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Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228

10 September 1923, Dornach

Die Sonneninitiation des Druidenpriesters und seine Mondenwesenerkenntnis

[ 1 ] Ich möchte zunächst, um die schon gestern angedeuteten Betrachtungen genauer bringen zu können, erinnern an einzelnes, das ich vor meiner Reise hier in den Vorträgen erwähnt habe, die über die geistige Wesenheit unseres Planetensystems handelten. Es war ja in mehr geistiger Beziehung — hingewiesen worden auf etwas, das Ihnen lange bekannt ist aus den Darstellungen in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß». Wir wissen Ja, wie innerlich zusammenhängen die Erdenentwickelung einerseits und die Sonnen- und Mondenentwickelung andrerseits. Von den verschiedensten Gesichtspunkten aus — nur einer davon ist derjenige, der in der «Geheimwissenschaft im Umriß» besprochen ist — habe ich darauf hingedeutet, wie in einem gewissen sehr frühen Zustande unseres Planetensystems Sonne, Mond und Erde, ja auch die übrigen Planeten — das wollen wir aber jetzt nicht berühren — ein Ganzes waren, wie wir sprechen müssen gewissermaßen von einem Auszug, von einem Hinausgehen zunächst der Sonne aus dem Ganzen — Sonne, Mond, Erde —, und dann in einer viel späteren Zeit von einem Hinausgehen des Mondes.

[ 2 ] Alle diese Dinge haben natürlich den äußeren, gewissermaßen aus den Vorstellungen der Sinne hergenommenen Aspekt. Aber sie haben ja auch einen innerlichen Aspekt, den nämlich, daß an jedes solches Dasein, Sonnendasein, Mondendasein, gewisse Wesenheiten gebunden sind, Wesenheiten, die, sagen wir, mit der Trennung der Sonne von der Erde sich nun auch ihrerseits aus diesem Ganzen herauslösen und im Kosmos ein ganz andersartiges Dasein gewinnen. So daß man für die spätere Erdenentwickelung nicht nur von einer losgelösten Sonne, die ihre physischen Wirkungen, ihre ätherischen Wirkungen auf die Erde ausübt, sprechen kann, sondern daß man, wenn man das Geistige des Kosmos in Betracht zieht, eben sprechen muß von einer Sonnenbevölkerung, von Sonnenwesen, die, während sie früher mit der irdischen Entwickelung verbunden waren, nun außerhalb dieser irdischen Entwickelung ein weit über das Erdendasein hinausgehendes, viel erhabeneres Dasein führen.

[ 3 ] Ebenso ist es mit dem, was man die Mondenbevölkerung nennen könnte. Und wir mußten ja auch darauf hinweisen, indem wir eben die geistige Seite solcher kosmischen Vorgänge besprachen, wie innerhalb der Erdenentwickelung selbst einmal eine Urweisheit da war. Aber diese Urweisheit waren natürlich nicht etwa in der Luft herumfliegende Begriffe, sondern diese kam von Wesenheiten, die zwar nicht in dem Sinne des Menschen einen physischen Leib annahmen, die aber wegen der damals entwickelten instinktiv hellseherischen Kräfte der Menschen doch in den Menschen lebten; sie kam von denjenigen Wesenheiten, die dann, nachdem der Mond als äußerer Weltenkörper sich von der Erde getrennt hatte, ihr Dasein auf dem Monde fortsetzten. So daß man, wie ich schon damals in jenem Vortrage sagte, sprechen muß davon, daß innerhalb der Mondenwesenheit nicht in dem Lichte, das der Mond als reflektiertes Sonnenlicht zurückstrahlt, und auch nicht in dem, was der Mond sonst vom Weltenall zurückstrahlt, aber daß im Innern dieses Mondenwesens Wesenheiten leben, welche dieselben sind, die einmal unter Erdenmenschen die Begründer der Urweisheit waren. Es sind das Wesenheiten, die dann in die Mythen, Sagen, in die Mythologie überhaupt, übergegangen sind und bildhafte, nicht mehr für das gewöhnliche Bewußtsein durchschaubare Gestalt angenommen haben: Urweisheiten, zu denen wir staunend zurückblicken, wenn wir sie auch nur äußerlich als die reale Grundlage der Mythen, der Sagen und so weiter entdecken, Urweisheiten, zu denen sich nur, indem wiederum Imagination, Inspiration und Intuition entwickelt werden, mit großer Anstrengung hindurchringen die intellektualistischen Kräfte der gegenwärtigen Menschheit. Aber durchaus blieb von alledem, was da einstmals mit der Erde verbunden war, wenigstens innerhalb der Menschheit selbst etwas zurück wie eine unbewußte Erinnerung. Und es treten dann in verschiedenen Entwickelungsepochen der Menschheitszivilisation, wobei ich die älteren Zivilisationsepochen durchaus mitrechne, im menschlichen Fühlen, in der ganzen menschlichen Seelenverfassung diese unbewußten Erinnerungen auf, so daß wir, wenn wir dann hinschauen auf die Zivilisation, von einer sonnenhaften und einer mondenhaften Zivilisation sprechen können.

