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Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten
Die Verinnerlichung der Jahresfeste
GA 224

4 Juli 1923, Stuttgart

4. Mauthners «Kritik Der Sprache» die Unzulänglichkeit heutigen Denkens, Aufgezeigt an Rubner und Schweitzer

[ 1 ] Es ist in unserer Zeit außerhalb der Kreise der anthroposophischen Bewegung wenig Verständnis dafür vorhanden, wie man eigentlich wiederum zu einer wirklichen Seelenanschauung kommen soll. Ich spreche damit einen Satz aus, der vielleicht auf der einen Seite manchem ganz unverständlich klingt, weil doch oftmals die Voraussetzung gemacht wird, daß man wisse, was Seele ist, womit man es zu tun habe, wenn man von der Seele spricht — und so weiter. Und auf der andern Seite kann ein solcher Ausspruch vielfach auch wiederum wie eine Selbstverständlichkeit genommen werden in dem Sinne, daß die jahrhunderte-, ja jahrtausendealten Anschauungen über die menschliche Seele einmal abgewirtschaftet haben und daß man warten müsse mit einer Anschauung über die menschliche Seele, bis die naturwissenschaftlichen Forschungen so weit sein können, daß sie Aufschluß über das Seelische zu geben in der Lage sind.

[ 2 ] Nun möchte ich doch diesen beiden Einwänden heute zunächst nur das entgegenstellen, was der eben verstorbene, von mir öfter genannte Sprachforscher Fritz Mauthner geltend gemacht hat: daß die Menschen in der Gegenwart vielfach glauben, sie hätten über das oder jenes eine Anschauung, während sie doch im Grunde genommen nur Worte haben. Und Mauthner hat aus diesem Grunde eine «Kritik der Sprache» geschrieben. Er wollte zeigen, daß gerade die heute zivilisierte Menschheit eine vererbte Sprache hat. Man hat für alles mögliche Ausdrücke. Wenn man aber näher nachsieht, was hinter den Worten steckt, so ist es eigentlich in Wirklichkeit nichts. Man hat das Wort, glaubt, mit dem Worte etwas zu bezeichnen, bezeichnet aber in Wirklichkeit damit nichts.

[ 3 ] Nun ist es ja selbstverständlich eine Unsinnigkeit, diese Kritik der Sprache etwa anzuwenden auf die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Denn niemand wird der Anschauung sein, daß — ob man nun viel oder wenig, sagen wir, über ein Pferd zu denken weiß — man durch den Ausdruck «Pferd» in irgendeiner Sprache über die Sache Pferd beirrt sein könnte. Jeder weiß doch ganz genau zu unterscheiden, daß man auf dem Worte Pferd nicht reiten kann und auf dem wirklichen Pferd reiten kann. Und damit ist schon von vorneherein zum Ausdruck gebracht, daß mit Bezug auf die Dinge, die in der Natur gegeben sind, eine Kritik der Sprache ziemlich belanglos ist, denn man wird immer den Unterschied kennen zwischen dem Worte und der Sache mit Bezug auf die äußere Anschauung. Ich glaube nicht, daß jemand, der ausreiten will, sich statt auf den wirklichen Schimmel auf das Wort Schimmel setzen wird.

[ 4 ] Aber wirklich anders verhält es sich mit alldem, was sich in unserer heutigen Zivilisation bezieht einerseits auf die Seele, auf das Seelenleben, die Tatsachen des Seelenlebens, und was sich auf der andern Seite bezieht auf die ethischen, auf die sittlichen Forderungen der Menschheit. Da muß man tatsächlich sagen: Es ist eigentlich zumeist nur ein Glaube vorhanden, daß hinter den Worten Realitäten stecken. Deshalb kann man es auch verstehen, daß Mauthner tief nachdachte: Soll man denn überhaupt das Wort «Seele» noch aussprechen? Es steckt ja nicht Reales dahinter, was der Mensch so meint, wie wenn er von dem Pferd mit dem Worte Pferd spricht. Die Menschen haben ja nicht mehr Anschauungen über das Seelenleben. Daher sollte man nicht nur, wie es eine Seelenkunde des 19. Jahrhunderts getan hat, die Seele aus der Seelenkunde weglassen, man sollte überhaupt das Wort Seele ganz ausmerzen, und so wie man von etwas Unbestimmtem spricht, von «seelischen Erscheinungen» sprechen. Wenn man sagen will, das sind drei Wesenheiten, Karl, Fritz, Hans, die von dem gleichen Vater und der gleichen Mutter Söhne sind, und oberflächlich sie bezeichnend über sie hinweggehen will, dann sagt man: Geschwister. Warum sollte man denn, meint Mauthner, da man nur so Unbestimmtes über die seelischen Erscheinungen weiß, Seele sagen? Es bezeichnet das Wort Seele nichts, man sollte «Geseel» sagen. Wenn das nun wirklich Glück hätte und aufkommen würde, wäre man die Täuschung los, daß, wenn man Seele sagt, man noch irgend etwas dahinter habe. Denn man würde in der Zukunft nicht mehr sagen, der Mensch habe eine unsterbliche Seele. Der Mensch hat während seines Erdenlebens in sich ein Geseel, Ich bin in meinem tiefsten Geseel gerührt und so weiter.

[ 5 ] Die Dinge sind tatsächlich gerade für diejenigen Menschen, welche in ernsthafter Weise auf eine Anschauung des Geistes ausgehen, von außerordentlichem Ernste, von einem viel größeren Ernste, als man gewöhnlich meint. Jedenfalls beweisen sie, wie sehr die Menschen aufhorchen sollten in der Gegenwart, wenn irgendwo geltend gemacht wird, es sollen wiederum die rechten Mittel gesucht werden, um zur Realität der Seele, zur Wirklichkeit der Seele zu gelangen.

[ 6 ] Man sagt heute, die seelischen Fähigkeiten seien in der Hauptsache Denken, Fühlen, Wollen. Aber es sollten die Menschen nur einmal sich ehrlich klarmachen wollen, was sie bei diesen Ausdrücken Denken, Fühlen, Wollen verstehen. Es würde ihnen bald der Glaube ausrauchen, daß sie dabei auf Reales hinschauen. Ich möchte heute nur davon sprechen, wie Anthroposophie verdeutlichen kann, daß man ja mit dem gewöhnlichen Bewußtsein gar nicht in der Lage ist, in dieser Beziehung auf ein voll Reales hinzuschauen. Und das, was ich heute einleitend andeuten möchte in dieser Hinsicht, das werde ich dann im nächsten Vortrag weiter ausführen, denn es obliegt mir heute, noch vor allen Dingen auf eine andere Seite hinzuweisen.

