Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Drei Perspektiven der Anthroposophie
Kulturphänomene
geisteswissenschaftlich betrachtet
GA 225

6 Mai 1923, Dornach

2. Das Mysterium des Kopfes und das des Unteren Menschen

[ 1 ] Wenn wir eine solche Erscheinung ins Auge fassen wie die, von der wir gestern gesprochen haben, dann tritt uns ja so klar wie möglich eigentlich entgegen, daß nicht nur im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Materialismus heraufgekommen ist in der geistigen Menschheitsentwickelung, sondern etwas, was im Grunde genommen noch schlimmer ist als der Materialismus, daß heraufgekommen ist eine gewisse Unsicherheit und Haltlosigkeit gerade derjenigen Geister und Denker, die nicht so bedingungslos mit dem Materialismus gehen konnten. Wir finden ja eigentlich in diesem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts den folgenden Tatbestand. Wir finden, daß die eigentlichen materialistisch gesinnten und gestimmten Menschen gerade damals eine gewisse innere Sicherheit schon hatten. Man braucht ja nur einen Blick zu werfen auf all diejenigen Menschen, welche aus ihrem, man möchte sagen, Erkenntnis-Machtbewußtsein heraus die naturwissenschaftlichen Ergebnisse für souverän erklärten, von da aus eine Weltanschauung begründeten. Sie traten mit einer gewissen ungeheuren Sicherheit auf. Und nicht eigentlich der Inhalt desjenigen, was sie gaben, sondern die Sicherheit ihres Auftretens hat dazumal die zahlreiche materialistische Anhängerschaft hervorgebracht. Dagegen alle diejenigen, die, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, ja nur mit den abstrakten Ideen noch zum Geiste hielten, die fühlten sich mehr oder weniger so unsicher wie eben der Schwaben-Vischer, von dem ich gestern gesprochen habe. Sie konnten an dem Geiste nur noch so festhalten, daß sie sagten: Da sind eben hinter den Erscheinungen der äußeren Sinneswelt wirkende Ideen. — Aber diese Ideen konnten sie nur abstrakt darstellen. Sie konnten nicht ein wirkliches geistiges Leben hinter diesen Ideen den Menschen vor Augen rücken. Sie konnten nicht sprechen von einem wirklichen geistigen Leben. Daher hatten die abstrakten Ideen für sie selber nicht eine richtunggebende Kraft. Und daher war schon in den neunziger Jahren eigentlich im öffentlichen Leben nichts mehr da von jenem Idealismus, der ja in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus noch Geltung hatte, der dann von vereinzelten Menschen vertreten worden ist, wie ich ja in der vorletzten Nummer des «Goetheanum» angedeutet habe, der aber eben doch versiegt war, als die Wende des Jahrhunderts da war.

[ 2 ] Charakteristisch ist ja, daß eingeleitet wurde das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts durch ein sehr wirksames Buch, die «Geschichte des Materialismus» von Friedrich Albert Lange. Diese «Geschichte des Materialismus» hat einen außerordentlich tiefen Eindruck gemacht. Sie ist 1866 zuerst erschienen, leitet also eigentlich das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts ein. Diese «Geschichte des Materialismus» kann so recht als ein Symptom für die Seelenverfassung, der die Menschheit nunmehr entgegenging, aufgefaßt werden. Denn was ist enthalten gerade in dieser «Geschichte des Materialismus» ?

[ 3 ] Friedrich Albert Lange stellt ungefähr dar, daß der Mensch zu keiner anderen vernünftigen Weltanschauung kommen könne als zum Materialismus, daß er eigentlich nicht anders könne, wenn er sich nicht Illusionen hingeben will, als die atomistisch angeordnete Materie für dasjenige zu erklären, von dem man ausgehen müsse für eine Welterkenntnis. Also man müsse für die Wirklichkeit zugrunde legen diese den Raum erfüllende, materielle Atomenwelt.

[ 4 ] Friedrich Albert Lange fiel es ja allerdings auf, daß man sich Begriffe machen müsse über diese Welt und daß diese Begriffe, Ideen, doch etwas anderes seien als dasjenige, was in Atomen lebt. Aber er sagte: Nun ja, die Begriffe sind eben eine Erdichtung. — Von ihm kam ja gerade der Ausdruck Begriffs-Dichtung. Und so dichtet der Mensch sich seine Begriffe zusammen. Nur tritt die außerordentlich merkwürdige Tatsache ein, daß sich nicht jeder Mensch seine eigenen Begriffe dichtet; sondern damit man sich so ein bißchen versteht, kommt zustande, daß die Menschen gemeinsame Begriffe erdichten. Aber erdichtet sind die Begriffe. Real ist eben nur die in den Raum gestreute atomische Materie.

