The Development of Human Consciousness
GA 228
9 September 1923, Dornach
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Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
Der Mensch als Bild geistiger Wesen und geistiger Wirksamkeiten
Bericht über die Arbeit und die Reiseeindrücke in England
[ 1 ] Es freut mich herzlich, daß ich an die beiden mich so befriedigenden Veranstaltungen in Ilkley und Penmaenmawr diesen Vortrag auch hier in unserem Zweige in London anschließen kann.
[ 1 ] Meine lieben Freunde, am heutigen Abend möchte ich Ihnen einiges von der Reise erzählen, um dann morgen noch einen Vortrag zu halten — da ja die nächste Woche in Stuttgart verbracht werden muß und dabei auf einiges einzugehen, was vielleicht inhaltlich mehr mit den Dingen zusammenhängt, die ich auch heute, als der Beschreibung der Reise angehörig, werde auseinanderzusetzen haben.
[ 2 ] Es ist von mir bei früheren Betrachtungen in diesem Zweige erwähnt worden, wie der Mensch, indem er sein Tagewerk hier auf Erden von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr verrichtet, aus dem heraus arbeitet, was ihm physisch selbst als seine Körperlichkeit gegeben ist und womit er physisch mit dem irdischen Dasein verbunden ist. Solange man alles dasjenige betrachtet, was uns in der physischen Welt umgibt hier im Erdendasein, und was in das physische Dasein hineingefügt wird durch unsere eigene Arbeit, solange muß man selbstverständlich die Hauptaufmerksamkeit auf die Zeit richten, die der Mensch hier im Erdendasein während des Wachens zubringt. Aber ich habe es ja schon erwähnt, daß für das menschliche Dasein, selbst für das, was der Mensch sein kann auch im Erdendasein, wichtiger noch dasjenige ist, was sich mit dem Menschen zuträgt in den Zeiten, die er während seines Erdendaseins verschläft.
[ 2 ] Die Reise begann ja mit Ilkley, wo im Norden Englands ein pädagogischer Kursus gehalten werden sollte, ein Kursus, der die Waldorfschul-Methodik und -Didaktik mit Bezug auf die Zivilisation der Gegenwart zu seinem Inhalte hatte. Ilkley liegt im Norden von England und ist ein Ort, der etwa 8000 Einwohner hat. Gegenwärtig besteht ja in England die Tendenz, in den Sommermonaten sozusagen Sommerschulen abzuhalten an solchen Orten, und dieser Kursus war zunächst auch in der Form einer solchen Sommerschule.
[ 3 ] Wenn wir in irgendeinem Punkt unseres Erdendaseins zurückblicken auf das, woran wir uns erinnern können, so schließen wir ja eigentlich immer die Zeiten aus, die wir verschlafen haben, und wir fügen aneinander alles das, was wir vollbracht oder erlebt haben am Tage, in wachendem Zustande, und machen daraus gewissermaßen ein zusammenhängendes Ganzes.
[ 3 ] Der Kursus sollte begleitet sein von demjenigen, was wir in künstlerischer Beziehung als Eurythmie aus der anthroposophischen Bewegung heraus entwickelt haben, und er sollte auch begleitet sein von dem, was sechs unserer Waldorfschul-Lehrkräfte bieten konnten in Anlehnung an dasjenige, was eben in den einzelnen Vorträgen gesagt worden ist.
[ 4 ] Das aber würde nie da sein, wenn nicht die Schlafzustände dazwischenfielen. Und gerade wenn man das wirkliche Wesen des Menschen kennenlernen will, dann muß man auf diese Schlafzustände aufmerksam sein. Denn der Mensch könnte leicht sagen: Ich weiß ja nichts von dem, was da während des Schlafes ist. So wahrscheinlich das erscheint für das äußere Bewußtsein, so unwahr ist es eigentlich für die Wirklichkeit. Denn wenn wir zurückschauen würden in ein Leben, das niemals vom Schlafe unterbrochen wäre, so würden wir Automaten sein. Wir würden zwar geistige Wesenheiten sein, aber wir würden Automaten sein.
[ 4 ] Ilkley ist ein Ort, der wohl als eine Art Sommeraufenthaltsort gilt, der aber in unmittelbarer Nähe derjenigen Städte liegt, die einen wirklich so recht tief hineinstellen in dasjenige, was in unserer Zeit die industriell-kommerzielle Kultur ist. In unmittelbarer Nähe liegt ja Leeds und liegen andere Orte, Bradford zum Beispiel, auch Manchester ist ja nicht weit davon, — das sind Städte, die durchaus das Leben, das sich aus der Gegenwart heraus ergeben hat, widerspiegeln. Man hat wirklich da eine Empfindung, die sehr deutlich besagt, wie stark die Gegenwart einen geistigen Einschlag nötig hat; einen geistigen Einschlag, der sich aber nicht darauf beschränkt, einzelnen Menschen etwas zu geben für ihre unmittelbaren individuell—persönlichen Seelenbedürfnisse. Es ist gewiß so berechtigt wie nur möglich, die anthroposophische Bewegung gerade in diesem Lichte zu sehen, aber ich spreche jetzt von den Empfindungen, die von der heutigen Außenwelt her einem wirklich aufgedrängt sind.
[ 5 ] Wichtiger noch als die abwechselnden Schlafzustände von Tag zu Tag sind für das, was ich jetzt sage, die Zeiten, die wir als ganz kleines Kind durchschlafen, denn die Wirkungen dieses Schlafes bleiben uns für das ganze Leben, und wir fügen nur gewissermaßen ergänzend dasjenige hinzu, was uns jede Nacht geistig zuwächst während der späteren Schlafzustände. Wir würden Automaten sein, wenn wir wachend als Kind in die Welt hereintreten würden, wenn wir wachend blieben, niemals schliefen, und wir würden nicht nur Automaten sein, sondern wir würden auch nicht in der Lage sein, innerhalb dieses automatischen Zustandes irgend etwas bewußt zu tun. Nicht einmal das, was automatisch geschähe durch uns, würden wir als unsere Sache anerkennen. Denn wenn wir meinen, wir erinnern uns nicht an das, was wir durchschlafen haben, so ist das eben nicht ganz richtig. Wenn wir so zurückschauen und die Schlafzustände immer aus unserer Erinnerung herausfallen, so sehen wir eigentlich, indem wir auf das Nichts zurückschauen, an denjenigen Stellen der Zeit, wo wir geschlafen haben, in dieser oder jener Weise die Ereignisse, die wir wachend erlebt haben. Tatsächlich aber sehen wir, wenn wir zurückblicken, an den Stellen der Zeit, wo wir geschlafen haben, das Nichts. Wenn Sie eine weiße Wand haben und es ist an einer Stelle keine Farbe, sondern es ist ein schwarzer Kreis, so sehen Sie auch das Nichts: Sie sehen die Dunkelheit, oder meinetwillen, wenn es nicht ein schwarzer Kreis ist, sondern wenn es ein Loch ist und dahinter kein Licht, sehen Sie auch das Loch. Sie sehen die Dunkelheit. So sehen Sie die Dunkelheit in Ihrem Leben, wenn Sie zurückblicken. Die Zeiten, die Sie verschlafen haben, erscheinen Ihnen als Lebensdunkelheiten. Und zu diesen Lebensdunkelheiten, zu diesen Lebensfinsternissen sagen Sie «Ich». Sie hätten kein Bewußtsein vom Ich, wenn Sie nicht diese Dunkelheiten sehen würden. Sie verdanken es nicht dem Umstande, daß Sie vom Morgen bis zum Abend immer gearbeitet haben, daß Sie zu sich «Ich» sagen können; daß Sie zu sich «Ich» sagen können, verdanken Sie dem Umstande, daß Sie geschlafen haben. Denn das Ich, wie wir es im Erdendasein ansprechen, ist zunächst die Lebensfinsternis, die Leerheit, das Nichtdasein. Und wenn wir in der richtigen Art unser Leben betrachten, dann müssen wir in bezug auf unser Selbstbewußtsein nicht sagen, daß wir dieses dem Tag verdanken, sondern daß wir es der Nacht verdanken. So werden wir eigentlich erst durch die Nacht zu demjenigen, was den wirklichen Menschen ausmacht, während wir sonst Automaten wären.
[ 5 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist ja doch so, daß man es als außerordentlich, ich möchte sagen kulturparadox empfinden würde, wenn jemand empfehlen würde, unverdauliche mineralische Produkte — sagen wir irgendwelche Mineralien, Steine und so weiter — der menschlichen Nahrung beizumischen, also es als etwas Mögliches ansehen würde, Sand oder dergleichen der menschlichen Nahrung zuzusetzen. Man ist genötigt, aus den Vorstellungen heraus, die man sich über den menschlichen Organismus macht, dies als etwas Unmögliches sich vorzustellen. Allein wer tiefer in den Weltenbau und in den Weltenzusammenhang hineinzuschauen vermag — das darf einmal gesagt werden aus wirklichem anthroposophischem Fühlen und Empfinden heraus —, der empfindet in besonderer Weise eine Häuser- und Fabrikenzusammenstellung in einem solchen Stile, der sozusagen dem ästhetischen Bedürfnisse des Menschen gar nichts gibt — wie das zum Beispiel in Leeds der Fall ist, wo unglaublich aussehende schwarze Häuser in abstrakter Weise nebeneinandergereiht sind, wo alles eigentlich so ausschaut, wie wenn es unmittelbar eine Kondensation wäre des schwärzesten Kohlenstaubes, der sich zusammengeballt hat und Häuser bildend aufgetreten ist, in denen nun die Menschen ihre Wohnungen aufschlagen. Man empfindet, wenn man dies im Zusammenhange mit der Kulturentwickelung, mit der Zivilisationsentwickelung der ganzen Menschheit wirklich nur mit derselben Gesinnung beachtet wie das, was ich soeben in bezug auf den Sand im Magen gesagt habe, man empfindet das so, daß man eigentlich sagen muß: Es ist ebenso unmöglich für die menschliche Zivilisation, daß sich solches auf die Dauer hineinstellt in den ganzen Gang der Menschheitsentwickelung und daß dabei die menschliche Zivilisation irgendwie innerlich fortschreiten könnte.
