Die menschliche Seele in ihrem Zusammenhang mit göttlich-geistigen Individualitäten
Die Verinnerlichung der Jahresfeste
GA 224
21 Juni 1923, Stuttgart
3. Unser Gedankenleben in Schlafen und Wachen und im nachtodlichen Dasein
[ 1 ] Wenn wir den Menschen so betrachten, wie er im irdischen Dasein steht, dann muß uns ohne Zweifel als das Bedeutendste in seinen Lebensäußerungen erscheinen die Denk- oder Vorstellungsfähigkeit, die Fähigkeit, sich über die Welt, über das eigene Handeln und so weiter Gedanken zu machen. Wir täuschen uns, wenn wir uns über den irdischen Lebensverlauf ein anderes Urteil bilden. Gewiß, manches bringt uns nahe, zu sagen, das Wertvollste könne für den Menschen nicht in den Gedanken liegen. Der Mensch empfindet zum Beispiel gewissermaßen unter der Schwelle der Gedanken seine Gefühls-, seine Gemütsäußerungen, und was der Mensch über seine eigenen Aufgaben, über sein Verhalten zu seinen Mitmenschen, ja auch über die Welt fühlen könne, das sei wertvoller als sein Denken. Und gar erst, wenn wir auf das moralische Dasein schauen und aufmerksam werden auf die Stimme des Gewissens, dann werden wir uns sagen: Diese Stimme des Gewissens spricht aus tiefen Untergründen der Seele heraus, die von dem bloßen Denken nicht erreicht werden. Insbesondere werden wir veranlaßt, eine solche Aussage zu machen, wenn wir darauf hinweisen wollen, daß der Mensch auch durch die höchste Entwickelung seines Gedankenlebens, wie er sie durch Schulung erreichen kann im gewöhnlichen irdischen Leben, nicht in moralischer Beziehung das erreichen kann, was ein lauteres, ja man möchte oftmals sagen, ein in Einfalt wirkendes Gewissen impulsiert. Aber dennoch, wir täuschen uns, wenn wir sagen, daß Gedanken deshalb, weil alle diese Dinge richtig sind — und sie sind richtig —, nicht das Wesentliche des irdischen Menschenlebens seien. Denn gewiß, aus unsäglich tieferen Untergründen heraus als die Gedanken tönt die Stimme des Gewissens, tönen die Gefühle des Mitleids und so weiter. Aber für den Menschen bekommen diese aus den Untergründen seiner Seele heraustönenden und herauslebenden Impulse erst dann das rechte Licht, erst dann dasjenige, was sie eigentlich in das Menschliche heraufhebt, wenn sie von Gedanken durchsetzt werden. Auch die Stimme des Gewissens bekommt ihren Wert dadurch, daß sie aus den Untergründen der Seele heraufwirkt, sich aber dann in der Gedankenwelt auslebt und der Mensch in Gedanken kleiden kann, was ihm die Stimme des Gewissens sagt. Ohne das Gedankenleben zu überschätzen, müssen wir uns, wenn wir uns einem illusionsfreien menschlichen Bewußtsein hingeben wollen, doch sagen, dieses Gedankenleben mache den Menschen erst zum Menschen. Und in einer gewissen Beziehung hat der deutsche Philosoph Hegel schon recht, wenn er sagt: Es ist das Denken, das den Menschen vom Tiere unterscheidet.
[ 2 ] Aber wenn wir nun hinblicken auf den ganzen Umfang derjenigen Gedanken, die uns in unserem ganzen irdischen Leben vom Aufwachen bis zum Einschlafen erfüllen und wir in dieser Betrachtung, in diesem Hinschauen ehrlich sind, dann werden wir uns sagen: Der größte Teil unserer Gedanken in unserem Erdenleben ist in irgendeiner Weise von außen, von den Sinneseindrücken, von den Erlebnissen, die mit den materiellen Vorgängen des Erdendaseins zusammenhängen, abhängig. Und unsere Gedanken verlaufen in innigem Zusammenhang mit dem Erdenleben, so daß wir gerade das Wertvollste im Menschenleben während unseres Daseins zwischen der Geburt und dem Tode mit dem Erdenleben verbinden. Wenn wir aber das vollständige Menschenleben auf Erden anschauen, wie wir es von gewissen Gesichtspunkten gerade in den letzten Vorträgen getan haben, die ich hier halten durfte, dann muß uns auffallen, daß mindestens ein Drittel unseres Erdendaseins gedankenlos verläuft. Wenn wir mit den gewöhnlichen Hilfsmitteln unseres irdischen Bewußtseins zurückblicken auf unser Erdenleben, dann gliedern wir ja eigentlich immer nur die Tageserlebnisse an die Tageserlebnisse, wir lassen die Schlafeserlebnisse, welche im Unbewußten liegenbleiben, selbstverständlich aus. Aber damit lassen wir bei einer gewöhnlichen Rückschau auf unser Erdenleben zum mindesten ein Drittel unseres Erdenlebens aus unserer Betrachtung weg. Das ist selbstverständlich, weil dieses Drittel, das verschlafene Drittel dieses Erdenlebens, im Unbewußten liegenbleibt.
