The Human Soul in Its Relationship to Divine-Spiritual Individualities
GA 224
4 July 1923, Stuttgart
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The Human Soul in Its Relationship to Divine-Spiritual Individualities, tr. SOL
4. Mauthners «Kritik Der Sprache» die Unzulänglichkeit heutigen Denkens, Aufgezeigt an Rubner und Schweitzer
4. Mauthner’s “Critique of Language”: The Inadequacy of Contemporary Thought, as Illustrated by Rubner and Schweitzer
[ 1 ] Es ist in unserer Zeit außerhalb der Kreise der anthroposophischen Bewegung wenig Verständnis dafür vorhanden, wie man eigentlich wiederum zu einer wirklichen Seelenanschauung kommen soll. Ich spreche damit einen Satz aus, der vielleicht auf der einen Seite manchem ganz unverständlich klingt, weil doch oftmals die Voraussetzung gemacht wird, daß man wisse, was Seele ist, womit man es zu tun habe, wenn man von der Seele spricht — und so weiter. Und auf der andern Seite kann ein solcher Ausspruch vielfach auch wiederum wie eine Selbstverständlichkeit genommen werden in dem Sinne, daß die jahrhunderte-, ja jahrtausendealten Anschauungen über die menschliche Seele einmal abgewirtschaftet haben und daß man warten müsse mit einer Anschauung über die menschliche Seele, bis die naturwissenschaftlichen Forschungen so weit sein können, daß sie Aufschluß über das Seelische zu geben in der Lage sind.
[ 1 ] In our time, outside the circles of the anthroposophical movement, there is little understanding of how one is actually supposed to arrive at a genuine view of the soul. I am stating something that may, on the one hand, sound completely incomprehensible to some, because it is often assumed that one knows what the soul is, what one is dealing with when speaking of the soul—and so on. On the other hand, such a statement can often be taken for granted in the sense that the centuries-old, indeed millennia-old conceptions of the human soul have run their course, and that one must wait to form a conception of the human soul until scientific research has advanced to the point where it is capable of shedding light on the nature of the soul.
[ 2 ] Nun möchte ich doch diesen beiden Einwänden heute zunächst nur das entgegenstellen, was der eben verstorbene, von mir öfter genannte Sprachforscher Fritz Mauthner geltend gemacht hat: daß die Menschen in der Gegenwart vielfach glauben, sie hätten über das oder jenes eine Anschauung, während sie doch im Grunde genommen nur Worte haben. Und Mauthner hat aus diesem Grunde eine «Kritik der Sprache» geschrieben. Er wollte zeigen, daß gerade die heute zivilisierte Menschheit eine vererbte Sprache hat. Man hat für alles mögliche Ausdrücke. Wenn man aber näher nachsieht, was hinter den Worten steckt, so ist es eigentlich in Wirklichkeit nichts. Man hat das Wort, glaubt, mit dem Worte etwas zu bezeichnen, bezeichnet aber in Wirklichkeit damit nichts.
[ 2 ] Today, I would like to counter these two objections, at least for now, with what the recently deceased linguist Fritz Mauthner—whom I have often mentioned—argued: that people today often believe they have a view on this or that, when in fact they essentially have nothing but words. And for this reason, Mauthner wrote a “Critique of Language.” He wanted to show that modern, civilized humanity, in particular, has an inherited language. We have expressions for all sorts of things. But if one looks more closely at what lies behind the words, there is actually nothing there. We have the word, we believe we are designating something with it, but in reality, we are designating nothing.
[ 3 ] Nun ist es ja selbstverständlich eine Unsinnigkeit, diese Kritik der Sprache etwa anzuwenden auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Denn niemand wird der Anschauung sein, daß — ob man nun viel oder wenig, sagen wir, über ein Pferd zu denken weiß — man durch den Ausdruck «Pferd» in irgendeiner Sprache über die Sache Pferd beirrt sein könnte. Jeder weiß doch ganz genau zu unterscheiden, daß man auf dem Worte Pferd nicht reiten kann und auf dem wirklichen Pferd reiten kann. Und damit ist schon von vorneherein zum Ausdruck gebracht, daß mit Bezug auf die Dinge, die in der Natur gegeben sind, eine Kritik der Sprache ziemlich belanglos ist, denn man wird immer den Unterschied kennen zwischen dem Worte und der Sache mit Bezug auf die äußere Anschauung. Ich glaube nicht, daß jemand, der ausreiten will, sich statt auf den wirklichen Schimmel auf das Wort Schimmel setzen wird.
[ 3 ] Now, of course, it is nonsense to apply this critique of language to scientific knowledge, for example. For no one would hold the view that—regardless of whether one knows a great deal or very little, say, about a horse—one could be misled about the thing “horse” by the term “horse” in any language. After all, everyone knows perfectly well to distinguish between the fact that one cannot ride the word “horse” and that one can ride a real horse. And this makes it clear from the outset that, with regard to things that exist in nature, a critique of language is quite irrelevant, for one will always know the difference between the word and the thing in terms of external perception. I do not believe that anyone who wants to go for a ride will mount the word “gray horse” instead of the actual gray horse.
[ 4 ] Aber wirklich anders verhält es sich mit alldem, was sich in unserer heutigen Zivilisation bezieht einerseits auf die Seele, auf das Seelenleben, die Tatsachen des Seelenlebens, und was sich auf der andern Seite bezieht auf die ethischen, auf die sittlichen Forderungen der Menschheit. Da muß man tatsächlich sagen: Es ist eigentlich zumeist nur ein Glaube vorhanden, daß hinter den Worten Realitäten stecken. Deshalb kann man es auch verstehen, daß Mauthner tief nachdachte: Soll man denn überhaupt das Wort «Seele» noch aussprechen? Es steckt ja nicht Reales dahinter, was der Mensch so meint, wie wenn er von dem Pferd mit dem Worte Pferd spricht. Die Menschen haben ja nicht mehr Anschauungen über das Seelenleben. Daher sollte man nicht nur, wie es eine Seelenkunde des 19. Jahrhunderts getan hat, die Seele aus der Seelenkunde weglassen, man sollte überhaupt das Wort Seele ganz ausmerzen, und so wie man von etwas Unbestimmtem spricht, von «seelischen Erscheinungen» sprechen. Wenn man sagen will, das sind drei Wesenheiten, Karl, Fritz, Hans, die von dem gleichen Vater und der gleichen Mutter Söhne sind, und oberflächlich sie bezeichnend über sie hinweggehen will, dann sagt man: Geschwister. Warum sollte man denn, meint Mauthner, da man nur so Unbestimmtes über die seelischen Erscheinungen weiß, Seele sagen? Es bezeichnet das Wort Seele nichts, man sollte «Geseel» sagen. Wenn das nun wirklich Glück hätte und aufkommen würde, wäre man die Täuschung los, daß, wenn man Seele sagt, man noch irgend etwas dahinter habe. Denn man würde in der Zukunft nicht mehr sagen, der Mensch habe eine unsterbliche Seele. Der Mensch hat während seines Erdenlebens in sich ein Geseel, Ich bin in meinem tiefsten Geseel gerührt und so weiter.
[ 4 ] But the situation is truly different when it comes to everything in our modern civilization that relates, on the one hand, to the soul, to the life of the soul, and to the realities of that life, and, on the other hand, to the ethical and moral demands of humanity. Here one must indeed say: For the most part, there is really only a belief that realities lie behind the words. That is why it is understandable that Mauthner pondered deeply: Should one even still use the word “soul” at all? After all, there is nothing real behind it in the sense that a person means when speaking of a horse using the word “horse.” People no longer have any clear concept of the life of the soul. Therefore, one should not only—as 19th-century psychology did—omit the soul from psychological discourse; one should eradicate the word “soul” entirely and, just as one speaks of something indefinite, speak of “psychic phenomena.” If one wants to say that there are three individuals—Karl, Fritz, and Hans—who are the sons of the same father and the same mother, and one wants to describe them superficially, then one says: “siblings.” Why, Mauthner asks, should one say “soul” when one knows only such vague things about psychological phenomena? The word “soul” denotes nothing; one should say “psychic phenomenon.” If this term were to catch on, we would be rid of the illusion that saying “soul” implies there is actually something behind it. For in the future, we would no longer say that a person has an immortal soul. Instead, we would say that during their earthly life, a person possesses a “Geseel” within them: “I am moved in the depths of my Geseel,” and so on.
[ 5 ] Die Dinge sind tatsächlich gerade für diejenigen Menschen, welche in ernsthafter Weise auf eine Anschauung des Geistes ausgehen, von außerordentlichem Ernste, von einem viel größeren Ernste, als man gewöhnlich meint. Jedenfalls beweisen sie, wie sehr die Menschen aufhorchen sollten in der Gegenwart, wenn irgendwo geltend gemacht wird, es sollen wiederum die rechten Mittel gesucht werden, um zur Realität der Seele, zur Wirklichkeit der Seele zu gelangen.
[ 5 ] These matters are, in fact, of extraordinary gravity—far greater than is commonly supposed—especially for those who are earnestly seeking an understanding of the spirit. In any case, they demonstrate how closely people should pay attention today whenever it is argued that we must once again seek the proper means to attain the reality of the soul, the true nature of the soul.
[ 6 ] Man sagt heute, die seelischen Fähigkeiten seien in der Hauptsache Denken, Fühlen, Wollen. Aber es sollten die Menschen nur einmal sich ehrlich klarmachen wollen, was sie bei diesen Ausdrücken Denken, Fühlen, Wollen verstehen. Es würde ihnen bald der Glaube ausrauchen, daß sie dabei auf Reales hinschauen. Ich möchte heute nur davon sprechen, wie Anthroposophie verdeutlichen kann, daß man ja mit dem gewöhnlichen Bewußtsein gar nicht in der Lage ist, in dieser Beziehung auf ein voll Reales hinzuschauen. Und das, was ich heute einleitend andeuten möchte in dieser Hinsicht, das werde ich dann im nächsten Vortrag weiter ausführen, denn es obliegt mir heute, noch vor allen Dingen auf eine andere Seite hinzuweisen.
[ 6 ] Today, it is said that the soul’s faculties are primarily thinking, feeling, and willing. But people should just try to honestly clarify for themselves what they mean by these terms—thinking, feeling, and willing. They would soon lose their belief that they are looking at something real when they use them. Today I would like to speak only about how anthroposophy can make it clear that, with ordinary consciousness, one is not at all capable of perceiving something fully real in this regard. And what I would like to hint at by way of introduction today in this regard, I will then elaborate on in the next lecture, for it is my task today, above all else, to point out another aspect.
