Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228
15 September 1923, Dornach
Der Mensch In Vergangenheit, Gegenwart Und Zukunft Vom Gesichtspunkt Der Bewusstseinsentwickelung II
[ 1 ] Gestern wollte ich an der Entwickelung der unserer anthroposophischen Bewegung gerade im gegenwärtigen Augenblick naheliegenden Druidenkultur gewissermaßen die Seelenverfassung einer älteren Zeit in einer gewissen Gegend illustrieren. Wir können uns, wenn wir eben in der Entwickelung der Menschheit drei, vier, fünf Jahrtausende — es ist verschieden für die verschiedenen Gegenden der Erde — zurückgehen, immer hineinfinden in solche ganz andersartige Seelenverfassungen der Menschen, die natürlich als Seelenverfassungen wiederum bedingen, daß die ganze geistige und soziale Lenkung und Leitung des menschlichen Lebens sich nach den Voraussetzungen einer solchen Seelenverfassung einer Zeitepoche richtet.
[ 2 ] Es hängt die Entwickelung, die damit angedeutet ist, zusammen mit der allmählichen Entfaltung des menschlichen Bewußtseins. Die Menschen waren eben in älteren Zeiten ganz andere Wesen als in der Gegenwart, und sie werden in Zukunftszeiten wiederum andere Wesen sein. Die landläufige Geschichte verzeichnet wenig von diesen Dingen. Daher ist auch, wenn man ein paar Jahrhunderte über den historischen Gegenwartsmoment hinausgreift, dasjenige, was als gewöhnliche Geschichte vorliegt, zum großen Teil für eine wirkliche menschliche Auffassung von illusionärer Natur. Und ich habe ja gestern angedeutet, wie wir in der Hauptsache drei Etappen des menschlichen Bewußtseins — natürlich wiederum mit unerläßlich vielen Nuancen — beobachten werden müssen. Das, was wir heute unsere Bewußtseinszustände nennen, Wachen, Träumen, Schlafen, das ist ja eben Gegenwart, allerdings eine Gegenwart, die sich über Jahrhunderte, ja Jahrtausende ausbreitet, aber eben in historischem Sinne Gegenwart. Und wenn wir zurückgehen in ältere Zeiten der Menschheitsentwickelung, dann haben wir gar nicht den gestern geschilderten heutigen Wachzustand mit den in logischen Zusammenhängen verlaufenden Vorstellungen. Je weiter wir in der Menschheitsentwickelung zunächst zurückgehen, desto mehr finden wir nicht ein solches logisches Bewußtsein, das eigentlich mit aller Strenge erst heraufgekommen ist im 14., 15. nachchristlichen Jahrhundert, das seinen Anfang genommen hat in den späteren Zeiten des Griechentums; in den älteren Zeiten aber finden wir dafür ein viel lebendigeres, von Bildern, nicht von Vorstellungen erfülltes Bewußtsein, und zwar finden wir ein solches Bewußtsein bei der gesamten Menschheit.
[ 3 ] Was wir heute Naturkräfte nennen, das kannte ja die ältere Menschheit in der Form gar nicht. Die Zeit, die ich Ihnen gestern geschildert habe, sprach nicht von meteorologischen Gesetzen, die in Wind und Wetter walten, sie sprach, wie ich angedeutet habe, von Bildhaft-Wesenhaftem, von Elementargeistern, die an den Pflanzengrenzen walten, von Riesen, von geistigen Wesenheiten, die in Wind und Wetter, in Frost und Hagel, in Sturm und Donner und so weiter walten. Da war alles in der Naturanschauung lebendig. Da wurden keine logischen Schlüsse gemacht. Da sah man hin auf das Leben und Weben und Wogen und Wellen geistiger Wesenheiten in den Dingen und auch in den elementarischen Naturerscheinungen. Der Grund der inneren Seelenzustände dieser älteren Menschheit war eben ein durchaus anderer als der heutige. Dieser Seelenzustand war so, daß eigentlich der Mensch viel mehr als heute in sich eingeschlossen war. Aber dieses In-sich war eben wieder ein anderes, als wir es jetzt kennen. Dieses In-sich war zu gleicher Zeit ein in lebendigen Traumbildern webendes Bewußtsein, das aber hinausführte in die Weltenweiten. Man sah Bilder, aber man sah diese Bilder nicht so, wie man heute einen Gedanken hat und da draußen sind die Dinge. Nein, was man als Riesenwesen, Frostriesen, Sturmriesen, Feuerriesen empfand, was man als Wurzelgeister, Blattgeister, Blütengeister empfand, in dem fühlte man sich verbunden mit der Pflanze, mit Wurzeln, Blättern, Blüten, mit dem Blitz, mit dem Donner. Man trennte sich nicht, weil man Geistiges, Bildhaft-Geistiges im Innern erlebte, in seinem Seelenleben von der äußeren Natur.
[ 4 ] Nicht gerade in den allerältesten Zeiten, die ich in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» geschildert habe, wohl aber in den Zeiten, die darauf folgten, da kann man geistig beobachten, wie diese Seelenverfassung eine ganz bestimmte Gemütsstimmung in den für die damalige Zeit maßgebenden zivilisierten Völkern hervorrief. Es gab schon eine Zeitepoche, in welcher die Menschen innerlich geistig noch viel wahrnahmen von dem, was eigentlich menschliche Wesenheit ist. Sie schauten in diesen Bildern, die ich eben beschrieben habe, nicht bloß die Gegenwart ihres Daseins, sie schauten das vorirdische Leben, sie schauten hin, wie man jetzt in eine Raumperspektive hineinschaut, in eine Zeitperspektive. Nicht Erinnerung war es, Schau war es. Sie schauten über ihre Geburt hinaus in eine geistige Welt hinein, aus der sie heruntergestiegen waren zum irdischen Menschenleben. Es war dieser älteren Menschheit natürlich, auf dieses vorirdische Dasein hinzuschauen und zu empfinden: Als Mensch bin ich ein geistiges Wesen, denn bevor ich einen irdischen Leib angenommen habe, ruhte ich im Schoße der Geistigkeit, verbrachte dort mein Dasein, erlebte dort mein Menschenschicksal noch nicht in einem physischen Leibe, sondern in einer — wenn ich mich so ausdrücken darf, trotzdem es paradox ist — geistigen Leiblichkeit.
[ 5 ] Die Forderung, an den Geist zu glauben, wäre für diese ältere Menschheit ganz absurd gewesen, so wie es heute für den Menschen absurd ist, an Berge zu glauben. Denn Berge sieht man. Das geistige vorgeburtliche Leben sah man damals, allerdings innerlich in Seelenschau, aber man schaute es innerlich. Es kam eine Zeit, in der die Menschen zwar dieses innerlich Menschliche geistig erschauten als die Ereignisse des vorirdischen Daseins, in denen aber immer mehr und mehr die Natur selber, die draußen in ihrer Umgebung war, zu einer Art Rätsel wurde. Ich möchte sagen, es drängte sich allmählich in der Menschheitsentwickelung die reine Sinnesbeobachtung vor.