[ 6 ] Es ist schon so, daß, wenn wir in ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung auf Erden zurückgehen, wir sehen, wie die Menschen zwar nicht Automaten waren, weil sie schon gewisse Unterschiede hatten zwischen Wachen und Schlafen, aber weil ihnen die Schlafzustände mehr oder weniger auch schon im gewöhnlichen Tagesbewußtsein bewußt waren, war ihr Handeln, ihr ganzes Erdenleben eben viel automatischer, als das Leben der Menschen in dieser Erdenzeit ist, in der wir jetzt leben.
[ 6 ] Nun handelt es sich wirklich nicht darum, daß man jemals auf anthroposophischem Boden ein Reaktionär sein könnte. Man muß selbstverständlich nicht im negativen Sinne von diesen Dingen sprechen. Diese Dinge haben sich eben aus dem Leben der ganzen Erdenentwickelung heraus ergeben. Aber sie sind nur möglich innerhalb der Menschheitsentwickelung, wenn sie durchdrungen werden, durchsetzt werden von einem wirklichen spirituellen Leben, wenn das spirituelle Leben tatsächlich gerade in diese Dinge hineindringt und sie allmählich wenigstens auch herauszuheben vermag zu einer Art von Ästhetik, so daß die Menschen eben nicht völlig von dem Innermenschlichen abkommen dadurch, daß diese Dinge sich in die Kulturentfaltung hineinstellen.
[ 7 ] Und so kann man sagen: Unser eigentliches wahres innerliches Ich, das nehmen wir eigentlich aus der geistigen Welt gar nicht in diese physische Erdenwelt mit. Wir lassen es immer in der geistigen Welt. Es war in der geistigen Welt, bevor wir heruntergestiegen sind zum Erdendasein. Es ist wiederum in der geistigen Welt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Es bleibt immer in der geistigen Welt. Wenn wir bei Tag das gegenwärtige Bewußtsein als Mensch haben und uns ein «Ich» nennen, so ist dieses Wort «Ich» der Hinweis auf etwas, was nicht in dieser physischen Welt vorhanden ist, was in dieser physischen Welt nur sein Bild hat.
[ 7 ] Und ich möchte sagen: Gerade aus einem solchen Erlebnis heraus ergibt sich einem eben die absoluteste Notwendigkeit eines Eindringens spiritueller Impulse in die gegenwärtige Zivilisation. Diese Dinge können ja nicht bloß im Sinne von allgemeinen Ideen gefaßt werden, die man sich macht, sondern sie müssen wirklich im Zusammenhange mit dem, was in der Welt ist, gefaßt werden. Aber man muß ein Herz haben für dasjenige, was ist in der Welt!
[ 8 ] Und nicht richtig sehen wir uns an, wenn wir sagen: Ich bin dieser robuste Mensch auf Erden, ich stehe hier mit meinem wahren Wesen, sondern richtig sehen wir uns dann an, wenn wir sagen: Unser wahres Wesen ist in der geistigen Welt. Was hier auf Erden von uns ist, ist ein Bild, richtig ein Abbild von unserem wahren Wesen. — Das allerrichtigste ist, dasjenige, was auf Erden hier ist, gar nicht als den wirklichen Menschen anzusehen, sondern als das Bild des wirklichen Menschen.
[ 8 ] Ilkley selbst nun ist ein Ort, der in seiner Umgebung auf der einen Seite eben die Nähe dieser anderen, rein industriellen Städte als seine Atmosphäre trägt, der auf der anderen Seite tatsächlich überall, aber nur spurenweise, in den herumliegenden Resten der Dolmen, der alten Druiden-Altäre immerhin etwas hat, was an alte Geistigkeit erinnert, die da unmittelbar eben keine Nachfolge hat. Es ist, ich möchte sagen rührend, wahrzunehmen, wenn man auf der einen Seite eben den Eindruck hat, den ich soeben geschildert habe, und wenn man auf der anderen Seite in dieser, ich möchte sagen durchaus von den Ausflüssen jener Eindrücke durchsetzten Gegend einen Hügel hinansteigt und dann an den außerordentlich charakteristischen Stellen, wo sie immer sind, die Reste der alten Opfer-Altäre mit den entsprechenden Zeichen findet — es hat etwas außerordentlich Rührendes. So ist eben in der Nähe von Ilkley ein solcher Hügel, oben ein solcher Stein, und auf diesem Stein im wesentlichen — es ist noch etwas komplizierter — aber im wesentlichen dasjenige, was man als Swastika bezeichnet, was den Steinen, die dazumal an bestimmten Stätten aufgelagert worden sind, eingeprägt wurde und was auf etwas ganz Bestimmtes hinweist: darauf hinweist, wie an diesen Stätten der Druidenpriester erfüllt war von denjenigen Gedanken, die, sagen wir vor zwei bis drei Jahrtausenden in diesen Gegenden kulturschöpferisch waren. Denn betritt man nun eine solche Stätte, steht man vor einem solchen Felsblock mit den eingegrabenen Zeichen, dann sieht man heute noch der ganzen Situation an, daß man an derselben Stelle steht, wo einstmals der Druidenpriester gestanden hat und wo er die Eingrabung dieses Zeichens so empfunden hat, daß er sein Bewußtsein, welches er aus seiner Würde heraus hatte, in diesem Zeichen zum Ausdruck brachte.
[ 9 ] Dieser Bildcharakter wird einem um so klarer, wenn man sich folgendes vorstellt. Denken wir uns schlafend. Das Ich ist weg vom physischen Leib und dem Ätherleib, der astralische Leib ist weg vom physischen Leib und Ätherleib. Aber das Ich wirkt ja im Blute und in den Bewegungen des Menschen. Die hören dann auf, weil das Ich weg ist im Schlafe; aber das, was im Blute ist, das wirkt ja fort, das Ich ist gar nicht dabei. Wir brauchen nur diesen physischen Leib anzuschauen, und wir müssen uns sagen: Wie ist es denn eigentlich mit ihm, wenn wir schlafen? Dann muß ja das Blut auch in irgendeiner Weise so durchwebt werden von etwas, wie es bei Tag beim Wachen durchwebt wird vom Ich. Ebenso der astralische Leib, der im ganzen Atmungsprozeß immer drinnen lebt. Der verläßt diesen Atmungsprozeß während der Nacht, aber der Atmungsprozeß geht fort! Da muß ja wieder etwas drinnen sein, was, wie im Tagesleben, wirkt als der Astralkörper. Wir verlassen diejenigen Organe in uns, die die Atmungsorgane zum Beispiel sind, mit unserem astralischen Leib während jedes Schlaflebens. Wir verlassen die Pulsationskräfte unseres Blutes mit unserem Ich. Was machen denn die während der Nacht? Nun, da ist es so, daß, wenn nun der Mensch im Bette liegengeblieben und sein Ich herausgegangen ist aus den blutpulsierenden Kräften, dann Wesenheiten der ersten höheren Hierarchie in diese blutpulsierenden Kräfte hineinziehen: dann leben Angeloi, Archangeloi und Archai in diesen selben Organen, in denen bei Tag, beim Wachen das Ich lebt. Und in den Atmungsorganen, die wir verlassen haben dadurch, daß unser Astralleib aus uns heraußen ist, da wirken in der Nacht die Wesen der nächsthöheren Hierarchie darinnen: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes.

[ 10 ] So daß die Sache so ist, daß, wenn wir abends beim Einschlafen unseren Auszug halten mit unserem Ich und unserem astralischen Leib aus unserer Tagesleiblichkeit, Engel, Erzengel und höhere geistige Wesenheiten in uns einziehen und unsere Organe, während wir draußen sind, weiter vom Einschlafen bis zum Aufwachen beleben. Und in bezug auf den Ätherleib sind wir nicht einmal beim Tagwachen imstande, dasjenige zu tun, was darinnen getan werden soll. Den müssen erfüllen die Wesenheiten der höchsten Hierarchie, die Seraphim, Cherubim und Throne, auch wenn wir wachen; die bleiben überhaupt immer darinnen.
[ 9 ] Denn was liest man in diesem Zeichen, wenn man vor einem solchen Stein steht? Man liest die Worte, die im Herzen des Druidenpriesters waren: Siehe da, das Auge der Sinnlichkeit schaut die Berge, schaut die Stätten der Menschen; das Auge des Geistes, die Lotosblume, die sich drehende Lotosblume — denn deren Zeichen ist die Swastika — , die schaut in die Herzen der Menschen, die schaut in das Innere der Seele. Und durch dieses Schauen möchte ich verbunden sein mit denjenigen, die mir als Gemeinde anvertraut sind. — Wie man sonst aus einem Buche einen Schrifttext liest, so liest man gewissermaßen dieses, indem man vor einem solchen Steine steht.
[ 11 ] Und dann unser physischer Leib! Wenn wir alles dasjenige, was in unserem physischen Leibe als großartige, gewaltige Vorgänge sich abspielt, selbst besorgen müßten, dann würden wir dieses nicht nur schlecht machen, sondern wir wüßten überhaupt nichts damit anzufangen, denn da sind wir ganz hilflos. Was die äußere Anatomie sagt über den physischen Leib, das würde nicht einmal ein Atom von ihm in Bewegung setzen können. Dazu gehören ganz andere Mächte.
[ 10 ] Das ist ungefähr das Milieu, in dem die Ilkleykonferenz abgehalten worden ist. Sie bestand daraus, daß ich am Morgen immer die Vorträge hielt, die vor allen Dingen diesmal versuchten, die Waldorfschul-Pädagogik und -Didaktik herauszuholen auch aus der ganzen historischen Entwickelung der Erziehungskunst. Ich ging diesmal von der Art und Weise aus, wie in der griechischen Kultur die Erziehungskunst herausgewachsen ist aus dem allgemeinen griechischen Leben, wie man daraus entnehmen kann, daß eigentlich für die Schule nichts erfunden werden soll an besonderen Methoden und besonderen Praktiken, sondern daß die Schule dasjenige vermitteln soll, was in der allgemeinen Kultur enthalten ist.
[ 12 ] Diese Mächte sind keine anderen als diejenigen, die seit uralten Zeiten genannt werden die Mächte der obersten Trinität, die Vater-, Sohnes- und Geistmächte, die eigentliche Trinität, die in unserem physischen Leibe wohnt.
