Initiations-Erkenntnis
GA 227
21 August 1923, Penmaenmawr
Neue und alte Initiationswissenschaft
[ 1 ] Ein zunächst sehr berechtigter Einwand mit Bezug auf die Beschäftigung mit Anthroposophie kann der sein, daß ja dasjenige, was anthroposophisch, was in bezug auf die spirituellen Welten an Tatsachen erforscht wird, abhängig ist davon, daß man eine solche menschliche Entwickelung durchmacht, wie ich sie beschrieben habe, wie sie nur herausgeholt werden kann aus tieferliegenden menschlichen Wesenskräften, bevor man an diese Tatsachen der höheren Welten herankommt. So daß also eigentlich jeder, so könnte man sagen, der noch nicht eine solche Entwickelung durchgemacht hat, der es also noch nicht dazu gebracht hat, das Schauen übersinnlicher Tatsachen und übersinnlicher Wesenheiten durch sich selbst zu erleben, nicht prüfen könne, ob dasjenige der Wahrheit entspricht, was durch den Erforscher dieser Welten gesagt wird. Und es wird ja auch vielfach, wenn in der Öffentlichkeit über den Inhalt der geistigen Welt gesprochen wird, wenn irgendwo darüber Mitteilungen gemacht werden, sehr häufig der Einwand erhoben: Was sollen mit diesen Ideen von einer übersinnlichen Welt diejenigen nun machen, die noch nicht diese übersinnliche Welt schauen können?
[ 2 ] Es beruht gerade dieser Einwand auf einem völligen Irrtum. Er geht aus davon, daß man zu dem Menschen, zu dem man über die übersinnlichen Welten spricht, von etwas völlig Unbekanntem spricht. Allein das ist gar nicht der Fall. Nur ist wiederum ein ganz bedeutsamer Unterschied mit Bezug auf die Initiationswissenschaft nach dieser Richtung zwischen demjenigen, was heute gegenwärtig das Richtige ist auf diesem Gebiete, und demjenigen, was einstmals in jenen alten Zeiten das Richtige war, von denen ich gestern in meinem Vortrage gesprochen habe.
[ 3 ] Erinnern Sie sich, wie ich den Weg in die geistigen Welten dargestellt habe. Er führt dazu, sagte ich, daß man zuerst in einem mächtigen Lebenstableau dasjenige sieht, was der eigenen Persönlichkeit an Erlebnissen, an Erfahrungen einverleibt ist in diesem Erdenleben. Man überschaut auf einmal dieses im Erdenleben Durchgemachte. Dann sprach ich davon, daß, wenn man von der imaginativen Erkenntnis aufsteigt zu der inspirierten, man dann durch das leere Bewußtsein, durch die absolute innere Stille und Ruhe dahin komme, das vorirdische Leben zu überblicken, daß man also eingeführt werde in diejenige geistige Tatsachenwelt, die der Mensch durchgemacht hat zwischen dem letzten Tode und seinem jetzigen Herabsteigen auf die Erde.
[ 4 ] Nun müssen Sie bedenken, daß ja jeder Mensch, bevor er auf die Erde herabgestiegen ist, diese Erlebnisse gehabt hat. Es gibt keinen Menschen, der nicht diese Erlebnisse gehabt hat in voller Realität, von denen der Erforscher der geistigen Welt zu sprechen hat. Und wenn nun der Erforscher der geistigen Welt diese zunächst unbekannten Tatsachen in Worte kleidet, so appelliert er ja nicht in Wirklichkeit an etwas dem Menschen ganz Unbekanntes, sondern er appelliert an dasjenige, was jeder Mensch vor seinem Erdenleben durchgemacht, erfahren hat. Und es ist in Wirklichkeit nichts anderes als ein Hervorrufen von kosmischen Erinnerungen, an die der Erforscher der geistigen Welten appelliert.
[ 5 ] Alles dasjenige, wovon der Erforscher der geistigen Welten spricht, ist in Ihnen allen, sitzt in Ihren Seelen. Nur ist es beim Übergang vom vorirdischen Leben in das irdische Leben vergessen worden. Und man tut als Erforscher der geistigen Welten im Grunde genommen nichts anderes als dieses: man erinnert den Menschen an etwas, was er vergessen hat.
[ 6 ] Man stelle sich nur einmal vor, man trete für das bloße Erdenleben an einen Menschen heran. Man habe eine genaue Erinnerung an dasjenige, was man vor zwanzig Jahren mit ihm erfahren hat. Er, der andere, habe das völlig vergessen. Nun spricht man mit ihm und kann dadurch dasjenige, was man selber deutlich noch in der Erinnerung trägt, in dessen eigener Erinnerung hervorrufen.
[ 7 ] Ganz derselbe Vorgang, nur ins Höhere übersetzt, liegt zugrunde, wenn ich von höheren Welten zu Ihnen spreche; der einzige Unterschied ist nur der, daß dasjenige, was im vorirdischen Dasein erlebt worden ist, viel gründlicher vergessen worden ist als das im Erdenleben Erlebte. Aber nur weil man dem Gefühle nach eine Abneigung, eine Antipathie hat, sich nun ganz intensiv zu fragen: Findest du in deiner Seele etwas, was zustimmen kann demjenigen, was der Erforscher der geistigen Welten sagt? — nur weil man dieses Antipathiegefühl hat, dringt man nicht tief genug in die Seele hinunter, wenn man sozusagen dem zuhört, oder liest, was der Geistesforscher sagt. Daher glaubt man, er spreche von irgend etwas, das nur er allein weiß, und man könne es nicht prüfen. Man kann es ganz gut prüfen, wenn man sich nur dem Vorurteil entzieht, das aus der eben charakterisierten Antipathie hervorgeht. Denn zunächst ruft der Geistesforscher nur alles dasjenige in das Gedächtnis, was von jedem Menschen im vorirdischen Dasein erlebt worden ist.
[ 8 ] Nun könnte man sagen: Wozu wird man denn während seines Erdenlebens noch extra veranlaßt, nachzudenken über dasjenige, was man ja durch die Einrichtung des Kosmos, man könnte auch sagen durch den Ratschluß der Götter, in seinem außerirdischen Dasein erlebt? Und es gibt wiederum Menschen, die sagen: Ja, wozu soll ich mich vor meinem Tode mit einer solchen Erkenntnis der übersinnlichen Welten beschäftigen? Denn ich kann ja warten, bis ich gestorben bin, da wird mir, wenn es überhaupt vorhanden ist, das alles entgegentreten.
[ 9 ] Dies aber beruht auf einer vollständigen Verkennung des irdischen Lebens. Die Tatsachen, von denen der Geistesforscher spricht, sind von jedem Menschen im vorirdischen Dasein erlebt worden, nicht aber die Gedanken darüber. Und die Gedanken darüber können nur erlebt werden im Erdendasein. Und nur die im Erdendasein erarbeiteten Gedanken über die übersinnliche Welt können wir durch die Pforte des Todes durchtragen, und nur dann verstehen wir die Tatsachen, die wir durchleben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt.
[ 10 ] Man möchte, wenn man drastisch schildern wollte, sagen: Im Grunde genommen ist das Leben eines Menschen in der gegenwärtigen Evolution der Menschheit ein außerordentlich schwieriges, wenn er innerhalb seines Erdendaseins sich keine Gedanken erwirbt über die übersinnliche Welt. Er kommt dann, wenn er durch die Pforte des Todes geschritten ist, nicht zu einer wirklichen Erkenntnis desjenigen, was ihn da umgibt. Es umgibt ihn, aber er kommt nicht zu einem Verständnis. Das Verständnis für dasjenige, was nach dem Tode erlebt wird, muß errungen werden im Erdendasein. Wir werden dann in den weiteren Schilderungen sehen, daß das für eine Menschheit der früheren Zeit anders war. Aber im gegenwärtigen Evolutionsmomente der Menschheit ist es eben so, daß die Menschen immer mehr und mehr darauf angewiesen sein werden, hier auf Erden sich das Verständnis für dasjenige zu erobern, was sie zwischen dem Tode und einer neuen Geburt in der übersinnlichen Welt erleben. Und so kann man sagen: Geisteswissenschaft ist, wenn sie heute zu der Öffentlichkeit spricht, voll berechtigt, denn jedermann kann sie prüfen, weil, wenn er genügend tief in die eigene Seele sich hinein versetzt, er sich nach und nach sagen wird: Dasjenige, was da durch den Geistesforscher gesagt wird, leuchtet mir ja ein. Es ist so, als ob ich es einmal erlebt habe, als ob mir jetzt nur die Gedanken gegeben werden über dasjenige, was ich einmal erlebt habe. Und aus diesem Grunde ist es so sehr notwendig, daß man, wenn man über Geisteswissenschaft, über spirituelle Erkenntnisse spricht, auch wirklich die Sprache etwas anders wähle, als man das im gewöhnlichen Leben tut. Es handelt sich darum, daß derjenige, der an die Geisteswissenschaft herantritt, schon durch die Art und Weise, wie gesprochen wird, den Eindruck bekommt: Da erfahre ich ja etwas, was in der sinnlichen Welt gar nicht gilt, was in der sinnlichen Welt vielfach ein Unsinn ist. Sehen Sie, die Gegner kommen dann und sagen: Was da aus der spirituellen Erkenntnis heraus gesagt wird, das ist ja ein Unsinn, eine Phantasterei. — Solange man bloß die sinnliche Welt kennt und kennen will, hat man ja recht mit einer solchen Aussage, denn es schaut eben die übersinnliche Welt anders aus als die sinnliche. Und erst derjenige, der verzichtet darauf, an sinnlichen Vorurteilen zu hängen, und der tiefer in sein eigenes Seelenwesen hineinschürft, der sagt sich dann: Was der Geistesforscher sagt, das ist nur eine Anregung, damit ich dasjenige, was ich schon in der Seele habe, selbst aus dieser Seele herausziehe.
