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Drei Perspektiven der Anthroposophie
Kulturphänomene
geisteswissenschaftlich betrachtet
GA 225

5 Mai 1923, Dornach

1. Das Wesen der Geistigen Krisis des Neunzehnten Jahrhunderts

[ 1 ] Heute möchte ich etwas von einer ganz anderen Seite aus beleuchten, was uns in den letzten Zeiten hier viel beschäftigt hat. Ich möchte heute von einer, man kann sagen, historischen Seite aus nämlich die Tatsache beleuchten, daß im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in der Tat eine entscheidende Wendung vorhanden war für das menschliche Geistesleben. Diese entscheidende Wendung hat sich in den verschiedensten Tatsachen ausgelebt. Und diese Tatsachen sind ja im wesentlichen die Untergründe für all, ich möchte sagen, den Jammer, der die Menschheit im 20. Jahrhundert ergriffen hat, denn die Untergründe für all diesen Jammer liegen dennoch im Geistigen.

[ 2 ] Nun möchte ich aber vorausschicken eine kurze Charakteristik über das eigentliche Wesen der geistigen Krisis vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Es ist ja in dieser Zeit so gewesen, daß auf der einen Seite stand der Materialismus, der Materialismus des äußeren Lebens, und hinter ihm der Materialismus der Weltanschauung. Und man möchte sagen, wie verschämt und allmählich die Position vollständig aufgebend war der Idealismus als Weltanschauung. Ich habe gerade auf diesen Gegensatz zwischen dem Materialismus, der oftmals keiner sein wollte und doch einer war, und dem Idealismus im vorletzten Hefte des «Goetheanum» hinzuweisen versucht. Da habe ich mit ein paar Strichen angedeutet, wie in dieses letzte Drittel des 19. Jahrhunderts hineinragten idealistische Geister, gewisse Geister, welche den Idealismus von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fortsetzten, wie aber diese Geister, diese Denker gerade deshalb, weil sie das geistige Leben nur in der Idee kannten, nicht durchdringen konnten gegen alles das, was sich geltend machen konnte auf jener Grundlage, die die Naturwissenschaft gewissermaßen souverän erklärte, die die Naturwissenschaft, gegen die ja gar nichts eingewendet werden kann, über ihren Geltungsbereich hinausführte, so, als ob über alle Weltangelegenheiten durch reine Naturwissenschaft entschieden werden könne. Diese Naturwissenschaft hatte ja in der charakterisierten Zeit ihre großen Erfolge, Erfolge in bezug auf die Erkenntnis, Erfolge in bezug auf das äußerlich praktisch-technische Leben. Auf diese Erfolge konnten diejenigen hinweisen, die alles das zurückweisen wollten, was eben nicht nach ihrer Ansicht aus den Ergebnissen dieser Naturwissenschaft folgte.

[ 3 ] Und so standen einander gegenüber, ich möchte sagen, die Erfolgreichen, welche die Naturwissenschaft souverän erklärten und die doch nichts anderes vertraten und bis heute nichts anderes vertreten als einen Materialismus, und auf der andern Seite standen diejenigen Denker, die Behüter des Idealismus sein wollten. Aber sie kannten das geistige Leben nur in den Ideen. Sie sahen sozusagen hinter dem materiellen Wesen der Welt nur Ideen, und hinter den Ideen nichts weiter, keinen wirkenden Geist. Die Ideen waren ihnen Abschluß, das Letzte, zu dem sie kommen konnten. Aber diese Ideen sind eben abstrakt. Sie waren so, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von diesen Denkern gepflegt worden sind, abstrakt und blieben abstrakt, so wie sie von den Idealisten in dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts noch ausgesponnen wurden. Und so konnten sich diese Idealisten mit den abstrakten Ideen, was für sie der einzige Geist war, eben nicht halten gegenüber den, ich möchte sagen, handfesten Resultaten der naturwissenschaftlichen Weltanschauung.

[ 4 ] Das ist das äußere Historische. Aber das innere Historische, das dahinter liegt, ist noch etwas anderes. Das ist, daß der Materialismus, wenn er nur konsequent bleibt und Geist hat — wenn er auch den Geist ableugnet, kann der Materialismus sehr viel Geist haben —, eigentlich nicht zu widerlegen ist. Der Materialismus kann nicht widerlegt werden. Es ist ganz vergeblich, zu glauben, daß der Materialismus eine Weltanschauung ist, die widerlegt werden kann. Es gibt keine Gründe, mit denen man beweisen kann, daß der Materialismus unrichtig ist. Daher das ganz überflüssige Reden derjenigen, die immer mit irgendwelchen theoretischen Gründen den Materialismus widerlegen wollen.

[ 5 ] Warum kann der Materialismus nicht widerlegt werden? Nun, sehen Sie, aus dem folgenden Grunde kann er nicht widerlegt werden. Nehmen wir dasjenige Stück der Materie, welches im Menschen selber die Grundlage für die geistige Tätigkeit abgibt, nehmen wir das Gehirn oder im weiteren Umfange das Nervensystem. Dieses Gehirn, im weiteren Umfange das Nervensystem, ist richtig ein Abbild des Geistes. Alles, was im Geiste des Menschen vorkommt, kann man auch in irgendeiner Form, in irgendeinem Vorgang des Gehirns beziehungsweise des Nervensystems nachweisen. So daß alles, was man geistig anführen kann als Äußerung des Menschen, sich einfach in seiner Abbildung, in seinem materiellen Gegenbilde, im Gehirn, im Nervensystem findet.