[ 4 ] Das sind gewissermaßen Bewußtseinserinnerungen an etwas, was früher in umfassenderem Sinne wie Naturkräfte im Menschen gewirkt hat. Und dasjenige, was der Mensch von ihnen empfunden hat, ist nur wie ein Anhängsel, an Wachstumskräfte, an innere Organisationskräfte erinnernd.

[ 5 ] Gerade wenn wir dieses, was ich Ihnen geschildert habe vor meiner englischen Reise, uns heute vor die Seele stellen, können wir an das gestern hier Erzählte anknüpfen und auf der Grundlage der Vorstellungen, die wir uns so verschafft haben, nun ein wenig eindringen in dasjenige, was ich Ihnen gestern, mehr von der Außenseite her, als die Druidenkultur geschildert habe, deren Spuren gerade in so auffälliger Weise in jenen Gebieten vorhanden sind, in denen der gestern geschilderte Vortragszyklus stattgefunden hat.

[ 6 ] Man wird sich heute mit den Mitteln, die eine äußere Wissenschaft hat, ganz vergeblich fragen, was eigentlich denn diese Druidenpriester — ich könnte sie ebensogut Druidengelehrte nennen, denn das sind Ausdrücke, die durchaus auf die damalige Zeit passen, obwohl es diese Ausdrücke natürlich in der damaligen Zeit nicht gegeben hat —, was denn eigentlich diese Druidenpriester für eine Seelenverfassung gehabt haben? Was lebte in den Impulsen, durch die sie ihre Gemeinde leiteten?

[ 7 ] Dasjenige, was in der Geschichte oftmals erzählt wird, was ja schrecklich oft erklingt, das bedeutet immer nur etwas, was in den Dekadenzzeiten, in den Verfallszeiten rege war. Was ich hier schildern will, bezieht sich immer auf dasjenige, was diesen Verfallszeiten vorangeht und in den Blütezeiten rege war. Denn diese Kromlechs, diese verschiedenen Sonnenzirkel, von denen ich gestern gesprochen habe, die erinnern eben durchaus in dem, was sie in Wahrheit sind, an das, was in der Blütezeit der Druidenmysterien vorhanden war. Und wir können schon heute in einer gewissen Weise mit den Mitteln, die uns die anthroposophische Geisteswissenschaft an die Hand gibt, in die ganze Art und Weise eindringen, wie diese Druidenpriester wirkten. Sie waren ja in einer gewissen Beziehung ihren Völkern, besser gesagt ihren Volksstämmen, alles. Sie waren es, die für die religiösen Bedürfnisse, so weit man von solchen in der damaligen Zeit sprechen kann, maßgebend waren. Sie waren es, die für die sozialen Impulse maßgebend waren. Sie waren aber auch diejenigen, welche maßgebend waren zum Beispiel für die Heilmethode der damaligen Zeit. Sie waren alles das in einem, was auf viele Zweige des menschlichen Zivilisationslebens in der späteren Zeit sich verteilt hat. |

[ 8 ] Wir sehen nur in einer richtigen Weise auf diese — wir können sie durchaus so nennen — Druidenkultur hin, wenn wir das Wesentliche in ihr in einer früheren Epoche sehen als derjenigen, aus welcher uns jene mythologischen Vorstellungen vom Norden herüberklingen, die sich an den Namen des Wotan oder Odin knüpfen. Was sich an den Namen des Wotan knüpft, ist im Grunde genommen der Zeit nach später gelegen als diese Blütezeit der Druidenkultur. Man muß in dem Weisheitskreise, möchte man sagen, der hinweist auf den Götternamen des Wotan oder Odin, etwas sehen, was zunächst vom Osten herübergekommen ist von einem Mysterienkreise, der in der Nähe des Schwarzen Meeres war, und der dann seinen geistigen Inhalt von dem Osten nach dem Westen ergossen hat, indem gewissermaßen koloniale Mysterienstätten vom Schwarzen Meer herüber nach dem Westen hin in der verschiedensten Weise gegründet worden sind.