[ 5 ] Sehen Sie, das wäre krasser Materialismus, der alles, was über den Materialismus hinausgeht, als Dichtung erklärt. Und man könnte sagen: Wenigstens ein konsequenter Standpunkt! Allein das ist die Sache nicht in Friedrich Albert Langes Buch. Wenn er nur so weit ginge, wie ich Ihnen bis jetzt erzählt habe, so wäre er eben ein konsequenter Materialist. Schön. Ich habe Ihnen ja gestern gesagt, der konsequente Materialismus ist gar nicht zu widerlegen. Und wenn jemand nun keinen Zugang zur geistigen Welt hat — Friedrich Albert Lange hatte ganz gewiß keinen —, dann kann er eigentlich nichts anderes, als eben den Materialismus aufstellen als die einzig gültige Weltansicht.

[ 6 ] Aber das tut er nämlich nicht, sondern Friedrich Albert Lange sagt noch etwas anderes, was, ich möchte sagen, wie der rote Faden durch alle Ausführungen seines Buches hindurchgeht. Er sagt: Das ist schon richtig, man kann nur die materielle Atomenwelt als real annehmen. Aber wenn man das annimmt, wenn man nun hergeht und sagt, da wirkt im Raume die materielle Atomenwelt, so und so angeordnet im Wasserstoff, im Stickstoff, so und so zusammenwirkend, wenn Vorstellungen im Gehirn ausgekocht werden, und so weiter — wenn man das alles annimmt, so ist das zuletzt auch nur eine Begriffs-Dichtung. Also der Materialismus, zu dem man sich notwendig bekennen muß, der ist selbst eigentlich nur ein Idealismus, denn man erdichtet ja wiederum nur die Atomenwelt.

[ 7 ] Es gibt ein viel einfacheres Bild, um dasjenige auszudrücken, was da Friedrich Albert Lange in seinem weltberühmten Buche zum Ausdruck gebracht hat; mit Bezug auf die logische Form gibt es ein viel einfacheres Bild. Das ist nämlich die berühmte Münchhausensche Persönlichkeit, die sich an dem eigenen Haarschopf anfaßt und sich nun da in die Höhe zieht. Der Idealist nimmt sich beim iidealistischen Haarschopf und zieht sich in den Materialismus hinein.

[ 8 ] Wir sehen, schon eines der weltberühmtesten Werke im Beginne des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts ist eigentlich nichts anderes als ein ganz gewöhnlicher Unsinn, man kann gar nicht anders sagen, es ist eigentlich ein ganz gewöhnlicher Unsinn. Nicht wahr, wenn es Materialismus wäre, diese «Geschichte des Materialismus», dann wäre es wenigstens neu. Aber daß es ein materialistischer Materialismus ist, ein erdichteter Materialismus ist, ja, das ist der reine Unsinn. Aber was geschieht in diesem naturwissenschaftlich so erfolgreichen letzten Drittel des 19. Jahrhunderts? Diese historische Tatsache muß man ja vor die Seele hinstellen. Was geschieht? Friedrich Albert Langes Buch wird weltberühmt, denn es ist so ziemlich in alle Kultursprachen übersetzt worden, und die hervorragendsten, erleuchtetsten Geister haben es als eine erlösende Tat aufgefaßt.

[ 9 ] Sie kennen ja die Sache, die jetzt so häufig in der Eurythmie aufgeführt worden ist: «Bim, Bam, Bum», wo der eine Ton, Bam, hinter dem Tone Bim dahinfliegt; aber Bim hat sich dem Bum ergeben:

«der ist zwar auch ein guter Christ,
allein das ist es eben».

[ 10 ] Ich muß Sie daran erinnern: Alle diejenigen, die dann ihre Weisheit aus Friedrich Albert Lange gesogen haben und die wiederum die Ausgangspunkte dafür gebildet haben, daß ja im Grunde genommen unser ganzes öffentliches Denken von dieser Sache durchsetzt ist, es waren ja alle erleuchtete Geister — allein das ist es eben: für das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts! Und diejenigen, die bloß Publikum waren, die haben von alledem nichts gemerkt. Und so ist ja wirklich mit Bezug auf die tiefsten Interessenfragen der Menschheit ein ungeheuer intensiver Schlafzustand heraufgezogen.

