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Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festeszeiten
GA 223

1 Oktober 1923, Wien

Die Anthroposophie und das menschliche Gemüt IV

[ 1 ] Alle Betrachtungen, die hier in den letzten Tagen von mir vor Ihnen angestellt worden sind, zielten darauf hin, darauf aufmerksam zu machen, wie der Mensch wiederum aus einem Erdenbürger gewissermaßen ein Bürger des Kosmos werden kann, wie der Horizont seines Lebens sich hinausdehnen kann in die Weltenweiten, und wie dadurch das Leben auch innerhalb der irdischen Sphäre nicht nur eine Bereicherung nach Seiten der Ausdehnung, sondern auch eine Bereicherung nach Seiten der Intensität innerer Impulse erlangen kann.

[ 2 ] Ich habe das letzte Mal davon gesprochen, wie eine wirkliche Geistesanschauung den Menschen hinführt zu durchschauen, wie die Planeten unseres Planetensystems nicht nur jene physischen Körper sind, von denen die heutige Astronomie spricht, sondern wie sie uns wirklich bewußt werden können als Offenbarungen von geistigen Wesenheiten. Ich habe in dieser Beziehung vom Monde, ich habe vom Saturn gesprochen. Bei der Kürze dieser Betrachtung kann ich nun natürlich nicht auf alle einzelnen Planeten eingehen, das ist auch für unser gegenwärtiges Ziel nicht von Belang. Ich wollte nur darauf hinweisen, wie man die ganze menschliche Seelenverfassung von der Erde in die Weltenräume hinaus erweitern kann. Dadurch aber wird es einem erst möglich, die äußere Welt als zu sich gehörig zu betrachten, ebenso wie man als zu sich gehörig das betrachtet, was innerhalb der menschlichen Haut vor sich geht, wie man also als zu sich gehörig betrachtet seine Atmung, seine Blutzirkulation und so weiter.

[ 3 ] Die heutige Naturwissenschaft betrachtet ja auch unsere Erde so, als ob diese unsere Erde ein bloßer mineralischer, toter Körper wäre. In der heutigen Zivilisation denkt der Mensch gar nicht daran, daß er mit dem, was er zum Beispiel kosmologisch betrachtet, gar keine Wirklichkeit im Auge hat. Für Wirklichkeitsempfinden ist die heutige Seelenverfassung außerordentlich stumpf. Der Mensch nennt leicht zum Beispiel einen Salzkristall wirklich, er nennt auch eine Rose wirklich, und er unterscheidet diese beiden Wirklichkeiten nicht voneinander. Aber ein Salzkristall ist eine in sich abgeschlossene Wirklichkeit, die für sich bestehen kann, eine Rose nicht. Eine Rose hat nur eine Existenz, wenn sie am Rosenstock ist. Eine Rose, ich meine die Blüte der Rose, kann nicht für sich da draußen entstehen. Wenn wir also überhaupt die Vorstellung einer Rosenblüte haben, an der wir unsere Freude haben mögen, sofern wir diese Vorstellung äußerlich realisiert haben, dann haben wir ein Abstraktum, auch wenn wir dieses Abstraktum betasten können, wir haben aber keine wahre Wirklichkeit, die hat nur der Rosenstock. Und ebensowenig hat eine wahre Wirklichkeit jene Erde mit ihrem Urgestein, Schiefer- und Kalkgestein und so weiter, von der uns heute die äußere Wissenschaft erzählt, denn diese Erde gibt es gar nicht, sie ist nur erdacht. Und die wirkliche Erde, hat sie nicht aus dem Festen Pflanzen hervorgebracht, hat sie nicht die Tiere, die Menschen hervorgebracht? Das gehört zur Erde, gehört ebenso zur Erde wie der kristallinische Schiefer der Gebirge, und wenn ich nur eine Erde betrachte, die aus Stein besteht, so habe ich keine Erde. Das ist keine Realität, was die äußere Naturwissenschaft auf irgendeinem Gebiete in der Geologie heute betrachtet.