[ 9 ] Aber das alles strahlte hinein in eine, im tieferen Sinne so zu nennende, erhabene Kultur, Urweisheit, Druidenweisheit. Diese Druidenweisheit war tatsächlich ein unbewußter Nachklang, etwas wie eine unbewußte Erinnerung an alles das, was die Erde von Sonne und Mond her hatte, bevor sich Sonne und Mond von der Erde getrennt hatten. Die Initiation in den Druidenmysterien war im wesentlichen eine Sonneninitiation, verbunden mit dem, was dann Mondenweisheit durch die Sonneninitiation werden konnte. Worauf waren denn diese Kromlechs, diese Druidenzirkel eigentlich berechnet? Aus der gestrigen Darstellung wird Ihnen hervorgehen, daß sie im wesentlichen darauf berechnet waren, in einer geistigen Art das Verhältnis von Erde und Sonne zu betrachten. Wenn wir auf die einzelnen Dolmen hinschauen, dann finden wir ja, daß in ihnen eigentlich etwas wie Instrumente vorhanden sind, durch welche die äußeren physischen Sonnenwirkungen ausgeschlossen sind, so daß der mit der Sehergabe begabte Initiat dasjenige, was dann von Sonnenwirkungen im dunklen Raume bleibt, eben beobachten kann. Die inneren Qualitäten des Sonnenhaften, wie sie die Erde durchdringen, und wie sie wiederum von der Erde rückstrahlen in den Weltenraum, das hat der Druidenpriester beobachtet durch die einzelnen Kromlechs. Also, ich möchte sagen: Das physische Wesen des Sonnenlichtes war abgehalten. Ein dunkler Raum, sagte ich Ihnen gestern, war geschaffen durch die in die Erde gefügten Steine, die oben von einem Deckstein gedeckt waren, und in diesem dunklen Raum, durch die Kraft des Durchschauens der Steine, war es eben möglich, das Geistig-Wesenhafte des Sonnenlichtes zu beobachten.

[ 10 ] So daß sich also eigentlich der Druidenpriester, vor seinem Kultaltare stehend, mit den inneren Qualitäten des Sonnenhaften beschäftigte, sofern er das brauchte, was da in ihn weisheitsvoll einströmte — aber so einströmte, daß die Weisheit noch wie eine Naturkraft war —, sofern er das brauchte, um seine Gemeinde zu regieren.

[ 11 ] Sie müssen sich ja nur darüber klar sein, daß wir von einer Zeit reden, in der man nicht im Kalender nachschauen konnte, wann man in der richtigen Weise auszusäen hat, wann man dieses oder jenes Samenkorn der Erde anzuvertrauen hat. Der Kalender war dasjenige, was der Priester von den Sonnenwirkungen absah. Man nahm kein Buch in die Hand, um sich über die Zeit aufzuklären. Das einzige Buch, das es gab, war das Weltenall selbst. Und die Buchstaben, die sich zu Worten formten, ergaben sich aus den Beobachtungen, wie die Sonne auf dieses oder jenes wirkte, was als Vorrichtung aufgestellt war. Sie lesen heute nach, wenn Sie irgend etwas wissen wollen über das oder jenes; der Druidenpriester sah dasjenige an, was die Sonne an seinen Kromlechs tat. Da las er die Geheimnisse des Weltenalls. Da las er an dem, was sich ihm ergab, wann Weizen, wann Roggen und so weiter auszusäen ist. Das sind nur Beispiele. Für alles, was getan wurde, wurden die Impulse aus dem Weltenall abgelesen. Die größeren Impulse, die man brauchte, um den Jahreskalender vollständig zu machen, die ergaben sich aus der Beobachtung im Schatten des Druidenzirkels. So daß in dieser Zeit, in der es nichts gab von dem, was aus menschlichem Intellekt entspringt, eben als Einziges das Weltenall selbst da war. Und statt der Druckerpressen hatte man die Kromlechs, um aus dem Weltenall die Geheimnisse, die in ihm enthalten waren, herauszulocken.

[ 12 ] So hatte man es, indem man sozusagen in dieser Weise das kosmische Buch las, mit dem Sonnenhaften zu tun. Und dem Sonnenhaften entgegengestellt empfand man das Mondenhafte. Die Kräfte, die dann im Monde konzentriert waren, waren einstmals mit der Erde verbunden.

[ 13 ] Aber sie sind nicht restlos fortgezogen, sie haben etwas zurückgelassen in der Erde. Wenn es bloß Sonnenkräfte gäbe, so würden allein wuchernde, wachsende Zellen zum Beispiel entstehen, Lebendiges immer mit dem kleinen oder großen Zellencharakter entstehen. Das Mannigfaltige, das Gestaltete, das rührt nicht von den Sonnenkräften, sondern von den mit den Sonnenkräften zusammenwirkenden Mondenkräften her.