[ 11 ] Sie werden sagen: Die Dinge sind übertrieben. — Sie sind eben nicht übertrieben! Bloß die Tiefe des Schlafzustandes, der die Menschheit befallen hat in bezug auf die größten Fragen des geistigen Lebens, die Tiefe dieses Schlafzustandes ist eben untertrieben, nicht ist das, was ich gesagt habe, übertrieben, sondern die allgemeine Anschauung über diese Dinge ist eben untertrieben. Und man muß, wenn überhaupt ein gesundes Fundament entstehen soll für ein zukünftiges Geistesleben, diese ganze schwerwiegende Tatsache, wie ich sie eben charakterisiert habe, sich vor die Seele rücken, mit aller Intensität sich vor die Seele rücken. Denn dadurch ist ja überhaupt das Interesse der Menschheit für die geistige Welt ausgeschaltet worden aus der Entwickelung dieser Menschheit. Und nach und nach wurde die Sache so, daß man jemanden um so mehr für einen großen Wissenschafter gehalten hat, je weniger er geistige Probleme nur überhaupt berührt hat. Das war die Situation um die Jahrhundertwende.

[ 12 ] In diese Situation hinein versetzt war dann dasjenige, was Anthroposophie sein wollte. Und so muß, wenn ich mich so ausdrücken darf, die Aufgabe der Anthroposophie aufgefaßt werden. Sie muß so aufgefaßt werden, daß sie tatsächlich aus dem Fundamente heraus arbeiten muß, nicht anknüpfen darf an dies oder jenes, das bei der einen oder anderen Richtung schon da ist. Es ist eben nichts da, und man muß aus dem Fundamente heraus das Wesen des Anthroposophischen verstehen. Dann, wenn man aus dem Fundamente heraus das Wesen des Anthroposophischen versteht, wird man finden, daß die Tatsachen, die gerade durch die Naturwissenschaften vorliegen, überall im höchsten Maße brauchbar sind für anthroposophische Forschung und daß diese Tatsachen der Naturwissenschaft erst ihre richtige Beleuchtung finden durch anthroposophische Forschung. So muß die Situation aufgefaßt werden. Aber dazu ist notwendig, daß sich wirklich ein gewisser Teil der Menschheit entschließt, den Intellektualismus ins Spirituelle hinüberzuführen.

[ 13 ] Gewiß, die Menschen, die sich der anthroposophischen Bewegung anschließen, sind ja alle tief erfüllt von einem gewissen Drang und Hang nach der geistigen Welt. Aber die wenigsten lieben es, auch die Ideenwelt der Gegenwart hinüberzuführen ins Spirituelle. Man möchte mit Ausschaltung der Ideenwelt Anthroposophie sozusagen wie eine Art Gemütstrost in sich aufnehmen. Das aber wird nicht genügen, um der Anthroposophie ihre impulsive Kraft im geistigen Leben zu geben. Sehen Sie, was da in Betracht kommt, das muß wirklich im einzelnen, Konkreten erfaßt werden, und da will ich Ihnen heute gerade ein einzelnes konkretes Beispiel vorführen.

[ 14 ] Ich habe es Ihnen ja öfter gesagt: Dasjenige, was Sie heute als Kopf aufgesetzt haben, das ist der umgewandelte Organismus des vorigen Lebens. Nur muß man von diesem Organismus des vorigen Erdenlebens den Kopf wegdenken. Es ist wirklich so. Da war man im vorigen Erdenleben, den Kopf muß man wegdenken, der löst sich auf im Weltenall. Dasjenige aber, was der übrige Organismus ist, das wird nun der Kopf des nächsten Erdenlebens. Und aus diesem Organismus wird wiederum der Kopf des nächsten Erdenlebens und so weiter. So ist die Sache.

[ 15 ] Nun kann ja heute wiederum jemand sagen: Aber nicht nur mein Kopf ist begraben worden im vorigen Erdenleben, sondern auch mein übriger Organismus. Der hat ja gar keine Gelegenheit gehabt, sich zu verwandeln in den Kopf meines diesmaligen Erdenlebens. — Ja, das ist ja eine ganz oberflächliche Auffassung. Da sehen Sie nicht hin auf Ihren Kopf und auf den übrigen Organismus, sondern da sehen Sie hin auf die physische Materie, die heute Ihren Kopf ausfüllt. Ja, die ändert sich auch während des Erdenlebens ungefähr alle sieben Jahre. Was Sie heute als Ihre Materie in sich tragen, das haben Sie vor acht Jahren noch nicht gehabt. Dasjenige, was durch das Erdenleben durchgeht, das ist ja die durchaus unsichtbare übersinnliche Form.