[ 4 ] So handelt es sich eigentlich für unsere ganze letzte Betrachtung darum, nicht nur logisch, sondern wirklichkeitsgemäß vorzugehen. Wir können heute sagen: Die offenbaren Irrtümer der heutigen Bildung genieren uns eigentlich wenig; das leicht Widerlegliche geniert uns wenig. Was am schlimmsten im heutigen Wissen, in der heutigen Erkenntnis ist, das ist das, was sich scheinbar gar nicht widerlegen läßt. — Sehen Sie, es gehört wirklich Geist-Reichtum, exakte Erkenntnis dazu, um alle diejenigen Dinge zu berechnen, die zum Beispiel die heutige geologische Wissenschaft für die Entstehung der Erde berechnet, die Entstehung der Erde vor so und so vielen Millionen Jahren. Allerdings weichen da diese Rechnungen um Kleinigkeiten voneinander ab. Manche Geologen sagen zwanzig Millionen, manche zweihundert Millionen Jahre, aber zwanzig Millionen oder zweihundert Millionen sind heute für die Menschen auch Bagatellen auf andern Gebieten geworden. Trotzdem aber diese Leute so verschiedener Ansicht sind, ist die Rechnungsmethode, die da angewendet wird, wirklich eine solche, daß man allen Respekt davor haben kann. Sie ist exakt, sie ist genau. Aber wie ist sie? Sie ist so, wie wenn ich das menschliche Herz untersuchen würde heute, dann in einem Monat wieder. Durch irgendwelche, sagen wir feinere Untersuchungen komme ich darauf, Veränderungen dieses menschlichen Herzens festzustellen, und ich weiß dann, wie sich dieses Herz im Laufe eines Monats verändert hat. Dann beobachte ich wieder, wie es sich nach einem weiteren Monat verändert hat und so weiter. Das heißt, ich wende auf das menschliche Herz dieselbe Methode an, die die Geologen anwenden, um die geologischen Zeiträume nach Millionen von Jahren zu berechnen, da rechnet man ja auch auf Grund der Ablagerungen und so weiter in den Erdschichten, um daraus, wenn man die kleinen Veränderungen in der entsprechenden Weise zusammenhält, Zahlenangaben zu errechnen. Aber wie kann ich es mit meinen Ergebnissen, die ich über die Veränderungen des menschlichen Herzens gewonnen habe, nun machen? Ich kann jetzt die Methode auf die Veränderungen anwenden und ausrechnen, wie dieses menschliche Herz vor dreihundert Jahren ausgeschaut hat und wie es nach dreihundert Jahren ausschauen wird. Die Rechnung kann stimmen. Nur ist dies Herz vor dreihundert Jahren nicht da gewesen und wird nach dreihundert Jahren auch nicht da sein. So können die geistvollsten, exakten Rechnungsmethoden dazu führen, daß man heute in der geologischen Wissenschaft Angaben darüber macht, wie die Erde vor drei Millionen Jahren ausgeschaut habe, wo es noch kein Silur gegeben habe und so weiter. Die Rechnung kann durchaus stimmen, aber die Erde war noch nicht da. Und ebenso kann heute ausgerechnet werden — das tun die Physiker —, wie nach zwanzig Millionen Jahren die verschiedenen Substanzen ganz anders sein werden. In dieser Beziehung haben die amerikanischen Forscher außerordentlich interessante Forschungen und Darstellungen gegeben, zum Beispiel wie dann Eiweiß aussehen würde; nur wird die Erde als physischer Weltenkörper dann nicht mehr da sein! Logische Methoden also, Exaktheit sind eigentlich gerade das Gefährliche, denn sie lassen sich nicht widerlegen. Es läßt sich nicht widerlegen, wenn man ausrechnen würde, wie das Herz vor dreihundert Jahren ausgeschaut hat, wenn die Methode richtig ist, oder wie die Erde vor zwanzig Millionen Jahren ausgeschaut hat, es läßt sich auch nichts damit tun, wenn man sich um diese Widerlegungen bemühte, sondern wir müssen ein wirklichkeitsgemäßes Denken, eine wirklichkeitsgemäße Weltanschauung erfassen.

[ 5 ] Auf eine solche allseitige Erfassung der Wirklichkeit kommt es gerade bei der Geisteswissenschaft auf allen Gebieten an. Und durch solche Methoden, wie ich sie gestern dargestellt habe, durch solche verinnerlichten Methoden, durch die man, wie ich gestern zeigte, die Mond- und die Saturnbevölkerung kennenlernt, lernt man nun auch nicht nur das Verhältnis der Erde zu ihren eigenen Wesen, sondern das Verhältnis jedes Wesens des Weltenalls zu dem Wesen des Kosmos kennen. Überall in der Welt ist im Materiellen, das nur der äußere Ausdruck für das Geistige ist, das Geistige enthalten. Imagination, Inspiration und Intuition finden überall in dem Sinnlichen, in dem Physischen das Geistige, aber sie finden dieses Geistige nicht bloß so, daß man es, sagen wir, in scharfen Konturen erfassen kann, sondern sie finden das Geistige in einer unaufhörlichen Beweglichkeit, in einem unaufhörlichen Leben. Und geradeso wie das, was die Geologie als die Gesteine uns liefert, keine Wirklichkeit hat, sondern die Erde zunächst auch in ihrem Hervorbringen von Pflanzen, Tieren und physischen Menschen gesucht werden muß, so muß die Erde, wenn sie in ihrer Gesamtwirklichkeit erfaßt werden soll, auch erfaßt werden als die äußere physische Ausgestaltung des Geistigen.

