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The Rudolf Steiner Archive

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Menschenwesen Menschenschicksal und Welt-Entwickelung
GA 226

16 Mai 1923, Oslo

Erster Vortrag

[ 1 ] Die herzlichen Worte von Herrn Ingerö möchte ich damit erwidern, daß ich Ihnen die Versicherung gebe, daß es mir die tiefste Befriedigung gewährt, auch wieder in solchen internen Vorträgen zu Ihnen ausführlicher von anthroposophischen Angelegenheiten sprechen zu können. Es ist ja so, daß es mir gerade gegönnt war, hier in Norwegen in Zyklen einschneidende anthroposophische Wahrheiten wiederholt entwickeln zu dürfen. Hier durfte ich auch jenen Zyklus sprechen, der immer wiederum vor meiner Seele steht, über die europäischen Volksseelen, und hier durfte manches andere über anthroposophische Dinge gesprochen werden. Hervorgerufen ist das durch die besonderen Verhältnisse, die dadurch gegeben sind, daß gerade Norwegen gewissermaßen, wie ich das bei früheren Gelegenheiten immer wieder charakterisieren durfte, an einem bemerkenswerten Punkte der europäischen Zivilisationsentwickelung liegt, und daß die Zukunft von Europa gerade von Norwegen wird sehr viel zu erwarten haben.

[ 2 ] Nun darf ich aber wohl in diese Worte tiefster Befriedigung auch hier ein anderes Wort hineinstellen. Das ist das, daß, wenn ich jetzt, meine lieben Freunde, zu den alten anthroposophischen Freunden über Anthroposophie spreche, wirklich immer im Hintergrunde steht das traurige Ereignis der Silvesternacht von 1922 auf 1923. Es haben auch viele unserer norwegischen Freunde das Goetheanum gesehen, ja, es haben norwegische Freunde hingebungsvoll während der zehn Jahre — während wir gearbeitet haben — an diesem Goetheanum mitgearbeitet. Und endlich darf ich mit innigster Befriedigung des Umstandes gedenken, daß es gerade norwegische Freunde waren, welche in ausgiebigster Weise ihre materielle Hilfe uns haben angedeihen lassen gerade in der Zeit, wo wir sie zum Aufbau des uns nun leider genommenen Goetheanum am notwendigsten brauchten. Die opferwillige Betätigung norwegischer Freunde in dieser Beziehung wird tief eingegraben sein in die Geschichte des Goetheanum, denn geistig bleibt doch dasjenige mit der Geschichte der anthroposophischen Entwickelung verbunden, was in dieses Goetheanum hineingebaut war. Und diejenigen, die so große Opfer gebracht haben, wie einzelne unserer norwegischen Freunde, werden damit auch in geistiger Weise sich etwas — wir dürfen sagen — Bedeutsames eingetragen haben in die Annalen der spirituellen Entwickelungsgeschichte, welche mit dem Goetheanum verknüpft ist.

[ 3 ] Im Hintergrunde, möchte ich sagen, steht die furchtbare Flamme, welche wir in der Silvesternacht haben unser Goetheanum verzehren sehen, in einer Nacht dasjenige, was in langer Arbeit errungen worden ist. Und es kann nur hinwegtrösten über dieses furchtbare, schmerzliche Ereignis die Tatsache, daß in Anthroposophie selber etwas gegeben ist, was aus unzerstörbarem Quell heraus ist, so daß es sich in der Entwickelung der Menschheit durchringen muß, auch wenn zunächst dieses äußere Denkmal und Symbolum vom Erdboden verschwunden ist und wohl auch unter günstigsten Verhältnissen nur in notdürftiger Weise wird wiederaufgebaut werden können. Es ist also in gewissem Sinne ein Ton der Wehmut, der jetzt unsere Betrachtungen durchdringen muß, indem wir unsere Empfindungen nach diesem schmerzlichen Ereignisse hinsenden müssen.

[ 4 ] Nun möchte ich im Verlaufe dieses kurzen Zyklus einiges von dem vorbringen, was im intensivsten Sinne mit dem Wesen des Menschen zusammenhängt, mit der Schicksalsbildung des Menschen und mit dem, was man nennen kann: Verhältnis des ganzen Menschen zur Weltentwickelung. Und ich will gleich, ich möchte sagen, in die Mitte der Sache hinein mich begeben und darauf aufmerksam machen, daß mit der ganzen wesenhaften Entwickelung des Menschen auch aus dem Bereiche des Erdenlebens nicht nur dasjenige zusammenhängt, was wir beobachten, indem wir an diesem Erdenleben mit unserem gewöhnlichen wachen Bewußtsein teilnehmen, sondern daß mit dem Wesen des Menschen ganz intensiv und innig dasjenige zusammenhängt, was sich für diesen Menschen während des Schlafzustandes vom Einschlafen bis zum Aufwachen abspielt.

[ 5 ] Für die äußere Erdenkultur und Erdenzivilisation ist gewiß in erster Linie wichtig und bedeutungsvoll dasjenige, was der Mensch aus seinem wachen Wesen heraus zu denken, zu fühlen, zu vollbringen in der Lage ist. Aber der Mensch würde gar nichts in äußerer Beziehung vermögen, wenn er nicht fortwährend zwischen dem Einschlafen und Aufwachen aus der geistigen Welt heraus seine menschlichen Kräfte erneuert bekäme. Unser geistig-seelisches Wesen oder, wie wir gewohnt worden sind auf anthroposophischem Boden zu sagen, unser astralischer Leib und unser Ich, gehen immer beim Einschlafen aus dem physischen Leibe und dem ätherischen Leibe heraus, sie gehen in die geistige Welt hinein und dringen erst wiederum in den physischen und in den Ätherleib beim Aufwachen ein, so daß wir bei normalen Lebensverhältnissen ein Drittel unseres Erdendaseins in diesem Schlafzustande verbringen.