[ 7 ] Wenn der Mensch heute ehrlich in sich selbst hineinsieht, dann muß er sich gestehen: Dasjenige, was er an Gedanken in sich trägt, ist zumeist — ja, für die meisten ist alles, was an Gedanken in ihnen getragen wird — aus der Außenwelt genommen. Die Gedanken sind mehr oder weniger nur Spiegelbilder dessen, was in der äußeren physisch-sinnlichen Wirklichkeit auf die menschlichen Sinne einen Eindruck macht. Versuchen Sie nur einmal deutlich das Selbstbeobachtungsexperiment zu machen und sich zu fragen: Wieviel Gedanken sind denn in diesem menschlichen Bewußtsein, die auf etwas anderes hinweisen — außer dem, daß wir Worte haben: Denken, Fühlen, Wollen, Gott, Unsterblichkeit und so weiter —, die auf etwas hinweisen in dem Geistesleben der gewöhnlichen Zivilisation, was nicht von der Außenwelt gespiegelt ist. Die Menschen trachten ja nur danach, alles so aufzufassen, wie es von der Außenwelt gespiegelt werden kann. Und wenn man heute vielen Menschen das Geistige klarmachen will, dann verlangen sie eigentlich schon auch für das Geistige Lichtbilder, vielleicht einen Film oder dergleichen, weil sie sagen: Wenn uns das nicht veranschaulicht wird, wenn uns nicht sinnliche Bilder vor Augen gestellt werden, dann begreifen wir ja nichts vom Geistigen!
[ 7 ] If people today look honestly within themselves, they must admit: The thoughts they harbor within themselves are for the most part—indeed, for most people, all the thoughts they harbor—drawn from the external world. Thoughts are, more or less, merely reflections of what makes an impression on the human senses in the external physical-sensory reality. Just try once to conduct this experiment in self-observation clearly and ask yourself: How many thoughts are there in human consciousness that point to something else—apart from the fact that we have words like “thinking,” “feeling,” “willing,” “God,” “immortality,” and so on—that point to something in the spiritual life of ordinary civilization that is not reflected from the external world? People, after all, strive only to perceive everything in a way that can be reflected by the external world. And if one wants to make the spiritual clear to many people today, they actually demand visual aids for the spiritual as well—perhaps a film or something similar—because they say: “If this isn’t illustrated for us, if sensory images aren’t presented before our eyes, then we won’t understand anything about the spiritual!”
[ 8 ] In solchen Momenten, wo die Leute verlangen, daß man ihnen auch das Geistige in sinnliche Bilder kleidet, da sind sie ehrlicher, als wenn sie etwa als Seelenkundige über die Seele sprechen. Wenn wir vieles von dem zusammennehmen, was ich gerade hier in diesem Hause öfter besprochen habe, dann werden wir uns darüber klarwerden können, daß wir, wenn wir so zurückschauen auf unser Denken, nur eine Seite dieses Denkens haben. In diesem Sinne kann man sogar von einer Wirklichkeit sprechen — aber so kann man von einer Wirklichkeit sprechen, wie wenn man einen Menschen nur von hinten kennenlernt. Stellen Sie sich die groteske Sache vor: Sie kennen einen Menschen nur von der Hinterseite! Dann kennen Sie ihn zwar, aber Sie kennen nicht sein Wesen. Sie können höchstens manchmal irgend etwas von seinem Wesen erfassen. Dann aber müssen schon solche Fälle eintreten, wie bei dem Studenten, der einmal als ein ganz junger Dachs nach Heidelberg gekommen ist, sich hat einschreiben lassen bei dem berühmten Professor Kuno Fischer, und nun in seiner großen Freude, bevor er ins Kolleg ging, zum Friseur eilte, sich herrichten ließ, und weil er so voll davon ist, daß er den berühmten Mann hören werde, auch mit dem Friseur darüber redet. Da sagt der Friseur: Ja, heute schreibt der Kuno Fischer was auf die Tafel! — Da frägt ihn der Student: Woher wissen Sie denn das, daß der Kuno Fischer heute etwas auf die Tafel schreibt? — Ja, wenn er etwas auf die Tafel schreibt, dann läßt er sich vor der Vorlesung hinten einen Scheitel machen; da dreht er sich um! |
[ 8 ] In moments like these, when people demand that even spiritual matters be clothed in sensory images, they are more honest than when, for example, they speak about the soul as experts in psychology. If we take together much of what I have frequently discussed right here in this house, then we will be able to realize that, when we look back on our thinking in this way, we have only one side of that thinking. In this sense, one can even speak of a reality—but it is like speaking of a reality as if one were getting to know a person only from behind. Imagine this grotesque situation: You know a person only from behind! Then you do know him, but you do not know his essence. At most, you can sometimes grasp something of his essence. But then situations like this must arise, such as the case of the student who once came to Heidelberg as a very young man, enrolled with the famous Professor Kuno Fischer, and—overcome with joy—rushed to the barber before going to class to have his hair cut, and, because he was so excited about the prospect of hearing the famous man speak, even talked to the barber about it. Then the barber says: “Yes, Kuno Fischer is writing something on the blackboard today!” — So the student asks him: “How do you know that Kuno Fischer is writing something on the blackboard today?” — “Well, when he writes something on the blackboard, he has his hair parted in the back before the lecture; that’s when he turns around!” |
[ 9 ] Nun ja, wenn solche deutlichen Zeichen vorliegen, daß der Charakter in der Scheitelung des Hinterhauptes zum Ausdruck kommt, dann kann man ja etwas erfahren von dem Inneren der Persönlichkeit, auch wenn man sie nur von hinten kennenlernt. Aber es ist erstens vielleicht nicht besonders erheblich, zweitens ist es doch bei den meisten Menschen so, daß man da nicht sehr viel erfährt.
[ 9 ] Well, if there are such clear signs that a person’s character is expressed in the parting at the back of the head, then one can learn something about the inner nature of their personality, even if one only gets to know them from behind. But, first of all, this may not be particularly significant; second, for most people, it’s the case that one doesn’t learn very much from this.
[ 10 ] Bezüglich unseres Denkens, dieses für das Erdenleben wichtigsten Teiles des Seelischen, nimmt man in der Tat nur wahr, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Hinterseite. Die Vorderseite entgeht der gewöhnlichen Beobachtung. Denn, wenn man mit Anthroposophie an die Menschenbeobachtung herantritt und sich frägt: Ist das alles am Denken, daß man sich abstrakte Vorstellungen über die sinnlich ergriffenen äußeren Dinge macht? — so kommt man darauf, daß das nicht alles vom Denken ist, sondern das Denken ist, außer daß es diese Summe von abstrakten Gedanken darstellt, auch noch eine Summe von Kräften. Die Gedanken können eigentlich nichts machen, und am besten denkt man eigentlich, wenn man nichts macht, wenn man sich ruhig hinsetzt, wenn man der Ruhe pflegt. Gedanken sind kraftlos, wie Spiegelbilder kraftlos sind. Aber wenn man nun den Menschen verfolgt, vom Kleinkind auf bis er größer gewachsen ist, und wenn man später wiederum die ja auch noch in dem Menschen vorhandenen Wachstumsprozesse verfolgt — wenn auch der Mensch nicht mehr größer wird, Wachstumsprozesse sind ja noch immer da —, wenn man auf das schaut, was da im Menschen die Kräfte seines Wachstums sind, dann sind das dieselben Kräfte, nun von der andern Seite gesehen, die sich nach rückwärts zeigen in den abstrakten Gedanken. Nach außen sendet der Mensch die abstrakten Gedanken, nach innen sind das die Kräfte, die sein Gehirn formen. In den ersten kindlichen Jahren wird das Gehirn plastisch geformt. Die Kräfte, die sonst irgendwo wirken als Wachstumskräfte, sind die Kräfte des Denkens. Und wie Sie sich, wenn Sie einen Menschen von hinten sehen — um die Vorstellung hegen zu dürfen, er sei ein ganzer Mensch-, die Vorderseite hinzudenken müssen, so müssen Sie zu dem abstrakten Denken das konkrete, reale Gedankenkraften hinzudenken, das in den Menschen hineingeht, am Menschen arbeitet.
[ 10 ] With regard to our thinking—this aspect of the soul that is most important for earthly life—one in fact perceives, if I may put it this way, only the “back side.” The “front side” escapes ordinary observation. For when one approaches the observation of human beings from an anthroposophical perspective and asks: Is thinking merely the formation of abstract concepts about external things perceived by the senses? — one comes to the conclusion that this is not all there is to thinking; rather, thinking is not only this sum of abstract thoughts but also a sum of forces. Thoughts cannot actually do anything, and one thinks best when one does nothing—when one sits quietly, when one cultivates stillness. Thoughts are powerless, just as mirror images are powerless. But if one now follows a person’s development, from infancy until they have grown larger, and if one later again observes the growth processes that are still present within that person—even though the person is no longer growing taller, growth processes are still there—if one looks at what constitutes the forces of growth within that person, then these are the same forces, now seen from the other side, which manifest themselves in reverse in abstract thoughts. Outwardly, a person sends out abstract thoughts; inwardly, these are the forces that shape their brain. In the early childhood years, the brain is shaped plastically. The forces that otherwise act elsewhere as forces of growth are the forces of thought. And just as, when you see a person from behind—in order to be able to imagine that they are a whole person—you must imagine the front side, so too must you, in the case of abstract thought, imagine the concrete, real forces of thought that enter into the human being and work within them.
[ 11 ] Das ist ja das Wesen einer auf die gesunde Anthroposophie gegründeten Pädagogik, daß der Pädagoge weiß: Es ist nicht getan damit, daß das Kind von dem oder jenem diese oder jene abstrakte Vorstellung bekommt. Denn ob das Kind eine lebendige, bildhafte, in sich regsame Vorstellung bekommt oder eine tote Vorstellung, das ist ein großer Unterschied. Die tote Vorstellung wirkt hemmend auf die Wachstumsprozesse, die regsame Vorstellung wirkt fördernd auf die Wachstumsprozesse. Und so kommen wir darauf, daß das Denken die eine Seite zeigt, die kraftlos nur die Außenwelt spiegelt, und nach innen gerichtet sehen wir eine lebendige, den ganzen Organismus des Menschen durchkraftende Seite, die nur die andere Seite seines Wachstums darstellt, das geistige Gegenbild seines Wachstums. Und wenn man weiter forscht, dann findet man, daß sich der Mensch dasjenige, was da die andere Seite darstellt — in bezug auf den Menschen ist es die rückwärtige, aber in bezug auf das Denken ist es die Vorderseite —, zwar nicht das tote Denken, das uns nur nach vorne, auf der andern Seite erscheint, sondern dieses lebendige Denken herunterbringt aus seinem vorirdischen Dasein.