[ 6 ] In ganz alten Zeiten, in Zeiten des Urindertums, wie ich sie in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» geschildert habe, da sah der Mensch überhaupt alles noch geistig, auch die Natur. Aber ein Fortschritt bestand darin, daß die Schauung des Geistigen innerlich blieb, dagegen die Natur allmählich anfing — wenn ich mich so ausdrücken darf — entgeistigt zu werden. Der Mensch schaute dann hinaus. Während er innerlich fühlte, er ist Geist vom Geiste, schaute der Mensch hinaus auf die blühende Pflanzenflur, auf die Wolke, die den Blitz aus sich heraustreibt, auf Wind und Wetter, auf die zierlichen oder wunderbar gestalteten Kristalle, auf Berg und Tal, auf all das schaute der Mensch. Und da kam eine gewisse Stimmung, die man durch lange Zeitepochen hindurch geisteswissenschaftlich verfolgen kann, gerade über dasjenige, was damals zivilisierte Menschheit war, die Stimmung, die sich etwa ausdrücken läßt auf folgende Art: Wir Menschen sind Geist vom Geiste. Wir waren im vorirdischen Dasein mit der Geistigkeit als Menschenwesen verbunden. Jetzt sind wir in die natürliche Umgebung versetzt. Wir schauen die schönen Blumen, die gigantischen Berge, wir schauen das mächtige Walten der Natur in Wind und Wetter. Aber das ist entgeistigt. — Und immer mehr und mehr kam herauf die Vorstellung bloßer Natur in der Umgebung.
[ 7 ] Nun empfand, nun sah aber der Mensch — ich meine natürlich immer den vorgeschrittenen Menschen, den Menschen, den man dazumal einen zivilisieren in unserer Sprache nennen kann —, daß ihm sein Leib herausgebildet wird aus den Substanzen, aus den Stoffen dieser Natur, die entgeistigt, entgöttlicht ist. Wenn so etwas über den modernen Menschen, über den Menschen der Gegenwart kommen würde, dann würde er darüber spekulieren, philosophieren, würde er nachdenken darüber. Das war zunächst bei dem Menschen einer älteren Zeit nicht der Fall. Er dachte nicht nach, aber er empfand eine ungeheure Disharmonie zwischen dem, was er in seinem Inneren erlebte: Ich bin Geist aus Geistesland, meine eigentliche Menschenwesenheit stammt aus göttlichen Höhen, aber ich bin umkleidet mit etwas, was aus der entgeistigt erscheinenden Natur genommen ist, mein geistiges Dasein ist verwoben mit etwas, was mir nicht den Geist zeigt. Aus derselben Substanz, aus der die blühenden Pflanzen auf den Fluren genommen sind, aus derselben Substanz, aus der das Wasser aus den Wolken und Regengüssen ist, aus derselben Substanz ist mein Leib. Diese Substanz ist aber entgöttlicht. — Und der Mensch empfand das wie ein Verstoßensein aus der geistigen Welt, wie ein Herausgestoßensein in eine Welt, der er eigentlich mit seinem Wesen nicht angehört.
[ 8 ] Diese Stimmung könnte man, wie das heute mit sehr vielen Kulturstimmungen geschieht, ablehnen, verschlafen. Aber die wachen Leute der damaligen Zeit empfanden sie, und in Stimmungen, in Empfindungen entwickelt sich die Menschheit, nicht in Vorstellungen und Gedanken. Denn selbst unsere Gedankenentwickelung in unserer Zeit ist nur eine episodische Entwickelung — wie wir gerade in diesen Vorträgen sehen werden — und der Mensch, der in Gedanken bloß redet, er redet eigentlich in Unwirklichkeit. Gerade das heutige Reden der Menschen ist ein Reden der Menschen in Unwirklichkeit. Diejenigen, die sich am meisten als Praktiker dünken und in Hochmut vor ihrer Praxis geradezu platzen, diese Menschen sind im Grunde genommen die stärksten Theoretiker. Die Theoretiker sitzen heute in den Büros, natürlich auch auf den Lehrstühlen, da ist es, ich möchte sagen, selbstverständlich; aber sie sitzen auch in den Büros, gehen in der Handelswelt herum. Alles ist theoretisch eingestellt, alles ist in Gedanken aufgefangen. Das ist eine Episode. Die hat zunächst keine Wahrheit. Ihre Wahrheit wird sie erst haben, wenn diese Menschen über dieses Leben in Gedanken empfinden werden, fühlen werden, so wie einstmals die Menschheit gefühlt hat, als die Natur ihr entgeistigt erschien: Wir sind verstoßen, ein verstoßenes Geschlecht; wir sind heraus aus göttlich-geistigen Höhen, wo wir eigentlich hineingehören, sind versetzt in eine Welt, in die wir mit unserem innersten Menschenwesen nicht hineingehören.
[ 9 ] Ein Ergebnis dieser Stimmung ist erst dasjenige, was dann aufgekommen ist als Ausdruck, als Offenbarung dieser Stimmung: die Empfindung vom Sündenfall der Menschheit. Diese Vorstellung vom Sündenfall entstand aus einer Bewußtseinswandelung. Man sagte sich: Man ist verstoßen aus der geistigen Welt; das muß aus einer Urschuld kommen. — Und so dämmerte durch das Menschenbewußtsein in einer gewissen Epoche die Anschauung von einer Urschuld, von einem Sündenfall der Menschheit. Auch diese Anschauung von einer Urschuld, von einer vorzeitlichen Schuld, einem vorzeitlichen Sündenfall versteht man, wenn man versteht die Bewußtseinswandelung des Menschengeschlechtes aus der Vergangenheit durch die Gegenwart in die Zukunft. Und was der Mensch brauchte in jener Epoche, indem diese Stimmung über ihn kam, das war nicht eine graue Theorie, das war vor allen Dingen etwas, was so in Worte gekleidet werden konnte, daß die Worte Balsam sein konnten für Seelen, die Trost brauchen. Was wir oftmals als die Führung der Menschheit in den alten Kult- und Religionsstätten, in den Mysterien bezeichnet haben, das sehen wir auftauchen in einem gewissen Zeitalter, das etwa zusammenfällt mit der urpersischen, mit der urchaldäischen, vorderasiatischen Kultur. Wir sehen das Zusammenfallen mit dem, was in den Mysterienpriestern entstand als den großen Tröstern der Menschheit. Tröster wurden sie. Aus den Mysterien strahlte Trost aus. Denn jene Bewußtseinsentwickelung der damaligen Zeit brauchte Trost. Die Worte mußten von etwas Seelenhaftem durchströmt sein, das eben wie Balsam, wie tröstender Balsam zu den Herzen sprach. Es ist die Zeit, die in bezug auf Religions- und Kunstschöpfungen, wenn auch in einer gewissen Beziehung andersartig als die späteren Zeiten, dennoch von einer grandiosen Schöpferkraft war. Vieles von Einzelheiten in unserer Kunst, in unseren religiösen Vorstellungen stammt eben noch aus jener Zeit. Insbesondere Kultsymbole, Kultbilder, Kulthandlungen stammen vielfach aus jenen alten Zeiten.
