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The Human Soul in Its Relationship to Divine-Spiritual Individualities
GA 224

21 June 1923, Stuttgart

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3. Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtodlichen Dasein

3. Our Mental Life During Sleep and Wakefulness and in the Afterlife

[ 1 ] Wenn wir den Menschen so betrachten, wie er im irdischen Dasein steht, dann muß uns ohne Zweifel als das Bedeutendste in seinen Lebensäußerungen erscheinen die Denk- oder Vorstellungsfähigkeit, die Fähigkeit, sich über die Welt, über das eigene Handeln und so weiter Gedanken zu machen. Wir täuschen uns, wenn wir uns über den irdischen Lebensverlauf ein anderes Urteil bilden. Gewiß, manches bringt uns nahe, zu sagen, das Wertvollste könne für den Menschen nicht in den Gedanken liegen. Der Mensch empfindet zum Beispiel gewissermaßen unter der Schwelle der Gedanken seine Gefühls-, seine Gemütsäußerungen, und was der Mensch über seine eigenen Aufgaben, über sein Verhalten zu seinen Mitmenschen, ja auch über die Welt fühlen könne, das sei wertvoller als sein Denken. Und gar erst, wenn wir auf das moralische Dasein schauen und aufmerksam werden auf die Stimme des Gewissens, dann werden wir uns sagen: Diese Stimme des Gewissens spricht aus tiefen Untergründen der Seele heraus, die von dem bloßen Denken nicht erreicht werden. Insbesondere werden wir veranlaßt, eine solche Aussage zu machen, wenn wir darauf hinweisen wollen, daß der Mensch auch durch die höchste Entwickelung seines Gedankenlebens, wie er sie durch Schulung erreichen kann im gewöhnlichen irdischen Leben, nicht in moralischer Beziehung das erreichen kann, was ein lauteres, ja man möchte oftmals sagen, ein in Einfalt wirkendes Gewissen impulsiert. Aber dennoch, wir täuschen uns, wenn wir sagen, daß Gedanken deshalb, weil alle diese Dinge richtig sind — und sie sind richtig —, nicht das Wesentliche des irdischen Menschenlebens seien. Denn gewiß, aus unsäglich tieferen Untergründen heraus als die Gedanken tönt die Stimme des Gewissens, tönen die Gefühle des Mitleids und so weiter. Aber für den Menschen bekommen diese aus den Untergründen seiner Seele heraustönenden und herauslebenden Impulse erst dann das rechte Licht, erst dann dasjenige, was sie eigentlich in das Menschliche heraufhebt, wenn sie von Gedanken durchsetzt werden. Auch die Stimme des Gewissens bekommt ihren Wert dadurch, daß sie aus den Untergründen der Seele heraufwirkt, sich aber dann in der Gedankenwelt auslebt und der Mensch in Gedanken kleiden kann, was ihm die Stimme des Gewissens sagt. Ohne das Gedankenleben zu überschätzen, müssen wir uns, wenn wir uns einem illusionsfreien menschlichen Bewußtsein hingeben wollen, doch sagen, dieses Gedankenleben mache den Menschen erst zum Menschen. Und in einer gewissen Beziehung hat der deutsche Philosoph Hegel schon recht, wenn er sagt: Es ist das Denken, das den Menschen vom Tiere unterscheidet.

[ 1 ] If we consider human beings as they exist in their earthly lives, then what must undoubtedly appear to us as the most significant aspect of their life expressions is their capacity for thought or imagination—the ability to reflect on the world, on their own actions, and so on. We are mistaken if we form a different judgment about the course of earthly life. Certainly, there are many things that lead us to say that what is most valuable to human beings cannot lie in thought. For example, human beings perceive their emotional and psychological expressions, so to speak, as lying below the threshold of thought, and whatever a person might feel about their own responsibilities, about their behavior toward their fellow human beings, and indeed about the world itself, is considered more valuable than their thinking. And especially when we look at moral existence and become attentive to the voice of conscience, we will say to ourselves: This voice of conscience speaks from the deepest recesses of the soul, which cannot be reached by mere thinking. In particular, we are led to make such a statement when we wish to point out that even through the highest development of their intellectual life—as it can be attained through training in ordinary earthly life—human beings cannot achieve, in moral terms, what is inspired by a pure, indeed—as one might often say—a simple conscience. And yet, we are mistaken if we say that, simply because all these things are true—and they are true—thoughts are not the essence of earthly human life. For certainly, from depths far more profound than those of thought, the voice of conscience resounds, as do feelings of compassion and so on. But for human beings, these impulses that resound and manifest from the depths of the soul only then take on their true light—only then do they attain what actually elevates them into the human realm—when they are interwoven with thoughts. The voice of conscience, too, derives its value from the fact that it works its way up from the depths of the soul, but then finds expression in the world of thought, allowing a person to clothe in thought what the voice of conscience tells them. Without overestimating the life of thought, we must nevertheless acknowledge—if we wish to devote ourselves to a human consciousness free of illusion—that it is this life of thought that makes a human being truly human. And in a certain sense, the German philosopher Hegel is right when he says: “It is thinking that distinguishes humans from animals.”

[ 2 ] Aber wenn wir nun hinblicken auf den ganzen Umfang derjenigen Gedanken, die uns in unserem ganzen irdischen Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen erfüllen und wir in dieser Betrachtung, in diesem Hinschauen ehrlich sind, dann werden wir uns sagen: Der größte Teil unserer Gedanken in unserem Erdenleben ist in irgendeiner Weise von außen, von den Sinneseindrücken, von den Erlebnissen, die mit den materiellen Vorgängen des Erdendaseins zusammenhängen, abhängig. Und unsere Gedanken verlaufen in innigem Zusammenhang mit dem Erdenleben, so daß wir gerade das Wertvollste im Menschenleben während unseres Daseins zwischen der Geburt und dem Tode mit dem Erdenleben verbinden. Wenn wir aber das vollständige Menschenleben auf Erden anschauen, wie wir es von gewissen Gesichtspunkten gerade in den letzten Vorträgen getan haben, die ich hier halten durfte, dann muß uns auffallen, daß mindestens ein Drittel unseres Erdendaseins gedankenlos verläuft. Wenn wir mit den gewöhnlichen Hilfsmitteln unseres irdischen Bewußtseins zurückblicken auf unser Erdenleben, dann gliedern wir ja eigentlich immer nur die Tageserlebnisse an die Tageserlebnisse, wir lassen die Schlafeserlebnisse, welche im Unbewußten liegenbleiben, selbstverständlich aus. Aber damit lassen wir bei einer gewöhnlichen Rückschau auf unser Erdenleben zum mindesten ein Drittel unseres Erdenlebens aus unserer Betrachtung weg. Das ist selbstverständlich, weil dieses Drittel, das verschlafene Drittel dieses Erdenlebens, im Unbewußten liegenbleibt.

[ 2 ] But when we now consider the full scope of those thoughts that fill us throughout our entire earthly life—from the moment we wake up until we fall asleep—and if we are honest in this reflection, in this examination, then we will say to ourselves: The greatest part of our thoughts during our earthly life is, in one way or another, dependent on external factors—on sensory impressions and on experiences connected with the material processes of earthly existence. And our thoughts unfold in close connection with earthly life, so that we associate precisely what is most valuable in human life—during our existence between birth and death—with earthly life. But when we consider the entirety of human life on Earth—as we have done from certain perspectives, particularly in the recent lectures I was able to give here—we must realize that at least one-third of our earthly existence passes by without thought. When we look back on our earthly life using the ordinary tools of our earthly consciousness, we actually always link only the experiences of one day to those of the next; we naturally leave out the experiences of sleep, which remain in the unconscious. But in doing so, when we look back on our earthly life in the usual way, we exclude at least one-third of it from our consideration. This is only natural, because this one-third—the third spent in sleep—remains in the unconscious.

[ 3 ] Aber Sie wissen aus früheren Vorträgen, die ich hier gehalten habe, daß diese Tätigkeit, die wir im unbewußten Schlafen zubringen, nicht ohne Erlebnisse ist. Das Ich und der astralische Mensch machen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ihre Erlebnisse durch, die nur nicht ins Bewußtsein hereinleuchten. Und wenn man näher zusieht, dann findet man, daß jene unbewußten Kräfte, die zwischen dem Einschlafen und Aufwachen wirken, auch im Wachzustande weiterleben. Sie leben auch da, man möchte sagen, ein Schlafleben weiter fort. Sie wirken in unsere gesamte Willenstätigkeit, die wir nicht klarer vor dem gewöhnlichen Bewußtsein haben als die Schlafzustände. Sie wirken in einem großen Teil unseres Gefühlslebens weiter, das eine Art Traumesdasein bildet. Gerade wenn wir auf dasjenige, was aus unserem tiefsten Wesen, aus dem Grundwesen herauskommt, hinschauen, so müssen wir auch während des wachen Tageslebens auf etwas Unbewußtes schauen. Und man kommt dann durch geisteswissenschaftliche Betrachtung darauf, daß dasjenige, was im Menschen das Wirksame ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, weiter fortwirkt im Wachen, fortwirkt als Ich und astralischer Mensch, daß diese aber nicht in die Sphäre des gewöhnlichen Bewußtseins eintreten, sondern nur in ihren Wirkungen, in den Willenswirkungen, in den Gemütswirkungen auftreten. Dadurch bekommt dasjenige, was eigentlich im vollen wachen Bewußtsein vorliegt, das Gedankenleben, noch ein besonderes Gesicht. Und gerade dieses besondere Gesicht wird uns begreiflich, wenn wir jenes Dasein ins Auge fassen, welches der Mensch nicht auf der Erde zubringt, welches er zubringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.

