Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228
9 September 1923, Dornach
Bericht über die Arbeit und die Reiseeindrücke in England
[ 1 ] Meine lieben Freunde, am heutigen Abend möchte ich Ihnen einiges von der Reise erzählen, um dann morgen noch einen Vortrag zu halten — da ja die nächste Woche in Stuttgart verbracht werden muß und dabei auf einiges einzugehen, was vielleicht inhaltlich mehr mit den Dingen zusammenhängt, die ich auch heute, als der Beschreibung der Reise angehörig, werde auseinanderzusetzen haben.
[ 2 ] Die Reise begann ja mit Ilkley, wo im Norden Englands ein pädagogischer Kursus gehalten werden sollte, ein Kursus, der die Waldorfschul-Methodik und -Didaktik mit Bezug auf die Zivilisation der Gegenwart zu seinem Inhalte hatte. Ilkley liegt im Norden von England und ist ein Ort, der etwa 8000 Einwohner hat. Gegenwärtig besteht ja in England die Tendenz, in den Sommermonaten sozusagen Sommerschulen abzuhalten an solchen Orten, und dieser Kursus war zunächst auch in der Form einer solchen Sommerschule.
[ 3 ] Der Kursus sollte begleitet sein von demjenigen, was wir in künstlerischer Beziehung als Eurythmie aus der anthroposophischen Bewegung heraus entwickelt haben, und er sollte auch begleitet sein von dem, was sechs unserer Waldorfschul-Lehrkräfte bieten konnten in Anlehnung an dasjenige, was eben in den einzelnen Vorträgen gesagt worden ist.
[ 4 ] Ilkley ist ein Ort, der wohl als eine Art Sommeraufenthaltsort gilt, der aber in unmittelbarer Nähe derjenigen Städte liegt, die einen wirklich so recht tief hineinstellen in dasjenige, was in unserer Zeit die industriell-kommerzielle Kultur ist. In unmittelbarer Nähe liegt ja Leeds und liegen andere Orte, Bradford zum Beispiel, auch Manchester ist ja nicht weit davon, — das sind Städte, die durchaus das Leben, das sich aus der Gegenwart heraus ergeben hat, widerspiegeln. Man hat wirklich da eine Empfindung, die sehr deutlich besagt, wie stark die Gegenwart einen geistigen Einschlag nötig hat; einen geistigen Einschlag, der sich aber nicht darauf beschränkt, einzelnen Menschen etwas zu geben für ihre unmittelbaren individuell—persönlichen Seelenbedürfnisse. Es ist gewiß so berechtigt wie nur möglich, die anthroposophische Bewegung gerade in diesem Lichte zu sehen, aber ich spreche jetzt von den Empfindungen, die von der heutigen Außenwelt her einem wirklich aufgedrängt sind.
[ 5 ] Sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist ja doch so, daß man es als außerordentlich, ich möchte sagen kulturparadox empfinden würde, wenn jemand empfehlen würde, unverdauliche mineralische Produkte — sagen wir irgendwelche Mineralien, Steine und so weiter — der menschlichen Nahrung beizumischen, also es als etwas Mögliches ansehen würde, Sand oder dergleichen der menschlichen Nahrung zuzusetzen. Man ist genötigt, aus den Vorstellungen heraus, die man sich über den menschlichen Organismus macht, dies als etwas Unmögliches sich vorzustellen. Allein wer tiefer in den Weltenbau und in den Weltenzusammenhang hineinzuschauen vermag — das darf einmal gesagt werden aus wirklichem anthroposophischem Fühlen und Empfinden heraus —, der empfindet in besonderer Weise eine Häuser- und Fabrikenzusammenstellung in einem solchen Stile, der sozusagen dem ästhetischen Bedürfnisse des Menschen gar nichts gibt — wie das zum Beispiel in Leeds der Fall ist, wo unglaublich aussehende schwarze Häuser in abstrakter Weise nebeneinandergereiht sind, wo alles eigentlich so ausschaut, wie wenn es unmittelbar eine Kondensation wäre des schwärzesten Kohlenstaubes, der sich zusammengeballt hat und Häuser bildend aufgetreten ist, in denen nun die Menschen ihre Wohnungen aufschlagen. Man empfindet, wenn man dies im Zusammenhange mit der Kulturentwickelung, mit der Zivilisationsentwickelung der ganzen Menschheit wirklich nur mit derselben Gesinnung beachtet wie das, was ich soeben in bezug auf den Sand im Magen gesagt habe, man empfindet das so, daß man eigentlich sagen muß: Es ist ebenso unmöglich für die menschliche Zivilisation, daß sich solches auf die Dauer hineinstellt in den ganzen Gang der Menschheitsentwickelung und daß dabei die menschliche Zivilisation irgendwie innerlich fortschreiten könnte.
[ 6 ] Nun handelt es sich wirklich nicht darum, daß man jemals auf anthroposophischem Boden ein Reaktionär sein könnte. Man muß selbstverständlich nicht im negativen Sinne von diesen Dingen sprechen. Diese Dinge haben sich eben aus dem Leben der ganzen Erdenentwickelung heraus ergeben. Aber sie sind nur möglich innerhalb der Menschheitsentwickelung, wenn sie durchdrungen werden, durchsetzt werden von einem wirklichen spirituellen Leben, wenn das spirituelle Leben tatsächlich gerade in diese Dinge hineindringt und sie allmählich wenigstens auch herauszuheben vermag zu einer Art von Ästhetik, so daß die Menschen eben nicht völlig von dem Innermenschlichen abkommen dadurch, daß diese Dinge sich in die Kulturentfaltung hineinstellen.