[ 16 ] Die Materie, die Ihren Kopf ausfüllt, die haben Sie natürlich erst in diesem Erdenleben aufgenommen. Aber die Form, die übersinnlichen Kräfte, die sich heute zu den Augen runden, die die Nase aufstülpen, sind dieselben Kräfte, die im vorigen Erdenleben Arme und Beine und den übrigen Organismus eben gebildet haben. Daß Sie mit physischen Sinnen von den anderen Menschen gesehen werden, das rührt davon her, daß ganz gestaltlose Materie Ihre Gestalt ausfüllt. Es ist ja nicht die Materie, die Ihnen die Gestalt gibt. Wenn Sie Salz essen, so will ja das Salz würfelförmig sein, es will nicht nasenförmig sein, auch nicht augenförmig, es will würfelförmig sein und so weiter. Daß Sie die Gestalt haben, als die Sie als Mensch erscheinen, das haben Sie ja nicht von der Materie, die der Grund Ihrer physischen Sichtbarkeit ist; aber die Gestalt Ihres gegenwärtigen Kopfes, die ist wirklich durch Metamorphosen hindurchgegangen, durch die Gestalt Ihres Organismus außer dem Kopfe des vorigen Erdenlebens. Dadurch aber war ja Ihr Kopf wirklich in einer außerordentlich günstigen Situation. Weil er so gut behandelt worden ist im Weltenall, deshalb ist er auch zuerst, als ein richtig gestalteter Kopf, im Embryonalleben aufgetreten. Denken Sie sich nur, der Kopf ist ja zuerst sehr schön ausgebildet, das andere hängt im ersten Embryonalleben wirklich nur wie Nebenorgane daran. Das muß erst von außen gestaltet werden, sieht eigentlich furchtbar aus im Verhältnis zur Menschengestalt, wenn man es betrachtet, während der Kopf von Anfang an eigentlich sehr schön schon ausgebildet ist. Wer allerdings nur den ausgewachsenen Menschen gelten läßt, für den wird ja auch der Kopf des Embryos etwas Unsympathisches haben, aber eigentlich ist er schon schön ausgebildet. Das ist, weil er sich seine Gestaltungskräfte aus dem vorigen Leben mitbringt.

[ 17 ] An diesem Kopfe ist also eigentlich so gearbeitet worden zwischen dem Tod und der jetzigen Geburt, wie ich das in den Vorträgen über Kosmologie, Religion und Philosophie vor längerer Zeit im Goetheanum drüben aufgestellt habe. Dieses Arbeiten zwischen Tod und neuer Geburt bezieht sich eben auf die Ausgestaltung der Formkräfte des menschlichen Hauptes.

[ 18 ] Deshalb aber ist das Haupt des Menschen gegenüber dem Kosmos etwas außerordentlich Vollkommenes. Das Haupt des Menschen enthält eigentlich materiell das Abbild des Geistes, der Seele und des Leibes des Menschen. Wenn man also das Haupt ins Auge faßt, so hat man da auf materielle Art, indem sie in der gestalteten Materie erscheinen, zusammenwirkend Geist, Seele und Leib. Man könnte sagen: Für das Haupt des Menschen ist Geist, Seele und Leib noch leiblich. Sehen Sie, das ist das Geheimnis des menschlichen Hauptes, daß auf leibliche Art da der Geist auftritt, daß wir an dem Wunderbau des Gehirns materiell aufzeigen können: dieser Wunderbau ist ein Bild des Geistes. Wie der Siegellack das ausdrückt, was auf dem Petschaft ist, so haben wir durch das Haupt materiell Geist, Seele und Leib gegeben.

[ 19 ] Bei dem Stoffwechsel-Gliedmaßen-Menschen ist es so, daß Sie sagen können: Da ist eigentlich alles mehr oder weniger physisch vorhanden. Die Beine, diese zwei Säulen, haben ja noch nichts von dem Wunderbau des menschlichen Hauptes. Sie werden erst eine Metamorphose durchmachen. Sie werden als Unterkiefer mit seiner wunderbaren Funktion und Beweglichkeit im nächsten Erdenleben erscheinen, während die Arme nach der Umwandlung im nächsten Leben hineingeheimnißt sind in den Oberkiefer und so weiter. So daß man sagen kann: In dem Bewegungssystem — es sind allerdings schon die Arme etwas umgestaltet, nachdem der Mensch seinen aufrechten Gang sich angeeignet hat —, da ist im wesentlichen das Umgekehrte der Fall, da ist Geist, Seele und Leib eigentlich geistig. Da sind Geist, Seele und Leib durchaus ein Geistiges.