[ 3 ] Aber Sie wissen aus früheren Vorträgen, die ich hier gehalten habe, daß diese Tätigkeit, die wir im unbewußten Schlafen zubringen, nicht ohne Erlebnisse ist. Das Ich und der astralische Mensch machen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ihre Erlebnisse durch, die nur nicht ins Bewußtsein hereinleuchten. Und wenn man näher zusieht, dann findet man, daß jene unbewußten Kräfte, die zwischen dem Einschlafen und Aufwachen wirken, auch im Wachzustande weiterleben. Sie leben auch da, man möchte sagen, ein Schlafleben weiter fort. Sie wirken in unsere gesamte Willenstätigkeit, die wir nicht klarer vor dem gewöhnlichen Bewußtsein haben als die Schlafzustände. Sie wirken in einem großen Teil unseres Gefühlslebens weiter, das eine Art Traumesdasein bildet. Gerade wenn wir auf dasjenige, was aus unserem tiefsten Wesen, aus dem Grundwesen herauskommt, hinschauen, so müssen wir auch während des wachen Tageslebens auf etwas Unbewußtes schauen. Und man kommt dann durch geisteswissenschaftliche Betrachtung darauf, daß dasjenige, was im Menschen das Wirksame ist zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, weiter fortwirkt im Wachen, fortwirkt als Ich und astralischer Mensch, daß diese aber nicht in die Sphäre des gewöhnlichen Bewußtseins eintreten, sondern nur in ihren Wirkungen, in den Willenswirkungen, in den Gemütswirkungen auftreten. Dadurch bekommt dasjenige, was eigentlich im vollen wachen Bewußtsein vorliegt, das Gedankenleben, noch ein besonderes Gesicht. Und gerade dieses besondere Gesicht wird uns begreiflich, wenn wir jenes Dasein ins Auge fassen, welches der Mensch nicht auf der Erde zubringt, welches er zubringt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
[ 4 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann macht er Zustände durch, die ich Ihnen oft beschrieben habe, die auch in unserer Literatur verzeichnet sind, und die Sie ja, von gewissen Seiten her wenigstens, kennen. Wenn man genau und exakt untersucht, an welchen einzelnen Gliedern der menschlichen Wesenheit unser Denken, unser Vorstellen eigentlich haftet, dann kommen wir darauf, daß wir zum irdischen Gedankenbilden den physischen Leib brauchen. Der physische Leib ist wirklich dasjenige, was in Tätigkeit gesetzt werden muß, wenn der Mensch als Erdenmensch Gedanken hat. Ferner muß zu diesem Ziele, zum Gedankenhaben, in Tätigkeit gesetzt werden der ätherische Leib. Das sind aber gerade diejenigen zwei Glieder der Menschennatur, die zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen eben auch bewußtlos, wie man den Eindruck hat, im Bette liegen bleiben. Allein, kommt man zu einer gewissen Entwickelung des Bewußtseins, zu einer gewissen Schulung unserer Seele, die einem dann die Möglichkeit gibt, auch die physischen Dinge vom geistigen Gesichtspunkt aus zu sehen, dann kommt man darauf, daß der Mensch die ganze Zeit über denkt, in der er schläft. Der Mensch denkt während seines Erdenlebens niemals nicht, wenn wir den ganzen Menschen betrachten.
[ 5 ] Wenn wir nämlich des Morgens aufwachend zurückkehren in unseren physischen und Ätherleib, so wird das gewöhnliche Bewußtsein sehr rasch hineingedtängt in diesen physischen und Ätherleib, und es wird dieses gewöhnliche Bewußtsein nur gewahr, daß dann die äußeren Dinge Eindrücke zu machen beginnen, daß wir dann Sinneswahrnehmungen haben, die wir gedanklich verarbeiten, von den äußeren gegenwärtigen Gegenständen Sinneswahrnehmungen haben. Wenn der Mensch aber dazu gelangt, viel bewußter in seinen physischen und Ätherleib unterzutauchen, dann trifft er beim Aufwachen auf das Denken, das fortwährend zwischen dem Einschlafen und Aufwachen stattgefunden hat in ihm. Er war nur nicht dabei mit seinem Ich und astralischen Leib. Er denkt, das heißt, der physische Leib und der Ätherleib sind in einer fortwährenden Gedankentätigkeit zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, nur ist der Mensch mit seinem Ich und astralischen Leib außer dieser Gedankentätigkeit, er macht sie nicht mit und glaubt, sie sei nicht vorhanden. Er befindet sich da in einer großen Selbsttäuschung über sich. Und da man dasjenige, was im normalen Leben schön harmonisch eingegliedert ist in die gesamte Natur des Menschen, überhaupt in die gesamte Natur der Wesen, besonders gut dann erkennen kann, wenn es herausgerissen aus der Harmonie, abnorm auftritt, so kann der Mensch auch schon aus äußeren Erfahrungen, wenn sich diese im Zusammenhang der Welt ergeben, darauf kommen, daß er nicht nur zwischen dem Einschlafen und Aufwachen denkt, sondern daß er sogar gescheiter denkt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, wenn er nicht dabei ist, als wenn er dabei ist. Wir kommen nämlich zu dem, ich möchte sagen, deprimierenden Selbstgeständnis, wenn wir die ganze Sachlage überschauen, daß unser Ätherleib schlechter denkt, wenn wir, dem Ich und dem astralischen Leib nach, mit dem normalen Bewußtsein darinnenstecken, als wenn wir nicht darinnenstecken. Wir verderben die in unserem Ätherleibe ablaufenden Gedanken dadurch, daß wir mit unserem gewöhnlichen Bewußtsein darinnenstecken.
[ 6 ] Daher sind durchaus von dem, der in diese Dinge Einsicht hat, Erzählungen zu bestätigen, wie etwa die folgende: Da waren einmal zwei Universitätsstudenten. Der eine war Philologe und verstand nichts vom Rechnen — ich muß das hinzusetzen —, verstand gar nichts vom Rechnen. Der andere war Mathematikstudent. Nun, man hat ja so die Erfahrung, daß, wenn es zu gewissen Partien des Mathematikstudiums kommt, man schon ein wenig über den Problemen schwitzen muß. Bei der Philologie geht es meistens leichter. Und so war es denn bei diesen zwei Studenten, die, wie das bei Studenten schon vorkommt, das Zimmer teilten, auch zusammen schliefen, so, daß, als sie eines Abends mit ihren Vorbereitungen zum Examen zu Ende waren, der Philologiestudent sehr selbstzufrieden war, der Mathematikstudent hingegen gar nicht, weil er ein Problem, das er für eine schriftliche Aufgabe hätte lösen sollen, nicht lösen konnte. Er legte sich höchst unbefriedigt zu Bett, und es stellte sich die merkwürdige Tatsache heraus: Zu einer bestimmten Stunde wird der Philologiestudent aufgeweckt, er sieht, wie der Mathematikstudent aufsteht, zum Schreibtisch hingeht und weiterbrütet, auch schreibt, längere Zeit schreibt, und dann sich wieder ins Bett legt und schläft. Am nächsten Tage, als beide aufstanden, sagte der Mathematikstudent: Wir haben doch gestern gar nicht gekneipt, ich habe heute einen furchtbaren Kater. — Da sagte der andere: Das ist auch gar nicht zu verwundern, wenn du um drei Uhr nachts aufstehst und stundenlang rechnest, daß du dann einen wirren Kopf hast am nächsten Morgen. — Da sagte der erste: Ich bin nicht aufgestanden! — Er wußte absolut nichts davon, daß er aufgestanden wäre. Nun schauten sie nach, und siehe da, er hatte seine Aufgabe gelöst, er wußte aber gar nichts davon. Solche Dinge sind durchaus nicht bloße Märchen. Ich wähle ein Beispiel, das der Literatur angehört, aus dem Grunde, damit es nachkontrolliert werden kann. Ich könnte Ihnen viele ähnliche Dinge ja erzählen. Es kommt mir gar nicht auf diesen einzelnen Fall an, es kommt mir vielmehr darauf an, daß dies tatsächlich eine Realität ist: wenn das Bewußtsein nicht vorhanden ist — ich sage ausdrücklich, der Betreffende wußte nichts davon —, werden der physische Leib und Ätherleib gewissermaßen durch Püffe von außen bearbeitet, und der Ätherleib arbeitet im physischen Leib allein an der Fortsetzung der Aufgabe.