[ 7 ] Und ich möchte sagen: Gerade aus einem solchen Erlebnis heraus ergibt sich einem eben die absoluteste Notwendigkeit eines Eindringens spiritueller Impulse in die gegenwärtige Zivilisation. Diese Dinge können ja nicht bloß im Sinne von allgemeinen Ideen gefaßt werden, die man sich macht, sondern sie müssen wirklich im Zusammenhange mit dem, was in der Welt ist, gefaßt werden. Aber man muß ein Herz haben für dasjenige, was ist in der Welt!
[ 8 ] Ilkley selbst nun ist ein Ort, der in seiner Umgebung auf der einen Seite eben die Nähe dieser anderen, rein industriellen Städte als seine Atmosphäre trägt, der auf der anderen Seite tatsächlich überall, aber nur spurenweise, in den herumliegenden Resten der Dolmen, der alten Druiden-Altäre immerhin etwas hat, was an alte Geistigkeit erinnert, die da unmittelbar eben keine Nachfolge hat. Es ist, ich möchte sagen rührend, wahrzunehmen, wenn man auf der einen Seite eben den Eindruck hat, den ich soeben geschildert habe, und wenn man auf der anderen Seite in dieser, ich möchte sagen durchaus von den Ausflüssen jener Eindrücke durchsetzten Gegend einen Hügel hinansteigt und dann an den außerordentlich charakteristischen Stellen, wo sie immer sind, die Reste der alten Opfer-Altäre mit den entsprechenden Zeichen findet — es hat etwas außerordentlich Rührendes. So ist eben in der Nähe von Ilkley ein solcher Hügel, oben ein solcher Stein, und auf diesem Stein im wesentlichen — es ist noch etwas komplizierter — aber im wesentlichen dasjenige, was man als Swastika bezeichnet, was den Steinen, die dazumal an bestimmten Stätten aufgelagert worden sind, eingeprägt wurde und was auf etwas ganz Bestimmtes hinweist: darauf hinweist, wie an diesen Stätten der Druidenpriester erfüllt war von denjenigen Gedanken, die, sagen wir vor zwei bis drei Jahrtausenden in diesen Gegenden kulturschöpferisch waren. Denn betritt man nun eine solche Stätte, steht man vor einem solchen Felsblock mit den eingegrabenen Zeichen, dann sieht man heute noch der ganzen Situation an, daß man an derselben Stelle steht, wo einstmals der Druidenpriester gestanden hat und wo er die Eingrabung dieses Zeichens so empfunden hat, daß er sein Bewußtsein, welches er aus seiner Würde heraus hatte, in diesem Zeichen zum Ausdruck brachte.
[ 9 ] Denn was liest man in diesem Zeichen, wenn man vor einem solchen Stein steht? Man liest die Worte, die im Herzen des Druidenpriesters waren: Siehe da, das Auge der Sinnlichkeit schaut die Berge, schaut die Stätten der Menschen; das Auge des Geistes, die Lotosblume, die sich drehende Lotosblume — denn deren Zeichen ist die Swastika — , die schaut in die Herzen der Menschen, die schaut in das Innere der Seele. Und durch dieses Schauen möchte ich verbunden sein mit denjenigen, die mir als Gemeinde anvertraut sind. — Wie man sonst aus einem Buche einen Schrifttext liest, so liest man gewissermaßen dieses, indem man vor einem solchen Steine steht.
[ 10 ] Das ist ungefähr das Milieu, in dem die Ilkleykonferenz abgehalten worden ist. Sie bestand daraus, daß ich am Morgen immer die Vorträge hielt, die vor allen Dingen diesmal versuchten, die Waldorfschul-Pädagogik und -Didaktik herauszuholen auch aus der ganzen historischen Entwickelung der Erziehungskunst. Ich ging diesmal von der Art und Weise aus, wie in der griechischen Kultur die Erziehungskunst herausgewachsen ist aus dem allgemeinen griechischen Leben, wie man daraus entnehmen kann, daß eigentlich für die Schule nichts erfunden werden soll an besonderen Methoden und besonderen Praktiken, sondern daß die Schule dasjenige vermitteln soll, was in der allgemeinen Kultur enthalten ist.
[ 11 ] Es ist ja durchaus so, daß es nicht richtig ist, wenn man zum Beispiel in Kleinkinderschulen in Fröbelscher Weise — ich will aber durchaus nicht an Fröbel herumkritisieren! — besondere Praktiken erfindet, um das oder jenes mit den Kindern zu machen, Praktiken, die nicht mit dem allgemeinen Kulturleben verbunden sind und aus diesem herausgewachsen sind. Sondern das Richtige ist, wenn derjenige, der die Erziehungskunst ausübt, unmittelbar drinnen steht in dem allgemeinen Kulturleben, Herz und Sinn dafür hat, und dann in die Erziehungsmethoden aus dem unmittelbaren Leben dasjenige hineinträgt, in das ja der Mensch, der erzogen werden soll, später hineinwachsen soll.
[ 12 ] Und so wollte ich denn zeigen, wie aus unserem, aber jetzt geistdurchdrungenen Leben, eben Pädagogik und Didaktik hervorwachsen muß. Das gab eben die Möglichkeit, die Waldorfschulmethode wiederum von einem anderen Gesichtspunkte aus zu beleuchten. Das, was ich soeben erwähnt habe, war ja nur Ausgangspunkt; das, um was es sich handelte, war dann eine Beleuchtung der Waldorfschulpädagogik, die Sie ja kennen.