[ 10 ] Woraus sprachen jene Mysterienlehrer, die diesen Trost zu geben hatten? Ja, wenn sozusagen das allgemeine Wachbewußtsein in einem solch lebendigen Bilderbewußtsein bestand, wie ich es beschrieben habe, so gab es doch auch in der damaligen Zeit drei Bewußtseinsstufen. Wie es heute Schlafen, Träumen, Wachen gibt, so gab es eben in der damaligen Zeit auch gegenüber dem Wachträumen, das eben allgemeines waches Menschheitsbewußtsein war, wie ich schon gestern angedeutet habe, das Schlafen nicht so, wie es heute vom gewöhnlichen Bewußtsein ausgeführt wird, daß der Schlaf eigentlich dasjenige ist, was das Bewußtsein vollständig ablähmt. Zwar während des Schlafes war das Bewußtsein sehr dumpf auch bei jener älteren Menschheit, aber beim Erwachen blieb etwas zurück. Ich bezeichnete es gestern damit, daß der Mensch gewissermaßen, wenn er aufwachte, innerlich den Nachgeschmack vom Schlafe hatte. Die meisten Menschen fühlten sich innerlich durchdrungen nicht etwa bloß auf der Zunge oder auf dem Gaumen —, sie fühlten sich innerlich durchdrungen als Nachgeschmack des Schlafes von einer gewissen Süßigkeit des Erlebens. Es strömte die Süßigkeit des Erlebens vom Schlafes- auf das Tagesleben aus. Man erkannte in dieser Süßigkeit gerade den gesunden Zustand des Lebens, während, wenn sich andere Geschmäcke hineinmischten, man dieses als Andeutung von Krankheit empfand. Es klingt dem heutigen Menschen paradox, wenn man ihm sagt, eine ältere Menschheit empfand die süße Nachwirkung des Schlafes in den Gliedern, in den Armen bis in die Fingerspitzen, in den andern Gliedern des Organismus. Aber es war eben so, geisteswissenschaftliche Forschung zeigt das. Der Sprachgenius hat davon manches erhalten, nur hat er es materialistisch vergröbert. Der Schlaftrunk war einstmals etwas Geistiges, nämlich der Schlaf selber. Er wurde erst nachher etwas Materialistisches, was man als Flüssigkeit trank. Der Schlaf selber war ein Trunk aus der Natur, ein Trunk, durch den die gewöhnliche Tageserinnerung hinschwand. Er war zugleich ein Vergessenheitstrunk.
[ 11 ] Nun, es war ein unbestimmtes Nachgefühl, was der gewöhnliche Mensch hatte, aber die Einweihung, die Initiation gab dem Mysterienlehrer, dem Führer der Menschheit ein genaueres Bewußtsein von dem, was da der Mensch eigentlich während des Schlafes erlebte. Und so, wie wir heute in der modernen Initiation hinaufsteigen vom gewöhnlichen Vorstellen zum Geist-Erschauen, so stieg gewissermaßen die Menschheit der damaligen Zeit hinab vom Traumwachen in den Schlafzustand, für den sie sich aber Bewußtsein aneignete, so daß der gewöhnliche Mensch den Nachgeschmack hatte, der Mysterienpriester in einer bewußten Art hineinfühlte, hineinempfand in den Schlaf selber und sozusagen dasjenige kennenlernte, was dann im Nachgeschmack das ergab, was ich beschrieben habe. Er lernte kennen die Wasser jenseits des physischen Daseins, die Wasser, in die die Menschenseele eintaucht während des Schlafes, die Wasser, in die die Seele untertauchte, die Wasser, in die sie in jeder Nacht getaucht wird: die Wasser des astralischen Weltenwebens und Weltenwesens. Es war aber gegenüber dem Wachträumen eben nur der zweite Zustand.
[ 12 ] Der dritte Zustand war dann der, von dem die heutige Menschheit überhaupt nichts mehr weiß, ein Zustand, tiefer als der traumlose Schlaf heute. Ich habe gestern gesagt, man möchte ihn die Erdenumfassung nennen. Darinnen war jeder Mensch in der Mitte des Tiefschlafes während der Nacht, aber nur der Mysterienpriester konnte durch seine Einweihung ein Bewußtsein erlangen von dem, was da war, konnte mitteilen die Ergebnisse dieses Bewußtseins als die damalige Wissenschaft. Dann sagte der Mensch nicht bloß: Ich bin von der Erde umfangen. — Ja, das sagte er auch, aber er sagte noch etwas anderes dazu. Er sagte sich: Ich bin von der Erde umfangen, — aber er empfand das schon so, wie wenn er im gewöhnlichen Tageslauf in einen Zustand gekommen wäre, der eigentlich schon dem "Tode immer sehr nahe ist, aber einem Tode, aus dem es doch ein Erwachen gibt. Es empfand sich der Mensch in diesem dritten Bewußtseinszustande so, wie wenn er eigentlich untergetaucht wäre in die Erde, wie wenn er schon in ein Grab gekommen wäre, aber in ein Grab, das eigentlich nicht ein Erdengrab war. Wie dieses Grab nicht nur vorgestellt wurde, sondern vorgestellt werden mußte, das werde ich Ihnen auf folgende Art anschaulich machen können.