[ 20 ] Man möchte sagen, so wie der Mensch materiell aussieht in bezug auf seine Beine und alles dasjenige, was da dran hängt, so ist das nicht wahr. Es wird erst in seiner wahren materiellen Gestalt sich im nächsten Erdenleben zeigen, wenn es Kopf geworden ist. Jetzt ist es ganz im Anfange, ist eigentlich in dem, als was es materiell erscheint, ganz unwesentlich. Das Wesentliche daran ist dasjenige, was es erst durch den Willen wird: die Bewegung, die Dynamik, die Statik, alles dasjenige, was der Mensch von seinem Bewegungssystem in den Willen überführt. Also was geistig ungreifbar, was geistig übersinnlich ist, das ist dasjenige, was dieser übrige Mensch ist. Während also der Kopf bei jedem materiellen Wesen ein Abbild des Geistes ist und der Geist selbst da leiblich erscheint, ist beim Bewegungssystem der Leib kaum leiblich. Man muß überall, wenn man überhaupt in dem ganzen Bewegungssystem einen Sinn finden will, aufsuchen: Inwiefern taugt das Leibliche zum Geistigen, zur geistigen Offenbarung des Menschen? So daß man sagen kann: Das ist das ganz großartige Mysterium des Kopfes, daß Geist, Seele und Leib leiblich sind. Daß Geist, Seele und Leib geistig sind, das ist das großartige Mysterium des unteren Menschen.

[ 21 ] Sehen Sie, das Alte Testament hat aus dem instinktiven Hellsehen viel besser über diese Dinge Bescheid gewußt als der heutige Mensch. Der heutige Mensch überschätzt eigentlich den Kopf. Ich habe das ja von verschiedenen Gesichtspunkten aus schon auseinandergesetzt. Im Alten Testament werden Sie niemals die Illusion hingestellt finden, als ob das Gehirn Träume aushecke! Es wird davon geredet: Jahve peinigte den Menschen im Schlafe in bezug auf seine Nieren. Da wußte man, daß im Stoffwechselsystem dasjenige liegt, was sich im Träumen darstellt. Da schrieb man nicht alles dem Kopfe zu. Warum schreibt man denn heute eigentlich alles dem Kopfe zu? Das will ich Ihnen sagen: An den Geist glaubt man nicht, deshalb schaut man auf dasjenige am Menschen nicht hin, wo selbst der Leib noch geistig ist. Auf den unteren Menschen schaut man eigentlich nicht hin, da ist man nicht stolz darauf. Aber man schaut auf das, wo selbst der Geist leiblich-materiell ist, auf den Kopf: Auf das ist man stolz, weil da der Geist materiell-leiblich wird.

[ 22 ] Also Überschätzung des Kopfes, das ist schon Materialismus. Man will bloß die Materie und will auch den Geist bloß als Materie haben. Deshalb findet man heute in unseren physiologischen, in unseren wissenschaftlichen Darstellungen den Kopf so beschrieben, wie er beschrieben wird, weil man den Geist nur materiell haben will. Das ist er, aber im Kopfe. Nur natürlich weiß man nichts davon, daß, bevor dieser Kopf den Geist bis zur leiblichen, das heißt materiellen Bildhaftigkeit herunterbringen konnte, er durchgehen mußte durch das ganze Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Daß überhaupt dieses materielle Abbild des Geistes des Menschen im Kopf hat entstehen können, dem mußte eine lange geistige Entwikkelung vorangehen. Diese materielle Wunderbildung des menschlichen Gehirns ist der Abschluß einer wunderbaren Geistesentwikkelung. Aber man will bloß auf das Materielle sehen, will auch bloß den Geist in seiner materiellen Form gelten lassen.

[ 23 ] Nun, jetzt wollen wir einmal uns entschließen, meine lieben Freunde, recht achtzugeben. Man kann ja auch, wenn man schon über das vierzehnte Jahr hinaus ist, trotzdem noch recht achtgeben. Nicht wahr, da haben wir oben eine Region im Menschen, die ist ganz leiblich, und da haben wir unten eine Region im Menschen, die ist ganz geistig. Ja, muß es da nicht einen Zwischenpunkt geben, der weder ganz leiblich noch ganz geistig ist, der beides ist, folglich keines von beiden? Es muß also da in der Mitte einen neutralen Punkt geben, wo das Geistige ins Leibliche und das Leibliche ins Geistige übergeht, wo keines von beiden da ist, wo der Mensch weder abhängig von oben, noch abhängig von unten ist, wo er unabhängig von beiden ist. Das muf3 es da irgendwo in der Mitte geben.