[ 13 ] Im Anschlusse fanden dann eine Eurythmievorstellung der Kinder der Kings-Langley-Schule und Eurythmievorstellungen im dortigen Ilkleyer Theater statt von denjenigen eurythmischen Künstlern, die mit uns gegangen sind. Es wäre wahrscheinlich besser gewesen, wenn die letzteren zuerst stattgefunden hätten, damit auch in der Anordnung gleich hätte gesehen werden können, wie auch dasjenige, was in der Schule als Eurythmie gepflegt wird, herauswächst aus der Eurythmie als einer Kunst, die im Kulturleben darinnen steht. Nun, diese Dinge werden sich ja in der Zukunft einleben, so daß auch in bezug auf die äußeren Anordnungen dann ein Bild gegeben wird von dem, was eigentlich gewollt ist.
[ 14 ] Als drittes sozusagen reihten sich dann daran die Leistungen derjenigen, die als Lehrkräfte der Waldorfschule mitgezogen waren. Und da muß wirklich gesagt werden, daß das denkbar allergrößte Interesse der Sache entgegengebracht worden ist. Ich muß sagen, daß zum Beispiel die Art und Weise, wie das, was Dr. von Baravalle vorbrachte, etwas außerordentlich Ergreifendes hatte für denjenigen, dem die Waldorfschul-Entwickelung am Herzen liegt. Wenn man da sah, wie Dr. von Baravalle seine geometrischen Anschauungen in der Art, wie sie für Kinder gelten, einfach auseinandersetzte nach der Methode, die Sie ja wohl kennen sollten aus seinem Buche über physikalische und mathematische Methoden, und wie dann aus einer, man möchte sagen künstlerisch-mathematischen Entwickelung aus der Flächenumgestaltung und Flächenmetamorphose — plötzlich mit einer inneren Dramatik der pythagoräische Lehrsatz herauswuchs —, wenn man dann sah, wie nun, nachdem die Zuhörer so Schritt für Schritt geführt wurden und eigentlich nicht recht wußten, wohin das alles will, daß dann eine Anzahl von Flächen immer verschoben wurde, bis zuletzt durch das Verschieben der Flächen auf der Tafel anschaulich der pythagoräische Lehrsatz da war. Es war ein innerliches Staunen bei dieser Zuschauerschaft, die aus Lehrern bestand, ein innerliches dramatisches Sichentwickeln der Gedanken und Gefühle, und ich möchte sagen eine so ehrliche, aufrichtige Begeisterung für dasjenige, was da als Methode in die Schule hineinkommt, daß es wirklich etwas Ergreifendes hatte — so wie überhaupt dasjenige, was unsere Lehrer vorbrachten, das denkbar außerordentlichste Interesse erregte. Wir hatten Schülerarbeiten mitgebracht, die in plastischen Arbeiten, in der Verfertigung von Spielsachen, Malereien und so weiter bestehen — es erregte das größte Interesse, als beschrieben wurde, wie die Kinder daran arbeiten, wie.das sich in den ganzen Lehrplan der Schule einreiht.
[ 15 ] Die Art und Weise, wie Musikunterricht erteilt wird, die von Fräulein Lämmert interpretiert wurde, erregte die denkbar größte Aufmerksamkeit, ebenso die Auseinandersetzungen von Dr. Schwebsch. Die eindringliche, so liebevolle Art von Dr. von Heydebrand, dann die kraftvolle Art unseres Dr. Karl Schubert; das alles sind Dinge, die wirklich zeigten, daß es möglich ist, dasjenige, was Waldorfschulwesen ist, in einer anschaulichen Weise einer Lehrerschaft vor die Seele zu bringen. Fräulein Röhrle gab dann einen eurythmischen Unterricht für verschiedene Menschen, was auch eine gute Ergänzung ergab, so daß das Ganze schon vom pädagogischen Gesichtspunkte aus recht gut zusammengefaßt war. Ich darf das sagen, denn ich bin ganz ohne Anteil an der Zusammenstellung des Programmes. Das alles ist von unseren englischen Freunden so zusammengestellt worden, daß wirklich eine sehr schöne Zusammenfassung des pädagogischen Unterrichtsfaches da gegeben war.
[ 16 ] Während der ganzen Tagung bildete sich dann ein Komitee, welches sich zur Aufgabe setzte, nun eine selbständige Schule nach dem Muster der Waldorfschule auch in England zu begründen. Die Aussichten sind eigentlich sehr gut dafür, daß eine solche Schule als Tagesschule entstehen kann, neben der Kings-Langley-Schule, die ja schon im vorigen Jahre, nach meinen Oxforder Vorträgen, sich bereit erklärt hatte, die Waldorfschulmethodik in sich aufzunehmen. Wie gesagt, die Kinder der Kings-Langley-Schule waren es ja, die im Theater in Ilkley eine Darstellung desjenigen gegeben hatten, was sie in Eurythmie gelernt haben. Das Interesse und die Art, wie diese Dinge aufgenommen worden sind, auch wie verständnisvoll die Eurythmievorstellungen aufgenommen worden sind, das ist etwas, was schon mit großer Befriedigung erfüllen kann. — Dies war die erste Augusthälfte, bis zum 18. August. Dann wanderten wir hinüber nach Penmaenmawr.
