das materialistische Denken allmählich auch schließlich zu dem bequemen werde, da man es erlebt hat, daß die Menschen zum Beispiel den Jahreslauf beginnen mit dem jetzigen Neujahr, am 1. Januar, trotzdem der Dezember — decem — der zehnte Monat ist und ganz augenscheinlich der Januar und Februar zum vorigen Jahre gehören, und das neue Jahr höchstens im März beginnen kann, wie es in der römischen Zeit auch begonnen hat. Aber es hat einmal einem blödsinnigen, auch von der Geschichte anerkannt blödsinnigen französischen König gefallen, mitten im Winter, am 1. Januar, das Jahr anzufangen, und die Menschheit hat sich danach gerichtet.
[ 36 ] Man muß schon starke Gedanken fassen, wenn man ehrlich sich sagen will: Die Rettung der Menschheitsentwickelung muß dadurch gesucht werden, daß der Mensch sich mit der Weisheit verbindet. Denn es gibt viele Tatsachen, die dafür sprechen, daß der Mensch sich keineswegs immer mit der Weisheit verbunden hat, sondern auch mit der Torheit. Fassen Sie einmal den Weihnachtsgedanken so, daß der Mensch ehrlich werde darinnen, diejenige Macht mit diesem Weihnachtsgedanken zu verbinden, die davon gesprochen hat: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.» Aber der Weg zur Wahrheit und zu dem Leben im Geiste muß gesucht werden. Dazu ist notwendig, wirklich einzutauchen gerade für die gegenwärtige Menschheit in die Tiefen der Mitternacht, um das im Menschen selbst sich entzündende Licht zu finden.
[ 37 ] Nicht bei der alten Tradition darf es bleiben, daß nur um die Mitternachtszeit die erste Weihnachtsmesse gelesen wird, sondern es muß wieder dazu kommen, daß der Mensch erlebt, daß sein Bestes, nämlich sein Lichtvolles, aus seiner Finsternis geboren werde. Denn das ist schon eine Wahrheit, daß das wahre Licht aus dem Dunkel geboren wird. Es muß aber aus diesem Dunkel nicht immer weiteres Dunkel, sondern das Licht geboren werden.
[ 38 ] Versuchen Sie, den Weihnachtsgedanken mit jener Kraft für Ihre Seele zu durchdringen, die daher kommt, daß man mit der Notwendigkeit sich durchdringt, daß die Finsternis des andern Wissens durchdrungen werden muß von dem Lichte geistiger Einsicht und geistiger Anschauung. Dann wird Ihnen in der Weihnacht der Christus als in jedem Ihrer Herzen geboren werden. Und Sie werden wiederum in sich erleben mit den andern Menschen eine Welt-Weihenacht.
