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Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228

14 September 1923, Dornach

Der Mensch In Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vom Gesichtspunkt der Bewusstseinsentwickelung I

[ 1 ] Für das Thema der Vorträge, die ich im Verlaufe dieser Tagung halten werde, habe ich eine Darstellung des menschlichen Wesens gewählt, wie es sich entfaltet, entwickelt hat in einer gewissen Vergangenheit, wie es dasteht in der unmittelbaren Gegenwart, und wie sich seine Perspektiven ergeben für die Zukunft der menschlichen Entwickelung auf unserem Erdenplaneten. Es ist ja jeder Weltanschauung, die aussichtsvoll eingeströmt ist in die abendländische Zivilisation mit ihrem amerikanischen Anhang, darum zu tun gewesen, den Menschen nicht nur in seine menschliche Gegenwart hineinzustellen und darauf hinzuweisen, wie sich der einzelne Mensch im Schoße der ganzen menschlichen Erdenbevölkerung räumlich ausnimmt, sondern gerade solchen Weltanschauungen, die Aussicht hatten, in die abendländische Zivilisation aufgenommen zu werden, war es eigen, daß sie den Menschen immer auch hineingestellt haben in den Verlauf des geschichtlichen Werdens der Erdenbevölkerung, daß sie zusammengeschlossen haben den Gegenwartsmenschen mit dem Menschen der Vorzeit, entweder bis zu einem gewissen Punkte hinauf, wie es das Alte Testament machte, mehr als Erdengeschichte, oder auch weiter hinauf bis zum Verfolgen planetarischer kosmischer Entwickelungen. Den orientalischen Weltanschauungen und auch den älteren Weltanschauungen Europas, insofern diese noch nicht zur modernen Zivilisation gehören, war dies weniger eigen. Die begnügten sich mehr damit, den Menschen sozusagen in den Raum hineinzustellen. Unser Empfinden, unser Fühlen könnte sich aus alledem, was uns anerzogen ist aus der abendländischen Entwickelung heraus, mit einem solchen räumlichen Hineinstellen des Menschen in die Welt nicht begnügen. Es verlangt aus einem gewissen seelischen Instinkt heraus, gewissermaßen im brüderlichen Zusammenschluß zu stehen nicht nur mit den Menschen der Gegenwart im Raume, sondern auch mit den Menschen der Vorzeit, die ja eigentlich erst mit denen der Gegenwart und der Zukunft das ganze Menschengeschlecht ausmachen. Nun kommen wir nicht zu einer befriedigenden Anschauung über diese geschichtliche Entwickelung des Menschen im engeren oder weiteren Sinn, wenn wir nur auf die äußeren anthropologischen Ergebnisse hinschauen. Denn der Mensch ist nun einmal ein Wesen, dessen Entwickelung durch äußere Dokumente, und wären sie noch so geistreich gedeutet, nicht erfaßt werden kann. Der Mensch ist ein körperlich-seelisch-geistiges Wesen, der Mensch ist ein Wesen, welches in einem höheren oder niederen Grad immerzu der Geist so durchglänzt hat, daß Bewußtsein in ihm gelebt hat. Und wie das Bewußtsein des Menschen sich entwickelt, das stellt sich eigentlich für die Betrachtung so hin, daß man die ganze Natur und Wesenheit des Menschen in dieser Bewußtseinsentfaltung erblicken kann, wie man schließlich das Wesen der Pflanze in der Blüte sinnlich erfassen kann.

[ 2 ] Und so sei denn vor allen Dingen heute auf dieses wichtigste Moment in der Menschheitsentwickelung, auf die Bewußtseinsentwikkelung, etwas eingegangen. Wenn wir das Bewußtsein des Menschen heute ins Auge fassen, so zeigt sich uns, daß wir folgendes unterscheiden können: Im gewöhnlichen Wachzustand, in welchem wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen sind, entwickeln wir ein mehr oder minder klares und helles Vorstellen, ein Vorstellen, das herauswächst — wie die Blüte aus der Pflanze — aus dem Untergrund des Gefühlslebens. Dieses stellt sich gegenüber dem klaren hellen Vorstellungsleben dar wie etwas mehr oder minder halb Unbewußtes, Dunkles, innerlich Wogendes und Webendes, das niemals eigentlich ganz deutlich wird. Gewissermaßen noch tiefer als die Gefühle, die immerhin auch unser Vorstellungsleben impulsieren in einer sehr unmittelbaren Weise, viel weiter unten in unserem Wesen wogt dann das Wollen. Und ich habe es ja den Anthroposophen öfter dargestellt, wie für das Wollen der Mensch auch während des wachen Zustandes im Grunde genommen schläft. Denn was im Wollen lebt innerhalb des Menschen selbst, kommt eigentlich gar nicht in dem heutigen Wachzustande zum Bewußtsein. Wir haben eine Vorstellung, daß wir dieses oder jenes ausführen werden; darinnen liegt noch kein Wollen, darinnen liegt die in die Vorstellung gekleidete Absicht des Wollens. Dann taucht dasjenige, was in dieser Absicht liegt, in Untergründe des menschlichen Wesens hinunter, die vor dem Bewußtsein eigentlich nicht klarer stehen als der traumlose Schlaf. Und es taucht wieder herauf als Wollen, taucht auf in dem, was unsere Arme und Hände, unsere Beine, unsere Füße vollführen, was wir an den Gegenständen der Außenwelt vollbringen. Dasjenige, was wir so an unserem eigenen Leib wollend ausführen, was wir in der Außenwelt verändern durch unser Wollen, das kommt wiederum durch unser Vorstellen uns zum Bewußtsein, durch unser Vorstellen, an das sich Gefühle knüpfen. Aber wir haben für das gewöhnliche Bewußtsein nur den Anfang und das Ende des Wollens, die Absicht in dem Vorstellen, die vorstellungsgemäße Beobachtung unserer eigenen Bewegungen oder Bewegungen in der Außenwelt, die aus diesen Absichten hervorgehen. Was dazwischen liegt, wie unsere Absichten seelisch sich ergiefßen in unseren Organismus, wie die Seele anregt Körperwärme, Blutbewegung, Muskelbewegung und so weiter, um zum Wollen überzugehen, das bleibt so unbewußt wie die Dinge des traumlosen Schlafes. Denn es ist schon einmal so, daß derjenige, der wirklich beobachten kann die Erlebnisse, sich sagen muß: Ich wache eigentlich nur im Vorstellen, ich träume im Fühlen, ich schlafe im Wollen. — Und eigentlich ist es nicht anders mit diesem Wollen, als es ist, wenn wir des Morgens aufwachen und merken, daß unser Organismus sich in einer gewissen Weise erholt und erfrischt hat. Wir nehmen wahr die Erlebnisse des Schlafes, indem wir aufwachen, wir haben Absichten, dieses oder jenes zu wollen, wir schicken sie auch unbewußt hinunter in unseren Organismus, sie führen ein schlafendes Leben, indem sie übergehen in das Handeln, in die Tat, und wir wachen erst an der Tat wiederum auf und sehen die Ergebnisse desjenigen, was in uns verlaufen ist, was sich aber dem Bewußt sein entzieht.