[ 7 ] Ja, ich weiß schon, was in den Herzen von manchen figuriert, ich weiß, daß mancher ganz gern hätte, wenn es recht oft vorkommen würde. Aber so leicht hat es die jüngere Menschheit nicht. Also in diesem Fall arbeiteten Ich und astralischer Leib nur durch Püffe von außen, und da erweist sich der Ätherleib, wenn er allein im physischen Leibe arbeiten kann, oftmals sogar als genial gegenüber dem, was man oftmals gar nicht genial macht, wenn man mit seinem Ich und astralischen Leib dabei ist. Wie gesagt, nur zur Illustrierung der Tatsache, daß der Mensch die ganze Nacht hindurch Gedanken hat, das heißt der physische Leib und der Ätherleib des Menschen, und nur nicht dabei ist mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe. Denn die Gedanken werden unmittelbar von der Außenwelt durch die Vermittlung des Ätherleibes gebildet, und dann wird der physische Leib zu Hilfe genommen, um die Gedanken als physischer Erdenmensch zu hegen.
[ 8 ] So müssen wir denn das Gedankenleben durchaus gebunden finden an den physischen Leib und den Ätherleib. Das ist beim Gefühlsleben und beim Willensleben nicht der Fall. Es ist nur ein Aberglaube der heutigen offiziellen Wissenschaft, daß das Gefühlsleben und das Willensleben in derselben Weise vom physischen und Ätherleibe abhängig wären wie das Gedankenleben. Darüber habe ich öfter gesprochen, ich will mich heute nicht darüber auslassen, sondern nur hinweisen auf die mannigfaltigen Betrachtungen, die ich vor einem großen Teil von Ihnen veranstaltet habe.
[ 9 ] Nun ist der Mensch im gegenwärtigen Erdenleben nicht so, daß er verfolgen kann, was sein Ich und sein astralischer Leib da erleben, wenn sie vom Äther- und physischen Leib getrennt sind und sich vom gewöhnlichen Leben nur den Willen und einen Teil des Gefühls mitnehmen. Denn dieses Erleben zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen geschieht in der Tat in einer ganz andern Welt, geschieht in einer geistigen Welt, geschieht in einer Welt, in der nicht die Umgebung in den Naturreichen, in dem Mineralreich, Pflanzenreich ist, sondern in der die Umgebung die höheren Hierarchien sind, in der die Umgebung eine Welt von geistigen Wesenheiten, von geistigen Geschehnissen ist. Aber insofern der Mensch im Erdenleben verweilt, ist es durchaus so, daß er noch nicht genügend entwickelt ist, um alles dasjenige, was er da erlebt mit seinem Ich und astralischen Leib vom Einschlafen bis zum Aufwachen, in das Bewußte und Selbstbewußte zu verfolgen. Es bleibt unbewußt, aber ist deshalb nicht weniger lebendig als das Bewußte. Es wird durchgemacht, es ist etwas, was dann, nachdem es durchgemacht ist, zum inneren Gehalt des Menschen gehört. Wir wachen auch an jedem Morgen so verändert auf, wie wir verändert worden sind durch die Nacht. Wir wachen nicht etwa bloß in demjenigen Zustande auf, bis zu dem wir gekommen sind bis zum Abend vor dem Einschlafen, sondern wir wachen in dem Zustande auf, zu dem uns das Schlafesleben gemacht hat.
[ 10 ] Wenn wir nun durch die Pforte des Todes gehen, so legen wir den physischen und Ätherleib ab. Und demgemäß stellt sich auch das Erlebnis so ein, daß der Mensch unmittelbar in den ersten Tagen, nachdem er durch die Pforte des Todes gegangen ist — das Ablegen des Ätherleibes dauert nur wenige Tage —, sein Gedankenleben wie von der Welt aufgesogen empfindet. Er hat erst einen flüchtigen Rückblick auf das Erdenleben. Es ist so, wie wenn er sein Erdenleben als seine Welt erblickte, in lebendigen Bildern sieht. Wie mit einem Schlage steht das verflossene Erdenleben vor der Seele, wenn die Seele sich ganz befreit von dem physischen Leibe und dem Ätherleibe, wenn also der Durchgang durch die Pforte des Todes erfolgt ist. Aber durch Tage noch findet dieser Prozeß, dieser Vorgang statt, daß, nachdem der physische Leib abgelegt ist, der Ätherleib sich langsam in dem allgemeinen Weltenäther auflöst. Während der Zeit ist der Eindruck da, daß zuerst ein lebendiger, scharf konturierter Überblick über das Erdenleben da ist. Dann wird er immer schwächer und schwächer, aber zu gleicher Zeit gewissermaßen kosmischer, bis er endlich nach einigen Tagen wie vom Menschen abschmilzt.
[ 11 ] Damit aber geht in diesen wenigen Tagen alles dasjenige vom Menschen fort, was gerade das Wertvollste am Erdenleben ist. All das, was wir über die Dinge der Welt, was wir über unsere ganze irdische Umgebung denken, was unser gewöhnliches Bewußtsein erfüllt, das schmilzt von uns weg, schmilzt innerhalb weniger Tage weg. Und in demselben Maße, in dem dieser Inhalt des Erdenlebens wegschmilzt, in demselben Maße taucht dasjenige auf, was der Mensch immer im schlafenden Zustande unbewußt durchlebt hat. Darüber breitet sich jetzt das Bewußtsein aus. Das beginnt bewußt zu werden. Hätten wir keine Erlebnisse während des Schlafes, so wäre überhaupt unser Leben drei oder vier Tage nach dem Tode zu Ende als bewußtes Leben. Denn dasjenige, was wir gerade für unser Wertvollstes während des Erdenlebens halten, das schmilzt ab, und aus diesem sich verdunkelnden, abdämmernden Bewußtsein taucht dasjenige auf, was wir immer durchlebt haben im schlafenden Zustande, was da unbewußt geblieben ist.