[ 6 ] Wie sollte also jemand, der auf dieses Nervensystem hinweist, nicht sagen können: Nun seht ihr, alles das, was ihr von der Seele, was ihr vom Geiste redet, das ist ja im Nervensystem enthalten. Wenn jemand ein Porträt ansieht und sagen würde: Dies ist das einzige vom Menschen, was da abgebildet ist, es gibt überhaupt kein Original — und man könnte den Menschen nicht auftreiben, von dem das Porträt ist, so könnte man vielleicht auch da nicht nachweisen, daß es ein Original gibt. Man kann gar nicht aus dem Porträt den Beweis liefern, daß es das Original gibt. Ebensowenig kann man aus der materiellen Nachbildung der geistigen Welt den Beweis liefern, daß es Geist gibt. Es gibt keine Widerlegung des Materialismus. Es gibt nur einen Weg, hinzuweisen auf den Willen, wie man den Geist als solchen findet. Man muß den Geist ganz unabhängig von dem Materiellen finden, dann findet man ihn allerdings auch schöpferisch wirksam im Materiellen. Aber durch irgendwelche Beschreibungen des Materiellen, durch irgendwelche Schlüsse aus dem Materiellen kann nie auf den Geist hin geschlossen werden, weil im Materiellen alles im Abbild ist, was im Geiste ist.

[ 7 ] Das ist das Geheimnis, warum in einer Zeit wie dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, wo die Menschen nicht den direkten Zugang zum Geiste hatten, der Materialismus eben unwiderlegt, unwiderleglich dastand, und warum diejenigen, die nun nicht auf den Geist, sondern nur auf das abstrakte tote Restgebilde des Geistes, auf die Ideen im Menschen hinweisen konnten, warum diese idealistischen Denker nicht aufkommen konnten in dieser Zeit gegen die materialistischen Denker. Der Streit konnte sich eben durchaus nicht abspielen in Beweis und Gegenbeweis. Er spielte sich sozusagen unter dem Einflusse der sich gegenüberstehenden größeren oder geringeren Macht der streitenden Parteien ab. Und im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hatten eben diejenigen die größere Macht, die hinweisen konnten auf die ja leicht einzusehenden, weil handfest daliegenden Fortschritte und Erfolge der Naturwissenschaft mit ihren technischen Ergebnissen.

[ 8 ] Gewiß, jene Menschen, die als Idealisten, als idealistische Denker, wie ich es charakterisiert habe in der vorletzten Nummer des «Goetheanum», die Traditionen von der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewahrten, sie waren die geistvolleren, die tieferen Denker, sie waren diejenigen, deren Ausführungen den Menschen viel mehr ins Gemüt gehen konnten als die Ausführungen der Materialisten; aber die Materialisten waren die Mächtigeren. Und der Streit entschied sich nicht durch Beweise, er entschied sich damals als eine Machtfrage. Dem muß man nur ganz ohne Illusion ins Auge schauen. Man muß sich klar sein darüber, daß zum Geiste gelangen die Notwendigkeit voraussetzt, direkt einen Weg zu ihm zu suchen, nicht um ihn zu erschließen, ihn beweisen wollen aus den materiellen Erscheinungen. Denn alles, was im Geiste ist, findet sich auch in der Materie. Wenn also jemand keinen direkten Weg zum Geistigen hat, so findet er irgendwo in der Materie alles, was er in der Welt konstatieren kann.

[ 9 ] Da nun selbst die edelsten Geister im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nicht einen Zugang zum Geiste eröffnen konnten, so kamen sie, weil in ihnen doch noch die Bedürfnisse und Sehnsuchten nach dem Geistigen lebten, geradezu in eine Unsicherheit der ganzen menschlichen Seelenverfassung hinein. Und hinter mancher wirklich außerordentlich bedeutsamen Persönlichkeit vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts steht wie ein Hintergrund eigentlich die Haltlosigkeit, steht das, daß sich die Leute sagten, die, trotzdem sie außerordentlich intellektualistisch sind, oftmals außerordentlich gemütvoll sind: Ja, da ist die materielle Welt, da sind die Ideen. Die Ideen sind das einzige, das man finden kann hinter den Natur- und Menschheitserscheinungen, hinter Natur und Geschichte. — Aber dann fühlten doch wieder diese Menschen: Die Ideen sind etwas Abstraktes, etwas Totes. Und da kamen sie in die Unsicherheit, in die Haltlosigkeit hinein.

[ 10 ] Ein Beispiel möchte ich Ihnen sehr empfehlen, eine eigentlich recht bedeutende Persönlichkeit möchte ich heute vorführen, damit Sie auch im einzelnen darauf hingewiesen werden, wie diese Geistesentwickelung, die endlich zu unserer Gegenwart geführt hat, eigentlich war. Ich möchte heute auf den sogenannten Schwaben-Vischer hinweisen, den man auch den V-Vischer nennt, weil er sich ja so schreibt, im Unterschiede zu den andern gelehrten Fischern. Auf den Schwaben-Vischer, auf den Ästhetiker möchte ich Sie heute hinweisen.

[ 11 ] Sehen Sie, er war ganz herausgewachsen aus dem Idealismus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Er konnte sich zu dem groben Materialismus nicht bekennen. Er sah hinter den materiellen Wesenheiten und hinter den materiellen Vorgängen überall Ideen, sah auch im Grunde genommen in der moralischen Weltordnung eine Summe von Ideen. Er beschäftigte sich namentlich damit, das Wesen des Schönen zu finden. Ganz im hegelschen Sinne suchte er das Wesen des Schönen in dem Herausscheinen der Idee aus der sinnlichen Materie.