[ 24 ] Wollen wir uns die Bedeutung dieses Punktes, der also im mittleren Menschen, im Brust-Menschen, liegen muß, einmal klarmachen. Denken Sie sich, Sie haben hier eine Waage. Denken Sie sich hier eine Last, auf der anderen Seite Gewichte; nun bringen Sie ein Gleichgewicht hervor. Ich darf nicht hier ein Übergewicht geben, sonst geht das herunter, ich darf auch nicht dort ein Übergewicht geben, sonst geht das herunter, ich darf auch nichts wegnehmen, sonst bewegt sich das Ganze. Aber sehen Sie, hier ist ein Punkt, ein neutraler Punkt. In diesen Punkt könnten Sie hineinbringen so viel Sie wollten, nichts würde geändert im Gleichgewicht der Waage. Sie könnten auch die Waage da nehmen, und wenn Sie vermeiden, daß irgendwo ein Übergewicht entsteht durch irgendeinen Schwung oder so etwas, so können Sie die Waage überall herumbewegen, das Gleichgewicht bleibt dasselbe. Sie können während der Bewegung richtig das Wägen ausführen. Das ist ein Punkt, der überhaupt das ganze System der Waage nichts angeht, ein Gleichgewichtspunkt. An dem können Sie ausführen, was Sie wollen, so ändert sich für die übrigen Verhältnisse der Waage gar nichts. Da hat zum Beispiel einer hier eine Last darauf, auf der anderen Seite Gewichte. Jetzt fällt ihm ein: Der Waagebalken ist von Eisen, das gefällt mir nicht, ich mache ihn aus Gold. — Nun braucht er nur den Mittelpunkt etwas zu vergrößern, denn eigentlich ist der Ruhepunkt ein mathematischer Punkt, aber man wird ihn etwas vergrößern können. Man kann ganz gut Gold hier hereinbringen in den Ruhepunkt: Das Gleichgewicht wird nicht geändert. Wenn Sie das Gold hier irgendwo hinbringen — außerhalb des Mittelpunktes —, dann ändert sich gleich das Gleichgewicht. Aber wenn einer da einen hohlen Raum erzeugen und Fleisch hineinbringen will, so kann er das auch, es ändert sich das Gleichgewicht dadurch nicht. Ein anderer bringt Butter hinein: Die Butter schmilzt in der Sonne, das Gleichgewicht der Waage ändert sich nicht. Kurz, es ist eben hier ein Punkt, ganz unabhängig von dem ganzen System der Waage, wo Sie machen können, was Sie wollen.

[ 25 ] In derselben Lage ist der Punkt, der da zwischen dem Leiblichen und Geistigen als ein Ausgleichspunkt drinnen liegt. Der ist weder vom Leiblichen noch vom Geistigen irgendwie abhängig. Da kann der Mensch aus diesem Punkt heraus machen, was er will.

[ 26 ] Wenn man sich einfach vorstellt, der Mensch ist ein leibliches Wesen und alles hängt einseitig nach Ursache und Wirkung zusammen, da findet man diesen Punkt nicht. Wenn man sich vorstellt, der Mensch ist nur ein geistiges Wesen und alles ist von oben herunter durch göttliche Welten determiniert, dann ist wiederum nichts zu machen, denn dann muß der Mensch das ausführen, was von den Göttern determiniert ist. Wenn man aber weiß: Da ist ein Gleichgewichtspunkt, da ist der Mensch gottbestimmt nach oben, materiebestimmt nach unten, und mit dem einen Punkt, der nun nachweisbar ist in seinem mittleren Menschen, mit dem kann er anfangen in der Welt, was er nur aus sich heraus anfangen will — wenn Sie diese dreifache Konstitution des Menschen haben, dann finden Sie in dem mittleren Teil wissenschaftlich streng nachweisbar die Tatsache der menschlichen Freiheit. Das kann man so sagen, das ist so wissenschaftlich, wie irgendeine quadratische Gleichung gelöst werden kann oder ein Differentialquotient gesucht werden kann oder irgend etwas. Es ist etwas, was nach den strengen Regeln der Wissenschaft behandelt werden kann. Also Freiheit ist das Ergebnis einer wirklichen Kenntnis der Konstitution des Menschen, weil es im Menschen einen Punkt gibt, der nach oben hin und nach unten so unabhängig ist, wie von der Last rechts und links das Hypomochlion der Waage unabhängig ist. Sie können die Waage überall herumtragen, können diesen Punkt ersetzen, wie ich Ihnen erzählt habe, durch was Sie wollen. So können Sie auch einen Punkt im Menschen finden, wo die Naturkausalität, die Ursachen- und Wirkungszusammenhänge aufhören, wo auch die Zusammenhänge von oben aufhören, die Determination durch die geistige Welt, wo sich beide das Gleichgewicht halten. Da, in diesem Hypomochlion der menschlichen Natur ist verbürgt die menschliche Freiheit. Und sie ist wissenschaftlich streng nachweisbar, wenn man eine wahre Physiologie und eine wahre Psychologie hat, nicht dasjenige, was man heute hat und was ja, wie ich Ihnen schon gezeigt habe, sich zum Dilettantismus im Quadrat zusammensetzt in der Psychoanalyse.