[ 11 ] This is, in fact, the essence of a pedagogy grounded in sound anthroposophy: that the educator knows it is not enough for the child to receive this or that abstract concept from one person or another. For whether the child receives a living, vivid, and dynamic concept or a lifeless one makes a world of difference. The lifeless concept has an inhibiting effect on the processes of growth, while the dynamic concept has a stimulating effect on them. And so we come to the realization that thinking reveals one side—one that is powerless and merely mirrors the external world—and, when directed inward, we see a living side that permeates the entire human organism with vitality, representing the other side of human growth: the spiritual counterpart to that growth. And if one investigates further, one finds that the human being brings down from his pre-earthly existence that which represents the other side—in relation to the human being, it is the reverse side, but in relation to thinking, it is the front side—not the dead thinking that appears to us only from the front, on the other side, but this living thinking.
[ 12 ] In der Tat ist der Übergang aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein in bezug auf diese Sache so, daß der Mensch im vorirdischen Dasein frei entwickelt ein System von Kräften, das allseitig in der geistigen Welt wirkt. Dann steigt er herunter in das irdische Dasein. Da verwandelt sich dieses in der geistigen Welt regsame waltende Denken selber in die inneren Organisationskräfte des Leibes, und nach außen sendet es gleichsam die spiegelnde Fläche, wohinein die Erde ihre Bilder wirft. Das ist der Tatbestand. Nun aber ist es allerdings so, daß der Mensch, nachdem er die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in genügender Weise absolviert hat, dann für dieses lebendige Denken eben in der geistigen Welt keine Aufgabe hat. Dieses lebendige Denken hat seine große Aufgabe in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn die Aufgabe vollendet ist, dann tritt eben drüben die Erscheinung ein, die ich Ihnen öfter beschrieben habe: Die Seele wendet sich zum Erdenleben. Da aber hat dieses Denken eine neue Aufgabe: die Aufgabe, den Menschenleib zu bilden. Und das ist das Bedeutsame bei dem irdischen Denken des Menschen, bei dem aus dem Geistigen herkommenden Denken des Menschen, daß es gestaltend auf den Menschenleib gerichtet ist. So haben wir in unserem wahren, in unserem wirklichen Denken ein Erbstück aus der geistigen Welt, aber ein solches, das nur etwas ist auf der Erde, denn in der geistigen Welt hat es seine Aufgabe verloren. Dem verdanken wir die Tatsache, daß dieses unser Denken auf der Erde so klar werden kann. Hätte dieses Denken noch eine Aufgabe wie in der geistigen Welt, so könnte es auf Erden nicht so klar werden.
[ 12 ] In fact, the transition from pre-earthly existence to earthly existence is such, in this regard, that in pre-earthly existence, the human being freely develops a system of forces that acts in every direction within the spiritual world. Then he descends into earthly existence. There, this active, governing thinking in the spiritual world transforms itself into the inner organizing forces of the body, and outwardly it projects, as it were, a reflective surface onto which the earth casts its images. That is the fact. Now, however, it is certainly the case that once a person has sufficiently completed the period between death and a new birth, this living thinking has no further task in the spiritual world. This living thinking has its great task during the time between death and a new birth. Once the task is completed, the phenomenon I have often described to you occurs: the soul turns toward earthly life. But there, this thinking has a new task: the task of forming the human body. And this is what is significant about human earthly thinking—about human thinking that originates in the spiritual realm—that it is directed toward shaping the human body. Thus, in our true, our real thinking, we have an heirloom from the spiritual world—but one that is meaningful only on Earth, for in the spiritual world it has lost its purpose. To this we owe the fact that our thinking on Earth can become so clear. If this thinking still had a purpose as it does in the spiritual world, it could not become so clear on Earth.
[ 13 ] Gehen wir aber zu der andern Fähigkeit der menschlichen Seele über, zu dem Fühlen. Da werden Sie alle merken — ganz abgesehen davon, was ich selbst hier in diesem Raume darüber gesprochen habe: Das Gefühl ist nicht so klar wie das Denken. Das Gefühl ist etwas, was zwar in einer andern Gestalt, aber so wie das Träumen auftritt. Die Seelenverfassung ist während des Fühlens im Grunde ganz dieselbe wie während des Träumens, nur daß das Fühlen in ganz anderer Form auftritt. Warum ist das so? Nun, auch beimFühlen haben wir, geradeso wie beim Denken, hier für dieses Erdenleben nur die Hinterseite. Aber die Vorderseite ist jetzt nicht bloß dem Menschenleibe zugelenkt, sondern, indem der Mensch aus dem vorirdischen Dasein, aus dem Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, heruntersteigt auf die Erde, behält er auch dasjenige, was hinter dem Fühlen steckt, als Erbstück. Aber das bleibt noch dem Geistigen zugewandt, das hat nicht bloß eine irdische Aufgabe. Daher nimmt der Mensch jede Nacht, wenn er einschläft, sein Denken nicht mit in den Schlaf, sein Fühlen aber nimmt er mit. Und wenn Sie die Träume in der rechten Weise betrachten, so sind sie Bilder, weil die logischen Gedanken nicht fortleben; aber die Gefühle leben weiter fort. Mit jedem Schlaf taucht der Mensch in die ganze geistige Welt ein. Sein Denken nimmt der Mensch nicht mit, das Fühlen aber nimmt er mit, und erst recht das Wollen.
[ 13 ] But let us turn to the other faculty of the human soul: feeling. You will all notice—quite apart from what I myself have said about it here in this room—that feeling is not as clear as thinking. Feeling is something that occurs—albeit in a different form—much like dreaming. The state of the soul during feeling is essentially the same as during dreaming, except that feeling takes on a completely different form. Why is that so? Well, with feeling, just as with thinking, we have here in this earthly life only the “back side.” But the front side is not merely directed toward the human body; rather, as the human being descends to Earth from pre-earthly existence—from the existence between death and a new birth—he also retains what lies behind feeling as an inheritance. But this remains oriented toward the spiritual; it does not have merely an earthly purpose. Therefore, every night when a person falls asleep, they do not take their thinking with them into sleep, but they do take their feeling with them. And if you consider dreams in the right way, they are images because logical thoughts do not live on; but feelings continue to live on. With every sleep, a person immerses themselves in the entire spiritual world. A person does not take their thinking with them, but they do take their feelings with them—and their will even more so.
[ 14 ] Mit dem Wollen ist ja begreiflicherweise bei Tage nichts anzufangen. Ich habe öfters ausgesprochen: Der Mensch kann sich etwas vornehmen, er hat einen Gedanken. Wie der Gedanke aber hinuntergleitet in den Leib, wie der Willensentschluß, die Hand zu bewegen, weiterwirkt, das bleibt so dunkel, wie der Zustand im Schlaf dunkel bleibt. Aber dafür behält der Mensch für seinen Willen am meisten aus dem Ewigen. Und wiederum kann man beim Willen sehen, aus der Regsamkeit des Menschen — denn wenn der Mensch sich nicht regt, ist nicht ein Wille vorhanden, sondern nur ein Wünschen —, beim Willen kann man gerade sehen, daß der Mensch auf der Erde nach außen wirkt. Nach der andern Seite gesehen, stellt der Wille ein ganz und gar Ewiges dar. Das Denken stellt auch ein Ewiges dar, aber ein solches, das sich umgewandelt hat zu einer irdischen Betätigung. Der Wille aber bleibt im Ewigen vorhanden und ist tätig an dem durch die wiederholten Erdenleben hindurchgehenden Schicksal des Menschen, an dem Karma.
[ 14 ] Understandably, willpower is of no use during the day. I have often said: A person can resolve to do something; he has a thought. But how that thought descends into the body, how the volitional decision to move the hand continues to take effect—that remains as obscure as the state of sleep remains obscure. But in return, human beings retain the most of the eternal in their will. And again, one can see in the will—from human activity, for if a person is not active, there is no will, but only a desire—one can see precisely in the will that human beings exert an outward influence on Earth. Viewed from the other side, the will represents something entirely eternal. Thinking also represents something eternal, but one that has been transformed into earthly activity. The will, however, remains present in the eternal and is active in the destiny of the human being—in karma—that extends through repeated earthly lives.
[ 15 ] Ich wollte Ihnen damit nur einleitend sagen, wie man zu einer wirklichen Seelenlehre vordringt, so daß man wiederum hinter den Worten Denken, Fühlen, Wollen Realitäten hat, daß man wiederum auf Wirkliches hindeutet. Wie man bei dem Worte Pferd auf das äußere physische Pferd hinweist, so kann man, wenn man auf diese Weise anthroposophisch in das Seelenleben eindringt, wieder zur Wirklichkeit, zu Realitäten kommen. Das ist der Weg, und auf diesem Wege wird zugleich dasjenige kommen — weil es, wenn er das verstehen will, die edelsten Kräfte im Menschen anregt —, was ich am Ende des letzten Vortrages hier betont habe: daß Anthroposophie nie verstanden wird, wenn sie Theorie ist, sondern erst verstanden ist, wenn im Erwerben des Anthroposophischen der Mensch ein anderer wird, der Mensch sich wirklich umwandelt; wenn er in ethischer, in menschlicher Beziehung überhaupt ein anderer wird.
[ 15 ] I just wanted to begin by explaining to you how one can advance toward a true doctrine of the soul, so that behind the words “thinking,” “feeling,” and “willing” there are once again realities, and so that one is once again pointing to what is real. Just as the word “horse” refers to the external, physical horse, so too, when one penetrates the life of the soul in this anthroposophical way, one can return to reality, to real things. That is the path, and on this path will also come to fruition—because, if one wishes to understand it, it stirs the noblest forces within the human being—what I emphasized here at the end of my last lecture: that anthroposophy is never understood when it is merely theory, but is only truly understood when, in the process of acquiring anthroposophical knowledge, the human being becomes a different person, when the human being is truly transformed; when, in ethical and human terms, they become a different person altogether.