[ 12 ] Nun ist die Eigentümlichkeit desjenigen, was wir im schlafenden Zustande durchleben, dies, daß für das Schlafen die Welt umgekehrt verläuft. Ob das Schlafen nun lange oder kurz ist, wenn wir einschlafen, das macht es nicht aus, weil die Zeitverhältnisse für den andern Bewußtseinszustand auch ganz andere sind. Ob Sie also eine lange Nacht schlafen oder ein paar Minuten, die Charakteristik, die ich gebe, ist für beide Schlafverläufe gleich. Wenn der Mensch die Zeit durchmißt zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen, dann durchlebt er zurück dasjenige, was er in der physischen Welt durchgemacht hat zwischen dem letzten Aufwachen bis zum Einschlafen. Das durchlebt er in anderer Gestalt durchlaufend noch einmal, und er durchlebt es so: Während wir bei unserem Tagesbewußtsein das Durchleben mehr mit der physischen Nuancierung und mit Gefühlen über die physische Nuancierung haben, den Ablauf der Ereignisse vom Anfang bis zum Ende, jedes einzelne Ereignis oder den Umstand, wie sie aufeinanderfolgen, in der physischen intellektuellen Nuancierung durchleben: im Schlafen erleben wir das alles zurück, aber mit moralischer Nuancierung. Da leben die moralisch-religiösen Impulse darin, da durchleben wir die Sache so, daß wir ein jedes Ereignis werten danach, wie wertvoll oder unwertvoll es uns als Mensch macht. Da könnten wir uns keinen Illusionen darüber hingeben, wenn wir es bewußt durchmachen würden, was es für eine Bedeutung hat, ob wir dieses oder jenes vollbracht haben, denn da werten wir die Ereignisse des Tages in bezug auf unser Menschtum.
[ 13 ] Was für die menschliche Ordnung auf Erden gilt, ist schon einmal so, daß die Naturforschung gut reden hat, in der Welt finde sich nur Kausalität, nur Ursächlichkeit, nur die Begründung des Nachfolgenden aus dem Vorhergehenden, weil der Mensch in seinem wachen Leben nur diese Strömung sieht, nur diese Strömung wahrnimmt. Aber eine andere Strömung ist auch in der Wirklichkeit darinnen, nur bleibt sie dem Menschen für das Erdenbewußtsein unbewußt. Der Mensch durchlebt aber diese moralische Weltenordnung jede Nacht zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen. Da werten wir die Dinge moralisch, namentlich im Zusammenhang mit unserem eigenen Menschenwert. Und das machen wir jede Nacht beziehungsweise jedesmal zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen für die vorangegangene Wachensperiode durch. Und wenn wir durch die Pforte des Todes gegangen sind, dann machen wir rückwärtsverlaufend durch die letzte Nacht, vorletzte Nacht, drittletzte Nacht, bis zur ersten Nacht, in der wir uns nach der Geburt zum erstenmal bewußt geworden sind, etwa ein Drittel des Erdenlebens, weil wir ein Drittel des Erdenlebens verschlafen haben. Vor uns ist versunken der physisch-ursächliche Weltenverlauf, vor uns ist aufgestiegen dasjenige, was Götter und Geister über diesen Weltenverlauf denken, fühlen, wollen. Aber wir hängen zunächst noch zusammen mit dem Kolorit, mit der Färbung, welche das Erdenleben alldem gegeben hat, weil wir es durchmachen müssen in der Form, wie wir es durchlebt haben während des Erdenlebens. Ungefähr ein Drittel, weil wir ein Drittel verschlafen, brauchen wir zu diesem Rück wärtsdurchleben, das dann eben so verläuft, wie ich es zum Beispiel in meiner «’Theosophie» beschrieben habe, wo ich das Seelenland, die Seelenwelt beschrieben habe.
[ 14 ] Wir müssen, ehe wir in eine Welt eintreten, die rein geistig ist, erst alles dasjenige durchleben, was wir auf der Erde unbewußt in den Schlafzuständen durchlebt haben. Damit schulen wir unser Bewußtsein heran für das eigentliche geistige Erleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und es ist zu gleicher Zeit ein Freiwerden vom irdischen Leben, dieses Rückwärtsdurchleben des Erdenlebens. Wir werden nicht früher in unserem Bewußtsein so frei, daß dieses Bewußtsein sich zwischen den Geistern der höheren Welten bewegen kann in vollständig ihm angemessener Weise, bis wir uns durch dieses Rückwärtserleben eben freigemacht haben. Dann sind wir ungefähr wieder am Ausgangspunkt unseres Lebens für die höhere Welt angelangt. Und dann verläuft das weitere Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt so, daß es ein rein geistiges Erleben ist. Ebenso wie wir hier zwischen physischen Wesen und physischen Geschehnissen leben, leben wir dann in der geistigen Welt zwischen geistigen Wesen und geistigen Geschehnissen, zwischen denjenigen geistigen Wesenheiten und ihren Taten, die niemals auf die Erde heruntersteigen, zwischen denjenigen Wesenheiten, die als Menschen auf die Erde heruntersteigen, die früher durch die Pforte des Todes gegangen sind als wir, oder die uns nachfolgen. Wir treffen eben mit allen den Menschen wiederum zusammen, mit denen wir Gemeinschaft gehabt haben während des Erdenlebens. Und diese Gemeinschaft ist ja eine sehr ausgedehnte. Denn dadurch, daß wir das Schlafesleben durchleben, wird eingeschlossen in diese Gemeinschaft auch alles das, was wir nur in Andeutungen mit den Menschen während des Erdenlebens durchmessen haben. Daß wir in jedem Schlafzustande schon darinnenstehen in der geistigen Welt, aber noch als Erdenmensch die Erdenereignisse rückwärts erleben, gerade diese Tatsache unterscheidet wiederum dieses allnächtliche irdische Erleben des Menschen von demjenigen, das er dann durchmacht, wenn er durch die Pforte des Todes durchgegangen ist.