[ 7 ] Wenn der Mensch heute ehrlich in sich selbst hineinsieht, dann muß er sich gestehen: Dasjenige, was er an Gedanken in sich trägt, ist zumeist — ja, für die meisten ist alles, was an Gedanken in ihnen getragen wird — aus der Außenwelt genommen. Die Gedanken sind mehr oder weniger nur Spiegelbilder dessen, was in der äußeren physisch-sinnlichen Wirklichkeit auf die menschlichen Sinne einen Eindruck macht. Versuchen Sie nur einmal deutlich das Selbstbeobachtungsexperiment zu machen und sich zu fragen: Wieviel Gedanken sind denn in diesem menschlichen Bewußtsein, die auf etwas anderes hinweisen — außer dem, daß wir Worte haben: Denken, Fühlen, Wollen, Gott, Unsterblichkeit und so weiter —, die auf etwas hinweisen in dem Geistesleben der gewöhnlichen Zivilisation, was nicht von der Außenwelt gespiegelt ist. Die Menschen trachten ja nur danach, alles so aufzufassen, wie es von der Außenwelt gespiegelt werden kann. Und wenn man heute vielen Menschen das Geistige klarmachen will, dann verlangen sie eigentlich schon auch für das Geistige Lichtbilder, vielleicht einen Film oder dergleichen, weil sie sagen: Wenn uns das nicht veranschaulicht wird, wenn uns nicht sinnliche Bilder vor Augen gestellt werden, dann begreifen wir ja nichts vom Geistigen!

[ 8 ] In solchen Momenten, wo die Leute verlangen, daß man ihnen auch das Geistige in sinnliche Bilder kleidet, da sind sie ehrlicher, als wenn sie etwa als Seelenkundige über die Seele sprechen. Wenn wir vieles von dem zusammennehmen, was ich gerade hier in diesem Hause öfter besprochen habe, dann werden wir uns darüber klarwerden können, daß wir, wenn wir so zurückschauen auf unser Denken, nur eine Seite dieses Denkens haben. In diesem Sinne kann man sogar von einer Wirklichkeit sprechen — aber so kann man von einer Wirklichkeit sprechen, wie wenn man einen Menschen nur von hinten kennenlernt. Stellen Sie sich die groteske Sache vor: Sie kennen einen Menschen nur von der Hinterseite! Dann kennen Sie ihn zwar, aber Sie kennen nicht sein Wesen. Sie können höchstens manchmal irgend etwas von seinem Wesen erfassen. Dann aber müssen schon solche Fälle eintreten, wie bei dem Studenten, der einmal als ein ganz junger Dachs nach Heidelberg gekommen ist, sich hat einschreiben lassen bei dem berühmten Professor Kuno Fischer, und nun in seiner großen Freude, bevor er ins Kolleg ging, zum Friseur eilte, sich herrichten ließ, und weil er so voll davon ist, daß er den berühmten Mann hören werde, auch mit dem Friseur darüber redet. Da sagt der Friseur: Ja, heute schreibt der Kuno Fischer was auf die Tafel! — Da frägt ihn der Student: Woher wissen Sie denn das, daß der Kuno Fischer heute etwas auf die Tafel schreibt? — Ja, wenn er etwas auf die Tafel schreibt, dann läßt er sich vor der Vorlesung hinten einen Scheitel machen; da dreht er sich um! |

[ 9 ] Nun ja, wenn solche deutlichen Zeichen vorliegen, daß der Charakter in der Scheitelung des Hinterhauptes zum Ausdruck kommt, dann kann man ja etwas erfahren von dem Inneren der Persönlichkeit, auch wenn man sie nur von hinten kennenlernt. Aber es ist erstens vielleicht nicht besonders erheblich, zweitens ist es doch bei den meisten Menschen so, daß man da nicht sehr viel erfährt.

[ 10 ] Bezüglich unseres Denkens, dieses für das Erdenleben wichtigsten Teiles des Seelischen, nimmt man in der Tat nur wahr, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Hinterseite. Die Vorderseite entgeht der gewöhnlichen Beobachtung. Denn, wenn man mit Anthroposophie an die Menschenbeobachtung herantritt und sich frägt: Ist das alles am Denken, daß man sich abstrakte Vorstellungen über die sinnlich ergriffenen äußeren Dinge macht? — so kommt man darauf, daß das nicht alles vom Denken ist, sondern das Denken ist, außer daß es diese Summe von abstrakten Gedanken darstellt, auch noch eine Summe von Kräften. Die Gedanken können eigentlich nichts machen, und am besten denkt man eigentlich, wenn man nichts macht, wenn man sich ruhig hinsetzt, wenn man der Ruhe pflegt. Gedanken sind kraftlos, wie Spiegelbilder kraftlos sind. Aber wenn man nun den Menschen verfolgt, vom Kleinkind auf bis er größer gewachsen ist, und wenn man später wiederum die ja auch noch in dem Menschen vorhandenen Wachstumsprozesse verfolgt — wenn auch der Mensch nicht mehr größer wird, Wachstumsprozesse sind ja noch immer da —, wenn man auf das schaut, was da im Menschen die Kräfte seines Wachstums sind, dann sind das dieselben Kräfte, nun von der andern Seite gesehen, die sich nach rückwärts zeigen in den abstrakten Gedanken. Nach außen sendet der Mensch die abstrakten Gedanken, nach innen sind das die Kräfte, die sein Gehirn formen. In den ersten kindlichen Jahren wird das Gehirn plastisch geformt. Die Kräfte, die sonst irgendwo wirken als Wachstumskräfte, sind die Kräfte des Denkens. Und wie Sie sich, wenn Sie einen Menschen von hinten sehen — um die Vorstellung hegen zu dürfen, er sei ein ganzer Mensch-, die Vorderseite hinzudenken müssen, so müssen Sie zu dem abstrakten Denken das konkrete, reale Gedankenkraften hinzudenken, das in den Menschen hineingeht, am Menschen arbeitet.

[ 11 ] Das ist ja das Wesen einer auf die gesunde Anthroposophie gegründeten Pädagogik, daß der Pädagoge weiß: Es ist nicht getan damit, daß das Kind von dem oder jenem diese oder jene abstrakte Vorstellung bekommt. Denn ob das Kind eine lebendige, bildhafte, in sich regsame Vorstellung bekommt oder eine tote Vorstellung, das ist ein großer Unterschied. Die tote Vorstellung wirkt hemmend auf die Wachstumsprozesse, die regsame Vorstellung wirkt fördernd auf die Wachstumsprozesse. Und so kommen wir darauf, daß das Denken die eine Seite zeigt, die kraftlos nur die Außenwelt spiegelt, und nach innen gerichtet sehen wir eine lebendige, den ganzen Organismus des Menschen durchkraftende Seite, die nur die andere Seite seines Wachstums darstellt, das geistige Gegenbild seines Wachstums. Und wenn man weiter forscht, dann findet man, daß sich der Mensch dasjenige, was da die andere Seite darstellt — in bezug auf den Menschen ist es die rückwärtige, aber in bezug auf das Denken ist es die Vorderseite —, zwar nicht das tote Denken, das uns nur nach vorne, auf der andern Seite erscheint, sondern dieses lebendige Denken herunterbringt aus seinem vorirdischen Dasein.