[ 14 ] Und nun war es so, daß, indem der Druidenpriester sich dem exponierte, was ihm seine Zirkel, seine Kromlechs ergaben, er nicht etwa jenen abstrakten Eindruck nur bekam, den wir heute mit Recht bekommen, wenn wir uns in unserer Weise eben auf intellektuellem Wege in das Geistige einlassen, sondern es sprachen ja unmittelbar die Kräfte der Sonne zu ihm. Im Schatten der Sonne wirkte das Geistig-Sonnenhafte unmittelbar ein, und es wirkte viel intensiver in ihn ein, als eine Sinnesempfindung heute auf uns wirkt, denn es stand mit viel tieferen Kräften in Beziehung. Indem der Priester vor seiner Kultstätte stand, dieses Sonnenhafte beobachtete, veränderte sich im Beobachten sein Atem: er wurde unlebendig, er stumpfte sich ab, er wellte sich, so daß der eine Atemzug in den anderen Atemzug hineinging. Er lebte mit dem, was er als Mensch durch sein Atmen war, in dem, was sich da als Sonnenwirkung ergab. Es ergab sich für ihn nicht ein abstraktes Wissen, es ergab sich für ihn etwas, was so in ihm wirkte, wie die Blutzirkulation wirkt, was ihn innerlich durchpulste, was sein Menschliches bis ins Physische hinein erregte. Aber dieses bis ins Physische Hineinwirken war eben mit geistig. Und diese inneren Erregungen, die er erlebte, die waren eigentlich sein Wissen.

[ 15 ] Man muß sich dieses Wissen in einer viel lebendigeren, intensiveren Weise als ein Erleben denken. Dieses Wissen bekam er auch nur zu gewissen Zeiten. Mit einer minderen Stärke regsam konnte dieses Wissen jeden Mittag erregt werden, aber wenn die großen Geheimnisse sich enthüllen sollten, dann mußte der Priester in der Zeit, die wir heute die Johannizeit nennen, sich diesen Wirkungen aussetzen. Dann stellte sich zu den sich täglich einstellenden kleinen Wellen seines Wissens die große Welle ein. Und indem er in dieser Weise durch die auf besondere Art, auf künstliche Art auf der Erde aufgefangenen Sonnenwirkungen etwas erlebte, was er als seine Initiation, als die Sonneninitiation empfand, wurde er fähig, nun die beim Mondenhinausgang in der Erde als Mondenkräfte zurückgebliebenen Kräfte zu studieren, zu verstehen. Das war dann sein Naturwissen, das er sich erwarb unter dem Einflusse der Sonneninitiation. Was sich an der Oberfläche der Dinge enthüllte, das war für ihn nicht wichtig. Was von unten heraufwogte als die Mondenkräfte der Erde, das war für ihn wichtig. So wie er durch das Initiationsprinzip, dessen Spuren eben heute noch in diesen Denkmälern erhalten sind, sich in die Fähigkeit versetzte, zu erkennen, so erkannte er dann, namentlich wenn der nächtliche Himmel die Sterne über der Erde hervortreten ließ und der Mond über die Himmelsfläche ging, was in der Natur wirkt.

[ 16 ] Die Sonneninitiation gab ihm den geistigen Einschlag, den geistigen Impuls, und er hatte dann seine Naturwissenschaft. Unsere Naturwissenschaft ist eine Erdenwissenschaft, seine Naturwissenschaft war eine Mondenwissenschaft. Die zugrunde liegenden Mondenkräfte, die heraufstrahlten in den Pflanzen aus den Tiefen der Erde, die da wirkten in Wind und Wetter und den andern Elementen, die empfand er. Er empfand sie nicht in der abstrakten Weise, wie wir heute, wo wir eine Erdenwissenschaft haben, die Naturkräfte empfinden, er empfand sie in ihrer Lebendigkeit, in ihrem Weben und Wesen.

[ 17 ] Und dieses, was sich ihm da in Lebendigkeit darbot, das empfand er als die Elementarwesenheiten, die in den Pflanzen, die in den Steinen, die in allem lebten. Es waren diese Elementarwesenheiten, indem ihr Wohnsitz in den Bäumen, in den Pflanzen und so weiter war, in Grenzen eingeschlossen. Aber es waren ihnen nicht jene engen Grenzen gesetzt, die zum Beispiel heute den Menschen gesetzt sind, sondern es waren weitere Grenzen. Und so durchschaute der Druidenpriester, indem seine Naturwissenschaft eine Mondenwissenschaft war, wie diese Elementarwesenheiten sich auswachsen können, riesenhaft auswachsen können.