[ 15 ] Zunächst müssen wir uns ja gestehen: Was wir als den Inhalt unseres Bewußtseins im Erdenleben anerkennen, das schmilzt von uns hinweg im Laufe von wenigen Tagen. Dasjenige, was wir gar nicht achten im Laufe des Erdenlebens, weil es in das Unbewußte des Schlafes getaucht ist, das taucht nachher auf, indem wir es wirklich durchleben ja, wirklich durchleben. Nämlich in jenen irdischen Schlafzuständen durchleben wir mit unserem Ich und astralischen Leib rückwärtslebend bildhaft nur die wachen Ereignisse. Indem wir durch die Pforte des Todes schreiten, tauchen wir in die geistige Substanz ebenso unter, wie wir hier in materielle Substanz untertauchen, wenn wir Erdenmenschen werden. Man könnte schon sagen: Wie wir, indem wir Erdenmenschen werden, einen physischen und einen ätherischen Leib erhalten, so erhalten wir eine höhere Wesenhaftigkeit als äußere Umhüllung, eine geistige Umhüllung, wenn wir durch die Pforte des Todes geschritten sind. Dadurch aber machen wir dasjenige, was wir hier nur bildhaft durchleben in Schlafzuständen, dann real durch. Das ist wirkliches, reales Erleben, ebenso wirkliches Erleben, wie das im physischen Leibe verbrachte Erdenleben wirkliches Erdenleben enthält. Und erst an dieses wirkliche Erleben, das eine in der Wirklichkeit erfolgte Wiederholung des Bild-Erlebens jedes Schlafzustandes ist, erst an dieses schließen sich dann jene Erlebnisse an, die wir im weiteren Verlaufe unseres Lebens zwischen dem Tode und einer neuen Geburt durchmachen.
[ 16 ] Dann folgt die Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, in der wir unser ganzes irdisches Dasein sozusagen abgelegt haben und, wie ich Ihnen schon dargestellt habe, das nächste Erdenleben vorbereiten, indem wir im Verein mit den Wesenheiten der geistigen Welt den Geistkeim unseres folgenden Erdenlebens, vor allen Dingen des nächsten physischen Leibes, formen. Dann wiederum kommt eine Zeit, wo der Mensch wieder mehr dem Erdenleben zuneigt. Nachdem der Mensch eine lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt unter geistigen Wesenheiten und geistigen Tatsachen gelebt hat, ist es so — natürlich auf einer ganz andern Stufe, aber durch einen Vergleich möchte ich es klarmachen —, wie es ungefähr bei einem Menschen ist, der sich müde fühlt und einschlafen will. So fühlt der Mensch, wie ihm das im Geiste vorhandene Bewußtsein schwächer wird, wie er nicht mehr so mit den Wesenheiten der höheren Welt arbeiten kann, und sein Bewußtsein geht wiederum über zu einem Interesse an einem neuen Erdenleben. So wie wir alltäglich in den Schlaf versinken, wo unser Bewußtsein ganz unbewußt wird, so sinken wir gewissermaßen im rein geistigen Bewußtsein, das den größten Teil der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt erfüllt, herunter, aber jetzt nicht zur Bewußtlosigkeit, sondern in ein Erfülltsein von Interesse für das Erdenleben, nun aber von der andern Seite her gesehen, von der Seite der geistigen Welt her, in ein Interesse für das Erdenleben. Dieses Interesse für das Erdenleben taucht viele Jahre, viele Jahrhunderte früher auf, bevor wir zum Erdenleben heruntersteigen. Wir gewinnen schon ein Interesse für unser kommendes Erdenleben, wenn auf der Erde selbst nicht nur unser Großvater lebt, sondern ein weit zurückliegender Urahne, der viele Generationen vor uns lebte, von dem wir dann abstammen. Es verwandelt sich das Interesse, das wir so lange Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt für die rein geistige Welt gehabt haben, zum Interesse an einer Generationenfolge. Am Ende dieser Generationenfolge werden wir dann selbst geboren. Wir verfolgen in der Tat von der geistigen Welt aus lange Zeiten hindurch die Ahnen, an deren Ende unsere eigenen Eltern stehen. So daß wir von der geistigen Welt aus in unsere Abstammung hineinwachsen.
[ 17 ] Diese Dinge werden einmal in das allgemeine Menschenbewußtsein übergehen, und man wird dann erst sehen, in welch eingeschränktem Maße das gilt, wovon heute eine zwar richtige, aber außerordentlich beschränkte Wissenschaft immer wieder redet: die Vererbung. Die physische Vererbung kann erst dann dem Menschen klarwerden, wenn er weiß, welchen Anteil an den physischen Vererbungsgestaltungen diejenigen Kräfte selbst haben, mit denen er schon aus der geistigen Welt an seiner ganzen Ahnenfolge beteiligt ist. Wenn wir hier mit unserer physischen eingeschränkten Wissenschaft darauf hinweisen, wie wir diese oder jene Eigenschaft unseres Ururgroßvaters haben, so müssen wir nicht vergessen, wie wir, schon als dieser Ururgroßvater lebte, von der geistigen Welt unser Interesse hatten an dem, wie unser Ururgroßvater war, wie wir hineinwachsen in dasjenige, was sich dann äußerlich in den Eigenschaften von Generation zu Generation ausbildet. Wir wachsen ja hinein von der geistigen Welt aus.
[ 18 ] Diese Dinge werden auch später einmal, wenn Anthroposophie mehr in die Zivilisation der allgemeinen Menschheit hineinkommt, _ ihre praktische Bedeutung gewinnen. Man ermißt gar nicht, wieviel Mutlosigkeit, Energielosigkeit der Seelen heute auf eine halbbewußte, unbewußte Art aus den Gedanken der Vererbung herkommt, weil namentlich die Wissenschaft von diesen Vererbungsverhältnissen in einer ganz unzulänglichen Weise nur sprechen kann. Aber diese Dinge sind schon selbst in die Kunst übergegangen, sind in das allgemeine Menschendenken übergegangen.
[ 19 ] Wenn der Mensch sich einmal mit dem Bewußtsein durchdringen wird, wie er nicht nur an die physische Gestaltung seiner Ahnen angeschlossen ist, sondern an die Entwickelung seiner eigenen Seele, die von der geistigen Welt aus verfolgt die ganze Ahnenentwickelung und mitbaut an der Ahnenentwickelung, dann wird eben dieses Bewußtsein innerlich real werden. Dann wird wiederum vom Geiste aus Energie und Mut in die Seelen kommen bei manchen Menschen, bei denen aus den heutigen Denkweisen heraus Mutlosigkeit und Energielosigkeit kommt. Denn das ist von dem allergeringsten Wert, daß wir theoretisch dieses oder jenes über die geistige Welt wissen. Meistens kleiden wir es uns sogar in physische Gedankenformen, was wir über die geistige Welt denken. Nicht darauf kommt es an, daß wir uns theoretische Gedanken über die geistige Welt machen. Gewiß, wir müssen sie uns zuerst machen, diese Gedanken, damit sie in unser Gemüt, in unseren Willen hineingehen, aber das Wesentliche ist dann, daß sie in unserem Gemüte, in unserem Gefühl leben können..