[ 16 ] Dem, was in dieser Weise angestrebt wird, steht heute etwas andres gegenüber. Und jetzt komme ich zu dem, was ich gerade verpflichtet bin, Ihnen zu sagen, weil Anthroposophie schon in der Welt darinsteht und man für dasjenige, was geschieht, wach sein muß. Man darf nicht immer geschlossene Fenster haben, sondern muß auch hinausschauen, und so ist es spirituelle, geistige Pflicht, über diese Dinge zu sprechen. Überall nämlich, wo Leute heute glauben, allein aus der Naturwissenschaft die klaren Begriffe bekommen zu haben, wird das Anthroposophische etwa mit der Behauptung abgetan: das ist Phantasie, Spekulation, das ist Phantastik. Und jene Leute sagen, daß sie allein das klare Denken haben. Abgesehen davon, daß man natürlich, wenn man sich der Anthroposophie nähert, durch das Verfolgen des Anthroposophischen die innere Sicherheit von der Wahrheit bekommt, muß man sich aber doch manchmal auch anschauen, wie klar denn eigentlich das heutige Denken ist! Das möchte ich Ihnen zunächst an einem Beispiel erörtern, aus dem Grunde, weil der Anthroposoph bei wachen Sinnen sein soll über das, was heute Zeitkultur oder Zeitzivilisation ist. Ich nehme ein Beispiel, das schon etwas besagt. Wenn man, sagen wir, einen Menschen, der in den Zeitungen schreibt, auf seine Logik hin prüft, so ist nicht viel damit gesagt. Aber ich nehme einen bedeutenden Naturforscher der Gegenwart und sage ausdrücklich, daß ich nichts Hämisches, nichts Herabsetzendes sagen will, weil ich durchaus anerkenne, wir haben es da mit einem bedeutenden Naturforscher und mit einer ernsten Angelegenheit zu tun, die er bespricht. Und da möchte ich Sie auf die Klarheit in dieser Beziehung, wie sie in der Gegenwart herrscht, aufmerksam machen.
[ 16 ] What is being strived for in this way is now countered by something else. And now I come to what I am obliged to tell you, because anthroposophy is already out in the world, and we must be alert to what is happening. One must not always keep one’s windows closed, but must also look out; and so it is a spiritual, intellectual duty to speak about these things. For wherever people today believe they have derived clear concepts solely from the natural sciences, anthroposophy is dismissed with claims such as: “That is fantasy, speculation, that is fanciful.” And those people say that they alone possess clear thinking. Aside from the fact that, of course, when one approaches anthroposophy, one gains an inner certainty of the truth by following its teachings, one must nevertheless sometimes also consider just how clear today’s thinking actually is! I would like to discuss this with you first using an example, for the reason that the anthroposophist should remain alert to what constitutes contemporary culture or civilization. I’ll take an example that speaks volumes. If, let’s say, one examines the logic of a person who writes for the newspapers, that doesn’t tell us much. But let me take a prominent contemporary natural scientist and state explicitly that I do not wish to say anything malicious or disparaging, because I fully acknowledge that we are dealing here with a prominent natural scientist and with a serious matter that he is discussing. And here I would like to draw your attention to the clarity that prevails in this regard in the present day.
[ 17 ] Der bekannte Naturforscher Max Rubner hielt im Oktober 1910 an der Berliner Universität die Rektoratsrede, die betitelt ist: «Unsere Ziele für die Zukunft.» Er spricht über die geistigen Ziele der Zukunft, und es spricht wirklich nicht der Nächstbeste, sondern es spricht einer, der in der Forschung drinnensteckt und den man für einen ernsten und tüchtigen Forscher ansehen muß vom Gesichtspunkte der heutigen Zivilisation. Am Schlusse seiner Rede apostrophiert er auch die Studenten und versucht — nun ja, in einer nach seiner Art schönen Weise — klarzumachen, daß sie studieren sollen. Aber er tut das eben mit den «klaren» Begriffen — ich meine «klar» in Gänsefüßchen —, die heute eben einem solchen Forscher aus dem heutigen Denken heraus möglich sind. Ich will auf einzelnes aufmerksam machen. Da sagt er zunächst, indem er die Studenten apostrophiert: «Wir müssen alle lernen; wir bringen auf die Welt nichts anderes mit als unser Instrument zur geistigen Arbeit, ein unbeschriebenes Blatt, das Gehirn, verschieden veranlagt, verschieden entwicklungsfähig; wir empfangen alles aus der Außenwelt...»
[ 17 ] In October 1910, the renowned naturalist Max Rubner delivered the inaugural address at the University of Berlin, titled “Our Goals for the Future.” He speaks about the intellectual goals of the future, and it is certainly not just anyone speaking here, but rather someone who is deeply involved in research and who must be regarded as a serious and capable researcher from the perspective of today’s civilization. At the end of his speech, he also addresses the students and attempts—well, in a way that is beautiful in its own right—to make it clear that they should study. But he does so using the “clear” concepts—I mean “clear” in quotation marks—that are possible for such a researcher today, based on contemporary thinking. I would like to draw attention to a few specific points. First, addressing the students, he says: “We must all learn; we bring nothing else into the world but our instrument for intellectual work, a blank slate—the brain—which is differently endowed and capable of varying degrees of development; we receive everything from the outside world...”
[ 18 ] Also eine ja heute oft angetroffene Anschauung, die da besagt: Seht, wenn ihr über das Seelenleben sprechen wollt, auf euer Gehirn hin, das ist ein unbeschriebenes Blatt, das muß alles durch die Eindrücke der Außenwelt bekommen. Kommen wir also zur Welt, so haben wir unser Gehirn als ein unbeschriebenes Blatt, müssen uns den Welteindrücken aussetzen, dann gehen die in uns hinein, dann wird das Blatt beschrieben. Also, sagt er zu seinen Studenten, setzt euch nur frisch, wacker und munter den Welteindrücken aus, dann wird euer unbeschriebenes Blatt, das ihr mitgebracht habt, beschrieben.
[ 18 ] So there is a view often encountered today that goes like this: Look, if you want to talk about the life of the soul, look to your brain—it is a blank slate that must receive everything through impressions from the outside world. So when we come into the world, our brain is like a blank slate; we must expose ourselves to the impressions of the world, and then they enter into us, and the slate is filled. So, he says to his students, just go ahead and expose yourselves to the impressions of the world with freshness, courage, and vigor, and then the blank slate you brought with you will be filled.
[ 19 ] In einem weiteren Satz sagt er ihnen nun, wie sie das machen sollen. Da sagt er: «Kein Gehirn möchte auch das alles fassen, was seine Vorfahren insgesamt erlebt und erfahren haben; was Milliarden Gehirne im Laufe der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben...»
[ 19 ] In the next sentence, he tells them how to go about it. He says: “No single mind can possibly grasp everything that its ancestors have collectively experienced and learned; what billions of minds have pondered and refined over the course of human history; what our intellectual heroes have helped create...”
[ 20 ] Also die Studenten sollen nur achtgeben auf dasjenige, was die Geistesheroen mitgeschaffen haben. Aber jetzt schaffen auf einmal die Geistesheroen, jetzt müssen sich also die unbeschriebenen Gehirne den beschriebenen Gehirnen der Geistesheroen entgegensetzen! Sie sehen, sobald man zwei Sätze zusammenstellt, wovon der eine auf Seite 23, der andere auf Seite 24 steht: sie werden nicht mehr stimmen! Denn wären die Geistesheroen auch unbeschriebene Gehirne, so würde von ihren Eindrücken auf die unbeschriebenen Gehirne nicht so gesprochen werden können, daß diese Gehirne etwas geschaffen haben, denn das wird ja gerade in Abrede gestellt: Alles muß von der Außenwelt empfangen werden. Jetzt wird aber zu der Außenwelt auch das gerechnet, was Menschengehirne schaffen. Man muß schon auf solche Dinge eingehen.
[ 20 ] So the students should only pay attention to what the intellectual heroes have helped create. But now, all of a sudden, the intellectual heroes are creating—so now the blank minds must oppose the filled minds of the intellectual heroes! You see, as soon as you put two sentences together, one on page 23 and the other on page 24, they will no longer agree! For even if the heroes of the mind were blank slates, one could not speak of their impressions on the blank slates in such a way that these minds had created anything, since that is precisely what is denied: Everything must be received from the external world. But now, what human minds create is also counted as part of the external world. One really must address such matters.
[ 21 ] Aber da heißt es dann weiter: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial für das produktive Denken.» Nun, setzen Sie die zwei Sätze zusammen: «Wir empfangen alles aus der Außenwelt», und den zweiten: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial für das produktive Denken.» So spricht heute nicht ein gewöhnlicher Zeitungsschreiber, so spricht heute ein mit Recht so genannter verdienstvoller Forscher aus der Zeitzivilisation heraus. Sehen Sie, da ist es ja im Grunde genommen nebensächlich, wenn man nun noch auf die Art und Weise hinweisen will, in welcher eine solche Persönlichkeit charakterisiert, wie das Gehirn verfährt. «... es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu arbeiten.» Darum sagt er den Studenten, sie sollen sich manchmal auch nach andern Fächern umsehen, nach denen sie sich bisher noch nicht umgesehen haben: «... manche Felder des Gehirns werden erst erträgnisreich, wenn man sie wiederholt beackert, tragen aber schließlich dieselben guten Früchte, wie andere, die müheloser sich erschließen. »
[ 21 ] But it goes on to say: “What we have learned provides the basic material for productive thinking.” Now, put these two sentences together: “We receive everything from the external world,” and the second: “What we have learned provides the basic material for productive thinking.” These are not the words of an ordinary newspaper writer today; these are the words of a researcher—rightly called a distinguished one—speaking from within modern civilization. You see, it is essentially beside the point here to point out the manner in which such a personality characterizes how the brain functions. “... there is always something refreshing about working in a new, hitherto untilled field of the brain.” That is why he tells students that they should sometimes look into other subjects they have not yet explored: “... some fields of the brain only become fruitful when repeatedly cultivated, but ultimately bear the same good fruit as others that are more easily accessible.”
[ 22 ] Nun, schließlich Bringt der Boden, den man beackert, auch nicht den Pflug hervor. Man kann, wenn man eingehen will auf diese Gedanken, überhaupt keinen Gedanken mehr fassen. Aber nun findet Rubner, daß dieses Denken doch ganz natürlich ist.