[ 6 ] Wenn wir zurückschauen im Erdendasein, knüpfen wir immer Tag an Tag, lassen in einer solchen bewußten Rückschau dasjenige aus, was wir zwischen dem Einschlafen und Aufwachen durchmachen. Wir überschlagen gewissermaßen dasjenige, was uns, wenn ich mich so ausdrücken darf, in unser Erdenleben herein die Himmel, die göttlichen Welten geben. Und wir nehmen bei einer solchen Rückschau des gewöhnlichen Bewußtseins nur Rücksicht auf dasjenige, was uns die physischen Erdenerlebnisse geben. Aber wenn man sich wirkliche, richtige Vorstellungen verschaffen will über dasjenige, was wir zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen durchleben, dann muß man sich schon herbeilassen, solche Ideen sich zu bilden, die etwas von den Ideen des gewöhnlichen Lebens abweichen. Denn es wäre naiv, wenn man glauben wollte, daß es in den göttlich-geistigen Welten ebenso zugehe wie in den physisch-sinnlichen Welten, in denen wir zwischen dem Aufwachen und dem Einschlafen sind. Wir gehen mit dem Einschlafen in die geistigen Welten zurück, und in den geistigen Welten ist es anders als in der physisch-sinnlichen Welt. Darauf muß man wirklich mit aller Intensität Rücksicht nehmen, wenn man sich Vorstellungen über die übersinnlichen Schicksale des Menschen bilden will.

[ 7 ] In den religiösen Urkunden der Menschheit finden sich gar manche merkwürdige Andeutungen, die man erst versteht, wenn man eigentlich dieselben Dinge, die in den religiösen Urkunden gemeint sind, wiederum geisteswissenschaftlich durchdringt. So findet sich eine merkwürdige Stelle in der Bibel, die Sie ja alle kennen, die aber gewöhnlich nicht genügend berücksichtigt wird, die Stelle: «So ihr nicht werdet wie die Kindlein, könnet ihr nicht in die Reiche der Himmel eintreten.» Man legt solche Stellen oftmals recht trivial aus, sie sind aber eigentlich immer außerordentlich tief gemeint. Dann möchte ich Sie noch auf etwas aufmerksam machen, was Ihnen vielleicht schon aufgefallen ist im Laufe Ihrer, sagen wir anthroposophischen Laufbahn.

[ 8 ] Diejenige Wissenschaft, aus der heraus geschöpft wird die Erkenntnis über das Geistig-Übersinnliche, habe ich öfter auch wie andere Initiationswissenschaft genannt. Von Initiationswissenschaft redet man, wenn man den Blick zurückwendet in dasjenige, was in den alten Mysterien der Menschheit getrieben worden ist. Von Initiationswissenschaft, von moderner Initiationswissenschaft redet man aber auch wiederum, wenn man von Anthroposophie in einem tieferen Sinn reden will. Initiationswissenschaft deutet gewissermaßen hin auf die Erkenntnis von Anfangszuständen, von Ursprungszuständen. Man will eine Erkenntnis gewinnen über dasjenige, was im Anfange ist, was die Ausgangspunkte gebildet hat. Auch das deutet auf etwas Tieferes hin, was uns heute einmal vor die Seele treten soll.

[ 9 ] Wir denken uns, wenn wir, sagen wir, am 16. Mai 1923 abends einschlafen, wir hätten im Schlafzustande bis zum 17. Mai 1923 die Zeit durchgemacht, die jemand auch durchmacht, der, sagen wir, wach bleibt und auf dem Pflaster der Stadt die ganze Nacht spazierengeht. Wir stellen uns ungefähr so vor, daß unser Geistig-Seelisches, unser Ich und unser astralischer Leib, die Nacht durchmacht, nur in einem etwas andern Zustande, wie ein Nachtschwärmer, der in den Straßen von Kristiania herumgeht, diese Nacht durchmacht.