[ 11 ] Es ist ja durchaus so, daß es nicht richtig ist, wenn man zum Beispiel in Kleinkinderschulen in Fröbelscher Weise — ich will aber durchaus nicht an Fröbel herumkritisieren! — besondere Praktiken erfindet, um das oder jenes mit den Kindern zu machen, Praktiken, die nicht mit dem allgemeinen Kulturleben verbunden sind und aus diesem herausgewachsen sind. Sondern das Richtige ist, wenn derjenige, der die Erziehungskunst ausübt, unmittelbar drinnen steht in dem allgemeinen Kulturleben, Herz und Sinn dafür hat, und dann in die Erziehungsmethoden aus dem unmittelbaren Leben dasjenige hineinträgt, in das ja der Mensch, der erzogen werden soll, später hineinwachsen soll.
[ 13 ] So können wir sagen: Unser ganzes Erdenleben hindurch ist unser physischer Leib nicht unser; er würde durch uns selbst nicht seine Entwickelung durchmachen. Er ist, wie die alten Zeiten gesagt haben, der wahre Tempel der Gottheit, der dreifach erscheinenden Gottheit. Unser Ätherleib ist der Wohnplatz für die Hierarchie der Seraphim, Cherubim, Throne; unsere Organe, die dem Ätherleib zugeteilt sind, die müssen mitversorgt werden durch die Seraphim, Cherubim, Throne. Und das, was wir an physischen Organen und Ätherorganen haben, und was in der Nacht durch den astralischen Leib verlassen wird, das muß versorgt werden durch die zweite Hierarchie, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Und was wir als Organe haben, die durch das Ich verlassen werden, das muß während der Nacht versorgt werden durch die dritte Hierarchie, durch die Angeloi, Archangeloi, Archai.
[ 12 ] Und so wollte ich denn zeigen, wie aus unserem, aber jetzt geistdurchdrungenen Leben, eben Pädagogik und Didaktik hervorwachsen muß. Das gab eben die Möglichkeit, die Waldorfschulmethode wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus zu beleuchten. Das, was ich soeben erwähnt habe, war ja nur Ausgangspunkt; das, um was es sich handelte, war dann eine Beleuchtung der Waldorfschulpädagogik, die Sie ja kennen.
[ 14 ] So ist ein fortwährendes Wirken im Menschen, das nicht nur von ihm selbst ausgeht. Er hat sozusagen nur als ein Unterwohner Wohnung während des Wachens in diesem seinem Organismus. Dieser sein Organismus ist zu gleicher Zeit die Tempel- und Wohnstätte der Geister der höheren Hierarchien.
[ 13 ] Im Anschlusse fanden dann eine Eurythmievorstellung der Kinder der Kings-Langley-Schule und Eurythmievorstellungen im dortigen Ilkleyer Theater statt von denjenigen eurythmischen Künstlern, die mit uns gegangen sind. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn die letzteren zuerst stattgefunden hätten, damit auch in der Anordnung gleich hätte gesehen werden können, wie auch dasjenige, was in der Schule als Eurythmie gepflegt wird, herauswächst aus der Eurythmie als einer Kunst, die im Kulturleben darinnen steht. Nun, diese Dinge werden sich ja in der Zukunft einleben, so daß auch in bezug auf die äußeren Anordnungen dann ein Bild gegeben wird von dem, was eigentlich gewollt ist.
[ 15 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, dann können wir uns sagen: Wir schauen eigentlich die äußere Gestalt des Menschen nur richtig an, wenn wir uns sagen, sie ist ein Bild, ein Bild des Wirkens aller Hierarchien. Die sind da drinnen. Und schaue ich dieses menschlich geformte Haupt an mit allen Einzelheiten, diesen übrigen menschlich geformten Körper, so schaue ich ihn nicht richtig an, wenn ich sage, er ist dieses oder jenes Wesen, sondern wenn ich sage, er ist ein Bild eines unsichtbaren übersinnlichen Wirkens aller Hierarchien. Erst wenn man in dieser Weise auf die Dinge hinschaut, spricht man richtig im einzelnen von dem, was sonst immer nur in einer starken Abstraktheit auseinandergesetzt wird.
[ 14 ] Als drittes sozusagen reihten sich dann daran die Leistungen derjenigen, die als Lehrkräfte der Waldorfschule mitgezogen waren. Und da muß wirklich gesagt werden, daß das denkbar allergrößte Interesse der Sache entgegengebracht worden ist. Ich muß sagen, daß zum Beispiel die Art und Weise, wie das, was Dr. von Baravalle vorbrachte, etwas außerordentlich Ergreifendes hatte für denjenigen, dem die Waldorfschul-Entwickelung am Herzen liegt. Wenn man da sah, wie Dr. von Baravalle seine geometrischen Anschauungen in der Art, wie sie für Kinder gelten, einfach auseinandersetzte nach der Methode, die Sie ja wohl kennen sollten aus seinem Buche über physikalische und mathematische Methoden, und wie dann aus einer, man möchte sagen künstlerisch-mathematischen Entwickelung aus der Flächenumgestaltung und Flächenmetamorphose — plötzlich mit einer inneren Dramatik der pythagoräische Lehrsatz herauswuchs —, wenn man dann sah, wie nun, nachdem die Zuhörer so Schritt für Schritt geführt wurden und eigentlich nicht recht wußten, wohin das alles will, daß dann eine Anzahl von Flächen immer verschoben wurde, bis zuletzt durch das Verschieben der Flächen auf der Tafel anschaulich der pythagoräische Lehrsatz da war. Es war ein innerliches Staunen bei dieser Zuschauerschaft, die aus Lehrern bestand, ein innerliches dramatisches Sichentwickeln der Gedanken und Gefühle, und ich möchte sagen eine so ehrliche, aufrichtige Begeisterung für dasjenige, was da als Methode in die Schule hineinkommt, daß es wirklich etwas Ergreifendes hatte — so wie überhaupt dasjenige, was unsere Lehrer vorbrachten, das denkbar außerordentlichste Interesse erregte. Wir hatten Schülerarbeiten mitgebracht, die in plastischen Arbeiten, in der Verfertigung von Spielsachen, Malereien und so weiter bestehen — es erregte das größte Interesse, als beschrieben wurde, wie die Kinder daran arbeiten, wie.das sich in den ganzen Lehrplan der Schule einreiht.
[ 16 ] Es wird gesagt, diese physische Welt ist nicht die Wirklichkeit, sie ist Maja, und die Wirklichkeit liegt dahinter. Aber damit kann man nicht viel anfangen. Das ist nur eine allgemeine Wahrheit, so wie wenn man sagt: Auf der Wiese wachsen Blumen. — Wie man ja auch da erst etwas anfangen kann, wenn man weiß, was für Blumen auf der Wiese wachsen, so kann man auch mit einem Wissen über die höhere Welt erst dann etwas anfangen, wenn man im einzelnen darauf hinweisen kann, wie die Wirksamkeit dieser höheren Welt ist in demjenigen, was einem äußerlich eben als Bild, als Maja, als Abglanz, als Offenbarung im Sinnlich-Physischen erscheint.
[ 15 ] Die Art und Weise, wie Musikunterricht erteilt wird, die von Fräulein Lämmert interpretiert wurde, erregte die denkbar größte Aufmerksamkeit, ebenso die Auseinandersetzungen von Dr. Schwebsch. Die eindringliche, so liebevolle Art von Dr. von Heydebrand, dann die kraftvolle Art unseres Dr. Karl Schubert; das alles sind Dinge, die wirklich zeigten, daß es möglich ist, dasjenige, was Waldorfschulwesen ist, in einer anschaulichen Weise einer Lehrerschaft vor die Seele zu bringen. Fräulein Röhrle gab dann einen eurythmischen Unterricht für verschiedene Menschen, was auch eine gute Ergänzung ergab, so daß das Ganze schon vom pädagogischen Gesichtspunkte aus recht gut zusammengefaßt war. Ich darf das sagen, denn ich bin ganz ohne Anteil an der Zusammenstellung des Programmes. Das alles ist von unseren englischen Freunden so zusammengestellt worden, daß wirklich eine sehr schöne Zusammenfassung des pädagogischen Unterrichtsfaches da gegeben war.
[ 17 ] So steht der Mensch, als Ganzes betrachtet, nach seinem irdischen "Tagesleben und auch nach seinem irdischen Nachtleben, nicht nur in Beziehung zu dem, was physisch-sinnlich ihn umgibt hier im Erdendasein, sondern er steht in Beziehung auch zu der Welt der höheren Geistigkeit. Und so wie das, was als eine gewisse, man könnte sagen niedere Geistigkeit durch die Reiche der Natur hier auf Erden wirkt — mineralisches, pflanzliches, tierisches Reich —, so wirkt dasjenige, was von höherer Geistigkeit auf den Menschen wirksam ist, durch die Sternenwelt. So wie der Mensch, als ganzes Wesen betrachtet, zu den Pflanzen und Tieren, zu Wasser und Luft hier auf der Erde in Beziehung steht durch sein physisches Dasein, so steht er als ganzes Wesen auch in Beziehung zu der Sternenwelt, die nun auch nur Bild, Offenbarung ist dessen, was in Wirklichkeit eigentlich vorhanden ist. Und in Wirklichkeit sind eben jene Wesen der höheren Hierarchien da. Indem der Mensch zu den Sternen aufblickt, blickt er im Grunde genommen zu den Geistwesen der höheren Hierarchien auf, die ihm nur etwas wie ein symbolisches Licht ihres Daseins entgegenleuchten lassen, damit auch für das physische Dasein eine Andeutung desjenigen [gegeben] ist, was im Grunde genommen überall als Geistiges das Universum erfüllt.
[ 16 ] Während der ganzen Tagung bildete sich dann ein Komitee, welches sich zur Aufgabe setzte, nun eine selbständige Schule nach dem Muster der Waldorfschule auch in England zu begründen. Die Aussichten sind eigentlich sehr gut dafür, daß eine solche Schule als Tagesschule entstehen kann, neben der Kings-Langley-Schule, die ja schon im vorigen Jahre, nach meinen Oxforder Vorträgen, sich bereit erklärt hatte, die Waldorfschulmethodik in sich aufzunehmen. Wie gesagt, die Kinder der Kings-Langley-Schule waren es ja, die im Theater in Ilkley eine Darstellung desjenigen gegeben hatten, was sie in Eurythmie gelernt haben. Das Interesse und die Art, wie diese Dinge aufgenommen worden sind, auch wie verständnisvoll die Eurythmievorstellungen aufgenommen worden sind, das ist etwas, was schon mit großer Befriedigung erfüllen kann. — Dies war die erste Augusthälfte, bis zum 18. August. Dann wanderten wir hinüber nach Penmaenmawr.
