Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228
2 September 1923, London
Der Mensch als Bild geistiger Wesen und geistiger Wirksamkeiten
[ 1 ] Es freut mich herzlich, daß ich an die beiden mich so befriedigenden Veranstaltungen in Ilkley und Penmaenmawr diesen Vortrag auch hier in unserem Zweige in London anschließen kann.
[ 2 ] Es ist von mir bei früheren Betrachtungen in diesem Zweige erwähnt worden, wie der Mensch, indem er sein Tagewerk hier auf Erden von Tag zu Tag, von Jahr zu Jahr verrichtet, aus dem heraus arbeitet, was ihm physisch selbst als seine Körperlichkeit gegeben ist und womit er physisch mit dem irdischen Dasein verbunden ist. Solange man alles dasjenige betrachtet, was uns in der physischen Welt umgibt hier im Erdendasein, und was in das physische Dasein hineingefügt wird durch unsere eigene Arbeit, solange muß man selbstverständlich die Hauptaufmerksamkeit auf die Zeit richten, die der Mensch hier im Erdendasein während des Wachens zubringt. Aber ich habe es ja schon erwähnt, daß für das menschliche Dasein, selbst für das, was der Mensch sein kann auch im Erdendasein, wichtiger noch dasjenige ist, was sich mit dem Menschen zuträgt in den Zeiten, die er während seines Erdendaseins verschläft.
[ 3 ] Wenn wir in irgendeinem Punkt unseres Erdendaseins zurückblicken auf das, woran wir uns erinnern können, so schließen wir ja eigentlich immer die Zeiten aus, die wir verschlafen haben, und wir fügen aneinander alles das, was wir vollbracht oder erlebt haben am Tage, in wachendem Zustande, und machen daraus gewissermaßen ein zusammenhängendes Ganzes.
[ 4 ] Das aber würde nie da sein, wenn nicht die Schlafzustände dazwischenfielen. Und gerade wenn man das wirkliche Wesen des Menschen kennenlernen will, dann muß man auf diese Schlafzustände aufmerksam sein. Denn der Mensch könnte leicht sagen: Ich weiß ja nichts von dem, was da während des Schlafes ist. So wahrscheinlich das erscheint für das äußere Bewußtsein, so unwahr ist es eigentlich für die Wirklichkeit. Denn wenn wir zurückschauen würden in ein Leben, das niemals vom Schlafe unterbrochen wäre, so würden wir Automaten sein. Wir würden zwar geistige Wesenheiten sein, aber wir würden Automaten sein.
[ 5 ] Wichtiger noch als die abwechselnden Schlafzustände von Tag zu Tag sind für das, was ich jetzt sage, die Zeiten, die wir als ganz kleines Kind durchschlafen, denn die Wirkungen dieses Schlafes bleiben uns für das ganze Leben, und wir fügen nur gewissermaßen ergänzend dasjenige hinzu, was uns jede Nacht geistig zuwächst während der späteren Schlafzustände. Wir würden Automaten sein, wenn wir wachend als Kind in die Welt hereintreten würden, wenn wir wachend blieben, niemals schliefen, und wir würden nicht nur Automaten sein, sondern wir würden auch nicht in der Lage sein, innerhalb dieses automatischen Zustandes irgend etwas bewußt zu tun. Nicht einmal das, was automatisch geschähe durch uns, würden wir als unsere Sache anerkennen. Denn wenn wir meinen, wir erinnern uns nicht an das, was wir durchschlafen haben, so ist das eben nicht ganz richtig. Wenn wir so zurückschauen und die Schlafzustände immer aus unserer Erinnerung herausfallen, so sehen wir eigentlich, indem wir auf das Nichts zurückschauen, an denjenigen Stellen der Zeit, wo wir geschlafen haben, in dieser oder jener Weise die Ereignisse, die wir wachend erlebt haben. Tatsächlich aber sehen wir, wenn wir zurückblicken, an den Stellen der Zeit, wo wir geschlafen haben, das Nichts. Wenn Sie eine weiße Wand haben und es ist an einer Stelle keine Farbe, sondern es ist ein schwarzer Kreis, so sehen Sie auch das Nichts: Sie sehen die Dunkelheit, oder meinetwillen, wenn es nicht ein schwarzer Kreis ist, sondern wenn es ein Loch ist und dahinter kein Licht, sehen Sie auch das Loch. Sie sehen die Dunkelheit. So sehen Sie die Dunkelheit in Ihrem Leben, wenn Sie zurückblicken. Die Zeiten, die Sie verschlafen haben, erscheinen Ihnen als Lebensdunkelheiten. Und zu diesen Lebensdunkelheiten, zu diesen Lebensfinsternissen sagen Sie «Ich». Sie hätten kein Bewußtsein vom Ich, wenn Sie nicht diese Dunkelheiten sehen würden. Sie verdanken es nicht dem Umstande, daß Sie vom Morgen bis zum Abend immer gearbeitet haben, daß Sie zu sich «Ich» sagen können; daß Sie zu sich «Ich» sagen können, verdanken Sie dem Umstande, daß Sie geschlafen haben. Denn das Ich, wie wir es im Erdendasein ansprechen, ist zunächst die Lebensfinsternis, die Leerheit, das Nichtdasein. Und wenn wir in der richtigen Art unser Leben betrachten, dann müssen wir in bezug auf unser Selbstbewußtsein nicht sagen, daß wir dieses dem Tag verdanken, sondern daß wir es der Nacht verdanken. So werden wir eigentlich erst durch die Nacht zu demjenigen, was den wirklichen Menschen ausmacht, während wir sonst Automaten wären.