[ 10 ] Das ist aber nicht so, sondern wenn wir abends einschlafen, oder auch bei Tag einschlafen — das macht keinen Unterschied, aber ich will nur vom nächtlichen Schlaf zunächst sprechen, den der anständige Mensch durchmacht —, so gehen wir jedesmal in der Zeit bis in denjenigen Abschnitt unseres Lebens zurück, der ganz im Anfange unseres Erdendaseins liegt, ja wir gehen sogar noch jenseits unseres Erdendaseins zurück bis in das vorirdische Leben. In dieselbe Welt gehen wir zurück, aus der wir heruntergestiegen sind, als wir durch die Konzeption, durch die Empfängnis einen Erdenleib bekommen haben. Wir bleiben gar nicht in demselben Zeitpunkte, in dem wir wachend sind, sondern wir machen den ganzen Gang durch die Zeit zurück. Wir sind im Momente des Einschlafens in demselben Zeitpunkte, in dem wir waren, als wir, wenn ich mich so ausdrücken darf, von den Himmeln auf die Erde heruntergestiegen sind. Also wir sind gar nicht, nachdem wir eingeschlafen sind, am 16. Mai 1923, sondern wir sind in dem Zeitpunkte, in dem wir waren, bevor wir heruntergestiegen sind, und noch in der Zeit, an die wir uns nicht mehr erinnern, weil wir uns nur bis zu einem gewissen Punkte unserer Kindheit zurückerinnern. Wir werden jede Nacht geistig-seelisch wiederum Kinder, wenn wir in den richtigen Schlaf hineinkommen. Und so, wie man hier in der physischen Welt einen Weg im Raume macht, der zwei, drei Meilen lang ist, so machen Sie, wenn Sie zwanzig Jahre alt geworden sind, einen Weg durch die Zeit, der zwanzig Jahre dauert, und gehen zurück in Ihren Zustand eigentlich noch, bevor Sie Kind waren, also, sagen wir, wie Sie angefangen haben, Mensch zu sein. Sie gehen zum Ausgangspunkte Ihres Erdenlebens in der Zeit zurück. Also während der physische Leib im Bette liegt und der Ätherleib, sind gar nicht das Ich und der astralische Leib in demselben Zeitpunkte, sondern sind zurückgegangen in der Zeit, sind in einem früheren Zeitpunkte. Nun entsteht die Frage: Wenn wir so jede Nacht zurückgehen bis zu diesem früheren Zeitpunkte, wie ist es denn dann, während wir wachen mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leib?

[ 11 ] Diese Frage entsteht erst, wenn wir wissen, daß wir in der Nacht zurückgehen. Aber dieses Zurückgehen ist eigentlich auch nur etwas Scheinbares, denn in Wirklichkeit sind wir mit dem Ich und dem astralischen Leibe auch während des Tagwachens nicht herausgekommen aus dem Zustande, in dem wir im vorirdischen Dasein waren.

[ 12 ] Sie sehen, wir müssen uns Ideen aneignen, wenn wir die Wahrheit über diese Dinge erkennen wollen, die nicht gewöhnliche Ideen sind. Wir müssen uns die Idee aneignen, daß Ich und astralischer Leib überhaupt unsere Erdenentwickelung zunächst gar nicht mitmachen. Sie bleiben im Grunde zurück, bleiben stehen, wo wir sind, wenn wir uns anschicken, einen physischen und einen Ätherleib zu bekommen. Also auch im Wachen ist unser Ich und unser astralischer Leib im Momente des Anfanges unseres Erdenlebens. Wir durchleben das Erdenleben eigentlich nur mit dem physischen Leib und auf eine eigentümliche Weise mit dem Ätherleib. Richtig durchleben wir das Erdenleben im Raume und in der gewöhnlichen Zeit nur mit unserem physischen Leibe. Alt wird nur unser physischer Leib, und der Ätherleib verbindet den Anfang mit demjenigen Punkte, in dem wir gerade in irgendeiner Lebensperiode stehen.

[ 13 ] Nehmen wir also an, irgend jemand ist geboren worden 1900. Er ist heute dreiundzwanzig Jahre alt. Sein Ich und sein astralischer Leib sind im Grunde genommen in dem Zeitpunkte von 1900 stehengeblieben. Der physische Leib ist dreiundzwanzig Jahre alt geworden, und der Ätherleib verbindet den Zeitpunkt des Eintrittes ins Erdenleben mit dem Zeitpunkte, in dem der Betreffende gegenwärtig ist, so daß wir, wenn wir den Ätherleib nicht hätten, jeden Morgen wiederum aufwachen würden als ganz kleines Kind, das eben zur Welt kommt. Nur dadurch, daß wir in den Ätherleib hineingehen, bevor wir in den physischen Leib hineingehen, passen wir uns an das Alter des physischen Leibes an. Wir müssen uns jeden Morgen erst an das Alter des physischen Leibes anpassen. Der Ätherleib ist der Vermittler zwischen dem Geistig-Seelischen und dem physischen Leibe, und zwar so, daß er das Band über die Jahre hin bildet. Wenn einer schon sechzig Jahre alt geworden ist oder noch älter, so bildet der ätherische Leib das Band zwischen seinem allerersten Auftreten auf der Erde, bei dem er stehengeblieben ist als Ich und als astralischer Leib, und zwischen dem Alter seines physischen Leibes.

[ 14 ] Nun werden Sie sagen: Aber wir haben doch unser Ich. Unser Ich ist mit uns alt geworden. Unser astralischer Leib, unser Denken, Fühlen und Wollen sind auch mit uns alt geworden. Wenn einer sechzig Jahre alt geworden ist, so ist doch sein Ich auch sechzig Jahre alt geworden. — Wenn wir in dem Ich, von dem wir täglich reden, unser wahres, unser wirkliches Ich vor uns hätten, dann wäre der Einwand berechtigt. Aber wir haben in dem Ich, von dem wir täglich reden, gar nicht unser wirkliches Ich vor uns, sondern unser wirkliches Ich steht am Ausgangspunkte unseres Erdenlebens. Unser physischer Leib wird, sagen wir sechzig Jahre alt. Er spiegelt zurück, indem durch den Ätherleib die Spiegelung vermittelt wird, immer von dem betreffenden Zeitpunkt, in dem der physische Leib lebt, das Spiegelbild des wahren Ichs. Dieses Spiegelbild des wahren Ichs, das wir in jedem Augenblicke von unserem physischen Leibe zurückbekommen, das in Wahrheit von etwas herrührt, das gar nicht ins Erdendasein mitgegangen ist, sehen wir. Und dieses Spiegelbild nennen wir unser Ich. Dieses Spiegelbild wird natürlich älter, denn es wird dadurch älter, daß der Spiegelapparat, der physische Leib, allmählich nicht mehr so frisch ist, wie er im frühen Kindesalter war, dann zuletzt klapperig wird und so weiter. Aber daß das Ich, das eigentlich nur das Spiegelbild des wahren Ichs ist, sich auch als alt zeigt, kommt nur davon, daß der Spiegelungsapparat nicht mehr so gut ist, wenn wir mit dem physischen Leibe alt geworden sind. Und der Ätherleib ist das, was sich nun von der Gegenwart immer so hindehnt, wie perspektivisch, nach unserem wahren Ich und nach unserem astralischen Leib, die gar nicht in die physische Welt heruntergehen.