[ 18 ] Daraus bildete sich dann die Erkenntnis von den Riesen, den Jötunns, den Riesenwesen. Sah man in das Wurzelhafte einer Pflanze unter der Erde, in dem das Mondenhafte lebte, so hatte .man das Elementarwesen in seinen rechten Grenzen [es wird gezeichnet]. Aber diese Elementarwesen hatten das Bestreben, herauszugehen und sich äußerlich auszuwachsen, riesenhaft auszuwachsen. Wenn diese Art der Elementarwesen, die im Wurzelhaften ihr segensreiches Dasein trieben, sich zu Riesen auswuchsen, dann wurden sie zu den Frostriesen, die im Froste ihr äußeres physisches Symbolum hatten, die in all dem lebten, was zum Beispiel als verheerender Reif oder als sonstige verheerende Frostkräfte über die Erde hinstrich. Gewissermaßen die losgelassenen Wurzelkräfte der Pflanzen lebten im Frost, lebten in alledem, was eben riesenhaft über die Erde hinströmte und dann verheerend wirkte, während es sein Segensreiches in dem Wurzelhaften entfaltete. Dasjenige, was im Blattwachstum war, auch das konnte sich ins Riesenhafte auswachsen. Es lebte dann als riesenhaft vergrößertes Elementarwesen in den Nebelstürmen, die über die Erde mit all ihrem Inhalt in gewissen Jahreszeiten hinstrichen mit dem Blütenstaub der Pflanzen und so weiter. Und wenn das, was auf eine leise, bescheidene Art in der Blütenkraft der Pflanze lebt [siehe Zeichnung, rot], wenn das ins Riesenhafte auswächst, dann wird es zum verheerenden Feuer.

[ 19 ] So daß da gesehen wurde in den meteorologischen Vorgängen die ins Riesenhafte vergrößerten Kräfte, wesenhaften Kräfte, die in den Naturwesen in ihren rechten Grenzen lebten. Und schon die Orte, an denen diese alten heidnischen Kultstätten gestellt sind, zeigen, daß dasjenige, was auf der einen Seite durch Sonnenzirkel und Dolmen gegeben war, nun ausgebildet wurde in der dadurch möglich gewordenen Erdenerkenntnis: so ausgebildet wurde, daß man das geheimnisvolle Wirken und Weben, Streichen und Leben von Wind und Wetter, dieses Zusammenwirken des Wasserhaften, des Lufthaften, des aus der Erde herausquillenden Reifs, des Tauhaften, daß man das in der richtigen Weise beobachten konnte. So kam durch Sonneninitiation und Mondenwesenerkenntnis diese älteste Vorstellung zustande, die wir, ich möchte sagen auf der Grundlage der europäischen Zivilisation finden.

[ 20 ] Es las also der Druidenpriester dasjenige, was er durch seine Vorrichtungen an kosmischen Geschehnissen durch seine Sonneniinitiation dem Kosmos abgewinnen konnte, und was er dann unter der Anregung dieser Sonneninitiation an Kenntnissen gewinnen konnte aus seiner Mondennaturwissenschaft. Mit alledem stand aber das soziale, das ganze religiöse Leben im Zusammenhange. Denn was der Priester da den Leuten sagen konnte, war ja ein Inhalt, der sich auf die geistige Grundlage desjenigen erstreckte, worin die Leute drinnenstanden. Man merkt das am besten, wenn man auf das hinweist, was als eine Art von Heilwissenschaft bei diesen Druidenpriestern vorhanden war. Sie sahen auf der einen Seite die in ihre Grenzen gebannten Elementarwesen in den verschiedenen Hervorbringungen des Mineralischen, namentlich des pflanzlichen Reiches und so weiter. Nun beobachteten sie, was an den Pflanzen geschieht, wenn diese, sagen wir, dem Frost ausgesetzt sind, wenn sie den Wirkungen, welche die Sturmriesen, die Windesriesen durch den Luftraum tragen, ausgesetzt sind, wenn sie dem Kochen der Feuerriesen ausgesetzt sind. Und indem sie nun studierten, was die Reifriesen, die Frostriesen, die Sturmriesen, die Feuerriesen, wenn sie gewissermaßen losgelassen wären, mit den Pflanzen täten, kamen sie dazu, in ihrer Art Pflanzen zu nehmen und dasjenige, was in der Natur als Riesenwirkungen angedeutet ist, in bestimmten Grenzen nachzuahmen: die Pflanzen einem bestimmten Prozeß zu unterwerfen, dem Prozesse des Verfrostens, dem Erkaltungsprozesse, dem Prozesse des Verbrennens, dem Prozesse des Lösens und Bindens.

[ 21 ] Und so sagten sich diese Druidenpriester: Schauen wir hinaus in die Natur, so sehen wir die verheerenden Wirkungen der Frostriesen, der Sturmriesen, der Feuerriesen. Aber wir können diesen Riesen, diesen Jötunns, dasjenige abnehmen, was sie in ungelenker Weise über die Welt ausbreiten, wir können ihnen das entreißen. Wir können diese losgelassenen Mondenkräfte wiederum in engere Grenzen bannen.