[ 11 ] Vieles natürlich spricht dagegen, sich ein solches Geständnis zu machen. Aber man muß schon sagen, in bezug auf das Verständnis der übersinnlichen Welten ist dieses Selbstgeständnis das aller-, allernotwendigste. Und man wird sehen, daß selbst die schwierigsten Dinge begreiflich werden, wenn man in dieser tiefen Weise auf das eigene Selbst eingehen will.
[ 12 ] Zu diesen schwierigsten Dingen sind ohne Zweifel zu rechnen die mathematischen Wahrheiten. Dasjenige, was in der Mathematik erkannt wird, das hält man für etwas absolut Richtiges. Nun ist das Eigentümliche, daß selbst die Mathematik, die Geometrie aufhört, richtig zu sein, wenn man in die geistigen Welten hineinkommt. Da handelt es sich darum — ich möchte das an einem ganz einfachen Beispiel klarmachen —, daß man ja die alte Euklidische Wahrheit als ein Axiom, wie man es nennt, als eine Selbstverständlichkeit kennenlernt, sich von Jugend auf daran gewöhnt. Es wird zum Beispiel als eine Selbstverständlichkeit hingestellt: Wenn ich einen Punkt A habe und einen Punkt B, so ist der kürzeste Weg zwischen diesen zwei Punkten die gerade Linie. Jeder andere Weg, jeder krumme Weg ist länger.
[ 13 ] Auf dieser Erkenntnis, die selbstverständlich ist für die physische Welt, beruht ein großer Teil unserer Geometrie. In den geistigen Welten ist es umgekehrt. Da ist die gerade Linie, die man von A nach B nimmt, der längste Weg. Jeder andere Weg ist kürzer, weil jeder andere in der geistigen Welt frei gegangen werden kann. Hat man die Vorstellung, wenn man in A ist, daß man nach B kommen soll, so kommt man durch diese bloße Vorstellung auf jedem krummen Wege leicht hin; aber den geraden Weg einzuhalten, also in jedem einzelnen Punkte der Geraden einzuhalten diese einzige Richtung, das ist das Schwerste, das verlangsamt am allermeisten. Daher braucht man am allerlängsten, wenn man in der geistigen Welt eine Gerade durchmessen will im zweidimensionalen oder im eindimensionalen Raum.
[ 14 ] Derjenige, der etwas nachdenkt über die Aufmerksamkeit und, wie ich oft jetzt sagte, in die Seele tief hineinschürft, was eigentlich die Aufmerksamkeit bedeutet, der kommt darauf, daß das, was der Geistesforscher aus seiner Erfahrung heraus sagt, auch in dieser Beziehung richtig sein müsse. Denn er sagt sich: Wenn ich beliebig herumlaufe, da durchmesse ich meinen Weg leicht —, und dieses Herumlaufen braucht sich nicht bloß zu beziehen auf ein wirkliches Ablaufen von Strecken, sondern auf das, was man täglich tut; die meisten Menschen hantieren ja vom Morgen bis zum Abend. Sie hantieren so, daß sie eigentlich wenig aufmerksam sind, daß sie mehr das tun, was in der Gewohnheit liegt, was sie gestern getan haben, was die Leute sagen, daß man tun soll und so weiter. Da geht die Arbeit schnell vonstatten. Aber bedenken Sie, wenn Sie bei jedem einzelnen Punkte Ihres Tagesdaseins intensiv aufmerksam sein müssen auf dasjenige, was Sie tun, probieren Sie es einmal, Sie werden schon sehen, wieviel langsamer das zustande kommt.
[ 15 ] Nun, in der geistigen Welt gibt es überhaupt nichts ohne Aufmerksamkeit. In der geistigen Welt gibt es keine Gewohnheit. In der geistigen Welt gibt es das Wörtchen «man» nicht, man muß zu dieser Zeit lunchen, man muß zu dieser Zeit dinieren und so weiter. Dieses «man», man zieht sich bei dieser Gelegenheit diese oder jene Kleider an und so weiter, das alles, was unter dem Wörtchen «man» eine so große Rolle spielt in der physischen Welt, besonders in der heutigen Zivilisation, das alles gibt es nicht in der geistigen Welt. In der geistigen Welt muß jeder kleinste Schritt, ja, was noch kleiner ist als ein Schritt, mit der eigenen Aufmerksamkeit verfolgt werden. Das drückt sich schon aus, wenn man den Satz ausspricht: In der geistigen Welt ist die Gerade der längste Weg zwischen zwei Punkten. So hat man den Gegensatz: In der physischen Welt ist die Gerade der kürzeste Weg zwischen zwei Punkten. In der geistigen Welt ist die Gerade der längste Weg zwischen zwei Punkten.
[ 16 ] Geht man nur tief genug in die Seele hinein, so wird man aufmerksam darauf, wie man ein wirkliches Verständnis für diese Sonderbarkeiten aus der Seele herausholen kann, und man wird dann immer mehr und mehr zu dem Selbstgeständnis kommen: Was der Geistesforscher sagt, das ist eigentlich alles eine Weisheit, die in mir selbst sitzt. Ich brauche nur daran erinnert zu werden.
[ 17 ] Parallel damit kann ja heute schon jeder, weil auch die Schritte zur Aneignung der übersinnlichen Erkenntnis in solchen Schriften wie «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das als «Initiation» übersetzt ist, und so weiter gegeben werden — es kann jeder auch heute, soweit es sein Schicksal, sein Karma möglich macht, wie wir noch sehen werden, diesen Weg gehen und so eine eigene Anschauung für die geistige Welt erlangen. Dadurch erlangt er dann die Anschauung für die Tatsachen. Das Verständnis für die Ideen der geistigen Welt, das ist aber durch die angedeutete Selbsterkenntnis für das beim Antritte des Erdenlebens Vergessene durchaus zu erringen.
[ 18 ] Man kann sagen, daß die Erkenntnis der geistigen Welt, wenn sie in Ideen mitgeteilt wird, von jedem verstanden werden kann, daß also zum Verstehen desjenigen, was der Geistesforscher vorbringt, nur der unbefangene, gesunde Menschenverstand, der nur tief genug in die Seele hineinschürfen muß, notwendig ist. Zum Erforschen der geistigen Tatsachen, zum Hineinkommen in die geistige Welt, also zum Sprechen in ursprünglicher Weise von den Tatsachen der geistigen Welt gehört natürlich das Durchmachen des Erkenntnisweges selbst. Daher ist es berechtigt, von den geistigen Welten, wenn sie durch den einen oder durch den anderen bekanntgeworden sind, zu sprechen in voller Öffentlichkeit heute; denn dasjenige, was sich heute der Mensch aneignet im Leben, nur durch seine Schul-Erkenntnisse, ist jene Verständniskraft, jene Unterscheidungskraft, durch die er vordringen kann eben auch zum Verständnisse dessen, was die Geisteswissenschaft vorbringt. Aber auch in dieser Beziehung war es für eine Menschheit der älteren Zeit anders, als es für die Menschheit der Gegenwart ist. Daher war das Verhalten derjenigen, welche in den Mysterien lehrten, welche in den Mysterien Kunst und Religion trieben, ein anderes, als das des Geistesforschers heute sein kann. Heute muß derjenige, der von geistigen Erkenntnissen spricht zu seiner Umwelt, durchaus darauf bedacht sein, seine Ideen so anzuordnen, daß sie wirkliche Erinnerungen anregen an das vorirdische Leben. Man muß heute gewissermaßen zu den zuhörenden Menschen so sprechen, oder man muß dasjenige, was man schreibt für die lesenden Menschen, so einrichten, daß es darstellt Erinnerungen an das vorgeburtliche Leben.