[ 15 ] Deshalb sehen wir, wie ich das in den öffentlichen Vorträgen jetzt schilderte, dieses ganze Tableau des Ätherleibes oder Zeitleibes. Das ist dasjenige, was sich da ätherisch ausbreitet zwischen unserem gegenwärtigen Augenblick, den nur der physische Leib mitmacht, und unserem Ich, das eigentlich niemals der physischen Erdenwelt vollständig angehört, sondern immer zurückbleibt, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, in den Himmelswelten. Es verfließt im Grunde genommen unser Erdenleben so, daß wir mit unserem wahren Ich und mit unserem astralischen Leib bei unserem Erdenanfange stehenbleiben, daß wir eigentlich durch diese beiden Glieder unseres Menschenwesens das Erdenleben initiieren, den Anfang dadurch machen, und daß wir dann durch den Ätherleib immer die Kräftereihe sehen bis zum physischen Leibe, der in der richtigen Weise älter wird. Das ist die richtige, die wahre Vorstellung, welche man haben muß, wenn man in diese Dinge eindringen will.

[ 16 ] Nun können Sie sich denken, daß, indem während des Lebens diese Tatsachen vorliegen, die Verhältnisse im Momente des menschlichen Sterbens ganz besondere sein müssen. Den physischen Leib legen wir zunächst mit dem Tode ab. Der physische Leib ist aber derjenige, der uns eigentlich unser Erdenalter gegeben hat. Indem wir diesen physischen Leib ablegen, was bleibt uns denn zunächst? Es bleibt uns zunächst dasjenige, was wir nicht in das Erdenleben hereingetragen haben. Aber erfüllt mit allen Erfahrungen des Erdenlebens haben sich das Ich und der astralische Leib, sie sind gewissermaßen am Ausgangspunkte stehengeblieben. Aber sie haben immer hingesehen auf dasjenige, was ihnen der physische Leib mit Hilfe des Ätherleibes zurückgespiegelt hat. Und so stehen wir, wenn wir durch die Pforte des Todes gehen, am Ausgangspunkte unseres Lebens, aber erfüllt nicht mit demjenigen, was wir in uns getragen haben, als wir hinuntergestiegen sind aus der geistigen Welt, sondern erfüllt mit demjenigen, was uns immer als Spiegel des Erdenlebens während des Erdenlebens zurückgekommen ist. Mit dem sind wir ganz erfüllt. Das gibt einen besonderen Bewußtseinszustand am Ende des Erdenlebens.

[ 17 ] Diesen besonderen Bewußtseinszustand am Ende des Erdenlebens, den versteht man dann, wenn man nun das Augenmerk richtet auf dasjenige, was man als Mensch jede Nacht im Schlafzustande durchmacht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Kürzer wird es auch durchgemacht, sagen wir bei kleinen Nachmittagsschläfchen und dergleichen, doch die will ich jetzt nicht berücksichtigen.

[ 18 ] Wenn man mit imaginativer, inspirierter und intuitiver Erkenntnis ausgerüstet auf dasjenige hinschauen kann, was sonst unbewußt bleibt, was sich mit dem Menschen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen vollzieht, dann sieht man, wie jede Nacht der Mensch sein tagwachendes Leben zurücklebt. Ja, es ist so, der Mensch lebt jede Nacht sein tagwachendes Leben zurück, der eine schneller, der andere langsamer, man kann es in fünf Minuten, man kann es in einer Minute zurückleben. Bei diesen Dingen spielen ganz andere Zeitverhältnisse eine Rolle als im gewöhnlichen äußeren Leben des Erdendaseins. Aber nehmen wir die gewöhnliche Nacht, so kann man auf dasjenige mit imaginativer Erkenntnis, mit inspirierter Erkenntnis blicken, was da Ich und astralischer Leib durchleben. Da durchleben sie in der Tat rückwärtslaufend dasjenige, was seit dem letzten Aufwachen in der physischen Welt durchgemacht worden ist. Jede Nacht durchleben wir den Tag, aber in rückwärtiger Ordnung. Jede Nacht durchleben wir dasjenige, was wir zuletzt am Abend gemacht und erfahren haben, dann das etwas Frühere, dann das noch etwas Frühere, dann das weiter etwas früher Zurückliegende. In rückwärtiger Folge machen wir in der Nacht die Tageserlebnisse durch, und in der Regel wachen wir dann auf, wenn wir beim Morgen angekommen sind.