[ 6 ] Man lernt zunächst durch die Imagination kennen, wie das Erdengeistige sich dennoch in einer gewissen Beziehung unterscheidet von dem, wenn ich mich so ausdrücken darf, Menschengeistigen. Tritt ein Mensch vor mich hin, so sind allerdings viele, mannigfaltige Äußerungen seines Wesens vor meiner Anschauung. Ich sehe, wie er geht, ich höre, wie er spricht, ich sehe seine Physiognomie, ich sehe die Gesten seiner Arme und Hände. Das alles aber leitet mich an, nach einem einheitlichen Seelisch-Geistigen, das in ihm die Herrschaft hat, zu suchen. Geradeso wie hier schon der Instinkt nach einem einheitlichen Seelisch-Geistigen in dem abgeschlossenen Menschenwesen suchen muß, so findet die imaginative Erkenntnis, wenn sie die Erde betrachtet, nun nicht ein einheitliches Erdengeistiges, sondern sie findet gerade das Erdengeistige als eine Vielheit, als eine Mannigfaltigkeit. Man sollte daher nicht aus Analogie vom Geistigen des Menschenwesens schließen auf einen einheitlichen Erdengeist, denn die wirkliche Anschauung gibt eine Mannigfaltigkeit von Erdengeistigkeit, sozusagen von geistigen Wesenheiten, die in den Reichen der Natur der Erde leben. Aber diese geistigen Wesenheiten machen ein Leben durch, sind in einem Werden.

[ 7 ] Nun schauen wir uns einmal an, was diese Imagination, die durch die Inspiration unterstützt wird, im Laufe eines Jahres an Erdenwerden wahrnimmt. Lenken wir zuerst den Seelenblick auf den Winter. Die Erde bedeckt sich äußerlich mit Frost und Schnee, die Keime sozusagen der Erdenwesen, der Pflanzen, sind zurückgenommen in die Erde. Gerade das, was keimend mit der Erde zusammenhängt von der Tier- und Menschenwelt können wir dabei absehen —, zieht die Erde in ihr Inneres zurück. Wir lernen zu dem sprießenden, sprossenden Leben des Frühlings und des Sommers im Winter das ersterbende Leben kennen. Aber was bedeutet in geistiger Beziehung dieses ersterbende Leben des Winters? Es bedeutet, daß jene geistigen Wesenheiten, die wir als elementarische geistige Wesenheiten bezeichnen können, die das eigentlich Belebende namentlich in den Pflanzen sind, sich in die Erde selber zurückziehen, mit der Erde inniglich verbunden sind. Das ist im Winter der imaginative Anblick der Erde, daß die Erde gewissermaßen ihre geistigen Elementarwesen in ihren Körper aufnimmt, sie in ihrem Körper birgt. Die Erde ist im Winter am geistigsten, das heißt am meisten durchdrungen von ihren elementarischen Geistwesen.

[ 8 ] Bei demjenigen, der dieses anschaut, geht wie alle übersinnliche Anschauung auch diese in die Empfindung, in das Gefühl über. Er schaut während des Winters auf die Erde empfindend hin und sagt sich: Da, wo die Schneedecke liegt, wird aber der Erdenkörper so zugedeckt, daß in diesem Erdenkörper die elementargeistigen Wesen des Erdendaseins selber wohnen. Kommt der Frühling, dann verwandelt sich die Verwandtschaft dieser elementargeistigen Wesen mit der Erde in die Verwandtschaft mit der kosmischen Umgebung. Was während des Winters in diesen Wesen eine tiefe Verwandtschaft abgegeben hat mit der Erde selber, wird während des Frühlings mit der kosmischen Umgebung verwandt, die Elementarwesen streben aus der Erde heraus. Und der Frühling besteht eigentlich darin, daß die Erde ihre Elementarwesen in Hingabe an das Weltenall entströmen läßt. Diese Elementarwesen brauchen im Winter das Ruhen im Schoße der Erde, sie brauchen im Frühling das Ausströmen durch die Luft, durch die Atmosphäre, das Bestimmtwerden durch die geistigen Kräfte des Planetensystems, die geistigen Kräfte von Merkur, Mars, Jupiter und so weiter. Alles das, was vom Planetensystem auf die Erdengeister wirken kann, das wirkt im Winter nicht, es beginnt zu wirken im Frühling. Und es ist wirklich so, daß wir hier einen kosmischen Vorgang beobachten können, der mehr geistig ist im Verhältnis zu einem Vorgang im Menschen, der mehr materiell ist: dem Atmungsvorgang im Menschen. Wir atmen die äußere Luft ein, bergen sie in unserem eigenen Leibe, wir atmen sie wieder aus; wir atmen ein, wir atmen aus. Einatmen, ausatmen ist ein Bestandteil des menschlichen Lebens. Die Erde hat ihre ganze Geistigkeit im Winter eingeatmet, beginnt, wenn der Frühling kommt, ihre Geistigkeit wieder in den Kosmos hinauszuatmen. Und der Mensch empfand das in sehr alten Zeiten der Menschheitsentwickelung, als noch eine Art instinktives Hellsehen vorhanden war. Er empfand daher das Angemessene des Erdendaseins zur Wintersonnenwende in dem Weihnachtsfest. Da wo die Erde am geistigsten ist, da durfte sie ihm das Geheimnis des Weihnachtsfestes bergen. Der Erlöser konnte sich nur mit einer Erde verbinden, die ihre ganze Geistigkeit in ihren Schoß aufgenommen hat.