[ 19 ] Man möchte sagen: Jedes Reden über geisteswissenschaftliche Dinge ist so, daß man eigentlich an den Zuhörer herantritt mit dem Appell: Höre dasjenige, was man sagt, schaue tief genug in deine Seele hinein und du wirst finden, daß das eigentlich in deiner Seele selber drinnen sitzt, und du wirst darauf kommen, daß du ja das alles nicht im Erdenleben gelernt haben kannst, da dir keine Blume, keine Wolke, keine Quelle, nichts das sagt, da dir auch nicht Wissenschaft, die nur auf die Sinne und den Verstand baut, dir das jemals sagen kann; du wirst darauf kommen, daß du dir das mitgebracht hast ins Erdendasein, daß du vor dem Erdendasein Dinge mitgemacht hast, die wie durch eine kosmische Erinnerung zurücklassen in deiner Seele dasjenige, was durch den Geistesforscher angeregt wird. Es ist allerdings also ein Appell an das tiefste Innere der Menschenseele, der durch den Geistesforscher getan wird. Aber es ist nicht die Zumutung, man solle etwas Fremdes in sich aufnehmen, sondern lediglich der Appell, man solle sich erinnern an dasjenige, was gerade das tiefste Eigentum der Menschenseele selber ist.
[ 20 ] So war es nicht bei den Menschen der älteren Zeit. Da mußten die Mysterienweisen, die Priester, anders vorgehen, denn die Menschen der älteren Zeiten hatten eine ihnen von selbst kommende Erinnerung an ihr vorirdisches Dasein. Vor einigen Jahrtausenden zweifelte auch der primitivste Mensch nicht daran, daß in seiner Seele etwas sitzt, was er sich aus einem übersinnlichen Leben in das sinnliche mit heruntergebracht hat, denn er erfuhr das jeden Tag in traumähnlichen Imaginationen. Er hatte etwas in seiner Seele, von dem er sich sagte: Das hat mir nicht das Auge gegeben, das den Baum anschaut, das hat mir nicht das Ohr gegeben, das die Nachtigall singen hört, das hat mir nicht irgendein anderer Sinn gegeben, sondern das ist da in meiner Seele. Das konnte ich in mich nicht aufnehmen, seit ich im Erdendasein bin, das war da, als ich herunterstieg zum Erdendasein, und als mir von einem anderen Menschenleib aus während meiner Embryonalzeit der physische Leib der Erde gegeben worden ist, da war schon dasjenige da in mir, was jetzt in mir in traumhaften Imaginationen aufleuchtet. Das habe ich umkleidet mit einem physischen Menschenleib.
[ 21 ] Man hätte also in jenen älteren Zeiten dem Menschen nichts gesagt, wodurch er weitergekommen wäre in seiner Entwickelung, wenn man ihn aufmerksam auf dasjenige gemacht hätte, auf das man gerade den modernen Menschen zuallererst aufmerksam machen muß: daß er eine Erinnerung hat — eine unterbewußte Erinnerung zunächst, die aber durch Anregung ins Bewußtsein heraufgerufen werden kann — von einem vorirdischen Dasein. In den älteren Mysterien mußte vielmehr der Mensch auf ein ganz anderes aufmerksam gemacht werden.
[ 22 ] In den älteren Zeiten, da hatte der Mensch, man möchte sagen, ein tiefes Weh gerade über das Schönste in der Sinneswelt. Er sah die Blume. Er sah sie in ihrer wunderbaren Schönheit aus dem Erdboden heraussprossen, die Blüte entfalten. Er sah ferner das Wohltätige, das für ihn die Blume hatte. Er nahm wahr die rieselnde Quelle mit all der Schönheit, die sie enthüllen kann, wenn man ihr entgegentritt inmitten eines Baumschattens. Er nahm wahr selbstverständlich durch seine Sinne das Erfrischende einer solchen Quelle. Aber dann, dann sagte er sich: Das alles ist ja wie abgefallen, wie sündhaft abgefallen von derjenigen Welt, die ich in mir trage, die ich hereingebracht habe ins physische Dasein, als ich herunterstieg aus geistigen Welten. Und die Mysterienlehrer hatten die Aufgabe, nun dem Menschen klarzumachen, daß auch in der Blume, daß auch in der rieselnden Quelle, daß auch in dem Rauschen des Waldes, im Nachtigallengesang und überall geistige Wesenheit wirkt und webt, daß auch da überall geistige Wesen zu finden seien. Sie hatten dem Menschen die große Wahrheit beizubringen: Dasjenige, was in dir lebt, lebt auch in der äußeren Natur. Denn der Mensch hat mit Weh, mit Leid gerade damals auf die äußere Welt hingesehen, in der Zeit, da er die frischesten, die empfänglichsten Sinne hatte für diese äußere Welt, in der Zeit, in der am wenigsten der Intellekt ihn über Naturgesetze aufgeklärt hat, sondern in der er mit primitiven Sinnen diese Außenwelt angesehen hat. Ihre Schönheit, ihre sprießende, sprossende Schönheit, sie drang in seine Augen, sie drang in seine Ohren, sie drang in die anderen Sinne; aber er konnte all das nicht anders als mit Weh empfinden. Gerade an der Schönheit empfand er das tiefste Weh, weil er es nicht vereinigen konnte mit dem, was als der Inhalt seines eigenen vorgeburtlichen Daseins in seiner Seele lebte. Und so hatten die Mysterienweisen die Aufgabe, zu zeigen, wie das Göttlich-Geistige in allem, auch in den Sinnesdingen wohnt. Gerade die Geistigkeit der Natur hatten die alten Weisen den Menschen klarzumachen.
[ 23 ] Das aber konnten sie nur, wenn sie einen anderen Weg einschlugen, als man heute einschlägt. Ist es heute notwendig, die Menschen vor allen Dingen darauf hinzuweisen, daß sie sich erinnern ihres vorgeburtlichen Daseins, so war es für diese alten Mysterienlehrer notwendig, eine ganz andere Erinnerung hervorzurufen bei denjenigen Menschen, die sie um sich hatten.
[ 24 ] Der Mensch vollbringt während seines irdischen Daseins sein Leben rhythmisch in zwei Zuständen, eigentlich in drei Zuständen: in Wachen, Träumen, Schlafen. Das Schlafen verläuft unbewußt. Einen solchen unbewußten Schlafzustand, obwohl er etwas anders war als der der heutigen Menschen, den hatten auch schon die Menschen älterer Epochen. Sie schliefen auch, verfielen auch in einen Zustand, in dem keine Erlebnisse in die Seele, in das Bewußtsein heraufkamen. Aber der Mensch lebt ja auch vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Wir sterben ja nicht beim Einschlafen und werden nicht neu geboren beim Aufwachen, sondern wir haben ein Leben auch als Seele, als Geist vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Und für das gewöhnliche alltägliche Bewußtsein ist dieses Erleben, dieses eigene Erleben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen vollständig ausgelöscht. Der Mensch erinnert sich an dasjenige, was er wachend oder höchstens noch träumend erlebt; aber er erinnert sich im gewöhnlichen Bewußtsein nicht an das, was er zwischen dem Einschlafen und Aufwachen im traumlosen Schlaf erlebt. Daran erinnert er sich nicht. Die alten Mysterienlehrer behandelten ihre Schüler, und durch die Ideen, die sie in die Welt setzten, die ganze Menschheit, die zu ihnen kam, so, daß nun für diese älteren Zeiten der Menschheit — in bezug auf die Geschichte «ältere Zeiten» wachgerufen wurde dasjenige, was im Schlaf erlebt wurde.