[ 20 ] Ich möchte, um dieses zu veranschaulichen, folgendes sagen. Die anthroposophische Bewegung ist durch die Zeitverhältnisse, die ich in Dornach jetzt vor kurzem charakterisiert habe, eine Zeitlang Hand in Hand gegangen mit der sogenannten theosophischen Bewegung. Sie hat niemals Lehren der theosophischen Bewegung aufgenommen, sondern nur ihre Zuhörer innerhalb der Theosophischen Gesellschaft gefunden. Aber es gibt ja auch Lehren, die als solche der theosophischen Bewegung bekannt sind. Oberflächlinge verwechseln die Theosophie mit der Anthroposophie. Aber trotzdem die Zahl dieser Oberflächlinge eine sehr große ist, muß Ihnen doch klar sein der große, tiefgehende Unterschied. Diesen tiefgehenden Unterschied möchte ich noch durch einige Bemerkungen charakterisieren. Versuchen Sie einmal, so recht zu verfolgen, wie eigentlich gerade theosophische Lehren arbeiten. Sie reden ja auch von den Gliedern der menschlichen Natur, Gliedern der menschlichen Wesenheit, sogar, was die unteren Glieder betrifft, mit denselben Namen: physischer Leib, Ätherleib, astralischer Leib. Aber gehen Sie dann auf Beschreibungen ein, so werden Sie finden: Der physische Leib, das ist der dichte Leib, dann kommt der Ätherleib, etwas dünner, aber doch so eine Art Nebel, dann kommt der astralische Leib, wieder dünner, ein dünnerer Nebel, und dann muß man furchtbar klettern, es wird aber immer nur ein dünnerer und dünnerer Nebel. Sehen Sie sich an, wie wenig sich diese Literatur einläßt auf das, was in der anthroposophischen Literatur, ich möchte sagen, schon den Abc-Schützen zugemutet wird, sich den Ätherleib nicht als etwas Dünneres vorzustellen, sondern als etwas Entgegengesetztes vom physischen Leib. So wie der physische Leib den Raum ausfüllt, nimmt der Ätherleib etwas weg. Physische Materie erfüllt den Raum, Äthersubstanz saugt den Raum aus. Da gibt es nichts von der Art, daß man immer in dünnere Nebel kommt, sondern da wird wirklich der Weg zur geistigen Betrachtung angetreten. Das stört viele sogar, denn sie haben hübsche Möglichkeiten, an die physische Welt anzuknüpfen in diesen immer dünner werdenden Nebeln, man kann sich das Ganze durch physische Bilder vorstellen, so daß man ganze Systeme, ganze Weltanschauungen auf diese theosophische Art bilden kann.
[ 21 ] Wenn der Mensch durch die Pforte des Todes geht, dann, sagte ich Ihnen, schmelzen seine Gedanken ab innerhalb weniger Tage. Aber diese Theosophie schmilzt innerhalb weniger Stunden ab, sie gehört zum ersten, was vergessen wird. Das Eigentümliche ist, daß jene Gedanken, die aus dem Spiritismus stammen, überhaupt nicht einmal in den allerersten Augenblicken nach dem Tode noch wirksam sind, die kann der Mensch nicht einmal durch die Pforte des Todes tragen. Die Gedanken, die sich der Mensch aus spiritistischen Experimenten macht, das sind die allermaterialistischsten Gedanken. Als das erweisen sie sich dadurch, daß sie gar nicht über den Tod hinausgetragen werden. Während nämlich die Spiritisten glauben, daß ihnen Gedanken von einer geistigen Welt durch die Medien hereingetragen werden, ist die Wahrheit diese, daß alle Gedanken, die über den Spiritismus gemacht werden, gar nicht einmal über den Tod hinausgehen. So stark sind die Illusionen, denen sich die Menschen dann hingeben, wenn sie irgendwie sich Anschauungen über die geistige Welt bilden wollen.
[ 22 ] Worum es sich handelt, ist nicht, daß wir uns bloß Gedanken machen über die geistige Welt — wir müssen sie uns zunächst machen, damit überhaupt der Inhalt der geistigen Welt in die Seele hereinkommt —, aber das, worum es sich handelt, ist, daß diese Gedanken sich als lebendig schaffend erweisen. Die gewöhnlichen physischen Erdengedanken sind abstrakte Gedanken. Die meisten wissenschaftlichen Gedanken sind ganz abstrakte Gedanken, die tun eigentlich nichts in der menschlichen Wesenheit, so wenig als die Spiegelbilder etwas tun können. Sie sind nur Bilder, diese Gedanken. Wenn Sie mit einem Menschen zu gleicher Zeit in den Spiegel schauen und eine Ohrfeige bekommen, so werden Sie nicht irgendeinem der Spiegelbilder das zuschreiben, daß Sie die Ohrfeige bekommen haben, sondern einem wirklichen Menschen, der neben Ihnen steht. Gedanken sind ebenso wie die Spiegelbilder: sie tun nichts, sie impulsieren nicht in Wirklichkeit. Erst die moralischen Intuitionen in den Gedanken sind das Impulsierende. Und so ist es, daß wir zwar ausgehen müssen von Gedanken, daß aber die Gedanken über die geistige Welt so wirken müssen, wie Realitäten wirken, nicht wie Gedanken.
[ 23 ] Dann erst treten wir ein in die wirkliche anthroposophische Anschauung, wenn wir die Gedanken als Realitäten empfinden, sie auch als Realitäten erleben. Hier liegt auch dasjenige, dem oftmals mit einem Einwande begegnet wird. Oberflächlinge sagen auch: Diese ganze anthroposophische Weltänschauung kann auch auf Einbildung beruhen, der Mensch unterliegt Selbstsuggestionen. Man sagt als Beispiel, daß der Mensch manchmal so sensitiv ist, daß er beim bloßen Gedanken des Limonadetrinkens schon von der Empfindung, die man eben beim wirklichen Limonadetrinken auch haben kann, ausgefüllt wird. Es ist richtig, es gibt so sensitive Menschen, die nur an eine Limonade zu denken brauchen und sie haben den Limonadengeschmack im Munde. Wenn das als Einwand entgegengebracht wird, so ist das richtig, aber es soll jemand sagen, ob er sich durch den bloßen Gedanken an die Limonade den Durst gelöscht hat! Das hat er eben nicht getan. In die Realität treten die bloßen Gedanken nicht über. Solange allerdings Anthroposophie bloß Gedanke bleibt, gleicht sie dem, was man an einer vorgestellten Limonade hat. Aber das braucht sie nicht zu bleiben, denn sie ist aus der geistigen Realität heraus geschöpft. Sie wirkt nicht bloß wie ein Gedanke, sondern sie wirkt, wie auf den physischen Leib die äußere Realität der Stoffe wirkt. Sie durchdringt, sie durchpulst das Willens- und das Gefühlsleben des Menschen. Sie wird Realität im Menschen. Das ist es, worauf es ankommt.