[ 12 ] Wenn der Künstler irgendeinen Stoff in eine solche Form bringt, daß durch diese Form hindurch ein Ideelles erscheint, daß man also nicht nur ein Produkt der Natur vor sich hat, das nicht ein Ideelles offenbart, sondern wenn der Künstler die Materie, sei es die Materie des Erzes, sei es die Materie der musikalischen Töne, sei es die Materie der Worte, so anordnet, daß man ein Ideelles verspürt aus seiner Anordnung, dann ist es eben die Erscheinung der Idee in einer sinnlichen Form, in einer sinnlichen Gestalt, und das ist das Schöne. Es kann dabei so sein, daß die Idee sich als so mächtig zeigt, daß man die sinnliche Erscheinung als zy ohnmächtig empfindet, die Größe der Idee auszudrücken. Wenn etwa der Bildhauer etwas so Gewaltiges in seiner Idee hat, daß kein sinnlicher Stoff hinreicht, um die Idee zu gestalten, so daß man die Idee nur als etwas unermeßlich Großes hinter dem Stoff ahnen kann, so wird das Schöne zum Erhabenen. Ist die Idee klein, so daß man mit dem Stoffe spielen kann, und die Idee kommt in der spielerischen Behandlung des Stoffes überall in liebenswürdiger Weise zum Ausdruck, so wird das Schöne zum Anmutigen.

[ 13 ] So sind Anmutiges und Erhabenes verschiedene Formen des Schönen. Dann, wenn der Mensch die Weltenharmonie empfindet in dem, was künstlerisch gestaltet wird, dann kann er sich entweder zu einem Erhabenen wenden oder zu einem Anmutigen, je nachdem der Künstler es darstellt. Dann aber kann man sehen, wie es etwa bei Jean Paul so sehr häufig geschehen ist, wie die Weltenereignisse so dargestellt werden, daß man nirgends eine Harmonie sieht, daß man überall nur sieht, wie Widersprüche da sind in der Welt, daß eigentlich die Harmonie als etwas Unerreichbares hinter allem steckt, wie aber doch wiederum die Welterscheinungen einem als das Nächstangehende vorkommen. Man sieht zum Beispiel, wie etwa, sagen wir, ein kleiner Schulmeister da ist, der einen ungeheuer idealistischen Sinn hat, der eine große Sehnsucht hat nach Wissen, aber kein Geld hat, sich Bücher zu kaufen, und statt der Bücher sich nur Bücherkataloge in den Antiquariaten geben läßt und da wenigstens nun die Büchertitel hat statt der Bücher. Weißes Papier kann er sich noch kaufen, er schreibt sich nun die Bücher selber zu all diesen Titeln, die er da in dem Antiquariatskataloge hat. Ja, aber dann merkt er an dem Stoff, den der Dichter behandelt, da ist trotzdem eine Harmonie wiederum vorhanden, es ist schön harmonisch, wie der sich die Disharmonie, die durch das Geld eintritt, ausgleicht. Und dann sind doch wiederum die Bücher, die er sich selber schreibt, nicht so gescheit wie diejenigen, die in den Katalogen stehen. Der Widerspruch bleibt bestehen. Man wird hin und her geworfen zwischen dem, was sein soll, und dem, was da ist und was nicht sein soll.

[ 14 ] Wenn man sich nun im Gemüte zurechtfindet mit diesem Widerspruch, der nicht zu lösen ist, wo immer ein Widersprechendes das andere ablöst, wo man gar nicht über den Widerspruch hinauskommen würde, sondern sich selbst in Staub auflösen müßte, wenn man so hinschlenkert von Widerspruch zu Widerspruch, wenn man sich dann im Gemüte dennoch zu beruhigen weiß, so ist das die Stimmung desjenigen Schönen, das man genießt im Humor.

[ 15 ] Ja, bei dem Schwaben-Vischer, dem V-Vischer, war es eben so, daß er geradezu den Humor als Ästhetiker verherrlicht hat, daß er, weil er eben in dem Zeitalter lebte, wo man ratlos den Widersprüchen gegenüberstand, ratlos dem Gegensatz zwischen Geist und Materie gegenüberstand, daß er, weil es ein Durchdringen der Weltenharmonien eigentlich für die menschliche Einsicht nicht als etwas Erreichbares gab, sich durch den Humor hinweghelfen wollte über das alles. Und so verherrlichte er gerade den Humor. Aber wiederum, es ist ja der Humor so, daß hinter ihm dennoch irgendwo eine Harmonisierung stecken muß, sonst kommt doch wiederum kein Humor zustande, sonst sieht man ja zuletzt, daß man sich durch das Gemüt beruhigt bei etwas, wobei man sich eigentlich nicht beruhigen sollte, wenn man nicht ein Wischi-Waschi-Mensch werden will. Und so steckt hinter all dem, wie der Schwaben-Vischer die Welt genießen wollte — er ist ja für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts eine tonangebende Persönlichkeit —, hinter all dem steckt ein Streben, weil man nicht hineinkommen kann in das Geistige der Welt, sondern nur in die Ideen, ein Streben, das doch wiederum etwas furchtbar Philiströses hat. Ein lachender Humor, hinter dem aber eigentlich nicht die Ausgeglichenheit des Gemütes, sondern etwas Krampfhaftes steckt, ein Humor, der leicht, wenn er die Gegensätze erkundet, die in der Welt sind, statt des humoristischen Ausgleiches nur das närrische Nebeneinanderstellen findet,

[ 16 ] Das alles hängt damit zusammen, daß eben edlere Geister in dieser zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gar nicht dasjenige finden konnten, was eigentlich geistig hinter der Welt steckt, daß sie daher nach Auskunftsmitteln suchten, die sie aber zuletzt in eine gewisse Haltlosigkeit, in etwas Krampfhaftes hineinführten. Und aus diesen Krämpfen vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts konnte dennoch nur das Tragische, das Ungesunde vom Beginn, von der ersten Hälfe des 20. Jahrhunderts hervorgehen.