[ 25 ] Die neuere Initiations-Erkenntnis hat zu erinnern an dasjenige, was vor dem Erdendasein in der Menschenseele gelebt hat. Die Initiation der alten Zeiten hatte den Menschen in der InitiationsErkenntnis an dasjenige zu erinnern, was er im täglichen Schlafe erlebte. So daß von diesen alten Mysterienlehrern alle Erkenntnisse, die sie in Ideen kleideten, so angeordnet wurden, daß sich dann die Schüler oder diejenigen, die es hörten, sagen konnten: Die sagen uns ja nichts anderes, als was wir in jedem Schlafe durchmachen. Wir drücken es nur hinunter in das Unbewußte, aber wir machen es während jedes Schlafzustandes durch. Es ist ja gar nichts Unbekanntes, was uns da die Mysterienpriester vorsagen, sondern sie sind nur durch ihre Einweihung darauf gekommen, dasjenige zu schauen, was man für das gewöhnliche Bewußtsein während des Schlafes nicht schaut, was man eben durchlebt.
[ 26 ] Ebenso war es das Wachrufen einer Erinnerung an etwas, was der Mensch durchlebt hat im Schlafe, in jener alten Initiationsweisheit, wie es heute das Wachrufen der Erinnerung an das vorirdische Dasein ist. Aber das ist eines der unterscheidenden Merkmale älterer Initiation und neuerer Initiation, daß eben durch die alte Initiation der Mensch erinnert wurde an dasjenige, was er sonst im alltäglichen Bewußtsein verschlief, das heißt woran er sich im Tagesbewußtsein nicht mehr erinnerte. Ins Tagesbewußtsein wurden von den alten Mysterienweisen die Nachterlebnisse heraufgeholt, und die wiesen den Menschen darauf hin: In der Nacht lebst du mit deiner Seele in der geistigen Welt, die in jeder Quelle lebt, in jeder Nachtigall, in jeder Blume lebt. In jeder Nacht gehst du in dasjenige hinein, das du nur anschaust, nur wahrnimmst durch deine Sinne während des Tages.
[ 27 ] Und dann konnte der Mensch überzeugt sein, daß die Götter, die er in seinem wachen Träumen erlebte, auch in der Natur draußen vorhanden sind. So zeigte, indem er ihm den Inhalt des Schlafes zeigte, der alte Mysterienweise seinem Schüler, daß es draußen in der gegenwärtigen Natur göttlich-geistige Wesenheiten gibt, wie der neuere Geistesforscher die Aufgabe hat, dem Menschen zu zeigen, daß er, bevor er auf die Erde heruntergestiegen ist, in der geistigen Welt als geistiges Wesen unter geistigen Wesen lebte und sich hier auf dieser Erde in Begriffen, in Ideen erinnernd wieder erschaffen kann dasjenige, was er im vorirdischen Dasein erlebt hat.
[ 28 ] In der heutigen Initiationswissenschaft lernt man die wirklichen Tatsachen kennen, die den Schlaf von dem Wachen unterscheiden, wenn man aufsteigt von der Imagination zu der Inspiration. Dasjenige, was der Mensch selber ist als Seele, als Geist vom Einschlafen bis zum Aufwachen, das wird ihm erst anschaulich für die wirkliche inspirierte Erkenntnis; wenn der Mensch aufsteigt zur imaginativen Erkenntnis, kommt er zu seinem Lebenstableau. Wenn er dieses Lebenstableau ausbildet im bloßen Wachen, im leeren Bewußtsein, in der kosmischen Stille, wie ich sie beschrieben habe, so tritt zunächst als Inspiration aus dem Kosmos in seine Seele herein das vorirdische Dasein. Dann aber tritt auch in der Inspiration die Wesenheit von ihm selbst auf, wie diese Wesenheit als geistige und seelische zwischen dem Einschlafen und Aufwachen ist.
[ 29 ] Dasjenige, was im Schlaf unbewußt bleibt, das wird für die Inspiration bewußt. Man lernt hinschauen auf dasjenige, was man tut als Seele und Geist im schlafenden Zustande, und man wird dann gewahr: beim Einschlafen geht eigentlich das Geistig-Seelische aus dem physischen Leibe und aus dem Ätherleib heraus. Man läßt im Bette zurück den physischen Leib und den Äther- oder Bildekräfteleib, wie er in der Imagination erscheint, und wie ich ihn Ihnen beschrieben habe. Und dasjenige, was höhere Glieder der menschlichen Natur sind, was man nennen kann astralischen Leib — ich habe auch das schon angeführt — und die eigentliche Ich-Organisation, die gehen heraus aus dem physischen Leib und dem Ätherleib und gehen beim Aufwachen wiederum in diese beiden Leiber zurück. Jene Spaltung unseres Wesens, die wir durchmachen jedesmal beim rhythmischen Übergang vom Wachen zum Schlafen, die kann erst ihrer Tatsächlichkeit nach durch die Inspiration wirklich geschaut, erkannt werden. Und da nimmt man denn wahr, wie alles dasjenige, was wir uns aneignen im gewöhnlichen wachen Leben durch unser Denken, durch unsere Gedankenwelt, wie das wirklich im Bette zurückbleibt. Unsere Gedanken, die wir uns erarbeiten, unsere Gedanken, für die wir so gequält werden während unserer Schulzeit, all dasjenige, was wir uns als unsere Gescheitheit erworben haben für unsere irdische Intelligenz, das müssen wir bei dem physischen Leib mit dem Ätherleib jedesmal, wenn wir einschlafen, zurücklassen. Wir nehmen aus unserem physischen und unserem Ätherleib in die geistige Welt, in der wir schlafen, als Ich und astralischer Leib nur herüber etwas, was ganz anders ist als dasjenige, was wir erleben während des Wachzustandes. Wenn wir übergehen vom Wachen zum Schlafen, so erleben wir etwas, was wir aber nicht zum Bewußtsein bringen im gewöhnlichen Bewußtsein. Daher muß ich Ihnen, indem ich Ihnen von diesen Erlebnissen spreche, so sprechen, daß die Ideen Begriffe vorstellen, in die ich die Darstellungen dessen zu kleiden haben werde, was der Mensch zwar erlebt, aber nicht weiß für das gewöhnliche Bewußtsein, woran er sich in der im ersten Teil meines heutigen Vortrages angedeuteten Erinnerung aber auch wirklich innerhalb des gesunden Menschenverstandes besinnen kann. Dieses Nachdenken über die Dinge der Welt in den Schattenbildern der wirklich lebendigen Gedanken lassen wir zurück im Einschlafen und leben uns ein in eine Welt, in der wir eigentlich nicht in demselben Sinne denken wie hier in der irdischen Welt, sondern in der wir dasjenige, was ist, erleben, innerlich erleben. Der Mensch erlebt in der Tat während des Schlafens unbewußt das Licht. Über dasjenige, was das Licht tut, wie das Licht im Verhältnis zu den Dingen Schatten, Farben erscheinen läßt, über das denken wir nach, während wir im wachen Leben sind, und wir haben Gedanken über das Licht und die Wirkungen des Lichtes. Diese Gedanken lassen wir, wie gesagt, zurück. Aber in das webende, lebende Licht gehen wir im Schlafe selber hinein. Wir gießen uns aus in das webende, lebende Licht. Und so wie wir hier als Erdenmensch während des Tages, wenn wir unsern physischen Leib an uns tragen, auch mit unserer Seele und unserem Geiste durch die Luft gehen, wie wir über den Erdboden gehen, so treten wir zunächst als Schlafender in das webende, wellende Licht ein und werden selber zu einer Wesenheit, zu einer Substanz von webendem, lebendem Licht. Wir werden Licht im Licht.
[ 30 ] Nur, wenn dann der Mensch inspiriert wird von dem, was er selber in jeder Nacht wird, wenn das also in ihm im wachenden Bewußtsein aufsteigt, dann weiß er zugleich: da lebst du während des Schlafes wie eine Lichtwolke selber in dem kosmischen Lichte. Aber das bedeutet nicht bloß als Lichtsubstanz im Lichte leben, sondern das bedeutet in den Kräften leben, die für das wache Leben Gedanken werden, in Gedanken erfaßt werden.
[ 31 ] Das Licht, das man erlebt, ist überall von schaffenden Kräften durchzogen, von demjenigen durchzogen, was nun in den Pflanzen innerlich wirkt, was in den Tieren innerlich wirkt, was aber auch selbständig als geistige Welten vorhanden ist. Man erlebt nicht etwa das Licht so, wie man es hier in der physischen Welt erlebt, sondern das webende, lebende Licht ist eben — wenn ich mich uneigentlich so ausdrücken darf — der Körper von geistigem Weben und auch von einzelnen geistigen Wesenheiten.