[ 22 ] Und indem sie das taten, indem sie das, was sich in der tauenden Erde, was sich im Sturm, im Winde, im Kochen der Sonnenhitze abspielt, indem sie das studierten und anwendeten auf das Sonnenhafte, das in den Pflanzen lebte und das sie in ihrer Initiation empfingen, erzeugten sie ihre Heilmittel, Heilkräuter und dergleichen, die darauf beruhten, daß die Riesen mit den Göttern versöhnt wurden.

[ 23 ] Jedes Heilmittel war in jener Zeit ein Zeugnis für die Versöhnung der Götterfeinde mit den Göttern selber. Ein Nahrungsmittel war dasjenige, was aufgenommen wurde unmittelbar unter Sonnen- und Mondenwirkung, so wie es sich in der Natur darbot. Ein Heilmittel war dasjenige, was der Mensch erzeugte, indem er die Natur fortsetzte, indem er die Riesenkraft bändigte, um sie in den Dienst der Sonnenkraft zu stellen.

[ 24 ] Sehen Sie, diese ganze Art zu leben ist ja nur denkbar, wenn es kein intellektualistisches inneres Wissen gibt, nicht eine Spur davon gibt, wenn alles, was man wissen will, äußerlich durch dasjenige erkannt wird, was als Geist in den Naturerscheinungen selber sich ausdrückt, oder in dem, was im Initiationsprinzip durch besondere Vorrichtungen den Naturerscheinungen abgewonnen werden kann, wenn alles aus dem Buche des Kosmos selber gelesen wird. Nur dann ist solch ein Leben, solch eine Art von Zivilisation möglich.

[ 25 ] Diese Zivilisation müssen wir uns über große Teile von Nord- und Mitteleuropa etwa vor drei oder dreiundeinhalb Jahrtausenden ausgebreitet denken. Da gab es nichts, was der Schrift ähnlich war. Da gab es nur diese kosmische Schrift. Und da hinein verbreitete sich eben vom Osten herüber, zunächst von einem Mysterium aus der Gegend des Schwarzen Meeres, dasjenige, was nun so, daß es das gewöhnliche Bewußtsein nicht mehr enträtseln kann, in der nordiischen Mythologie enthalten ist, insofern diese an Wotan anknüpft.

[ 26 ] Denn was ist Wotan? Das Mysterium, aus dem diese Wotankultur hervorgegangen ist, war ein Merkurmysterium, ein Mysterium, das zu den Impulsen von Sonne und Mond die Impulse des Merkur hinzubrachte. So daß, man möchte sagen, in einer sonnen- und mondenerglänzenden Unschuld und Naivität diese alte Kultur da war, unberührt von dem, was durch die Merkurimpulse der Menschheit gesagt werden konnte. Nur drüben im Osten waren sie schon vorhanden, diese Merkurimpulse. Von dort aus verbreiteten sie sich nun kolonisierend nach dem Westen. Wotan-Merkur nahm seinen Einfluß nach dem Westen hin.

[ 27 ] Und damit ist zu gleicher Zeit ein Licht darauf geworfen, daß Wotan als der Bringer der Runenkunst, der Runenschrift geschildert wird, also als der Bringer dessen, was der Mensch an Entzifferungskunst des Weltenalls auf die erste, ganz primitive intellektualistische Weise aus sich selbst heraus schöpft. Da ist der allererste intellektualistische Einschlag, der Wotaneinschlag. Und so konnte man sagen, war jetzt hinzugekommen zu dem Sonnen- und Mondenhaften das Merkurhafte, das Wotanhafte.

[ 28 ] Bei demjenigen, was nun wirklich ganz von dem Wotanhaften seinen Einschlag erhielt, bei dem wurde alles, was an früheren Erlebnissen vorhanden war, von diesem Wotanhaften beeinflußt. Es bekam alles einen gewissen Einschlag, einen gewissen Impuls aus diesem Wotanhaften heraus. Denn eines war ein besonderes Geheimnis der Druidenkultur. Natürlich, überall gehen die Dinge auf, auch die nicht an einen betreffenden Ort hingehören, auf den Äckern geht “ Unkraut auf. Anerkannt sozusagen als gutes Kraut der Kultur war in der Druidenzivilisation nur das Sonnen- und Mondenhafte. Ging nun, ich möchte sagen vorauseilend einer späteren Zeit, schon das Intellektualistische auf, dann betrachtete man es als Unkraut. Und unter den mancherlei Heilmitteln, welche die Druiden hatten, war auch eines gegen die Grübelei, gegen das Merkurhafte. So paradox das den Menschen heute anmutet, es gab ein Heilmittel in der damaligen Zeit gegen die Grübelei, gegen dieses Sichvergraben in sein Inneres, in sein eigenes Seelenheil. Die Druiden wollten, daß der Mensch mit der Natur lebte, daß er sich nicht in sich vergrub, und sie betrachteten den als einen Kranken, der auch nur versuchte, anders als höchstens nachahmend in primitiver Kunst das Naturhafte irgendwie auszudrücken, der etwa Zeichen machte. Einer, der Zeichen machte, das war ein Kranker, den mußte man heilen. Und so einer galt dann als ein schwarzes Menschenwesen, er war kein weißes Menschenwesen. Ja, wenn wir mit unseren heutigen Kenntnissen in die Druidenkultur versetzt worden wären, so würden wir alle ins Spital kommen und geheilt werden!