[ 9 ] Aber für das Fest, für welches die Empfindung aufleben sollte, daß der Mensch nicht nur der Erde angehört, sondern daß er dem ganzen Weltenall angehört, und daß er als Erdenbürger mit seiner Seele am Weltenall erwachen kann, für dieses Auferstehungsfest konnte nur diejenige Zeit in Anspruch genommen werden, welche alles Erdengeistige in den Kosmos hinausführt. Daher sehen wir das Weihnachtsfest verbunden mit Erdentatsachen, mit der Winterfinsternis der Erde, mit dem — in einem gewissen Sinne — Schlafen der Erde. Das Osterfest dagegen sehen wir so in den Jahreslauf eingezeichnet, daß wir es nicht nach Erdenangelegenheiten bestimmen, daß wir es bestimmen nach kosmischen Angelegenheiten. Der erste Sonntag nach Frühlingsvollmond ist bestimmend für das Osterfest. Also die Sterne mußten den Menschen in früheren Zeiten sagen, wann das Osterfest sein soll, weil da die ganze Erde sich öffnet dem Kosmos. Da mußte die Schrift des Kosmos zu Hilfe genommen werden, da mußte der Mensch gewahr werden, daß er nicht nur ein Erdenwesen ist, daß er im Frühlingsosterfest sich selber öffnen muß den kosmischen Weiten.

[ 10 ] Es tut einem wirklich in der Seele weh, wenn diese großartigen Gedanken einer durchlebten Zeit der Menschheit, die in bezug auf solche Gedanken noch größer war als die heutige, nun heute so diskutiert werden, wie wir es schon seit zwanzig, fünfundzwanzig Jahren gewohnt sind, daß allerlei Leute, die es glauben gut zu meinen mit der Menschheit, sich darüber unterhalten, wie man doch das Osterfest nicht so beweglich halten sollte; wenigstens sollte man es auf den ersten Sonntag im April festsetzen, also äußerlich, ganz abstrakt. Ich habe Diskussionen anhören müssen, wo man darauf aufmerksam machte, wie das in den Bilanzbüchern der Kaufleute Unordnung mache, daß das Osterfest so beweglich ist, und wie es viel regelmäßiger mit den Geschäften abgehen würde, wenn das Osterfest streng geregelt wäre. Es tut einem, wie gesagt, in der Seele weh, wenn man sieht, wie weltenfremd diese Zivilisation geworden ist, die sich praktisch dünkt, denn ein solcher Vorschlag ist das Unpraktischste, was sich denken läßt; unpraktisch, weil diese Zivilisation zwar für den Tag Praxis begründen kann, nie aber für das Jahrhundert. Für das Jahrhundert kann nur dasjenige Praxis begründen, was im Einklange mit dem Weltenall ist. Da muß aber der Jahreslauf den Menschen immer hinweisen können auf das innere Leben mit dem ganzen Kosmos.

[ 11 ] Und gehen wir vom Frühling nach dem Sommer zu, so verliert die Erde immer mehr und mehr ihre Geistigkeit im Inneren. Diese Geistigkeit, die Elementarwesen, gehen vom Irdischen in das Außerirdische, kommen ganz unter den Einfluß der kosmischen, planetarischen Welt. Das war einstmals die ungeheuer tiefe Kulthandlung, die innerhalb gewisser Mysterienstätten in derjenigen Zeit entfaltet wurde, in der wir heute das Johannifest im Hochsommer ansetzen. Dieses Johannifest im Hochsommer war einstmals diejenige Zeit, wo die Eingeweihten, die Mysterienptiester derjenigen Stätten, wo Johannifeste in ihrer ursprünglichen Bedeutung abgehalten wurden, tief durchdrungen waren davon: Was du in der tiefen Winterzeit, bei Wintersonnenwende, suchen mußtest, indem du durch die geistig durchsichtig werdende Schneedecke in das Innere der Erde schautest, das findest du jetzt, indem du den Seelenblick hinaustichtest. Und die Elementarwesen, die während der Winterzeit innerhalb der Erde von dem Erdengründigen bestimmt waren, sind jetzt bestimmt von den Planeten. Du lernst von den Wesen, die du im Winter in der Erde suchen mußtest, während der Hochsommerzeit ihre Erlebnisse mit den Planeten kennen. — Und so wie sonst der Mensch unbewußt seinen Atmungsvorgang als etwas erlebt, was zu seinem Dasein innerlich gehört, so erlebte der Mensch einstmals sein Dasein hinzugehörig zu dem Jahreslaufe — im Geistigen, das zur Erde gehört. Er suchte die ihm verwandten Elementarwesen der Natur während des Winters in den Erdentiefen; er suchte sie während der Hochsommerzeit in Wolkenhöhen. Er fand sie in den Tiefen der Erde innerlich durchwoben und durchlebt von den eigenen Erdenkräften in Verbindung mit dem, was die Mondenkräfte in der Erde zurückgelassen haben; er fand sie während der Hochsommerzeit hingegeben an die Weiten des Weltenalls.