[ 19 ] Sie können einwenden: Ja, mancher wird doch aufgeweckt durch dieses oder jenes Geräusch. — Da sind eben die Zeitverhältnisse anders. Denken Sie sich, man legt sich als anständiger Mensch, sagen wir um elf Uhr ins Bett, schläft jetzt ruhig bis um drei Uhr, hat da dasjenige durchlebt, was man während des Tagwachens bis um zehn Uhr morgens erlebte, in rückwärtiger Folge zurückerlebt, dann wird man durch irgendeinen Tumult aufgeweckt. Den Rest lebt man noch schnell durch, das kann in wenigen Augenblicken sein während des Aufwachens. Der Rest wird immer schnell ausgelebt in solchen Fällen, sonst dehnt er sich über Stunden aus. Aber die Zeitverhältnisse sind während des Schlafens anders. Die Zeit kann ganz zusammengeschoben werden, so daß man doch sagen kann: Während jeder Schlafensperiode durchlebt der Mensch rückwärtslaufend dasjenige, was er während der letzten Wachensperiode durchgemacht hat. Er erlebt es in einer Art von nicht bloßer Anschauung, sondern er erlebt es so, daß sich nun in dieses Erleben eine vollständig moralische Beurteilung desjenigen hineinmischt, was man da durchlebt hat. Man wird sozusagen sein eigener moralischer Richter bei diesem rückwärtigen Durchleben. Und wenn man fertig ist beim Aufwachen mit diesem Durchleben, dann hat man gewissermaßen über sich als Mensch ein Werturteil gefällt. Man taxiert sich als einen so und so wertigen Menschen jeden Morgen beim Aufwachen, nachdem man dasjenige durchlebt hat, rückwärtslaufend, was man bei Tag vollbracht hat. Damit schildere ich Ihnen zugleich dasjenige, was unbewußt das Geistig-Seelische des Menschen jede Nacht — das heißt aber in einem Drittel des Erdenlebens, wenn es normal verläuft — durchmacht, nur unbewußt eben. Die Seele durchlebt das Leben in umgekehrter Folge noch einmal, nur etwas schneller, weil wir etwa ein Drittel unseres gesamten Erdenlebens nur verschlafen.

[ 20 ] Wenn nun der Moment kommt, wo der Mensch durch die Pforte des Todes tritt, trennt sich nach und nach — es dauert ja einige Tage —, nachdem der physische Leib abgelegt ist, das, was ich Ätherleib oder Bildekräfteleib in meinen Schriften genannt habe, von dem Ich und von dem astralischen Leibe. Diese Trennung ist so, daß der Mensch fühlt, indem er durch die Pforte des Todes geschritten ist, wie seine Gedanken, die er bisher nur als etwas angesehen hat, was in ihm selber ist, Realitäten sind, Wirklichkeiten, die sich immer mehr ausbreiten. Der Mensch hat das Gefühl zwei, drei, vier Tage nach dem Tode: Du bestehst eigentlich aus Gedanken, aber diese Gedanken gehen auseinander. — Der Mensch wird als Gedankenwesen immer größer und größer, und endlich löst sich das ganze Gedankenwesen des Menschen in den Kosmos auf. Aber in demselben Maße, in dem sich das Gedankenwesen, das heißt der Ätherleib, in den Kosmos auflöst, konzentriert sich jetzt dasjenige, was auf andere Weise erlebt worden ist als durch das gewöhnliche Bewußtsein.

[ 21 ] Eigentlich ist alles das, was wir im Wachzustande gedacht haben, was wir im wachen Zustande vorgestellt haben, drei Tage nach dem Tode verflogen. Das ist schon so. Vor dieser Tatsache muß man die Augen nicht zudrücken. Dasjenige, was der Inhalt des bewußten Erdenlebens ist, ist drei Tage nach dem Tode verflogen. Aber gerade, indem sich dasjenige, was uns so wichtig ist, so wesentlich während des Erdenlebens ist, in drei Tagen verflüchtigt, steigt aus dem Inneren eine Erinnerung an etwas auf, was vorher gar nicht da war, nämlich die Erinnerung an all dasjenige, was wir immer in den Nächten schlafend zwischen Einschlafen und Aufwachen rückläufig durchgemacht haben. Das tagwache Leben verfliegt, und in demselben Maße steigt aus unserem Inneren heraus die Summe der Erlebnisse, die wir während der Nacht durchgemacht haben. Es sind ja auch die Tageserlebnisse, aber in umgekehrter Folge und mit dem moralischen Gefühl in jedem einzelnen Detail verwoben.

[ 22 ] Nun erinnern Sie sich, wir stehen noch immer mit dem wirklichen Ich, mit dem wirklichen astralischen Leibe im Anfange des Lebens, aber dasjenige, was wir als Spiegelbilder mit dem physischen Leibe bekommen haben, wenn wir noch so alt geworden sind, das fliegt mit dem Ätherleib fort. Dasjenige, was wir während des Erdenlebens gar nicht angeschaut haben, die nächtlichen Erfahrungen, treten jetzt als ein neuer Inhalt auf. Daher fühlen wir uns nach den drei Tagen, nachdem der Ätherleib fortgegangen ist, erst recht wie am Ende unseres Erdenlebens. Wenn wir also sterben, sagen wir am 16. Mai 1923, so fühlen wir dadurch, daß jetzt wie aus nächtlichem Dunkel all die nächtlichen Erlebnisse aufleben, uns an das Ende unseres Erdenlebens hingetragen, aber zugleich mit der Tendenz zurückzugehen. Und nun durchleben wir die Zeit, die wir immer durchschlafen haben, Nacht für Nacht zurück. Das macht ungefähr ein Drittel des Erdenlebens aus.