[ 3 ] Das sind gewissermaßen die großen Züge des inneren menschlichen Wesens-Erlebens im Wachen, im Träumen, im Schlafen. Denn auch die Träume der Nacht, die Träume des Schlafens, sie hängen ja wenig zusammen mit unserem Vorstellen. Sie folgen ganz anderen Gesetzen, als die logischen Gesetze unseres Vorstellungslebens sind. Kann man aber beobachten, geht man ein auf die Dinge, vermag man das, dann wird man finden, daß der Ablauf der Träume, diese wunderbare Dramatik, die die Träume oftmals durchmachen, eine außerordentlich starke Ähnlichkeit haben mit dem Gefühlsleben. Würden wir im wachenden Zustande gewissermaßen nur fühlen können, so würden zwar die Gefühle den Traumbildern nicht ähnlich sein, aber ihre innere Dramatik, Spannungen, Lösungen, Wunschimpulse, Katastrophen des inneren Erlebens, wie sie in Gefühlen wogen können, die stellen sich dem Gefühle mit all jener sogenannten Unbestimmtheit oder meinetwillen Bestimmtheit dar, wie sie auch im Träumen auftreten, nur daß der 'Traum in Bildern lebt und das Gefühlsleben in jenen eigentümlichen Erlebnissen, die wir mit den Ausdrücken der inneren Empfindung des Gefühls benennen. So daß wir Fühlen und das eigentliche Träumen zum Traumzustand rechnen können im gegenwärtigen Bewußtsein der Menschheit, und daß wir rechnen können die Vorgänge des Wollens und die Vorgänge des eigentlichen traumlosen Schlafes zu dem Schlafbewußtsein der gegenwärtigen Menschheit.

[ 4 ] Wir müssen uns nun klar sein, wie auch dasjenige, was wir in dieser Weise als die Grundzüge des gegenwärtigen Bewußtseins des Menschen beschreiben, in einer verhältnismäßig gar nicht so langen Zeit eine Entwickelung durchgemacht hat, eine Entwickelung, auf die man in der heutigen materialistischen Gegenwart nur nicht gerne hinweist. Aber man versteht Dinge, die sich erhalten haben als Urkunden des menschlichen Denkens schon aus den ersten christlichen Jahrhunderten, nicht mehr, wenn man nicht gewahr wird, daß dasjenige, was beim Denken in der damaligen Zeit im Innern des Menschen gelebt hat, etwas ganz anderes war, als was heute im Innern der Seele als Denken lebt. Und insbesondere darf hingewiesen werden darauf, daß es geradezu eine seelische Unwissenheit bedeutet, mit dem, was man heute anerzogen hat als sein Vorstellungsleben, heranzugehen, sagen wir, an ein solches Buch wie «Die Einteilung der Natur» von Scotus Eriugena aus dem 9. Jahrhundert, oder heranzugehen an die alten alchimistisch-chemischen Darstellungen. Mit dem Denken der heutigen Zeit versteht man gar nicht, was damals gemeint war. Man liest Worte, man versteht nicht, was damals gemeint war. Denn das menschliche Denken hat seit dem 15. Jahrhundert eben ein ganz bestimmtes Gepräge erhalten, und dieses Gepräge, trotzdem es sich langsam und allmählich entwickelt hat, ist verhältnismäßig gerade heute schon auf dem Höhepunkte angelangt. Dieses Denken, das den eigentlichen Wachzustand, wie ich auseinandergesetzt habe, im Leben des Menschen der Gegenwart darstellt, ist eigentlich ein solches, bei dem der Mensch der Gegenwart im Grunde genommen nicht froh werden kann. Der Mensch denkt, es ist das einzige von lichtvoller Klarheit das, was er wachend erlebt; der Mensch denkt, es ist das einzige, durch das er, aus seinem Innern heraus schöpfend, auch die wunderbarsten Resultate der Wissenschaften zusammensetzt. Aber der Mensch wird im Grunde genommen für sein inneres Sehnsuchtserleben an diesem gegenwärtigen Denken gar nicht froh. Denn eigentlich verliert sich der Mensch in diesem gegenwärtigen Denken. Er verliert sich so, daß er zwar dieses Denken als den einzigen klaren Inhalt erlebt, viel klarer als zum Beispiel die Blutzirkulation oder das Atmen. Die bleiben dunkel und unklar in unteren Regionen des Bewußstseins. Man fühlt, in ihnen lebt eine Realität, aber man verschläft eigentlich diese Realität und wacht nur im Vorstellen, im Denken. Aber dann kommt man darauf, gerade wenn man meinetwillen etwas veranlagt ist dazu, Selbstbesinnung zu üben: In dem Denken, das eigentlich das einzige ist, das dein inneres Leben erfüllt, verlierst du dich eigentlich. Und dieses Verlieren im Denken, man kann es an zwei Beziehungen, ich möchte sagen — natürlich ist das als geistiges Bild gemeint — mit Händen greifen.