[ 6 ] Es ist schon so, daß, wenn wir in ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung auf Erden zurückgehen, wir sehen, wie die Menschen zwar nicht Automaten waren, weil sie schon gewisse Unterschiede hatten zwischen Wachen und Schlafen, aber weil ihnen die Schlafzustände mehr oder weniger auch schon im gewöhnlichen Tagesbewußtsein bewußt waren, war ihr Handeln, ihr ganzes Erdenleben eben viel automatischer, als das Leben der Menschen in dieser Erdenzeit ist, in der wir jetzt leben.
[ 7 ] Und so kann man sagen: Unser eigentliches wahres innerliches Ich, das nehmen wir eigentlich aus der geistigen Welt gar nicht in diese physische Erdenwelt mit. Wir lassen es immer in der geistigen Welt. Es war in der geistigen Welt, bevor wir heruntergestiegen sind zum Erdendasein. Es ist wiederum in der geistigen Welt zwischen dem Einschlafen und Aufwachen. Es bleibt immer in der geistigen Welt. Wenn wir bei Tag das gegenwärtige Bewußtsein als Mensch haben und uns ein «Ich» nennen, so ist dieses Wort «Ich» der Hinweis auf etwas, was nicht in dieser physischen Welt vorhanden ist, was in dieser physischen Welt nur sein Bild hat.
[ 8 ] Und nicht richtig sehen wir uns an, wenn wir sagen: Ich bin dieser robuste Mensch auf Erden, ich stehe hier mit meinem wahren Wesen, sondern richtig sehen wir uns dann an, wenn wir sagen: Unser wahres Wesen ist in der geistigen Welt. Was hier auf Erden von uns ist, ist ein Bild, richtig ein Abbild von unserem wahren Wesen. — Das allerrichtigste ist, dasjenige, was auf Erden hier ist, gar nicht als den wirklichen Menschen anzusehen, sondern als das Bild des wirklichen Menschen.
[ 9 ] Dieser Bildcharakter wird einem um so klarer, wenn man sich folgendes vorstellt. Denken wir uns schlafend. Das Ich ist weg vom physischen Leib und dem Ätherleib, der astralische Leib ist weg vom physischen Leib und Ätherleib. Aber das Ich wirkt ja im Blute und in den Bewegungen des Menschen. Die hören dann auf, weil das Ich weg ist im Schlafe; aber das, was im Blute ist, das wirkt ja fort, das Ich ist gar nicht dabei. Wir brauchen nur diesen physischen Leib anzuschauen, und wir müssen uns sagen: Wie ist es denn eigentlich mit ihm, wenn wir schlafen? Dann muß ja das Blut auch in irgendeiner Weise so durchwebt werden von etwas, wie es bei Tag beim Wachen durchwebt wird vom Ich. Ebenso der astralische Leib, der im ganzen Atmungsprozeß immer drinnen lebt. Der verläßt diesen Atmungsprozeß während der Nacht, aber der Atmungsprozeß geht fort! Da muß ja wieder etwas drinnen sein, was, wie im Tagesleben, wirkt als der Astralkörper. Wir verlassen diejenigen Organe in uns, die die Atmungsorgane zum Beispiel sind, mit unserem astralischen Leib während jedes Schlaflebens. Wir verlassen die Pulsationskräfte unseres Blutes mit unserem Ich. Was machen denn die während der Nacht? Nun, da ist es so, daß, wenn nun der Mensch im Bette liegengeblieben und sein Ich herausgegangen ist aus den blutpulsierenden Kräften, dann Wesenheiten der ersten höheren Hierarchie in diese blutpulsierenden Kräfte hineinziehen: dann leben Angeloi, Archangeloi und Archai in diesen selben Organen, in denen bei Tag, beim Wachen das Ich lebt. Und in den Atmungsorganen, die wir verlassen haben dadurch, daß unser Astralleib aus uns heraußen ist, da wirken in der Nacht die Wesen der nächsthöheren Hierarchie darinnen: Exusiai, Dynamis, Kyriotetes.
[ 10 ] So daß die Sache so ist, daß, wenn wir abends beim Einschlafen unseren Auszug halten mit unserem Ich und unserem astralischen Leib aus unserer Tagesleiblichkeit, Engel, Erzengel und höhere geistige Wesenheiten in uns einziehen und unsere Organe, während wir draußen sind, weiter vom Einschlafen bis zum Aufwachen beleben. Und in bezug auf den Ätherleib sind wir nicht einmal beim Tagwachen imstande, dasjenige zu tun, was darinnen getan werden soll. Den müssen erfüllen die Wesenheiten der höchsten Hierarchie, die Seraphim, Cherubim und Throne, auch wenn wir wachen; die bleiben überhaupt immer darinnen.