[ 22 ] Well, after all, the soil that is plowed does not produce the plow itself. If one tries to follow these thoughts, one can no longer form any thoughts at all. But Rubner finds that this way of thinking is, in fact, quite natural.
[ 23 ] Damit ich Ihnen die Bedeutung dessen zeigen kann, was er da spricht, möchte ich doch noch etwas vorausschicken. Wenn jemand Sport treibt, so sehen wir ihn in verschiedenen Bewegungen. Wenn es einen besonders interessiert, kann er sich sogar eine Momentaufnahme von diesen Bewegungen machen. Aber man muß schon, wenn man die Dinge unbefangen nimmt, versichern: Wenn man die inneren organischen Prozesse verfolgt, die sich abspielen, während da einer im Sport herumhantiert: das, was sich da innen zwischen Nerv und Muskel als eine Art Vernichtungs- und Wiederherstellungsprozeß abspielt, das ist wahrhaftig für das Menschliche erstens viel wichtiger, aber auch unendlich viel interessanter als dasjenige, was als Momentaufnahme aufgenommen werden kann. Ich sage gar nichts gegen den Sport als äußere Körperübung. Aber was der Sportler nach innen ist, das ist wahrhaftig viel interessanter, als was er nach außen ist. In dem, was er da bewirkt innerhalb des Organismus, fängt es erst an, interessant zu werden.
[ 23 ] To help you understand the significance of what he is saying here, I would like to preface this with a few remarks. When someone is engaged in sports, we see them performing various movements. If one is particularly interested, one can even capture a snapshot of these movements. But if one approaches these things with an open mind, one must acknowledge: If one observes the inner organic processes taking place while someone is engaged in sports—that which occurs internally between the nerves and muscles as a kind of process of destruction and regeneration—this is truly, first of all, much more important for the human being, but also infinitely more interesting than what can be captured in a snapshot. I have nothing against sports as external physical exercise. But what the athlete is on the inside is truly much more interesting than what he is on the outside. It is in what he brings about within the organism that things really start to get interesting.
[ 24 ] Nun ist es so, daß in bezug auf die Bewegung der menschlichen Glieder das Umgekehrte der Fall ist wie beim Denken. Beim Denken ist es so, daß dasjenige, was verrichtet wird, was also geschieht, was die Tatsache ist, das Wesentliche ist, und dasjenige, was in der Organisation liegt, das Unwesentliche ist. Beim Sport ist das, was äußerlich in den Tatsachen sich abspielt, das weniger Interessante, Dasjenige, was nach innen der Organismus tut, das Interessantere. Beim Denken ist das, was als Denken sich darlebt, was Denken wirklich ist, das Interessante; was der Organismus dabei tut, ist etwas mehr oder weniger Einfaches. Daher darf man, wenn man die Dinge durchschaut, nicht mehr vom Denken ebenso sprechen, wie von der Muskelbewegung.
[ 24 ] Now, with regard to the movement of the human limbs, the opposite is true of what applies to thinking. In thinking, what is performed—that is, what happens, the fact itself—is the essential, while what lies within the organism is the non-essential. In sports, what takes place externally in the facts is the less interesting aspect; what the organism does internally is the more interesting aspect. In thinking, what manifests itself as thinking—what thinking truly is—is what is interesting; what the organism does in the process is something more or less simple. Therefore, once one sees through these things, one can no longer speak of thinking in the same way as one speaks of muscle movement.
[ 25 ] Aber wenn das alles oberflächlich, äußerlich wird, was sagt man da? Dann erklärt man die Dinge so: «Das Denken stärkt das Gehirn, letzteres (das Gehirn) nimmt durch Übung ebenso in den Leistungen zu, wie ein anderes Organ, wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und Sport. Studieren ist Gehirnsport.»
[ 25 ] But when all of this becomes superficial and external, what do you say? Then you explain things this way: “Thinking strengthens the brain; through practice, the brain improves its performance just as any other organ does—just as our muscle strength improves through work and exercise. Studying is exercise for the brain.”
[ 26 ] Sie sehen, unsere Zivilisation wird bei ihrem wichtigsten Elemente, beim Denken über die Dinge, ertappt, wenn man sie an einem solchen Platze faßt. Man wacht durch etwas anderes nicht auf für dasjenige, was eigentlich in der Gegenwart geschieht.
[ 26 ] You see, when viewed from such a perspective, our civilization is caught in its most essential element: the way we think about things. We are not awakened by something else to what is actually happening in the present.
[ 27 ] Nun möchte ich Ihnen eine Persönlichkeit vorführen, die wirklich durch ihre in gewissen Grenzen Genialität zu nennende Art sich vortrefflich negative Gedanken macht über unsere gegenwärtige Zivilisation, diese wohl zu charakterisieren versteht: wie es zuletzt eine unmögliche Formung und Gestaltung des Denkens ist, was unsere Zivilisation zu Verfall und Abgrund gebracht hat. Und ich muß sagen: Wer das Buch geschrieben hat von dem «Verfall und Wiederaufbau der Kultur», Albert Schweitzer, der ist in der Lage, solche Dinge zu beurteilen. Wer zum Beispiele Albert Schweitzers 1906 erschienenes Buch «Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung» kennt, die Art, wie Schweitzer einzugehen weiß selbst auf die Apokalyptik, so daß er schon ein gutes Stück den andern Theologen voraus ist, der muß zugeben, daß Schweitzer ein gesundes Urteil haben kann über dasjenige, was das gegenwärtige Geistesleben eigentlich wert ist. Nun hat er dieses Buch geschrieben, dessen erster Teil eben erst erschienen ist. Das erste Kapitel lautet: «Die Schuld der Philosophie an dem Niedergang der Kultur.» Und wahrhaft messerscharf fallen nun die Sätze, welche unser gegenwärtiges Geistesleben, unser Zivilisationsleben charakterisieren sollen. Gleich der erste Satz lautet: «Wir stehen im Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation nicht geschaffen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrerseits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zurückwirken.» Ein Mensch, der Einsichten hat in die Wertlosigkeit der gegenwärtigen Kultur! Und weiter: «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war... So überschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschütterten Einbildungen über uns selbst.» Und nun frägt er sich: Warum ist denn diese Verfallserscheinung der Kultur da? Warum leben wir im Niedergange der Kultur? — Und er sagt sich: Wenn wir nur kurze Zeit zurückschauen, in die Zeit selbst, wo der Intellektualismus in seinem ersten Blütestadium war, da haben die Leute noch eine « Totalweltanschauung» gehabt, da haben sie noch von den ethischen, von den sittlichen Zielen so gesprochen, daß sie in denselben Quellen lagen wie die Naturgesetze. Sie haben die Naturgesetze angeschaut, und sind dann aufgestiegen mit denselben Anschauungen zu den Quellen des Sittlichen, haben also eine «Totalweltanschauung» gehabt, die das Sittliche und Natürliche gleichmäßig umfaßte.
[ 27 ] Now I would like to introduce you to a figure who, through a mindset that—within certain limits—could truly be called genius, excels at forming negative thoughts about our present-day civilization and knows how to characterize it well: namely, how it is ultimately an impossible way of shaping and structuring thought that has led our civilization to decay and the abyss. And I must say: Albert Schweitzer, who wrote the book *The Decline and Rebuilding of Culture*, is well-equipped to judge such matters. Anyone familiar, for example, with Albert Schweitzer’s book *The History of Research into the Life of Jesus*, published in 1906—and with the way Schweitzer knows how to engage even with apocalyptic literature, placing him well ahead of other theologians—must admit that Schweitzer is capable of sound judgment regarding the true value of contemporary intellectual life. Now he has written this book, the first part of which has just been published. The first chapter is titled: “The Guilt of Philosophy in the Decline of Culture.” And the sentences intended to characterize our present intellectual life, our civilized existence, are now truly razor-sharp. The very first sentence reads: “We are living under the sign of the decline of culture. War did not create this situation. It is merely a manifestation of it. What existed intellectually has translated into facts, which in turn are having a detrimental effect on the intellectual sphere in every respect.” A man who has insights into the worthlessness of contemporary culture! And further: “We strayed from culture because there was no reflection on culture among us... Thus we crossed the threshold of the century with unshakeable illusions about ourselves.” And now he asks himself: Why, then, is this phenomenon of cultural decline present? Why are we living in the decline of culture? — And he tells himself: If we look back just a short time, to the very period when intellectualism was in its first flowering, people still had a “total worldview”; they still spoke of ethical and moral goals in such a way that these sprang from the same sources as the laws of nature. They looked at the laws of nature and then, guided by those same insights, ascended to the sources of morality; thus, they possessed a “total worldview” that encompassed both the moral and the natural in equal measure.
[ 28 ] Sie erinnern sich, wie oft ich darauf hingewiesen habe, daß der Verfall unserer Kultur damit gegeben worden ist, daß wir eine einseitige Naturanschauung haben, die an den Anfang unseres Erdenwerdens die Kant-Laplacesche Theorie oder ähnliches stellt, wo alles aus einem Urnebel heraus sich gebildet hat. Es hat sich auch der Mensch aus diesem Urnebel heraus gebildet, dann ist das entstanden, was man sittliche Ideale nennt — Illusionen —, und wenn einstmals der Wärmetod eintritt, der nach rein physikalischen Gesetzen eintreten muß, dann wird ein großes Leichenfeld da sein, aber begraben wird damit dasjenige sein, was als Kulturideale oder als sittliche Ideale auftauchte. So ist nicht mehr unsere Sittlichkeit in der Weltanschauung darinnen. Sie steckt nicht mehr darin, sie ist etwas, was man nur noch in abstrakten Gedanken abfing. Auch das weiß Schweitzer, daß im Grunde genommen dies so geworden ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Recht deutlich spricht er sich darüber aus: «Nun ist für alle offenbar, daß die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist... Die Aufklärungszeit» — damit meint er diese Zeit, wo der Intellektualismus die erste Blüte gehabt hat — «und der Rationalismus hatten ethische und Vernunftideale über die Entwicklung des Einzelnen zum wahren Menschentum, über seine Stellung in der Gesellschaft, über deren materielle und geistige Aufgaben, über das Verhalten der Völker zueinander und ihr Aufgehen in einer durch die höchsten, geistigen Ziele geeinten Menschheit aufgestellt... Aber um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. Ihre Gedanken blieben hinter der Zeit zurück, als wären sie zu erschöpft, mit ihr Schritt zu halten.»