[ 5 ] Es gab einen Denker der neueren Zeit: Descartes (Cartesius). Von dem rührt der moderne Satz her: «Cogito ergo sum, Ich denke, also bin ich». — Ja, das sagt ein Philosoph. Aber die neuere Menschheit sagt es nicht mit, und kann es nicht mitsagen. Denn die sagt: Wenn ich etwas bloß denke, denkend erlebe, so ist es doch nicht, und wenn ich mich selber denke, bin ich doch nicht: diese Gedanken sind doch höchstens Bilder, es ist das Sicherste in mir, aber ich ergreife in dem Denken kein Sein. — Man sagt ja auch: Etwas, was man bloß denkt, ist nur ein Gedanke. Und so ist es bei Descartes ein krampfhaftes Konstatieren: Man möchte sein und hat nirgends anders Anhaltspunkte, um dieses Sein des Menschen im neueren Denken zu ergreifen, deshalb sucht man es gerade da, wo es ganz gewiß der allgemeinen Empfindung gemäß nicht ist: im Denken. Denn jeder Schlaf widerlegt diesen Ausspruch des Descartes. Im Schlafe denkt man nicht. Ist man dann nicht? Stirbt man abends und wird man morgens neu geboren? Oder ist man vom Einschlafen bis zum Aufwachen? Die einfachsten Wahrheiten, die berücksichtigen eben die gegenwärtigen Anschauungen der Welt nicht. Es ist ein krampfhaftes SichAnklammern mit dem Sein an etwas in dem Satz gegeben: Ich denke, also bin ich, — nicht irgend etwas innerlich Erlebtes. Das ist das eine.

[ 6 ] Die andere Beziehung, auf die man hinweisen kann, ist diese: Man hat außer dem Denken, auf das ja der moderne Mensch recht stolz ist, auch die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaft, Beobachtungsresultate, Experimentierresultate. Nun ja, aber die sind doch gerade so, daß man durch sie nicht in das eigentliche Sein der Dinge hineinschaut, nur in die Veränderungen der Dinge, in das Vorübergehende. Und dennoch, dieser Mensch der Gegenwart findet einen Gedanken nur dann berechtigt, wenn er diesem äußeren Sein, das sich aber nur in seiner Offenbarung zeigt, entnommen ist. Und so hat der moderne Mensch überhaupt aufgehört, sein Dasein in sich selbst zu ergreifen. Das Denken ist etwas viel zu Luftiges dazu. Aber was sonst in ihm ist, findet er ja höchstens so, wie die Naturwissenschaften die äußeren Reiche der Natur finden. Da aber sucht der moderne Mensch dann das Sein. Und so glaubt er an sich selber nur, insofern er Natur ist. Und so wird die Natur mit ihrem Dasein der Moloch, der eigentlich dem Menschen der modernen Zeit sein Seinsgefühl raubt. Gewiß werden viele Menschen der Gegenwart sagen, davon spüre ich ja nichts, es sei nicht so. Aber das ist eben nur eine Meinung. Die Gefühle der Menschen der Gegenwart, die nur anfangen, ein bißchen Selbstbesinnung zu üben, sind eigentlich ganz das Ergebnis der Stimmung, die ich jetzt geschildert habe. Und eingekapselt in dieses Erleben seines eigenen Wesens und seines Verhältnisses zur Umgebung der Welt ist dieser moderne Mensch. Und dasjenige, was sich ihm in dieser Einkapselung ergibt, das überträgt er dann auf sein Weltenbewußtsein. Er schaut zum Beispiel mit seinen Instrumenten, dem Spektroskop, dem Teleskop nach den Sternen. Dasjenige, was sich ihm da zeigt, das verzeichnet er, daraus bildet er eine rein räumliche Astronomie, Astrophysik und so weiter. Er merkt nicht, daß er eigentlich bloß zum Himmel hinaufgetragen hat dasjenige, was er an den Erdendingen beobachtet und errechnet hat.

[ 7 ] Wenn ich hier eine Lichtquelle habe, so gibt jeder zu, daß, wenn ich soundso viele tausend Meilen von der Lichtquelle weg bin, in dem Raum das Licht dort schon schwach geworden, vielleicht gar nicht mehr sichtbar ist. Jeder weiß, daß die Stärke des Lichtes abnimmt mit der Entfernung. Und es ist ein Gesetz der äußeren Physik, daß auch die Schwere, die Gravitation, wie man in der Physik sagt, mit dem Quadrat der Entfernung abnimmt. Nur denken die Menschen dann nicht weiter. Daß die Stärke der Schwere hier auf der Erde eine gewisse Größe hat und abnimmt mit dem Quadrat der Entfernung, das machen sich die Menschen klar, da wir hier auf der Erde leben, Naturgesetze aufstellen, Erdenwahrheiten ergründen, sie zusammenfassen. Wo die Schwere eine bestimmte Stärke hat, da sind sie wahr. Die Schwere nimmt ab und die Wahrheiten auch. Dasjenige, was auf der Erde wahr ist, hört auf, wahr zu sein, indem wir seine Ausbreitung in der Welt verfolgen. Dasjenige, was wir daher hier ergründen an Physik und Chemie, haben wir ebensowenig ein Recht, dem Kosmos einfach analogisch zu übertragen, wie wir die Stärke der Erdenschwere, der unmittelbaren Erdenumgebung in den Kosmos hinaus übertragen können. Wir dürfen nicht die Wahrheit, die in Himmelssphären herrscht, so sehen wie wir die Wahrheit hier auf der Erde sehen. Man weiß, daß man mit einer solchen Sache für den Menschen der Gegenwart etwas ungeheuer Paradoxes, ja Phantastisches sagt. Aber so ist es eben in der Gegenwart: die Einkapselung ist so stark geworden für das allgemeine Bewußtsein, daß, wenn man nur irgendwo mit der geringsten Bemerkung diese Kapsel ein wenig durchsticht, sogleich ein Paradoxon herauskommen muß. Mit alledem hängt es dann zusammen, daß der Mensch der Gegenwart eigentlich ganz auf die Erde gebannt ist, so daß sein Erkennen, ja oftmals nicht einmal sein Besinnen über dasjenige hinausgeht, was er auf der Erde erlebt. Und so wie er es macht mit dem kosmischen Raum, so macht er es auch mit der kosmischen Zeit.