[ 3 ] But you know from previous lectures I have given here that this activity we engage in during unconscious sleep is not without experiences. Between falling asleep and waking up, the ego and the astral human undergo their own experiences, which simply do not shine into consciousness. And if one looks more closely, one finds that those unconscious forces that are at work between falling asleep and waking up continue to exist even in the waking state. One might say that they continue to live a kind of “sleep life” there as well. They influence our entire volitional activity, which is no clearer to our ordinary consciousness than the states of sleep. They continue to influence a large part of our emotional life, which constitutes a kind of dream-like existence. Precisely when we look at what emerges from our deepest being, from our fundamental nature, we must also look at something unconscious even during our waking daily life. And through spiritual scientific observation, one then comes to realize that what is active within the human being between falling asleep and waking up continues to work during wakefulness—as the “I” and the astral human—but that these do not enter the sphere of ordinary consciousness; rather, they manifest only through their effects—in the effects on the will and in the effects on the emotions. As a result, what is actually present in full waking consciousness—the life of thought—takes on a special aspect. And it is precisely this special aspect that becomes comprehensible to us when we contemplate that existence which a human being does not spend on Earth, but which he spends between death and a new birth.

[ 4 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann macht er Zustände durch, die ich Ihnen oft beschrieben habe, die auch in unserer Literatur verzeichnet sind, und die Sie ja, von gewissen Seiten her wenigstens, kennen. Wenn man genau und exakt untersucht, an welchen einzelnen Gliedern der menschlichen Wesenheit unser Denken, unser Vorstellen eigentlich haftet, dann kommen wir darauf, daß wir zum irdischen Gedankenbilden den physischen Leib brauchen. Der physische Leib ist wirklich dasjenige, was in Tätigkeit gesetzt werden muß, wenn der Mensch als Erdenmensch Gedanken hat. Ferner muß zu diesem Ziele, zum Gedankenhaben, in Tätigkeit gesetzt werden der ätherische Leib. Das sind aber gerade diejenigen zwei Glieder der Menschennatur, die zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen eben auch bewußtlos, wie man den Eindruck hat, im Bette liegen bleiben. Allein, kommt man zu einer gewissen Entwickelung des Bewußtseins, zu einer gewissen Schulung unserer Seele, die einem dann die Möglichkeit gibt, auch die physischen Dinge vom geistigen Gesichtspunkt aus zu sehen, dann kommt man darauf, daß der Mensch die ganze Zeit über denkt, in der er schläft. Der Mensch denkt während seines Erdenlebens niemals nicht, wenn wir den ganzen Menschen betrachten.

[ 4 ] When a person passes through the gate of death, they undergo states that I have often described to you, that are also recorded in our literature, and that you are familiar with—at least from certain sources. If we examine precisely and carefully the individual components of the human being to which our thinking and our imagination are actually attached, we come to the conclusion that we need the physical body for earthly thought formation. The physical body is truly what must be set into activity when a human being, as an earthly human, has thoughts. Furthermore, for this purpose—that of thinking—the etheric body must also be set into activity. Yet these are precisely the two aspects of human nature that, between falling asleep and waking up, remain in bed—seemingly unconscious, as one might say. However, once one reaches a certain level of consciousness development—a certain training of the soul that enables one to view even physical things from a spiritual perspective—one comes to realize that a human being thinks the entire time he or she is asleep. A human being never ceases to think during his or her earthly life, if we consider the whole human being.

[ 5 ] Wenn wir nämlich des Morgens aufwachend zurückkehren in unseren physischen und Ätherleib, so wird das gewöhnliche Bewußtsein sehr rasch hineingedtängt in diesen physischen und Ätherleib, und es wird dieses gewöhnliche Bewußtsein nur gewahr, daß dann die äußeren Dinge Eindrücke zu machen beginnen, daß wir dann Sinneswahrnehmungen haben, die wir gedanklich verarbeiten, von den äußeren gegenwärtigen Gegenständen Sinneswahrnehmungen haben. Wenn der Mensch aber dazu gelangt, viel bewußter in seinen physischen und Ätherleib unterzutauchen, dann trifft er beim Aufwachen auf das Denken, das fortwährend zwischen dem Einschlafen und Aufwachen stattgefunden hat in ihm. Er war nur nicht dabei mit seinem Ich und astralischen Leib. Er denkt, das heißt, der physische Leib und der Ätherleib sind in einer fortwährenden Gedankentätigkeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, nur ist der Mensch mit seinem Ich und astralischen Leib außer dieser Gedankentätigkeit, er macht sie nicht mit und glaubt, sie sei nicht vorhanden. Er befindet sich da in einer großen Selbsttäuschung über sich. Und da man dasjenige, was im normalen Leben schön harmonisch eingegliedert ist in die gesamte Natur des Menschen, überhaupt in die gesamte Natur der Wesen, besonders gut dann erkennen kann, wenn es herausgerissen aus der Harmonie, abnorm auftritt, so kann der Mensch auch schon aus äußeren Erfahrungen, wenn sich diese im Zusammenhang der Welt ergeben, darauf kommen, daß er nicht nur zwischen dem Einschlafen und Aufwachen denkt, sondern daß er sogar gescheiter denkt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wenn er nicht dabei ist, als wenn er dabei ist. Wir kommen nämlich zu dem, ich möchte sagen, deprimierenden Selbstgeständnis, wenn wir die ganze Sachlage überschauen, daß unser Ätherleib schlechter denkt, wenn wir, dem Ich und dem astralischen Leib nach, mit dem normalen Bewußtsein darinnenstecken, als wenn wir nicht darinnenstecken. Wir verderben die in unserem Ätherleibe ablaufenden Gedanken dadurch, daß wir mit unserem gewöhnlichen Bewußtsein darinnenstecken.

[ 5 ] For when we wake up in the morning and return to our physical and etheric bodies, ordinary consciousness is very quickly forced into these physical and etheric bodies, and this ordinary consciousness merely becomes aware that external things then begin to make an impression, that we then have sensory perceptions which we process mentally—sensory perceptions of the external objects present. But when a person manages to immerse themselves much more consciously in their physical and etheric bodies, they encounter upon waking the thinking that has been taking place continuously within them between falling asleep and waking up. It’s just that they were not present with their I and astral body. They think—that is to say, the physical body and the etheric body are engaged in a continuous thought process between falling asleep and waking up—but the human being, with their I and astral body, is outside of this thought process; they do not participate in it and believe it does not exist. They are thus in a state of great self-deception regarding themselves. And since what is beautifully and harmoniously integrated into the entire nature of the human being—and indeed into the entire nature of beings—in normal life can be recognized particularly well when it is torn from that harmony and appears in an abnormal form, then a person can also conclude, based on external experiences—when these arise in the context of the world—that they not only think between falling asleep and waking up, but that they actually think more clearly during that time than when they are fully awake. For when we survey the entire situation, we arrive at what I would call a depressing self-confession: that our etheric body thinks less effectively when we—in terms of the “I” and the astral body—are immersed in it with our normal consciousness than when we are not immersed in it. We corrupt the thoughts taking place in our etheric body by being immersed in it with our ordinary consciousness.

[ 6 ] Daher sind durchaus von dem, der in diese Dinge Einsicht hat, Erzählungen zu bestätigen, wie etwa die folgende: Da waren einmal zwei Universitätsstudenten. Der eine war Philologe und verstand nichts vom Rechnen — ich muß das hinzusetzen —, verstand gar nichts vom Rechnen. Der andere war Mathematikstudent. Nun, man hat ja so die Erfahrung, daß, wenn es zu gewissen Partien des Mathematikstudiums kommt, man schon ein wenig über den Problemen schwitzen muß. Bei der Philologie geht es meistens leichter. Und so war es denn bei diesen zwei Studenten, die, wie das bei Studenten schon vorkommt, das Zimmer teilten, auch zusammen schliefen, so, daß, als sie eines Abends mit ihren Vorbereitungen zum Examen zu Ende waren, der Philologiestudent sehr selbstzufrieden war, der Mathematikstudent hingegen gar nicht, weil er ein Problem, das er für eine schriftliche Aufgabe hätte lösen sollen, nicht lösen konnte. Er legte sich höchst unbefriedigt zu Bett, und es stellte sich die merkwürdige Tatsache heraus: Zu einer bestimmten Stunde wird der Philologiestudent aufgeweckt, er sieht, wie der Mathematikstudent aufsteht, zum Schreibtisch hingeht und weiterbrütet, auch schreibt, längere Zeit schreibt, und dann sich wieder ins Bett legt und schläft. Am nächsten Tage, als beide aufstanden, sagte der Mathematikstudent: Wir haben doch gestern gar nicht gekneipt, ich habe heute einen furchtbaren Kater. — Da sagte der andere: Das ist auch gar nicht zu verwundern, wenn du um drei Uhr nachts aufstehst und stundenlang rechnest, daß du dann einen wirren Kopf hast am nächsten Morgen. — Da sagte der erste: Ich bin nicht aufgestanden! — Er wußte absolut nichts davon, daß er aufgestanden wäre. Nun schauten sie nach, und siehe da, er hatte seine Aufgabe gelöst, er wußte aber gar nichts davon. Solche Dinge sind durchaus nicht bloße Märchen. Ich wähle ein Beispiel, das der Literatur angehört, aus dem Grunde, damit es nachkontrolliert werden kann. Ich könnte Ihnen viele ähnliche Dinge ja erzählen. Es kommt mir gar nicht auf diesen einzelnen Fall an, es kommt mir vielmehr darauf an, daß dies tatsächlich eine Realität ist: wenn das Bewußtsein nicht vorhanden ist — ich sage ausdrücklich, der Betreffende wußte nichts davon —, werden der physische Leib und Ätherleib gewissermaßen durch Püffe von außen bearbeitet, und der Ätherleib arbeitet im physischen Leib allein an der Fortsetzung der Aufgabe.

[ 6 ] Therefore, those who have insight into these matters can certainly confirm stories such as the following: Once upon a time, there were two college students. One was a philologist and knew nothing about math—I must add—knew absolutely nothing about math. The other was a math major. Well, as we all know from experience, when it comes to certain parts of a math course, you have to work up a bit of a sweat on the problems. In philology, things are usually easier. And so it was with these two students, who—as often happens with students—shared a room and even slept together, so that when they had finished preparing for their exams one evening, the philology student was very pleased with himself, whereas the mathematics student was not at all, because he could not solve a problem he was supposed to have solved for a written assignment. He went to bed feeling extremely dissatisfied, and a strange thing happened: At a certain hour, the philology student was woken up; he saw the math student get up, go to the desk, and continue to ponder the problem—even writing for quite some time—and then lie back down in bed and fall asleep. The next day, when both got up, the math student said, “We didn’t go out drinking at all yesterday—I have a terrible hangover today.” — To which the other replied, “It’s no wonder that if you get up at three in the morning and spend hours doing calculations, you’ll have a foggy head the next morning.” — Then the first one said, “I didn’t get up!” — He had absolutely no recollection of getting up. So they checked, and lo and behold, he had solved his problem, but he knew nothing about it. Such things are by no means mere fairy tales. I’ve chosen an example from literature so that it can be verified. I could tell you many similar stories. I am not concerned with this particular case at all; rather, what matters to me is that this is in fact a reality: when consciousness is absent—and I emphasize that the person in question knew nothing about it—the physical body and the etheric body are, so to speak, acted upon by external forces, and the etheric body works within the physical body alone to continue the task.