[ 32 ] Hier in der physischen Welt steht man als Mensch in seiner Haut eingeschlossen. Man sieht andere Menschen in ihre Haut eingeschlossen. Dort, während des Schlafzustandes, ist man Licht im Lichte, und andere Wesen sind Licht im Lichte. Aber man nimmt das Licht nicht mehr als Licht wahr, so wie man es gewöhnt worden ist hier auf der physischen Welt als Licht wahrzunehmen, sondern — wenn ich mich jetzt in Bildhaftigkeit ausdrücken darf wesenhafte Lichtwolke, die wir selber sind, nimmt wesenhafte Lichtwolke, die objektiv ist, wahr. Aber diese wesenhafte Lichtwolke, die objektiv ist, die ist ein anderer Mensch, oder ist irgendein Wesen, das die Pflanzenwelt belebt, oder ist ein Wesen, das überhaupt niemals in einem physischen Leib sich inkarniert, sondern immerfort in der geistigen Welt ist.
[ 33 ] Das Licht wird also da nicht als irdisches Licht erlebt, sondern als lebendig wesende Geistigkeit. Und Sie wissen ja, man lebt als physischer Mensch hier auf der Erde noch in etwas anderem. Man lebt in der Wärme, die man physisch wahrnimmt. Der Mensch weiß, wenn es ihm warm ist, wenn es ihm kalt ist. Er heizt sich seine Zimmer, wenn es ihm kalt ist. Er weiß also, daß er auf sinnliche Art hier für das gewöhnliche Bewußtsein im Warmen oder Kalten lebt. Aber das, was er im Warmen oder Kalten erlebt, das fühlt er eben. Das ist das Fühlen, das Empfinden von Wärme und Kälte.
[ 34 ] Geht man jetzt beim Einschlafen aus seinem physischen und seinem Ätherleib heraus, so lebt man, ebenso wie man als Licht im Lichte lebt, selber als Wärmesubstanz in der Wärmesubstanz des Kosmos. Man ist also nicht bloß Lichtwolke sozusagen, sondern man ist von Wärme durchwellte und durchwebte Lichtwolke, und dasjenige, was man wahrnimmt, trägt wiederum in sich die Wärme. Aber so, wie man in dieser Wesenhaftigkeit als Geistig-Seelisches im Schlafzustande nicht das Licht als Licht erlebt, sondern als lebendiges Geistiges, wie man sich selber als lebendiges Geistiges weiß und die anderen Wesenheiten als lebendige geistige Wesenheiten erlebt, wenn es einem bewußt wird durch die Inspiration, so ist auch dieses, was man da mit Bezug auf die Wärme durchmacht. Man kann nicht auskommen in der geistigen Welt, auch für die Inspiration nicht auskommen, wenn man etwa bloß die Vorstellungen mitbringen wollte, die man hier in der irdischen Welt sich erworben hat. Geradeso wie man sich eine andere Vorstellung über den kürzesten Weg zwischen zwei Punkten aneignen muß, so muß man sich eben für alle Dinge andere Inhalte der Seele aneignen. Und so wie man, indem man sich als Licht im Lichte erlebt, eigentlich als Geist in der Geisterwelt erlebt, so erlebt man sich, indem man sich als Wärme in der kosmischen Wärme erlebt, nicht in Wärme, wie man sie gewohnt ist, in der sinnlichen Welt anzusehen, sondern man erlebt sich in der Welt der webenden, kraftenden Liebe; als die Liebewesenheit, die man selber ist im Übersinnlichen, erlebt man sich unter Wesenheiten, die gar nicht anders sein können, als aus Liebe ihre eigene Essenz zu ziehen, die gar nicht anders sein können, als indem sie ihr Liebesdasein in einem allgemeinen kosmischen Liebesdasein haben. So erlebt man sich zunächst zwischen dem Einschlafen und dem Aufwachen in einem geistgesättigten Liebesdasein.
[ 35 ] Deshalb müssen wir, wenn wir überhaupt in diese Welten hineinkommen wollen, worinnen wir ja selbst jeden Tag sind zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, die Liebefähigkeit erhöhen, denn sonst bleibt uns diese Welt, die wir durchmachen zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, natürlich eine fremde Welt. Hier in dieser Welt waltet ja nicht die vergeistigte Liebe, sondern eigentlich nur der von der Sinnlichkeit durchtränkte Triebzustand der Liebe. Die vergeistigte Liebe waltet aber in der geistigen Welt so, wie ich es eben jetzt geschildert habe. Und will man daher dazu kommen, dann auch drinnenzustehen in der Welt mit Bewußtsein, in der man ja eigentlich mit dem Erleben jede Nacht drinnensteht, so kann man das nur, wenn man zunächst die Liebefähigkeit in der Weise ausbildet, wie ich es gestern charakterisiert habe.
[ 36 ] Nun, man kann ja zu sich selbst gar nicht kommen ohne Liebefähigkeit, denn es muß einem ewig verschlossen werden dasjenige, was man in einem dritten Teil seines Lebens, während des Schlafens, auch auf Erden in Wahrheit ist, wenn man es nicht erforschen könnte durch die Ausbildung, die Erhöhung der Liebefähigkeit. Dasjenige, was der Mensch vom Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt, müßte ewig ein dunkles Rätsel für die Erdenwesen bleiben, wenn diese Erdenwesen nicht in der Liebefähigkeit vorrücken möchten, um auf diese Weise ihr eigenes Wesen, wie sie es in dem anderen Zustande zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erleben, auch zur Erkenntnis zu bringen. Die Form aber der Gedankentätigkeit, die wir entwickeln, wenn wir unseren physischen und unseren Äther- oder Bildekräfteleib an uns tragen, also im wachenden Zustand, die lassen wir im Bette zurück; die kommt, während wir schlafen, in eine einheitliche Bewegung mit dem ganzen Kosmos hinein. Würde der Mensch sich wirklich aufklären können über dasjenige, was da nun im physischen und Ätherleib während der Nacht geschieht, so würde er wahrnehmen können von außen, wenn er als wärmendes Lichtwesen lebt, wie der Ätherleib die ganze Nacht fortdenkt.
[ 37 ] Denken können wir, wenn wir mit unserer Seele gar nicht dabei sind, denn dasjenige, was wir im Bette liegen lassen, das treibt die Denkwellen immer weiter und weiter fort. Das denkt fort. Und wenn wir des Morgens aufwachen, dann tauchen wir unter in dasjenige, was im Bette liegen geblieben ist und fortgedacht hat. Wir treffen unsere eigenen Gedanken am Morgen wieder an. Die sind nicht abgestorben zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Wir sind nur nicht dabeigewesen. Und ich werde morgen zu schildern haben, wie man, wenn man nicht dabei ist, viel gescheiter sein kann, viel intelligenter, als man ist, wenn man während des Tagwachens mit seiner Seele bei den Gedanken ist. Dasjenige, was da während der Nacht gedacht wird, wenn man nicht dabei ist, ist oftmals viel gescheiter im Menschen als dasjenige, was er denkt vom Aufwachen bis zum Einschlafen, wenn er dabei ist mit seiner Seele.
[ 38 ] Aber jedenfalls, heute wollte ich andeuten, daß da in dem Ätherleib und physischen Leib fortgedacht wird und daß, wenn wir des Morgens aufwachen und einen Traum verspüren, dieser Traum gewissermaßen andeutet: Deine Seele staut sich, wenn sie aufwacht und untertaucht in den Ätherleib und physischen Leib. Da ist der physische Leib; da der Ätherleib, der Bildekräfteleib; und da ist die astralische Organisation und die Ich-Organisation, das taucht am Morgen unter in den physischen Leib und Ätherleib. Aber beim Untertauchen geschieht etwas, wie wenn eine dichtere Welle, eine dichtere Woge in das Dünnere hineintaucht; es entsteht eine Stauung. Und diese Stauung, die da entsteht, wird erlebt als Morgentraum. Das Ich und der astralische Leib, die in der Nacht im Lichte und in der Wärme gewoben haben, die tauchen in die Gedanken hinein, verstehen die Gedanken nicht gleich, bringen sie durcheinander, und diese Stauung wird erlebt als der Morgentraum.
[ 39 ] Nun, was das Träumen weiter ist, wie dieses Träumen eigentlich rätselhaft im ganzen Menschenleben drinnensteht, und wie das Verhältnis des Schlafens und Wachens weiter ist, das wollen wir dann morgen betrachten.
Fragenbeantwortung
Es wurden schriftliche Fragen eingereicht, deren Wortlaut sich aber nicht erhalten hat.
[ 40 ] Zu der ersten Frage über das Wesen des Schlafes:
[ 41 ] Meine sehr verehrten Anwesenden!