[ 23 ] Die verschiedenen Religionen schildern es als Fegefeuer oder Kamaloka und so weiter. Wir durchleben unser Erdenleben so, wie wir es unbewußt immer in den Nachtzuständen durchlebt haben, bis wir richtig mit unserem Erleben im Ausgangspunkte des Erdenlebens angekommen sind. Wir müssen wiederum zurückkommen zum Anfange unseres Erdenlebens. Das Rad des Lebens muß sich drehen und muß wiederum zu seinem Ausgangspunkte zurückkommen. So sind die Vorgänge. Drei Tage nach dem Tode haben wir verfliegend die Tageserlebnisse. Ein Drittel unserer irdischen Lebenszeit haben wir rückwärts durchlaufend, eine Zeit, wo wir uns nun eigentlich über unseren Wert als Mensch ganz bewußt klarwerden. Denn dasjenige, was wir unbewußt jede Nacht durchgemacht haben, tritt jetzt bei vollem Bewußtsein auf, nachdem wir den Ätherleib abgelegt haben.

[ 24 ] Im gewöhnlichen Leben kann man sich nur vorstellen, daß man Wege macht, die im Raume liegen. Aber der Raum hat keine Bedeutung für das Geistig-Seelische, der Raum hat nur eine Bedeutung für das Physisch-Sinnliche. Und wir müssen uns vorstellen, daß wir, wenn wir im geistig-seelischen Zustande sind, auch in der Zeit Wege machen, daß wir also dasjenige, was wir, ich möchte sagen, als Davonläufer aus den Himmeln mit dem physischen Leibe abgegangen sind, nach dem Tode wiederum zurückgehen müssen. Allerdings, wir gehen es dreimal so schnell zurück, weil es sich durch die Erlebnisse ausgleicht, die wir während der nächtlichen Schlafzustände gehabt haben. So sind wir — Jahrzehnte vielleicht nach unserem Tode — wiederum zum Ausgangspunkte zurückgekommen, aber bereichert jetzt in unserer Seele mit alledem, was wir als Erdenmenschen durchgemacht haben, nicht nur bereichert mit dem, was uns da als eine Erinnerung bleibt. Trotzdem es mit dem Ätherleib fortgegangen ist, bleibt es uns als eine Erinnerung, nicht nur mit dem bereichert, was wir im Erdenbewußtsein durchgemacht haben, sondern auch mit dem bereichert, was wir aus der vollmenschlichen Wesenheit heraus unbewußt während der Schlafzustände über unseren Menschenwert selber urteilen. So ziehen wir, je nachdem wir gelebt haben, nach längerer oder kürzerer Zeit, nach Jahrzehnten etwa in die Geistwelt ein, aus der wir herausgeschritten sind, aber nur mit dem Bewußtsein herausgeschritten sind. Eigentlich sind wir am Ausgangspunkte stehengeblieben und haben gewartet, bis sich uns die Erdenlaufbahn des physischen Leibes als erfüllt erweist und wir wiederum zurückkehren können zu demjenigen, was wir vor der Geburt beziehungsweise vor der Empfängnis waren.

[ 25 ] Man muß, wenn man diese Dinge schildert, zuerst, namentlich vor der Öffentlichkeit, sie so schildern, daß man nicht gleich die Leute mit diesen ganz anders gearteten Begriffen schockiert. Man kann, ich möchte sagen, bildlich die Sache so schildern, als wenn es eigentlich fortginge nach dem Tode. Aber in Wahrheit ist es ein Zurückgehen, ein Zurückleben nach dem Tode. Es dreht sich in der Tat die Zeit, kommt wiederum zu ihrem Ausgangspunkte zurück. Man könnte sagen: Die göttliche Welt bleibt eigentlich an dem Orte stehen, an dem sie vom Anfange an stand. — Der Mensch macht nur seine Ausläufe, seine Ausgänge aus der Götterwelt. Dann kehrt er wiederum in sie zurück und bringt sich dasjenige, was er sich außerhalb dieser Götterwelt erobert hat, in diese Götterwelt wiederum zurück.

[ 26 ] Nun kommt das Leben, das sich dann anschließt. Wenn wir sozusagen wiederum, aber bereichert jetzt um das Erdenleben — nicht nur um das bewußte, sondern auch um das unbewußte Erdenleben zurückgekommen sind, Kindlein geworden sind, um nun als Kindlein wiederum drinnenzustehen in den Reichen der Himmel, schließt sich dann dasjenige Leben an, das man etwa so schildern könnte, daß man sagt: Der Mensch nimmt jetzt wahr, wie er ist. Geradeso wie er hier zwischen Pflanzen, Steinen, Tieren auf der Erde mit seinem gewöhnlichen Erdenbewußtsein ist, so nimmt der Mensch dann in der Zeit, bei der wir jetzt angekommen sind, wahr. — Ich schildere das nachtodliche Leben. Dann nimmt der Mensch wahr, wie er erstens unter den Menschenseelen ist, die nun nicht auf Erden erleben, sondern in den Himmeln erleben, die also gestorben oder noch nicht geboren sind, aber er nimmt auch wahr zwischen den höheren Hierarchien Angeloi, Archangeloi, Archai, Exusiai und so weiter. Sie kennen die Namen und die Bedeutung der Namen aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Der Mensch bekommt Erfahrungen in dieser rein geistigen Welt. Wenn ich diese Erfahrungen charakterisieren soll, so muß ich das so tun: Es ist, als ob der Mensch sein eigenes Wesen in den Kosmos nun hineintrüge. Das, was er während des Tagwachens, während des nächtlichen unbewußten Erdenlebens durchgemacht hat, trägt er in den Kosmos hinein, das braucht der Kosmos.