[ 7 ] Ja, ich weiß schon, was in den Herzen von manchen figuriert, ich weiß, daß mancher ganz gern hätte, wenn es recht oft vorkommen würde. Aber so leicht hat es die jüngere Menschheit nicht. Also in diesem Fall arbeiteten Ich und astralischer Leib nur durch Püffe von außen, und da erweist sich der Ätherleib, wenn er allein im physischen Leibe arbeiten kann, oftmals sogar als genial gegenüber dem, was man oftmals gar nicht genial macht, wenn man mit seinem Ich und astralischen Leib dabei ist. Wie gesagt, nur zur Illustrierung der Tatsache, daß der Mensch die ganze Nacht hindurch Gedanken hat, das heißt der physische Leib und der Ätherleib des Menschen, und nur nicht dabei ist mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe. Denn die Gedanken werden unmittelbar von der Außenwelt durch die Vermittlung des Ätherleibes gebildet, und dann wird der physische Leib zu Hilfe genommen, um die Gedanken als physischer Erdenmensch zu hegen.

[ 7 ] Yes, I already know what’s on some people’s minds; I know that some would very much like it to happen quite often. But it’s not that easy for the younger generation. So in this case, the ego and the astral body were working only through external impulses, and the etheric body—when it can work alone within the physical body—often proves to be even more ingenious than what one often fails to do ingeniously when the ego and the astral body are involved. As I said, this is merely to illustrate the fact that a person has thoughts throughout the entire night—that is, the physical body and the etheric body of the person—but the ego and the astral body are not involved. For thoughts are formed directly from the external world through the mediation of the etheric body, and then the physical body is called upon to nurture these thoughts as a physical human being on Earth.

[ 8 ] So müssen wir denn das Gedankenleben durchaus gebunden finden an den physischen Leib und den Ätherleib. Das ist beim Gefühlsleben und beim Willensleben nicht der Fall. Es ist nur ein Aberglaube der heutigen offiziellen Wissenschaft, daß das Gefühlsleben und das Willensleben in derselben Weise vom physischen und Ätherleibe abhängig wären wie das Gedankenleben. Darüber habe ich öfter gesprochen, ich will mich heute nicht darüber auslassen, sondern nur hinweisen auf die mannigfaltigen Betrachtungen, die ich vor einem großen Teil von Ihnen veranstaltet habe.

[ 8 ] We must therefore recognize that the life of thought is thoroughly bound to the physical body and the etheric body. This is not the case with the life of feeling and the life of will. It is merely a superstition of today’s official science that the emotional and volitional lives are dependent on the physical and etheric bodies in the same way as the life of thought. I have spoken about this on numerous occasions; I do not wish to elaborate on it today, but merely to refer to the various lectures I have given to many of you.

[ 9 ] Nun ist der Mensch im gegenwärtigen Erdenleben nicht so, daß er verfolgen kann, was sein Ich und sein astralischer Leib da erleben, wenn sie vom Äther- und physischen Leib getrennt sind und sich vom gewöhnlichen Leben nur den Willen und einen Teil des Gefühls mitnehmen. Denn dieses Erleben zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen geschieht in der Tat in einer ganz andern Welt, geschieht in einer geistigen Welt, geschieht in einer Welt, in der nicht die Umgebung in den Naturreichen, in dem Mineralreich, Pflanzenreich ist, sondern in der die Umgebung die höheren Hierarchien sind, in der die Umgebung eine Welt von geistigen Wesenheiten, von geistigen Geschehnissen ist. Aber insofern der Mensch im Erdenleben verweilt, ist es durchaus so, daß er noch nicht genügend entwickelt ist, um alles dasjenige, was er da erlebt mit seinem Ich und astralischen Leib vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in das Bewußte und Selbstbewußte zu verfolgen. Es bleibt unbewußt, aber ist deshalb nicht weniger lebendig als das Bewußte. Es wird durchgemacht, es ist etwas, was dann, nachdem es durchgemacht ist, zum inneren Gehalt des Menschen gehört. Wir wachen auch an jedem Morgen so verändert auf, wie wir verändert worden sind durch die Nacht. Wir wachen nicht etwa bloß in demjenigen Zustande auf, bis zu dem wir gekommen sind bis zum Abend vor dem Einschlafen, sondern wir wachen in dem Zustande auf, zu dem uns das Schlafesleben gemacht hat.

[ 9 ] In this present earthly life, however, human beings are not in a position to follow what their “I” and their astral body experience when they are separated from the etheric and physical bodies and take with them from ordinary life only the will and a portion of their feelings. For this experience between falling asleep and waking up does indeed take place in a completely different world—in a spiritual world—a world in which the surroundings are not the natural kingdoms, such as the mineral or plant kingdoms, but rather the higher hierarchies; a world in which the surroundings consist of spiritual beings and spiritual events. But as long as a person remains in earthly life, it is certainly the case that they are not yet sufficiently developed to trace everything they experience there—with their “I” and astral body—from falling asleep to waking up—into the conscious and self-conscious realms. It remains unconscious, but is no less alive than the conscious. It is experienced; it is something that, once experienced, becomes part of a person’s inner being. We also wake up every morning changed in the same way that we have been changed by the night. We do not simply wake up in the state we had reached by the evening before falling asleep, but rather we wake up in the state that our sleep life has brought us to.

[ 10 ] Wenn wir nun durch die Pforte des Todes gehen, so legen wir den physischen und Ätherleib ab. Und demgemäß stellt sich auch das Erlebnis so ein, daß der Mensch unmittelbar in den ersten Tagen, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist — das Ablegen des Ätherleibes dauert nur wenige Tage —, sein Gedankenleben wie von der Welt aufgesogen empfindet. Er hat erst einen flüchtigen Rückblick auf das Erdenleben. Es ist so, wie wenn er sein Erdenleben als seine Welt erblickte, in lebendigen Bildern sieht. Wie mit einem Schlage steht das verflossene Erdenleben vor der Seele, wenn die Seele sich ganz befreit von dem physischen Leibe und dem Ätherleibe, wenn also der Durchgang durch die Pforte des Todes erfolgt ist. Aber durch Tage noch findet dieser Prozeß, dieser Vorgang statt, daß, nachdem der physische Leib abgelegt ist, der Ätherleib sich langsam in dem allgemeinen Weltenäther auflöst. Während der Zeit ist der Eindruck da, daß zuerst ein lebendiger, scharf konturierter Überblick über das Erdenleben da ist. Dann wird er immer schwächer und schwächer, aber zu gleicher Zeit gewissermaßen kosmischer, bis er endlich nach einigen Tagen wie vom Menschen abschmilzt.

[ 10 ] When we pass through the gate of death, we shed the physical and etheric bodies. And accordingly, the experience is such that in the very first days after passing through the gate of death—the shedding of the etheric body takes only a few days—the person feels as though their thought life is being absorbed by the world. At first, they have only a fleeting glimpse back at their earthly life. It is as if they were beholding their earthly life as their own world, seeing it in vivid images. As if in an instant, the past earthly life stands before the soul when the soul has completely freed itself from the physical body and the etheric body—that is, when the passage through the gate of death has taken place. But this process—this transition—continues for days: after the physical body has been shed, the etheric body slowly dissolves into the universal ether. During this time, the impression is that at first there is a vivid, sharply defined overview of earthly life. Then it grows weaker and weaker, yet at the same time becomes, so to speak, more cosmic, until finally, after a few days, it seems to melt away from the person.

[ 11 ] Damit aber geht in diesen wenigen Tagen alles dasjenige vom Menschen fort, was gerade das Wertvollste am Erdenleben ist. All das, was wir über die Dinge der Welt, was wir über unsere ganze irdische Umgebung denken, was unser gewöhnliches Bewußtsein erfüllt, das schmilzt von uns weg, schmilzt innerhalb weniger Tage weg. Und in demselben Maße, in dem dieser Inhalt des Erdenlebens wegschmilzt, in demselben Maße taucht dasjenige auf, was der Mensch immer im schlafenden Zustande unbewußt durchlebt hat. Darüber breitet sich jetzt das Bewußtsein aus. Das beginnt bewußt zu werden. Hätten wir keine Erlebnisse während des Schlafes, so wäre überhaupt unser Leben drei oder vier Tage nach dem Tode zu Ende als bewußtes Leben. Denn dasjenige, was wir gerade für unser Wertvollstes während des Erdenlebens halten, das schmilzt ab, und aus diesem sich verdunkelnden, abdämmernden Bewußtsein taucht dasjenige auf, was wir immer durchlebt haben im schlafenden Zustande, was da unbewußt geblieben ist.

[ 11 ] But in these few days, everything that is most precious about earthly life slips away from the human being. Everything we think about the things of the world, about our entire earthly surroundings—everything that fills our ordinary consciousness—melts away from us, melts away within a few days. And to the same extent that this content of earthly life melts away, to that same extent emerges what a person has always unconsciously experienced in the sleeping state. Consciousness now expands to encompass this. It begins to become conscious. If we had no experiences during sleep, our life as a conscious existence would come to an end three or four days after death. For what we currently regard as our most precious possession during earthly life fades away, and out of this darkening, fading consciousness emerges what we have always experienced in the sleeping state—what has remained unconscious there.