[ 12 ] In der Tat ist der Übergang aus dem vorirdischen Dasein in das irdische Dasein in bezug auf diese Sache so, daß der Mensch im vorirdischen Dasein frei entwickelt ein System von Kräften, das allseitig in der geistigen Welt wirkt. Dann steigt er herunter in das irdische Dasein. Da verwandelt sich dieses in der geistigen Welt regsame waltende Denken selber in die inneren Organisationskräfte des Leibes, und nach außen sendet es gleichsam die spiegelnde Fläche, wohinein die Erde ihre Bilder wirft. Das ist der Tatbestand. Nun aber ist es allerdings so, daß der Mensch, nachdem er die Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in genügender Weise absolviert hat, dann für dieses lebendige Denken eben in der geistigen Welt keine Aufgabe hat. Dieses lebendige Denken hat seine große Aufgabe in der Zeit zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Wenn die Aufgabe vollendet ist, dann tritt eben drüben die Erscheinung ein, die ich Ihnen öfter beschrieben habe: Die Seele wendet sich zum Erdenleben. Da aber hat dieses Denken eine neue Aufgabe: die Aufgabe, den Menschenleib zu bilden. Und das ist das Bedeutsame bei dem irdischen Denken des Menschen, bei dem aus dem Geistigen herkommenden Denken des Menschen, daß es gestaltend auf den Menschenleib gerichtet ist. So haben wir in unserem wahren, in unserem wirklichen Denken ein Erbstück aus der geistigen Welt, aber ein solches, das nur etwas ist auf der Erde, denn in der geistigen Welt hat es seine Aufgabe verloren. Dem verdanken wir die Tatsache, daß dieses unser Denken auf der Erde so klar werden kann. Hätte dieses Denken noch eine Aufgabe wie in der geistigen Welt, so könnte es auf Erden nicht so klar werden.

[ 13 ] Gehen wir aber zu der andern Fähigkeit der menschlichen Seele über, zu dem Fühlen. Da werden Sie alle merken — ganz abgesehen davon, was ich selbst hier in diesem Raume darüber gesprochen habe: Das Gefühl ist nicht so klar wie das Denken. Das Gefühl ist etwas, was zwar in einer andern Gestalt, aber so wie das Träumen auftritt. Die Seelenverfassung ist während des Fühlens im Grunde ganz dieselbe wie während des Träumens, nur daß das Fühlen in ganz anderer Form auftritt. Warum ist das so? Nun, auch beimFühlen haben wir, geradeso wie beim Denken, hier für dieses Erdenleben nur die Hinterseite. Aber die Vorderseite ist jetzt nicht bloß dem Menschenleibe zugelenkt, sondern, indem der Mensch aus dem vorirdischen Dasein, aus dem Dasein zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, heruntersteigt auf die Erde, behält er auch dasjenige, was hinter dem Fühlen steckt, als Erbstück. Aber das bleibt noch dem Geistigen zugewandt, das hat nicht bloß eine irdische Aufgabe. Daher nimmt der Mensch jede Nacht, wenn er einschläft, sein Denken nicht mit in den Schlaf, sein Fühlen aber nimmt er mit. Und wenn Sie die Träume in der rechten Weise betrachten, so sind sie Bilder, weil die logischen Gedanken nicht fortleben; aber die Gefühle leben weiter fort. Mit jedem Schlaf taucht der Mensch in die ganze geistige Welt ein. Sein Denken nimmt der Mensch nicht mit, das Fühlen aber nimmt er mit, und erst recht das Wollen.

[ 14 ] Mit dem Wollen ist ja begreiflicherweise bei Tage nichts anzufangen. Ich habe öfters ausgesprochen: Der Mensch kann sich etwas vornehmen, er hat einen Gedanken. Wie der Gedanke aber hinuntergleitet in den Leib, wie der Willensentschluß, die Hand zu bewegen, weiterwirkt, das bleibt so dunkel, wie der Zustand im Schlaf dunkel bleibt. Aber dafür behält der Mensch für seinen Willen am meisten aus dem Ewigen. Und wiederum kann man beim Willen sehen, aus der Regsamkeit des Menschen — denn wenn der Mensch sich nicht regt, ist nicht ein Wille vorhanden, sondern nur ein Wünschen —, beim Willen kann man gerade sehen, daß der Mensch auf der Erde nach außen wirkt. Nach der andern Seite gesehen, stellt der Wille ein ganz und gar Ewiges dar. Das Denken stellt auch ein Ewiges dar, aber ein solches, das sich umgewandelt hat zu einer irdischen Betätigung. Der Wille aber bleibt im Ewigen vorhanden und ist tätig an dem durch die wiederholten Erdenleben hindurchgehenden Schicksal des Menschen, an dem Karma.

[ 15 ] Ich wollte Ihnen damit nur einleitend sagen, wie man zu einer wirklichen Seelenlehre vordringt, so daß man wiederum hinter den Worten Denken, Fühlen, Wollen Realitäten hat, daß man wiederum auf Wirkliches hindeutet. Wie man bei dem Worte Pferd auf das äußere physische Pferd hinweist, so kann man, wenn man auf diese Weise anthroposophisch in das Seelenleben eindringt, wieder zur Wirklichkeit, zu Realitäten kommen. Das ist der Weg, und auf diesem Wege wird zugleich dasjenige kommen — weil es, wenn er das verstehen will, die edelsten Kräfte im Menschen anregt —, was ich am Ende des letzten Vortrages hier betont habe: daß Anthroposophie nie verstanden wird, wenn sie Theorie ist, sondern erst verstanden ist, wenn im Erwerben des Anthroposophischen der Mensch ein anderer wird, der Mensch sich wirklich umwandelt; wenn er in ethischer, in menschlicher Beziehung überhaupt ein anderer wird.