[ 42 ] Vielleicht ist es doch angemessen, ein paar Worte über diese Fragen, die hier gestellt worden sind, zu sagen. Zunächst wundert sich ein Fragensteller darüber, wie wenig die Fachmedizin sich kümmert um die Vorgänge während des Schlafzustandes. — Ja, man braucht sich eigentlich darüber nicht zu verwundern, denn die gegenwärtige Naturwissenschaft ist ja zu ihrer Größe gerade nur dadurch gelangt, daß sie absieht von allem Geistigen, daß sie sich beschränkt auf alles dasjenige, was nicht geistig ist; aber man kann den Schlafzustand und alles, was mit ihm zusammenhängt, wirklich nicht studieren, ohne daß man den Gang findet von der physischen Welt in die geistige Welt. Deshalb ist es sehr erklärlich, daß heute in der Fachmedizin höchstens von den Grenzzuständen des Wachens und Schlafens gesprochen wird, aber nicht eigentlich über dasjenige, was von dem Schlafzustand in den Wachzustand hineinragt und umgekehrt. Gerade morgen werde ich innerhalb meines Vortrages über diese Bilder sprechen. Es ist immer besser, wenn diese Fragen im Zusammenhange besprochen werden.
[ 43 ] Nun wird ja davon gesprochen, daß es Menschen gibt, die sich an gar nichts erinnern, was sie während des Schlafzustandes erlebt haben, daß es aber Menschen gibt, die sich an alles mögliche erinnern. Ja, da möchte ich wenigstens vorher die Frage stellen: Woher weiß man denn, ob dasjenige, was ein Mensch erzählt, wenn er wach geworden ist von seinem Schlafen, ob das, woran er sich erinnert, wirklich alles ist, was er erlebt hat im Schlaf? Woher weiß man denn, wann die Dinge stimmen, die er angibt? Natürlich, wenn die Dinge äußerlich prüfbar sein sollen, dann muß man den Grad seines Schlafes prüfen. Es kann durchaus sein, daß in den Schlaf zunächst manches vom Wachen hineintönt. Aber diese Dinge können nicht in einer leichten Weise genommen werden, sondern müssen exakt geprüft werden; so daß nicht von vornherein die allgemeine Ansicht eine Bedeutung haben kann, daß manche Menschen alles mögliche von ihrem Schlafe erzählen. Da ist alles sorgfältig zu prüfen, und ich werde selber noch einiges in den Vorträgen zu erzählen haben über dasjenige, was Menschen im Schlafe erleben. Und so werden Sie sehen, daß das, was mit der hier vorliegenden Frage wahrscheinlich gemeint ist, außerordentlich wenig von dem umfaßt, was der Mensch wirklich jede Nacht zwischen dem Einschlafen und Aufwachen erlebt, wenn er übergeht in eine ganz andere Welt und wenn er auch auf eine ganz andere Art erlebt. Das ist dasjenige, was berücksichtigt werden muß. Deshalb ist es schon gut, wenn man gerade bei dieser Frage vielleicht die nächsten Vorträge abwartet; da wird sich schon von selbst einiges modifizieren. Es ist also nicht so, daß ich nicht eingehen möchte auf diese Fragen, das ist gar nicht der Fall, sondern manche Dinge können erst in den Vorträgen beantwortet werden, und dann beantworten sie sich vollständiger und sachgemäßer, als man sie so außerhalb der Zeit beantworten kann. Also nicht Unfreundlichkeit ist es, wenn etwas aufgeschoben wird, sondern es ist wirklich ganz sachgemäß.
[ 44 ] Zu der Frage über die Wirkung von Alkohol und ähnlichen Substanzen:
[ 45 ] Nun will ich noch einen Augenblick auf etwas zurückkommen, was gewünscht wird: Physische Substanzen haben ja gewisse geistige Kräfte in sich. Daß etwas physische Substanz ist, das ist eigentlich nur der äußere Schein; physische Substanzen haben schon geistige Kräfte in sich. Nun sehen Sie, ich habe heute morgen gesagt: Im gewöhnlichen Schlaf sind Ich und astralischer Leib abgesondert vom ätherischen Leib und vom physischen Leib, die im Bette liegen, und ich habe gesagt, der Mensch denkt manchmal gescheiter, wenn er nicht dabei ist mit seinem Seelenleben, als wenn er dabei ist.
[ 46 ] Nun haben manche physische Substanzen die Eigentümlichkeit, daß sie, ohne den Menschen in Schlaf zu bringen, das Ich und den astralischen Leib lockern. Diese Wirkung hat unter Umständen schon der gewöhnliche Alkohol. Wenn dann eine etwas irreguläre Verbindung zwischen dem ätherischen Leib und dem Sprachorgan oder dem Denkorgan doch noch vorhanden ist, dann kann der Mensch unter Umständen so sprechen oder schreiben, daß er mit seinem Ich oder astralischen Leib herausgelockert ist, und es schreibt dann dasjenige, was im ätherischen Leibe fortschwingt, und das kann durchaus etwas viel Bedeutenderes sein als das, was der Mensch spricht oder schreibt, wenn er mit Ich und astralischem Leib dabei ist. Man darf natürlich diese Dinge nicht bis zu praktischen Maßregeln treiben; man darf selbstverständlich nicht behaupten, daß jemand dadurch ein guter Dichter werden kann, wenn er in dieser oder jener Weise sich dem Opiumgenuß hingibt, aber auf der andern Seite sind diese Dinge durchaus der Realität entsprechend. Man kommt dabei in eigentlich recht gefährliche Kapitel des menschlichen Lebens hinein. Und für sehr viele Erscheinungen in der Welt hat man notwendig, wirklich notwendig, diese Zusammenhänge zu kennen. Man versteht manchen Menschen in seinen Leistungen gar nicht, wenn man nicht weiß, unter welchem Einflusse substantieller Art — rein äußerlich materiell — er etwas gestaltet hat. Es ist möglich zum Beispiel bei Nietzsche, ebenso wie bei Coleridge, in einigen ihrer Werke wenigstens, jede einzelne Art und Weise des Ausdrucks als das Fortschwingen des Ätherleibes in selbständiger Weise wirklich zu interpretieren.
[ 47 ] Also wir müssen schon uns zugestehen: dieser Ätherleib in uns, der ist eine sehr, sehr gescheite Wesenheit. Und er ist eigentlich gehindert durch dasjenige, was wir im astralischen Leib und im Ich können im Wachzustande, seine Gescheitheiten immer zum Ausdrucke zu bringen. Man kann sich eigentlich gar nicht vorstellen, was für eine Summe von Gescheitheit vorhanden ist, wenn eine Anzahl von Menschen irgendwo versammelt sind! Nur sind immer die Ichs und die astralischen Leiber die Hinderer, diese Gescheitheit zur Oberfläche kommen zu lassen. Das ist ja dasjenige, was ich immer ausgedrückt habe auch in meinen Vorträgen: das Ich ist eigentlich das Baby im Menschen, es ist am allerunentwickeltsten.
[ 48 ] Zu der Frage in Bezug auf Geruchwahrnehmungen:
[ 49 ] Bezüglich der einzelnen Sinneswahrnehmungen, die man gewohnt ist in der physischen Welt zu haben, ist ja dieses zu sagen, daß in der Art, wie diese Sinneswahrnehmungen in der physischen Welt vorhanden sind, sie nicht etwa unmittelbar in der geistigen Welt gesucht werden dürfen. Gerade aus diesem Grunde habe ich mich, als ich über Farben gesprochen habe, sehr präzise auszudrücken versucht. Ich habe gesagt, daß das Erlebnis in der geistigen Welt darin besteht, daß man dasselbe erfährt bei einem geistigen Eindruck wie man das erfährt bei einer bestimmten Farbenwahrnehmung. Und ich sagte: Man hat, wenn man in der physischen Welt das Rot wahrnimmt, ein bestimmtes inneres Erlebnis, das Gefühl, daß einem irgend etwas Attackierendes entgegenkommt, während man zum Beispiel bei dem Blauen die Empfindung hat, daß man sich selber demütig hingeben müsse dem, was in der Farbe sich offenbart. Wenn man sich diese Erlebnisse klar macht, alles Attakkierende des Roten, das Demuterzeugende der blauen oder blauvioletten Farbe, dann kann man bei Wahrnehmungen in der geistigen Welt, wenn man dasselbe innere Erlebnis hat wie an dem Rot oder an dem Blau in der physischen Welt, davon sprechen, daß man in der geistigen Welt das dem Rot oder Blau Korrespondierende hat. In dem Augenblicke — und zwar gerade dann, wenn man zu der imaginativen Erkenntnis übergeht — verwächst man mit dem Gegenstand, und das ganze Erleben ist ein anderes als in der physischen Welt, so daß man gerade Farbwahrnehmungen der geistigen Welt gegenüber eben dieses Drinnenstehen in der Farbe hat; dadurch gewinnt das ganze Erlebnis einen anderen Charakter. Aber es ist trotzdem vollberechtigt, von Farbwahrnehmungen in der geistigen Welt zu sprechen, — vollberechtigt, daß man beim Auftreten von geistigen Wesenheiten oder Entitäten wirklich ein Rotes, ein Blaues, ein Grünes und so weiter erlebt. Das ist aus dem Grunde berechtigt, weil auch dann, wenn die Farben in der physischen Welt erscheinen, die Farben durchaus nicht dasjenige sind, als was sie heute zum Beispiel in der Physik angeschaut werden, sondern die Farben sind immer, wo sie erscheinen, physische Projektionen, Abschattierungen aus der geistigen, aus der astralischen Welt heraus. So daß, wenn man irgendwo — sagen wir das Rot hat —, so hat man die im Physischen gegebene Abschattung, den physischen Schatten von einem Vorgang in der geistigen, in der astralischen Welt, der, wenn man ihn unmittelbar erlebt, eben einen attackierenden Eindruck auf das eigene Selbst macht.