[ 12 ] Nun ist die Eigentümlichkeit desjenigen, was wir im schlafenden Zustande durchleben, dies, daß für das Schlafen die Welt umgekehrt verläuft. Ob das Schlafen nun lange oder kurz ist, wenn wir einschlafen, das macht es nicht aus, weil die Zeitverhältnisse für den andern Bewußtseinszustand auch ganz andere sind. Ob Sie also eine lange Nacht schlafen oder ein paar Minuten, die Charakteristik, die ich gebe, ist für beide Schlafverläufe gleich. Wenn der Mensch die Zeit durchmißt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann durchlebt er zurück dasjenige, was er in der physischen Welt durchgemacht hat zwischen dem letzten Aufwachen bis zum Einschlafen. Das durchlebt er in anderer Gestalt durchlaufend noch einmal, und er durchlebt es so: Während wir bei unserem Tagesbewußtsein das Durchleben mehr mit der physischen Nuancierung und mit Gefühlen über die physische Nuancierung haben, den Ablauf der Ereignisse vom Anfang bis zum Ende, jedes einzelne Ereignis oder den Umstand, wie sie aufeinanderfolgen, in der physischen intellektuellen Nuancierung durchleben: im Schlafen erleben wir das alles zurück, aber mit moralischer Nuancierung. Da leben die moralisch-religiösen Impulse darin, da durchleben wir die Sache so, daß wir ein jedes Ereignis werten danach, wie wertvoll oder unwertvoll es uns als Mensch macht. Da könnten wir uns keinen Illusionen darüber hingeben, wenn wir es bewußt durchmachen würden, was es für eine Bedeutung hat, ob wir dieses oder jenes vollbracht haben, denn da werten wir die Ereignisse des Tages in bezug auf unser Menschtum.

[ 12 ] Now, the peculiarity of what we experience while asleep is that, during sleep, the world runs in reverse. Whether sleep is long or short—it doesn’t matter when we fall asleep—because the temporal conditions for this other state of consciousness are entirely different. So whether you sleep through a long night or just a few minutes, the description I am giving applies equally to both sleep experiences. When a person traverses the time between falling asleep and waking up, they relive in reverse what they experienced in the physical world between their last waking moment and falling asleep. They relive it all over again in a different form, and they experience it as follows: While in our waking consciousness we experience events more through physical nuances and feelings related to those physical nuances—the sequence of events from beginning to end, each individual event or circumstance as they follow one another—in physical-intellectual nuance; in sleep, we relive all of this, but with a moral nuance. That is where the moral-religious impulses reside; there we experience things in such a way that we evaluate every event according to how valuable or worthless it makes us as human beings. If we were to consciously go through this process, we could not delude ourselves about the significance of whether we have accomplished this or that, for there we evaluate the events of the day in relation to our humanity.

[ 13 ] Was für die menschliche Ordnung auf Erden gilt, ist schon einmal so, daß die Naturforschung gut reden hat, in der Welt finde sich nur Kausalität, nur Ursächlichkeit, nur die Begründung des Nachfolgenden aus dem Vorhergehenden, weil der Mensch in seinem wachen Leben nur diese Strömung sieht, nur diese Strömung wahrnimmt. Aber eine andere Strömung ist auch in der Wirklichkeit darinnen, nur bleibt sie dem Menschen für das Erdenbewußtsein unbewußt. Der Mensch durchlebt aber diese moralische Weltenordnung jede Nacht zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da werten wir die Dinge moralisch, namentlich im Zusammenhang mit unserem eigenen Menschenwert. Und das machen wir jede Nacht beziehungsweise jedesmal zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen für die vorangegangene Wachensperiode durch. Und wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, dann machen wir rückwärtsverlaufend durch die letzte Nacht, vorletzte Nacht, drittletzte Nacht, bis zur ersten Nacht, in der wir uns nach der Geburt zum erstenmal bewußt geworden sind, etwa ein Drittel des Erdenlebens, weil wir ein Drittel des Erdenlebens verschlafen haben. Vor uns ist versunken der physisch-ursächliche Weltenverlauf, vor uns ist aufgestiegen dasjenige, was Götter und Geister über diesen Weltenverlauf denken, fühlen, wollen. Aber wir hängen zunächst noch zusammen mit dem Kolorit, mit der Färbung, welche das Erdenleben alldem gegeben hat, weil wir es durchmachen müssen in der Form, wie wir es durchlebt haben während des Erdenlebens. Ungefähr ein Drittel, weil wir ein Drittel verschlafen, brauchen wir zu diesem Rück wärtsdurchleben, das dann eben so verläuft, wie ich es zum Beispiel in meiner «’Theosophie» beschrieben habe, wo ich das Seelenland, die Seelenwelt beschrieben habe.

[ 13 ] As far as the human order on Earth is concerned, it is certainly true that natural science has a valid point when it says that in the world there is only causality, only causation, only the explanation of what follows from what precedes it—because in waking life, human beings see only this current, perceive only this current. But another current is also present in reality; it simply remains unconscious to human beings in their earthly consciousness. Yet human beings experience this moral order of the world every night between falling asleep and waking up. There we evaluate things morally, particularly in connection with our own human worth. And we do this every night—or rather, every time between falling asleep and waking up—for the preceding period of wakefulness. And once we have passed through the gate of death, we retrace our steps through the last night, the night before last, the night before that, all the way back to the first night in which we first became conscious after birth—covering roughly one-third of our earthly life, because we have slept through one-third of it. Before us lies the physical-causal course of the worlds, which has sunk into the past; before us has risen what the gods and spirits think, feel, and will concerning this course of the worlds. But at first we are still bound to the coloring, the hue that earthly life has imparted to all of this, because we must experience it in the form in which we lived it during our earthly life. Approximately one-third—because we have slept through one-third of it—we need to relive this backward journey, which then proceeds exactly as I have described, for example, in my *Theosophy*, where I described the realm of the soul, the world of the soul.

[ 14 ] Wir müssen, ehe wir in eine Welt eintreten, die rein geistig ist, erst alles dasjenige durchleben, was wir auf der Erde unbewußt in den Schlafzuständen durchlebt haben. Damit schulen wir unser Bewußtsein heran für das eigentliche geistige Erleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Freiwerden vom irdischen Leben, dieses Rückwärtsdurchleben des Erdenlebens. Wir werden nicht früher in unserem Bewußtsein so frei, daß dieses Bewußtsein sich zwischen den Geistern der höheren Welten bewegen kann in vollständig ihm angemessener Weise, bis wir uns durch dieses Rückwärtserleben eben freigemacht haben. Dann sind wir ungefähr wieder am Ausgangspunkt unseres Lebens für die höhere Welt angelangt. Und dann verläuft das weitere Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so, daß es ein rein geistiges Erleben ist. Ebenso wie wir hier zwischen physischen Wesen und physischen Geschehnissen leben, leben wir dann in der geistigen Welt zwischen geistigen Wesen und geistigen Geschehnissen, zwischen denjenigen geistigen Wesenheiten und ihren Taten, die niemals auf die Erde heruntersteigen, zwischen denjenigen Wesenheiten, die als Menschen auf die Erde heruntersteigen, die früher durch die Pforte des Todes gegangen sind als wir, oder die uns nachfolgen. Wir treffen eben mit allen den Menschen wiederum zusammen, mit denen wir Gemeinschaft gehabt haben während des Erdenlebens. Und diese Gemeinschaft ist ja eine sehr ausgedehnte. Denn dadurch, daß wir das Schlafesleben durchleben, wird eingeschlossen in diese Gemeinschaft auch alles das, was wir nur in Andeutungen mit den Menschen während des Erdenlebens durchmessen haben. Daß wir in jedem Schlafzustande schon darinnenstehen in der geistigen Welt, aber noch als Erdenmensch die Erdenereignisse rückwärts erleben, gerade diese Tatsache unterscheidet wiederum dieses allnächtliche irdische Erleben des Menschen von demjenigen, das er dann durchmacht, wenn er durch die Pforte des Todes durchgegangen ist.

[ 14 ] Before we enter a world that is purely spiritual, we must first relive everything we unconsciously experienced on Earth during our sleep states. In this way, we train our consciousness for the actual spiritual experience between death and a new birth. And at the same time, this reliving of our earthly life in reverse is a process of liberation from earthly life. We do not become free enough in our consciousness—so that this consciousness can move among the spirits of the higher worlds in a manner fully appropriate to it—until we have freed ourselves through this re-experiencing in reverse. Then we have, so to speak, returned to the starting point of our life in the higher world. And then the rest of our life between death and a new birth unfolds as a purely spiritual experience. Just as we live here among physical beings and physical events, we then live in the spiritual world among spiritual beings and spiritual events—among those spiritual beings and their deeds that never descend to Earth, and among those beings who descend to Earth as human beings, who have passed through the gate of death before us or who follow after us. We will indeed meet again with all the people with whom we had fellowship during our earthly life. And this fellowship is, in fact, a very extensive one. For through the fact that we live through the life of sleep, everything that we experienced only in glimpses with people during our earthly life is also included in this fellowship. The fact that, in every state of sleep, we are already within the spiritual world but still experience earthly events in reverse as earthly human beings—it is precisely this fact that distinguishes this nightly earthly experience of the human being from the one he undergoes after passing through the Gate of Death.

[ 15 ] Zunächst müssen wir uns ja gestehen: Was wir als den Inhalt unseres Bewußtseins im Erdenleben anerkennen, das schmilzt von uns hinweg im Laufe von wenigen Tagen. Dasjenige, was wir gar nicht achten im Laufe des Erdenlebens, weil es in das Unbewußte des Schlafes getaucht ist, das taucht nachher auf, indem wir es wirklich durchleben ja, wirklich durchleben. Nämlich in jenen irdischen Schlafzuständen durchleben wir mit unserem Ich und astralischen Leib rückwärtslebend bildhaft nur die wachen Ereignisse. Indem wir durch die Pforte des Todes schreiten, tauchen wir in die geistige Substanz ebenso unter, wie wir hier in materielle Substanz untertauchen, wenn wir Erdenmenschen werden. Man könnte schon sagen: Wie wir, indem wir Erdenmenschen werden, einen physischen und einen ätherischen Leib erhalten, so erhalten wir eine höhere Wesenhaftigkeit als äußere Umhüllung, eine geistige Umhüllung, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Dadurch aber machen wir dasjenige, was wir hier nur bildhaft durchleben in Schlafzuständen, dann real durch. Das ist wirkliches, reales Erleben, ebenso wirkliches Erleben, wie das im physischen Leibe verbrachte Erdenleben wirkliches Erdenleben enthält. Und erst an dieses wirkliche Erleben, das eine in der Wirklichkeit erfolgte Wiederholung des Bild-Erlebens jedes Schlafzustandes ist, erst an dieses schließen sich dann jene Erlebnisse an, die wir im weiteren Verlaufe unseres Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmachen.