[ 13 ] Sehen Sie, die Sonnenstrahlen fallen ja nicht bloß auf die Erde und erglänzen von den Blumen, erglänzen von den Sternen, der Bauer weiß das besser als der Städter, denn er benützt das Eindringen der Sonnenwärme in die Erde auch in der Winterszeit. Da hat man gerade dasjenige, was während des Sommers in die Erde hineingeströmt ist, im Erdboden drinnen. So strömt nicht nur die Wärme, so strömen andere Kräfte der Sonne in die Erde hinein. Aber das war von diesem Gesichtspunkte aus, von dem ich jetzt spreche, sogar das weniger Wichtige. Das Wichtigere war, daß auch die Mondenwirkungen in die Erde eindringen konnten, die Mondenwirkungen gewissermaßen untertauchten unter die Oberfläche der Erde. Ich möchte sagen, eine schöne Vorstellung der alten Zeit, die nicht bloß poetisch, die eher überpoetisch war, war diese, daß die Menschen sich wiederum im Bilde, nicht in einer logischen Anschauung, wie wir das heute tun, sondern im Bilde vorstellten, wie das silberne Sonnenlicht herniederströmte im Vollmondschein zur Erde, dann aber hineindringt in die Erde, wie dieses Mondensilber eine gewisse Strecke weit in die Erde hineindringt, und dann wiederum, gewissermaßen nachdem es von der Erde aufgenommen war, vom Innern der Erde — nicht von der Oberfläche — zurückstrahlt. Dieses Silberwogen und Silberwellen des Mondes empfand der Mensch als Ein- und Ausstrahlen, Ein- und Auswogen. Es war aber nicht bloß ein schönes Bild, sondern man wußte als Mysterienpriester über dieses wogende wellende Mondenlicht etwas ganz Bestimmtes.
[ 14 ] Man wußte, daß der Mensch, wenn er auf der Erde steht, Schwere hat. Die Gravitation, die Schwere hält ihn an dem Erdboden, die Erde zieht gewissermaßen ihre Wesen an sich in der Schwere. Von den Mondenkräften wußte der Mensch, daß sie der Schwere entgegenwirken. Sie sind nur im allgemeinen schwächer als die grobrobuste Erdenschwere, aber sie sind das, was entgegenwirkt den Erdenschwerekräften. Das wußte man. Man wußte, daß der Mensch nicht bloß ein Klotz ist, der von der Erdenschwere festgehalten wird, sondern daß er sich in einer Art Gleichgewichtslage befindet, von der Erde angezogen, vom Mond hinweggezogen wird, nur daß die Erdenschwere für den Erdenmenschen die Oberhand behält. Aber für dasjenige, was im Haupt des Menschen tätig ist, macht sich diese, ich möchte sagen, negative Schwere, diese wegziehende Schwere geltend. Konnte man durch sie auch schon nicht fliegen, so konnte man doch den Geist hinauferheben in die Sternenräume. Und durch diese Initiation, also auf dem Umweg über die Mondenwirkungen, lernte die Menschheit der damaligen Zeit durch ihre Mysterienpriester die Wirkungen der Sternenumgebung auf den Menschen der Erde kennen.
[ 15 ] Das war die heute so viel mißbrauchte astrologische Initiation, die insbesondere in der chaldäischen Bevölkerung so ausgeprägt war. Man wußte auf diesem Umwege etwas, und zwar nicht bloß über die Mondenwirkungen, sondern auch über Sonnen-, Mars-, Saturnwirkungen und so weiter. Der Mensch ist ja heute — verzeihen Sie, wenn ich das auch in einem Bilde ausdrücke, aber solche Dinge lassen sich schwer logisch charakterisieren —, der Mensch ist ja heute ein Regenwurm geworden in bezug auf sein Wissen, nein, nicht einmal ein Regenwurm, etwas Schlimmeres, er ist ein Regenwurm geworden, für den es niemals regnet, der niemals herauskommt aus der Erde. Die Regenwürmer kommen ja zu gewissen Zeiten, wenn es regnet, heraus aus der Erde, und da genießen sie dasjenige, was über der Erdoberfläche vorgeht, und das ist zum Heil der Regenwürmer. Aber in geistig-seelischer Beziehung ist heute der Mensch ein Regenwurm, für den es niemals regnet. Er ist ganz eingekapselt in bezug auf das Irdische. Er denkt zum Beispiel: Was ich an mir habe als meine Leibesglieder, das wächst halt auf der Erde so, wie ungefähr die Steine auch sich bilden. — Daß zum Beispiel die Haare, die Haupteshaare, Ergebnisse von Sonnenwirkungen sind, das weiß natürlich der heutige Mensch nicht und so weiter, weil er eben ein Regenwurm ist, für den es niemals regnet, das heißt ein Wesen, das zwar innerlich die Wirkungen der Sonne in sich trägt, aber nicht an die Oberfläche kommt, um so etwas zu erforschen. Ja, der Mensch ist eben — das wußten diese alten Mysterienpriester — nicht wie ein Kohlkopf aus der Erde herausgewachsen, sondern er ist entstanden unter der Mitwirkung der gesamten kosmischen Sternenumgebung. Und so sehen Sie, wie der Mensch der Vergangenheit seinen initiierten Mysterienführern gegenüberstand, die in der Art, wie ich es eben angedeutet habe, initiiert wurden, so daß sie wußten, was für den Menschen die kosmische Erdenumgebung zu bedeuten hat.
[ 16 ] Dadurch aber konnten diese Mysterienpriester den Menschen etwas sagen, was ich in etwas triviale Worte kleiden will, weil wir ja heute zunächst nicht in der Lage sind, in derselben Form zu sprechen wie jene alten Mysterienpriester, die das gleichzeitig damals in wunderbare Poesien kleideten. Das gab der Genius der damaligen Sprache her, man kann heute nicht so sprechen, weil es die Sprache nicht hergibt. Heute könnte man das, was diese Mysterienpriester zu denjenigen sagten, die Trost bei ihnen suchten für die entgeistigte Natur, in die sich der Mensch verstoßen fühlte, so aussprechen: Ja, solange ihr im Leben verbleibt in den Zuständen des gewöhnlichen Wachbewußtseins, so lange erscheint euch eure Umgebung als entgeistigt. — Wenn man aber bewußt untertaucht in die Region der Erdenumfassung, wo man im silbernen Mondenglanze, der die Erde durchwellt und durchwogt, das Walten der Sternengötter erschaut, wenn man das kann, dann lernt man erkennen — allerdings jetzt nicht von selbst, wie es in älterer Zeit der Fall war, sondern durch menschliche Anstrengung —, daß doch auch diese äußere Natur überall von Geistwesen durchsetzt ist, Göttergaben als Geistwesenheiten, als Geistelementarwesen in sich trägt. Und so bestand der Trost, den in jenen alten Zeiten die Mysterienpriester den Menschen gaben, darinnen, daß sie sie aufmerksam machten: Die Pflanzen sind nicht nur schön, die Pflanzen sind auch wirklich vom geistigen Weben und Wesen durchzogen; die Wolken ziehen nicht nur majestätisch durch den Luftraum dahin, es walten in ihnen göttlich-geistige Elementarwesen und so weiter. — Zum Geist der Natur führten diese Eingeweihten durch ihre Initiation gerade die Menschheit, die sie zu führen hatten.