[ 12 ] Und wenn die Hochsommerzeit sich neigt, dann beginnt auch wieder die Erde einzuatmen ihr Geistiges, so daß von der Johannizeit abwärts, wenn die Erde ihr Geistiges einatmet, sich wiederum diejenige Zeit vorbereitet, wo die Erde ihr Geistiges in sich tragen wird.

[ 13 ] Der Mensch ist heute wenig geneigt, auf dieses Einatmen und Ausatmen der Erde hinzuschauen. Die menschliche Atmung ist mehr ein physischer Vorgang, die Erdenatmung ist ein geistiger Vorgang, ist ein Hinausschreiten der elementarischen Wesenheiten der Erde in Weltenräume und ein Eingesenktwerden dieser Wesenheiten in die Erde. Aber wirklich, geradeso wie der Mensch das, was in seiner Blutzirkulation vorgeht, in seiner inneren Lebenshaltung miterlebt, so erlebt er eigentlich als vollmenschliches Wesen den Jahreslauf mit. Wie das Kreisen des Blutes innerlich wesentlich ist für sein Dasein, so ist — in einem weiteren Sinne — für das Menschendasein wesentlich dieses Kreisen der elementarischen Wesenheiten von der Erde hinauf zum Himmel und wieder zur Erde zurück. Und nur die Grobheit der Empfindung läßt den Menschen heute nicht mehr ahnen, was da eigentlich in ihm selber abhängt von diesem äußeren Gang im Jahre. Aber indem der Mensch im Laufe der Zeit sich wird bemühen müssen, die Vorstellungen aufzunehmen, welche Geisteswissenschaft, übersinnliche Erkenntnis ihm liefert, indem er jene innere Aktivität wird entwickeln müssen, die er braucht, um dasjenige wirklich sich innerlich-seelisch gegenwärtig zu machen, was als geisteswissenschaftliche Resultate ihm anvertraut wird, wird ein solches Erfassen dieser geisteswissenschaftlichen Resultate auch seine Empfindungsfähigkeit feiner machen. Dies ist es eigentlich, was Sie alle von der Vertiefung in jene übersinnliche Erkenntnis erwarten sollten, welche die Anthroposophie meint. Wenn Sie ein anthroposophisches Buch lesen, meinetwillen sogar wenn Sie einen Zyklus lesen, und Sie lesen ihn so, daß Ihr Lesen gleicht dem Lesen eines andern Buches, daß Ihr Lesen so abstrakt vor sich geht wie das Lesen eines andern Buches, dann haben Sie eigentlich gar nicht nötig, anthroposophische Literatur zu lesen. Da rate ich lieber, lesen Sie Kochbücher oder technische Lehrbücher oder dergleichen, denn das ist dann nützlicher, oder eine Anleitung, wie man am besten Geschäfte macht. Anthroposophische Bücher lesen oder anthroposophische Vorträge anhören, hat nur dann einen Sinn, wenn man gewahr wird, daß man, um diese Resultate aufzunehmen, sich ganz anders stimmen muß als für andere Resultate. Das geht schon daraus hervor, daß diejenigen Menschen, die heute sich eigentlich für die besonders Klugen halten, diese anthroposophische Literatur doch für einen Wahnsinn halten. Ja, sie müssen doch auch Gründe dafür haben, daß sie sie für einen Wahnsinn halten. Die Gründe sind diese, daß sie sagen: Alles andere sagt anderes, alles andere stellt uns die Welt anders dar. Wir können uns doch nicht darauf einlassen, daß da diese Anthroposophen kommen und die Welt ganz anders darstellen! — Ja, anders ist es eben, was als anthroposophische Resultate in die Welt tritt, als das, was einem heute sonst erzählt wird. Ich muß schon sagen: Die Politik, die manchmal befolgt wird von manchen unserer Freunde, Anthroposophie dadurch schön machen zu wollen vor der Welt, daß man eigentlich die Sache so hinstellt, als ob es gar keine Widersprüche gäbe mit den trivialen Meinungen der andern: diese Bestrebungen kann man eigentlich nicht richtig finden, obwohl man sie immer wieder antrifft. Man braucht eine andere Einstellung, eine ganz andere Orientierung der Seele, wenn man das nun wirklich plausibel, faßbar, begreiflich, gescheit und nicht für wahnsinnig halten will, was Anthroposophie sagt.