[ 24 ] Damit ist schließlich nichts Besonderes getan, wenn wir die Anthroposophie als Theorie haben. Sie muß Leben werden. Sie kann aber insbesondere in diesem Punkte Leben werden, daß sie unsere Seelen energievoll, tragkräftig, mutvoll macht; daß in dem Momente, wenn wir in Sorge für das physische Erdenleben, in tiefster Trauer und tiefstem Elend stehen, wir im Aufblick zu einer geistigen Welt von innerer Freudigkeit, von innerem Trost, von innerer Energie erfüllt werden können. Dann wird Anthroposophie wie ein lebendiges Wesen, dann wird sie etwas, was wie unter uns wandelt als ein lebendiges Wesen. Dann aber ist sie eigentlich erst dasjenige unter uns geworden, was sie werden sollte, dann durchdringt sie erst alle unsere Tätigkeit. Und dann bringt sie uns dazu, diese Welt, in die wir ja auch um des Geistes, nicht um der physischen Materie willen auf Erden hineingestellt werden, wirklich zu durchdringen. Vor allen Dingen kommt dann Anthroposophie zur wirklichen Menschenkenntnis. Denn wenn man den Menschen einfach so betrachtet, daß man, nachdem er gestorben ist, absieht von dem, was nun durch die Pforte des Todes gegangen ist und bloß dasjenige ins Auge faßt, was als physischer Leib übriggeblieben ist, auf anatomischem Wege, indem man den Leichnam seziert, physiologisch den Menschen betrachtet: dadurch erfährt man ja das allerwenigste über den Menschen. Denn dann wird eigentlich alles so mehr oder weniger gleichgültig am Menschen, gleichgeltend besser gesagt: die Blutzelle wird mit der Nervenzelle stark gleichgeltend. Gewiß, man unterscheidet sie — ich will Ihnen nicht irgendeinen Unsinn vortragen —, aber man unterscheidet sie nicht in bezug auf das Wesen. In bezug auf das Wesen kann man sie nur unterscheiden, wenn man die Beziehung dieser Elementarwesenheit Zelle zum Geistigen kennt. Nun ist es bei der Nervenzelle so, überhaupt bei jedem Nervenpartikelchen, daß in dem Nervenwesen dasjenige, was aus dem Geiste kommt, ich möchte sagen, sein irdisches Heim findet. Wir kommen, wenn wir aus der geistigen Welt heraustreten und wieder Erdenbürger werden, durch die Ihnen bekannten Vorgänge in unseren physischen Leib herein. Was uns da dient, indem wir heruntersteigen in die physische Welt, das ist alles das, was mit unserem Nervenmenschen zusammenhängt. Wir setzen uns gewissermaßen in unser Nervensystem hinein, indem wir aus der geistigen Welt heruntersteigen. Und das Eigentümliche dieses Nervenmenschen, jeder einzelnen Nervenzelle, jedes Nervenpartikelchens, besteht darin, daß das Geistige diese Nervensubstanz so ausfüllt, daß innerhalb des Nervenmenschen in der Wesenheit das da ist, was man nennen könnte: zur Materie verdichteter Geist. Es ist ja nicht ganz so, sondern so, daß beim irdischen Menschen fortwährend ein Austausch stattfindet zwischen Nervenmaterie und Blutmaterie. Aber es ist der Austausch so, daß innerhalb der Nervenmaterie die eigentliche Blutmaterie nicht geduldet, immer herausgeworfen wird, so daß wir in der Nervenmaterie etwas haben, was während unseres ganzen Erdenlebens für die irdische Geistigkeit wie ein Undurchlässiges ist.
[ 25 ] Wir kommen auf die Erde, machen uns zum Nervenmenschen und sagen damit: Wir sind Himmelssprossen. Insoferne wir Nervenmenschen sind, sind wir Himmelssprossen, und wir setzen geistig uns da fest, bleiben Himmelssprossen, insofern wir Nervenmenschen sind. Da ist gewissermaßen die Geistigkeit, die wir vorher waren, starr geworden. Und sie gliedert sich das übrige an, was nicht Nervenmensch ist, was also im Extrem der Blutmensch ist. Das wird angegliedert, das ist andere Materie. Das ist Materie, die fortwährend mit dem Geiste in inniger Wechselwirkung steht, die fortwährend von dem. Geiste durchsprudelt wird. Während im Nervenleibe der Geist erstarrt ist, wird er im Blutleibe immer neu geschaffen, da lebt die eigentliche irdische Metamorphose. Diese zwei Menschenwesenheiten sind zusammengegliedert, sind ganz voneinander verschieden, wie positive und negative Elektrizität voneinander verschieden ist. Wir tragen eine solche Polarität in uns in bezug auf die Beschaffenheit unseres Nervenleibes und Blutleibes. Die andern Organe sind metamorphosierte Organe aus Blut und Nerven.
[ 26 ] Es ist etwas ganz anderes, ob irgend etwas in unserem Blutprozeß vor sich geht — das ist dann irdisch —, oder ob etwas in unserem Nervenprozeß vor sich geht. Das kommt uns zwar nicht zum Bewußtsein, weil die Substanz des Geistes so erstarrt ist, daß alles zurückreflektiert wird. Das sind dann unsere Gedanken, die zurückreflektiert werden. Aber diese Zweiheit, diesen Dualismus tragen wir in uns, daß wir fortwährend himmlischer Abkömmling und irdischer Keim sind. Himmlischer Abkömmling, irdischer Keim — beide sind polarisch einander entgegengesetzt —, die wirken zusammen.