[ 8 ] Sehen Sie — ich habe die entsprechenden Wahrheiten oftmals in anthroposophischen Kreisen erörtert, was ich jetzt sage, ist eine Wiederholung an einem einzelnen Exempel —, besonders stark konnte einem das auffallen, als auf die Einladung unserer englischen anthroposophischen Freunde in der zweiten Augusthälfte von mir gehalten werden sollte ein Vortragszyklus in Penmaenmawr, in Wales, dort wo die Insel Anglesey der Westküste Englands vorgelagert ist. Das ist in der Tat eine ganz merkwürdige Gegend, eine Gegend, die zeigt, daß es eigentlich noch ganz andere Geographien gibt über die Erde hin, als man sie in den gewöhnlichen Schulbüchern, auch in den Schulbüchern, die für den höchsten Unterricht sind, findet. Man glaubt ja heute schon ziemlich weit gekommen zu sein, wenn man den Charakter der Vegetation, der Fauna und Flora hineinnimmt in die geographische Beschreibung, wenn man noch ausgeht von der geologischen, paläontologischen Beschaffenheit der Gesteine und so fort. Aber es gibt viel innerlichere Differenzierungen über den Erdboden hin, als diejenigen, die heute als Erdengeographie gebräuchlich sind. In diesem Penmaenmawr, wo dieser Vortragszyklus stattgefunden hat, da geht man sozusagen ein paar Schritte, ein bis eineinhalb Stunden in die Berge hinaus und findet überall die Reste des alten Druidenkultus: verfallene Gesteinsbildungen einfacher Art. Zum Beispiel: Steine sind so zusammengestellt, daß sie wie eine kleine Kammer einen Raum abschließen, mit einem Deckstein zugedeckt, so daß eine Art Kammer abgedeckt war, in der in einer notdürftigen Weise das Sonnenlicht abgeschlossen war, in der es also dunkel war. Nicht bestritten soll werden, daß solche Kromlechs auch bestimmt waren, als Grabstätten zu dienen, denn man hat zu allen Zeiten die wichtigsten Kultstätten über Gräbern der Mitmenschen aufgerichtet. Aber hier liegt doch noch etwas ganz anderes vor, auch bei diesen einfachen Kromlechs liegt etwas vor, das zeigen dann die sogenannten Druidenzirkel. Es war eigentlich ein sehr schöner Anblick, als ich eines Tages mit Dr. Guenther Wachsmuth zusammen in der Nähe von Penmaenmawr einen solchen Berg aufsuchte, in dem zwei einander ganz benachbarte Druidenzirkel heute noch in ihren letzten spärlichen Resten zu sehen sind. Die Steine sind so aufgestellt, daß man ihnen heute noch ansieht: sie waren einstmals ihrer zwölf im Kreise. Und derjenige, der dann sehen will, worauf es eigentlich angekommen ist, schaut hin und sieht, angekommen ist es darauf: Indem die Sonne ihren Weg im Kosmos zurücklegt, sei es im Laufe des Tages, sei es im Laufe des Jahres, warf sie immer in einer bestimmten Weise ihren Schatten. Von einem Stein so, von einem andern Stein anders. Und indem man den Schatten verfolgte, wie er sich änderte im Laufe des Tages, des Jahres, verfolgte man den Sonnenlauf.

[ 9 ] Die Menschen sind heute empfindlich für das Licht, namentlich wenn das Licht auch noch der Träger der Wärme ist oder die Wärme der Träger des Lichtes. Auch das heutige Bewußtsein des Menschen merkt natürlich den Unterschied zwischen Sommersonnenlicht und Wintersonnenlicht, weil es einem im Sommer heiß ist und im Winter einen friert. Und auch noch feinere Unterschiede merkt man. Aber dieselben Unterschiede, die man im Lichte auf eine so grobe Weise merkt, daß man friert oder daß einem warm ist, die zeigen sich auch im Schatten. Es ist nicht einerlei, ob die Oktobersonne oder die Julioder Augustsonne den Schatten wirft, nicht nur der Richtung nach, sondern auch der inneren Qualität nach. Und zu der Aufgabe eines Druidenpriesters gehörte es, ein Schauvermögen zu haben für die Qualität des Schattens, für jene eigentümliche Beimischung, man möchte sagen, eines rötlichen Tones beim Augustschatten, eines bläulichen Tones beim November- oder Dezemberschatten. Und so konnte man mit der Schulung, die man als Druidenpriester hatte, den Tageslauf der Sonne im Schatten lesen. Man konnte den Jahreslauf der Sonne im Schatten lesen. Man sieht diesen Dingen heute noch an, daß eine der Verrichtungen, die bei ihnen vorgenommen wurden, in so etwas bestand. Es waren noch viele Dinge da, die zu diesem Kultus gehörten. Ein Sonnendienst, aber ein Sonnendienst, der nicht bloß irgendeine Abstraktion war, nicht einmal die Abstraktion der Andacht und der Demut bloß. Es wäre ein völliger Irrtum, wenn man das glaubte, trotzdem man durchaus nicht Andacht und Demut zu unterschätzen braucht. Aber abstrakte Andacht und abstrakte Demut allein waren hier nicht das Maßgebende, sondern der Kultus schloß noch etwas ganz anderes in sich.