[ 28 ] You will recall how often I have pointed out that the decline of our culture stems from our one-sided view of nature, which traces the origins of our existence on Earth back to the Kant-Laplace theory or something similar, in which everything formed out of a primordial nebula. Human beings, too, emerged from this primordial nebula; then what are called moral ideals—illusions—came into being; and when the heat death eventually sets in—which, according to purely physical laws, must occur—there will be a vast field of corpses, but what will be buried along with them is that which emerged as cultural or moral ideals. Thus, our morality is no longer embedded in our worldview. It is no longer part of it; it has become something that can only be grasped in abstract thought. Schweitzer, too, knows that, fundamentally speaking, this came to pass around the middle of the 19th century. He speaks quite clearly on this subject: “It is now evident to all that the self-destruction of culture is underway... The Age of Enlightenment” — by which he means the period when intellectualism first flourished — “and rationalism had established ethical and rational ideals concerning the development of the individual toward true humanity, concerning his place in society, concerning society’s material and spiritual tasks, concerning the conduct of peoples toward one another, and their merging into a humanity united by the highest spiritual goals... But around the middle of the nineteenth century, this confrontation between ethical ideals of reason and reality began to wane. Over the course of the following decades, it came to a standstill more and more. The abdication of culture took place without a fight and in silence. Its ideas lagged behind the times, as if they were too exhausted to keep pace with them.”
[ 29 ] Und nun will Albert Schweitzer klarmachen, daß, wenn die Menschen nicht mehr wirksame Gedanken haben, die Kultur zugrunde gehen muß. Da die wirksamen Gedanken in der Philosophie enthalten zu sein scheinen, so schreibt er den Grund für den Niedergang der Kultur der Philosophie zu. Er weiß — und drückt es auch in diesem Buche aus —, daß, wenn auch Hegel und Kant nur von wenigen gelesen werden, ihre Gedanken doch die Gedanken von Tausenden beherrschen, denn sie gehen durch alle möglichen unbemerkten Ströme in die breitesten Massen der Menschheit über, und einer übertreibt gar nicht, der heute sagt: Wenn nur die populärsten Bücher die einfachsten Gebirgsbauern zu lesen begonnen haben, so steckt schon der Kant in ihnen. Man glaubt immer nur, die Philosophie wirkt auf diejenigen, welche die Philosophen lesen. Das ist eben äußere Maja.
[ 29 ] And now Albert Schweitzer seeks to make clear that if people no longer have effective thoughts, culture must collapse. Since effective thoughts seem to be found in philosophy, he attributes the cause of culture’s decline to philosophy. He knows—and expresses this in this book as well—that even if Hegel and Kant are read by only a few, their ideas nevertheless dominate the minds of thousands, for they flow through all manner of unnoticed channels into the broadest masses of humanity, and one is by no means exaggerating who says today: “If even the simplest mountain farmers have begun to read the most popular books, then Kant is already within them.” People always believe that philosophy influences only those who read the philosophers. That is merely external Maya.
[ 30 ] Deshalb sagt Schweitzer: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie.» Aber nun behandelt er diese Philosophie doch mit einigem Mitleid und sagt sich: Die Philosophie hätte denken sollen, aber da das Denken abgekommen war, da man das Denken verlernt hat, so braucht man sich nicht zu verwundern, daß die Philosophie auch nicht mehr denken konnte. — Also er behandelt die Philosophie noch ein bißchen milde. «Der Philosophie ward nicht klar, daß die Energie der ihr anvertrauten Kulturideen anfing fraglich zu werden. Am Schlusse eines der hervorragendsten, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erschienenen Werkes über Geschichte der Philosophie» dasselbe, das ich hier auch einmal besprochen habe — «wird diese als der Prozeß definiert, in dem sich «Schritt für Schritt, mit immer klarerem und sichererem Bewußtsein die Besinnung auf die Kulturwerte vollzogen hat, deren Allgemeingültigkeit der Gegenstand der Philosophie selbst ist». Dabei vergaß der Verfasser das Wesentliche: daß nämlich früher die Philosophie sich nicht nur auf die Kulturwerte besann, sondern sie auch als wirkende Ideen in die öffentliche Meinung ausgehen ließ, während sie ihr von der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts an immer mehr zu einem gehüteten, unproduktiven Kapital wurden.»
[ 30 ] That is why Schweitzer says: “The decisive factor was the failure of philosophy.” But now he treats this philosophy with a certain degree of compassion and tells himself: Philosophy should have thought, but since thinking had gone astray—since people had forgotten how to think—it is no wonder that philosophy, too, could no longer think. — So he treats philosophy with a bit of leniency. “It did not occur to philosophy that the vitality of the cultural ideas entrusted to it was beginning to be called into question. At the end of one of the most outstanding works on the history of philosophy published at the end of the nineteenth century”—the very same one I have discussed here before— “it is defined as the process in which ‘step by step, with ever clearer and more certain awareness, the reflection on cultural values has taken place, the universal validity of which is the very subject of philosophy itself.’ In doing so, the author overlooked the essential point: namely, that in the past, philosophy not only reflected on cultural values but also allowed them to influence public opinion as active ideas, whereas from the second half of the nineteenth century onward, they increasingly became a guarded, unproductive asset.”
[ 31 ] Aber nun wird er milde. Was kann schließlich der Philosoph dafür, wenn er auch nicht mehr denkt, da alle andern nicht denken: «Daß das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu begründen, war nicht Schuld der Philosophie, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des Denkens einstellte. Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philosophie dadurch, daß sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur unterhielte.»
[ 31 ] But now he softens. After all, what can the philosopher be blamed for if he, too, no longer thinks, since everyone else does not think: “The fact that thought failed to establish a worldview of an optimistic-ethical character and to ground the ideals that constitute culture within such a worldview was not the fault of philosophy, but a fact that arose in the development of thought. But philosophy became culpable for our world by failing to acknowledge this fact and remaining under the illusion that it was truly fostering the progress of culture.”
[ 32 ] Also, daß die Philosophen nicht mehr denken konnten, das nimmt ihnen Schweitzer nicht mehr übel, da es eine allgemeine Gewohnheit der Leute geworden ist, nicht mehr zu denken. Aber das nimmt er den Philosophen übel, daß sie das gar nicht bemerkt haben. Wenigstens bemerken hätten sie es sollen.
[ 32 ] So, Schweitzer no longer holds it against the philosophers that they were no longer able to think, since it has become a common habit among people to stop thinking. But he does hold it against the philosophers that they did not even notice this. At the very least, they should have noticed it.
[ 33 ] «Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophie Anführerin und Wächterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht wäre es gewesen, unserer Welt einzugestehen, daß die ethischen Vernunftideale nicht mehr wie früher in einer Totalweltanschauung Halt fänden, sondern bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich allein durch ihre innere Kraft in der Welt behaupten müßten... So wenig philosophierte die Philosophie über Kultur, daß sie nicht einmal merkte, wie sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der Stunde der Gefahr schlief der Wächter, der uns wach erhalten sollte. So kam es, daß wir nicht um unsere Kultur rangen.»
[ 33 ] “By its ultimate purpose, philosophy is the guide and guardian of universal reason. Its duty would have been to admit to our world that the ethical ideals of reason no longer found a foothold in a total worldview as they once did, but were, for the time being, left to their own devices and had to assert themselves in the world through their own inner strength alone... Philosophy reflected so little on culture that it did not even notice how it itself—and the era along with it—was becoming increasingly devoid of culture. In the hour of danger, the guardian who was supposed to keep us awake was asleep. And so it came to pass that we did not fight for our culture.”
[ 34 ] Nun, ich glaube, ich habe Ihnen von diesem Schlafen wirklich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus schon hier mancherlei erzählt.
[ 34 ] Well, I think I've already told you quite a bit about this sleep from a wide variety of perspectives.
[ 35 ] In dem nächsten Kapitel bespricht Schweitzer die kulturhemmenden Elemente in uns. Da kommt er zu ganz interessanten Anschauungen. Er findet nämlich, daß der Mensch durch dasjenige, was er als Kultur in der neuesten Zeit aufgenommen hat, erstens unfrei geworden ist. Nun, das kann man ihm nachfühlen, denn die Menschen sind ja nach und nach dazu gekommen, wirklich nur gewissen Leithammeln nachzulaufen, auf die Autorität der Wissenschaft zu schwören und so weiter. Aber nun behauptet Schweitzer, daß der Mensch ungesammelt ist im Denken. Ich glaube, auch darüber brauchen wir nicht viel zu verhandeln; da wird Schweitzer wohl recht haben, daß die Kraft zum Sammeln in unserer Zivilisation wirklich sehr zurückgegangen ist. Dann aber nennt er den Menschen unvollständig. Nun, werden die Leute sagen, wenn er uns schon unfrei und uns so ungesammelt findet; daß wir nicht einmal ganze Menschen sein sollen, das können wir ihm doch nicht konzedieren! — Aber er meint das so: Das, was heute einer lernt, das ist eine Spezialität, sei er ein Gelehrter oder sei er irgendwie ein anderer Mensch, so daß immer nur gewisse Seiten seiner Fähigkeiten ausgebildet werden, nicht der Totalmensch. Daher gehen wir also als unvollständige, gar nicht als ganze Menschen herum. Und dann findet er als viertes, daß die Humanität im höchsten Grade abgenommen hat. Er führt da schöne Beispiele an. Er ist aber überhaupt der Ansicht, daß unfreie, ungesammelte und nicht ganze Menschen auch nicht die Humanität im ethischen Leben entfalten. Dann findet er noch ein kulturhemmendes Element in der Überorganisation, in der Ausrottung der menschlichen Individualität. Wieviel kommt denn heute noch auf den einzelnen an? Es kommt nur auf dasjenige an, was durch irgendwelche Organisationen vorgezeichnet ist. Überorganisation wirft Schweitzer mit Recht unserer Zeit als besondere Neigung vor.