[ 17 ] Nun, als dieser Schwaben-Vischer, man möchte sagen, obwohl er sich dagegen gewehrt hat, sein eigenes Selbst — es ist doch sein eigenes Selbst — einmal so hinstellen wollte vor die Welt, da schrieb er den Roman «Auch Einer». Man kann sagen, der «Held» dieses Romans, wie man das ja in der Ästhetik so philiströs, wollte sagen, wissenschaftlich nennt, der Held dieses Romans — in Wirklichkeit heißt er Albert Einhart, aber V-Vischer kürzt ihn ab: A. E., nennt ihn eben «Auch Einer», und so heißt auch der Titel des Romans — nun, dieser «Auch Einer», in ihm steckt ja etwas. Er möchte gerne eine Eins sein als Mensch, eine richtige Eins. «Einer» möchte er sein, so eine Individualität, die etwas für sich ist. Aber nun wird er trotz großartiger, gewaltiger Anlagen nur «Auch Einer», nicht «Einer», sondern «Auch Einer», so wie vielleicht nicht gerade zwölf, aber wovon doch immerhin eine erkleckliche Anzahl auf ein Dutzend kommen! Ja, wie gesagt, Vischer hat sich dagegen gewehrt, daß etwa der «Auch Einer» ein Porträt seines eigenen Wesens ist. Das ist er auch nicht, aber dennoch hat Vischer dasjenige, was als innere Disharmonie in ihm lebte, in diesen «Auch Einer» hineingeheimnißt. Es sind zugleich die Diskrepanzen der Seele vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts.

[ 18 ] Dieser Roman «Auch Einer» besteht eigentlich aus drei Teilen. Der erste schildert uns, wie V-Vischer bekannt wird mit dem Albert Einhart, mit dem «Auch Einer». Es ist eine interessante Reisebekanntschaft, wie sie nicht gerade alltäglich vorkommt.

[ 19 ] Sehen Sie, dieser V-Vischer hat ja zuletzt auch, sagen wir, in dem Herankommen des Mysteriums von Golgatha an die Erdenentwikkelung nichts anderes sehen können als eine Ideenentwickelung. Der Christus war eigentlich eine abstrakte Idee für ihn, die so die Menschheitsentwickelung durchzogen hat. Und auf Golgatha, in dem Leibe des Jesus von Nazareth, ist eigentlich eine abstrakte Idee — Christus — gekreuzigt worden. Nicht wahr, das atmet wenig Wirklichkeit. Das führt ja schon zurück in die David-Friedrich-Strauß-Zeit und so weiter, wo man den eigentlichen Inhalt der Religion nur so aufgefaßt hat, als ob die Religion nur Bilder enthalten würde für etwas, was eigentlich ideell, abstrakt gemeint ist. Also Christus und die Geschichte vom Christus würden nur aufzufassen sein als Bilder, sind das Einziehen der höchsten Ideen in die Erdenentwickelung, die Kreuzigung nur die Erscheinung der Idee in einer besonders hervorragenden sinnlichen Menschengestalt und so weiter. Das alles hat ja den Gegenstand großer intellektualistischer Anstrengungen im 19. Jahrhundert gebildet und hat den Gegenstand ungeheuer bitterer Enttäuschungen der tieferen Gemüter in diesem 19. Jahrhundert gebildet, weil eben da hinter all dem Ideellen ein wirklich Geistiges nicht gefunden werden konnte. Und die Menschen dürsteten natürlich nach dem Geistigen, wie sie immer nach dem Geistigen dürsten, und am meisten, wenn sie es nicht haben. Und am meisten dürsten darnach diejenigen Denker, welche glauben beweisen zu können, daß es ein Geistiges gar nicht gibt, sondern nur Materie oder nur Ideen. Man könnte sagen: Am Ende des 19. Jahrhunderts und am Beginne des 20. Jahrhunderts waren eigentlich die hervorragenderen Geister schon müde geworden über diesem intellektualistischen Streben nach der Beantwortung der Frage: Wie wirken die Ideen eigentlich in der Natur? Wie wirken die Abstraktionen eigentlich in der Geschichte? Nur höchstens so quecksilberne Flächlinge wie Arthur Drews, die haben dann wieder dasjenige gebracht, was längst etwas Abgetanes war unter denen, die wirklich denken konnten. Daher ragt eben in der Persönlichkeit dieses quecksilbernen Nicht-Denkers in das 20. Jahrhundert noch etwas herein von diesem: eine Idee sei gekreuzigt worden, nicht eine wirkliche Geistwesenheit.

[ 20 ] Aber aus dem, was ich sage, können Sie entnehmen, daß schließlich auch für einen solchen Denker wie den Schwaben-Vischer zuletzt alles, was geistig war, sich in Ideen auflöste. Die Ideen, die waren zuletzt in ihrer Abstraktheit dasjenige, was da als Gespinst durch die Welt hindurch wirkte. Und alles, was in den Mythologien erzählt wurde, in den Religionen bis herauf in die christliche Religion, das war, nur in Materielles gekleidet, etwas, was höchstens Bild war für die Idee. Und zuletzt mußte ja den Leuten aus diesem Streben, überall nur die Idee im sinnlichen Bilde zu sehen, die Anschauung hervorgehen, daß es eigentlich gleichgültig ist, in welchem sinnlichen Bilde man das Weben und Spinnen der Idee in der Materie ausdrückt.

[ 21 ] Und für einen solchen Kauz wie Albert Einhart, der «Auch Einer» ist, für den macht sich nun die Materie in einer ganz merkwürdigen Weise geltend. Es passiert nämlich dem Albert Einhart bei jeder möglichen Gelegenheit, daß er ins Erhabene steigen will. Wenn er zu den höchsten Höhen des Geistigen, das bei ihm also nur das Ideelle ist, hinaufsteigen will, dann kriegt er einen Katarrh, dann muß er furchtbar niesen, oder er muß sich furchtbar räuspern. Da macht sich die Materie geltend, nicht wahr, das ist die Materie. Er spürt sonst die Materie nicht so stark als dann, wenn er einen Katarrh kriegt oder wenn er ein Hühnerauge hat. Man weiß schließlich nicht, wenn man so ein Denker von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist, an welchem Ende man anfassen soll den Materialismus, der eben die Ideen abbildet. Man wird ja am besten da anfassen, wo die Materie sich am meisten geltend macht, wo sie immer so auftritt, daß sie sogar den Geist bezwingt. Und zuletzt wird man sogar wie der Albert Einhart, der «Auch Einer», zu einem Kritiker dessen, was schon da ist.