[ 10 ] Sehen Sie, das Samenkorn des Weizens, das Samenkorn des Roggens, sie wollen zu einer bestimmten Zeit des Jahres in die Erde versenkt sein. Es ist nicht gut, wenn sie zur Unzeit in die Erde versenkt werden. Derjenige, der diese Dinge genau kennt, der weiß, daß etwas davon abhängt, ob der Same ein paar Tage früher oder später in die Erde gesenkt wird. Und noch andere Dinge gibt es im menschlichen Leben. Das menschliche Leben derjenigen Bevölkerung, die da einmal in jenem geographischen Gebiete wohnte, wo der Druidenkultus war, vielleicht vor drei Jahrtausenden, das Leben war gewiß außerordentlich einfach: Ackerbau und Viehzucht waren die wesentlichsten Lebensbetätigungen. Aber fragen wir uns nun, woher sollten denn diese Leute wissen, wann sie säen und ernten sollten in richtiger Weise, wann sie manches andere besorgen sollten, was mit der Entwickelung der Natur im Jahreslaufe zusammenhängt? Man wird sagen: Heute gibt es auf dem Lande die Bauernkalender, aus denen der Bauer herausliest, an diesem Tage ist dieses, an diesem jenes zu tun. — Sehr geistvoll sind diese Dinge. Ja, wir leben heute in einer Zeit, wo das Menschheitsbewußtsein so ist, daß diese Dinge registriert sind, daß man sie aus dem Gedruckten ablesen kann. Man denkt gar nicht daran, daß man sie aus dem Gedruckten abliest, aber es ist so. Aber das gab es doch alles nicht, nicht einmal die primitivsten Anfänge von Lesen und Schreiben gab es in der Zeit, wo der Druidendienst in der Blüte war. Aber das gab es, daß der Priester stehen konnte in einem solchen Druidenzirkel und seinen [des Zirkels] Schatten beobachtete und angab nach dem Schatten: In den nächsten acht Tagen hat der Landmann dies oder jenes zu tun, in den nächsten acht Tagen hat der Zuchtstier durch die Herde geführt zu werden, denn da ist die richtige Zeit für die Begattung des Rindes. Man las im Kosmos und hatte die Vorrichtung, im Kosmos zu lesen. Man stand auf der Erde, und um dasjenige zu tun, was auf der Erde zu tun war, las man dasjenige, was die Sonne selbst einem sagte durch ihre Zeichen, die hervorgerufen wurden durch jene Denkmäler, die heute in diesen spärlichen Resten enthalten sind.

[ 11 ] Ja, das war eine ganz andere menschliche Seelenverfassung, und es wäre ein bedenklicher Hochmut der gegenwärtigen Menschen, weil sie das bißchen Lesen und Schreiben können, wenn sie unterschätzen würden die Kunst, die darin bestand, die notwendige Erdentat und Erdenverrichtung durch solche himmlische Offenbarung sich festsetzen zu lassen. Ich möchte sagen, man wird an jenen Stellen dazu gedrängt, auch noch manches andere in Erinnerung zu bringen von dem, was gerade geisteswissenschaftlich erforscht werden kann.

[ 12 ] Ich habe ja öfter gesprochen im Kreise unserer Anthroposophen, wie eigentlich alles das, was geisteswissenschaftlich erforscht werden muß, nicht in gewöhnlichen Gedanken gedacht werden kann, sondern wie es gedacht werden muß in Imaginationen. Sie kennen ja hoffentlich alle — heute morgen ist es zwar bestritten worden, aber ich glaube, daß die Anwesenden ausgenommen waren —, was ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» über Imaginationen gesagt habe. Diese Imaginationen, nicht die gewöhnlichen Vorstellungen, muß man ja immer in der Seele haben, wenn man aus der unmittelbar geistigen Beobachtung, nicht aus der äußeren sinnlichen Beobachtung heraus, etwas schildert. So daß die eigentlichen geisteswissenschaftlichen Schilderungen, die hier von diesem Orte aus gemacht worden sind oder drüben in der Landhausstraße in Stuttgart, eben aus solchen Imaginationen heraus gesprochen sind. Aber diese Imaginationen sind eben viel lebendiger als die bloß abstrakten Gedanken. Die abstrakten Gedanken sind schon einmal so, daß man eigentlich keine Spur des Seienden, sondern nur Bilder vom Seienden in diesen Gedanken ergreift. Die Imaginationen, die befühlt man gewissermaßen mit dem aktiven Denken, so wie man Tische und Stühle befühlt. Man wird in viel derberer Weise vom Dasein durchdrungen, wenn man nicht in abstrakten Begriffen, wenn man in Imaginationen erkennt. Diese Imaginationen hat derjenige, der aus ihnen heraus spricht, immer so vor sich, wie wenn er schriebe. Er schreibt nur nicht jene grausam abstrakten Schriftzeichen, die unsere Schrift ausmachen, sondern er schreibt in kosmischen Bildern. Nun, in unseren Gegenden hier, wie ist es mit diesen Imaginationen? Derjenige, der sie kennt, weiß, daß es verhältnismäßig leicht ist, hier zu diesen Imaginationen zu kommen, daß sie verhältnismäßig leicht zu bilden sind. Ist man gewissenhaft, ist man sich seiner Verantwortung bewußt, die man hat, wenn man überhaupt etwas aus Geisteswissenschaft heraus schildert, dann wird man natürlich auch eine solche Imagination nur gelten lassen, das heißt im Geiste hinschreiben — denn das Aussprechen ist nur ein Aussprechen des Geschriebenen —, wenn man sie reichlich oft umgedreht hat, die Sache reichlich oft geprüft hat. Eine leichte Zunge hat der wahrhaftig nicht, der mit vollem Verantwortungsgefühl aus der geistigen Welt heraus spricht. Aber trotzdem kann man sagen: In solchen Gegenden, wie die unsrigen, schreiben sich solche Imaginationen verhältnismäßig leicht hin, aber sie löschen sich ebenso leicht aus. Und derjenige, der geistigen Inhalt in Imaginationen schafft — anders kann man ihn Ja nicht beschreiben —, dem geht es so in unseren Gegenden, wie wenn man schreibt und gleich nachher das Geschriebene wieder auslöschen würde: es löscht sich rasch aus. Dort in jener Gegend, wo Meer und Land zusammenstoßen, jeden Tag die Ebbe und Flut herankommen, wo man ordentlich durchblasen wird vom Winde — in dem Hotel, in dessen Parterre wir wohnten, spürte man den Wind nicht nur beim Fenster hereinblasen, sondern man ging auf dem Teppich wie auf Meereswogen, weil unter dem Teppich der Wind durchging —, man wurde schon ordentlich durchblasen, außerdem hat man dort eine so regsame, freudig erregte Natur, daß stündlich oftmals Wolkenbrüche mit Sonnenschein wechseln, man lebt also schon innerhalb einer recht freudig bewegten Natur, da stößt man förmlich darauf, nun auch sich wieder zu erinnern, wie denjenigen diese Natur sich offenbarte, die da einstmals als die Druidenpriester — ich könnte auch sagen Druidengelehrte, es ist Ja dasselbe — von ihrem erhabenen Sitz auf diese Natur herunterschauten. Wie nahm sich dann die Erde aus vor dem seelischen Auge dieser Druidenpriester, da sich der Himmel so ausnahm, wie ich es eben beschrieben habe?