[ 16 ] Dem, was in dieser Weise angestrebt wird, steht heute etwas andres gegenüber. Und jetzt komme ich zu dem, was ich gerade verpflichtet bin, Ihnen zu sagen, weil Anthroposophie schon in der Welt darinsteht und man für dasjenige, was geschieht, wach sein muß. Man darf nicht immer geschlossene Fenster haben, sondern muß auch hinausschauen, und so ist es spirituelle, geistige Pflicht, über diese Dinge zu sprechen. Überall nämlich, wo Leute heute glauben, allein aus der Naturwissenschaft die klaren Begriffe bekommen zu haben, wird das Anthroposophische etwa mit der Behauptung abgetan: das ist Phantasie, Spekulation, das ist Phantastik. Und jene Leute sagen, daß sie allein das klare Denken haben. Abgesehen davon, daß man natürlich, wenn man sich der Anthroposophie nähert, durch das Verfolgen des Anthroposophischen die innere Sicherheit von der Wahrheit bekommt, muß man sich aber doch manchmal auch anschauen, wie klar denn eigentlich das heutige Denken ist! Das möchte ich Ihnen zunächst an einem Beispiel erörtern, aus dem Grunde, weil der Anthroposoph bei wachen Sinnen sein soll über das, was heute Zeitkultur oder Zeitzivilisation ist. Ich nehme ein Beispiel, das schon etwas besagt. Wenn man, sagen wir, einen Menschen, der in den Zeitungen schreibt, auf seine Logik hin prüft, so ist nicht viel damit gesagt. Aber ich nehme einen bedeutenden Naturforscher der Gegenwart und sage ausdrücklich, daß ich nichts Hämisches, nichts Herabsetzendes sagen will, weil ich durchaus anerkenne, wir haben es da mit einem bedeutenden Naturforscher und mit einer ernsten Angelegenheit zu tun, die er bespricht. Und da möchte ich Sie auf die Klarheit in dieser Beziehung, wie sie in der Gegenwart herrscht, aufmerksam machen.

[ 17 ] Der bekannte Naturforscher Max Rubner hielt im Oktober 1910 an der Berliner Universität die Rektoratsrede, die betitelt ist: «Unsere Ziele für die Zukunft.» Er spricht über die geistigen Ziele der Zukunft, und es spricht wirklich nicht der Nächstbeste, sondern es spricht einer, der in der Forschung drinnensteckt und den man für einen ernsten und tüchtigen Forscher ansehen muß vom Gesichtspunkte der heutigen Zivilisation. Am Schlusse seiner Rede apostrophiert er auch die Studenten und versucht — nun ja, in einer nach seiner Art schönen Weise — klarzumachen, daß sie studieren sollen. Aber er tut das eben mit den «klaren» Begriffen — ich meine «klar» in Gänsefüßchen —, die heute eben einem solchen Forscher aus dem heutigen Denken heraus möglich sind. Ich will auf einzelnes aufmerksam machen. Da sagt er zunächst, indem er die Studenten apostrophiert: «Wir müssen alle lernen; wir bringen auf die Welt nichts anderes mit als unser Instrument zur geistigen Arbeit, ein unbeschriebenes Blatt, das Gehirn, verschieden veranlagt, verschieden entwicklungsfähig; wir empfangen alles aus der Außenwelt...»

[ 18 ] Also eine ja heute oft angetroffene Anschauung, die da besagt: Seht, wenn ihr über das Seelenleben sprechen wollt, auf euer Gehirn hin, das ist ein unbeschriebenes Blatt, das muß alles durch die Eindrücke der Außenwelt bekommen. Kommen wir also zur Welt, so haben wir unser Gehirn als ein unbeschriebenes Blatt, müssen uns den Welteindrücken aussetzen, dann gehen die in uns hinein, dann wird das Blatt beschrieben. Also, sagt er zu seinen Studenten, setzt euch nur frisch, wacker und munter den Welteindrücken aus, dann wird euer unbeschriebenes Blatt, das ihr mitgebracht habt, beschrieben.

[ 19 ] In einem weiteren Satz sagt er ihnen nun, wie sie das machen sollen. Da sagt er: «Kein Gehirn möchte auch das alles fassen, was seine Vorfahren insgesamt erlebt und erfahren haben; was Milliarden Gehirne im Laufe der menschlichen Geschichte erwogen und gereift, was unsere Geistesheroen mitgeschaffen haben...»

[ 20 ] Also die Studenten sollen nur achtgeben auf dasjenige, was die Geistesheroen mitgeschaffen haben. Aber jetzt schaffen auf einmal die Geistesheroen, jetzt müssen sich also die unbeschriebenen Gehirne den beschriebenen Gehirnen der Geistesheroen entgegensetzen! Sie sehen, sobald man zwei Sätze zusammenstellt, wovon der eine auf Seite 23, der andere auf Seite 24 steht: sie werden nicht mehr stimmen! Denn wären die Geistesheroen auch unbeschriebene Gehirne, so würde von ihren Eindrücken auf die unbeschriebenen Gehirne nicht so gesprochen werden können, daß diese Gehirne etwas geschaffen haben, denn das wird ja gerade in Abrede gestellt: Alles muß von der Außenwelt empfangen werden. Jetzt wird aber zu der Außenwelt auch das gerechnet, was Menschengehirne schaffen. Man muß schon auf solche Dinge eingehen.

[ 21 ] Aber da heißt es dann weiter: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial für das produktive Denken.» Nun, setzen Sie die zwei Sätze zusammen: «Wir empfangen alles aus der Außenwelt», und den zweiten: «Das Erlernte gibt das Grundmaterial für das produktive Denken.» So spricht heute nicht ein gewöhnlicher Zeitungsschreiber, so spricht heute ein mit Recht so genannter verdienstvoller Forscher aus der Zeitzivilisation heraus. Sehen Sie, da ist es ja im Grunde genommen nebensächlich, wenn man nun noch auf die Art und Weise hinweisen will, in welcher eine solche Persönlichkeit charakterisiert, wie das Gehirn verfährt. «... es hat stets etwas Erfrischendes, auf einem neuen, bisher unbeackerten Felde des Gehirnes zu arbeiten.» Darum sagt er den Studenten, sie sollen sich manchmal auch nach andern Fächern umsehen, nach denen sie sich bisher noch nicht umgesehen haben: «... manche Felder des Gehirns werden erst erträgnisreich, wenn man sie wiederholt beackert, tragen aber schließlich dieselben guten Früchte, wie andere, die müheloser sich erschließen. »

[ 22 ] Nun, schließlich Bringt der Boden, den man beackert, auch nicht den Pflug hervor. Man kann, wenn man eingehen will auf diese Gedanken, überhaupt keinen Gedanken mehr fassen. Aber nun findet Rubner, daß dieses Denken doch ganz natürlich ist.