[ 11 ] Und dann unser physischer Leib! Wenn wir alles dasjenige, was in unserem physischen Leibe als großartige, gewaltige Vorgänge sich abspielt, selbst besorgen müßten, dann würden wir dieses nicht nur schlecht machen, sondern wir wüßten überhaupt nichts damit anzufangen, denn da sind wir ganz hilflos. Was die äußere Anatomie sagt über den physischen Leib, das würde nicht einmal ein Atom von ihm in Bewegung setzen können. Dazu gehören ganz andere Mächte.
[ 12 ] Diese Mächte sind keine anderen als diejenigen, die seit uralten Zeiten genannt werden die Mächte der obersten Trinität, die Vater-, Sohnes- und Geistmächte, die eigentliche Trinität, die in unserem physischen Leibe wohnt.
[ 13 ] So können wir sagen: Unser ganzes Erdenleben hindurch ist unser physischer Leib nicht unser; er würde durch uns selbst nicht seine Entwickelung durchmachen. Er ist, wie die alten Zeiten gesagt haben, der wahre Tempel der Gottheit, der dreifach erscheinenden Gottheit. Unser Ätherleib ist der Wohnplatz für die Hierarchie der Seraphim, Cherubim, Throne; unsere Organe, die dem Ätherleib zugeteilt sind, die müssen mitversorgt werden durch die Seraphim, Cherubim, Throne. Und das, was wir an physischen Organen und Ätherorganen haben, und was in der Nacht durch den astralischen Leib verlassen wird, das muß versorgt werden durch die zweite Hierarchie, Kyriotetes, Dynamis, Exusiai. Und was wir als Organe haben, die durch das Ich verlassen werden, das muß während der Nacht versorgt werden durch die dritte Hierarchie, durch die Angeloi, Archangeloi, Archai.
[ 14 ] So ist ein fortwährendes Wirken im Menschen, das nicht nur von ihm selbst ausgeht. Er hat sozusagen nur als ein Unterwohner Wohnung während des Wachens in diesem seinem Organismus. Dieser sein Organismus ist zu gleicher Zeit die Tempel- und Wohnstätte der Geister der höheren Hierarchien.
[ 15 ] Wenn wir dies ins Auge fassen, dann können wir uns sagen: Wir schauen eigentlich die äußere Gestalt des Menschen nur richtig an, wenn wir uns sagen, sie ist ein Bild, ein Bild des Wirkens aller Hierarchien. Die sind da drinnen. Und schaue ich dieses menschlich geformte Haupt an mit allen Einzelheiten, diesen übrigen menschlich geformten Körper, so schaue ich ihn nicht richtig an, wenn ich sage, er ist dieses oder jenes Wesen, sondern wenn ich sage, er ist ein Bild eines unsichtbaren übersinnlichen Wirkens aller Hierarchien. Erst wenn man in dieser Weise auf die Dinge hinschaut, spricht man richtig im einzelnen von dem, was sonst immer nur in einer starken Abstraktheit auseinandergesetzt wird.
[ 16 ] Es wird gesagt, diese physische Welt ist nicht die Wirklichkeit, sie ist Maja, und die Wirklichkeit liegt dahinter. Aber damit kann man nicht viel anfangen. Das ist nur eine allgemeine Wahrheit, so wie wenn man sagt: Auf der Wiese wachsen Blumen. — Wie man ja auch da erst etwas anfangen kann, wenn man weiß, was für Blumen auf der Wiese wachsen, so kann man auch mit einem Wissen über die höhere Welt erst dann etwas anfangen, wenn man im einzelnen darauf hinweisen kann, wie die Wirksamkeit dieser höheren Welt ist in demjenigen, was einem äußerlich eben als Bild, als Maja, als Abglanz, als Offenbarung im Sinnlich-Physischen erscheint.
[ 17 ] So steht der Mensch, als Ganzes betrachtet, nach seinem irdischen "Tagesleben und auch nach seinem irdischen Nachtleben, nicht nur in Beziehung zu dem, was physisch-sinnlich ihn umgibt hier im Erdendasein, sondern er steht in Beziehung auch zu der Welt der höheren Geistigkeit. Und so wie das, was als eine gewisse, man könnte sagen niedere Geistigkeit durch die Reiche der Natur hier auf Erden wirkt — mineralisches, pflanzliches, tierisches Reich —, so wirkt dasjenige, was von höherer Geistigkeit auf den Menschen wirksam ist, durch die Sternenwelt. So wie der Mensch, als ganzes Wesen betrachtet, zu den Pflanzen und Tieren, zu Wasser und Luft hier auf der Erde in Beziehung steht durch sein physisches Dasein, so steht er als ganzes Wesen auch in Beziehung zu der Sternenwelt, die nun auch nur Bild, Offenbarung ist dessen, was in Wirklichkeit eigentlich vorhanden ist. Und in Wirklichkeit sind eben jene Wesen der höheren Hierarchien da. Indem der Mensch zu den Sternen aufblickt, blickt er im Grunde genommen zu den Geistwesen der höheren Hierarchien auf, die ihm nur etwas wie ein symbolisches Licht ihres Daseins entgegenleuchten lassen, damit auch für das physische Dasein eine Andeutung desjenigen [gegeben] ist, was im Grunde genommen überall als Geistiges das Universum erfüllt.