[ 29 ] Und nun brachte die Wotanzivilisation vom Osten herüber diese Krankheit. Das wurde als eine Krankheit empfunden, diese Wotanzivilisation. Sie brachte aber mit einer nun selbst ins Große, ins Riesenhafte ausgewachsenen Kraft dasjenige, was früher eben nur wie eine abnorme Grübelei aufgetreten war. Das brachte sie. Sie brachte die Rune herein in das, was früher nur der kosmischen Schrift entnommen worden war. Sie brachte herein, daß der Mensch sein Intellektualistisches in das Zeichen legte, sie brachte alles dasjenige herein, was als Merkurkultur empfunden wurde. Und so war es kein Wunder, daß nun das, was aus dieser Wotankultur hervorging, was wie eine Absonderung der besten Kräfte noch, die in der Wotankultur waren, empfunden wurde, daß das Baldurwesen, das nachgeborene Sonnenwesen, nicht mit dem Leben, sondern nur mit dem Tode vereinigt gedacht werden konnte. Baldur mußte zur Hel in die dunklen Todeskräfte, in die Todeswohnung wandern.

[ 30 ] Und wiederum, worüber zuerst am meisten nachgedacht worden war — es geht das noch aus den Edda-Überlieferungen hervor —, das war nicht, wie man diesen Sohn der Wotanskräfte, den Baldur, von der Hel befreit — das ist eigentlich erst eine spätere Vorstellung —, sondern wie man ihn heilt. Und das tritt so hervor, daß man sagte, man habe viele Heilmittel, aber für Baldur, das heißt für die Intelligenz, die aus der Wotanschen Runenkraft hervorgeht, für die gibt es keine Heilmittel, die kann nur zum Tode führen.

[ 31 ] Und so sehen wir denn das, worauf ich Sie von verschiedenen Gesichtspunkten aus aufmerksam gemacht habe bei der Betrachtung der Menschheitsentwickelung, indem ich Ihnen sagte: In älteren Zeiten hat das instinktive Erkennen der Menschen nichts gewußt von der Bedeutung des Todes, weil man sich an das vorirdische Leben erinnert hat und wußte, der Tod ist nur eine Umwandlung. Man empfand den Tod nicht als irgendeinen tiefergehenden Einschnitt. Vor allen Dingen gab es keine Tragik des Todes in älteren Zeiten. Die brach erst herein, als das Mysterium von Golgatha herannahte, das eben eine Erlösung von der Todesfurcht wurde. In der Baldursage sehen Sie die anschaulichste Darstellung dessen, was durch das Hereinbrechen des Intellektualismus diejenige Seelenverfassung bringt, die mit dem Tode rechnet, was also dadurch in die Menschheitsentwickelung gekommen ist. Und so wurde dasjenige, was man in dem Tode des Baldur, der nicht auferstehen konnte, gesehen hatte, erst wiederum auf seelisch-geistige Weise geheilt, als ihm entgegengestellt wurde die Christus-Gestalt, die auferstehen konnte,

[ 32 ] Es ist nun wunderbar, wie sich da im Norden durch den Einfluß der Merkurkräfte auf die Sonnen- und Mondenkräfte die Anschauung von dem Christus-Impuls vorbereitet. In Baldur, dem Gotte, der dem Tode verfällt und nicht auferstehen kann, sehen wir für den Norden den Vorläufer des Christus, der auch dem Tode verfällt, aber auferstehen kann, weil er nun wiederum unmittelbar von der Sonne kommt, während das, was von Wotan kommt als die Sonnenkraft, Baldur, die von Merkur zurückreflektierte Sonnenkraft ist, die aus den Runen erstrahlende Sonnenkraft, die aus den Zeichen, die der Mensch aus seinem Intellekt heraus macht, erstrahlende Sonnenkraft ist.