[ 22 ] Denn dem Albert Einhart kommt einmal doch die Idee: Diejenigen, die die Materie nur so mehr neutral angefaßt haben, die haben sich eigentlich einem Irrtum hingegeben. Schiller hat den Tell ganz falsch dargestellt, denn so kann es nicht sein, die Materie wird da auf einem viel zu hohen Niveau erfaßt. Man muß tiefer hinein. Man muß in das Katarrhalische hinein, wenn man will, daß man die Materie wirklich erfaßt. Und daher müßte die richtige Komposition des Tell diese sein, daß er, wie er mit dem Schifflein da abstößt, nicht einfach gleich hinüberkommt, sondern kentert, herausfällt und von den Mannen des Geßler aufgefangen wird, ordentlich durchgewichst wird, aber wieder entkommt, ein zweites Mal ins Wasser fällt und sich dabei erkältet. Nun bekommt er einen furchtbaren Schnupfen, und gerade in dem Moment, wo er die Armbrust anlegt, muß er niesen. Und der Landvogt kann nicht sagen: Das ist Tells Geschoß — sondern: Das ist Tells Niesen ! So müßte eigentlich Tell sein, meint der Albert Einhart, der «Auch Einer». Nicht wahr, man muß tiefer, gründlicher in den Materialismus hinein, wenn man schon konsequent sein will.

[ 23 ] Da hat es alle möglichen Auslegungen, Erklärungen gegeben für den Othello, psychologische Erklärungen; aber man soll doch einmal sehen, meint der Einhart, daß der Othello fortwährend um ein Schnupftuch sich bemüht, daß er einen Stockschnupfen hat, der ihn so in Verzweiflung bringt, daß er endlich die Desdemona erwürgt. Nichts anderes als ein Stockschnupfen! Man muß eben tiefer in die Materie hineingehen, in das eigentlich Materielle. Man muß es an dem richtigen Punkte finden.

[ 24 ] Das ist es, was Vischer durch die gemütvolle, humorvolle Auffassung sucht. Er kann über den Materialismus nicht hinauskommen. Er kann ihn nicht wegbeweisen, und so will er sich wenigstens im Gemüt darüber hinwegsetzen. Er kann sich doch nicht über Wasserstoff und Sauerstoff gemütvoll hinwegsetzen; nun, über Katarrhe muß man sich doch gemütvoll hinwegsetzen. Und das ist doch eben ein Standpunkt, den man einnehmen kann gegenüber der Materialität.

[ 25 ] Die Sache hat ja auch dazu geführt, daß Vischer darauf aufmerksam machen konnte, wie er eigentlich die Bekanntschaft dieses sonderbaren Kauzes macht. Der ist da in einem Hotel, das — nach den verschiedensten Umständen kann man es annehmen — gar nicht so weit von hier sein muß, allerdings in den Hochbergen drinnen, und er gerät, weil nun schon der Katarrh in ihm steckt, in Zwiespalt mit dem Hotelbedienten, wird etwas tätlich, und da kommen ihm nun aus dieser materiellen Affäre alle Skrupel des Lebens vor die Seele. Und es kommt so weit, daß er sogar seinem Leben ein Ende machen will. Er stürzt sich herunter. Aber bei dieser Gelegenheit sieht ihn der Schwaben-Vischer und schickt sich an, ihn zu retten, und kollert dabei hinunter über den Abhang. Das sieht wieder der andere, der vergißt, daß er eigentlich selbst sich hat morden wollen und kommt dem Schwaben-Vischer zu Hilfe. So machen sie ihre Bekanntschaft. Das ist nicht eine alltägliche Bekanntschaft. So kollern sie beide hinunter. Und da hört man noch die Flüche dieses «Auch Einer», der nun seine Weltanschauung kundgibt. Man hört es eigentlich nicht, weil von allen möglichen Gewässern da ein Getöse ist; es ist nicht still, nur einzelne Teile hört man wie: Welt — eine Erkältung des Absoluten — in der Einsamkeit — spuckte aus und die Welt war — die Welt vom Ewigen gehustet, geräuspert — Schandgallert — Brütnest der Plagteufel — und so weiter, das hört man so durch. Er wird viel mehr gesagt haben, natürlich!

[ 26 ] Nun haben sie Bekanntschaft gemacht auf diese Weise, der Schwaben-Vischer und der «Auch Einer». Aber sie können sich nicht gleich verständigen, weil sie beide nämlich einen Katarrh kriegen und furchtbar niesen müssen. Und so dauert es mit der Verständigung etwas länger. In solcher Art, wie man auf nicht ganz gewöhnliche, alltägliche Weise Reisebekanntschaft macht, verläuft der erste Teil. Der zweite Teil ist ein Werk des «Auch Einer», das eingeschoben ist, eine Pfahldorfgeschichte. Da wird das Leben und Treiben in einem Pfahldorf geschildert. Nicht wahr, man könnte sich ja nun lange unterhalten über das Zeitalter, in dem dieses Pfahldorf existiert hat und so weiter, aber manches steht auch da drinnen, woraus man entnehmen kann, daß er dieses Pfahldorf des «Auch Einer» in der Nähe der Stadt Turik sein läßt. Diese Stadt liegt in der Nähe. Und über die Zeit- ja nun, da müssen die Pfahldörfler einmal einen rufen, einen Bardenknaben aus Turik. Und dieser Bardenknabe aus Turik, der heißt Guffrud Kullur. Ja, man kann nicht so recht diskutieren über die Zeit, in der dieses Pfahldorf existiert hat.