[ 13 ] Es ist hochinteressant zu beobachten. Aber man kommt zu der vollen Erinnerung nur, wenn man jetzt die besondere geographische Differenzierung an jenem Orte begreift. Man muß sich dort, wenn man die Imaginationen bilden will, viel mehr anstrengen als zum Beispiel hier. Sie schreiben sich gewissermaßen in die Astralatmosphäre schwer ein. Aber sie bleiben lange da bestehen, sie sitzen fest, löschen nicht so schnell aus. Nun kommt man darauf, wie gerade solche Orte, in denen das Geistige, das an den Menschen herantritt, gewissermaßen schon durch die Beschaffenheit des Ortes stark sich ausprägt, wie gerade solche Orte für ihre Kultstätten, für die wichtigeren Kultstätten, von diesen alten Druidenpriestern aufgesucht worden sind. Gerade diese Druidenzirkel, die wir damals besucht haben: Hätte man sich mit einem Luftballon in die Luft erhoben und hätte man von oben heruntergeschaut auf den kleineren und auf den größeren Kreis — sie waren ja in einem Abstand, aber diesen würde man von oben aus einer gewissen Entfernung nicht so gesehen haben —, so würde man die beiden Zirkel so wahrgenommen haben wie den Grundriß des abgebrannten Goetheanum. — Wunderbar gelegen ist das! Wenn man den Berg hinangeht, hat man von den mannigfaltigsten Stellen aus weite Ausblicke über Berg und See. Dann kommt man hinauf. Diese Druidenzirkel liegen da, wo sich der Berg muldenartig vertieft, so daß man wiederum in einem Bergring darinnensteht, und innerhalb dieses Bergringes sind dann die Druidenkreise. Da suchte der Druidenpriester dasjenige, was ihm Weisheit war, was ihm Wissenschaft, was ihm Erkenntnis war. Da suchte er seine Sonnenweisheit, da suchte er aber auch seine Naturweisheit. Denn, indem der Druidenpriester sich so hineinfand in den Zusammenhang desjenigen, was auf der Erde war, mit dem, was vom Himmel herunterströmte, wurde ihm überhaupt das ganze Wachstum der Pflanzen, das ganze Wachstum der Vegetation etwas ganz anderes, als es späteren, abstrakt denkenden Menschen werden konnte. Hat. man das Sonnenhafte ergriffen, indem man auf der einen Seite die sinnlichen Sonnenstrahlen hat, die in unser Auge hereindringen, auf der andern Seite den Schatten mit all seinen differenzierten Abgestuftheiten, hat man das in der Betrachtung, dann weiß man: In der Differenzierung des Schattens lebt das Geistige der Sonne weiter. Es wird ja durch den Schatten auf andere Körper nur das Physische der Sonnenstrahlen abgehalten, das Geistige dringt durch. In den Kromlechs, wie ich sie beschrieben habe, da ist ein notdürftig abgesperrter dunkler Raum. Da dringt nur das äußere physische Sonnenlicht nicht hinein, aber die Wirkungen dringen hinein, und durch diese Wirkungen wächst der Druidenpriester hinein in ein inneres Durchdrungensein mit den geheimen Kräften des kosmischen Daseins, er wächst hinein in die Geheimnisse der Welt. Und so wurde ihm zum Beispiel offenbar, was die Sonne tut an der Pflanze. Er sah, diese Pflanze gedeiht in dieser Jahreszeit, da ist die Sonnenwirkung in einer bestimmten Art. Er verfolgte die Sonne in ihrer Geistigkeit, wie sie hineinströmt, sich hineinergießt in Blüte, Blatt, Wurzel und so weiter. Er verfolgte, was Sonnenwirkung im Tiere war oder ist. Indem er auf dieser einen Seite die Sonnenwirksamkeit innerlich erkennen konnte, wurde ihm auch klar, wie sich in diese Sonnenwirkungen andere Wirkungen des Kosmos, zum Beispiel die Mondenwirkungen hineinergießen. Jetzt sagte er sich: Die Sonne tut dasjenige an der Pflanze, was das heraussprossende, wachsende Leben ist, was immer weiter und weiter will. Und der Druidenpriester wußte, wenn eine Pflanze, die aus dem Boden dringt, nur der Sonne ausgesetzt wäre, sie ins Unendliche wachsen würde. Die Sonne will sprossendes, sprießendes Leben. Daß das aufgehalten, gestaltet wird, daß Blätter, Blüte, Frucht, Keim eine bestimmte Gestalt annehmen, daß das ins Unbegrenzte Strebende mannigfaltig begrenzt wird, das rührt von jenen Mondenwirkungen her, die nicht nur in dem vom Monde zurückgestrahlten Sonnenlichte liegen; denn der Mond strahlt alle Wirkungen zurück, und sie werden abgegeben in dem, was von der Wurzel in den Pflanzen aufwärts wächst, was in der Fortpflanzung des Tierreiches lebt und so weiter. |