[ 18 ] Und so wie wir hier auf Erden eine gewisse Sehnsucht darnach haben, kennenzulernen den Berg, den Fluß, das Tier, die Pflanze, so sollten wir schon eigentlich auch Sehnsucht darnach empfinden, die Sternenwelt in ihrer Wahrheit erkennen zu lernen. Und in ihrer Wahrheit ist die Sternenwelt geistig. In Penmaenmawr drüben habe ich einiges angedeutet über die Geistigkeit des Mondes, so wie er uns jetzt gerade in dieser Phase der Erdenentwickelung aus dem Weltenraum herein erglänzt.
[ 17 ] Penmaenmawr ist ein Ort, der in Nordwales, an der westlichen englischen Küste liegt, da wo die Insel Anglesey vorgelagert ist, und dieses Penmaenmawr ist ein Ort, wie er allerdings in diesem Jahr nicht besser hätte für diese anthroposophische Unternehmung auserwählt werden können. Denn dieses Penmaenmawr ist erfüllt von der unmittelbar erlebbaren astralischen Atmosphäre, in die dasjentge sich hereingestaltete, was ausgegangen ist von dem Druidendienst, dessen Spuren man ja da überall verfolgen kann. Es ist unmittelbar an der Meeresküste, wie gesagt, wo die Insel Anglesey vorgelagert ist; zu ihr hinüber führt ja eine Brücke, die technisch übrigens genial gebaut ist. Auf der einen Seite steigen überall Hügel und Berge an bei Penmaenmawr, und auf diesen Bergen zerstreut finden sich dann überall diese Überreste der alten sogenannten Opfer-Altäre, Cromlechs und so weiter; überall sind da die Spuren dieses alten Druidendienstes.
[ 19 ] So wie wir eigentlich, wenn wir auf den Mond hinschauen, niemals ihn selbst sehen, höchstens eine spärliche Andeutung als Fortsetzung der beleuchteten Sichel, wie wir eben immer nur das zurückgeworfene Sonnenlicht sehen, nie den Mond selbst, so sind es überhaupt nur die vom Monde zurückgeworfenen Weltenkräfte, die zu uns kommen auf die Erde, nicht das, was im Monde selbst lebt. Es ist nur ein Teil, und zwar der geringste Teil dessen, was zum Monde gehört, daß er uns das Sonnenlicht auf die Erde zurückwirft. In Wahrheit wirft er uns alle physischen und geistigen Impulse, die aus dem Weltenall auf ihn wirken, wie ein Spiegel zurück. Und wie man das Hintere eines Spiegels nicht sieht, so sieht man das Innere des Mondes nie, aber in diesem Inneren des Mondes ist eine wirkliche geistige Bevölkerung mit hohen führenden Mächten. Diese hohen führenden Mächte und die andere Mondenbevölkerung waren einmal hier auf Erden, haben sich, allerdings in einer Zeit, die schon mehr als fünfzehntausend Jahre zurückliegt, von der Erde nach dem Monde zurückgezogen. Vorher hat auch der Mond physisch anders ausgesehen. Er sandte nicht einfach das Sonnenlicht auf die Erde herunter, sondern er mischte sein eigenes Wesen in dieses Sonnenlicht hinein. Nun, das braucht uns ja weniger zu interessieren. Aber das soll uns interessieren, daß der Mond heute wie eine Festung im Universum ist. Und in dieser Festung wohnt jene Bevölkerung, welche die Menschenschicksale schon vor mehr als fünfzehntausend Jahren absolviert hat, und die sich mit den Führern der Menschheit nach diesem Monde zurückgezogen hat.
[ 18 ] Diese einzelnen verstreuten Kultvorrichtungen, wenn ich sie so nennen darf, sie sind ja scheinbar in der einfachsten Weise angeordnet. Wenn man sie von der Seite anschaut, sind es Steine aneinandergereiht im Quadrat oder Rechteck, ein Stein liegt darüber. Wenn man sie von oben anschaut, würden also diese Steine so stehen [siehe Zeichnung], und darüber liegt dann ein Stein, der das Ganze wie zu einem kleinen Kämmerchen abgrenzt.
[ 20 ] Es gab einstmals hier auf der Erde fortgeschrittene Wesenheiten, die nicht in derselben Weise einen physischen Menschenleib annahmen wie die heutigen Menschen, die mehr in einem ätherischen Leibe lebten, aber dennoch für die damaligen Menschen auf Erden durchaus die großen Lehrer und Erzieher waren.
[ 19 ] Gewiß sind solche Dinge auch Grabdenkmäler gewesen. Aber ich möchte sagen, die Funktion des Grabdenkmals ist ja in älteren Zeiten überall verbunden mit der Funktion für einen viel weitergehenden Kultus. Und so will ich denn hier nicht zurückhalten, dasjenige auszusprechen, was einen eine solche Kultusstätte lehren kann.
[ 21 ] Diese großen Lehrer und Erzieher der Menschheit, die einstmals der Menschheit auf Erden die Urweisheit gebracht haben, jene hohen bewunderungswerten Urweisheiten, von denen Veden und Vedanta nur die Nachklänge sind, die leben heute innerhalb des Mondes und strahlen nur dasjenige auf die Erde nieder, was außer dem Monde im Weltenall lebt.

[ 22 ] Es ist ja auf der Erde etwas zurückgeblieben von jenen Mondenkräften; allein das sind nur die physischen Fortpflanzungskräfte für Mensch und Tier. Nur das alleräußerste Physische ist zurückgeblieben, als einstmals in der alten atlantischen Zeit die großen Lehrer der Menschheit dem Monde nachzogen, nachdem er sich schon früher von der Erde zurückgezogen hatte.
[ 20 ] Sehen Sie, diese Steine umschließen also eine Art Kämmerchen; darüber liegt ein Deckstein. Dieses Kämmerchen ist in einer gewissen Weise dunkel. Wenn also die Sonnenstrahlen darauf fallen, dann bleibt das äußere physische Licht zurück. Aber das Sonnenlicht ist ja überall erfüllt von geistig Strömendem. Dieses geistig Strömende, das geht nun weiter, das geht in diesen dunklen Raum hinein. Und der Druidenpriester hatte infolge seiner Initiation die Möglichkeit, durch die Druidensteine durchzuschauen und sowohl zu sehen die nach unten gehende Strömung — jetzt nicht des physischen Sonnenlichtes, denn das war ja abgesperrt — aber dessen, was im physischen Sonnenlichte geistig-seelisch lebt. Und das inspirierte ihn mit demjenigen, was dann einfloß in seine Weisheit über den geistigen Kosmos, über das Weltenall. Es waren also nicht nur Totenstätten, es waren Erkenntnisstätten.
[ 23 ] So sehen wir, wenn wir nach dem Monde hinaufschauen, seine Wirklichkeit nur dann, wenn wir verstehen, daß da hohe geistige Wesenheiten, die einmal mit der Erde verbunden waren, es sich heute zur Aufgabe machen, nicht das, was sie selber in sich tragen, sondern was im Weltenall an physischen und geistigen Kräften vermittelt ist, auf die Erde zurückzustrahlen. Wer daher heute nach einer Initiationsweisheit strebt, der muß vor allen Dingen auch darnach trachten, in diese Initiationsweisheit hereinzubekommen dasjenige, was ihm mit ihren höheren Kräften diese Mondenwesen zu sagen haben.
[ 21 ] Aber noch mehr. Wenn zu gewissen Tageszeiten dies der Fall war, was ich jetzt eben beschrieben habe, so kann man sagen: Zu anderen Tageszeiten war dafür das andere der Fall, daß wiederum von der Erde zurück Strömungen gingen [Pfeile aufwärts], die dann beobachtet werden konnten, wenn die Sonne nicht darauf schien, und in denen lebte dasjenige, was die moralischen Qualitäten der Gemeinde des Priesters waren, so daß der Priester in gewissen Zeiten sehen konnte, wie die moralischen Qualitäten seiner Gemeindekinder in der Umgebung sind. Ihm zeigte also sowohl das abwärtsströmende Geistige wie das aufwärtsströmende Geistige dasjenige, was ihn auf eine wirklich geistige Art drinnen stehen ließ in seinem ganzen Wirkungskreise.
[ 24 ] Nun, das ist gewissermaßen eine Gestalt im Weltenall draußen, eine Kolonie, eine Ansiedelung; andere sind ebenso wichtig, namentlich diejenigen, die zu unserem Planetensystem gehören. Ich möchte sagen, am anderen Pol, am anderen äußersten Ende in bezug auf diese Wichtigkeit liegt für uns Erdenmenschen die Bevölkerung des Saturn.

[ 25 ] Nicht in derselben Weise wie die Mondenbevölkerung war die Saturnbevölkerung mit der Erde verbunden. Daß eine Verbindung da war, können Sie aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» ersehen. Aber nicht in derselben Weise wie die Mondenwesen sind die Saturnwesen mit dem Irdischen verbunden, sondern diese Saturnwesen strahlen nichts zurück von dem, was im Weltenraum ist. Kaum daß wir physisch Sonnenlicht vom Saturn zurückgestrahlt bekommen. Wie ein einsamer, wenig leuchtender Einsiedler zieht der Saturn langsam um die Sonne herum. Aber dasjenige, was die äußere Astronomie zu sagen weiß über den Saturn, das ist das allerallerwenigste. Was der Saturn für die Menschheit der Erde bedeutet, das tritt jede Nacht auf, aber nur im Bilde, insbesondere aber im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn der Mensch durch die geistige und damit durch die Sternenwelt hindurchgeht, wie ich es auch schon einmal in einem der Vorträge in diesem Zweige hier auseinandergesetzt habe.
[ 22 ] Diese Dinge sind natürlich nicht verzeichnet in dem, was die heutige Wissenschaft über diese Kultstätten mitteilt. Aber es ist in der Tat das, was man hier unmittelbar erschauen kann, weil ja tatsächlich die Gewalt der Impulse — der Impulse vom Wirken der Druidenpriester in der Zeit, wo eben ihre gute Zeit war —, weil diese Kraft so stark war, daß eben heute noch in der astralischen Atmosphäre von dort diese Dinge absolut leben.