[ 18 ] Und so wie wir hier auf Erden eine gewisse Sehnsucht darnach haben, kennenzulernen den Berg, den Fluß, das Tier, die Pflanze, so sollten wir schon eigentlich auch Sehnsucht darnach empfinden, die Sternenwelt in ihrer Wahrheit erkennen zu lernen. Und in ihrer Wahrheit ist die Sternenwelt geistig. In Penmaenmawr drüben habe ich einiges angedeutet über die Geistigkeit des Mondes, so wie er uns jetzt gerade in dieser Phase der Erdenentwickelung aus dem Weltenraum herein erglänzt.
[ 19 ] So wie wir eigentlich, wenn wir auf den Mond hinschauen, niemals ihn selbst sehen, höchstens eine spärliche Andeutung als Fortsetzung der beleuchteten Sichel, wie wir eben immer nur das zurückgeworfene Sonnenlicht sehen, nie den Mond selbst, so sind es überhaupt nur die vom Monde zurückgeworfenen Weltenkräfte, die zu uns kommen auf die Erde, nicht das, was im Monde selbst lebt. Es ist nur ein Teil, und zwar der geringste Teil dessen, was zum Monde gehört, daß er uns das Sonnenlicht auf die Erde zurückwirft. In Wahrheit wirft er uns alle physischen und geistigen Impulse, die aus dem Weltenall auf ihn wirken, wie ein Spiegel zurück. Und wie man das Hintere eines Spiegels nicht sieht, so sieht man das Innere des Mondes nie, aber in diesem Inneren des Mondes ist eine wirkliche geistige Bevölkerung mit hohen führenden Mächten. Diese hohen führenden Mächte und die andere Mondenbevölkerung waren einmal hier auf Erden, haben sich, allerdings in einer Zeit, die schon mehr als fünfzehntausend Jahre zurückliegt, von der Erde nach dem Monde zurückgezogen. Vorher hat auch der Mond physisch anders ausgesehen. Er sandte nicht einfach das Sonnenlicht auf die Erde herunter, sondern er mischte sein eigenes Wesen in dieses Sonnenlicht hinein. Nun, das braucht uns ja weniger zu interessieren. Aber das soll uns interessieren, daß der Mond heute wie eine Festung im Universum ist. Und in dieser Festung wohnt jene Bevölkerung, welche die Menschenschicksale schon vor mehr als fünfzehntausend Jahren absolviert hat, und die sich mit den Führern der Menschheit nach diesem Monde zurückgezogen hat.
[ 20 ] Es gab einstmals hier auf der Erde fortgeschrittene Wesenheiten, die nicht in derselben Weise einen physischen Menschenleib annahmen wie die heutigen Menschen, die mehr in einem ätherischen Leibe lebten, aber dennoch für die damaligen Menschen auf Erden durchaus die großen Lehrer und Erzieher waren.
[ 21 ] Diese großen Lehrer und Erzieher der Menschheit, die einstmals der Menschheit auf Erden die Urweisheit gebracht haben, jene hohen bewunderungswerten Urweisheiten, von denen Veden und Vedanta nur die Nachklänge sind, die leben heute innerhalb des Mondes und strahlen nur dasjenige auf die Erde nieder, was außer dem Monde im Weltenall lebt.
[ 22 ] Es ist ja auf der Erde etwas zurückgeblieben von jenen Mondenkräften; allein das sind nur die physischen Fortpflanzungskräfte für Mensch und Tier. Nur das alleräußerste Physische ist zurückgeblieben, als einstmals in der alten atlantischen Zeit die großen Lehrer der Menschheit dem Monde nachzogen, nachdem er sich schon früher von der Erde zurückgezogen hatte.
[ 23 ] So sehen wir, wenn wir nach dem Monde hinaufschauen, seine Wirklichkeit nur dann, wenn wir verstehen, daß da hohe geistige Wesenheiten, die einmal mit der Erde verbunden waren, es sich heute zur Aufgabe machen, nicht das, was sie selber in sich tragen, sondern was im Weltenall an physischen und geistigen Kräften vermittelt ist, auf die Erde zurückzustrahlen. Wer daher heute nach einer Initiationsweisheit strebt, der muß vor allen Dingen auch darnach trachten, in diese Initiationsweisheit hereinzubekommen dasjenige, was ihm mit ihren höheren Kräften diese Mondenwesen zu sagen haben.