[ 17 ] In einer gewissen älteren Epoche der Menschheitsentwickelung bestand eben die Aufgabe der Mysterien darin, den Menschen zu sagen: Das Entgeistigtsein der Natur ist nur eine Illusion des gewöhnlichen Wachträumens. In Wahrheit ist überall in der Natur Geist zu finden.
[ 18 ] So war einmal eine menschliche Vergangenheit vorhanden, in der in dieser Art der Mensch eigentlich in der Geistigkeit des Daseins darinnenlebte und, durch die Einrichtung der Mysterien, von der Geistigkeit des Daseins auch für dasjenige Gebiet erfuhr, das ihm zunächst entgeistigt vorkam. Alles, was so an den Menschen herankam, sei es durch den Instinkt, wie die Schauung des inneren Geistwesens, sei es durch Mysterienbelehrung, wie die Durchgeistigung des Naturdaseins, alles das machte den Menschen doch abhängig, abhängig von der Geistigkeit. Wäre es so geblieben in der Menschheitsentwickelung, es hätte niemals in das Bewußtsein eindringen können dasjenige, was wir heute als eines der größten Güter der Menschheit, ja vielleicht als das Zentralgut anerkennen müssen: die Empfindung des freien Willens, die Empfindung der Freiheit.
[ 19 ] Diese Art der Seelenverfassung mit einer instinktiv empfundenen Geistigkeit, sie mußte hinabdämmern. Der Mensch mußte zu drei anderen Bewußtseinszuständen geführt werden. Die Erdenumfangenheit, aus der die alten Initiierten ihre Sternenweisheit und damit die Geistigkeit von der Natur geschöpft haben, die kam vollständig in Verfall. In der menschlichen Seelenverfassung sind nur noch der traumlose Schlaf, das Träumen, das Wachen. Es setzte sich gewissermaßen an der andern Seite an jene Bewußtseinsregion, in der eben die Freiheit aufdämmern kann. Was wir heute unser Wachbewußtsein nennen, mit dem wir heute unser gewöhnliches Leben und die Wissenschaft betreiben, ist etwas, was eine ältere Menschheit gar nicht kannte. Aber in ihr erstand eben die Möglichkeit des reinen Denkens, an dessen Dasein wir verzweifeln können, aber aus dem wir einzig und allein herausholen können die Impulse der Freiheit. Denn wären wir als Menschheit niemals zu diesem reinen Denken, das nicht zugleich das Dasein verbürgt, aber reines Denken ist, gekommen, dann wären wir als Menschen auch niemals zum Bewußtsein der Freiheit gekommen.
[ 20 ] Man möchte sagen: Hinter der Menschheitsentwickelung schloß sich in Finsternis an dasjenige, was einmal die Verbindung des Menschen mit der Geistigkeit war. Dafür wurden ihm diese drei Bewußtseinszustände, die ihn eigentlich aus geistigen Höhen in Erdentiefen führten. Aber aus diesen Erdentiefen sollte er die ureigene Kraft der Freiheitsentfaltung gerade finden. Und es war die Morgenröte dieser Seelenverfassung des Wachens, Träumens und Schlafens schon im Grunde genommen ein Jahrtausend da. Die Menschheit war schon sehr weit in eine gewisse Finsternis hineingegangen, jene Finsternis, in der zwar der Impuls der Freiheit ist, in der aber nicht das Licht der Geistigkeit erglänzt. Empfinden Sie es nur einmal recht, wie das eigentlich war in der Menschheitsentwickelung. Wenn man da in eine alte Zeit hineinschaut, da blickte doch der Mensch hinauf in den Sternenhimmel, und er konnte sich sagen aus dem, was er wußte von diesem Sternenhimmel: Was in mir lebt, sind die Kräfte dieses Sternenhimmels, ich gehöre diesem Kosmos an. — Als Geist war der Mensch heruntergedrängt auf die Erde. Finster wurde es sozusagen am Himmel, denn das Licht, wenn es selbst das Sonnenlicht oder Sternenlicht war, was auf physische Weise herunterglänzte, das durchschaute ja der Mensch nicht. Es ist wie ein vorgeschobener Vorhang, bei dem der Mensch nicht irgendwie Stützen für sein Dasein finden kann. Zu dem, was hinter diesem Vorhang ist, kann er jetzt nicht mehr schauen.
[ 21 ] Nun werden wir morgen sehen, wie eben tatsächlich dieser Vorhang seit einem Jahrtausend schon da war, wie dieser Vorhang immer dichter und dichter wurde und sich diese Dichtigkeit des Vorhanges in der ganzen Menschenstimmung wiederum ausdrückte. Da kam ein Licht durch diesen Vorhang, der Vorhang fiel gewissermaßen auseinander. Und dieses Licht ist das Licht, das auf Golgatha aufgehellt war. So fällt in die Menschheitsentwickelung herein das Ereignis von Golgatha. In diesem Ereignis, das nun ein Ereignis auf der Erde war, sollte dem Menschen wiederum aufgehen dasjenige, was er einstmals in den Weiten des Kosmos als die Geistigkeit der Welt gesehen hatte. Christus sollte durch sein Durchgehen durch das Mysterium von Golgatha in das Erdenleben hereinbringen, was früher in den Himmeln gesehen worden ist. Heruntersteigen sollte das göttlich-geistige Wesen Christus und wohnen in einem Menschenleib, um der Menschheit, die jetzt nicht heraus konnte aus der Erde, auf eine andere, auf eine neue Art dieses Licht zu bringen.
[ 22 ] Wir sind als Menschheit heute erst im Anfange des Verstehens dieses Mysteriums von Golgatha, und die Zukunft der Erdenentwickelung wird darinnen zu bestehen haben, daß dieses Mysterium von Golgatha immer reifer und reifer von der Menschheit verstanden wird, daß dieser Glanz, der ausgeht von dem Mysterium von Golgatha, immer mehr und mehr aus einem inneren Glanze ein kosmischer Glanz wird und anfängt, alles zu überstrablen, in das der Mensch hineinschauen kann. Doch das genauer zu besprechen, wird erst möglich sein, wenn wir heute noch einige Bausteine dazu beitragen.