[ 26 ] Der Mensch begegnet ja nicht dem Saturn selber in der jetzigen menschlichen Entwickelungsphase, aber er kommt auf einem Umwege dennoch mit den Saturnwesen zusammen. Den Umweg will ich heute nicht charakterisieren. Aber um was es sich handelt, ist, daß innerhalb des Saturn Wesen wohnen von einer sehr hohen Vollkommenheit, äußerst erhabene Wesenheiten, Wesenheiten, die unmittelbar in einer inneren Beziehung zu Seraphim, Cherubim und Thronen stehen, für die eigentlich Seraphim, Cherubim und Throne die nächsten Wesen sind, die Wesen ihrer nächsten Hierarchie sind.
[ 23 ] Eine andere Art Kultstätte konnte ich dann im Verein mit Dr. Wachsmuth besuchen: Da geht man von Penmaenmawr aus etwa eineinhalb Stunden auf einen Berg hinauf. Oben ist dann etwas wie eine Mulde. Von dieser Mulde hat man einen freien wunderbaren Ausblick auf umgebende Berge und auch auf die Muldenbegrenzung des eigenen Berges. Da oben in dieser Mulde fand man dasjenige, was man als eigentliche Sonnenkultstätte der alten Druiden bezeichnen kann. Sie stellt sich also so dar, daß die entsprechenden Steine mit ihren Deckblättern angeordnet sind; es sind überall die Spuren vorhanden.
[ 27 ] Diese Wesenheiten, diese Bevölkerung des Saturn, strahlen eigentlich vom Saturn zur Erde nichts nieder und geben nichts den Menschen, was in der äußeren physischen Welt ist. Dagegen bewahren die Saturnwesen das kosmische Gedächtnis, die kosmische Erinnerung. Alles, was das Planetensystem an physischen und geistigen Tatsachen durchgemacht hat, was Wesenheiten innerhalb unseres Planetensystems erlebt haben, das bewahren die Saturnwesen treulich im Gedächtnis. Die Saturnwesen schauen immer erinnernd zurück auf das ganze Leben des Planetensystems. Wie wir auf unser ganzes enges Erdenleben mit der Erinnerung zurückschauen, so haben — zusammen in ihren Wirkungen — Saturnwesen das kosmische Erinnern an all das, was das Ganze und jedes einzelne Wesen des Planetensystems durchgemacht hat. Und das alles, was da an Kräften in dieser Erinnerung lebt, das lebt für den Menschen dadurch, daß er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, eigentlich auch in jeder Nacht im Bilde, mit diesen Saturnwesen in eine Beziehung kommt. Dadurch wirken im Menschen die Kräfte, die ausgehen von diesen Saturnwesen, die eigentlich das tiefste Innere des Planetensystems darstellen. Denn wie die Erinnerung unser tiefstes Inneres auf Erden ist, so ist das, was im Saturn lebt, eigentlich das tiefste innere kosmische Ich des ganzen Planetensystems.

[ 28 ] Dadurch, daß diese Wirkungen im Menschen sind, gehen im Leben die Vorgänge vor sich, die dem Menschen zum großen Teil ihrer eigentlichen Bedeutung nach unbewußt bleiben, die aber die denkbar größte Rolle im Leben des Menschen spielen. Das meiste, was im Leben bewußt vor sich geht, ist ja nur das geringste im Leben.
[ 24 ] Denken Sie sich die Sache so: Diese Kultstätten haben keinen inneren Raum. Hier oben, in unmittelbarer Nähe voneinander liegend, haben Sie zwei solcher Druidenzirkel. Wenn die Sonne ihren Tagesweg geht, so fallen natürlich die Schatten von diesen Steinen in der verschiedensten Weise, und man kann nun unterscheiden, sagen wir, wenn die Sonne durch das Sternbild des Widders geht, den Widderschatten, dann den Stierschatten, den Zwillingsschatten und so weiter. Man bekommt ja heute noch, wenn man diese Dinge entziffert, einen guten Eindruck, wie aus den verschiedenen, in sich qualitativ verschiedenen Sonnenschatten, die dieser Druidenzirkel ergab, der Druidenpriester ablesen konnte die Geheimnisse des Weltenalls aus demjenigen, was im Sonnenschatten weiter lebt, wenn das physische Sonnenlicht zurückgehalten wird, so daß in der Tat da drinnen enthalten ist eine von den Geheimnissen der Welt sprechende Weltenuhr. Aber es waren das durchaus Zeichen, die in den Schatten, die da geworfen wurden, sich ergaben, die von den Welten-, von den kosmischen Geheimnissen sprachen.
[ 29 ] Wenn Sie irgendeinen tiefen Einschnitt irgendwo im Leben haben, ein maßgebendes Ereignis — Sie haben zum Beispiel irgendeinen anderen Menschen gefunden, mit dem Sie dann das weitere Leben gemeinsam zubringen, oder irgendein anderes ganz bedeutsames Ereignis — und Sie schauen von diesem Ereignis dann zurück, so werden Sie sehen, wie es Ihnen auffällt, daß es wie ein Plan ist, der Sie schon längst zu diesem Ereignis hingeführt hat. Manchmal können Sie für irgend etwas, was in Ihrem dreißigsten bis fünfzigsten Jahre auftritt, das Leben zurückverfolgen, und Sie finden: Ja, eigentlich habe ich den Weg zu diesem Ereignis schon mit zehn, zwölf Jahren angetreten; alles Spätere hat sich so gemacht, daß ich dann zuletzt landete bei diesem Ereignis.

[ 30 ] Menschen, die alt geworden sind, die dann zurückblicken auf ihr Leben, finden sich, wenn sie sinnig zurückblicken, schon in dieser Weise im Leben zurecht, daß sie sich sagen können: Da ist ein solch unterbewußter Zusammenhang. Wir werden hingedrängt durch unbewußte Kräfte zu diesem oder jenem Ereignisse.
[ 25 ] Der zweite Kreis war dann wie eine Art von Kontrolle, um das nachzukontrollieren, was der erste Kreis ergab. Wenn man sich etwa in einem Flugzeug in die Höhe begeben hätte und hätte sich so weit wegbegeben, daß diese Entfernung dazwischen vielleicht verschwunden wäre, so hätte man, herunterschauend, eigentlich gerade aus diesen beiden Druidenzirkeln unmittelbar den Grundriß desjenigen gehabt, was der Grundriß unseres Goetheanum war.
[ 31 ] Das sind die Saturnkräfte, das sind die Kräfte, die in uns gepflanzt werden dadurch, daß wir in der angedeuteten Weise mit jener inneren Bevölkerung des Saturn in einem Zusammenhang stehen.
[ 26 ] Das alles liegt dort, wo also in der Nähe auch die Insel Anglesey liegt, auf der sich vieles von dem abgespielt hat, was sich erhalten hat in den Nachrichten vom König Artus. Das Zentrum des Königs Artus war ja etwas südlicher, aber hier hat sich manches auch abgespielt, was zu dem Wirken des Königs Artus gehörte. Das alles gibt der astralischen Atmosphäre von Penmaenmawr etwas, das in deutlicher Art eben diese Stätte zu einer besonderen macht, zu dem macht, von dem man sagen kann: spricht man über Spirituelles, so ist man genötigt, in Imaginationen zu sprechen. Es ist ja bei den Imaginationen so, daß — wenn sie im Verlaufe der Darstellungen geformt werden — dann diese Imaginationen in der Astral-Atmosphäre innerhalb der heutigen Zivilisation sehr bald verschwinden. Man kämpft ja, wenn man versucht, das Spirituelle darzustellen, fortwährend gegen das Verschwinden der Imaginationen. Man muß diese Imaginationen hinstellen, aber sie dämpfen sich sehr bald ab, so daß man immer von neuem in die Notwendigkeit versetzt ist, diese Imaginationen zu erzeugen, um sie vor sich zu haben. Die Astral-Atmosphäre, die da aus diesen Dingen sich ergibt, ist so, daß es zwar etwas schwieriger ist dort in Penmaenmawr, die Imaginationen zu bilden, daß aber diese Schwierigkeit dadurch wiederum auf der anderen Seite zu einer großen Erleichterung des spirituellen Lebens führt, daß nun diese Imaginationen, nachdem sie gebildet sind, einfach sich ausnehmen wie hineingeschrieben in die Astral-Atmosphäre, so daß sie drinnenstehen. Man hat überall dort das Gefühl, wenn man irgendwie Imaginationen bildet, welche die Ausdrücke der geistigen Welt ergeben, daß sie stehen bleiben in der dortigen Astral- Atmosphäre. Und gerade durch diesen Umstand wird man so lebendig daran erinnert, wie sich diese Druidenpriester ihre besonderen Stätten ausgesucht haben, wo sie eben, ich möchte sagen in wirksamer Weise in die Astral-Atmosphäre wie eingravieren konnten dasjenige, was ihnen oblag, in Imaginationen aus den Weltengeheimnissen heraus zu gestalten. So daß man es in der Tat wie eine Art wirklichen Überschreitens, fast wie das Überschreiten einer Schwelle empfindet, wenn man von Ilkley herüberkommend — das also ganz in der Nähe des Industrialismus liegt und nur ganz leise die Spuren der alten Druidenzeit zeigt — nun in etwas hineinkommt, was in unmittelbarer heutiger Gegenwart einfach geistig ist. Geistig ist das alles. Man kann schon sagen: Dieses Wales ist ein besonderer Fleck Erde. Dieses Wales ist heute die Bewahrerin von einem ungeheuer starken spirituellen Leben, das allerdings in Erinnerungen besteht, aber in realen Erinnerungen, die dastehen. So daß eigentlich gesagt werden darf: Die Möglichkeit, an dieser Stätte nun bloß über Anthroposophie zu sprechen — nicht in Anlehnung an die Dependancen der Anthroposophie, sondern über Anthroposophie katexochen, über das Innere der Anthroposophie —, das rechne ich zu einem der bedeutendsten Abschnitte in der Entwickelung unseres anthroposophischen Lebens.
[ 32 ] Und wenn auf der einen Seite jetzt vom Monde nur die physischen Fortpflanzungskräfte auf Erden vorhanden sind — die sind zurückgeblieben vom Monde —, so sind auf der andern Seite die höchsten, weil die kosmisch-moralischen Kräfte, durch den Saturn auf der Erde. Und der größte Ausgleicher für alle irdischen Ereignisse ist der Saturn. Und wenn die Mondenkräfte, wie sie jetzt auf Erden sind, nur etwas zu tun haben mit der Vererbung von Vater, Mutter und so weiter, so haben die Saturnkräfte mit unserem Menschenleben das zu tun, was im Karma lebt, was von Inkarnation zu Inkarnation geht. Und die anderen Planeten stehen dazwischen, vermitteln das, was das Physische ist und was das höchste Moralische ist.