[ 23 ] Damit ich Ihnen die Bedeutung dessen zeigen kann, was er da spricht, möchte ich doch noch etwas vorausschicken. Wenn jemand Sport treibt, so sehen wir ihn in verschiedenen Bewegungen. Wenn es einen besonders interessiert, kann er sich sogar eine Momentaufnahme von diesen Bewegungen machen. Aber man muß schon, wenn man die Dinge unbefangen nimmt, versichern: Wenn man die inneren organischen Prozesse verfolgt, die sich abspielen, während da einer im Sport herumhantiert: das, was sich da innen zwischen Nerv und Muskel als eine Art Vernichtungs- und Wiederherstellungsprozeß abspielt, das ist wahrhaftig für das Menschliche erstens viel wichtiger, aber auch unendlich viel interessanter als dasjenige, was als Momentaufnahme aufgenommen werden kann. Ich sage gar nichts gegen den Sport als äußere Körperübung. Aber was der Sportler nach innen ist, das ist wahrhaftig viel interessanter, als was er nach außen ist. In dem, was er da bewirkt innerhalb des Organismus, fängt es erst an, interessant zu werden.

[ 24 ] Nun ist es so, daß in bezug auf die Bewegung der menschlichen Glieder das Umgekehrte der Fall ist wie beim Denken. Beim Denken ist es so, daß dasjenige, was verrichtet wird, was also geschieht, was die Tatsache ist, das Wesentliche ist, und dasjenige, was in der Organisation liegt, das Unwesentliche ist. Beim Sport ist das, was äußerlich in den Tatsachen sich abspielt, das weniger Interessante, Dasjenige, was nach innen der Organismus tut, das Interessantere. Beim Denken ist das, was als Denken sich darlebt, was Denken wirklich ist, das Interessante; was der Organismus dabei tut, ist etwas mehr oder weniger Einfaches. Daher darf man, wenn man die Dinge durchschaut, nicht mehr vom Denken ebenso sprechen, wie von der Muskelbewegung.

[ 25 ] Aber wenn das alles oberflächlich, äußerlich wird, was sagt man da? Dann erklärt man die Dinge so: «Das Denken stärkt das Gehirn, letzteres (das Gehirn) nimmt durch Übung ebenso in den Leistungen zu, wie ein anderes Organ, wie unsere Muskelkraft durch Arbeit und Sport. Studieren ist Gehirnsport.»

[ 26 ] Sie sehen, unsere Zivilisation wird bei ihrem wichtigsten Elemente, beim Denken über die Dinge, ertappt, wenn man sie an einem solchen Platze faßt. Man wacht durch etwas anderes nicht auf für dasjenige, was eigentlich in der Gegenwart geschieht.

[ 27 ] Nun möchte ich Ihnen eine Persönlichkeit vorführen, die wirklich durch ihre in gewissen Grenzen Genialität zu nennende Art sich vortrefflich negative Gedanken macht über unsere gegenwärtige Zivilisation, diese wohl zu charakterisieren versteht: wie es zuletzt eine unmögliche Formung und Gestaltung des Denkens ist, was unsere Zivilisation zu Verfall und Abgrund gebracht hat. Und ich muß sagen: Wer das Buch geschrieben hat von dem «Verfall und Wiederaufbau der Kultur», Albert Schweitzer, der ist in der Lage, solche Dinge zu beurteilen. Wer zum Beispiele Albert Schweitzers 1906 erschienenes Buch «Die Geschichte der Leben-Jesu-Forschung» kennt, die Art, wie Schweitzer einzugehen weiß selbst auf die Apokalyptik, so daß er schon ein gutes Stück den andern Theologen voraus ist, der muß zugeben, daß Schweitzer ein gesundes Urteil haben kann über dasjenige, was das gegenwärtige Geistesleben eigentlich wert ist. Nun hat er dieses Buch geschrieben, dessen erster Teil eben erst erschienen ist. Das erste Kapitel lautet: «Die Schuld der Philosophie an dem Niedergang der Kultur.» Und wahrhaft messerscharf fallen nun die Sätze, welche unser gegenwärtiges Geistesleben, unser Zivilisationsleben charakterisieren sollen. Gleich der erste Satz lautet: «Wir stehen im Zeichen des Niedergangs der Kultur. Der Krieg hat diese Situation nicht geschaffen. Er selber ist nur eine Erscheinung davon. Was geistig gegeben war, hat sich in Tatsachen umgesetzt, die nun ihrerseits wieder in jeder Hinsicht verschlechternd auf das Geistige zurückwirken.» Ein Mensch, der Einsichten hat in die Wertlosigkeit der gegenwärtigen Kultur! Und weiter: «Wir kamen von der Kultur ab, weil kein Nachdenken über Kultur unter uns vorhanden war... So überschritten wir die Schwelle des Jahrhunderts mit unerschütterten Einbildungen über uns selbst.» Und nun frägt er sich: Warum ist denn diese Verfallserscheinung der Kultur da? Warum leben wir im Niedergange der Kultur? — Und er sagt sich: Wenn wir nur kurze Zeit zurückschauen, in die Zeit selbst, wo der Intellektualismus in seinem ersten Blütestadium war, da haben die Leute noch eine « Totalweltanschauung» gehabt, da haben sie noch von den ethischen, von den sittlichen Zielen so gesprochen, daß sie in denselben Quellen lagen wie die Naturgesetze. Sie haben die Naturgesetze angeschaut, und sind dann aufgestiegen mit denselben Anschauungen zu den Quellen des Sittlichen, haben also eine «Totalweltanschauung» gehabt, die das Sittliche und Natürliche gleichmäßig umfaßte.

[ 28 ] Sie erinnern sich, wie oft ich darauf hingewiesen habe, daß der Verfall unserer Kultur damit gegeben worden ist, daß wir eine einseitige Naturanschauung haben, die an den Anfang unseres Erdenwerdens die Kant-Laplacesche Theorie oder ähnliches stellt, wo alles aus einem Urnebel heraus sich gebildet hat. Es hat sich auch der Mensch aus diesem Urnebel heraus gebildet, dann ist das entstanden, was man sittliche Ideale nennt — Illusionen —, und wenn einstmals der Wärmetod eintritt, der nach rein physikalischen Gesetzen eintreten muß, dann wird ein großes Leichenfeld da sein, aber begraben wird damit dasjenige sein, was als Kulturideale oder als sittliche Ideale auftauchte. So ist nicht mehr unsere Sittlichkeit in der Weltanschauung darinnen. Sie steckt nicht mehr darin, sie ist etwas, was man nur noch in abstrakten Gedanken abfing. Auch das weiß Schweitzer, daß im Grunde genommen dies so geworden ist um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Recht deutlich spricht er sich darüber aus: «Nun ist für alle offenbar, daß die Selbstvernichtung der Kultur im Gange ist... Die Aufklärungszeit» — damit meint er diese Zeit, wo der Intellektualismus die erste Blüte gehabt hat — «und der Rationalismus hatten ethische und Vernunftideale über die Entwicklung des Einzelnen zum wahren Menschentum, über seine Stellung in der Gesellschaft, über deren materielle und geistige Aufgaben, über das Verhalten der Völker zueinander und ihr Aufgehen in einer durch die höchsten, geistigen Ziele geeinten Menschheit aufgestellt... Aber um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts fing diese Auseinandersetzung ethischer Vernunftideale mit der Wirklichkeit an abzunehmen. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte kam sie mehr und mehr zum Stillstand. Kampflos und lautlos vollzog sich die Abdankung der Kultur. Ihre Gedanken blieben hinter der Zeit zurück, als wären sie zu erschöpft, mit ihr Schritt zu halten.»