[ 17 ] Penmaenmawr ist ein Ort, der in Nordwales, an der westlichen englischen Küste liegt, da wo die Insel Anglesey vorgelagert ist, und dieses Penmaenmawr ist ein Ort, wie er allerdings in diesem Jahr nicht besser hätte für diese anthroposophische Unternehmung auserwählt werden können. Denn dieses Penmaenmawr ist erfüllt von der unmittelbar erlebbaren astralischen Atmosphäre, in die dasjentge sich hereingestaltete, was ausgegangen ist von dem Druidendienst, dessen Spuren man ja da überall verfolgen kann. Es ist unmittelbar an der Meeresküste, wie gesagt, wo die Insel Anglesey vorgelagert ist; zu ihr hinüber führt ja eine Brücke, die technisch übrigens genial gebaut ist. Auf der einen Seite steigen überall Hügel und Berge an bei Penmaenmawr, und auf diesen Bergen zerstreut finden sich dann überall diese Überreste der alten sogenannten Opfer-Altäre, Cromlechs und so weiter; überall sind da die Spuren dieses alten Druidendienstes.
[ 18 ] Diese einzelnen verstreuten Kultvorrichtungen, wenn ich sie so nennen darf, sie sind ja scheinbar in der einfachsten Weise angeordnet. Wenn man sie von der Seite anschaut, sind es Steine aneinandergereiht im Quadrat oder Rechteck, ein Stein liegt darüber. Wenn man sie von oben anschaut, würden also diese Steine so stehen [siehe Zeichnung], und darüber liegt dann ein Stein, der das Ganze wie zu einem kleinen Kämmerchen abgrenzt.
[ 19 ] Gewiß sind solche Dinge auch Grabdenkmäler gewesen. Aber ich möchte sagen, die Funktion des Grabdenkmals ist ja in älteren Zeiten überall verbunden mit der Funktion für einen viel weitergehenden Kultus. Und so will ich denn hier nicht zurückhalten, dasjenige auszusprechen, was einen eine solche Kultusstätte lehren kann.
[ 20 ] Sehen Sie, diese Steine umschließen also eine Art Kämmerchen; darüber liegt ein Deckstein. Dieses Kämmerchen ist in einer gewissen Weise dunkel. Wenn also die Sonnenstrahlen darauf fallen, dann bleibt das äußere physische Licht zurück. Aber das Sonnenlicht ist ja überall erfüllt von geistig Strömendem. Dieses geistig Strömende, das geht nun weiter, das geht in diesen dunklen Raum hinein. Und der Druidenpriester hatte infolge seiner Initiation die Möglichkeit, durch die Druidensteine durchzuschauen und sowohl zu sehen die nach unten gehende Strömung — jetzt nicht des physischen Sonnenlichtes, denn das war ja abgesperrt — aber dessen, was im physischen Sonnenlichte geistig-seelisch lebt. Und das inspirierte ihn mit demjenigen, was dann einfloß in seine Weisheit über den geistigen Kosmos, über das Weltenall. Es waren also nicht nur Totenstätten, es waren Erkenntnisstätten.
[ 21 ] Aber noch mehr. Wenn zu gewissen Tageszeiten dies der Fall war, was ich jetzt eben beschrieben habe, so kann man sagen: Zu anderen Tageszeiten war dafür das andere der Fall, daß wiederum von der Erde zurück Strömungen gingen [Pfeile aufwärts], die dann beobachtet werden konnten, wenn die Sonne nicht darauf schien, und in denen lebte dasjenige, was die moralischen Qualitäten der Gemeinde des Priesters waren, so daß der Priester in gewissen Zeiten sehen konnte, wie die moralischen Qualitäten seiner Gemeindekinder in der Umgebung sind. Ihm zeigte also sowohl das abwärtsströmende Geistige wie das aufwärtsströmende Geistige dasjenige, was ihn auf eine wirklich geistige Art drinnen stehen ließ in seinem ganzen Wirkungskreise.
[ 22 ] Diese Dinge sind natürlich nicht verzeichnet in dem, was die heutige Wissenschaft über diese Kultstätten mitteilt. Aber es ist in der Tat das, was man hier unmittelbar erschauen kann, weil ja tatsächlich die Gewalt der Impulse — der Impulse vom Wirken der Druidenpriester in der Zeit, wo eben ihre gute Zeit war —, weil diese Kraft so stark war, daß eben heute noch in der astralischen Atmosphäre von dort diese Dinge absolut leben.
[ 23 ] Eine andere Art Kultstätte konnte ich dann im Verein mit Dr. Wachsmuth besuchen: Da geht man von Penmaenmawr aus etwa eineinhalb Stunden auf einen Berg hinauf. Oben ist dann etwas wie eine Mulde. Von dieser Mulde hat man einen freien wunderbaren Ausblick auf umgebende Berge und auch auf die Muldenbegrenzung des eigenen Berges. Da oben in dieser Mulde fand man dasjenige, was man als eigentliche Sonnenkultstätte der alten Druiden bezeichnen kann. Sie stellt sich also so dar, daß die entsprechenden Steine mit ihren Deckblättern angeordnet sind; es sind überall die Spuren vorhanden.
[ 24 ] Denken Sie sich die Sache so: Diese Kultstätten haben keinen inneren Raum. Hier oben, in unmittelbarer Nähe voneinander liegend, haben Sie zwei solcher Druidenzirkel. Wenn die Sonne ihren Tagesweg geht, so fallen natürlich die Schatten von diesen Steinen in der verschiedensten Weise, und man kann nun unterscheiden, sagen wir, wenn die Sonne durch das Sternbild des Widders geht, den Widderschatten, dann den Stierschatten, den Zwillingsschatten und so weiter. Man bekommt ja heute noch, wenn man diese Dinge entziffert, einen guten Eindruck, wie aus den verschiedenen, in sich qualitativ verschiedenen Sonnenschatten, die dieser Druidenzirkel ergab, der Druidenpriester ablesen konnte die Geheimnisse des Weltenalls aus demjenigen, was im Sonnenschatten weiter lebt, wenn das physische Sonnenlicht zurückgehalten wird, so daß in der Tat da drinnen enthalten ist eine von den Geheimnissen der Welt sprechende Weltenuhr. Aber es waren das durchaus Zeichen, die in den Schatten, die da geworfen wurden, sich ergaben, die von den Welten-, von den kosmischen Geheimnissen sprachen.