[ 24 ] Nun, das ist gewissermaßen eine Gestalt im Weltenall draußen, eine Kolonie, eine Ansiedelung; andere sind ebenso wichtig, namentlich diejenigen, die zu unserem Planetensystem gehören. Ich möchte sagen, am anderen Pol, am anderen äußersten Ende in bezug auf diese Wichtigkeit liegt für uns Erdenmenschen die Bevölkerung des Saturn.
[ 25 ] Nicht in derselben Weise wie die Mondenbevölkerung war die Saturnbevölkerung mit der Erde verbunden. Daß eine Verbindung da war, können Sie aus meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» ersehen. Aber nicht in derselben Weise wie die Mondenwesen sind die Saturnwesen mit dem Irdischen verbunden, sondern diese Saturnwesen strahlen nichts zurück von dem, was im Weltenraum ist. Kaum daß wir physisch Sonnenlicht vom Saturn zurückgestrahlt bekommen. Wie ein einsamer, wenig leuchtender Einsiedler zieht der Saturn langsam um die Sonne herum. Aber dasjenige, was die äußere Astronomie zu sagen weiß über den Saturn, das ist das allerallerwenigste. Was der Saturn für die Menschheit der Erde bedeutet, das tritt jede Nacht auf, aber nur im Bilde, insbesondere aber im Leben zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, wenn der Mensch durch die geistige und damit durch die Sternenwelt hindurchgeht, wie ich es auch schon einmal in einem der Vorträge in diesem Zweige hier auseinandergesetzt habe.
[ 26 ] Der Mensch begegnet ja nicht dem Saturn selber in der jetzigen menschlichen Entwickelungsphase, aber er kommt auf einem Umwege dennoch mit den Saturnwesen zusammen. Den Umweg will ich heute nicht charakterisieren. Aber um was es sich handelt, ist, daß innerhalb des Saturn Wesen wohnen von einer sehr hohen Vollkommenheit, äußerst erhabene Wesenheiten, Wesenheiten, die unmittelbar in einer inneren Beziehung zu Seraphim, Cherubim und Thronen stehen, für die eigentlich Seraphim, Cherubim und Throne die nächsten Wesen sind, die Wesen ihrer nächsten Hierarchie sind.
[ 27 ] Diese Wesenheiten, diese Bevölkerung des Saturn, strahlen eigentlich vom Saturn zur Erde nichts nieder und geben nichts den Menschen, was in der äußeren physischen Welt ist. Dagegen bewahren die Saturnwesen das kosmische Gedächtnis, die kosmische Erinnerung. Alles, was das Planetensystem an physischen und geistigen Tatsachen durchgemacht hat, was Wesenheiten innerhalb unseres Planetensystems erlebt haben, das bewahren die Saturnwesen treulich im Gedächtnis. Die Saturnwesen schauen immer erinnernd zurück auf das ganze Leben des Planetensystems. Wie wir auf unser ganzes enges Erdenleben mit der Erinnerung zurückschauen, so haben — zusammen in ihren Wirkungen — Saturnwesen das kosmische Erinnern an all das, was das Ganze und jedes einzelne Wesen des Planetensystems durchgemacht hat. Und das alles, was da an Kräften in dieser Erinnerung lebt, das lebt für den Menschen dadurch, daß er zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, eigentlich auch in jeder Nacht im Bilde, mit diesen Saturnwesen in eine Beziehung kommt. Dadurch wirken im Menschen die Kräfte, die ausgehen von diesen Saturnwesen, die eigentlich das tiefste Innere des Planetensystems darstellen. Denn wie die Erinnerung unser tiefstes Inneres auf Erden ist, so ist das, was im Saturn lebt, eigentlich das tiefste innere kosmische Ich des ganzen Planetensystems.
[ 28 ] Dadurch, daß diese Wirkungen im Menschen sind, gehen im Leben die Vorgänge vor sich, die dem Menschen zum großen Teil ihrer eigentlichen Bedeutung nach unbewußt bleiben, die aber die denkbar größte Rolle im Leben des Menschen spielen. Das meiste, was im Leben bewußt vor sich geht, ist ja nur das geringste im Leben.
[ 29 ] Wenn Sie irgendeinen tiefen Einschnitt irgendwo im Leben haben, ein maßgebendes Ereignis — Sie haben zum Beispiel irgendeinen anderen Menschen gefunden, mit dem Sie dann das weitere Leben gemeinsam zubringen, oder irgendein anderes ganz bedeutsames Ereignis — und Sie schauen von diesem Ereignis dann zurück, so werden Sie sehen, wie es Ihnen auffällt, daß es wie ein Plan ist, der Sie schon längst zu diesem Ereignis hingeführt hat. Manchmal können Sie für irgend etwas, was in Ihrem dreißigsten bis fünfzigsten Jahre auftritt, das Leben zurückverfolgen, und Sie finden: Ja, eigentlich habe ich den Weg zu diesem Ereignis schon mit zehn, zwölf Jahren angetreten; alles Spätere hat sich so gemacht, daß ich dann zuletzt landete bei diesem Ereignis.