[ 15 ] First of all, we must admit to ourselves: What we recognize as the content of our consciousness during our earthly life melts away from us in the course of just a few days. That which we do not pay any attention to during our earthly life—because it is submerged in the unconsciousness of sleep—emerges afterward, as we truly relive it—yes, truly relive it. For in those earthly states of sleep, we relive—with our “I” and astral body, moving backward through time—only the events of our waking life in a pictorial form. As we pass through the gate of death, we plunge into the spiritual substance just as we plunge into material substance here when we become earthly human beings. One could even say: Just as we receive a physical and an etheric body when we become earthly human beings, so do we receive a higher form of being as an outer covering—a spiritual covering—once we have passed through the gate of death. Through this, however, we then actually experience in reality what we here only experience symbolically in states of sleep. This is a genuine, real experience—just as real an experience as the earthly life spent in the physical body constitutes a genuine earthly life. And it is only this genuine experience—which is a repetition in reality of the symbolic experiences of every sleep state—that is followed by those experiences we undergo in the further course of our life between death and a new birth.

[ 16 ] Dann folgt die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in der wir unser ganzes irdisches Dasein sozusagen abgelegt haben und, wie ich Ihnen schon dargestellt habe, das nächste Erdenleben vorbereiten, indem wir im Verein mit den Wesenheiten der geistigen Welt den Geistkeim unseres folgenden Erdenlebens, vor allen Dingen des nächsten physischen Leibes, formen. Dann wiederum kommt eine Zeit, wo der Mensch wieder mehr dem Erdenleben zuneigt. Nachdem der Mensch eine lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt unter geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen gelebt hat, ist es so — natürlich auf einer ganz andern Stufe, aber durch einen Vergleich möchte ich es klarmachen —, wie es ungefähr bei einem Menschen ist, der sich müde fühlt und einschlafen will. So fühlt der Mensch, wie ihm das im Geiste vorhandene Bewußtsein schwächer wird, wie er nicht mehr so mit den Wesenheiten der höheren Welt arbeiten kann, und sein Bewußtsein geht wiederum über zu einem Interesse an einem neuen Erdenleben. So wie wir alltäglich in den Schlaf versinken, wo unser Bewußtsein ganz unbewußt wird, so sinken wir gewissermaßen im rein geistigen Bewußtsein, das den größten Teil der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erfüllt, herunter, aber jetzt nicht zur Bewußtlosigkeit, sondern in ein Erfülltsein von Interesse für das Erdenleben, nun aber von der andern Seite her gesehen, von der Seite der geistigen Welt her, in ein Interesse für das Erdenleben. Dieses Interesse für das Erdenleben taucht viele Jahre, viele Jahrhunderte früher auf, bevor wir zum Erdenleben heruntersteigen. Wir gewinnen schon ein Interesse für unser kommendes Erdenleben, wenn auf der Erde selbst nicht nur unser Großvater lebt, sondern ein weit zurückliegender Urahne, der viele Generationen vor uns lebte, von dem wir dann abstammen. Es verwandelt sich das Interesse, das wir so lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt für die rein geistige Welt gehabt haben, zum Interesse an einer Generationenfolge. Am Ende dieser Generationenfolge werden wir dann selbst geboren. Wir verfolgen in der Tat von der geistigen Welt aus lange Zeiten hindurch die Ahnen, an deren Ende unsere eigenen Eltern stehen. So daß wir von der geistigen Welt aus in unsere Abstammung hineinwachsen.

[ 16 ] Then comes the period between death and a new birth, during which we have, so to speak, shed our entire earthly existence and, as I have already explained to you, prepare for our next earthly life by working together with the beings of the spiritual world to shape the spiritual seed of our next earthly life—above all, our next physical body. Then, in turn, there comes a time when the human being once again turns more toward earthly life. After the human being has lived for a long time between death and a new birth among spiritual beings and spiritual realities, it is—naturally on an entirely different level, but I would like to clarify this through a comparison—roughly like a person who feels tired and wants to fall asleep. Thus, the person feels their consciousness in the spiritual realm growing weaker, finds they can no longer work as effectively with the beings of the higher world, and their consciousness shifts once more toward an interest in a new earthly life. Just as we sink into sleep every day, where our consciousness becomes completely unconscious, so do we, in a sense, sink down into the purely spiritual consciousness that fills most of the time between death and a new birth, but not into unconsciousness; rather, into a state filled with interest in earthly life—now viewed from the other side, from the perspective of the spiritual world—an interest in earthly life. This interest in earthly life emerges many years, many centuries before we descend into earthly life. We already develop an interest in our future earthly life when, on Earth itself, it is not only our grandfather who lives there, but a distant ancestor who lived many generations before us, from whom we are descended. The interest we have held for the purely spiritual world during the long period between death and a new birth transforms into an interest in a succession of generations. At the end of this lineage, we ourselves are then born. In fact, from the spiritual world, we follow our ancestors over long periods of time, at the end of which stand our own parents. Thus, from the spiritual world, we grow into our lineage.

[ 17 ] Diese Dinge werden einmal in das allgemeine Menschenbewußtsein übergehen, und man wird dann erst sehen, in welch eingeschränktem Maße das gilt, wovon heute eine zwar richtige, aber außerordentlich beschränkte Wissenschaft immer wieder redet: die Vererbung. Die physische Vererbung kann erst dann dem Menschen klarwerden, wenn er weiß, welchen Anteil an den physischen Vererbungsgestaltungen diejenigen Kräfte selbst haben, mit denen er schon aus der geistigen Welt an seiner ganzen Ahnenfolge beteiligt ist. Wenn wir hier mit unserer physischen eingeschränkten Wissenschaft darauf hinweisen, wie wir diese oder jene Eigenschaft unseres Ururgroßvaters haben, so müssen wir nicht vergessen, wie wir, schon als dieser Ururgroßvater lebte, von der geistigen Welt unser Interesse hatten an dem, wie unser Ururgroßvater war, wie wir hineinwachsen in dasjenige, was sich dann äußerlich in den Eigenschaften von Generation zu Generation ausbildet. Wir wachsen ja hinein von der geistigen Welt aus.

[ 17 ] These things will one day become part of the general human consciousness, and only then will people see to what limited extent what is repeatedly discussed today by a science that is indeed correct but extraordinarily limited applies: heredity. Physical heredity can only become clear to a person when they know what role those very forces play in physical hereditary patterns—forces through which they are already connected, from the spiritual world, to their entire ancestral lineage. When we point out here, with our physically limited science, how we possess this or that trait of our great-great-grandfather, we must not forget how, even while this great-great-grandfather was still alive, we were already, from the spiritual world, interested in what he was like—how we grow into that which then manifests outwardly in the traits that develop from generation to generation. After all, we grow into it from the spiritual world.

[ 18 ] Diese Dinge werden auch später einmal, wenn Anthroposophie mehr in die Zivilisation der allgemeinen Menschheit hineinkommt, _ ihre praktische Bedeutung gewinnen. Man ermißt gar nicht, wieviel Mutlosigkeit, Energielosigkeit der Seelen heute auf eine halbbewußte, unbewußte Art aus den Gedanken der Vererbung herkommt, weil namentlich die Wissenschaft von diesen Vererbungsverhältnissen in einer ganz unzulänglichen Weise nur sprechen kann. Aber diese Dinge sind schon selbst in die Kunst übergegangen, sind in das allgemeine Menschendenken übergegangen.

[ 18 ] These things will also gain _ practical significance_ at a later time, when anthroposophy becomes more deeply integrated into the civilization of humanity as a whole. One cannot even begin to fathom how much despondency and lack of vitality in people’s souls today stems, in a semi-conscious or unconscious way, from ideas about heredity—precisely because science can only speak of these hereditary relationships in a completely inadequate manner. But these ideas have already found their way into art and into general human thought.

[ 19 ] Wenn der Mensch sich einmal mit dem Bewußtsein durchdringen wird, wie er nicht nur an die physische Gestaltung seiner Ahnen angeschlossen ist, sondern an die Entwickelung seiner eigenen Seele, die von der geistigen Welt aus verfolgt die ganze Ahnenentwickelung und mitbaut an der Ahnenentwickelung, dann wird eben dieses Bewußtsein innerlich real werden. Dann wird wiederum vom Geiste aus Energie und Mut in die Seelen kommen bei manchen Menschen, bei denen aus den heutigen Denkweisen heraus Mutlosigkeit und Energielosigkeit kommt. Denn das ist von dem allergeringsten Wert, daß wir theoretisch dieses oder jenes über die geistige Welt wissen. Meistens kleiden wir es uns sogar in physische Gedankenformen, was wir über die geistige Welt denken. Nicht darauf kommt es an, daß wir uns theoretische Gedanken über die geistige Welt machen. Gewiß, wir müssen sie uns zuerst machen, diese Gedanken, damit sie in unser Gemüt, in unseren Willen hineingehen, aber das Wesentliche ist dann, daß sie in unserem Gemüte, in unserem Gefühl leben können..

[ 19 ] Once a person comes to realize that they are connected not only to the physical form of their ancestors but also to the development of their own soul—which, from the spiritual world, follows the entire development of their ancestors and contributes to it—then this very awareness will become a reality within them. Then, in turn, energy and courage will flow from the spirit into the souls of some people who, due to today’s ways of thinking, are plagued by despondency and a lack of energy. For it is of the very least importance that we know this or that about the spiritual world in a theoretical sense. Most of the time, we even clothe our thoughts about the spiritual world in physical thought-forms. What matters is not that we form theoretical thoughts about the spiritual world. Certainly, we must first form these thoughts so that they can enter our minds and our will, but what is essential is that they can then live within our minds and our feelings.