[ 25 ] Der zweite Kreis war dann wie eine Art von Kontrolle, um das nachzukontrollieren, was der erste Kreis ergab. Wenn man sich etwa in einem Flugzeug in die Höhe begeben hätte und hätte sich so weit wegbegeben, daß diese Entfernung dazwischen vielleicht verschwunden wäre, so hätte man, herunterschauend, eigentlich gerade aus diesen beiden Druidenzirkeln unmittelbar den Grundriß desjenigen gehabt, was der Grundriß unseres Goetheanum war.
[ 26 ] Das alles liegt dort, wo also in der Nähe auch die Insel Anglesey liegt, auf der sich vieles von dem abgespielt hat, was sich erhalten hat in den Nachrichten vom König Artus. Das Zentrum des Königs Artus war ja etwas südlicher, aber hier hat sich manches auch abgespielt, was zu dem Wirken des Königs Artus gehörte. Das alles gibt der astralischen Atmosphäre von Penmaenmawr etwas, das in deutlicher Art eben diese Stätte zu einer besonderen macht, zu dem macht, von dem man sagen kann: spricht man über Spirituelles, so ist man genötigt, in Imaginationen zu sprechen. Es ist ja bei den Imaginationen so, daß — wenn sie im Verlaufe der Darstellungen geformt werden — dann diese Imaginationen in der Astral-Atmosphäre innerhalb der heutigen Zivilisation sehr bald verschwinden. Man kämpft ja, wenn man versucht, das Spirituelle darzustellen, fortwährend gegen das Verschwinden der Imaginationen. Man muß diese Imaginationen hinstellen, aber sie dämpfen sich sehr bald ab, so daß man immer von neuem in die Notwendigkeit versetzt ist, diese Imaginationen zu erzeugen, um sie vor sich zu haben. Die Astral-Atmosphäre, die da aus diesen Dingen sich ergibt, ist so, daß es zwar etwas schwieriger ist dort in Penmaenmawr, die Imaginationen zu bilden, daß aber diese Schwierigkeit dadurch wiederum auf der anderen Seite zu einer großen Erleichterung des spirituellen Lebens führt, daß nun diese Imaginationen, nachdem sie gebildet sind, einfach sich ausnehmen wie hineingeschrieben in die Astral-Atmosphäre, so daß sie drinnenstehen. Man hat überall dort das Gefühl, wenn man irgendwie Imaginationen bildet, welche die Ausdrücke der geistigen Welt ergeben, daß sie stehen bleiben in der dortigen Astral- Atmosphäre. Und gerade durch diesen Umstand wird man so lebendig daran erinnert, wie sich diese Druidenpriester ihre besonderen Stätten ausgesucht haben, wo sie eben, ich möchte sagen in wirksamer Weise in die Astral-Atmosphäre wie eingravieren konnten dasjenige, was ihnen oblag, in Imaginationen aus den Weltengeheimnissen heraus zu gestalten. So daß man es in der Tat wie eine Art wirklichen Überschreitens, fast wie das Überschreiten einer Schwelle empfindet, wenn man von Ilkley herüberkommend — das also ganz in der Nähe des Industrialismus liegt und nur ganz leise die Spuren der alten Druidenzeit zeigt — nun in etwas hineinkommt, was in unmittelbarer heutiger Gegenwart einfach geistig ist. Geistig ist das alles. Man kann schon sagen: Dieses Wales ist ein besonderer Fleck Erde. Dieses Wales ist heute die Bewahrerin von einem ungeheuer starken spirituellen Leben, das allerdings in Erinnerungen besteht, aber in realen Erinnerungen, die dastehen. So daß eigentlich gesagt werden darf: Die Möglichkeit, an dieser Stätte nun bloß über Anthroposophie zu sprechen — nicht in Anlehnung an die Dependancen der Anthroposophie, sondern über Anthroposophie katexochen, über das Innere der Anthroposophie —, das rechne ich zu einem der bedeutendsten Abschnitte in der Entwickelung unseres anthroposophischen Lebens.
[ 27 ] Das Verdienst, diese Einrichtung gemacht zu haben, nun auch einmal dergleichen in die Entwickelung des anthroposophischen Lebens hineinzustellen, gebührt dem in dieser Richtung außerordentlich einsichtsvollen, energischen Wirken von Mr. Dunlop, der mir den Plan dazu bei meiner Anwesenheit in England im vorigen Jahre auseinandersetzte und der an diesem Plan dann festgehalten und ihn nun auch zur Ausführung gebracht hat. Es war ja von vornherein geplant, in diesem August an diesem Orte hier rein Anthroposophisches im Zusammenhange mit Eurythmie zu bringen.
[ 28 ] Mr. Dunlop hatte dann noch einen dritten Impuls, der aber unmöglich auszuführen war, und man darf schon sagen: Das, was möglich geworden ist, ist eigentlich nur durch die wirklich spirituell einsichtsvolle Art, diesen Ort zu wählen, möglich geworden. Es ist, glaube ich, von einer gewissen Wichtigkeit, sich auch das einmal vor die Seele zu stellen, daß es solche ausgezeichnete Orte auf der Erdoberfläche gibt, wo in einer solchen lebendig dastehenden Erinnerung eben unmittelbar dasjenige lebendig da ist, was als Sonnenkult zur Vorbereitung der späteren Aufnahme des Christentums in Nord- und Westeuropa einmal lebendig war.