[ 14 ] Wenn man aber diese andere Orientierung bekommt, dann wird nach einiger Zeit nicht nur der menschliche Intellekt dadurch eine Schulung durchmachen, sondern es wird das menschliche Gemüt eben eine Schulung durchmachen; es wird feiner empfindlich werden, dieses Gemüt. Und das Gemüt wird nicht nur den Winter so fühlen, daß man sich da den Winterrock anzieht, wenn es kalt wird, und es wird den Sommer nicht nur so fühlen, daß man eine Anzahl Kleider ablegt, wenn es wieder warm wird, sondern man wird im Laufe des Jahres jene feinen Übergänge vorgehen fühlen von dem frostigen Schnee im Winter zur schwülen Hochsommerzeit im Erdendasein. Und man wird lernen, den Gang des Jahres wirklich so zu empfinden, wie wir die Äußerungen eines lebendigen, beseelten Wesens empfinden. Ja man kann durch richtiges Anthroposophiestudieren das Gemüt so weit bringen, daß einem der Jahreslauf so sprechend wirklich wird, daß man sich den Äußerungen dieses Jahreslaufes gegenüber fühlt wie den Zusprüchen oder den Absprüchen einer Freundesseele. Wie man aus den Worten der Freundesseele, aus dem ganzen Gebaren der Freundesseele empfinden kann den warmen Pulsschlag des beseelten Wesens, der einen wahrhaftig anders anspricht als irgend etwas Lebloses, Unbeseeltes, so wird die erst stumme Natur wie beseelt für den Menschen zu sprechen beginnen können. Der Mensch wird Seele, im Werden verlaufende Seele im Jahreslaufe empfinden lernen, wird hinhorchen lernen auf das, was das Jahr zu sagen hat, wie auf das große lebendige Wesen, während er es sonst in seinem Leben mit kleinen lebendigen Wesens zu tun hat, er wird lernen, sich in den ganzen beseelten Kosmos hineinzustellen. Wenn aber dann der Sommer übergeht in den Herbst und der Winter sich naht, dann wird ihm gerade dadurch ein Besonderes aus der Natur heraus sprechen.

[ 15 ] Wer diejenige feine Empfindung gegenüber der Natur, die ich charakterisieren wollte, nach und nach sich aneignet — und der Anthroposoph wird nach einiger Zeit bemerken, daß dies das Gefühlsresultat, das Gemütsresultat seines anthroposophischen Strebens sein kann —, wird unterscheiden lernen: Naturbewußtsein, das da entsteht während der Frühlings- und Sommerzeit, und eigentliches Selbstbewußtsein, das da sich wohlfühlt während der Herbstes- und Winterzeit. Naturbewußtsein: die Erde entwickelt, wenn der Frühling kommt, ihr sprießendes, sprossendes Leben. Und wer die richtige Empfindung gegenüber diesem sprießenden, sprossenden Leben hat, wer sprechen läßt in sich, was da eigentlich während des Frühlings vorhanden ist — man braucht es nicht bewußt zu haben, es spricht auch im Unterbewußtsein zum vollen menschlichen Leben —, wer das alles hat, der sagt nicht bloß: Die Blume blüht, die Pflanze keimt —, sondern der fühlt wahrhaftig ein Hingegebensein an die Natur, so daß er sagen kann: Mein Ich blüht in der Blume, mein Ich keimt in der Pflanze. — Dadurch erst entsteht Naturbewußtsein, daß man mitmachen lernt dasjenige, was im sprießenden, sprossenden Leben sich entwickelt, sich entfaltet. Mit der Pflanze keimen können, mit der Pflanze blühen können, mit der Pflanze fruchten können: das ist das, was Herausgehen des Menschen aus seinem Inneren bedeutet, was Aufgehen in der äußeren Natur bedeutet. Geistigkeit entwickeln, bedeutet wahrhaftig nicht, sich verabstrahieren. Geistigkeit entwickeln bedeutet, dem Geist in seinem Weben und Werden nachfolgen können. Und wenn so der Mensch, indem er mit der Blüte blüht, mit dem Keime keimt, mit der Frucht fruchtet, selber in seiner feinen Naturempfindung die Frühlings- und Sommerzeit hindurch dieses Naturempfinden entwickelt, so bereitet er sich dadurch vor, gerade in der Hochsommerzeit hingegeben an das Weltenall, an den Sternenhimmel zu leben. Dann wird jedes Leuchtkäferchen etwas wie eine geheimnisvolle Offenbarung des Kosmischen; dann wird, ich möchte sagen, jeder Hauch in der Atmosphäre zur Hochsommerzeit eine Ankündigung vom Kosmischen innerhalb des Irdischen.

[ 16 ] Dann aber, wenn die Erde wieder einatmet, und wenn man gelernt hat, mit der Natur zu empfinden, mit den Blumen zu blühen, mit den Keimen zu keimen, mit den Früchten zu fruchten, dann kann man allerdings nicht anders, weil man gelernt hat, mit seinem eigenen Wesen in der Natur zu sein, als nun auch das Herbsten und das Wintern mitzuerleben. Wer gelernt hat, mit der Natur zu leben, der bringt es auch dahin, mit der Natur zu sterben. Wer gelernt hat, im Frühling mit der Natur zu leben, der lernt auch, im Herbst mit der Natur zu sterben. Und so ist es, daß man auf eine andere Weise wieder hineinkommt in jene Empfindungen, die einmal den Mithraspriester so innerlich durchseelten, wie ich es in diesen Tagen beschrieben habe. Der Mithraspriester empfand in seinem eigenen Leibe den Jahreslauf. Das ist nicht mehr der gegenwärtigen Menschheit angemessen. Aber das muß immer mehr und mehr der Menschheit der nächsten Zukunft angemessen werden, und die Anthroposophen sollen Pioniere dieses Erlebens sein, den Jahreslauf mitzuerleben, mit dem Frühling leben zu können, mit dem Herbst sterben zu können.