[ 27 ] Das sind die Dinge, die den Menschen, die davon erfahren, zu denken geben sollten, indem sie folgendes ins Auge fassen. Sie können sich ja die ganze Literatur und Philosophie hernehmen, können überall nachlesen von dem Problem der Freiheit — keiner kommt mit dem Problem der Freiheit zurecht. Warum? Weil er ja gar keine wirkliche Anschauung vom Menschen hat. Die gibt es eben heute nicht außer in der Anthroposophie. Und die Tatsache, daß man mit dem Freiheitsproblem nicht zurechtkommt, die weist wiederum zurück auf die andere Tatsache, die ich Ihnen gestern, allerdings mehr mit einem humoristischen Tone, zu beleuchten versucht habe. Aber das, was ich gestern versuchte, aus einer wenigstens angeblich humoristischen Schöpfung heraus, auf humoristische Weise zu charakterisieren, das läßt sich eben durchaus auch mit allem Ernste darstellen.

[ 28 ] Und mit Ernst muß man diese Dinge behandeln, wenn man sich auch im Ernste zur Anthroposophie bekennen will. Dann handelt es sich wirklich darum, daß man auf die echten Realitäten losgeht und diese aber auch in der entsprechenden Weise verwendet. Nicht wahr, wenn man doch nicht recht weiß: Soll man sich zum Geist bekennen, weil man den Geist nur in abstrakten Ideen kennt, oder soll man sich zum Materialismus bekennen, ja, dann wird man eben ein solcher Humorist wie der Schwaben-Vischer, dann denkt man als ein solcher Humorist ein humoristisches Weltensystem aus, das gar nicht für einen feineren Geschmack, möchte ich sagen, ist, das katarrhalische Weltensystem. Gewiß, man kann ja darüber lachen aber so mit absoluter Gewißheit kann man ja auch nicht sagen, daß das nun nicht stimmt, die Welt sei entstanden durch einen «Nieser des Absoluten». Da ist eben wiederum ein Materielles nicht in der richtigen Weise verwendet. Es handelt sich nur darum, das Materielle immer in der richtigen Weise zu verwenden. Man muß — ob man es nur erkennen will oder ob man es gebrauchen will — dieses Materielle in der richtigen Weise verwenden. Ich habe Ihnen ja davon gestern ein Beispiel gegeben, ich habe Ihnen dargestellt die Anschauung des Schwaben-Vischers, wie er tatsächlich aus dem Katarrh als aus einer zwingenden, überwältigenden Realität heraus ein ganzes Weltensystem schafft. Ja, auf dem Gebiete der Anthroposophie tut man das nicht! Da hat man auch einen Katarrh wie ich gestern, aber ich habe ihn immer nur ab und zu zur Illustration verwendet: Ab und zu kam das Katarrhalische, das Husten heraus; das war nur zur Illustration verwendet, nicht um gleich irgendwie die Grundlage zu einer Weltanschauung zu gewinnen, sondern nur um Anschauungsunterricht zu geben.

[ 29 ] Nicht wahr, wenn man so haltlos hinwankt zwischen der katarrhalen Materie und dem bloß ideellen Geiste, dann kommt man darauf, von der Verführung und Versuchung durch den Gott Grippo zu sprechen. Das ist ja auch nicht mehr auf dem Boden der Anthroposophie möglich. Da propagiert man ein Grippemittel, um eben der Versuchung nicht ausgesetzt zu sein, eine ganze Sündenfallmythe an den Gott Grippo anzuknüpfen! Es handelt sich darum, daß man auch das Materielle an der richtigen Ecke erfaßt und es an seinen richtigen Platz stellt.

[ 30 ] Also die Dinge müssen sich wesentlich ändern. Wenn man ein solcher Geist war wie der Schwaben-Vischer im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, da ärgerte man sich und spuckte und räusperte sich und fand schließlich die Farce von dem Gotte Grippo. Wenn man Anthroposoph ist, so versucht man die Grippe mit unserem ja sehr wirksamen Grippemittel einfach zu bekämpfen! Das sind die Dinge, die Sie hinweisen auf den richtigen Unterschied, wie man aus dem Geiste heraus das Materielle behandelt.