[ 29 ] Und nun will Albert Schweitzer klarmachen, daß, wenn die Menschen nicht mehr wirksame Gedanken haben, die Kultur zugrunde gehen muß. Da die wirksamen Gedanken in der Philosophie enthalten zu sein scheinen, so schreibt er den Grund für den Niedergang der Kultur der Philosophie zu. Er weiß — und drückt es auch in diesem Buche aus —, daß, wenn auch Hegel und Kant nur von wenigen gelesen werden, ihre Gedanken doch die Gedanken von Tausenden beherrschen, denn sie gehen durch alle möglichen unbemerkten Ströme in die breitesten Massen der Menschheit über, und einer übertreibt gar nicht, der heute sagt: Wenn nur die populärsten Bücher die einfachsten Gebirgsbauern zu lesen begonnen haben, so steckt schon der Kant in ihnen. Man glaubt immer nur, die Philosophie wirkt auf diejenigen, welche die Philosophen lesen. Das ist eben äußere Maja.

[ 30 ] Deshalb sagt Schweitzer: «Das Entscheidende war das Versagen der Philosophie.» Aber nun behandelt er diese Philosophie doch mit einigem Mitleid und sagt sich: Die Philosophie hätte denken sollen, aber da das Denken abgekommen war, da man das Denken verlernt hat, so braucht man sich nicht zu verwundern, daß die Philosophie auch nicht mehr denken konnte. — Also er behandelt die Philosophie noch ein bißchen milde. «Der Philosophie ward nicht klar, daß die Energie der ihr anvertrauten Kulturideen anfing fraglich zu werden. Am Schlusse eines der hervorragendsten, am Ende des neunzehnten Jahrhunderts erschienenen Werkes über Geschichte der Philosophie» dasselbe, das ich hier auch einmal besprochen habe — «wird diese als der Prozeß definiert, in dem sich «Schritt für Schritt, mit immer klarerem und sichererem Bewußtsein die Besinnung auf die Kulturwerte vollzogen hat, deren Allgemeingültigkeit der Gegenstand der Philosophie selbst ist». Dabei vergaß der Verfasser das Wesentliche: daß nämlich früher die Philosophie sich nicht nur auf die Kulturwerte besann, sondern sie auch als wirkende Ideen in die öffentliche Meinung ausgehen ließ, während sie ihr von der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts an immer mehr zu einem gehüteten, unproduktiven Kapital wurden.»

[ 31 ] Aber nun wird er milde. Was kann schließlich der Philosoph dafür, wenn er auch nicht mehr denkt, da alle andern nicht denken: «Daß das Denken es nicht fertig brachte, eine Weltanschauung von optimistisch-ethischem Charakter aufzustellen und die Ideale, die die Kultur ausmachen, in einer solchen zu begründen, war nicht Schuld der Philosophie, sondern eine Tatsache, die sich in der Entwicklung des Denkens einstellte. Aber schuldig an unserer Welt wurde die Philosophie dadurch, daß sie sich die Tatsache nicht eingestand und in der Illusion verblieb, als ob sie wirklich einen Fortschritt der Kultur unterhielte.»

[ 32 ] Also, daß die Philosophen nicht mehr denken konnten, das nimmt ihnen Schweitzer nicht mehr übel, da es eine allgemeine Gewohnheit der Leute geworden ist, nicht mehr zu denken. Aber das nimmt er den Philosophen übel, daß sie das gar nicht bemerkt haben. Wenigstens bemerken hätten sie es sollen.

[ 33 ] «Ihrer letzten Bestimmung nach ist die Philosophie Anführerin und Wächterin der allgemeinen Vernunft. Ihre Pflicht wäre es gewesen, unserer Welt einzugestehen, daß die ethischen Vernunftideale nicht mehr wie früher in einer Totalweltanschauung Halt fänden, sondern bis auf weiteres auf sich selbst gestellt seien und sich allein durch ihre innere Kraft in der Welt behaupten müßten... So wenig philosophierte die Philosophie über Kultur, daß sie nicht einmal merkte, wie sie selber, und die Zeit mit ihr, immer mehr kulturlos wurde. In der Stunde der Gefahr schlief der Wächter, der uns wach erhalten sollte. So kam es, daß wir nicht um unsere Kultur rangen.»

[ 34 ] Nun, ich glaube, ich habe Ihnen von diesem Schlafen wirklich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus schon hier mancherlei erzählt.

[ 35 ] In dem nächsten Kapitel bespricht Schweitzer die kulturhemmenden Elemente in uns. Da kommt er zu ganz interessanten Anschauungen. Er findet nämlich, daß der Mensch durch dasjenige, was er als Kultur in der neuesten Zeit aufgenommen hat, erstens unfrei geworden ist. Nun, das kann man ihm nachfühlen, denn die Menschen sind ja nach und nach dazu gekommen, wirklich nur gewissen Leithammeln nachzulaufen, auf die Autorität der Wissenschaft zu schwören und so weiter. Aber nun behauptet Schweitzer, daß der Mensch ungesammelt ist im Denken. Ich glaube, auch darüber brauchen wir nicht viel zu verhandeln; da wird Schweitzer wohl recht haben, daß die Kraft zum Sammeln in unserer Zivilisation wirklich sehr zurückgegangen ist. Dann aber nennt er den Menschen unvollständig. Nun, werden die Leute sagen, wenn er uns schon unfrei und uns so ungesammelt findet; daß wir nicht einmal ganze Menschen sein sollen, das können wir ihm doch nicht konzedieren! — Aber er meint das so: Das, was heute einer lernt, das ist eine Spezialität, sei er ein Gelehrter oder sei er irgendwie ein anderer Mensch, so daß immer nur gewisse Seiten seiner Fähigkeiten ausgebildet werden, nicht der Totalmensch. Daher gehen wir also als unvollständige, gar nicht als ganze Menschen herum. Und dann findet er als viertes, daß die Humanität im höchsten Grade abgenommen hat. Er führt da schöne Beispiele an. Er ist aber überhaupt der Ansicht, daß unfreie, ungesammelte und nicht ganze Menschen auch nicht die Humanität im ethischen Leben entfalten. Dann findet er noch ein kulturhemmendes Element in der Überorganisation, in der Ausrottung der menschlichen Individualität. Wieviel kommt denn heute noch auf den einzelnen an? Es kommt nur auf dasjenige an, was durch irgendwelche Organisationen vorgezeichnet ist. Überorganisation wirft Schweitzer mit Recht unserer Zeit als besondere Neigung vor.