[ 17 ] Aber der Mensch darf nicht sterben. Der Mensch darf sich nicht überwältigen lassen. Er kann mit der sprießenden, sprossenden Natur mitleben, er kann an ihr das Naturbewußtsein entwickeln. Aber wenn er das Sterben mit der Natur miterlebt, dann ist dieses Miterleben die Aufforderung, in seinem Inneren die eigenen Schaffenskräfte seines Wesens diesem Sterben entgegenzustellen. Dann sprießt und sproßt das Geistig-Seelische, das eigentliche Selbstbewußtsein in ihm auf, und er wird im innerlichen Erleben, wenn er das Sterben der Natur im Herbste und Winter mitmacht, der Auferwecker seines eigenen Selbstbewußtseins im höchsten Grade. Und so wird der Mensch, so metamorphosiert er sich selber im Jahreslaufe, indem er erlebt: Naturbewußtsein — Selbstbewußtsein. Da muß dann, wenn das Sterben der Natur mitgemacht wird, die innere Lebenskraft erwachen. Wenn die Natur ihre Elementarwesen hineinnimmt in ihren Schoß, muß die innere Menschenkraft zum Erwachen des Selbstbewußtseins werden.

[ 18 ] Michael-Kräfte — jetzt spürt man sie wieder! Aus ganz andern Voraussetzungen ist das Bild des Streites Michaels mit dem Drachen in alten instinktiven Hellseherzeiten entstanden. Jetzt aber, indem wir in aller Lebendigkeit begreifen: Naturbewußtsein — Selbstbewußtsein, Frühlings-, Sommer-, Herbst-, Winterzeit, stellt sich mit dem Ende des September wieder dieselbe Kraft vor den Menschen hin, die ihm vergegenwärtigt, was eben, wenn man das Sterben der Natur mitmacht, aus diesem Grabe als siegende Kraft sich entwickeln soll, welche im Inneren des Menschen zur Hellheit das wahre, das starke Selbstbewußtsein entfacht. Jetzt ist wieder der über den Drachen siegende Michael da.

[ 19 ] So muß einfach anthroposophisches Wissen, anthroposophische Erkenntnis als Kraft in das menschliche Gemüt einfließen. Und der Weg geht von unseren trockenen, abstrakten, aber exakten Vorstellungen dahin, wo die ins Gemüt aufgenommene lebendige Erkenntnis uns wiederum hinstellt vor etwas, was so lebensvoll ist wie in alten Zeiten das herrliche Bild des Michael, der den Drachen bekämpft. Anderes als abstrakte Begriffe steht damit wiederum in der Weltanschauung vor unseren Seelen. Glauben Sie nicht, daß solches Erleben ohne Folgen für das Gesamtdasein des Menschen auf der Erde ist. Wie der Mensch sich in das Unsterblichkeitsbewußtsein, wie er sich in das Bewußtsein des vorirdischen Daseins einlebt, das habe ich oftmals im Laufe der Jahre in den anthroposophischen Zusammenkünften auch hier in Wien dargestellt. Ich wollte Ihnen gerade bei diesem Zusammensein darstellen, wie der Mensch aus der geistigen Welt — aber jetzt in völlig konkretem Sinne — in sein Gemüt herein die geistige Kraft bekommen kann. Es genügt wahrlich nicht, daß man im allgemeinen in pantheistischer oder sonstiger Weise davon spricht, dem Äußeren liege auch ein Geist zugrunde. Das wäre geradeso abstrakt, wie wenn man sich damit begnügen möchte, zu sagen: Ein Mensch hat eben Geist. — Was bedeutet das, nur sagen zu können: Ein Mensch hat Geist? — Geist hat für uns erst eine Bedeutung, wenn der Geist zu uns in konkreten Einzelheiten spricht, wenn er sich uns in konkreten Einzelheiten in jedem Augenblicke offenbart, wenn er uns Trost, Erhebung, Freude geben kann. Der pantheistische Geist in den philosophischen Spekulationen hat gar keine Bedeutung. Der lebendige Geist, der in der Natur zu uns spricht, wie die Menschenseele in einem Menschen zu uns spricht, er ist es erst, der belebend und erhebend in das menschliche Gemüt einziehen kann.