[ 29 ] Die Vorträge waren vormittags; der Nachmittag war zum Teil dazu ausersehen, daß die Teilnehmer diese Astral-Atmosphäre und deren Zusammenhang mit den Erinnerungen verfallener Opferstätten, Dolmen und so weiter, an Ort und Stelle sehen konnten; der Abend war ausgefüllt mit Erörterungen über anthroposophische Gegenstände oder auch mit Eurythmievorstellungen. Es waren fünf davon in. Penmaenmawr, die auf der einen Seite mit einer wirklich großen Innigkeit, auf der anderen Seite mit dem allerstärksten Interesse aufgenommen worden sind. Die Zuhörer bestanden ja zum Teil aus Anthroposophen, zum Teil aber auch aus nichtanthroposophischem Publikum. Es war reichlich so, daß — was nun wiederum in begreiflicher Weise aus einem an das Meer angrenzenden Gebirgsland hervorgeht —, daß man von Stunde zu Stunde immer die schöne Abwechslung hatte von halben Wolkenbrüchen und hellem Sonnenscheine und so weiter. Wir hatten zum Beispiel einen Abend — die äußere Einrichtung war ja etwas, was fast gerade so war wie diese Schreinerei —, da kam man wirklich durch eine Art von Wolkenbruch zu einer Eurythmievorstellung; bei deren Beginn saßen die Leute noch mit den Regenschirmen im Saal da, ließen sich aber nicht in ihrer Begeisterung beirren. Es war also durchaus etwas, wie ich schon in Penmaenmawr selber sagte, was wirklich als ein sehr bedeutsames Kapitel in der Geschichte unserer anthroposophischen Bewegung verzeichnet werden darf.
[ 30 ] Eine Veranstaltung war gewidmet der Besprechung der pädagogischen Fragen auch in Penmaenmawr. Und bei dieser Gelegenheit möchte ich nun auch das Folgende erwähnen, das Sie ja schon lesen konnten in der kleinen Darstellung, die ich davon im «Goetheanum» gegeben habe. Es erwartete mich, als ich nach England, nach Ilkley kam, ein Buch «Education Through Imagination», Erziehung durch Imagination, das ich zunächst durchfliegen konnte, und das mich gleich außerordentlich gefangennahm; ein Buch, das gerade von einem unserer Freunde als eines der bedeutendsten Bücher in England bezeichnet wird. Es hat zum Verfasser Miss MacMillan. Dieselbe Persönlichkeit war dann Chairman am ersten Abend und an den folgenden Abenden in Ilkley. Miss MacMillan hielt die Eröffnungsrede. Es war erhebend, die schöne Begeisterung und das innere ehrliche Feuer für die Erziehungskunst bei dieser Frau zu sehen. Und von einer außerordentlich starken Befriedigung war für uns gleichzeitig der Umstand, daß gerade diese Frau im vollen Maße sich zu dem bekennt, was in einer wirklich ernsthaftig gemeinten Erziehungskunst durch die Waldorfschulmethodik geleistet werden kann.
[ 31 ] Ich hatte dann während der folgenden Tage das Buch weiter gelesen und habe ja meine Eindrücke davon in dem Artikel des letzten «Goetheanum» zusammengefaßt. Dann konnten wir, Frau Doktor und ich, am letzten Montag die Wirkungsstätte dieser ausgezeichneten Frau in Deptford, in der Nähe von London, in der Nähe von Greenwich, auch besuchen. Da findet sich die, ich möchte sagen Pflege-Erziehungsanstalt der Miss MacMillan. Sie nimmt in diese Pflege-Erziehungsanstalt Kinder aus den untersten, ärmsten Volksschichten auf; sie strebt an, auch Kinder in einem älteren Alter noch zu haben. Heute hat sie in der Schule 300 Kinder; mit sechs Kindern hat sie vor vielen Jahren angefangen, heute sind es 300. Diese Kinder werden mit zwei Jahren hereingenommen, kommen aus Kreisen, wo sie ganz verschmutzt, verelendet, krank, unterernährt oder ganz schlecht ernährt sind — wenn ich sagen darf, rachitisch, typhös, mit Schlimmerem noch behaftet. Heute sieht man unmittelbar in der Umgebung so eine Art Schulbaracken, wie die der Waldorfschule sind — die Baracken, nicht unser jetziges opulent gebautes Haus, die provisorischen Baracken —, aber dort sind sie sehr schön, schmuck eingerichtet. Die Dinge stehen in einem Garten, aber man braucht nur ein paar Schritte zu machen von irgend einem der Tore und kann dann die auf der Straße im furchtbarsten Elend und Schmutz lebende Bevölkerung, aus der diese Kinder sind, vergleichen mit dem, was aus diesen Kindern gemacht wird.