[ 30 ] Menschen, die alt geworden sind, die dann zurückblicken auf ihr Leben, finden sich, wenn sie sinnig zurückblicken, schon in dieser Weise im Leben zurecht, daß sie sich sagen können: Da ist ein solch unterbewußter Zusammenhang. Wir werden hingedrängt durch unbewußte Kräfte zu diesem oder jenem Ereignisse.
[ 31 ] Das sind die Saturnkräfte, das sind die Kräfte, die in uns gepflanzt werden dadurch, daß wir in der angedeuteten Weise mit jener inneren Bevölkerung des Saturn in einem Zusammenhang stehen.
[ 32 ] Und wenn auf der einen Seite jetzt vom Monde nur die physischen Fortpflanzungskräfte auf Erden vorhanden sind — die sind zurückgeblieben vom Monde —, so sind auf der andern Seite die höchsten, weil die kosmisch-moralischen Kräfte, durch den Saturn auf der Erde. Und der größte Ausgleicher für alle irdischen Ereignisse ist der Saturn. Und wenn die Mondenkräfte, wie sie jetzt auf Erden sind, nur etwas zu tun haben mit der Vererbung von Vater, Mutter und so weiter, so haben die Saturnkräfte mit unserem Menschenleben das zu tun, was im Karma lebt, was von Inkarnation zu Inkarnation geht. Und die anderen Planeten stehen dazwischen, vermitteln das, was das Physische ist und was das höchste Moralische ist.
[ 33 ] Zwischen Mond und Saturn stehen dann Jupiter, Mars und so weiter. Sie vermitteln in ihrer Art dasjenige, was als die äußersten Extreme Mond und Saturn in das menschliche Leben hineintragen: der Mond dadurch, daß sich seine Geistwesen zurückgezogen und nur das Physische in der Erdenwirksamkeit, die physische Fortpflanzungskraft zurückgelassen haben, der Saturn die höchste moralische Gerechtigkeit des Universums. Diese zwei wirken zusammen, indem zwischen ihnen die anderen Planeten stehen und das eine mit dem andern verweben. Karma durch den Saturn vermittelt, physische Vererbung durch den Mond vermittelt, sie zeigen uns erst, wie der Mensch, indem er von Erdenleben zu Erdenleben geht, mit der Erde selbst und mit dem, was außerirdisch im Universum ist, zusammenhängt.
[ 34 ] Sie können verstehen, daß die heutige physische Wissenschaft, die sich nur mit dem Erdendasein befaßt, eigentlich nur über das wenigste vom Menschen etwas zu sagen weiß. Sie weiß zwar viel zu sagen über die Vererbungskräfte, erkennt aber nicht, daß sie zurückgebliebene Mondenkräfte sind, weiß sie nicht zu beziehen auf ihre außerirdische Wirksamkeit, und weiß gar nichts von dem, was nun auch im Leben wirkt als das Karma, als das Schicksal, das von Erdenleben zu Erdenleben geht und das im wesentlichen durchpulst wird — so wie wir von der Blutpulsation als physische Menschen durchpulst werden — von den Wesenheiten, die das große Erinnern an das gesamte Planetensystem und sein Geschehen in sich tragen. Blicken wir in uns selber: Wir sind Menschen erst dadurch, daß wir ein Gedächtnis haben. Blicken wir auf das Planetensystem mit all seinen physischen und geistigen Vorgängen, so müssen wir uns, wenn wir an die Initiationsweisheit heranreichen wollen, sagen: Dieses ganze Planetensystem wäre eigentlich nichts Innerliches, wenn nicht die im Saturn wohnende Bevölkerung fortwährend das Gedächtnis, das Vergangene dieses Planetensystems bewahren würde, und die Kräfte, die aus dieser Bewahrung des Vergangenen ersprießen, immerfort auch in die Menschheit hineinversenken würde, so daß alle diese Menschen leben in einem lebendigen geistigen, moralischen Ursachenzusammenhang von Erdenleben zu Erdenleben.
[ 35 ] Im Erdenleben ist der Mensch in seinem Verhältnis zum Menschen für das, was er bewußt vollbringt, in enge Grenzen gebannt. Wenn aber der Mensch in Betracht zieht, was er durchmacht zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so ist sein Verhältnis zu anderen Menschen, die dann auch entkörpert, nicht im physischen Körper sind, innerhalb weiterer Kreise verlaufend. Der Mensch ist allerdings zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, man kann sagen, in einer gewissen Zeit mehr in der Nähe der Mondenwirkungen, in einer anderen Zeit mehr in der Nähe der Saturn-, der Marswirkungen und so weiter, aber die eine Art von Kräften wirkt immer über Weltenräume in die andere herüber. Und so wie wir hier nur durch engbegrenzte Erdenräume während des Erdendaseins von Mensch zu Mensch wirken können, so wird gewirkt zwischen dem Tode und einer neuen Geburt von Planet zu Planet. Es ist tatsächlich dann das Universum der Schauplatz des menschlichen Wirkens und auch der Verhältnisse der Menschen zueinander. Die eine Menschenseele ist vielleicht innerhalb des Venusbereiches, die andere innerhalb des Jupiterbereiches zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, aber es bestehen da Wechselwirkungen von größerer Innigkeit, als sie in beschränktem Maße auf der Erde möglich sind. Und ebenso, wie zwischen den Menschenseelen Weltenweiten in den Schauplatz ihres Wirkens hingerufen werden zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, so wirken auch die Geister der höheren Hierarchien durch solche Weltenweiten hindurch. Und daher können wir dort nicht nur von der Wirkung etwa der einzelnen Wesenheiten sprechen — sagen wir, der Venusbevölkerung oder der Marsbevölkerung —, sondern wir können auch sprechen von einer Beziehung der Venusbevölkerung zur Marsbevölkerung, von einer fortwährenden Beziehung, einem fortwährenden Hin- und Hergehen der Kräfte zwischen Marsbevölkerung und Venusbevölkerung in dem Universum.