[ 27 ] Wir stehen hier als Menschen im Erdenleben, beurteilend dasjenige, was uns als Kosmos umgibt, Sonne und Mond und Sterne, nur vom irdischen Gesichtspunkte aus. Wir rechnen da als Astronomen aus, wie sich die Sterne bewegen, wie sich die Planeten bewegen, wie sie an den Fixsternen vorübergehen und dergleichen. Aber, sehen Sie, mit diesem ganzen astronomisch-wissenschaftlichen Verhalten ist es eigentlich so, wie wenn hier ein Mensch stünde und ein ganz kleines, winziges Wesen diesen Menschen beobachten würde, diesen physischen Menschen meine ich. Ein kleines, winziges Wesen, sagen wir, ein Marienkäferchen würde eine Wissenschaft gründen und würde einen gegenüber dem Marienkäferchen riesigen Menschen beobachten, würde beobachten, wie der zum Leben kommt. Ich nehme an, daß das Marienkäferchen auch eine gewisse Lebenszeit hat. Es würde also beobachten, was da mit diesem Menschen geschieht, würde dann seine Untersuchungen machen nach vorne und nach hinten, aber es würde nicht beachten, daß der Mensch ißt und trinkt, also immer wieder und wieder sein Wesen, sein physisches Wesen erneuern muß, würde glauben, daß dieser Mensch geboren werden kann, von selbst wächst und wiederum von selbst stirbt. Es würde gar nicht beachten, wie da von Tag zu Tag immer die Erneuerung des Stoffwechsels vor sich gehen muß. So ungefähr benimmt sich der Mensch als Astronom gegenüber der Welt. Er achtet gar nicht darauf, daß diese Welt ein gewaltiger Geistorganismus ist, der Nahrung braucht, sonst wären die Sterne längst im Weltenraum nach allen Richtungen zerstreut worden. Die Planeten wären ihre Bahn gegangen. Dieser Riesenorganismus braucht Nahrung, dasjenige, was er immer wiederum und wiederum aufnehmen muß, damit er richtig fortbestehen kann. Und woher kommt diese Nahrung?

[ 28 ] Hier ergeben sich die großen Fragen des Zusammenhanges zwischen dem Menschen und zwischen dem Weltenall. Die irdische Wissenschaft ist so furchtbar richtig, so daß sie alles beweisen kann. Nur sagen eigentlich die Beweise nicht viel. Es glauben die Menschen, wenn sie Anthroposophie hören und diese der gewöhnlichen Wissenschaft in vielen Dingen widerspricht, daß diese gewöhnliche Wissenschaft alles beweisen kann. Das kann sie auch. Das leugnet auch die Anthroposophie nicht. Sie kann alles beweisen. Die Dinge sind nämlich so, daß Beweise für die Wirklichkeit in gewissen Fällen gar nichts besagen können.

[ 29 ] Denken Sie sich einmal, ich berechne, wie sich das Herz des Menschen von einem Jahre zum andern in seiner physischen Struktur ändert. Nehmen wir an, das könnte beobachtet werden und wir sagen: Ein Mensch, der im dreiunddreißigsten Lebensjahre angekommen ist, bei dem ist die physische Struktur des Herzens so, im vierunddreißigsten Jahre so, im fünfunddreißigsten Jahre so und so weiter. Ich beobachte durch fünf Jahre und rechne jetzt aus, wie diese physische Struktur des Herzens, sagen wir, dreißig Jahre früher war. Das kann ich ausrechnen. Da ergibt sich mir eine physische Struktur des Herzens. Ich kann auch ausrechnen, wie sie dreihundert Jahre später oder dreihundert Jahre früher ist. Es liegt nur die Kleinigkeit vor, daß vor dreihundert Jahren das Herz noch nicht da war, daß also der ausgerechnete Zustand nicht existiert hat. Richtig errechnet ist er. Beweisen kann man, daß vor dreihundert Jahren das Herz so und so beschaffen war, nur war es noch nicht da. Beweisen kann man, daß nach dreihundert Jahren das Herz so und so beschaffen sein wird, nur wird es nicht mehr da sein. Die Beweise sind unumgänglich richtig.

[ 30 ] So kann man es aber heute mit der Geologie machen. Man kann berechnen, wie durch eine gewisse Schichte der Erde sich das und das ergeben hat. Dann kann man ausrechnen, wie das vor zwanzig Millionen Jahren war oder nach zwanzig Millionen Jahren sein wird. Der Beweis klappt furchtbar gut, nur war die Erde noch nicht da vor zwanzig Millionen Jahren. Die Veränderung konnte sich ebenso nicht vollziehen wie mit dem Herzen. Und ebenso wird die Erde nicht mehr da sein nach zwanzig Millionen Jahren. Die Beweise sind absolut tadellos, aber die Wirklichkeit hat gar nichts mit diesen Beweisen zu tun. Sie sehen, wie die Dinge liegen. Die Dinge liegen so, daß die Täuschungsmöglichkeit aus dem physischen Leben die denkbar größte ist. Man muß schon etwas in das geistige Leben eindringen können, wenn man einen Standpunkt gewinnen will, um die physische Welt beurteilen zu können.