[ 32 ] In einer mustergültigen Weise sind zunächst die Bade-Einrichtungen. Das ist die Hauptsache. Die Kinder kommen um 8 Uhr herein, werden am Abend entlassen, kommen also an jedem Abend wieder in ihr Haus zurück. Die Pflege beginnt am Morgen zunächst mit dem Baden. Dann beginnt eine Art Unterricht, alles mit einer ungeheuren Hingebung, mit einem rührenden, ergreifenden Opfersinn gemacht, alles in einer rührenden, praktischen Weise eingerichtet. Da Miss MacMillan auch der Ansicht ist, daß in das alles einmal die Waldorfschulpädagogik eindringen muß, so muß man schon sagen: Man kann auch darauf von diesem Gesichtspunkte aus mit voller Befriedigung sehen — während man vielleicht heute gerade in der Methodik manches anders haben möchte; aber das kommt ja gegenüber diesem Opfersinn gar nicht in Betracht zunächst. Die Dinge sind ja immer ein Werdendes. Denn es ist wirklich bedeutsam, wie gesittet diese Kinder dann werden, was sich insbesondere dann während der Tischzeit zeigt, wo sie zum Essen geführt werden, wo sie sich selber "bedienen, wo die Speisen auch immer gereicht werden von einem der Kinder. Was praktischer Sinn machen kann, das zeigt sich zum Beispiel darin, daß für eine ganze Woche diese, ich möchte sagen außerordentlich anheimelnde «Abfütterung» der Kinder, bei der man am liebsten mitessen möchte, daß die in der Woche für das Kind auf 2 Shilling 4 Pence kommt. Außerordentlich praktisch ist alles eingerichtet. Wunderschön war es zum Beispiel, wie dann die älteren der Kinder, die schon Jahre lang in dieser Anstalt sind, zusammengerufen worden sind und uns nun eine lange Szene aus Shakespeares «Sommernachtstraum», den Johannisnachtstraum, tatsächlich mit weiner Innigkeit und auch sogar mit einer gewissen Beherrschung der dramatischen Technik vorführten. Es hatte etwas ergreifend Großartiges, wie da diese Kinder das vorführten, ausdrucksvoll und eindrucksvoll, mit wirklich innerer Beherrschung des Dramatischen.
[ 33 ] Und diese Vorführung von Shakespeares «Sommernachtstraum» war ungefähr fast ganz an derselben Stätte, wo Shakespeare selber einmal mit seiner Truppe seine Stücke für den Hof aufgeführt hat. Denn in der Nähe von Greenwich war die Hofhaltung der Königin Elisabeth. Da, in den Räumen, an deren Stätte die heutigen Schulräume stehen und andere Räume noch, von denen ich gleich sprechen werde, wohnte sogar der Hofstaat der Königin Elisabeth, und Shakespeare mußte, von London herauskommend, dort seine Dramen für die Hofleute aufführen. An derselben Stätte haben uns die Kinder diese Shakespearestücke vorgeführt.
[ 34 ] Und im selben Bereich, zusammenhängend mit dieser Erziehungs-Pflegeanstalt, ist dann eine Kinderklinik, wiederum für die Ärmsten der Armen. Jährlich gehen 6000 Kinder durch diese Klinik durch, nicht gleichzeitig 6000, aber jährlich. Die Vorsteherin dieser Klinik ist nun auch Miss MacMillan. So daß da wirklich in einer reichlich verarmten und verschmutzten Gegend, in einer schrecklichen Gegend, eine Persönlichkeit wirkt mit voller Energie und eigentlich großartig in der Auffassung dessen, was sie da tut.
[ 35 ] Es war mir daher eine sehr tiefe Befriedigung, als Miss MacMillan die Absicht äußerte, wenn es sich irgendwie ermöglichen lasse, zunächst an Weihnachten unsere Waldorfschule in Stuttgart mit einigen Kollegen aus ihrer Lehrerschaft zu besuchen. Diese Lehrerschaft ist eine außerordentlich hingebungsvolle. Sie können sich denken, daß die Pflege solcher Kinder mit dem, was ich da eben charakterisiert habe, nicht eben etwas Leichtes ist. Es erfüllte mich daher mit großer Befriedigung, daß gerade diese Persönlichkeit Chairman für die Ilkleyer Vorträge war, und dann in Penmaenmawr — wohin sie wieder kam in den paar Tagen, die sie sich wieder abringen konnte — eine Diskussion in Pädagogik einleitete, bei der Dr. von Baravalle und Dr. von Heydebrand sprachen. So war gerade dasjenige, was da in Penmaenmawr stattfand und was damit zusammenhing, wirklich etwas recht Befriedigendes.
[ 36 ] Sozusagen der letzte, der dritte Teil, waren dann die Tage in London. Es war ja zu dem, was zunächst meine Aufgabe in London war, Frau Dr. Wegman herübergekommen. Wir sollten vor einer Anzahl englischer Ärzte die Methode und das Wesen unserer anthroposophisch-medizinischen Bestrebungen hinstellen. Es waren 40 Ärzte eingeladen, die auch zum großen Teil erschienen waren im Hause von Dr. Larkins. Ich konnte in zwei Vorträgen sprechen zunächst über die besondere Natur unserer Heilmittel in ihrem Zusammenhang mit den Krankheitserscheinungen und mit der Wesenheit des Menschen. Und dann in dem zweiten Vortrage konnte ich eine Grundlage physiologisch-pathologischer Art geben über die Funktionen des Menschen; dann etwas über die Wirkungsweise einzelner Heilmittel wiederum im Zusammenhange mit dieser Begründung die Wirkungen des Antimon-Heilmittels, die Wirkungen der Mistel und so weiter auseinandersetzen —, und ich glaube, wir können uns wirklich sagen, daß doch vielleicht ein recht gutes Verständnis der Sache entgegengebracht worden ist auch im weiteren Kreise, was sich dadurch gezeigt hat, daß die Konsultationen, zu denen Frau Dr. Wegman aufgesucht worden ist, recht zahlreiche waren. So daß auch diese Seite des anthroposophischen Wirkens zur Geltung gekommen ist.