[ 36 ] Und was da vor sich geht im Universum zwischen der Bevölkerung des Mars und der Bevölkerung der Venus, was da fortwährend vor sich geht an Wechselbeziehung, was da im Kosmos, im geistigen Kosmos lebt als die gegenseitig sich befruchtenden Taten von Mars und Venus, das steht ja alles wiederum in Beziehung zum Menschen. So wie das Saturngedächtnis in Beziehung zum menschlichen Karma steht, wie die zurückgebliebenen, die physischen Mondenkräfte in Beziehung stehen zu der äußeren Fortpflanzungskraft, so steht dasjenige, was im Verborgenen des Geistigen fortwährend geschieht zwischen Mars und Venus, in Beziehung zu dem, was auf Erden hier am Menschen erscheint als die menschliche Sprache. Wir würden nicht sprechen können durch bloße physische Kräfte. Diese Sprachkraft ist auch von demjenigen Wesen des Menschen nach außen gestrahlt, das von Erdenleben zu Erdenleben sein Dasein vollbringt, das das Leben hat zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und während wir als geistiges Wesen leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, kommen wir auch in die Wirkungsweise dessen hinein, was befruchtend zwischen Mars und Venus, zwischen der Marsbevölkerung und der Venusbevölkerung geschieht. Diese hin- und herstrahlenden Kräfte, dieses Zusammenarbeiten, das wirkt auf uns in dem Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Das lebt sich dann im physischen Bilde aus. Das ist es, was von dem innersten Menschenwerden heraus in die Sprach- und Gesangsorgane hineingeht.
[ 37 ] Wir würden nicht sprechen können mit unseren Sprach- und Gesangsorganen, wenn sie physisch nicht angeregt wären von jenen Kräften, die wir in uns aufnehmen mit den Tiefen unseres Wesens zwischen dem Tod und einer neuen Geburt aus dem, was hin- und herströmt im Kosmos zwischen Mars und Venus.
[ 38 ] So stehen wir in dem, was wir täglich tun, unter der Einwirkung derjenigen Kräfte, zu denen wir nur als zu ihren Zeichen bewundernd aufschauen, wenn wir auf die Sterne hinblicken. Erst derjenige vermag eben in der richtigen Weise zu den Sternen aufzublicken, der weiß, daß eigentlich in den Sternen, die aus dem Raume zu uns strahlen, nur die Schriftzeichen zu ersehen sind für das Universum, für das universellste geistige Geschehen, das in uns lebt und dessen Abbild wir sind.
[ 39 ] Eine ältere Menschheit hat in einer älteren atavistisch-instinktiven Hellseherkraft eine Anschauung gehabt von alledem, aber diese Anschauung ist allmählich verglommen. Der Mensch hätte nicht frei werden können, wenn er die alte Anschauung behalten hätte. Diese alte Anschauung verfinsterte sich im Menschen. Dafür aber trat in das Erdenleben herein das Mysterium von Golgatha. Ein hohes Wesen der Sonnenbevölkerung hat zwar den Menschen nicht gleich das Bewußtsein bringen können von dem, was da in den Sternenwelten vor sich geht, aber die Kräfte dazu, sich dieses Bewußtsein nach und nach zu erwerben.
[ 40 ] Daher kam die Sache auch so, daß zunächst, noch während das Mysterium von Golgatha geschah, eine alte gnostische Erbweisheit vorhanden war, durch die man das Mysterium von Golgatba begriffen hat. Die ist aber verschwunden, schon verschwunden im vierten nachchristlichen Jahrhundert. Die Kraft, die durch den Christus auf Erden gekommen ist, die ist geblieben. Und diese Kraft kann der Mensch in sich rege machen, wenn er durch das, was neuere Geisteswissenschaft zu sagen weiß, wiederum den Blick überhaupt sich eröffnet für die geistigen Welten.