[ 36 ] Aber nun will er auch übergehen zu der Beantwortung der Frage, wie man denn wiederum zu einer Kultur kommen soll. Was ist denn zu tun, um wiederum zu einer Kultur zu kommen? Da stellt er die Frage: Wie muß denn die Kultur beschaffen sein, zu der wir kommen? — Und er sagt: Sie muß ethisch und optimistisch sein. — Nun, denken Sie, Sie wollen sich ein Haus bauen, Sie gehen zu einem Baumeister, der sagt: Da mußt du mir etwas beschreiben, wie das Haus sein muß, damit ich dir die Pläne machen kann. — Da sagen Sie ihm: Das Haus, das muß fest sein, wettersicher, schön, und so, daß man bequem darinnen wohnen kann. — Nun ja, Pläne machen läßt sich damit nicht, aber Sie glauben, etwas gesagt zu haben, wenn Sie sagen: Das Haus muß fest, wettersicher, schön und so sein, daß man bequem darinnen wohnen kann. Nur kann man nichts anfangen mit diesen Aussagen. Ebensowenig können Sie etwas anfangen mit der Aussage: Eine Weltanschauung muß ethisch und optimistisch sein. Es ist dasselbe, genau dasselbe.

[ 37 ] Ich war einmal als kleiner Junge in einem Dorf, da war ein Prozeß. Einer Persönlichkeit nämlich aus dem Kreise der Honorationen waren die Hühner gestohlen worden. Der Richter wollte nun durchaus wissen, wie es mit dem Strafmaß sei, er wollte diese Hühner beschrieben haben. Da fragte er den Betreffenden, wie denn die Hühner waren? Nun, es waren halt schöne Hühner. — Ja, damit kann man nichts anfangen, Sie müssen uns so sagen, daß wir eine Vorstellung darüber bekommen, was die Hühner wert gewesen sein können. Nun, es waren recht schöne Hühner. — Ja, aber, nicht wahr, man muß wissen, ob die Hühner mager waren, ob sie dick waren... — Na, es waren wirklich recht schöne Hühner. — Und so ging es fort, es war überhaupt nichts aus dem Mann herauszubringen außer dem, daß es recht schöne Hühner waren. |

[ 38 ] Nun haben wir hier einen ganz hervorragenden Geist, der in einer außerordentlich feinen und treffenden Weise den Verfall der Kultur schneidend charakterisiert, der sogar sehr vieles weiß, was die Menschen sich heute gar nicht eingestehen möchten. So weiß er zum Beispiel das Folgende — es ist gut, daß es auch ein anderer sagt als immer nur der Anthroposoph —: «Die Zusammenfassung der Erkenntnisse und die Geltendmachung ihrer Konsequenzen für die Weltanschauung sei nicht seine Sache. Früher war jeder wissenschaftliche Mensch zugleich ein Denker, der in dem allgemeinen geistigen Leben seiner Generation etwas bedeutete. Unsere Zeit ist bei dem Vermögen angelangt, zwischen Wissenschaft und Denken scheiden zu können. Darum gibt es bei uns wohl noch Freiheit der Wissenschaft, aber fast keine denkende Wissenschaft mehr.» Es ist wirklich gut, daß es einmal ein anderer sagt. Aber sehen Sie, trotz aller dieser Einsicht kommt er eben nicht weiter als zu den schönen Hühnern. Außerordentlich charakteristisch! So etwas, das als wirklich fruchtbare Weltanschauung wiederum auftritt, so etwas muß ethisch, optimistisch sein: fest, wettersicher, schön, und so, daß man bequem darinnen wohnen kann!

[ 39 ] Ja, er kommt in dieser negativen Charakteristik sehr weit. Er bemerkt nämlich, daß es da Leute gibt, die doch schon gefühlt haben, daß dieses Denken, der Gehirnsport, nicht zu den Quellen des Daseins führt. Daher haben sie gesagt: Na, wollen wir überhaupt dieses ganze Denken kassieren und auf einem Gefühls- oder Glaubensweg, auf einem mystischen Wege zum Wahren kommen. — Das sieht er ein, und da er ein scharfer Denker selber ist, bis zu gewissen Grenzen, so stellt er eine merkwürdige Frage. Die Frage heißt: «Philosophische, geschichtliche und naturwissenschaftliche Fragen, denen er nicht gewachsen war, gingen über den früheren Rationalismus wie Lawinen nieder und begruben ihn auf dem Wege. Die neue denkende Weltanschauung muß sich aus diesem Chaos herausarbeiten. Alles was tatsächlich ist, auf sich wirken lassen, durch alle Arten von Überlegen und Erkennen hindurchgehend» — ja, wenn er jetzt nur ein bißchen durch Erkennen und Überlegen hindurchginge: das Haus soll schön und wetterfest sein —, «strebe sie auf die letzte Bedeutung des Seins und des Lebens zu, ob sich etwas davon enträtseln lasse,

[ 40 ] Das letzte Wissen, in dem der Mensch das eigene Sein in dem universellen Sein begreift, ist, sagt man, mystischer Art. Damit meint man, daß es nicht mehr in dem gewöhnlichen Überlegen zustande kommt, sondern irgendwie erlebt wird.

[ 41 ] Aber warum annehmen» — sagt er jetzt —, «daß der Weg des Denkens vor der Mystik ende? Wohl hat das bisherige Vernunftdenken immer Halt gemacht, wenn es in die Nähe der Mystik kam...»

[ 42 ] Nun frägt man sich: Was will Anthroposophie? Von klarem, mathematisch klarem Denken ausgehen, vor der Mystik nicht haltmachen, sondern denkend eindringen in die Gebiete, die für das Ewige erschlossen werden sollen. Die Leute sagen selbst dann noch immer, das Haus soll fest, wettersicher und so sein, daß es sich bequem darinnen wohnen läßt — wenn es schon dasteht vor ihrer Nase, aber sie nicht hineinfinden. Es darf das schon wirklich ohne Unbescheidenheit in aller Unbefangenheit gesagt werden. Aber das sind ja nicht die schlechtesten, das sind die besten, das sind die scharfen Denker! Vor solchen Dingen darf man nicht die Augen verschließen. Man muß nicht immer herumreden davon, daß man dem oder jenem begreiflich macht, was Anthroposophie ist, wenn die Leute so reden.