[ 20 ] Ich möchte, um dieses zu veranschaulichen, folgendes sagen. Die anthroposophische Bewegung ist durch die Zeitverhältnisse, die ich in Dornach jetzt vor kurzem charakterisiert habe, eine Zeitlang Hand in Hand gegangen mit der sogenannten theosophischen Bewegung. Sie hat niemals Lehren der theosophischen Bewegung aufgenommen, sondern nur ihre Zuhörer innerhalb der Theosophischen Gesellschaft gefunden. Aber es gibt ja auch Lehren, die als solche der theosophischen Bewegung bekannt sind. Oberflächlinge verwechseln die Theosophie mit der Anthroposophie. Aber trotzdem die Zahl dieser Oberflächlinge eine sehr große ist, muß Ihnen doch klar sein der große, tiefgehende Unterschied. Diesen tiefgehenden Unterschied möchte ich noch durch einige Bemerkungen charakterisieren. Versuchen Sie einmal, so recht zu verfolgen, wie eigentlich gerade theosophische Lehren arbeiten. Sie reden ja auch von den Gliedern der menschlichen Natur, Gliedern der menschlichen Wesenheit, sogar, was die unteren Glieder betrifft, mit denselben Namen: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib. Aber gehen Sie dann auf Beschreibungen ein, so werden Sie finden: Der physische Leib, das ist der dichte Leib, dann kommt der Ätherleib, etwas dünner, aber doch so eine Art Nebel, dann kommt der astralische Leib, wieder dünner, ein dünnerer Nebel, und dann muß man furchtbar klettern, es wird aber immer nur ein dünnerer und dünnerer Nebel. Sehen Sie sich an, wie wenig sich diese Literatur einläßt auf das, was in der anthroposophischen Literatur, ich möchte sagen, schon den Abc-Schützen zugemutet wird, sich den Ätherleib nicht als etwas Dünneres vorzustellen, sondern als etwas Entgegengesetztes vom physischen Leib. So wie der physische Leib den Raum ausfüllt, nimmt der Ätherleib etwas weg. Physische Materie erfüllt den Raum, Äthersubstanz saugt den Raum aus. Da gibt es nichts von der Art, daß man immer in dünnere Nebel kommt, sondern da wird wirklich der Weg zur geistigen Betrachtung angetreten. Das stört viele sogar, denn sie haben hübsche Möglichkeiten, an die physische Welt anzuknüpfen in diesen immer dünner werdenden Nebeln, man kann sich das Ganze durch physische Bilder vorstellen, so daß man ganze Systeme, ganze Weltanschauungen auf diese theosophische Art bilden kann.

[ 20 ] To illustrate this, I would like to say the following. Due to the circumstances I recently described in Dornach, the anthroposophical movement has, for some time, gone hand in hand with the so-called theosophical movement. It has never adopted the teachings of the Theosophical Movement, but has merely found its audience within the Theosophical Society. Yet there are, of course, teachings that are known as such within the Theosophical Movement. Superficial people confuse Theosophy with Anthroposophy. But even though the number of such superficial people is very large, the great, profound difference must be clear to you. I would like to further characterize this profound difference with a few remarks. Try to really trace how theosophical teachings actually work. They, too, speak of the members of human nature, the members of the human being—and even, as far as the lower members are concerned, use the same names: physical body, etheric body, astral body. But if you then look into the descriptions, you will find: The physical body is the dense body; next comes the etheric body, somewhat thinner, but still a kind of mist; then comes the astral body, even thinner—a thinner mist; and then you have to climb a tremendous way, yet it becomes only a thinner and thinner mist. Notice how little this literature engages with what is expected—even of beginners, I might say—in anthroposophical literature: to conceive of the etheric body not as something thinner, but as the opposite of the physical body. Just as the physical body fills space, the etheric body takes something away from it. Physical matter fills space; etheric substance draws space out. There is nothing here of the sort where one simply moves into ever thinner mists; rather, one truly embarks on the path to spiritual contemplation. This even bothers many people, because they have convenient ways of connecting to the physical world within these increasingly thin mists; one can imagine the whole thing through physical images, so that one can construct entire systems and worldviews in this theosophical manner.

[ 21 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann, sagte ich Ihnen, schmelzen seine Gedanken ab innerhalb weniger Tage. Aber diese Theosophie schmilzt innerhalb weniger Stunden ab, sie gehört zum ersten, was vergessen wird. Das Eigentümliche ist, daß jene Gedanken, die aus dem Spiritismus stammen, überhaupt nicht einmal in den allerersten Augenblicken nach dem Tode noch wirksam sind, die kann der Mensch nicht einmal durch die Pforte des Todes tragen. Die Gedanken, die sich der Mensch aus spiritistischen Experimenten macht, das sind die allermaterialistischsten Gedanken. Als das erweisen sie sich dadurch, daß sie gar nicht über den Tod hinausgetragen werden. Während nämlich die Spiritisten glauben, daß ihnen Gedanken von einer geistigen Welt durch die Medien hereingetragen werden, ist die Wahrheit diese, daß alle Gedanken, die über den Spiritismus gemacht werden, gar nicht einmal über den Tod hinausgehen. So stark sind die Illusionen, denen sich die Menschen dann hingeben, wenn sie irgendwie sich Anschauungen über die geistige Welt bilden wollen.

[ 21 ] When a person passes through the gate of death, I told you, their thoughts fade away within a few days. But this theosophy fades away within a few hours; it is among the first things to be forgotten. What is peculiar is that those thoughts derived from spiritualism are not even active in the very first moments after death; a person cannot even carry them through the gate of death. The thoughts a person forms from spiritualist experiments are the most materialistic of all. This is proven by the fact that they are not carried beyond death at all. For while spiritualists believe that thoughts from a spiritual world are conveyed to them through mediums, the truth is that all thoughts formed through spiritualism do not even extend beyond death. So strong are the illusions to which people succumb when they seek to form any kind of conception of the spiritual world.

[ 22 ] Worum es sich handelt, ist nicht, daß wir uns bloß Gedanken machen über die geistige Welt — wir müssen sie uns zunächst machen, damit überhaupt der Inhalt der geistigen Welt in die Seele hereinkommt —, aber das, worum es sich handelt, ist, daß diese Gedanken sich als lebendig schaffend erweisen. Die gewöhnlichen physischen Erdengedanken sind abstrakte Gedanken. Die meisten wissenschaftlichen Gedanken sind ganz abstrakte Gedanken, die tun eigentlich nichts in der menschlichen Wesenheit, so wenig als die Spiegelbilder etwas tun können. Sie sind nur Bilder, diese Gedanken. Wenn Sie mit einem Menschen zu gleicher Zeit in den Spiegel schauen und eine Ohrfeige bekommen, so werden Sie nicht irgendeinem der Spiegelbilder das zuschreiben, daß Sie die Ohrfeige bekommen haben, sondern einem wirklichen Menschen, der neben Ihnen steht. Gedanken sind ebenso wie die Spiegelbilder: sie tun nichts, sie impulsieren nicht in Wirklichkeit. Erst die moralischen Intuitionen in den Gedanken sind das Impulsierende. Und so ist es, daß wir zwar ausgehen müssen von Gedanken, daß aber die Gedanken über die geistige Welt so wirken müssen, wie Realitäten wirken, nicht wie Gedanken.

[ 22 ] The point is not simply that we think about the spiritual world—we must first form these thoughts so that the content of the spiritual world can enter the soul at all—but rather that these thoughts prove to be creatively alive. Ordinary physical, earthly thoughts are abstract thoughts. Most scientific thoughts are entirely abstract; they do nothing within the human being, just as mirror images can do nothing. These thoughts are merely images. If you look into a mirror at the same time as another person and receive a slap, you will not attribute the slap to any of the mirror images, but to a real person standing next to you. Thoughts are just like reflections: they do nothing; they do not actually exert any influence. It is only the moral intuitions within thoughts that exert this influence. And so it is that, although we must start from thoughts, thoughts about the spiritual world must have the same effect as realities do, not as thoughts do.

[ 23 ] Dann erst treten wir ein in die wirkliche anthroposophische Anschauung, wenn wir die Gedanken als Realitäten empfinden, sie auch als Realitäten erleben. Hier liegt auch dasjenige, dem oftmals mit einem Einwande begegnet wird. Oberflächlinge sagen auch: Diese ganze anthroposophische Weltänschauung kann auch auf Einbildung beruhen, der Mensch unterliegt Selbstsuggestionen. Man sagt als Beispiel, daß der Mensch manchmal so sensitiv ist, daß er beim bloßen Gedanken des Limonadetrinkens schon von der Empfindung, die man eben beim wirklichen Limonadetrinken auch haben kann, ausgefüllt wird. Es ist richtig, es gibt so sensitive Menschen, die nur an eine Limonade zu denken brauchen und sie haben den Limonadengeschmack im Munde. Wenn das als Einwand entgegengebracht wird, so ist das richtig, aber es soll jemand sagen, ob er sich durch den bloßen Gedanken an die Limonade den Durst gelöscht hat! Das hat er eben nicht getan. In die Realität treten die bloßen Gedanken nicht über. Solange allerdings Anthroposophie bloß Gedanke bleibt, gleicht sie dem, was man an einer vorgestellten Limonade hat. Aber das braucht sie nicht zu bleiben, denn sie ist aus der geistigen Realität heraus geschöpft. Sie wirkt nicht bloß wie ein Gedanke, sondern sie wirkt, wie auf den physischen Leib die äußere Realität der Stoffe wirkt. Sie durchdringt, sie durchpulst das Willens- und das Gefühlsleben des Menschen. Sie wird Realität im Menschen. Das ist es, worauf es ankommt.

[ 23 ] Only then do we enter into the true anthroposophical worldview, when we perceive thoughts as realities and experience them as such. This is also the point that is often met with objections. Superficial people say: This entire anthroposophical worldview could be based on imagination; human beings are subject to autosuggestion. As an example, it is said that a person is sometimes so sensitive that the mere thought of drinking lemonade is enough to fill them with the sensation one might actually experience when drinking lemonade. It is true; there are people so sensitive that they need only think of lemonade to have the taste of it in their mouths. If this is raised as an objection, it is valid—but let someone say whether the mere thought of lemonade has quenched their thirst! It certainly has not. Mere thoughts do not translate into reality. However, as long as anthroposophy remains merely a thought, it is akin to what one experiences with an imagined lemonade. But it need not remain that way, for it is drawn from spiritual reality. It does not merely act like a thought; rather, it acts upon the physical body just as the external reality of matter does. It permeates and pulses through a person’s life of will and feeling. It becomes reality within the person. That is what matters.