[ 31 ] Schon an der ganzen Art, wie man heute das menschliche Haupt, den menschlichen Kopf erkenntnismäßig betrachtet, sieht man, daß eigentlich die gesamte heutige Weltanschauung eine tiefe Sympathie für den Materialismus hat. Und an der Tatsache, daß man dem Freiheitsproblem ratlos gegenübersteht, drückt sich das aus, daß man eben nicht weiß, daß zwei ganz verschiedene Weltenimpulse an dem oberen Menschen und an dem unteren Menschen tätig sind. Und diejenigen, die in alten Zeiten bloß nach dem oberen Menschen geschaut haben, die haben gefunden: Der Mensch kann nicht frei sein, denn er ist überall determiniert aus der geistigen Welt heraus. Diejenigen, die heute nach dem Menschen hinschauen, die schreiben alle dem, was sich am Menschen äußert, einfach eine Naturkausalität zu. Von beiden Gesichtspunkten aus kann der Mensch nicht frei sein. Aber die geistige Kausalität gilt für den Kopf, die Naturkausalität gilt für den Stoffwechsel-Gliedmaßen-Menschen. Dazwischen liegt die rhythmische Organisation, die eben deshalb rhythmisch ist, weil sich in ihr die Dinge rhythmisch ausgleichen. In der rhythmischen Organisation liegt etwas, was weder im geistigen noch im materiellen Sinne determiniert ist, was weder determiniert noch kausaliisiert ist, was darstellt den Punkt, aus dem heraus der Freiheitsimpuls beim Menschen kommt.

[ 32 ] Sie sehen, an solchen konkreten Punkten kann man aufzeigen, wie Anthroposophie gerade hineinleuchtend wirkt in die tiefsten Probleme des Menschendaseins. In demselben Augenblicke, in dem aufgestellt worden ist in meinem Buche «Von Seelenrätseln» die dreigliedrige Menschennatur: Nerven-Sinnes-Mensch, rhythmischer Mensch, Stoffwechsel-Gliedmaßen-Mensch, in demselben Augenblicke war eben zurückgeleuchtet auf die «Philosophie der Freiheit», in der die Freiheit einfach als eine Tatsache hingestellt worden ist. Es war hingeleuchtet auf diese Tatsache der Freiheit, so daß man sagen konnte: Betrachtet ihr den Menschen seiner wahren Wesenheit nach als eine solche dreigliedrige Organisation, dann könnt ihr ganz wissenschaftlich exakt zur Darstellung der Freiheit im Menschen kommen, wie man zur Darstellung des Hypomochlions bei der Waage kommt oder irgendwo bei einem Kräftesystem eben zur Darstellung eines Gleichgewichtspunktes kommt, der dann da ist, unabhängig von dem übrigen Spiel der betreffenden Kräfte des Kräftesystems. Aber Sie werden daraus auch sehen, wie Sie eigentlich heute überall hinschauen können: Nirgends finden Sie ja die Wahrheit über diese Dinge vertreten. Und aus jenen mangelhaften Begriffen heraus, die ganz fernestehen der wahren Organisation des Menschen, werden die Menschen heute erzogen, bilden daraus moralische Systeme, Religionssysteme, bilden daraus namentlich soziale Systeme. Ja, kein Wunder, daß diese sozialen Systeme in solchen Ausgeburten des Denkens sich darleben, wie das an dem Beispiel so deutlich zutage tritt, das neulich von Leinhas im «Goetheanum» charakterisiert wurde, wo einer zugeben muß, daß ja die Anschauungen, die an den Marxismus anknüpfen, sich im Leben selber widerlegt haben, das Leben zeigt, daß sie nicht gelten können. Aber das ist nicht ausschlaggebend, man muß erst abwarten, bis einer wissenschaftlich beweist, daß sie nichts gelten können. Man kann eigentlich, wie es ja durch Leinhas geschehen ist, solche Dinge nur noch in Gänsefüßchen mit den eigenen Worten der Autorität anführen, denn will man sie wiederholen, dann glaubt man, es zerspringt einem der Kopf. Es dreht sich nicht nur ein Mühlrad im Kopf herum, sondern man glaubt überhaupt, es zerspringt einem der Kopf, wenn man solche Dinge nur nachdenken soll.

[ 33 ] Das ist notwendig, daß man nicht bloß innerhalb der anthroposophischen Bewegung sich mitbewegt und draußen alles grad und krumm gehen läßt, sondern daß man sich interessiert zunächst dafür, wie chaotisch allmählich unsere Erkenntnis und dasjenige, was aus dieser Erkenntnis in der Welt vielfach geschöpft worden ist, sich eigentlich ausnimmit.