[ 31 ] Nun gehen wir zu demjenigen zurück, was ich nur durch diese Ausführung von den Beweisen erläutern wollte, welche die Wirklichkeit gar nicht treffen, zu dem zurück, wie der Mensch sich nun, nachdem er in dem Zeitpunkte nach dem Tode angekommen ist, den ich charakterisiert habe, in die Welt der geistigen Tatsachen, geistigen Wesenheiten hineinlebt. Er bringt dasjenige in diese geistige Welt hinein, was er hier auf Erden im Wach- und im Schlafzustande durchgemacht hat.

[ 32 ] Das ist die Nahrung des Kosmos, das ist dasjenige, was der Kosmos fortwährend braucht, damit er fortbestehen kann. Was wir Menschen auf Erden in leichten und in harten Schicksalen erleben, das tragen wir einige Zeit nach dem Tode in den Kosmos hinein, und wir fühlen daher als die Ernährung unser menschliches Wesen in den Kosmos aufgehen. Das sind Erfahrungen, die der Mensch zwischen dem Tode und einer neuen Geburt von gewaltiger Größe, von ungeheurer Erhabenheit macht...

[ 33 ] Dann tritt derjenige Zeitpunkt ein, wo der Mensch sich nicht mehr als eine Einheit erscheint, sondern wo gewissermaßen der Mensch sich als eine Vielheit erscheint, wo der Mensch sich so erscheint, daß die eine Tugend, die eine Eigenschaft gewissermaßen nach dem einen Stern hin sich bewegt, die andere nach dem andern Stern, wo der Mensch sein Wesen in die ganze Welt verteilt wahrnimmt, und wo er zugleich wahrnimmt, wie die Teile seines Wesens miteinander streiten, miteinander harmonisieren oder disharmonisieren. Der Mensch fühlt, wie dasjenige, was er auf der Erde erlebt hat täglich oder nächtlich, sich in den ganzen Kosmos verteilt. Und geradeso wie während der drei Tage nach dem Tode, wo die Gedanken fortgeflogen sind, also alles dasjenige, was unser Tagesleben war, fortgeflogen ist, und wir uns auf dasjenige konzentrieren, was die nächtlichen Erlebnisse waren, und da bis zum Ausgangspunkte unseres Erdenlebens zurückleben, wie wir uns da festhalten mit den nächtlichen Erlebnissen, so halten wir uns, wenn nun die gesamte Menschheitserfahrung in den Kosmos hinausfliegt, fest in demselben, was wir überhaupt als Menschen einer übersinnlichen Weltenordnung sind.

[ 34 ] Jetzt taucht unser wahres Ich aus unserem zerspaltenen, ich möchte sagen aus unserem dionysisch-zerspaltenen Menschen auf. Da taucht nach und nach das Bewußtsein auf: Du bist ja Geist. Du hast nur in einem physischen Leib gewohnt, hast nur dasjenige durchgemacht, was der physische Leib über dich gebracht hat, auch in den nächtlichen Erlebnissen. Du bist ja Geist unter Geistern.

[ 35 ] Man tritt jetzt ein in ein geistiges Dasein unter geistigen Wesenheiten, während man dasjenige, was man als Erdenmensch war, zerspalten und zerteilt sieht in den ganzen Kosmos. Was wir auf Erden hier durchmachen, wird in den Kosmos hinaus zerteilt, daß es dem Kosmos Nahrung werden kann, daß der Kosmos weiterbestehen kann, daß der Kosmos neue Antriebe zu seinen Sternenbewegungen und Sternenbeständen erhalten kann. Wie wir unserem Leben die Erdennahrung zuführen müssen, damit wir als physische Menschen zwischen der Geburt und dem Tode leben können, so muß der Kosmos von Menschenerfahrungen leben, diese in sich aufnehmen. Und wir gelangen auf diese Weise dazu, uns immer mehr und mehr als kosmischer Mensch zu fühlen, gewissermaßen unser ganzes Menschenwesen in den Kosmos übergehend zu finden, aber in den geistigen Kosmos übergehend zu finden. Und der Zeitpunkt ist angelangt, wo wit den Übergang zwischen dem Tod und einer neuen Geburt suchen müssen, von dem Kosmoswerden des Menschen zum Menschwerden des Kosmos. Wir sind aufgestiegen, indem wir uns immer kosmischer und kosmischer fühlen. Ein Zeitpunkt kommt — ich habe ihn in meinen Mysterien genannt die große Mitternachtsstunde des Daseins —, wo wir fühlen: Wir müssen wieder Mensch werden. Dasjenige, was wir in den Kosmos hinaustragen, muß uns in anderer Gestalt der Kosmos wieder zurückgeben, damit wir wiederum zur Erde zurückkehren können. Von dieser Rückkehr darf ich Ihnen dann morgen sagen.

[ 36 ] Ich wollte Ihnen heute zunächst nur das Menschenwesen schildern, wie es hinausgetragen wird aus dem Erdenleben in die kosmischen Weiten. Wir stehen also jetzt sozusagen zunächst mit einer skizzenhaften Schilderung — sie soll in den nächsten Tagen ausführlicher gegeben werden — mitten drinnen in dem Leben zwischen dem Tode und einer neuen Menschengeburt.