[ 24 ] Damit ist schließlich nichts Besonderes getan, wenn wir die Anthroposophie als Theorie haben. Sie muß Leben werden. Sie kann aber insbesondere in diesem Punkte Leben werden, daß sie unsere Seelen energievoll, tragkräftig, mutvoll macht; daß in dem Momente, wenn wir in Sorge für das physische Erdenleben, in tiefster Trauer und tiefstem Elend stehen, wir im Aufblick zu einer geistigen Welt von innerer Freudigkeit, von innerem Trost, von innerer Energie erfüllt werden können. Dann wird Anthroposophie wie ein lebendiges Wesen, dann wird sie etwas, was wie unter uns wandelt als ein lebendiges Wesen. Dann aber ist sie eigentlich erst dasjenige unter uns geworden, was sie werden sollte, dann durchdringt sie erst alle unsere Tätigkeit. Und dann bringt sie uns dazu, diese Welt, in die wir ja auch um des Geistes, nicht um der physischen Materie willen auf Erden hineingestellt werden, wirklich zu durchdringen. Vor allen Dingen kommt dann Anthroposophie zur wirklichen Menschenkenntnis. Denn wenn man den Menschen einfach so betrachtet, daß man, nachdem er gestorben ist, absieht von dem, was nun durch die Pforte des Todes gegangen ist und bloß dasjenige ins Auge faßt, was als physischer Leib übriggeblieben ist, auf anatomischem Wege, indem man den Leichnam seziert, physiologisch den Menschen betrachtet: dadurch erfährt man ja das allerwenigste über den Menschen. Denn dann wird eigentlich alles so mehr oder weniger gleichgültig am Menschen, gleichgeltend besser gesagt: die Blutzelle wird mit der Nervenzelle stark gleichgeltend. Gewiß, man unterscheidet sie — ich will Ihnen nicht irgendeinen Unsinn vortragen —, aber man unterscheidet sie nicht in bezug auf das Wesen. In bezug auf das Wesen kann man sie nur unterscheiden, wenn man die Beziehung dieser Elementarwesenheit Zelle zum Geistigen kennt. Nun ist es bei der Nervenzelle so, überhaupt bei jedem Nervenpartikelchen, daß in dem Nervenwesen dasjenige, was aus dem Geiste kommt, ich möchte sagen, sein irdisches Heim findet. Wir kommen, wenn wir aus der geistigen Welt heraustreten und wieder Erdenbürger werden, durch die Ihnen bekannten Vorgänge in unseren physischen Leib herein. Was uns da dient, indem wir heruntersteigen in die physische Welt, das ist alles das, was mit unserem Nervenmenschen zusammenhängt. Wir setzen uns gewissermaßen in unser Nervensystem hinein, indem wir aus der geistigen Welt heruntersteigen. Und das Eigentümliche dieses Nervenmenschen, jeder einzelnen Nervenzelle, jedes Nervenpartikelchens, besteht darin, daß das Geistige diese Nervensubstanz so ausfüllt, daß innerhalb des Nervenmenschen in der Wesenheit das da ist, was man nennen könnte: zur Materie verdichteter Geist. Es ist ja nicht ganz so, sondern so, daß beim irdischen Menschen fortwährend ein Austausch stattfindet zwischen Nervenmaterie und Blutmaterie. Aber es ist der Austausch so, daß innerhalb der Nervenmaterie die eigentliche Blutmaterie nicht geduldet, immer herausgeworfen wird, so daß wir in der Nervenmaterie etwas haben, was während unseres ganzen Erdenlebens für die irdische Geistigkeit wie ein Undurchlässiges ist.

[ 24 ] After all, having anthroposophy as a theory does not accomplish anything special. It must become a living reality. But it can become a living reality, particularly in this respect: by making our souls energetic, resilient, and courageous; so that in moments when we are preoccupied with earthly concerns, in the deepest sorrow and misery, we can be filled with inner joy, inner comfort, and inner energy as we look up toward a spiritual world. Then anthroposophy becomes like a living being; then it becomes something that walks among us as a living being. Only then, however, has it truly become among us what it was meant to be; only then does it permeate all our activities. And then it leads us to truly penetrate this world, into which we are placed on Earth for the sake of the spirit, not for the sake of physical matter. Above all, anthroposophy then leads to a true understanding of human nature. For if one simply regards the human being in such a way that, after death, one disregards what has now passed through the gate of death and focuses solely on what remains as the physical body—examining the human being physiologically through anatomical means by dissecting the corpse—one learns, in fact, the very least about the human being. For then, in fact, everything about the human being becomes more or less indifferent—or rather, of equal significance: the blood cell and the nerve cell become virtually equivalent. Certainly, one distinguishes between them—I don’t want to tell you any nonsense—but one does not distinguish them in terms of their essence. In terms of their essence, one can distinguish them only if one understands the relationship between this elemental entity—the cell—and the spiritual. Now, in the case of the nerve cell—indeed, of every nerve particle—what comes from the spirit finds, I might say, its earthly home within the nervous system. When we step out of the spiritual world and become earthly beings once more, we enter our physical body through the processes familiar to you. What serves us as we descend into the physical world is everything connected with our nervous being. In a sense, we settle into our nervous system as we descend from the spiritual world. And the distinctive feature of this nervous being—of every single nerve cell, every tiny nerve particle—is that the spiritual fills this nervous substance in such a way that within the nervous being, in its very essence, there is what one might call: spirit condensed into matter. It is not quite like that, but rather, in the earthly human being, there is a constant exchange taking place between nervous matter and blood matter. But this exchange is such that the actual blood matter is not tolerated within the nervous matter—it is always expelled—so that within the nervous matter we have something that, throughout our entire earthly life, acts as an impermeable barrier to earthly spirituality.

[ 25 ] Wir kommen auf die Erde, machen uns zum Nervenmenschen und sagen damit: Wir sind Himmelssprossen. Insoferne wir Nervenmenschen sind, sind wir Himmelssprossen, und wir setzen geistig uns da fest, bleiben Himmelssprossen, insofern wir Nervenmenschen sind. Da ist gewissermaßen die Geistigkeit, die wir vorher waren, starr geworden. Und sie gliedert sich das übrige an, was nicht Nervenmensch ist, was also im Extrem der Blutmensch ist. Das wird angegliedert, das ist andere Materie. Das ist Materie, die fortwährend mit dem Geiste in inniger Wechselwirkung steht, die fortwährend von dem. Geiste durchsprudelt wird. Während im Nervenleibe der Geist erstarrt ist, wird er im Blutleibe immer neu geschaffen, da lebt die eigentliche irdische Metamorphose. Diese zwei Menschenwesenheiten sind zusammengegliedert, sind ganz voneinander verschieden, wie positive und negative Elektrizität voneinander verschieden ist. Wir tragen eine solche Polarität in uns in bezug auf die Beschaffenheit unseres Nervenleibes und Blutleibes. Die andern Organe sind metamorphosierte Organe aus Blut und Nerven.

[ 25 ] We come to Earth, transform ourselves into nervous beings, and thereby declare: We are offspring of Heaven. To the extent that we are nervous beings, we are offspring of Heaven, and we establish ourselves spiritually there, remaining offspring of Heaven to the extent that we are nervous beings. In a sense, the spiritual nature that we once were has become rigid. And it incorporates the rest—that which is not a nervous human being, which, in the extreme, is the blood-based human being. This is incorporated; it is a different kind of matter. This is matter that is in constant, intimate interaction with the spirit, that is continually permeated by the spirit. While the spirit is solidified in the nervous body, it is continually recreated in the blood body; this is where the true earthly metamorphosis takes place. These two human entities are united yet entirely distinct from one another, just as positive and negative electricity are distinct from one another. We carry such a polarity within us with regard to the nature of our nervous body and blood body. The other organs are metamorphosed organs composed of blood and nerves.

[ 26 ] Es ist etwas ganz anderes, ob irgend etwas in unserem Blutprozeß vor sich geht — das ist dann irdisch —, oder ob etwas in unserem Nervenprozeß vor sich geht. Das kommt uns zwar nicht zum Bewußtsein, weil die Substanz des Geistes so erstarrt ist, daß alles zurückreflektiert wird. Das sind dann unsere Gedanken, die zurückreflektiert werden. Aber diese Zweiheit, diesen Dualismus tragen wir in uns, daß wir fortwährend himmlischer Abkömmling und irdischer Keim sind. Himmlischer Abkömmling, irdischer Keim — beide sind polarisch einander entgegengesetzt —, die wirken zusammen.

[ 26 ] It is an entirely different matter whether something is taking place in our blood process—which is then earthly—or whether something is taking place in our nervous process. We are not aware of this, however, because the substance of the spirit is so rigid that everything is reflected back. These are our thoughts that are reflected back. But we carry this duality within us, in that we are constantly both heavenly descendants and earthly seeds. Heavenly descendants, earthly seeds—both are polar opposites—and they work together.