[ 50 ] Man kann nun das folgende sagen: Wird das Denken so innerlich lebendig, wie ich es in diesen Tagen dargestellt habe, dann gleicht es auf geistige Art einer Tastempfindung. So daß eigentlich das Wahrnehmen in der ätherischen Welt beginnt mit einer Art von geistiger Tastwahrnehmung. Und dann dringt man allmählich immer weiter, man differenziert diese Tastwahrnehmungen und kommt dazu, eben von Farben, auch von Tönen und so weiter sprechen zu können.
[ 51 ] Nun ist gefragt über die Geruchswahrnehmungen. Da muß gesagt werden, daß die Geruchswahrnehmungen hier in der physischen Welt die verhältnismäßig am meisten vom Geistigen beeinflußten sind, so sonderbar das erscheint. Die Geruchswahrnehmung, wenn sie unmittelbar in der physischen Welt auftritt, ist eigentlich immer dadurch hervorgerufen, daß möglichst nahe an das Materielle ein Geistig-Astralisches herankommt. Und man kann daher sagen: Düfte sind die physischen Offenbarungen des Geistigen. Daher wird man finden, daß man für alle übrigen Sinnesempfindungen Korrespondierendes in der geistigen Welt findet, und man kann sprechen von einer geistigen Tastwahrnehmung, von einer geistigen Sehwahrnehmung, einer geistigen Tonwahrnehmung und so weiter, aber man kann sehr schwer sprechen von einer geistigen Geruchswahrnehmung, weil die Geruchswahrnehmung eigentlich sich ganz schon auslebt in der physischen Welt. Wenn der Geist — wenn ich mich so bildlich ausdrücken darf — am tiefsten heruntersteigt zu der physischen Welt, dann entsteht die Geruchswahrnehmung.
[ 52 ] Etwas weniger tief herunter steigt der Geist bei der Geschmackswahrnehmung. Daher ist Geschmackswahrnehmung schon eine solche, daß man bei ihr von einem geistigen Korrelat sprechen kann. Man kann von etwas Korrelierendem der Geschmackswahrnehmung sprechen, eben weniger bei der Geruchswahrnehmung. Sehen Sie, man könnte jetzt das Kapitel fortsetzen, das ich gestern über die Sprache auszuführen begonnen habe, aber ich will nur eines herausheben: In der Sprache, wenn sie erlebt wird, in jeder Sprache lebt eigentlich ein wirkliches Geistiges, und man spricht nicht nur im bildlichen Sinne — oder man sollte wenigstens nicht nur im bildlichen Sinne von dem Genius der Sprache sprechen. Er ist wirklich ein Geistiges da! Und in der Sprache liegt mehr, als der einzelne Mensch oftmals versteht. Die Art und Weise, wie sich in der Sprache Laute, also Töne, Buchstaben und Worte, Silben verbinden, das hat eine eigene Geistigkeit, ist für sich beseelt, und wir wachsen hinein in diese Geistigkeit, in diese Beseelung. Und so finden sich in der Sprache wirklich Ausdrücke, Termini, welche eigentlich auf tiefere innere Zusammenhänge hindeuten. Und deshalb spricht man im Ästhetischen nicht umsonst vom Geschmack. Da sehen Sie schon, ich möchte sagen, für das gewöhnliche Bewußtsein die Geschmacksempfindung herüber ins Beseelte übersetzt. Aber man kann nicht in derselben Weise von einer Beseelung der Geruchsempfindung sprechen; die ist eigentlich mehr oder weniger in der physischen Welt fertig.
[ 53 ] Höchstens unser ausgezeichneter, ernster und humoristischer deutscher Dichter Christian Morgenstern, der im Jahre 1914 gestorben ist, vorher längere Zeit unser Mitglied in der Anthroposophischen Gesellschaft war, der hat in einer humoristisch-phantastischen Weise den Geruch verwendet, um ihn heraufzuziehen in die geistige Welt. Und wie er manches andere, was nicht der Wirklichkeit entspricht, aber deshalb nicht minder sehr humoristisch, sehr spaßhaft ist, wie er manches andere in dieser Weise in seinen humoristischen Gedichten zum Ausdruck gebracht hat, so hat er auch ein humoristisches Gedicht verfaßt über eine Orgel, die man nicht hört, die nicht also durch Töne sich kundgibt, in Harmonien und so weiter sich ausspricht, sondern die durch verschiedene Löcher verschiedene Düfte, die in der verschiedensten Art duften, aus sich herausströmen läßt; wenn man dann die verschiedenen Tasten anschlägt, laufen immer aus den Löchern gewisse Düfte heraus, die dann einen Zusammenhang geben: Düfte-Harmonien, Düfte-Melodien und so weiter. Das ist die berühmte «Geruchsorgel» von Christian Morgenstern, von der er in humoristischer Weise spricht in diesem Gedichte.
[ 54 ] Aber diese Sache ist eben durchaus spaßhaft, und man muß sagen, daß der Geruch für die physische Welt eigentlich etwas Abgeschlossenes ist. Der Geist ist da am weitesten heruntergestiegen, gibt sich in der physischen Welt kund, und das Geruchsmäßige, das Duftende, ist nicht in derselben Weise heraufzuheben, wie zum Beispiel schon der Geschmack, wie aber insbesondere dasjenige, was in den höheren Sinnen erscheint. Man tut daher ganz recht, und es entspricht das durchaus auch einer Wirklichkeit, daß man in der Literatur die bösen Geister, die so sehr gern in die physische Welt hereinkommen und da den Menschen alles mögliche antun, daß man diese duften läßt. Sie finden ja überall in der Literatur die betreffenden Andeutungen darüber, daß die bösen Geister gerade in bezug auf den Geruchsinn etwas aufdringlich sind. Das entspricht durchaus in dem Sinne der Wahrheit, daß der Geruch eigentlich in der physischen Welt etwas Abgeschlossenes ist. Etwas ist es schon der Fall, daß auch in den höheren Welten davon gesprochen werden kann, aber nicht sehr weit hinauf. Allein, wie gesagt, der Geruch ist etwas, das nur dadurch da ist, daß das Geistige bis ins Materielle hinuntersteigt, zerstäubt in kleinste Teile, so daß die Materie schon am meisten geistig ist im Dufte. Und deshalb hat man auch gerade in früherer Zeit, als man das noch mehr empfand, das Duften als eine geistige Äußerung empfunden. Das ist dasjenige, was man zunächst mit ein paar Worten über dieses Thema sagen kann.
[ 55 ] Zur Frage betreffend «Weisersein im Schlafe»:
[ 56 ] Ich möchte nicht über die hier angeführte Heilmethode sprechen, weil das auf ein Thema führt, über das ich nicht gern spreche. Solche Beurteilung von Zeitgenossen auf diesem oder jenem Gebiete, das liegt eigentlich nicht in meiner Gewohnheit, sondern ich möchte dasjenige mit ein paar Worten andeuten, was vielleicht ganz abgesehen von dieser speziellen Heilmethode — an der Frage interessieren kann.