[ 27 ] Nun, gestatten Sie mir, daß ich einen Vergleich gebrauche. Sie haben zwei entgegengesetzte Zustände. Wenn Sie sich die Waage vorstellen und im Hypomochlion festgehalten rechter und linker Waagebalken: Sie haben Gleichgewicht, wenn das Gewicht auf der einen Seite so groß ist wie das auf der andern Seite. Immer, wenn Sie das Gewicht auf der einen Waageschale vergrößern, müssen Sie es auf der andern Seite auch vergrößern, damit der Waagebalken horizontal bleibt. Aber ein Punkt ist da, den das gar nicht interessiert: das ist der Punkt, wo der Waagebalken aufgehängt ist. Sie können die Waage überall herumschaffen, wenn Sie sie an dem einen Punkt halten, wo der Waagebalken unterstützt ist. Sie können überall sehen, wie links von rechts abhängig ist und umgekehrt, aber gar nicht kümmert sich darum dieser Aufhängepunkt. Da ist alles im Gleichgewicht, und was da auch auf den zwei Waagschalen vorgeht, es ist ganz unabhängig von dem, was gerade just in diesem einen Punkte bei der Waage vorgeht. Sie können einmal eine Bewegung so machen, wenn Sie die genügende Geschicklichkeit anwenden, Sie können auch eine solche Bewegung oder eine solche machen mit dem Aufhängepunkte: das hängt gar nicht zusammen mit dem, was auf der Waage, auf der rechten und linken Seite des Waagebalkens vor sich geht. So ist es beim Menschen auch, nur ist da kein Aufhängepunkt, aber eine Gleichgewichtslage zwischen dem, was er als Nervenmensch ist und dem, was er auf der Erde wird. Diese zwei Dinge stehen miteinander in einem Zusammenhang, den man untersuchen kann. Bei einem Menschen, der auf der einen Seite starke Gedanken hat, kommen diese in einem starken Willensentschluß zum Ausdruck. Wenn ein Mensch starke Muskeln hat, hat er auch andere Gedanken über sein Wollen. Aber dazwischen ist eine Gleichgewichtslage. Die Gleichgewichtslage liegt nicht im Kopf als Repräsentanten des Nervenmenschen — nicht in den Gliedmaßen als Repräsentanten des Blutmenschen. Sie liegt dazwischen, sie ist etwas wie ein Hypomochlion, was die Gleichgewichtslage von beiden ist.
[ 28 ] Und was ist der Mensch dadurch, daß er diese Gleichgewichtslage hat? Sehen Sie, wenn die Waage sich selbständig bewegen würde, so würde sie sich in ihrem Gleichgewichtspunkt ganz unbekümmert darum bewegen können, wie ihr Waagebalken belastet oder nicht belastet wird. Da der Mensch eine solche Gleichgewichtslage hat, bewegt er sich auch als Erdenmensch ganz unabhängig von dem, was die Naturwissenschaft als die Kausalität des Willens, als die Unfreiheit, als die Verursachung der Willensimpulse findet. So wahr es ist, daß Sie eine Gesetzmäßigkeit haben zwischen dem rechten und linken Waagebalken, so wahr ist alles das, was die Naturwissenschaft über die Ursache eines Willensentschlusses sagt. Aber der Wille selbst liegt im Hypomochlion, in der Gleichgewichtslage. Man muß also erst die wirkliche Wesenheit des Menschen erkennen, dann hat man ein Urteil darüber, ob der Mensch ein freies Wesen ist oder nicht. Diese Erklärung ergibt sich aber erst, wenn man die Beziehung des Geistes auf der einen Seite sozusagen zur positiven Materie, auf der andern Seite zur negativen Materie kennt, also eigentlich die positive Beziehung des Menschen zur Materie und die negative. Dann findet man zwischen beiden die Region, wo der Mensch als freies Wesen realisiert ist. Dann schaut man hinein in dasjenige, wo sich der Mensch heraushebt sowohl aus der Ursächlichkeit wie aus der geistigen Determination. In alten Zeiten hatte man die geistige Determination, von der ausgehend die Philosophie behauptete, daß der Mensch vom Geiste aus überall determiniert sein müßte; in der neueren Zeit die Naturkausalität. So wie die Deterministen im Nervenmenschen plätscherten und nicht wußten, daß immer ein Anderes, Entgegengesetztes ein Gleichgewicht bewirkt, so bewegen sich die heutigen Menschen in der Naturkausalität. Beide finden die Unfreiheit des Menschen. Aber die Freiheit liegt zwischen drinnen.
[ 29 ] So handelt es sich darum, daß wir wirklich in die Lage kommen, die physische Welt gerade dadurch zu begreifen, daß wir das Verhältnis dieser physischen Welt zur geistigen richtig ins Auge fassen können. Damit kommt man nicht aus, daß man sagt: Der physischen Welt liegt eine geistige zugrunde. — Da kommen Sie höchstens zu der Trivialvorstellung: Da steht der physische Mensch, und irgendwo schwimmt ein geistiges Urbild. — Da kommen Sie nicht zu einer Vorstellung des physischen Menschen. Sie können den physischen Menschen nur so verstehen, daß zu der einen Hälfte des Menschen die geistige Welt in einer ganz andern Beziehung steht als zu der andern Hälfte, und daß dazwischen ein von beiden nicht berührter Gleichgewichtspunkt ist, der die menschliche Freiheit bildet.
[ 30 ] Im Grunde genommen müßte ein innerliches Entzücken in der Seele entstehen — ich rede gleich wieder von dem, was durch die Gedanken bewirkt wird, die mit aller Lebendigkeit aus dem Geistigen herausgeholt sind —, es müßte ein innerliches Entzücken in der Seele entstehen, wenn sie sich sagen kann: Es fällt einem wie Schuppen von den Augen, wenn man sich sagen kann, der Mensch ist frei, und wenn man hinschauen kann auf die Gründe dieser Freiheit. — Solange es bloß Menschen gibt, welche mit genialer Gescheitheit — ich will diese den Anthroposophen nicht absprechen — die Anthroposophie einsehen, sich zu ihr bekennen als zu Gedanken, so lange lebt Anthroposophie noch nicht. In dem Momente, wo bei besonders wichtigen Erkenntnissen die Seelen vor Entzücken zerspringen möchten und freudig erregt werden von dieser oder jener Einsicht, dann erst, wenn solche Menschen sich als Anthroposophen fühlen, dann ist die anthroposophische Bewegung entstanden. Sie entsteht eigentlich als anthroposophische Bewegung im ganzen Menschen. Dann trifft sie auch auf die Gleichgewichtslage auf.
[ 31 ] Nun, meine lieben Freunde, ich möchte Sie von diesem Vortrage damit entlassen, daß ich Sie der Vorstellung ausliefere, die Sie frägt: Wie weit können wir heute schon von anthroposophischen Gedanken innerlich durchglüht und erkenntnisfreudig entzückt werden? — Dann denken Sie von diesem Gesichtspunkte aus über den Anfang der anthroposophischen Bewegung nach!