[ 23 ] Was einmal lebendig war in der Erdenentwickelung der Menschheit, es kommt in einer gewissen Beziehung wieder. Und so war in den Mysterienpriestern lebendig, wie ich Ihnen gerade geschildert habe, dieses Hineinschauen in die Mondenwirkungen. Die Mondenwirkungen trugen sie hinauf zu ihrer astrologischen Initiation. Sie lernten, wie man durch die Mondenwirkungen in die Sternengeheimnisse des Kosmos eingeweiht werden konnte. Ein Wesentliches bestand bei dieser Initiation darinnen, daß den, der also initilert, der so eingeweiht werden sollte, daß den etwas überkam, wie wenn er in sich selbst plötzlich fühlte, die Schwere habe für ihn eine geringere Bedeutung als sonst. Er fühlte sein Gewicht weniger. Und er wurde wiederum durch die älteren Lehrer angewiesen, dem nicht nachzugeben, sondern wenn er so fühlte, wie er gewissermaßen leichter wurde, nun sich durch eine starke Willensanstrengung selber die Schwere zu geben. Das gehörte gewissermaßen in die Kunst der alten Einweihungen, das, was man durch den Einfluß der Mondenkräfte an naturhafter Schwere verlor, durch den Willen in sich einströmen zu lassen. Dadurch glänzte eben jene Sternenweisheit auf. Und so wurde jede Anlage in dem Menschen der damaligen Zeit zu einem solchen Überwinden der Schwere dazu benützt, in ihm den Willen zu entwickeln, nun seelisch sich an der Erde festzuhalten. Dadurch aber, daß dieses seelische Festhalten wirkte wie das Anzünden eines inneren Seelenlichtes, leuchtete es hinaus in die kosmischen Weiten, und der Mensch bekam die Kenntnis dieser kosmischen Weiten.
[ 24 ] Wenn Geisteswissenschaft in diese Dinge hineinleuchtet, kann man genau beschreiben, wie dieses alte Bewußtsein zustandekam. Aber das, was in solchen Menschen war, das kommt ja immer wiederum. Es gibt einen Atavismus, eine Vererbung des Alten. Es tritt wieder auf, weil ja die Menschen auch wiederkommen. Und indem gerade die Verwandtschaft mit den Mondenkräften in späteren Menschen, die in einer Zeit leben, in der das eigentlich nicht mehr da sein sollte, weil dieser tiefe Schlaf verschwunden ist, wiederum auftaucht, wird es zum Somnambulismus, insbesondere zur gewöhnlichen Mondsüchtigkeit. Und diese Menschen, die bekämpfen dann, wenn dieser Zustand über sie kommt, nicht durch die Seele das Leichterwerden, sondern sie spazieren auf den Dächern herum, oder gehen wenigstens aus dem Bette heraus. Sie machen mit ihrer Menschenwesenheit dasjenige, was eigentlich nur dem astralischen Leib zu machen gebührt. Was in einer solchen späteren Zeit gewissermaßen eine Abnormität ist, es war in früheren Zeiten ein Vorzug, den man benützen konnte, um zu Erkenntnissen zu kommen. Und daß man solche Menschen «mondsüchtig» im Volksmund nannte, das hat seinen guten Sinn, denn dieser Zustand der Menschheitsverfassung hängt mit der atavistischen Verwandtschaft mit den Mondenkräften zusammen, die aus alten Zeiten geblieben ist.
[ 25 ] Geradeso aber, wie der Mensch in dem, was ich Ihnen geschildert habe, mit den Mondenkräften verwandt ist, so ist er ja auch verwandt mit den Sonnenkräften. Nur daß sie in einem verborgeneren Teil der Menschenwesenheit spielt, diese Verwandtschaft mit den Sonnenkräften, daß man erst sehr mittelbar daraufkommt. Diese Verwandtschaft mit den Sonnenkräften, aus ihr haben ganz gewiß die Druidenpriester der Blütezeit, nicht der Verfallszeit, ihre Sonneninitiation gesucht. Diese Sonneninitiation, die gibt einen Zustand, in dem man jetzt nicht nur gewissermaßen angeregt durch die Mondenkräfte hinaufschaut, um in der astrologischen Initiation etwas zu wissen von den Geheimnissen des Kosmos, sondern diese Sonneninitiation gibt schon etwas von einer Art Zwiegespräch mit den göttlich-geistigen Wesen des Weltenalls, gibt eine Art Inspiration, während die Mondeninitiation nur eine Art Imagination gibt. Es ist die Sonneninitiation eine Art Hören der Ratschläge der geistigen Wesenheiten des Kosmos, jedenfalls aber ein Hineinschauen in viel tiefere Geheimnisse des Weltendaseins, als sie sich ergeben der Mondeninitiation.
[ 26 ] Auch das kann später atavistisch wieder auftauchen. Es ist in jedem Menschen ja doch vorhanden. Sonnenwirkungen sind da in jedem Menschen. Aber wie der Mensch jetzt ist in seiner Seelenverfassung, so ist er nicht mehr der Mensch der Vergangenheit, so ist er ja so, daß vor allen Dingen seine Augen daraufhin konstituiert sind, die physischen Sonnenstrahlen aufzunehmen. Ich habe es gestern angedeutet: In diesen physischen Sonnenstrahlen ist Geistig-Seelisches. Das sieht nur der Gegenwartsmensch nicht. Und so benimmt sich eigentlich der Gegenwartsmensch der Sonne gegenüber gerade so, wie sich einer benehmen würde, der einem anderen Menschen begegnete, und der andere Mensch machte den Anspruch, ein Innerlich-Seelisches zu haben, und der sagte ihm: Es ist nichts mit dem Seelischen. Wenn du deinen Arm bewegst, das ist ein Hebelvorgang, da sind Schnüre, die Muskeln daran, wenn die angezogen werden, dann wird der Hebel angezogen. Das ist ein Mechanismus. — So benimmt sich ja die heutige Menschheit gegenüber den Sonnenwirkungen. Sie sieht nur das äußere Physische, was in diesem Fall nur das physische Licht ist. Aber während das physische Licht der Sonnenwirkung in uns eindringt, dringt die Geistigkeit der Sonnenwesenheit zugleich in den Menschen ein. Der Mensch kann dann durch eine gewisse Art innerer Konzentration, die er jetzt nicht so, wie ich es im Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» schilderte, sondern die er durch Atavismus wie eine Elementarkraft hat, so kann der Mensch heute eben durch eine innere Konzentration seines Organismus aufhören — mit «heute» meine ich den historischen Zeitraum, der kann sich natürlich durch einige Jahrtausende erstrecken —, er kann aufhören, stark empfänglich zu werden für die physischen Sonnenwirkungen, dafür aber empfänglich werden für das Geistig-Sonnenhafte. Dann sieht der Mensch anders. Wo dieses Atavistische auftritt, sieht man anders, als man im gewöhnlichen Leben heute sieht. Wenn Sie in einen Spiegel schauen, dann wird Ihnen das, was vor dem Spiegel steht, zurückgeworfen. Gerade weil der Spiegel nach hinten undurchsichtig ist, wird das, was vor dem ‚Spiegel ist, zurückgeworfen. Wenn nun ein Mensch die Seelenkonstitution hat, daß er, trotzdem er bei vollen Sinnen