[ 27 ] Es wird nun diese Pfahldorfgeschichte in ihren Einzelheiten entwickelt in der Erzählung von dem «Auch Einer», und wir werden da eingeführt in die Art und Weise, wie zum Beispiel die Pfahldörfler ihre religiösen Bedürfnisse besorgen. Da kommt eben das heraus, was für den Schwaben-Vischer und sein Abbild, den Albert Einhart, in den Religionen geschildert wird: Das ist überall der materiellbildhafte Ausdruck für das Walten der Ideen gewesen. Und so ist halt auch diese Religion bei den Pfahldörflern eine solche, daß sie eine Zeit angenommen haben, in der alles noch keinen Schnupfen kriegen konnte. Es war eine ganz paradiesische Zeit, wo man keinen Schnupfen kriegen konnte. Aber es wurde diesen Paradies-Pfahldörflern doch nicht so wohl dabei. Es stachelte sie etwas in dieser ganz schnupfenlosen unkatarrhalischen Zeit, und so verfielen sie der Versuchung des großen Gottes Grippo. Dieser Grippo, der eigentlich im Kalten west, schafft und wirkt aber durch Feuer, durch Erhitzung. Und so kam es, daß sie der Versuchung des Gottes Grippo verfielen, die Pfahldörfler-Paradiesesmenschen! Und sie kriegten Schnupfen, mußten immer niesen, und da ergaben sie sich der Weltenspinnerin, die oftmals als weiße Kuh den Leuten erscheint. Sie sehen: materiellbildhafte Ausprägung, Ausgestaltung des Geistigen. Die Weltenspinnerin rät ihnen, sie sollen ihr Dorf auf dem See begründen, da schickt der See immerfort feucht-kaltliche Nebel. Der Schnupfen wird ordentlich ausgetrieben. Die Ergebnisse des Gottes Grippo, die kommen heraus und werden endlich geheilt. Das kann nur in Pfahldörfern geschehen.

[ 28 ] Da kommt auch so eine Art Ketzer einmal in dieses Pfahldorf hinein. Aber die Pfahldörfler sind in einer außerordentlich guten Weise geführt von einem Druiden. Ein Druide, der eigentlich nicht besonders viel gescheiter ist als die anderen Pfahldörfler, der aber gelernt hat, die Katarrh-Religion ordentlich zu lehren, der beherrscht ganz diese Pfahldörfler. Und da ist nur das eine: Die Druiden müssen ehelos leben, er hat also nicht eine Ehegattin, sondern eine Hauserin, Urhixidur, die beherrscht wieder ihn und von der geht sehr vieles aus in diesem Pfahldorfe. Da kommt nun also so ein Ketzer dahin, der die Pfahldörfler eine Art aufgeklärter Religion lehren will, so eine Religion ohne Gott. Die Pfahldörfler haben aber nicht nur die guten Götter, sondern auch den Grippo und alles mögliche kennengelernt. Und der Druide, noch dazu aufgestachelt von der Urhixidur, stellt ein Ketzergericht an. Ein bißchen werden ja die Pfahldörfler irre an dem Druiden, denn man gräbt da noch ein tieferes Pfahldorf heraus, und nun kann er das nicht erklären. Und nun beruft man von der benachbarten Stadt den Guffrud Kullur und noch einen anderen Gelehrten, Feridan Kallar. Aber da ist wiederum das Merkwürdige, daß, als man nicht in Turik, aber einer anderen schweizerischen Stadt Pfahldörfer ausgegraben hat, einer der Erklärer Ferdinand Keller war, der da nicht von einer Stadt mit jetzigem Namen, sondern von Turik berufen wird, so wie natürlich selbstverständlich nicht auf Gottfried Keller hingewiesen ist, sondern auf Guffrud Kullur. Nun, es spielen sich da die Kämpfe ab zwischen den Menschen mit einer ursprünglichen Religion, mit der Religion der katarrhalischen Zustände, und einem Ketzer, der nun eine Religion ohne Gott lehren will, eine Religion der moralischen Weltordnung. Es sind interessante Kämpfe. Die spitzen sich insbesondere zu, als von den Pfahldörflern ein Fest gefeiert wird, das der katholischen Firmung und der protestantischen Konfirmation entspricht, das ist nämlich das Fest der Betuchung. Da werden die Kinder eingeführt in die Gemeinde. Aber natürlich, den Ereignissen angemessen bekommen sie ein Schnupftuch, nicht die Dinge, die bei der Firmung sonst vor sich gehen, sondern sie müssen ein ordentliches Schnupftuch auf den Weg für das Leben bekommen.

[ 29 ] Da spielen sich noch allerlei Kulturkämpfe ab. Die Kulturkämpfe waren ja, wie es scheint nach «Auch Einer», nicht nur äußerlich in der Welt überall in dieser Zeit sichtbar, sondern sie scheinen auch in die Pfahldörfer hineingespielt zu haben.

[ 30 ] Ja, so möchte ich sagen, krampft der Schwaben-Vischer einen Humor heran, um in diesem Kauz das Nicht-zu-Rande-Kommen mit dem Materialismus darzustellen. Ob man nun schließlich — so meinte wahrscheinlich in seinem Herzen der Schwaben-Vischer diejenigen Begriffe nimmt, welche von den matersalistischen Kunsthistorikern ausgehen, die ja an so neutrale Materie anknüpfen, oder andere, die die Materie deutlicher zeigen: da kommt es vielleicht doch nur darauf an, daß man eben die deutlicheren Begriffe nimmt.