[ 27 ] Das Verdienst, diese Einrichtung gemacht zu haben, nun auch einmal dergleichen in die Entwickelung des anthroposophischen Lebens hineinzustellen, gebührt dem in dieser Richtung außerordentlich einsichtsvollen, energischen Wirken von Mr. Dunlop, der mir den Plan dazu bei meiner Anwesenheit in England im vorigen Jahre auseinandersetzte und der an diesem Plan dann festgehalten und ihn nun auch zur Ausführung gebracht hat. Es war ja von vornherein geplant, in diesem August an diesem Orte hier rein Anthroposophisches im Zusammenhange mit Eurythmie zu bringen.
[ 33 ] Zwischen Mond und Saturn stehen dann Jupiter, Mars und so weiter. Sie vermitteln in ihrer Art dasjenige, was als die äußersten Extreme Mond und Saturn in das menschliche Leben hineintragen: der Mond dadurch, daß sich seine Geistwesen zurückgezogen und nur das Physische in der Erdenwirksamkeit, die physische Fortpflanzungskraft zurückgelassen haben, der Saturn die höchste moralische Gerechtigkeit des Universums. Diese zwei wirken zusammen, indem zwischen ihnen die anderen Planeten stehen und das eine mit dem andern verweben. Karma durch den Saturn vermittelt, physische Vererbung durch den Mond vermittelt, sie zeigen uns erst, wie der Mensch, indem er von Erdenleben zu Erdenleben geht, mit der Erde selbst und mit dem, was außerirdisch im Universum ist, zusammenhängt.
[ 28 ] Mr. Dunlop hatte dann noch einen dritten Impuls, der aber unmöglich auszuführen war, und man darf schon sagen: Das, was möglich geworden ist, ist eigentlich nur durch die wirklich spirituell einsichtsvolle Art, diesen Ort zu wählen, möglich geworden. Es ist, glaube ich, von einer gewissen Wichtigkeit, sich auch das einmal vor die Seele zu stellen, daß es solche ausgezeichnete Orte auf der Erdoberfläche gibt, wo in einer solchen lebendig dastehenden Erinnerung eben unmittelbar dasjenige lebendig da ist, was als Sonnenkult zur Vorbereitung der späteren Aufnahme des Christentums in Nord- und Westeuropa einmal lebendig war.
[ 34 ] Sie können verstehen, daß die heutige physische Wissenschaft, die sich nur mit dem Erdendasein befaßt, eigentlich nur über das wenigste vom Menschen etwas zu sagen weiß. Sie weiß zwar viel zu sagen über die Vererbungskräfte, erkennt aber nicht, daß sie zurückgebliebene Mondenkräfte sind, weiß sie nicht zu beziehen auf ihre außerirdische Wirksamkeit, und weiß gar nichts von dem, was nun auch im Leben wirkt als das Karma, als das Schicksal, das von Erdenleben zu Erdenleben geht und das im wesentlichen durchpulst wird — so wie wir von der Blutpulsation als physische Menschen durchpulst werden — von den Wesenheiten, die das große Erinnern an das gesamte Planetensystem und sein Geschehen in sich tragen. Blicken wir in uns selber: Wir sind Menschen erst dadurch, daß wir ein Gedächtnis haben. Blicken wir auf das Planetensystem mit all seinen physischen und geistigen Vorgängen, so müssen wir uns, wenn wir an die Initiationsweisheit heranreichen wollen, sagen: Dieses ganze Planetensystem wäre eigentlich nichts Innerliches, wenn nicht die im Saturn wohnende Bevölkerung fortwährend das Gedächtnis, das Vergangene dieses Planetensystems bewahren würde, und die Kräfte, die aus dieser Bewahrung des Vergangenen ersprießen, immerfort auch in die Menschheit hineinversenken würde, so daß alle diese Menschen leben in einem lebendigen geistigen, moralischen Ursachenzusammenhang von Erdenleben zu Erdenleben.
[ 29 ] Die Vorträge waren vormittags; der Nachmittag war zum Teil dazu ausersehen, daß die Teilnehmer diese Astral-Atmosphäre und deren Zusammenhang mit den Erinnerungen verfallener Opferstätten, Dolmen und so weiter, an Ort und Stelle sehen konnten; der Abend war ausgefüllt mit Erörterungen über anthroposophische Gegenstände oder auch mit Eurythmievorstellungen. Es waren fünf davon in. Penmaenmawr, die auf der einen Seite mit einer wirklich großen Innigkeit, auf der anderen Seite mit dem allerstärksten Interesse aufgenommen worden sind. Die Zuhörer bestanden ja zum Teil aus Anthroposophen, zum Teil aber auch aus nichtanthroposophischem Publikum. Es war reichlich so, daß — was nun wiederum in begreiflicher Weise aus einem an das Meer angrenzenden Gebirgsland hervorgeht —, daß man von Stunde zu Stunde immer die schöne Abwechslung hatte von halben Wolkenbrüchen und hellem Sonnenscheine und so weiter. Wir hatten zum Beispiel einen Abend — die äußere Einrichtung war ja etwas, was fast gerade so war wie diese Schreinerei —, da kam man wirklich durch eine Art von Wolkenbruch zu einer Eurythmievorstellung; bei deren Beginn saßen die Leute noch mit den Regenschirmen im Saal da, ließen sich aber nicht in ihrer Begeisterung beirren. Es war also durchaus etwas, wie ich schon in Penmaenmawr selber sagte, was wirklich als ein sehr bedeutsames Kapitel in der Geschichte unserer anthroposophischen Bewegung verzeichnet werden darf.
[ 35 ] Im Erdenleben ist der Mensch in seinem Verhältnis zum Menschen für das, was er bewußt vollbringt, in enge Grenzen gebannt. Wenn aber der Mensch in Betracht zieht, was er durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so ist sein Verhältnis zu anderen Menschen, die dann auch entkörpert, nicht im physischen Körper sind, innerhalb weiterer Kreise verlaufend. Der Mensch ist allerdings zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, man kann sagen, in einer gewissen Zeit mehr in der Nähe der Mondenwirkungen, in einer anderen Zeit mehr in der Nähe der Saturn-, der Marswirkungen und so weiter, aber die eine Art von Kräften wirkt immer über Weltenräume in die andere herüber. Und so wie wir hier nur durch engbegrenzte Erdenräume während des Erdendaseins von Mensch zu Mensch wirken können, so wird gewirkt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt von Planet zu Planet. Es ist tatsächlich dann das Universum der Schauplatz des menschlichen Wirkens und auch der Verhältnisse der Menschen zueinander. Die eine Menschenseele ist vielleicht innerhalb des Venusbereiches, die andere innerhalb des Jupiterbereiches zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber es bestehen da Wechselwirkungen von größerer Innigkeit, als sie in beschränktem Maße auf der Erde möglich sind. Und ebenso, wie zwischen den Menschenseelen Weltenweiten in den Schauplatz ihres Wirkens hingerufen werden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so wirken auch die Geister der höheren Hierarchien durch solche Weltenweiten hindurch. Und daher können wir dort nicht nur von der Wirkung etwa der einzelnen Wesenheiten sprechen — sagen wir, der Venusbevölkerung oder der Marsbevölkerung —, sondern wir können auch sprechen von einer Beziehung der Venusbevölkerung zur Marsbevölkerung, von einer fortwährenden Beziehung, einem fortwährenden Hin- und Hergehen der Kräfte zwischen Marsbevölkerung und Venusbevölkerung in dem Universum.
[ 30 ] Eine Veranstaltung war gewidmet der Besprechung der pädagogischen Fragen auch in Penmaenmawr. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich nun auch das Folgende erwähnen, das Sie ja schon lesen konnten in der kleinen Darstellung, die ich davon im «Goetheanum» gegeben habe. Es erwartete mich, als ich nach England, nach Ilkley kam, ein Buch «Education Through Imagination», Erziehung durch Imagination, das ich zunächst durchfliegen konnte, und das mich gleich außerordentlich gefangennahm; ein Buch, das gerade von einem unserer Freunde als eines der bedeutendsten Bücher in England bezeichnet wird. Es hat zum Verfasser Miss MacMillan. Dieselbe Persönlichkeit war dann Chairman am ersten Abend und an den folgenden Abenden in Ilkley. Miss MacMillan hielt die Eröffnungsrede. Es war erhebend, die schöne Begeisterung und das innere ehrliche Feuer für die Erziehungskunst bei dieser Frau zu sehen. Und von einer außerordentlich starken Befriedigung war für uns gleichzeitig der Umstand, daß gerade diese Frau im vollen Maße sich zu dem bekennt, was in einer wirklich ernsthaftig gemeinten Erziehungskunst durch die Waldorfschulmethodik geleistet werden kann.
[ 36 ] Und was da vor sich geht im Universum zwischen der Bevölkerung des Mars und der Bevölkerung der Venus, was da fortwährend vor sich geht an Wechselbeziehung, was da im Kosmos, im geistigen Kosmos lebt als die gegenseitig sich befruchtenden Taten von Mars und Venus, das steht ja alles wiederum in Beziehung zum Menschen. So wie das Saturngedächtnis in Beziehung zum menschlichen Karma steht, wie die zurückgebliebenen, die physischen Mondenkräfte in Beziehung stehen zu der äußeren Fortpflanzungskraft, so steht dasjenige, was im Verborgenen des Geistigen fortwährend geschieht zwischen Mars und Venus, in Beziehung zu dem, was auf Erden hier am Menschen erscheint als die menschliche Sprache. Wir würden nicht sprechen können durch bloße physische Kräfte. Diese Sprachkraft ist auch von demjenigen Wesen des Menschen nach außen gestrahlt, das von Erdenleben zu Erdenleben sein Dasein vollbringt, das das Leben hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und während wir als geistiges Wesen leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, kommen wir auch in die Wirkungsweise dessen hinein, was befruchtend zwischen Mars und Venus, zwischen der Marsbevölkerung und der Venusbevölkerung geschieht. Diese hin- und herstrahlenden Kräfte, dieses Zusammenarbeiten, das wirkt auf uns in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das lebt sich dann im physischen Bilde aus. Das ist es, was von dem innersten Menschenwerden heraus in die Sprach- und Gesangsorgane hineingeht.