[ 37 ] Den Beschluß bildete dann eine Eurythmieaufführung in der Royal Academy of Art, die außerordentlich großen Erfolg — das kann man schon sagen — gehabt hat. Der Raum ist ja nicht besonders groß, aber er war nicht nur ausverkauft, es mußten auch Leute abgewiesen werden. Die Eurythmie wurde außerordentlich begeistert aufgenommen. Man kann eigentlich sagen von der Eurythmie: wohin sie kommt, sie ringt sich durch. Wenn nur nicht eben in der gegenwärtigen Zeit sonst die so außerordentlich großen Hindernisse wären! Gerade wenn man auf der einen Seite das alles ansieht, was sich da darbietet, zum Beispiel gerade die Tendenz der Ilkleyer Unternehmungen, nun eine Art von Waldorfschule in England drüben hervorgehen zu lassen, dann schaut man doch wiederum mit einer großen Besorgnis, die einen ja heute nicht verlassen kann, auf dasjenige, was einem, ich möchte sagen als eine unbestimmte, schmerzlich wirkende Antwort entgegentritt, wenn man sich frägt: Was wird nun in dem so furchtbar gefährdeten Deutschland aus der Waldorfschule, von der ja zum Beispiel die Schulbestrebungen doch ausgegangen sind? Ich sage das nicht so sehr wegen der pekuniären Seite der Sache, sondern wegen der außerordentlich gefährdeten Verhältnisse innerhalb Deutschlands. Da sind schon manche Dinge, gegenüber denen man sich ja sagen muß: Wenn das so weiter geht, wie es jetzt geht, dann kann man sich kaum vorstellen, wohin man kommen muß mit den Bestrebungen gerade der Waldortschule.
[ 38 ] Es wird ja schließlich, wenn die Dinge so fortgehen, wie sie jetzt sich anlassen, wie sie sich aus dem, was eben geschieht, ergeben haben, kaum eine Möglichkeit bestehen, solche Dinge ungefährdet durch die heutigen Wirrnisse hindurch zu bringen. Dann hat man namentlich dieses schwere Herz, wenn man sieht, wie diese Dinge doch da sind, und wie eigentlich heute alle Dinge in der Welt aus Kurzsichtigkeit heraus geschehen und ohne irgendwie eine Ahnung zu haben, daß geistige Strömungen mitspielen müssen bei der Kulturentwickelung, und wie eigentlich doch in weitesten Kreisen die Menschen alles unmittelbare Interesse, alles herzhafte Eingehen auf die Dinge sich abgewöhnt haben. Im Grunde genommen schläft ja eigentlich alles gegenüber den Dingen, die so furchtbar an die Wurzel des menschlichen und irdischen Werdens gehen. Es schläft die Menschheit. Man jammert höchstens dann über die Sache, wenn es einem unmittelbar an den Leib geht. Aber die Dinge gehen nicht ohne die Entfaltung großer Ideen! Und es ist solch eine Stumpfheit in der Welt vorhanden gegenüber den Impulsen, die einschlagen sollen: Man will entweder nichts hören davon, oder man fühlt sich unbehaglich in der Welt, wenn auf so etwas hingewiesen wird, wie gerade auf die gefährdete Lage in Mitteleuropa. Man fühlt sich unbehaglich, man redet nicht gern darüber oder färbt sich’s doch in einer gewissen Weise und schiebt namentlich die Dinge so, daß man noch immer von den wesenlosen Dingen, von Schuld und dergleichen spricht. Dadurch macht man sich diese Dinge vom Halse los. Wie die Menschheit sich heute zu den allgemeinen Weltenereignissen stellt, das ist etwas, was einem furchtbar schmerzlich durch die Seele ziehen kann. Dieser allgemeine Kulturschlaf, der immer mehr und mehr Verbreitung gewinnt, ist im Grunde genommen etwas ganz furchtbar Jammervolles. Es ist ja tatsächlich das Bewußtsein nicht vorhanden, wie die Erde heute in ihrer Zivilisation eine Einheit bildet, selbst bei solch elementarischen Ereignissen — über die will ich jetzt hier nicht sprechen, aber sie sind doch geschehen — wie die ergreifende, durch die Natur herbeigeführte japanische Tragödie. Ja, wenn man vergleicht, wie vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Menschen auf diese Dinge hingeschaut haben und wie sie heute darauf hinschauen, so hat es schon etwas, was einem wirklich immer wieder und wiederum vor die Seele die Notwendigkeit stellt, darauf hinzuweisen, wie dringend notwendig das Aufwachen der Menschheit ist.
[ 39 ] Das steht natürlich auch immer vor einem, gerade dann, wenn man wiederum sieht, was werden könnte, wenn die Menschen Interesse aufbringen würden, wenn die Menschen dazu kommen würden, die Dinge zu nehmen, wie sie sind, wenn sie nicht nach Landesabteilungen, nach Staatenabteilungen, sondern im allgemein menschlichen Sinne sie nehmen würden! Wenn man sieht auf der einen Seite, was dann werden könnte, und wenn man auf der anderen Seite sieht, wie es durch die allgemeine Schläfrigkeit fast unmöglich ist, daß irgend etwas wird, dann gibt das eigentlich die Signatur, ich möchte sagen unseres heutigen Zeitalters am allermeisten an. So sind die Dinge man kann gar nicht über das Eine sprechen, ohne daß sich einem für den Zusammenhang auch das andere Bild ergibt.
[ 40 ] Ich wollte Ihnen heute, meine lieben Freunde, eben damit eine Art von Reisebeschreibung geben. Ich werde über Fragen des geistigen Lebens, die ja in einem entfernteren Zusammenhang stehen und die eigentlich wiederum anthroposophischen Inhalts sind, nun morgen im Anschlusse daran sprechen.
[ 41 ] Morgen um 8 Uhr wird mein Vortrag stattfinden; am Dienstag um 8 Uhr wird hier eine Eurythmie-Vorstellung stattfinden.