[ 27 ] Nun, gestatten Sie mir, daß ich einen Vergleich gebrauche. Sie haben zwei entgegengesetzte Zustände. Wenn Sie sich die Waage vorstellen und im Hypomochlion festgehalten rechter und linker Waagebalken: Sie haben Gleichgewicht, wenn das Gewicht auf der einen Seite so groß ist wie das auf der andern Seite. Immer, wenn Sie das Gewicht auf der einen Waageschale vergrößern, müssen Sie es auf der andern Seite auch vergrößern, damit der Waagebalken horizontal bleibt. Aber ein Punkt ist da, den das gar nicht interessiert: das ist der Punkt, wo der Waagebalken aufgehängt ist. Sie können die Waage überall herumschaffen, wenn Sie sie an dem einen Punkt halten, wo der Waagebalken unterstützt ist. Sie können überall sehen, wie links von rechts abhängig ist und umgekehrt, aber gar nicht kümmert sich darum dieser Aufhängepunkt. Da ist alles im Gleichgewicht, und was da auch auf den zwei Waagschalen vorgeht, es ist ganz unabhängig von dem, was gerade just in diesem einen Punkte bei der Waage vorgeht. Sie können einmal eine Bewegung so machen, wenn Sie die genügende Geschicklichkeit anwenden, Sie können auch eine solche Bewegung oder eine solche machen mit dem Aufhängepunkte: das hängt gar nicht zusammen mit dem, was auf der Waage, auf der rechten und linken Seite des Waagebalkens vor sich geht. So ist es beim Menschen auch, nur ist da kein Aufhängepunkt, aber eine Gleichgewichtslage zwischen dem, was er als Nervenmensch ist und dem, was er auf der Erde wird. Diese zwei Dinge stehen miteinander in einem Zusammenhang, den man untersuchen kann. Bei einem Menschen, der auf der einen Seite starke Gedanken hat, kommen diese in einem starken Willensentschluß zum Ausdruck. Wenn ein Mensch starke Muskeln hat, hat er auch andere Gedanken über sein Wollen. Aber dazwischen ist eine Gleichgewichtslage. Die Gleichgewichtslage liegt nicht im Kopf als Repräsentanten des Nervenmenschen — nicht in den Gliedmaßen als Repräsentanten des Blutmenschen. Sie liegt dazwischen, sie ist etwas wie ein Hypomochlion, was die Gleichgewichtslage von beiden ist.

[ 27 ] Well, allow me to use an analogy. You have two opposing states. If you imagine a balance scale with the right and left pans held in place by the hypomochlion: you have equilibrium when the weight on one side is equal to that on the other. Whenever you increase the weight on one pan of the scale, you must also increase it on the other side so that the balance beam remains horizontal. But there is one point that is completely unaffected by this: that is the point where the balance beam is suspended. You can move the scale around anywhere as long as you hold it at the single point where the balance beam is supported. You can see everywhere how the left side depends on the right and vice versa, but this suspension point doesn’t care at all. Everything is in balance there, and whatever happens on the two pans is completely independent of what is happening at that very point on the scale. You can make a certain movement—if you apply sufficient dexterity—or you can make another such movement involving the pivot point: this has absolutely nothing to do with what is happening on the scale, on the right and left sides of the balance beam. It is the same with human beings, except that there is no fulcrum, but rather a state of equilibrium between what they are as “nervous beings” and what they become on Earth. These two things are interconnected in a way that can be examined. In a person who has strong thoughts on one side, these are expressed in a strong act of will. If a person has strong muscles, they also have different thoughts regarding their will. But in between lies a state of equilibrium. This state of equilibrium does not lie in the head as the representative of the nervous human being—nor in the limbs as the representative of the blood-based human being. It lies in between; it is something like a hypomochlion, which is the point of equilibrium between the two.

[ 28 ] Und was ist der Mensch dadurch, daß er diese Gleichgewichtslage hat? Sehen Sie, wenn die Waage sich selbständig bewegen würde, so würde sie sich in ihrem Gleichgewichtspunkt ganz unbekümmert darum bewegen können, wie ihr Waagebalken belastet oder nicht belastet wird. Da der Mensch eine solche Gleichgewichtslage hat, bewegt er sich auch als Erdenmensch ganz unabhängig von dem, was die Naturwissenschaft als die Kausalität des Willens, als die Unfreiheit, als die Verursachung der Willensimpulse findet. So wahr es ist, daß Sie eine Gesetzmäßigkeit haben zwischen dem rechten und linken Waagebalken, so wahr ist alles das, was die Naturwissenschaft über die Ursache eines Willensentschlusses sagt. Aber der Wille selbst liegt im Hypomochlion, in der Gleichgewichtslage. Man muß also erst die wirkliche Wesenheit des Menschen erkennen, dann hat man ein Urteil darüber, ob der Mensch ein freies Wesen ist oder nicht. Diese Erklärung ergibt sich aber erst, wenn man die Beziehung des Geistes auf der einen Seite sozusagen zur positiven Materie, auf der andern Seite zur negativen Materie kennt, also eigentlich die positive Beziehung des Menschen zur Materie und die negative. Dann findet man zwischen beiden die Region, wo der Mensch als freies Wesen realisiert ist. Dann schaut man hinein in dasjenige, wo sich der Mensch heraushebt sowohl aus der Ursächlichkeit wie aus der geistigen Determination. In alten Zeiten hatte man die geistige Determination, von der ausgehend die Philosophie behauptete, daß der Mensch vom Geiste aus überall determiniert sein müßte; in der neueren Zeit die Naturkausalität. So wie die Deterministen im Nervenmenschen plätscherten und nicht wußten, daß immer ein Anderes, Entgegengesetztes ein Gleichgewicht bewirkt, so bewegen sich die heutigen Menschen in der Naturkausalität. Beide finden die Unfreiheit des Menschen. Aber die Freiheit liegt zwischen drinnen.

[ 28 ] And what is a human being by virtue of possessing this state of equilibrium? You see, if the scale were to move on its own, it would be able to move around its point of equilibrium without the slightest concern for whether its beam is weighted or unweighted. Since human beings possess such a state of equilibrium, they act—even as earthly beings—completely independently of what natural science identifies as the causality of the will, as lack of freedom, or as the causes of volitional impulses. Just as it is true that there is a law governing the relationship between the right and left beams of the balance, so too is everything that natural science says about the cause of a volitional decision true. But the will itself lies in the hypomochlion, in the state of equilibrium. One must therefore first recognize the true nature of the human being; only then can one judge whether the human being is a free being or not. This explanation, however, only becomes clear when one understands the relationship of the spirit, on the one hand, to positive matter, so to speak, and, on the other hand, to negative matter—that is, the positive and negative relationships of the human being to matter. Then one finds, between the two, the region where the human being is realized as a free being. Then one looks into that region where the human being distinguishes itself from both causality and spiritual determination. In ancient times, there was spiritual determination, on the basis of which philosophy asserted that the human being must be determined everywhere by the spirit; in more recent times, there has been natural causality. Just as the determinists dabbled in the “nervous man” concept without realizing that there is always something else, something opposite, that brings about a balance, so do people today dwell within natural causality. Both find that human beings lack freedom. But freedom lies right in between.

[ 29 ] So handelt es sich darum, daß wir wirklich in die Lage kommen, die physische Welt gerade dadurch zu begreifen, daß wir das Verhältnis dieser physischen Welt zur geistigen richtig ins Auge fassen können. Damit kommt man nicht aus, daß man sagt: Der physischen Welt liegt eine geistige zugrunde. — Da kommen Sie höchstens zu der Trivialvorstellung: Da steht der physische Mensch, und irgendwo schwimmt ein geistiges Urbild. — Da kommen Sie nicht zu einer Vorstellung des physischen Menschen. Sie können den physischen Menschen nur so verstehen, daß zu der einen Hälfte des Menschen die geistige Welt in einer ganz andern Beziehung steht als zu der andern Hälfte, und daß dazwischen ein von beiden nicht berührter Gleichgewichtspunkt ist, der die menschliche Freiheit bildet.

[ 29 ] The point, then, is that we must truly be able to comprehend the physical world precisely by correctly grasping the relationship between this physical world and the spiritual world. It is not enough to simply say: “The physical world is based on a spiritual one.” — At best, that leads you to the trivial notion: There stands the physical human being, and somewhere a spiritual archetype floats. — That does not lead you to a conception of the physical human being. You can only understand the physical human being by recognizing that the spiritual world stands in a completely different relationship to one half of the human being than to the other half, and that between them there is a point of equilibrium untouched by either, which constitutes human freedom.

[ 30 ] Im Grunde genommen müßte ein innerliches Entzücken in der Seele entstehen — ich rede gleich wieder von dem, was durch die Gedanken bewirkt wird, die mit aller Lebendigkeit aus dem Geistigen herausgeholt sind —, es müßte ein innerliches Entzücken in der Seele entstehen, wenn sie sich sagen kann: Es fällt einem wie Schuppen von den Augen, wenn man sich sagen kann, der Mensch ist frei, und wenn man hinschauen kann auf die Gründe dieser Freiheit. — Solange es bloß Menschen gibt, welche mit genialer Gescheitheit — ich will diese den Anthroposophen nicht absprechen — die Anthroposophie einsehen, sich zu ihr bekennen als zu Gedanken, so lange lebt Anthroposophie noch nicht. In dem Momente, wo bei besonders wichtigen Erkenntnissen die Seelen vor Entzücken zerspringen möchten und freudig erregt werden von dieser oder jener Einsicht, dann erst, wenn solche Menschen sich als Anthroposophen fühlen, dann ist die anthroposophische Bewegung entstanden. Sie entsteht eigentlich als anthroposophische Bewegung im ganzen Menschen. Dann trifft sie auch auf die Gleichgewichtslage auf.

[ 30 ] Essentially, an inner rapture should arise in the soul—I am speaking once again of what is brought about by thoughts drawn with all their vitality from the spiritual realm—an inner rapture should arise in the soul when it can say to itself: It is as if scales were falling from one’s eyes when one can say to oneself that the human being is free, and when one can look upon the reasons for this freedom. — As long as there are merely people who, with brilliant intelligence—and I do not wish to deny this to anthroposophists—understand anthroposophy and profess it as a set of ideas, anthroposophy is not yet truly alive. Only at the moment when, in the face of particularly important insights, souls feel as if they might burst with delight and are joyfully stirred by this or that insight—only then, when such people feel themselves to be anthroposophists—does the anthroposophical movement come into being. It actually arises as an anthroposophical movement within the whole human being. Then, too, it finds its state of equilibrium.

[ 31 ] Nun, meine lieben Freunde, ich möchte Sie von diesem Vortrage damit entlassen, daß ich Sie der Vorstellung ausliefere, die Sie frägt: Wie weit können wir heute schon von anthroposophischen Gedanken innerlich durchglüht und erkenntnisfreudig entzückt werden? — Dann denken Sie von diesem Gesichtspunkte aus über den Anfang der anthroposophischen Bewegung nach!

[ 31 ] Well, my dear friends, I would like to conclude this lecture by leaving you with a question: To what extent can we already be inwardly inspired by anthroposophical ideas and filled with a joy of knowledge today? — Then, from this perspective, reflect on the beginnings of the anthroposophical movement!