[ 31 ] Ich hatte dann während der folgenden Tage das Buch weiter gelesen und habe ja meine Eindrücke davon in dem Artikel des letzten «Goetheanum» zusammengefaßt. Dann konnten wir, Frau Doktor und ich, am letzten Montag die Wirkungsstätte dieser ausgezeichneten Frau in Deptford, in der Nähe von London, in der Nähe von Greenwich, auch besuchen. Da findet sich die, ich möchte sagen Pflege-Erziehungsanstalt der Miss MacMillan. Sie nimmt in diese Pflege-Erziehungsanstalt Kinder aus den untersten, ärmsten Volksschichten auf; sie strebt an, auch Kinder in einem älteren Alter noch zu haben. Heute hat sie in der Schule 300 Kinder; mit sechs Kindern hat sie vor vielen Jahren angefangen, heute sind es 300. Diese Kinder werden mit zwei Jahren hereingenommen, kommen aus Kreisen, wo sie ganz verschmutzt, verelendet, krank, unterernährt oder ganz schlecht ernährt sind — wenn ich sagen darf, rachitisch, typhös, mit Schlimmerem noch behaftet. Heute sieht man unmittelbar in der Umgebung so eine Art Schulbaracken, wie die der Waldorfschule sind — die Baracken, nicht unser jetziges opulent gebautes Haus, die provisorischen Baracken —, aber dort sind sie sehr schön, schmuck eingerichtet. Die Dinge stehen in einem Garten, aber man braucht nur ein paar Schritte zu machen von irgend einem der Tore und kann dann die auf der Straße im furchtbarsten Elend und Schmutz lebende Bevölkerung, aus der diese Kinder sind, vergleichen mit dem, was aus diesen Kindern gemacht wird.
[ 37 ] Wir würden nicht sprechen können mit unseren Sprach- und Gesangsorganen, wenn sie physisch nicht angeregt wären von jenen Kräften, die wir in uns aufnehmen mit den Tiefen unseres Wesens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt aus dem, was hin- und herströmt im Kosmos zwischen Mars und Venus.
[ 32 ] In einer mustergültigen Weise sind zunächst die Bade-Einrichtungen. Das ist die Hauptsache. Die Kinder kommen um 8 Uhr herein, werden am Abend entlassen, kommen also an jedem Abend wieder in ihr Haus zurück. Die Pflege beginnt am Morgen zunächst mit dem Baden. Dann beginnt eine Art Unterricht, alles mit einer ungeheuren Hingebung, mit einem rührenden, ergreifenden Opfersinn gemacht, alles in einer rührenden, praktischen Weise eingerichtet. Da Miss MacMillan auch der Ansicht ist, daß in das alles einmal die Waldorfschulpädagogik eindringen muß, so muß man schon sagen: Man kann auch darauf von diesem Gesichtspunkte aus mit voller Befriedigung sehen — während man vielleicht heute gerade in der Methodik manches anders haben möchte; aber das kommt ja gegenüber diesem Opfersinn gar nicht in Betracht zunächst. Die Dinge sind ja immer ein Werdendes. Denn es ist wirklich bedeutsam, wie gesittet diese Kinder dann werden, was sich insbesondere dann während der Tischzeit zeigt, wo sie zum Essen geführt werden, wo sie sich selber "bedienen, wo die Speisen auch immer gereicht werden von einem der Kinder. Was praktischer Sinn machen kann, das zeigt sich zum Beispiel darin, daß für eine ganze Woche diese, ich möchte sagen außerordentlich anheimelnde «Abfütterung» der Kinder, bei der man am liebsten mitessen möchte, daß die in der Woche für das Kind auf 2 Shilling 4 Pence kommt. Außerordentlich praktisch ist alles eingerichtet. Wunderschön war es zum Beispiel, wie dann die älteren der Kinder, die schon Jahre lang in dieser Anstalt sind, zusammengerufen worden sind und uns nun eine lange Szene aus Shakespeares «Sommernachtstraum», den Johannisnachtstraum, tatsächlich mit weiner Innigkeit und auch sogar mit einer gewissen Beherrschung der dramatischen Technik vorführten. Es hatte etwas ergreifend Großartiges, wie da diese Kinder das vorführten, ausdrucksvoll und eindrucksvoll, mit wirklich innerer Beherrschung des Dramatischen.
[ 38 ] So stehen wir in dem, was wir täglich tun, unter der Einwirkung derjenigen Kräfte, zu denen wir nur als zu ihren Zeichen bewundernd aufschauen, wenn wir auf die Sterne hinblicken. Erst derjenige vermag eben in der richtigen Weise zu den Sternen aufzublicken, der weiß, daß eigentlich in den Sternen, die aus dem Raume zu uns strahlen, nur die Schriftzeichen zu ersehen sind für das Universum, für das universellste geistige Geschehen, das in uns lebt und dessen Abbild wir sind.
[ 33 ] Und diese Vorführung von Shakespeares «Sommernachtstraum» war ungefähr fast ganz an derselben Stätte, wo Shakespeare selber einmal mit seiner Truppe seine Stücke für den Hof aufgeführt hat. Denn in der Nähe von Greenwich war die Hofhaltung der Königin Elisabeth. Da, in den Räumen, an deren Stätte die heutigen Schulräume stehen und andere Räume noch, von denen ich gleich sprechen werde, wohnte sogar der Hofstaat der Königin Elisabeth, und Shakespeare mußte, von London herauskommend, dort seine Dramen für die Hofleute aufführen. An derselben Stätte haben uns die Kinder diese Shakespearestücke vorgeführt.
[ 39 ] Eine ältere Menschheit hat in einer älteren atavistisch-instinktiven Hellseherkraft eine Anschauung gehabt von alledem, aber diese Anschauung ist allmählich verglommen. Der Mensch hätte nicht frei werden können, wenn er die alte Anschauung behalten hätte. Diese alte Anschauung verfinsterte sich im Menschen. Dafür aber trat in das Erdenleben herein das Mysterium von Golgatha. Ein hohes Wesen der Sonnenbevölkerung hat zwar den Menschen nicht gleich das Bewußtsein bringen können von dem, was da in den Sternenwelten vor sich geht, aber die Kräfte dazu, sich dieses Bewußtsein nach und nach zu erwerben.
[ 34 ] Und im selben Bereich, zusammenhängend mit dieser Erziehungs-Pflegeanstalt, ist dann eine Kinderklinik, wiederum für die Ärmsten der Armen. Jährlich gehen 6000 Kinder durch diese Klinik durch, nicht gleichzeitig 6000, aber jährlich. Die Vorsteherin dieser Klinik ist nun auch Miss MacMillan. So daß da wirklich in einer reichlich verarmten und verschmutzten Gegend, in einer schrecklichen Gegend, eine Persönlichkeit wirkt mit voller Energie und eigentlich großartig in der Auffassung dessen, was sie da tut.
[ 40 ] Daher kam die Sache auch so, daß zunächst, noch während das Mysterium von Golgatha geschah, eine alte gnostische Erbweisheit vorhanden war, durch die man das Mysterium von Golgatba begriffen hat. Die ist aber verschwunden, schon verschwunden im vierten nachchristlichen Jahrhundert. Die Kraft, die durch den Christus auf Erden gekommen ist, die ist geblieben. Und diese Kraft kann der Mensch in sich rege machen, wenn er durch das, was neuere Geisteswissenschaft zu sagen weiß, wiederum den Blick überhaupt sich eröffnet für die geistigen Welten.
[ 35 ] Es war mir daher eine sehr tiefe Befriedigung, als Miss MacMillan die Absicht äußerte, wenn es sich irgendwie ermöglichen lasse, zunächst an Weihnachten unsere Waldorfschule in Stuttgart mit einigen Kollegen aus ihrer Lehrerschaft zu besuchen. Diese Lehrerschaft ist eine außerordentlich hingebungsvolle. Sie können sich denken, daß die Pflege solcher Kinder mit dem, was ich da eben charakterisiert habe, nicht eben etwas Leichtes ist. Es erfüllte mich daher mit großer Befriedigung, daß gerade diese Persönlichkeit Chairman für die Ilkleyer Vorträge war, und dann in Penmaenmawr — wohin sie wieder kam in den paar Tagen, die sie sich wieder abringen konnte — eine Diskussion in Pädagogik einleitete, bei der Dr. von Baravalle und Dr. von Heydebrand sprachen. So war gerade dasjenige, was da in Penmaenmawr stattfand und was damit zusammenhing, wirklich etwas recht Befriedigendes.
[ 41 ] Mit diesem Blick in die geistigen Welten wird so manches über die neuere Menschheit kommen. Es ist doch eine. merkwürdige Erscheinung, daß diejenigen Menschen, die sich heute noch etwas bewahrt haben von der alten instinktiven Weisheit — die ja nicht mehr zeitgemäß, im besten Sinne des Wortes nicht mehr zeitgemäß ist und durch eine bewußte Weisheit ersetzt werden muß —, daß diejenigen Menschen im Orient drüben, die sich in den verschiedensten Gegenden von Asien etwas von ihr bewahrt haben, die dort die Gebildeten, die Gelehrten sind, eigentlich auf Europa und Amerika in einer recht verächtlichen Weise herabsehen. Die sind überzeugt davon, daß selbst in dem heute dekadenten Zustand ihre alte asiatische Urweisheit, oder eigentlich die Fetzen derselben, die Reste derselben noch besser seien als alles das, was die westliche Zivilisation so hochmütig macht. Und interessant ist es immerhin, daß solch ein Buch erscheinen konnte, wie das eines ceylonesischen Inders: «The Culture of the Soul among the Western Nations». In diesem Buch «Kultur der Seele bei den westlichen Nationen» wird nichts Geringeres von einem ceylonesischen Inder den Europäern gesagt als dieses: Seit dem Mittelalter ist euer Wissen von dem Christus ausgestorben. Ihr habt gar kein wirkliches Wissen mehr von dem Christus, denn nur derjenige, der in die geistige Welt hineinschauen kann, kann ein wirkliches Wissen von dem Christus haben. Daher müßt ihr euch überhaupt Lehrer aus Indien oder Asien kommen lassen, die euch das Christentum lehren. — Sie können das in diesem Buche nachlesen, wie ein ceylonesischer Inder den Europäern sagt: Laßt euch Lehrer aus Asien kommen, die werden euch sagen können, was der Christus wirklich ist. Eure Lehrer in Europa wissen ja das gar nicht mehr. Seit das Mittelalter zu Ende gegangen ist, habt ihr das Wissen von dem Christus verloren. |
[ 36 ] Sozusagen der letzte, der dritte Teil, waren dann die Tage in London. Es war ja zu dem, was zunächst meine Aufgabe in London war, Frau Dr. Wegman herübergekommen. Wir sollten vor einer Anzahl englischer Ärzte die Methode und das Wesen unserer anthroposophisch-medizinischen Bestrebungen hinstellen. Es waren 40 Ärzte eingeladen, die auch zum großen Teil erschienen waren im Hause von Dr. Larkins. Ich konnte in zwei Vorträgen sprechen zunächst über die besondere Natur unserer Heilmittel in ihrem Zusammenhang mit den Krankheitserscheinungen und mit der Wesenheit des Menschen. Und dann in dem zweiten Vortrage konnte ich eine Grundlage physiologisch-pathologischer Art geben über die Funktionen des Menschen; dann etwas über die Wirkungsweise einzelner Heilmittel wiederum im Zusammenhange mit dieser Begründung die Wirkungen des Antimon-Heilmittels, die Wirkungen der Mistel und so weiter auseinandersetzen —, und ich glaube, wir können uns wirklich sagen, daß doch vielleicht ein recht gutes Verständnis der Sache entgegengebracht worden ist auch im weiteren Kreise, was sich dadurch gezeigt hat, daß die Konsultationen, zu denen Frau Dr. Wegman aufgesucht worden ist, recht zahlreiche waren. So daß auch diese Seite des anthroposophischen Wirkens zur Geltung gekommen ist.