[ 14 ] Nehmen wir einen speziellen Fall. Der Druidenpriester schaute auf die wachsende Pflanze. Er schaute, wie die Pflanze heraufwächst, er schaute lebendig dasjenige, was Goethe später in seiner «Metamorphose» in einer mehr abstrakten Art verfolgt hat. Er sah die herunterströmenden Sonnenkräfte, er sah aber auch die reflektierten Sonnenkräfte in demjenigen, was die Pflanze gestaltet, er sah in seiner Naturwissenschaft zusammenwirken Sonne und Mond in jeder einzelnen Pflanze, in jedem einzelnen Tier. Da wußte er dasjenige, was Sonne und Mond tun an der Wurzel, die noch in die Erde hineingesenkt ist und darauf angewiesen ist, die Salze der Erde in einer gewissen Weise aufzusaugen. Sonne und Mond tun an dieser Wurzel etwas ganz anderes als an dem Blatte, das der Erde sich entringt und in die Luft hinausdringt. Und wieder ein anderes sah er an der Blüte, die sich entringt der Erde, die dem Lichte, dem Lichte der Sonne entgegenstrebt. Das sah er in Eins zusammen, Sonnenwirkung und Mondenwirkung, vermittelt durch die Erdenwirkung. Pflanzenwachstum, Tierwesenheit, das sah er in Eins zusammen. Dann lebte er natürlich auch schon so, wie wir da gelebt haben, von den so oft stürmenden Winden umgeben, die einem so viel erzählen von der Konfiguration der Gegend, von jenen eigentümlichen schönen Wettergaben, die sich so munter ausleben. Zum Beispiel beim Beginne einer Eurythmieaufführung in einem aus Holz zusammengefügten Saale war es so, daß die Leute mit Regenschirmen dasaßen, weil unmittelbar der Vorstellung ein Wolkenbruch vorausgegangen war, der noch andauerte, als die Eurythmie begann. Die Vorhänge wurden ganz naß. Dieses enge Zusammensein mit der Natur, das man heute noch immer ganz gut dort erleben kann, das erlebte natürlich auch der Druidenpriester. Die Natur war nicht so spröde, sie umfing und umfängt einen dort noch heute. Man wird, ich möchte sagen tatsächlich, es ist das etwas außerordentlich Schönes — da fast angezogen von den Naturwirkungen, begleitet von Naturwirkungen, man fühlt sich in den Naturwirkungen drin. Ich habe sogar Leute kennengelernt, die meinten, man braucht dort gar nicht richtig zu essen, es ißt sich auch innerhalb dieser Naturwirkungen wie von selbst. Ja, innerhalb dieser Naturwirkungen — aber jetzt mit seiner ganzen Sonneninitiation — stand also der Druidenpriester, sah, wie ich es geschildert habe, sah zusammen: Sonne, Mond, vermittelt durch die Erdenwirkung, Pflanzenwachstum, Wurzel-, Blätter-, Blütenwachstum; das alles nicht in abstrakten Naturgesetzen, wie wir heute, sondern in lebendigen Elementarwesen. In der Wurzel wirken andere Elementarwesen, andere Sonnen-Elementarwesen, andere Monden-Elementarwesen, als im Blatte, als in der Blüte.

[ 15 ] Aber nun wußte der Druidenpriester dasjenige, was in wohltätigen Grenzen in Wurzel, Blatt und Blüte der Pflanze lebt, auch in den weiten Horizonten der Natur zu verfolgen. Er sah vermöge seiner imaginativen Gabe in der Wurzel die kleinen Elementarwesen in enge Grenzen gebannt. Er wußte, was als Wohltätiges in der Wurzel lebt, kann sich emanzipieren, ins Riesenhafte auswachsen. Und so sah er die großen Naturwirkungen als die zu Riesen gewordenen kleinen Naturwirkungen der Pflanze. Und wie er gesprochen hat von Elementarwesen, die in der Wurzel leben, so sprach er von den, man möchte sagen, auf eine kosmisch unrichtige Weise ausgewachsenen Wurzelwesen, die sichtbar wurden in der Reif-, in der Tau-, in der Hagelbildung. Er sprach von den in wohltätiger Weise wirkenden Wurzelwesen und von den Reif- und Frostriesen, die dasselbe wie die in der Natur ins Riesenhafte ausgewachsenen Wurzelwesen sind. Und er sprach von den kleinen Elementarwirkungen im Pflanzenblatte, die sich durchdringen mit demjenigen, was in der Luft wirkt. Und wieder verfolgte er das in die weiten Horizonte der Natur, und er sprach davon, wie dasjenige, was im Pflanzenblatte lebt, wenn es sich emanzipiert und aus seinen wohltätigen Grenzen heraus in die Weiten der Natur strebt, dasjenige umfaßt, was auf den Wellen des Windes getragen wird. Die Wind- und Sturmriesen sind die ausgewachsenen Elementarwesen des Pflanzenblattes. Und dasjenige, was in der Blüte kocht dem Sonnenlichte entgegen, und was da in der Blüte die ätherischen Öle mit phosphorigem Charakter erzeugt, wenn sich das emanzipiert, wird es zu den Feuerriesen, aus deren Geschlecht zum Beispiel Loki war. Und so sah in Eins zusammen in dieser seiner Sonnen-Monden-Wissenschaft der Druidenpriester das, was im engbegrenzten Raum der Pflanze lebt, und was sich emanzipiert als dasjenige, was in Wind und Wetter lebt.