[ 20 ] Dann aber wird dieses menschliche Gemüt aus einer solchen, im Gemüte verwandelten Erkenntnis auch für das Erdendasein jene Kräfte gewinnen, welche die Menschheit gerade für das soziale Leben braucht. Die Menschheit hat sich durch drei bis vier Jahrhunderte angewöhnt, alles Naturdasein und auch das Menschendasein nur mit intellektuellen, abstrakten Vorstellungen anzuschauen. Und jetzt, wo die Menschheit vor die großen Probleme des sozialen Chaos gestellt wird, möchte man mit diesem Intellektualismus auch die sozialen Probleme lösen. Niemals aber werden die Menschen damit etwas anderes als Schimären erzeugen. Um auf dem sozialen Gebiete mitreden zu können, dazu gehört ein volles Menschenherz. Aber das kann nicht da sein, wenn der Mensch nicht seine Beziehung zum Kosmos und namentlich zum geistigen Inhalt des Kosmos findet. In dem Augenblick wird die Morgendämmerung auch für ein notwendiges Lösen der augenblicklichen sozialen Fragen da sein, in dem die menschlichen Gemüter Geistbewußtsein in sich aufnehmen werden, jenes Geistbewußtsein, das sich zusammensetzt aus der Abwandlung von Naturbewußtsein: Frühling-Sommerbewußtsein, zum Selbstbewußtsein: Herbst-Winterbewußtsein. Im tiefen Sinne hängt dadurch zum Beispiel nicht der Verstandesinhalt des sozialen Problems, sondern die Kraft, die das soziale Problem braucht, davon ab, daß eine genügend große Anzahl von Menschen solche geistigen Impulse in das Innere aufnehmen können.

[ 21 ] Das alles aber ist notwendig, sich vor das menschliche Gemüt zu führen, wenn man daran denkt, daß zu den drei Festen, die abgeschattet sind in Weihnachtsfest, Osterfest, Johannifest, hinzugefügt werden soll das Herbstesfest, das Michael-Fest. Schön, ungeheuer schön wäre es, wenn dieses Michael-Fest Ende September mit aller menschlichen Herzenskraft gefeiert werden könnte. Aber es darf nicht so gefeiert werden, daß man diese oder jene Veranstaltungen macht, die als abstrakte Gemütsempfindungen verlaufen, sondern zu einem Michael-Fest gehören Menschen, die alles das in ihren Seelen voll erfühlen, was im Inneren des Menschen das Geistbewußtsein rege machen kann. Denn wie steht das Osterfest da unter den Festen des Jahres? Ein Auferstehungsfest ist es. Es erinnert uns an jene Auferstehung, die durch das Herabkommen des Sonnengeistes Christus in einen menschlichen Leib sich im Mysterium von Golgatha vollzogen hat. Erst der Tod, dann die Auferstehung für die äußere Anschauung des Mysteriums von Golgatha. Wer das Mysterium von Golgatha in dieser Sinne versteht, der schaut in diesem Erlösungsweg Tod und Auferstehung an. Und er spricht dann vielleicht in seiner Seele: Ich muß mich mit dem Christus, welcher der Sieger ist über den Tod, verbünden in meinem Gemüte, um im Tode die Auferstehung zu finden. Aber das Christentum ist nicht abgeschlossen mit den Traditionen, die sich an das Mysterium von Golgatha knüpfen, es muß weitergehen. Das menschliche Gemüt verinnerlicht sich im Laufe der Zeit, und der Mensch braucht zu diesem Feste, das ihm vor Augen stellt Tod und Auferstehung des Christus, jenes andere Fest, durch das dem Menschen in verinnerlichter Weise der Jahreslauf erscheint, so daß er zuerst im Jahreslaufe die Auferstehung der Seele finden kann, erst die Seele zur Auferstehung bringen muß, damit sie in würdiger Weise durch die Todespforte gehen kann. Osterfest: erst Tod, dann Auferstehung; Michael-Fest: erst Auferstehung der Seele, dann Tod.

[ 22 ] Damit wird das Michael-Fest zu einem umgekehrten Osterfest. Im Osterfest feiert der Mensch die Auferstehung des Christus vom Tode. Im Michael-Fest muß der Mensch mit aller Intensität der Seele fühlen: Wenn ich nicht wie ein Halbtoter schlafen will, so daß ich mein Selbstbewußtsein abgedämpft finde zwischen Tod und neuer Geburt, sondern in voller Klarheit durch die Todespforte durchgehen will, muß ich, um das zu können, durch innere Kräfte meine Seele auferwecken vor dem Tode. — Erst Auferweckung der Seele, dann Tod, damit im Tode dann jene Auferstehung, die der Mensch in seinem Inneren selber feiert, begangen werden kann.

[ 23 ] Mögen diese Vorträge ein wenig dazu beigetragen haben, sozusagen die Brücke zu schlagen zwischen den bloßen Verstandeserkenntnissen der Anthroposophie und demjenigen, was Anthroposophie sein kann den menschlichen Gemütern. Dann werde ich sehr froh sein und in der Zukunft lieb zurückdenken können gerade an das, was wir in diesen Vorträgen besprechen konnten, in diesen Vorträgen, die ich wahrhaftig nicht zu Ihrem Verstande, die ich zu Ihrem Gemüte sprechen wollte, und durch die ich auf eine Art, wie man es heute nicht gewohnt ist, hinweisen wollte auch auf die sozialen Anregungen, welche die Menschheit heute sogar sehr nötig hat. Stimmung für soziale Impulse werden wir eigentlich erst durch eine solche innerliche Vertiefung des Gemütes in die Menschheit hereinbekommen. Das ist es, was mir jetzt besonders stark vor die Seele tritt, wo ich diese Vorträge, die ich wirklich vor Ihnen hier, vor den lieben Österreichern, aus einem inneren Herzensbedürfnis heraus gehalten habe, abschließen muß.