[ 42 ] Und darauf kommt es an, daß allerdings die Europäer und Amerikaner von sich aus wieder den Mut gewinnen, zu jenen geistigen Welten hinzuschauen, in denen auch wiederum das ChristusWissen, die Christus-Weisheit gewonnen werden kann, denn der Christus ist das Wesen, das aus geistigen Welten ins Erdendasein heruntergestiegen ist, und das nur in seiner wahren Innigkeit begriffen werden kann, wenn man es vom Geiste aus begreift.
[ 37 ] Den Beschluß bildete dann eine Eurythmieaufführung in der Royal Academy of Art, die außerordentlich großen Erfolg — das kann man schon sagen — gehabt hat. Der Raum ist ja nicht besonders groß, aber er war nicht nur ausverkauft, es mußten auch Leute abgewiesen werden. Die Eurythmie wurde außerordentlich begeistert aufgenommen. Man kann eigentlich sagen von der Eurythmie: wohin sie kommt, sie ringt sich durch. Wenn nur nicht eben in der gegenwärtigen Zeit sonst die so außerordentlich großen Hindernisse wären! Gerade wenn man auf der einen Seite das alles ansieht, was sich da darbietet, zum Beispiel gerade die Tendenz der Ilkleyer Unternehmungen, nun eine Art von Waldorfschule in England drüben hervorgehen zu lassen, dann schaut man doch wiederum mit einer großen Besorgnis, die einen ja heute nicht verlassen kann, auf dasjenige, was einem, ich möchte sagen als eine unbestimmte, schmerzlich wirkende Antwort entgegentritt, wenn man sich frägt: Was wird nun in dem so furchtbar gefährdeten Deutschland aus der Waldorfschule, von der ja zum Beispiel die Schulbestrebungen doch ausgegangen sind? Ich sage das nicht so sehr wegen der pekuniären Seite der Sache, sondern wegen der außerordentlich gefährdeten Verhältnisse innerhalb Deutschlands. Da sind schon manche Dinge, gegenüber denen man sich ja sagen muß: Wenn das so weiter geht, wie es jetzt geht, dann kann man sich kaum vorstellen, wohin man kommen muß mit den Bestrebungen gerade der Waldortschule.
[ 43 ] Dazu ist eben notwendig, daß der Mensch sich wirklich anschauen lernt als ein Bild geistiger Wesenheiten und geistiger Wirksamkeiten hier auf Erden. Das kann er am besten, wenn er sich recht durchdringt gerade mit solchen Anschauungen, wie ich sie heute im Beginne dieser Betrachtungen vor Sie hingetragen habe, wo der Mensch im Grunde genommen auf die Leerheit in seinen zeitlichen Erlebnissen hinschaut und sich bewußt wird, wie sein Ich ja aus der geistigen Welt gar nicht herunterkommt, wie er in der physischen Welt nur Bild ist, also sein Ich in der physischen Welt nicht da ist. Er sieht gewissermaßen ein Loch in der Zeit, das ihm eigentlich dunkel erscheint. Das ist dasjenige, zu dem er «Ich» sagt.
[ 38 ] Es wird ja schließlich, wenn die Dinge so fortgehen, wie sie jetzt sich anlassen, wie sie sich aus dem, was eben geschieht, ergeben haben, kaum eine Möglichkeit bestehen, solche Dinge ungefährdet durch die heutigen Wirrnisse hindurch zu bringen. Dann hat man namentlich dieses schwere Herz, wenn man sieht, wie diese Dinge doch da sind, und wie eigentlich heute alle Dinge in der Welt aus Kurzsichtigkeit heraus geschehen und ohne irgendwie eine Ahnung zu haben, daß geistige Strömungen mitspielen müssen bei der Kulturentwickelung, und wie eigentlich doch in weitesten Kreisen die Menschen alles unmittelbare Interesse, alles herzhafte Eingehen auf die Dinge sich abgewöhnt haben. Im Grunde genommen schläft ja eigentlich alles gegenüber den Dingen, die so furchtbar an die Wurzel des menschlichen und irdischen Werdens gehen. Es schläft die Menschheit. Man jammert höchstens dann über die Sache, wenn es einem unmittelbar an den Leib geht. Aber die Dinge gehen nicht ohne die Entfaltung großer Ideen! Und es ist solch eine Stumpfheit in der Welt vorhanden gegenüber den Impulsen, die einschlagen sollen: Man will entweder nichts hören davon, oder man fühlt sich unbehaglich in der Welt, wenn auf so etwas hingewiesen wird, wie gerade auf die gefährdete Lage in Mitteleuropa. Man fühlt sich unbehaglich, man redet nicht gern darüber oder färbt sich’s doch in einer gewissen Weise und schiebt namentlich die Dinge so, daß man noch immer von den wesenlosen Dingen, von Schuld und dergleichen spricht. Dadurch macht man sich diese Dinge vom Halse los. Wie die Menschheit sich heute zu den allgemeinen Weltenereignissen stellt, das ist etwas, was einem furchtbar schmerzlich durch die Seele ziehen kann. Dieser allgemeine Kulturschlaf, der immer mehr und mehr Verbreitung gewinnt, ist im Grunde genommen etwas ganz furchtbar Jammervolles. Es ist ja tatsächlich das Bewußtsein nicht vorhanden, wie die Erde heute in ihrer Zivilisation eine Einheit bildet, selbst bei solch elementarischen Ereignissen — über die will ich jetzt hier nicht sprechen, aber sie sind doch geschehen — wie die ergreifende, durch die Natur herbeigeführte japanische Tragödie. Ja, wenn man vergleicht, wie vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Menschen auf diese Dinge hingeschaut haben und wie sie heute darauf hinschauen, so hat es schon etwas, was einem wirklich immer wieder und wiederum vor die Seele die Notwendigkeit stellt, darauf hinzuweisen, wie dringend notwendig das Aufwachen der Menschheit ist.
[ 44 ] Deshalb sollte der Mensch gerade dieser höchst bedeutsamen Tatsache sich bewußt sein, daß er, rückerinnernd, in sein Leben zurückblicken und sich sagen muß: Ja, ich sehe da rückerinnernd die Tageserlebnisse, aber da hinein stellt sich die Finsternis immer wie ein Loch. Das, was finster ist, nenne ich im gewöhnlichen Bewußtsein Ich. Aber ich muß mir eines anderen bewußt werden.
[ 39 ] Das steht natürlich auch immer vor einem, gerade dann, wenn man wiederum sieht, was werden könnte, wenn die Menschen Interesse aufbringen würden, wenn die Menschen dazu kommen würden, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, wenn sie nicht nach Landesabteilungen, nach Staatenabteilungen, sondern im allgemein menschlichen Sinne sie nehmen würden! Wenn man sieht auf der einen Seite, was dann werden könnte, und wenn man auf der anderen Seite sieht, wie es durch die allgemeine Schläfrigkeit fast unmöglich ist, daß irgend etwas wird, dann gibt das eigentlich die Signatur, ich möchte sagen unseres heutigen Zeitalters am allermeisten an. So sind die Dinge man kann gar nicht über das Eine sprechen, ohne daß sich einem für den Zusammenhang auch das andere Bild ergibt.
[ 45 ] Und dieses andere habe ich zusammengefaßt in einigen Worten, die als eine Art Meditation zur Gewinnung des Ich jedem Menschen der Gegenwart heute in die Seele geschrieben werden können, wenn wir öfter und öfter die Worte in uns rege machen, die ich in dieser Weise stellen möchte:
[ 40 ] Ich wollte Ihnen heute, meine lieben Freunde, eben damit eine Art von Reisebeschreibung geben. Ich werde über Fragen des geistigen Lebens, die ja in einem entfernteren Zusammenhang stehen und die eigentlich wiederum anthroposophischen Inhalts sind, nun morgen im Anschlusse daran sprechen.
Ich schaue in die Finsternis:
In ihr ersteht Licht,
Lebendes Licht.
Wer ist dies Licht in der Finsternis?
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit des Ich
Tritt nicht ein in mein Erdendasein.
Ich bin nur Bild davon.
Ich werde es aber wieder finden,
Wenn ich,
Guten Willens für den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen.
[ 41 ] Morgen um 8 Uhr wird mein Vortrag stattfinden; am Dienstag um 8 Uhr wird hier eine Eurythmie-Vorstellung stattfinden.
[ 46 ] Wir können uns immer wieder und wiederum durch Versetzen in solch einen Meditationsspruch hinstellen vor die Finsternis, uns klarmachen, wie wir eigentlich auf Erden nur das Bild desjenigen sind, was von unserem wahren Wesen niemals ins Erdendasein hinunterkommt, wie aber in der Finsternis uns eben durch den guten Willen zum Geist ein Licht aufgehen kann, von dem wir uns gestehen dürfen: Dieses Licht sind wir selbst in unserer Wirklichkeit.