[ 33 ] Und so sieht man, wie da alles in diesen nordischen Gegenden sich entwickelt, gerade recht anschaulich entwickelt, indem der Mensch sich uns da noch zeigt in seinem Leben, in seinem Lesen im Kosmos, in seinem Suchen der religiösen, der sozialen, der Heilmittelvorstellungen aus dem Kosmos heraus, während später der Mensch übergeht zum Wohnen mit den Erdenkräften. Der Druidenpriester schaut hin von seinem Opferstein auf die Art und Weise, wie sich da der Schatten der Sonne konfiguriert und wie das, was im Schatten erscheint, sich als das Geistige der Sonne darstellt, er liest das. Dann nähert man sich später der Zeit, wo die Sonnenwesenhaftigkeit, die gewissermaßen aufgefangen wird in den Dolmen, in den Kromlechs, wo diese Sonnenwesenheit — horribile dictu für eine höhere Anschauung — mit abstrakten Linien gezeichnet wird, die man Strahlen nennt. Und man nähert sich jener Zeit, wo die Verwandtschaft desjenigen, was in Wurzeln und Blatt und Blüte lebt, mit dem, was im Frost, im Winde, im Feuer lebt, nur mehr auf chemische Weise erkannt wird. Die Riesen und die Elementarwesen verwandeln sich in Naturkräfte. In den Naturkräften ist heute trotzdem nichts anderes enthalten, als die Riesen von ehedem, nur merkt man es nicht, fühlt sich ungeheuer erhaben. In gerader Linie haben sich die Naturkräfte aus den Riesen heraus entwickelt: es sind die spätgeborenen Kinder. Weil sozusagen der Mensch heute in einer ganz abgeleiteten Kultur lebt, muß er, wenn er nun mit dem Blicke auf diese ganz verkommenen Überreste der Druidenzeit hingewiesen wird, eigentlich tief ergriffen werden. Es ist so, wie wenn man auf die Urahnen dessen hinschauen würde, was in der Gegenwart lebt.

[ 34 ] Und wenn wir ins einzelne gehen: Wir reden heute, sagen wir, auch von Heilmitteln in einer merkwürdig abstrakten Weise, ganz intellektualistisch, beschreiben die Fabrikationsweise auf ganz abstrakte Weise. Das muß man sich in ganz Lebendiges verwandelt denken, wenn man zurückblicken will auf die Art und Weise, wie der Druidenpriester auf seine Heilmittel schaute. Da empfand er die Sonnenkräfte, die er kannte, die er behandelte in Pflanzen, in anderen Naturprodukten mit den Riesenkräften. Das war für ihn etwas ganz Lebendiges. Er entlockte den Riesen die Fabrikationskräfte für die Umwandlung der Pflanze in ein Heilmittel. Er wußte, daß er damit etwas für den ganzen Kosmos tat. Und dann schaute er auf den Menschen hin. Und durch seine besondere Art der Menschenerkenntnis sah er, wie aus den Intimitäten der natürlichen Menschen — namentlich durch das, was als Traumesvorstellung kam, als unbestimmtes, unbewußtes Heraufflackern der tieferen Menschennatur in das Bewußtsein —, unter dem Einflusse dieser in das Innere der Menschen hineingegebenen Bezähmungsmittel der Riesenkräfte, die Dinge im Menschen wirken. Und so hatte er auf der einen Seite seinen Loki draußen in den wilden Feuerwirkungen, auf der anderen Seite dasjenige, was er dem Loki genommen hatte, um diese oder jene Pflanze in einem Verbrennungsprozesse zum Heilmittel umzuwandeln. Und da sah er dann in der Art und Weise, wie das im menschlichen Innern wirkte, die Lokikraft im Innern des Menschen. Da war sie entwaffnet. Und da sagte er sich: Was draußen in der Welt der Riesen verderbenbringend, gefahrdrohend wirken kann, das wirkt, wenn es in der richtigen Weise in das Innere des Menschen gebracht wird, eben heilsam. Giftkräfte gleichsam im Großen werden heilende Kräfte, wenn sie an die richtige Stelle gebracht werden.

[ 35 ] Und so durchschaute er in seiner Art die verschiedenen Kräfte und Wirkungsweisen der Natur. Und so war er in dem Geistigen drinnen, wodurch er die religiösen, sozialen, medizinischen und anderen Impulse in seine Gemeinde hinaussandte. So war in jener Zeit die alte Urweisheit, welche die Mondenwesen auf der Erde gepflegt hatten, solange sie selber noch da waren, und die nun nicht mehr unmittelbar da war, weil diese Mondenwesen mit dem Monde ausgezogen waren, durch solche Initiierte bewahrt worden, die erkundet und ergründet wurde mit Hilfe einer Art von Sonneninitiation, in der Weise, wie ich sie Ihnen heute geschildert habe.

Diagram 3