[ 43 ] Aber noch weiter: «Das zu Ende gedachte Denken führt also irgendwo und irgendwie zu einer lebendigen, für alle Menschen denknotwendigen Mystik...» Das rechte Bauen führt zu dem guten Haus, wie ich es haben will! Nun weiter, er findet ja die Menschen ungesammelt, und nun will er klarmachen, was die Menschen tun sollen, damit sie über diesen schrecklichen Zustand hinauskommen, in den die Kultur verfallen ist: «An sich schon hat das Besinnen auf den Sinn des Lebens eine Bedeutung. Kommt solches Nachdenken wieder unter uns auf, so welken die Eitelkeits- und Leidenschaftsideale, die jetzt wie böses Unkraut in den Überzeugungen der Massen wuchern, rettungslos dahin. Wieviel wäre für die heutigen Zustände schon gewonnen, wenn wir alle nur jeden Abend drei Minuten lang sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten...» da steht nicht in der Anmerkung: Das Genauere ist zu ersehen aus «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten ?», o nein, sondern da steht, man muß irgendwie dahin kommen, daß es Menschen gibt, die sich drei Minuten Zeit nehmen, um sich gedanklich zu sammeln — «... sinnend zu den unendlichen Welten des gestirnten Himmels emporblickten und bei der Teilnahme an einem Begräbnis uns dem Rätsel von Tod und Leben hingeben würden, statt in gedankenloser Unterhaltung hinter dem Sarge einherzugehen...»

[ 44 ] Dann schließt das damit, nachdem zuerst aufmerksam gemacht worden ist: Aber irgend etwas, was nun eine Weltanschauung ist, soll man eigentlich den Menschen nicht sagen; wir brauchen zwar eine solche Weltanschauung — ich möchte bloß wissen, wozu wir sie brauchen, wenn wir sie den Menschen nicht sagen sollen! «Die große Revision der Überzeugungen und Ideale, in denen und für die wir leben, kann sich nicht so vollziehen, daß man in die Menschen unserer Zeit andere, bessere Gedanken hineinredet, als die, die sie haben...»

[ 45 ] Das darf ja nicht sein, daß man bessere Gedanken hineinredet in die Menschen, als sie haben, sondern man muß sie sich selbst überlassen! Besinne dich, mache dir andere Gedanken, wenn du hinter einem Sarge einhergehst, besinne dich! — Ja, dann werden halt die Menschen das weitermachen, was sie bisher gemacht haben: sie werden nicht wissen, auf was sie sich besinnen sollen in den drei Minuten und so weiter.

[ 46 ] «Das bisherige Denken gedachte den Sinn des Lebens aus dem Sinn der Welt zu verstehen. Es kann sein, daß wir uns darein schicken müssen, den Sinn der Welt dahingestellt sein zu lassen und unserm Leben aus dem Willen zum Leben, wie er in uns ist, einen Sinn zu geben...» — es kann sein! — «Mögen auch die Wege, auf denen wir dem Ziele zuzustreben haben, noch im Dunkel liegen: die Richtung, in der wir gehen müssen, ist klar. Miteinander haben wir über den Sinn des Lebens denkend zu werden, miteinander darum zu ringen, zu einer welt- und lebenbejahenden Weltanschauung zu gelangen, in der unser von uns als notwendig und wertvoll erlebter Trieb zu wirken Rechtfertigung, Orientierung, Klärung, Vertiefung, Versittlichung und Stählung findet, und daraufhin fähig wird, definitive und vom Geiste wahrer Humanität eingegebene Kulturideale aufzustellen und zu verwirklichen.» — Es werden halt schöne Hühner sein!

[ 47 ] Niemand wird sagen können, daß ich eine kaustische, gewollt negative Kritik üben will. Denn das erste Beispiel von Professor Rubner habe ich genommen, weil ich eben eine Persönlichkeit wählen wollte, die in bezug auf ihre wissenschaftlichen Leistungen nicht anzuerkennen eine Albernheit wäre. Das zweite Beispiel habe ich so gewählt, daß ich sagen konnte, daß ich denjenigen, der dieses Buch geschrieben hat, als einen der schärfsten Denker, als eine solche Persönlichkeit ansehe, die am meisten Berechtigung hat, in einer solchen Weise zu sprechen. Ich will nicht abfällige Kritik üben, so etwas liegt mir fern. Man muß sich bemühen, auf dasjenige charakterisierend hinzuweisen, was ist. Aber wenn dann Albert Schweitzer sagt: Die Philosophie hätte Wächterin sein sollen, aber gerade sie hat geschlafen —, dann können wir doch nicht anders, als sagen: Er setzt den Schlaf fort.

[ 48 ] Wollen wir warten, wie der zweite Teil wird, aber der erste verspricht für den zweiten Teil, daß er nicht viel anders sein wird. Er setzt den Schlaf fort, träumt nur aus dem Schlaf heraus. Wünsche sind es, Realitäten sind es nicht. Das muß unser Streben sein, über bloße Illusionen, über Phrasen hinaus zu Realitäten zu kommen. Sie sehen, wie ausgepreßt die Worte unserer Sprache sind. So muß man vorgehen, wie wir angefangen haben heute abend, über die Seele zu sprechen, dann bekommt man wieder Inhalt in die Worte. Sonst, ja, wie sagt Schweitzer: Die Philosophie ist an dem Niedergang der Kultur nicht schuld, aber schuld ist sie daran, daß sie das gar nicht gemerkt hat. — Nun, Albert Schweitzer ist natürlich auch nicht daran schuld, daß unsere Worte so ausgepreßt sind, daß keine Begriffe mehr darinnen sind, keine Realitäten mehr darinnen sind. Aber daran ist er schuld, daß er das gar nicht bemerkt. Er bemerkt das gar nicht, daß er herumredet mit völlig ausgepreßten Worten.

[ 49 ] Ich war verpflichtet gegenüber dieser eben erschienenen Kulturtat Albert Schweitzers — ich meine das nicht hämisch, ich meine das ganz im Ernste — in solch schneidender Weise auf den Kulturniedergang aufmerksam zu machen. Ich war verpflichtet, darauf hinzuweisen, wie eigentlich die Ecke beschaffen sein muß, von der man ein wirkliches Urteil über dasjenige gewinnt, was auf der einen Seite nicht ist, auf der andern Seite zu geschehen hat. Nachdem wir diese Episode durchgemacht haben, wollen wir das nächste Mal über konkrete Themata der Anthroposophie weiter reden.