[ 35 ] In the next chapter, Schweitzer discusses the elements within us that inhibit culture. Here he arrives at some very interesting insights. Namely, he finds that, first of all, human beings have become unfree as a result of what they have absorbed as “culture” in recent times. Well, one can sympathize with him on this point, for people have gradually come to simply follow certain leaders, swear by the authority of science, and so on. But Schweitzer now claims that human beings lack focus in their thinking. I don’t think we need to debate this much either; Schweitzer is probably right that the capacity for focus has indeed declined significantly in our civilization. But then he calls human beings incomplete. Well, people will say, if he already finds us unfree and so unfocused, we certainly can’t concede to him that we aren’t even supposed to be whole human beings! — But this is what he means: Whatever one learns today is a specialty—whether one is a scholar or some other kind of person—so that only certain aspects of one’s abilities are developed, not the whole person. That is why we go about as incomplete, and certainly not as whole, human beings. And then, fourthly, he finds that humanity has declined to the highest degree. He cites fine examples of this. But he is generally of the view that people who are unfree, unfocused, and not whole cannot develop humanity in ethical life either. He also identifies an element that hinders culture in over-organization, in the eradication of human individuality. How much, then, still depends on the individual today? What matters is only what is predetermined by various organizations. Schweitzer rightly accuses our age of having a particular tendency toward over-organization.
[ 36 ] Aber nun will er auch übergehen zu der Beantwortung der Frage, wie man denn wiederum zu einer Kultur kommen soll. Was ist denn zu tun, um wiederum zu einer Kultur zu kommen? Da stellt er die Frage: Wie muß denn die Kultur beschaffen sein, zu der wir kommen? — Und er sagt: Sie muß ethisch und optimistisch sein. — Nun, denken Sie, Sie wollen sich ein Haus bauen, Sie gehen zu einem Baumeister, der sagt: Da mußt du mir etwas beschreiben, wie das Haus sein muß, damit ich dir die Pläne machen kann. — Da sagen Sie ihm: Das Haus, das muß fest sein, wettersicher, schön, und so, daß man bequem darinnen wohnen kann. — Nun ja, Pläne machen läßt sich damit nicht, aber Sie glauben, etwas gesagt zu haben, wenn Sie sagen: Das Haus muß fest, wettersicher, schön und so sein, daß man bequem darinnen wohnen kann. Nur kann man nichts anfangen mit diesen Aussagen. Ebensowenig können Sie etwas anfangen mit der Aussage: Eine Weltanschauung muß ethisch und optimistisch sein. Es ist dasselbe, genau dasselbe.
[ 36 ] But now he also wants to move on to answering the question of how we are to return to a culture. What must be done to return to a culture? He then asks: What must the culture to which we are returning be like? — And he says: It must be ethical and optimistic. — Well, imagine you want to build a house; you go to a builder who says: “You’ll have to describe to me what the house needs to be like so I can draw up the plans for you.” — So you tell him: “The house has to be sturdy, weatherproof, beautiful, and such that one can live comfortably inside it.” — Well, you can’t draw up plans based on that, but you think you’ve said something when you say: “The house must be sturdy, weatherproof, beautiful, and such that one can live comfortably inside it.” But you can’t do anything with these statements. Nor can you do anything with the statement: “A worldview must be ethical and optimistic.” It’s the same thing, exactly the same thing.
[ 37 ] Ich war einmal als kleiner Junge in einem Dorf, da war ein Prozeß. Einer Persönlichkeit nämlich aus dem Kreise der Honorationen waren die Hühner gestohlen worden. Der Richter wollte nun durchaus wissen, wie es mit dem Strafmaß sei, er wollte diese Hühner beschrieben haben. Da fragte er den Betreffenden, wie denn die Hühner waren? Nun, es waren halt schöne Hühner. — Ja, damit kann man nichts anfangen, Sie müssen uns so sagen, daß wir eine Vorstellung darüber bekommen, was die Hühner wert gewesen sein können. Nun, es waren recht schöne Hühner. — Ja, aber, nicht wahr, man muß wissen, ob die Hühner mager waren, ob sie dick waren... — Na, es waren wirklich recht schöne Hühner. — Und so ging es fort, es war überhaupt nichts aus dem Mann herauszubringen außer dem, daß es recht schöne Hühner waren. |
[ 37 ] Once, when I was a little boy, I was in a village where a trial was taking place. A prominent figure among the local dignitaries had had his chickens stolen. The judge was determined to determine the appropriate sentence, so he wanted a description of these chickens. So he asked the defendant, “What were the chickens like?” “Well, they were just nice chickens.” — “Yes, but that doesn’t help us. You have to describe them in a way that gives us an idea of what they might have been worth.” “Well, they were quite beautiful chickens.” — “Yes, but—don’t you see—we need to know whether the chickens were skinny or plump…” — “Well, they really were quite beautiful chickens.” — And so it went on; there was absolutely nothing to be gotten out of the man except that they were quite beautiful chickens. |
[ 38 ] Nun haben wir hier einen ganz hervorragenden Geist, der in einer außerordentlich feinen und treffenden Weise den Verfall der Kultur schneidend charakterisiert, der sogar sehr vieles weiß, was die Menschen sich heute gar nicht eingestehen möchten. So weiß er zum Beispiel das Folgende — es ist gut, daß es auch ein anderer sagt als immer nur der Anthroposoph —: «Die Zusammenfassung der Erkenntnisse und die Geltendmachung ihrer Konsequenzen für die Weltanschauung sei nicht seine Sache. Früher war jeder wissenschaftliche Mensch zugleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermögen angelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu können. Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast keine denkende Wissenschaft mehr.» Es ist wirklich gut, daß es einmal ein anderer sagt. Aber sehen Sie, trotz aller dieser Einsicht kommt er eben nicht weiter als zu den schönen Hühnern. Außerordentlich charakteristisch! So etwas, das als wirklich fruchtbare Weltanschauung wiederum auftritt, so etwas muß ethisch, optimistisch sein: fest, wettersicher, schön, und so, daß man bequem darinnen wohnen kann!
[ 38 ] Here we have a truly outstanding mind who, in an extraordinarily subtle and incisive way, sharply characterizes the decline of culture—a mind who even knows a great deal that people today are unwilling to admit to themselves. For example, he knows the following—and it is good that someone other than just the usual anthroposophist is saying this: “It is not his task to summarize the findings and draw their implications for the worldview. In the past, every scientist was also a thinker who played a significant role in the general intellectual life of his generation. Our age has reached the point where it can distinguish between science and thinking. That is why we still have freedom of science, but almost no thinking science left.” It’s really good that someone else is finally saying this. But you see, despite all this insight, he still doesn’t get any further than the beautiful chickens. Extremely characteristic! Something like this, which reemerges as a truly fruitful worldview, must be ethical and optimistic: solid, weatherproof, beautiful, and such that one can live comfortably within it!
[ 39 ] Ja, er kommt in dieser negativen Charakteristik sehr weit. Er bemerkt nämlich, daß es da Leute gibt, die doch schon gefühlt haben, daß dieses Denken, der Gehirnsport, nicht zu den Quellen des Daseins führt. Daher haben sie gesagt: Na, wollen wir überhaupt dieses ganze Denken kassieren und auf einem Gefühls- oder Glaubensweg, auf einem mystischen Wege zum Wahren kommen. — Das sieht er ein, und da er ein scharfer Denker selber ist, bis zu gewissen Grenzen, so stellt er eine merkwürdige Frage. Die Frage heißt: «Philosophische, geschichtliche und naturwissenschaftliche Fragen, denen er nicht gewachsen war, gingen über den früheren Rationalismus wie Lawinen nieder und begruben ihn auf dem Wege. Die neue denkende Weltanschauung muß sich aus diesem Chaos herausarbeiten. Alles was tatsächlich ist, auf sich wirken lassen, durch alle Arten von Überlegen und Erkennen hindurchgehend» — ja, wenn er jetzt nur ein bißchen durch Erkennen und Überlegen hindurchginge: das Haus soll schön und wetterfest sein —, «strebe sie auf die letzte Bedeutung des Seins und des Lebens zu, ob sich etwas davon enträtseln lasse,
[ 39 ] Yes, he goes very far in this negative characterization. He notes, in fact, that there are people who have already sensed that this kind of thinking—this mental exercise—does not lead to the sources of existence. That is why they have said: Well, let’s just set aside all this thinking and arrive at the Truth through a path of feeling or faith, through a mystical path. — He recognizes this, and since he is a sharp thinker himself—up to certain limits—he poses a curious question. The question is: “Philosophical, historical, and scientific questions, which he was unable to handle, came crashing down on earlier rationalism like avalanches and buried it along the way. The new, thinking worldview must emerge from this chaos. Let everything that actually is take its course, passing through all kinds of reflection and cognition”—yes, if only he would now go a little way through reflection and cognition: the house should be beautiful and weatherproof—“it strives toward the ultimate meaning of being and life, whether any of it can be unraveled,
[ 40 ] Das letzte Wissen, in dem der Mensch das eigene Sein in dem universellen Sein begreift, ist, sagt man, mystischer Art. Damit meint man, daß es nicht mehr in dem gewöhnlichen Überlegen zustande kommt, sondern irgendwie erlebt wird.
[ 40 ] The highest form of knowledge, in which a person comprehends their own existence within universal existence, is said to be of a mystical nature. By this, it is meant that it no longer arises through ordinary reasoning, but is somehow experienced.
[ 41 ] Aber warum annehmen» — sagt er jetzt —, «daß der Weg des Denkens vor der Mystik ende? Wohl hat das bisherige Vernunftdenken immer Halt gemacht, wenn es in die Nähe der Mystik kam...»
[ 41 ] “But why assume,” he now says, “that the path of thought ends at mysticism? True, rational thought has always come to a halt when it approached mysticism...”
[ 42 ] Nun frägt man sich: Was will Anthroposophie? Von klarem, mathematisch klarem Denken ausgehen, vor der Mystik nicht haltmachen, sondern denkend eindringen in die Gebiete, die für das Ewige erschlossen werden sollen. Die Leute sagen selbst dann noch immer, das Haus soll fest, wettersicher und so sein, daß es sich bequem darinnen wohnen läßt — wenn es schon dasteht vor ihrer Nase, aber sie nicht hineinfinden. Es darf das schon wirklich ohne Unbescheidenheit in aller Unbefangenheit gesagt werden. Aber das sind ja nicht die schlechtesten, das sind die besten, das sind die scharfen Denker! Vor solchen Dingen darf man nicht die Augen verschließen. Man muß nicht immer herumreden davon, daß man dem oder jenem begreiflich macht, was Anthroposophie ist, wenn die Leute so reden.