ist, statt in die Sonne hineinzuschauen, das physische Sonnenlicht nicht sieht, sondern die Finsternis sieht, dann wird diese Finsternis zum Spiegel, und es erscheint ihm gespiegelt seine unmittelbare Umgebung, die Natur. Und er sagt dann nicht: Ich habe hier eine Pflanze, die hat eine Wurzel, da treibt sie die Blätter heraus, die Blüte, die Frucht, den Keim, — sondern er sagt: Ich sehe da hin, in dem unteren Teile der Pflanze, da sehe ich dasjenige, was Elementargeistigkeit der Weisheit ist, was etwas Konservierendes hat, was etwas Verfestigendes hat. Und dann schaue ich weiter in der Pflanze hinauf, da sehe ich, wie dieses Verfestigende, dieses Konservierende überwunden wird, und wie die Pflanze mehr strebt, sich nicht zu verfestigen, sondern abwechselnd sich zu verfestigen und aufzulösen in der Blattbildung, und endlich, wie ein Kochen durch die Feuerwirkung, sehe ich die Pflanze nach oben zu streben. Und dann wird gespiegelt das Pflanzenleben an der Finsternis, die aber geistige Helligkeit ist, so wie etwa atavistisch Jakob Böhme die Pflanze gesehen hat, indem er unten das Salzhafte, in der Mitte das Merkuriale und oben das Phosphorige geschaut hat. Und so sehen wir hereinspielen in einen solchen Geist wie Jakob Böhme, der ein naturhaft Sonneninitierter war, dasjenige, was in alten Zeiten zur menschlichen Zivilisation gehörte, zur Urzivilisation, in der man noch nicht lesen und schreiben konnte. Und kann man, wenn man so ein Werk von Jakob Böhme hernimmt — das «Mysterium magnum», «De Signatura rerum», «Aurora oder Morgenröte im Aufgang» und so weiter —, dieses Werk gewissermaßen nicht so lesen, daß man eigentlich aus diesem stammelnden Darstellen Jakob Böhmes etwas herausliest, was so ganz ähnlich war wie das, was ich Ihnen von den Druidenpriestern geschildert habe, dann liest man Jakob Böhme eben falsch. Er war nicht äußerlich initiiert, sondern so, daß in seinem inneren Wesen, wie eine Wiederholung eines früheren Erdendaseins, heraufquillt diese Sonneninitiation. Das ist bis in die Biographie Jakob Böhmes hinein zu verfolgen.
[ 27 ] Noch tiefere Kräfte, die dann im Menschen wirken können, sind die Kräfte des zunächst äußersten Planeten unseres Planetensystems. Für die heutige Astronomie ist es nicht der äußerste, weil ja zwei dazugekommen sind, die selbst der heutigen physischen Astronomie manche Sorgen machen, weil die Bewegungsgesetze der Monde nicht recht stimmen und so weiter. Aber da man die Hauptsache auf die räumliche Anordnung gibt, und da nun schon einmal zu dem Sonnensystem der Uranus und der Neptun sich dazugesellt haben, rechnet man sie dazu. Aber wie gesagt, sie machen manche Schmerzen, weil ihre Monde «verrückt» geworden sind gegenüber dem, was andere ordentliche Monde vom Jupiter und so weiter tun. In Wirklichkeit kann man eben doch sagen: Saturn ist schon für das lebendige konkrete Ergreifen des planetarischen Weltsystems der äußerste der Planeten. Und so wie der Mensch unter dem Einfluß der Ihnen genauer geschilderten Mondenwirkung stehen kann, oder der skizzenhaft geschilderten Sonnenwirkung stehen kann, kann er auch stehen unter dem Einfluß dieser Saturnwirkungen. Der Saturn wirkt durch dasjenige, was er geistig ausstrahlt in das Planetensystem und dadurch in den Menschen herein, wie das kosmisch historische Gedächtnis. Der Saturn ist wie das Gedächtnis, wie die Erinnerung unseres Planetensystems, und will man über das Geschehen des Planetensystems etwas wissen, kann man das eigentlich nicht durch eine astronomische Spekulation herauskriegen.
[ 28 ] Diese Dinge fangen heute auch schon an, die äußere Wissenschaft desparat zu machen, weil eigentlich nichts mehr recht stimmt. Aber man faßt alles verkehrt an. Sehen Sie, wir haben ja auch schon in unseren Kreisen oftmals gesprochen von der sogenannten Relativitätstheorie, daß man in der physischen Welt eigentlich niemals von einer absoluten Bewegung sprechen kann, sondern eigentlich immer sprechen muß bloß von relativer Bewegung. So wie man davon sprechen kann: Die Sonne bewegt sich, die Erde steht still, so hat man später gesprochen: Die Erde bewegt sich, die Sonne steht still. Das alles ist eigentlich nur relativ, man kann das eine oder andere sagen. Wie hier einmal in Stuttgart bei einer Tagung der anthroposophischen Bewegung von der Relativitätstheorie gesprochen worden ist, da hat in sehr einfacher Weise ein Anhänger dieser Relativitätstheorie den Zuhörern klargemacht, wie es einerlei ist, ob man ein Zündholz nimmt und an einer Schachtel anstreift, indem man die Schachtel festhält und das Zündholz vorbeibewegt, oder ob man das Zündholz festhält und die Schachtel bewegt: Da fängt es auch zu brennen an. Das ist sehr ernsthaft wissenschaftlich gemeint und wurde selbstverständlich dazumal höchst ernsthaft vorgebracht, und es läßt sich dagegen nicht einmal etwas sagen. Es hätte sich ein naives Gemüt finden können und das Zündholzschächtelchen .annageln können, dann wäre schon ein Stück Absolutheit hineingekommen. Man hätte unter Umständen das ganze Haus — es war damals in der Landhausstraße 70 — zurückschieben können, dann wäre die Relativität doch wieder dagewesen. Es wäre nur etwas schwer gegangen. Aber wenn man das auf das ganze physische Weltenall ausdehnt, dann kann man mit Einstein sagen: Innerhalb der physischen Welt läßt sich nichts Absolutes finden, da ist schon alles relativ. — Nur bleibt man bei der Relativität stehen. Gerade die Relativität der physischen Welt muß dahin führen, das Absolute nicht in der physischen Welt zu suchen, sondern in der geistigen Welt. Überall bietet heute die Wissenschaft schon Einlaß in die geistige Welt, wenn sie nur richtig verstanden wird. Man braucht heute nicht Dilettant zu sein, sondern man kann exakter, echter Wissenschafter sein, dann wird man von der echten Wissenschaft, die nur nicht zu Ende gedacht wird, auch von ihren Koryphäen nicht, hinein in den Geist geführt. Und so kann man überhaupt innerhalb der physischen Forschung auch über so etwas, was der Saturn unseres Weltenalls ist, nichts sagen. Er ist gewissermaßen die Erinnerung, das Gedächtnis für unser Planetensystem. In ihm ist alles aufbewahrt, was schon geschehen ist im Planetensystem. Er erzählt demjenigen, der Saturninitiation hat, was in diesem planetarischen System geschehen ist.