[ 31 ] So ein Mann wie Gottfried Semper, der macht geltend die Bearbeitung der Steine, die Bearbeitbarkeit des Holzes, wenn man diesen oder jenen Baustil erklären will. Ja, warum soll man denn darüber sprechen, inwieweit das Holz oder der Stein bearbeitbar ist? Warum soll man denn von dieser Seite der Materie ausgehen? Es ist ja viel gescheiter, wenn man einmal prüft, wie die Menschen von den verschiedenen Baustilen berührt wurden, dann hat man den Zusammenhang dieser Baustile mit der menschlichen Wesenheit und mit der menschlichen Entwickelung. Bei den Griechen wird es wohl so gewesen sein, weil ihre Bauart eine nach allen Seiten offene war, daß, wenn man sich eine gehörige Zeit da in den Bauten aufgehalten hat, man halt einen ordentlichen vehementen Schnupfen kriegte. Das sind die rein katarrhalischen Baustile, die antiken Baustile. Und die gotischen Baustile, da war man mehr geschützt, da kriegte man nur ab und zu den Schnupfen, wenn man Fenster aufmachte: Das sind also die gemischt-katarrhalischen Baustile. Und das Ideal ist erst in ferner Zukunft: Das sind dann diejenigen Bauten, in denen man gar keinen Schnupfen kriegt. Man kann sehr schön unterscheiden — so macht man es ja in gelehrten Schriften — Baustil A: rein-katarrhalisch, Baustil B: gemischt-katarrhalisch, und Baustil C: wo man gar keinen Schnupfen mehr kriegt. Das ist die Einteilung der Baustile von «Auch Einer».

[ 32 ] Sie sehen, V-Vischer wußte nicht, wie er sich eigentlich gegenüber dem Materialismus stellen sollte. Er wollte sich mit Humor stellen, und da nahm er halt diese Seite des Materialismus heraus, wo der Mensch die Materie in sich so oder so verspürt. Das ist ja dasjenige, was wirklich doch diesem Roman «Auch Einer» zugrunde liegt.

[ 33 ] In einem dritten Teil hat man dann noch Sentenzen des Albert Einhart. Man lernt ihn sozusagen näher kennen. Man lernt seinen Kampf gegen die Natur, man lernt seinen Kampf mit dem Geiste, mit der moralischen Weltordnung, mit dem reinen Idealismus kennen; sehr geistreiche Ausführungen, die in Aphorismen vorgetragen werden. Man hat manchmal das Gefühl, daß der etwas philiströse Schwaben-Vischer schon die geistreichen Einfälle von Friedrich Nietzsche vorausgenommen hat. Es ist wirklich manchmal etwas außerordentlich Geistreiches in diesem dritten Teil der Aphorismen des Albert Einhart.

[ 34 ] Und Albert Einhart ist auch eine ganz originelle Persönlichkeit. Er ist, als man ihn im Romane kennenlernt, pensioniert selbstverständlich, denn er war so etwas wie ein Polizeidirektor, aber da auch schon eigentlich eine bedeutende Persönlichkeit. Also offenbar will der Schwaben-Vischer darauf hindeuten, daß das schon an sich mit Humor aufgefaßt werden muß: ein bedeutender Polizeidirektor. Aber weil er eben bedeutend war, wählte man ihn auch einmal zum Abgeordneten für die Kammer, und da hielt er eine außerordentlich bedeutende Rede. In dieser bedeutenden Rede wirkte zündend ein Satz, dann ein zweiter Satz wieder zündend. Aber der zweite zündende Satz wirkte auf den ersten so, wie wenn man den ersten mit schauderhaft kaltem Wasser begossen hätte. Merkwürdig, das Zündende wirkte, wie wenn die erste Feuerflamme ausgelöscht werden sollte: Nun sind wiederum die Menschen da, welche der alten furchtbaren, barbarischen Zeit angehören und beim Militär und in der Schule die Prügelstrafen in den verschiedensten Formen einführen möchten. Das ist ja etwas, was uns in der schreiendsten Form in die Zeit führt, wo es noch keinen Idealismus gab, wo man noch in keinen bildhaften Religionen lebte, wo man noch die rein moralische Anschauung hatte, die Religion ohne Gott. Dem dürfen wir uns nicht aussetzen in unserer Zeit. In unserer Zeit darf nicht geprügelt werden, das Prügeln muß gründlich ausgemerzt werden. In unserer Zeit müssen noch manche andere Schäden ausgemerzt werden. Wir sehen, wie in unsere Zeit doch noch viel Barbarei hineinragt. Denn da sehen wir zum Beispiel, wie auf der Straße von rohen Leuten die Tiere gequält werden, wie diese armen Pferde, die nicht dafür veranlagt sind, mit den Peitschen geschlagen werden. Oder da sehen wir, wie die Hunde, die ja nicht Hufe, sondern andere Organe an den Füßen haben, die nicht für das Ziehen von Wagen angetan sind, Wagen ziehen müssen. Kurz, wir sehen, wie die Tiere gequält werden, und ich möchte den Antrag stellen hier in der Kammer, daß alle Tierquäler öffentlich ausgepeitscht werden!

[ 35 ] Das sind wiederum die Dinge, über die man sich, wenn so der zweite zündende Feuerfunke auf den ersten wie ein kalter Wasserstrahl sich ergießt, nur mit einem gewissen Humor hinweghelfen kann. Ja, dieser Albert Einhart, dieser «Auch Einer», ist wirklich so ein richtiges Geschöpf vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts! Und vieles von dem, was der V-Vischer an eigenen Diskrepanzen der Seele fühlte, brachte er in diesem «Auch Einer» zum Vorschein. Man darf aber nicht wiederum den V-Vischer mit dem «Auch Einer» identifizieren, auch nicht mit demjenigen, der da als ein Ketzer etwa in das Pfahldorf hineingekommen war und über den ein Ketzergericht veranstaltet worden ist, sonst würde man zu sonderbaren Kommentaren kommen.