[ 42 ] Now one asks: What does anthroposophy aim for? To proceed from clear, mathematically precise thinking; not to stop at mysticism, but to penetrate, through thought, into the realms that are to be opened up to the eternal. People still say—even when the house is right there in front of their noses but they can’t find their way inside—that it should be sturdy, weatherproof, and comfortable to live in. This can truly be said without immodesty, in all impartiality. But these are not the worst—these are the best, these are the sharpest thinkers! One must not turn a blind eye to such things. One need not always go around saying that one is making this or that person understand what anthroposophy is when people speak this way.
[ 43 ] Aber noch weiter: «Das zu Ende gedachte Denken führt also irgendwo und irgendwie zu einer lebendigen, für alle Menschen denknotwendigen Mystik...» Das rechte Bauen führt zu dem guten Haus, wie ich es haben will! Nun weiter, er findet ja die Menschen ungesammelt, und nun will er klarmachen, was die Menschen tun sollen, damit sie über diesen schrecklichen Zustand hinauskommen, in den die Kultur verfallen ist: «An sich schon hat das Besinnen auf den Sinn des Lebens eine Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder unter uns auf, so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die jetzt wie böses Unkraut in den Überzeugungen der Massen wuchern, rettungslos dahin. Wieviel wäre für die heutigen Zustände schon gewonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten...» da steht nicht in der Anmerkung: Das Genauere ist zu ersehen aus «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?», o nein, sondern da steht, man muß irgendwie dahin kommen, daß es Menschen gibt, die sich drei Minuten Zeit nehmen, um sich gedanklich zu sammeln — «... sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten und bei der Teilnahme an einem Begräbnis uns dem Rätsel von Tod und Leben hingeben würden, statt in gedankenloser Unterhaltung hinter dem Sarge einherzugehen...»
[ 43 ] But let’s go further: “Thought carried through to its conclusion thus leads, somewhere and somehow, to a living mysticism that is necessary for all human beings...” Proper building leads to the good house, just as I want it! Now, moving on: he finds people unfocused, and now he wants to make clear what people should do to rise above this terrible state into which culture has fallen: “In and of itself, reflecting on the meaning of life is significant. If such reflection were to arise among us again, the ideals of vanity and passion—which now proliferate like evil weeds in the convictions of the masses—would wither away beyond redemption. How much would already be gained for today’s circumstances if we all were to look up thoughtfully for just three minutes every evening toward the infinite worlds of the starry sky...” The note does not say: “Further details can be found in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*,” oh no—rather, it says that we must somehow reach a point where there are people who take three minutes to gather their thoughts—“... contemplatively gazing up at the infinite worlds of the starry sky and, when attending a funeral, would devote ourselves to the mystery of death and life, instead of walking behind the coffin engaged in thoughtless conversation...”
[ 44 ] Dann schließt das damit, nachdem zuerst aufmerksam gemacht worden ist: Aber irgend etwas, was nun eine Weltanschauung ist, soll man eigentlich den Menschen nicht sagen; wir brauchen zwar eine solche Weltanschauung — ich möchte bloß wissen, wozu wir sie brauchen, wenn wir sie den Menschen nicht sagen sollen! «Die große Revision der Überzeugungen und Ideale, in denen und für die wir leben, kann sich nicht so vollziehen, daß man in die Menschen unserer Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet, als die, die sie haben...»
[ 44 ] Then it concludes with this, after first drawing attention to the following: But one shouldn’t actually tell people about something that constitutes a worldview; we do need such a worldview—I just want to know what we need it for if we’re not supposed to tell people about it! “The great revision of the convictions and ideals in which and for which we live cannot take place by trying to convince the people of our time to adopt different, better ideas than the ones they already have...”
[ 45 ] Das darf ja nicht sein, daß man bessere Gedanken hineinredet in die Menschen, als sie haben, sondern man muß sie sich selbst überlassen! Besinne dich, mache dir andere Gedanken, wenn du hinter einem Sarge einhergehst, besinne dich! — Ja, dann werden halt die Menschen das weitermachen, was sie bisher gemacht haben: sie werden nicht wissen, auf was sie sich besinnen sollen in den drei Minuten und so weiter.
[ 45 ] It must not be the case that we impose better thoughts on people than they already have; rather, we must leave them to their own devices! Reflect, think about other things when you’re walking behind a coffin—reflect! —Yes, then people will just keep doing what they’ve been doing: they won’t know what to reflect on during those three minutes, and so on.
[ 46 ] «Das bisherige Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem Sinn der Welt zu verstehen. Es kann sein, daß wir uns darein schicken müssen, den Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm Leben aus dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu geben...» — es kann sein! — «Mögen auch die Wege, auf denen wir dem Ziele zuzustreben haben, noch im Dunkel liegen: die Richtung, in der wir gehen müssen, ist klar. Miteinander haben wir über den Sinn des Lebens denkend zu werden, miteinander darum zu ringen, zu einer welt- und lebenbejahenden Weltanschauung zu gelangen, in der unser von uns als notwendig und wertvoll erlebter Trieb zu wirken Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung findet, und daraufhin fähig wird, definitive und vom Geiste wahrer Humanität eingegebene Kulturideale aufzustellen und zu verwirklichen.» — Es werden halt schöne Hühner sein!
[ 46 ] “Previous thinking sought to understand the meaning of life through the meaning of the world. It may be that we must resign ourselves to leaving the meaning of the world aside and giving our lives meaning through the will to live, as it exists within us...” — it may be! — “Even if the paths along which we must strive toward our goal still lie in darkness, the direction in which we must go is clear. Together we must reflect on the meaning of life, struggle together to arrive at a worldview that affirms both the world and life—one in which our drive to act, which we experience as necessary and valuable, finds justification, orientation, clarification, deepening, moral refinement, and fortification—and thereby become capable of establishing and realizing definitive cultural ideals inspired by the spirit of true humanity.” — They’ll just have to be beautiful chickens!
[ 47 ] Niemand wird sagen können, daß ich eine kaustische, gewollt negative Kritik üben will. Denn das erste Beispiel von Professor Rubner habe ich genommen, weil ich eben eine Persönlichkeit wählen wollte, die in bezug auf ihre wissenschaftlichen Leistungen nicht anzuerkennen eine Albernheit wäre. Das zweite Beispiel habe ich so gewählt, daß ich sagen konnte, daß ich denjenigen, der dieses Buch geschrieben hat, als einen der schärfsten Denker, als eine solche Persönlichkeit ansehe, die am meisten Berechtigung hat, in einer solchen Weise zu sprechen. Ich will nicht abfällige Kritik üben, so etwas liegt mir fern. Man muß sich bemühen, auf dasjenige charakterisierend hinzuweisen, was ist. Aber wenn dann Albert Schweitzer sagt: Die Philosophie hätte Wächterin sein sollen, aber gerade sie hat geschlafen —, dann können wir doch nicht anders, als sagen: Er setzt den Schlaf fort.
[ 47 ] No one will be able to say that I am attempting to offer a caustic, deliberately negative critique. For I chose Professor Rubner’s first example precisely because I wanted to select a figure whose scholarly achievements it would be foolish not to acknowledge. I chose the second example so that I could say that I regard the author of this book as one of the sharpest thinkers—a figure who is most justified in speaking in this manner. I do not wish to offer disparaging criticism; such a thing is far from my intentions. One must strive to point out, in a characterizing way, what is. But when Albert Schweitzer then says, “Philosophy should have been the watchwoman, but it was precisely philosophy that fell asleep”—then we can’t help but say: He is continuing the slumber.
[ 48 ] Wollen wir warten, wie der zweite Teil wird, aber der erste verspricht für den zweiten Teil, daß er nicht viel anders sein wird. Er setzt den Schlaf fort, träumt nur aus dem Schlaf heraus. Wünsche sind es, Realitäten sind es nicht. Das muß unser Streben sein, über bloße Illusionen, über Phrasen hinaus zu Realitäten zu kommen. Sie sehen, wie ausgepreßt die Worte unserer Sprache sind. So muß man vorgehen, wie wir angefangen haben heute abend, über die Seele zu sprechen, dann bekommt man wieder Inhalt in die Worte. Sonst, ja, wie sagt Schweitzer: Die Philosophie ist an dem Niedergang der Kultur nicht schuld, aber schuld ist sie daran, daß sie das gar nicht gemerkt hat. — Nun, Albert Schweitzer ist natürlich auch nicht daran schuld, daß unsere Worte so ausgepreßt sind, daß keine Begriffe mehr darinnen sind, keine Realitäten mehr darinnen sind. Aber daran ist er schuld, daß er das gar nicht bemerkt. Er bemerkt das gar nicht, daß er herumredet mit völlig ausgepreßten Worten.
[ 48 ] Let’s wait and see what the second part will be like, but the first part suggests that the second part won’t be much different. It continues the sleep; it merely dreams from within that sleep. These are wishes, not realities. That must be our goal: to move beyond mere illusions and empty phrases to reach realities. You see how hollow the words of our language have become. That is how we must proceed—as we began this evening, by speaking about the soul—then we can restore meaning to our words. Otherwise, as Schweitzer says: Philosophy is not to blame for the decline of culture, but it is to blame for failing to even notice it. — Well, Albert Schweitzer, of course, is not to blame either for the fact that our words are so drained of meaning that there are no longer any concepts in them, no realities in them. But he is to blame for not having noticed this at all. He doesn’t notice at all that he’s talking in circles with words that are completely drained of meaning.
[ 49 ] Ich war verpflichtet gegenüber dieser eben erschienenen Kulturtat Albert Schweitzers — ich meine das nicht hämisch, ich meine das ganz im Ernste — in solch schneidender Weise auf den Kulturniedergang aufmerksam zu machen. Ich war verpflichtet, darauf hinzuweisen, wie eigentlich die Ecke beschaffen sein muß, von der man ein wirkliches Urteil über dasjenige gewinnt, was auf der einen Seite nicht ist, auf der andern Seite zu geschehen hat. Nachdem wir diese Episode durchgemacht haben, wollen wir das nächste Mal über konkrete Themata der Anthroposophie weiter reden.
[ 49 ] I felt compelled, in light of this cultural achievement by Albert Schweitzer that had just been published—and I do not mean this sarcastically, but in all seriousness—to draw attention to the decline of culture in such a scathing manner. I felt compelled to point out what perspective one must actually adopt in order to form a genuine judgment about that which, on the one hand, does not exist, and on the other hand, must come to pass. Now that we have gone through this episode, let us continue our discussion next time on specific topics in anthroposophy.