[ 29 ] Geradeso wie einseitig auftreten können im Menschen, wie ein Erbstück älterer menschlicher Entwickelung, wie ein Erbstück des Menschen der Vergangenheit, die Verwandtschaft mit dem Monde, und der Mensch da ein Nachtwandler wird, wie auftauchen können die geistigen Sonnenwirkungen, und der Mensch dann, statt wie sonst mit offenen Augen in das Licht, eigentlich in die Finsternis hineinschaut, in der sich die Natur spiegelt, daß er sie so sieht wie Jakob Böhme, so kann man auch die Verwandtschaft mit den Saturnwirkungen erleben, die insbesondere auf das menschliche Haupt wirken und im Menschen die vorübergehende Erinnerung im Erdenleben eigentlich einpflanzen. Diese Saturnwirkungen können besonders auftreten.
[ 30 ] So daß man sprechen kann von Mondenmenschen, den gewöhnlichen Somnambulisten, und von Sonnenmenschen, wie Jakob Böhme, selbst Paracelsus, wenn auch in geringerem Grade. Man kann auch sprechen von Saturnmenschen. Und ein Saturnmensch war gerade Swedenborg. Swedenborg ist ja auch wiederum einer, der der gewöhnlichen Gelehrsamkeit, ja, man kann nicht einmal sagen, Kopfzerbrechen macht, sondern eigentlich Kopfzerbrechen machen sollte. Denn dieser Swedenborg war in der gewöhnlichen Wissenschaft auf der Höhe seiner Zeit, war wirklich eine Autorität. Bis in seine Vierzigerjahre war er auch leidlich anständig für unsere Wissenschaft, sagte nichts als das, worin die äußere Wissenschaft mitgehen konnte. Nur dann, dann wurde er allmählich benebelt. Wir müssen sagen, die Saturnkräfte wurden in ihm besonders rege. Die Menschen, die auf materialistischem Boden stehen, sagen, er sei verrückt geworden. Aber es ist halt doch etwas, was nachdenklich machen sollte, daß es so viele nachgelassene Werke von Swedenborg gibt, die jetzt sogar von einer schwedischen Gesellschaft herausgegeben werden und die anerkannt werden als wissenschaftliche Werke. Die bedeutendsten Gelehrten in Schweden befassen sich jetzt damit, den Swedenborg herauszugeben. Das sind aber die Werke, die er vor seiner Geistesschau wollen wir jetzt sagen — verfaßt hat. Es ist unangenehm, zu sprechen von einem Menschen, der sozusagen der gescheiteste Mensch seines Zeitalters war bis in die Vierzigerjahre, und dem gegenüber man in späteren Jahren eigentlich sagen muß: Das ist ein Tor, gelinde gesprochen. — Aber Swedenborg ist durchaus nicht dümmer geworden, sondern in einem gewissen Momente, gerade nachdem er auf die Höhe der gewöhnlichen Wissenschaft seiner Zeit hinaufgeklommen war, fing er an, hineinzuschauen in die geistige Welt. Und da sozusagen sein Hineinschauen seinen Kopf ergriff, dasjenige Organ, das er— er nun wirklich — ganz besonders ausgebildet hatte, da das nun ergriffen wurde von Geistigkeit, von saturnhafter Geistigkeit, konnte er auf seine Art hineinschauen — nicht wie Jakob Böhme, der gespiegelt bekam an der Finsternis die inneren Geheimnisse der Natur — in den unmittelbaren Äther, da, wo die Abbilder höherer Geistigkeit im Äther erscheinen. Und er beschrieb diese geistige Welt so, wie sie eben Swedenborg beschrieben hat. Es ist nicht dasjenige von ihm geschaut worden, was er sich vorgestellt hat. Die Geistwesen sind anders, auf die er anspielt. Er sah aber auch nicht bloß eine Erdenspiegelung von diesen Geistern, sondern er sah die Wirkungen der Geister im Äther, ersah Äthergestaltungen. Das waren die Taten der Geister — die allerdings selbst nicht geschaut wurden — im Erdenäther. Während Jakob Böhme Spiegelbilder der Natur sah, sah er dasjenige, was im Erdenäther bewirkt wurde von diesen Geistern, deren Wirkungen er nur sah. Wenn also Swedenborg Engel beschreibt, so sind das nicht Engel, sondern Äthergestalten. Aber das, was ihm als Engel erschien, als Äthergestaltungen, das ist von Engeln bewirkt, das ist ein Abbild dessen, was der Engel tut. Und so muß man eben auf die Realität solcher Dinge immer hinschauen. Es ist natürlich ein Fehler, wenn man sagt: Swedenborg schaute die geistige Welt als solche, denn das war ihm eben nicht eigen. Aber er schaute eine Wirklichkeit.
[ 31 ] Der gewöhnliche Somnambule, der Mondsüchtige tut eine Wirklichkeit. Er tut so mit seinem physischen Leib, wie er nur mit seinem Astralleib tun sollte. Jakob Böhme erst sah mit seinem physischen Leib, vor allen Dingen mit der Einrichtung seiner Augen so, daß er das Physische ausschloß, in die Finsternis schaute, aber in der Finsternis das Licht schaute, die Spiegelung der Naturgeister. Swedenborg schaute nicht Spiegelbilder, sondern die Ätherbilder des übergeordneten geistigen Daseins. Das ist eine Stufenfolge: Vom nichtgeschauten automatischen geistig Durchdrungensein des Mondsüchtigen über das, ich möchte sagen naturhafte «second sight» von Jakob Böhme, der nicht die Außenseite der Natur sah, sondern die Spiegelung der Innenseite, bis hinauf zu Swedenborg, der nicht die Spiegelbilder, sondern die Realität im Äther sah, die Abbilder nicht Spiegelbilder —, Wirkungsbilder desjenigen, was oben in den höheren geistigen Regionen vor sich geht.
[ 32 ] Und so sehen wir, wie wir sprechen können von Vergangenheit und Gegenwart der Menschen, wie aber die Vergangenheit im deutlichen Zeichen noch in der Gegenwart herinnen steht, wie eine Erbschaft da ist, in sogenannten abnormen Zuständen, die man begreifen muß. Und gerade wenn man so hinschauen kann auf die Vergangenheit und auf dasjenige, was aus der Vergangenheit noch in die Gegenwart hereinragt, wird man mit Hilfe eines durchgreifenden Verständnisses des Mysteriums von Golgatha auch auf die Menschenzukunft ahnend hinweisen können. Das soll dann im morgigen Vortrage noch geschehen.