[ 41 ] Mit diesem Blick in die geistigen Welten wird so manches über die neuere Menschheit kommen. Es ist doch eine. merkwürdige Erscheinung, daß diejenigen Menschen, die sich heute noch etwas bewahrt haben von der alten instinktiven Weisheit — die ja nicht mehr zeitgemäß, im besten Sinne des Wortes nicht mehr zeitgemäß ist und durch eine bewußte Weisheit ersetzt werden muß —, daß diejenigen Menschen im Orient drüben, die sich in den verschiedensten Gegenden von Asien etwas von ihr bewahrt haben, die dort die Gebildeten, die Gelehrten sind, eigentlich auf Europa und Amerika in einer recht verächtlichen Weise herabsehen. Die sind überzeugt davon, daß selbst in dem heute dekadenten Zustand ihre alte asiatische Urweisheit, oder eigentlich die Fetzen derselben, die Reste derselben noch besser seien als alles das, was die westliche Zivilisation so hochmütig macht. Und interessant ist es immerhin, daß solch ein Buch erscheinen konnte, wie das eines ceylonesischen Inders: «The Culture of the Soul among the Western Nations». In diesem Buch «Kultur der Seele bei den westlichen Nationen» wird nichts Geringeres von einem ceylonesischen Inder den Europäern gesagt als dieses: Seit dem Mittelalter ist euer Wissen von dem Christus ausgestorben. Ihr habt gar kein wirkliches Wissen mehr von dem Christus, denn nur derjenige, der in die geistige Welt hineinschauen kann, kann ein wirkliches Wissen von dem Christus haben. Daher müßt ihr euch überhaupt Lehrer aus Indien oder Asien kommen lassen, die euch das Christentum lehren. — Sie können das in diesem Buche nachlesen, wie ein ceylonesischer Inder den Europäern sagt: Laßt euch Lehrer aus Asien kommen, die werden euch sagen können, was der Christus wirklich ist. Eure Lehrer in Europa wissen ja das gar nicht mehr. Seit das Mittelalter zu Ende gegangen ist, habt ihr das Wissen von dem Christus verloren. |
[ 42 ] Und darauf kommt es an, daß allerdings die Europäer und Amerikaner von sich aus wieder den Mut gewinnen, zu jenen geistigen Welten hinzuschauen, in denen auch wiederum das ChristusWissen, die Christus-Weisheit gewonnen werden kann, denn der Christus ist das Wesen, das aus geistigen Welten ins Erdendasein heruntergestiegen ist, und das nur in seiner wahren Innigkeit begriffen werden kann, wenn man es vom Geiste aus begreift.
[ 43 ] Dazu ist eben notwendig, daß der Mensch sich wirklich anschauen lernt als ein Bild geistiger Wesenheiten und geistiger Wirksamkeiten hier auf Erden. Das kann er am besten, wenn er sich recht durchdringt gerade mit solchen Anschauungen, wie ich sie heute im Beginne dieser Betrachtungen vor Sie hingetragen habe, wo der Mensch im Grunde genommen auf die Leerheit in seinen zeitlichen Erlebnissen hinschaut und sich bewußt wird, wie sein Ich ja aus der geistigen Welt gar nicht herunterkommt, wie er in der physischen Welt nur Bild ist, also sein Ich in der physischen Welt nicht da ist. Er sieht gewissermaßen ein Loch in der Zeit, das ihm eigentlich dunkel erscheint. Das ist dasjenige, zu dem er «Ich» sagt.
[ 44 ] Deshalb sollte der Mensch gerade dieser höchst bedeutsamen Tatsache sich bewußt sein, daß er, rückerinnernd, in sein Leben zurückblicken und sich sagen muß: Ja, ich sehe da rückerinnernd die Tageserlebnisse, aber da hinein stellt sich die Finsternis immer wie ein Loch. Das, was finster ist, nenne ich im gewöhnlichen Bewußtsein Ich. Aber ich muß mir eines anderen bewußt werden.
[ 45 ] Und dieses andere habe ich zusammengefaßt in einigen Worten, die als eine Art Meditation zur Gewinnung des Ich jedem Menschen der Gegenwart heute in die Seele geschrieben werden können, wenn wir öfter und öfter die Worte in uns rege machen, die ich in dieser Weise stellen möchte:
Ich schaue in die Finsternis:
In ihr ersteht Licht,
Lebendes Licht.
Wer ist dies Licht in der Finsternis?
Ich bin es selbst in meiner Wirklichkeit.
Diese Wirklichkeit des Ich
Tritt nicht ein in mein Erdendasein.
Ich bin nur Bild davon.
Ich werde es aber wieder finden,
Wenn ich,
Guten Willens für den Geist,
Durch des Todes Pforte gegangen.
[ 46 ] Wir können uns immer wieder und wiederum durch Versetzen in solch einen Meditationsspruch hinstellen vor die Finsternis, uns klarmachen, wie wir eigentlich auf Erden nur das Bild desjenigen sind, was von unserem wahren Wesen niemals ins Erdendasein hinunterkommt, wie aber in der Finsternis uns eben durch den guten Willen zum Geist ein Licht aufgehen kann, von dem wir uns gestehen dürfen: Dieses Licht sind wir selbst in unserer Wirklichkeit.