[ 16 ] Aber er ging weiter, er sagte sich: Was in Wurzel, Blatt und Blüte lebt, wenn es in die wohltätigen Grenzen gebannt ist, in welche die guten Götter es bannen, da entfaltet es das normale Pflanzenwachstum. Wenn es in Reif und Frost erscheint, ist es ein Erzeugnis der Göttergegner. Die Elementarwesen, die zu den Göttergegnern ausgewachsen sind, sie gehen über in das Verheerende, Schädigende des Naturwirkens. Ich kann als Mensch die verheerenden Wirkungen der Göttergegner aufnehmen, ich kann in entsprechender Weise den Reif, den Frost sammeln, das, was der Sturm einherträgt, dasjenige, was auf den Wellen des Windes oder im Regen aufgefangen werden kann. Ich kann es benützen für dasjenige, was ich erzeuge, indem ich die Riesenkräfte verwende, indem ich die Pflanze verbrenne, zu Asche mache, zu Kohle mache und so weiter. Ich entnehme den Riesen ihre Kräfte, um dasjenige, was normales Pflanzenwachstum ist, durch Anwendung der oftmals zum Schaden auswachsenden Kräfte des Frostes, des Hagels, der Regentropfen, sonstiger Bildungen und dessen, was die Feuerriesen in ihren Gewalten tragen, zu schützen. Ich entreiße all das den Riesen, um damit die normale Pflanze zu behandeln, um aus den Pflanzen, die von den wohltätigen Elementarkräften in ihren normalen Grenzen gehalten werden, Heilmittel zu machen, indem ich sie mit diesen Göttergegnerkräften behandle. — Und das war eine der Methoden, Heilmittel aus Pflanzen zu machen durch Verwendung des Frostes, Verwendung desjenigen, was in Schnee- und Eisbildungen lebt, was durch die Verbrennung, durch die Kalzinierung und so weiter erzielt werden konnte. Und so empfand sich der Druidenpriester als derjenige, der den Göttergegnern, den Riesen abnahm dasjenige, was sein Schädigendes bei sich trägt, um es wieder zurückzubringen in den Dienst der guten Götter. Und so können wir in mannigfaltiger Weise verfolgen diese Dinge.

[ 17 ] Warum verfolgen wir diese Dinge? Weil wir uns klarmachen wollen, indem wir dieses Beispiel verwenden — ich führe es als Beispiel an, weil ich den Kurs von Penmaenmawr in der Geschichte der anthroposophischen Bewegung nach meinem Gefühl tatsächlich zu einem wichtigsten Ereignis zählen muß —, wie das Bewußtsein, die ganze Seelenverfassung der Menschheit in einer verhältnismäßig gar nicht lang zurückliegenden Zeit ganz anders war als heute. Der heutige Mensch findet sich mit seinem Bewußtsein eben durchaus nicht hinein in dasjenige, was im Bewußtsein dieser älteren Menschheit lebte. Und was ich Ihnen von dieser älteren Menschheit erzählt habe, ich könnte es auch von anderen Menschen erzählen. Wir sehen da hinein in eine ganz andere Seelenverfassung. Was wir heute als unsere abstrakten Gedanken empfinden, empfand diese Menschheit noch nicht. All ihr Denken war noch mehr traumhaft. Nicht in solch scharf konturierten Begriffen und Ideen lebte diese Menschheit, wie wir heute. Sie lebte in eigentlich viel lebendigeren, inhaltsvolleren, gesättigteren 'Iräumen, aber eigentlich auch beim Tagwachen wie in einem fortgesetzten Träumen. Und dieses Träumen, das niemals ganz erwachte, wechselte ab — so wie unser heutiges Tagwachen mit unseren abstrakten Vorstellungen des Wachens abwechselt mit dem Träumen und Schlafen mit dem traumlosen Schlaf, der aber damals nicht so war wie heute, sondern so war, daß, wenn der Mensch erwachte zu seinem traumhaften Tagesleben, er dann fühlte: Vom Schlafe lebt etwas in mir, auch wenn ich wache. Es ist etwas, was mich wie eine innere Seelennahrung erfüllt, die ich während des Schlafes aufgenommen habe, das, was in mir sich fühlbar macht, ja sogar in mir sich schmeckbar macht. — In jenen Zeiten haben die Menschen noch den Nachgeschmack des Schlafes in ihrem ganzen Organismus gefühlt. Und ein dritter Zustand war da, tiefer als unser Schlaf ist, ein Zustand, der nicht mehr im menschlichen Bewußtsein auftritt. Ein dritter Zustand war da, der Zustand der Erdenumfangenheit, aus dem der Mensch, wenn er aufwachte, fühlte: Nicht nur geschlafen habe ich, ich war außerdem, daß ich geschlafen habe, was ich nachschmecke, wie von den Kräften der Erdenschwere in eine Art nächtliches Grab aufgenommen; die Erdenschwere deckte mich zu, ich war erdenumfangen.

[ 18 ] Nun können wir sagen: Der Mensch erlebt heute die Bewußtseinszustände Wachen, Träumen, Schlafen. Und so müssen wir sagen: Der Mensch einer gewissen Vorzeit erlebte die Zustände Träumen, Schlafen, Erdenumfangenheit. Und wie alles, was im Laufe der Geschichte sich entwickelt, auch in der Gegenwart in einer gewissen Weise zusammenhängt, so zeigen manche Menschenseelen in späteren Zeiten, wie in ihrem Inneren in einem späteren Erdenleben etwas Besonderes auftritt, etwas wie eine reale Erinnerung an alte Zeiten aufleuchtet, das mit ihrem früheren Erdenleben zusammenhängt. Es zeigen dann solche Menschen in dem, was in ihnen heraufleuchtet, was in ihren Zeiten abnorm ist, etwas wie ein seelischlebendiges Denkmal. Solche Geister waren etwa Jakob Böhme, ein solcher Geist war Swedenborg. In solche Geister leuchtet herein aus einer sehr fernen Vergangenheit in die mehr gegenwärtige Menschheit dasjenige, was mit der Menschheitsentwickelung zusammenhängt.

[ 19 ] Doch darüber, wie die besondere Geistesartung eines Jakob Böhme war, wie die eines Swedenborg war, so daß wir aus ihrer Geistesart menschliche Vergangenheit begreifen können, auf dieses und auf dasjenige dann, was die drei Bewußtseinszustände der Menschheit der Zukunft sein werden, auf das werde ich morgen in der Fortsetzung dieser Betrachtungen eingehen.