[ 36 ] Nicht wahr, der Schwaben-Vischer hat ja, zwar nicht in Turik, aber in einer anderen Stadt, eine Zeitlang eine Art Ketzerprotektorat versehen, und es ist ihm schlecht bekommen. Aber man käme in eine allzu humorvolle Stellung zu dem V-Vischer selber, wenn man solche Dinge deuten wollte. Denn der V-Vischer wollte nicht einmal den zweiten Teil des Goetheschen «Faust» gelten lassen und verspottete die Kommentäre, die Deuter, indem er sich selbst in einem dritten Teil des «Faust», den er schrieb, mit Anspielung an all diejenigen, die so viel geistreiche Dinge im zweiten Teil des «Faust» finden, Deutobold Allegoriowitsch Mystifizinsky nannte; Deutobold Symbolizetti Allegoriowitsch Mystifizinsky und so weiter nannte er sich. Und als solcher schrieb er den dritten Teil des Goetheschen «Faust», um die Kommentäre zu verspotten, die eine tiefere Weisheit im Goetheschen «Faust» sehen wollten. — Man will doch nicht auch so ein Allegoriowitsch werden und da die eigenen Schicksale des SchwabenVischer in seinem «Auch Einer» etwa ausgesprochen oder irgendwie angedeutet finden.

[ 37 ] Man möchte sagen, es ist schon bemerkenswert, wie in diesem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dastehen auf der einen Seite der so tief tragisch zu nehmende Nietzsche, der an den Diskrepanzen, die in seiner Seele sich abgespielt haben, zugrunde gegangen ist, und dieser Schwaben-Vischer, der nicht anders konnte, als die Haltlosigkeit der Weltanschauungen seiner Zeit in einer solchen Weise zum Ausdruck zu bringen, wie er das getan hat in dem Roman «Auch Einer». Man kann nur sagen, es ist eine gewisse Einheit sogar in diesem Romane, wie in gewissen naturwissenschaftlichen materialistischen Anschauungen eine gewisse Einheit ist. Schließlich, wenn man auf den Wasserstoff schaut, auf den Sauerstoff schaut, auf das Zink schaut, auf das Gold schaut, es sind ja so verschiedene Dinge, aber zusammen findet man überall die eine atomistische Einheit. Es sind überall die Atome, sie sind nur ein bißchen anders zusammengekollert, so daß sie sich ein bißchen anders ausnehmen. Und hier in diesem Roman herrscht auch eine ganz merkwürdige Einheit.

[ 38 ] So findet zum Beispiel der «Auch Einer» die Persönlichkeit, die weibliche Persönlichkeit, die ihm wirklich einen großen Respekt eingeflößt hat im Leben, nun als Witwe wiederum. Es ist für ihn ein großer Moment. Dem Manne ist er zu tiefem Dank verpflichtet, der ist gestorben. Er findet die von ihm tief verehrte Persönlichkeit als Witwe wieder in einem Hotel. Sie kommt mit ihm in ein Gespräch. Und dieses Gespräch wird unterbrochen, weil eben der «Auch Einer» in einen furchtbaren Nieskrampf verfällt. Dieses Gespräch geht nicht zu Ende. Es ist immer die Materie, was da vernichtend wirkt, was in dieser Suche nach einer Weltanschauung, nach dem Geist sich auflehnt, es ist immer die Materie, die da eingreift und die zum Schlusse eben alles materiell macht. Man kann ja schon gar nicht anders als alles dem Materialismus zuschreiben, wenn man die erhabensten Offenbarungen der Menschenseele gerade äußern will, und nun, nicht wahr, kommt nicht einmal das Wort «Ideal» zustande, sondern «Ide-», und dann kommt ein langer Nieser! Man sieht ja, wie sich die Materie überall geltend macht und wie das Ideale eben verschwindet gegenüber der Materie.

[ 39 ] Er ist schon eine außerordentlich bedeutsame kulturhistorische Erscheinung, dieser Roman «Auch Einer» von dem Schwaben-Vischer, wenn man natürlich auch sagen muß, daß da vieles Philiströse drinnen ist. Aber dadurch ist er gerade wiederum ein besonderer Ausdruck für die Zeit. Und er drückt eben das aus, daß man schließlich als ein geistig veranlagter Mensch sich für die Bedürfnisse der menschlichen Seele nicht mehr zurechtfand in dem, was geworden war aus Geist, aus Materie, so daß man eben, wie der «Auch Einer», mit dem Geist auf die abstraktesten Ideen kommen konnte, die einander so totschlugen wie die Abschaffung der Prügelstrafen und die öffentliche Auspeitschung der Tierquäler. So schlägt eine Idee die andere tot. Und wendete man sich nun zur Materie, so bekam man die Materie da, wo sie einem am wahrnehmbarsten wurde: in dem Nasenschleim.

[ 40 ] Das war nicht gerade fein, möchte man sagen, aber der SchwabenVischer hat ja auch ein sehr interessantes Buch geschrieben über Frivolität und Zynismus. Er wollte niemals frivol werden, haßte daher furchtbar die ausgeschnittenen Taillen der Damen, aber er fand in dem Zynismus etwas außerordentlich Richtiges, was man überall anwenden müsse, wo man das oder jenes ordentlich darstellen wollte. Und deshalb schreckte er auch nicht zurück, man möchte sagen, nicht frivol, aber manchmal etwas unappetitlich, die Weltenereignisse im materialistischen Sinne, aber humoristisch, wie er meinte, darzustellen.

[ 41 ] Man muß schon das, was in den Zeiten lebt, nicht nur durch abstrakte Gedanken begreifen wollen und auch nicht bloß durch Sentimentalität erfassen wollen, sondern man muß es in Stimmungen erfassen wollen. Und ich meine wirklich, daß etwas von der Stimmung des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts in jenen Empfindungen lag, die diese Schwabenseele durchdrungen haben, die Vischersche, als er den Roman «Auch Einer» geschrieben hat.