[ 57 ] Wenn wir den ätherischen Körper des Menschen nehmen, so ist dieser eigentlich der Träger der Gedanken. Zwar ist der ätherische Körper überhaupt der Träger der unmittelbar gegenwärtigen Gedanken, auch der Veranlasser, daß Gedanken in Erinnerungen übergehen und aus den Erinnerungen wiederum herausgeholt werden können; notwendig ist für den irdischen Menschen nur, daß dieser ätherische Körper in dem physischen Körper gewissermaßen drinnensteckt. Das ist aus dem Grunde notwendig, weil der Mensch als Erdenwesen gewissermaßen einen Widerstand braucht für dasjenige, was sich im ätherischen Körper abspielt. Gerade so, wie wir als Erdenmenschen in der Luft nicht gehen können, sondern einen Boden brauchen, auf dem wir gehen, der Boden aber gar nichts dazu tut, daß wir gehen, er gibt uns nur die Widerlage —, gerade so ist es mit dem, was im ätherischen Körper des Menschen vor sich geht. Das ganze Gedankenspiel, der ganze Gedankenablauf geht im ätherischen Körper vor sich; der Gedanke würde aber nicht lebendig im wachenden Menschen, wenn nicht eine Widerlage da wäre, wenn nicht jede Bewegung des lebendigen Denkens sich stoßen würde am physischen Körper. Der tut gar nichts, aber er gibt einen Widerstand. Dadurch werden dem Menschen im Wachbewußtsein die Gedanken, die sich im ätherischen Leib abspielen, bewußt.
[ 58 ] Nun ist es wirklich so, daß, wenn der Mensch schläft, also im Bette liegen der physische und der Ätherleib und der Mensch abgeschlossen ist in seinem astralischen Leib und Ich vom physischen und ätherischen Körper, dann denkt der ätherische Körper weiter. Nun ist in der Tat der ätherische Körper in bezug auf sein Denken, also auf die Vorgänge, die sich in ihm abspielen, auf Rhythmus und Wiederholung angewiesen, und er bewahrt am besten dasjenige, was ihm durch Rhythmus und Wiederholung gegeben wird. Daher ist es im Grunde genommen ganz falsch, wenn wir orientalische Schriften, die viele Wiederholungen enthalten, nach unseren abendländischen Gewohnheiten so auslegen, daß wir die Wiederholungen weglassen und nur einmal den Inhalt geben. Für die Autoren dieser orientalischen Schriften kam es nicht bloß auf den Inhalt an, den der abendländische Schriftsteller für die Hauptsache ansieht, denn der Westländer ist europäischer Mensch, und wenn er etwas einmal gedacht hat, so hat er es gedacht und will es nicht wieder denken; höchstens betet er jeden Tag dasselbe Vaterunser, aber im ganzen ist er in bezug auf den Inhalt «europäischer» Mensch, er erlebt seine Tätigkeit nicht durch Rhythmisieren; dadurch sündigt der westländische Mensch jeden Tag gegen das, was eigentlich der ätherische Körper von ihm fordert. Der ätherische Körper will wiederholen, und in jenen Zeiten des alten Morgenlandes, wo man gut diese Gewohnheiten gekannt hat, hat man daher mit voller Bewußtheit immer diese Wiederholungen gepflegt, weil man wußte, was man tat. Ich weiß nicht, ob auch in England diese Sünde gemacht wird; aber wir haben im Deutschen Übersetzungen, die eigentlich in der unglaublichsten Weise die Sachen wiedergeben. Wenn die Buddha-Reden viele Wiederholungen haben, dann übersetzt der deutsche Übersetzer nur einmal. Aber darauf kommt es gar nicht an — auf den bloßen Inhalt der Buddha-Reden —, sondern es kommt darauf an, daß man diese Buddha-Reden in sich aufnimmt und tatsächlich jede Wiederholung ablaufen läßt — immer wieder und wiederum jede Wiederholung ablaufen läßt. Und wenn es noch so viele Wiederholungen sind, so ist auch die Zahl dieser Wiederholungen von Bedeutsamkeit. Diese Geheimnisse kannte man in jenen Zeiten. Und diejenigen, die Buddha-Reden in Prosa so übersetzen, zeigen damit schon an, daß sie von der ganzen morgenländischen Zivilisation und dem ganzen morgenländischen Geistesleben nicht das geringste verstehen.
[ 59 ] Nun ist der ätherische Körper zugleich dasjenige, was eigentlich das heilende Prinzip im Menschen ist. Und wenn wir Arzneien bereiten, dann legen wir, wenn wir die Sache mit Verstand machen, es geradezu darauf an. Heute macht ja die Medizin all das, wie sie sagt, empirisch; da probiert man, wie dies oder jenes wirkt: Wenn etwa bei soundso viel Prozent es gewirkt hat, erklärt man es für ein Heilmittel; wenn der Prozentsatz gering ist, für keines und so weiter — auf die Zusammenhänge läßt man sich dabei nicht ein. Nun ist ja gewünscht worden, daß ich auch im Laufe dieses Sommerkursus einen Vortrag halte über Anthroposophie in der Heilkunde. Da werden ja solche Dinge dann zur Sprache kommen können. Aber wie gesagt, das eigentliche Heilen ist nicht nur in diesen Heilmitteln gelegen. Wenn wir mit voller Bewußtheit Heilmittel bereiten, so haben wir immer im Auge, an der betreffenden Körperstelle, wo die Heilung eingreifen soll, den ätherischen Leib zur besonderen Wirksamkeit zu bringen. Sagen wir, es habe jemand eine Leberkrankheit; würde man durch ein entsprechendes Heilmittel den ätherischen Leib der Leber zur besonderen Wirksamkeit bringen können, so würde das die Heilung bedeuten. Also, gerade auf diesem Prinzip, den ätherischen Körper zu Wirksamkeit zu bringen, beruhen ja heute die mit Recht vielfach angewendeten Staumethoden. Wenn man irgendwo eine Verletzung hat, an irgendeinem Fingerglied und so weiter, und man staut oberhalb der verletzten Stelle ab, so daß für die äußere physische Beobachtung ein sogenanntes «eingeschlafenes» Glied entsteht, dann wird dadurch in der allereinfachsten Weise der ätherische Leib wirksamer als er sonst ist, weil er aus dem Physischen herausgeschaltet wird, und da macht sich durch die einfache, mechanische Abschnürung der ätherische Leib auf die allereinfachste Weise geltend. Aber man kann schon auch sagen: Wenn man einen Menschen, besonders einen abendländischen Menschen, der das gar nicht gewohnt ist, es irgendwie sonst im Leben anzuwenden, in der richtigen Weise Dinge wiederholen läßt, die sich auf seine Gesundung beziehen, so gelangt der Ätherleib in einen gewissen Rhythmus hinein, er schaltet sich aber dann auch aus der physischen Gewohnheit aus, und es können Heilkräfte erwachen. Das kann durchaus der Fall sein. Nur muß man sich klar sein darüber, daß diese Dinge beim abendländischen Menschen gut wirken können, weil er eben gewöhnt ist, nicht im Rhythmus zu leben. Der orientalische Mensch, der mehr den Rhythmus gerade verwendet für sein Geistesleben, wie ich es angedeutet habe, der wird gegen diese Dinge immun und er muß dann andere Heilmethoden suchen. Dasjenige, was man als Heilmittel anwenden will, das muß etwas sein, das einem ungewohnt ist, das man selten oder gar nicht sonst zur Anwendung bringt. Daher ist es auch gut — nicht wenn es um eine akute Krankheit, aber wenn es sich um eine chronische Krankheit handelt —, daß man, wenn man in bestimmten Stoffen ein sehr gut wirkendes Heilmittel hat, den betreffenden Patienten diese Substanz während einiger Zeit nicht genießen läßt, also sie ihm abgewöhnt; dann kann man sie später, nachdem er sie eine Zeitlang nicht genossen hat, als Heilsubstanz verwenden. Diese Dinge hängen alle zusammen.
[ 60 ] Hier sieht man am besten, wie das Materielle mit dem Spirituellen zusammenhängt, indem ein bloßes Wiederholen derselben Sache, die sich auf die Gesundung bezieht, Heilkräfte im ätherischen Leibe wachruft.
[ 61 ] Natürlich muß man sich klar sein darüber, wie viel Dilettantismen auf diesem Gebiete getrieben werden in der Gegenwart. Und gerade aus diesem Grunde möchte ich über einzelne da und dort auftretende Heilmethoden nicht sprechen, sondern möchte nur hindeuten darauf, wie eine wirkliche Erkenntnis der Durchdringung des ganzen Menschen im physischen, ätherischen, astralischen Leib und im Ich erst eine vollständige Möglichkeit gibt, auch therapeutisch über den Menschen zu sprechen.
