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Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228

29 Juli 1923, Dornach

Mass, Zahl und Gewicht: Die schwerelose Farbe als Forderung der neuen Malentwickelung

[ 1 ] Der Mensch wechselt während seines irdischen Daseins in den Bewußtseinszuständen, die wir ja auch in diesen Tagen schon von manchen Gesichtspunkten aus betrachtet haben, zwischen den Zuständen des völligen Wachens, des Schlafens und des Träumens. Und ich habe ja gerade bei dem kleinen Vortragszyklus während der Delegiertenversammlung die ganze Bedeutung des Träumens auseinanderzusetzen versucht. Wir wollen uns heute einmal zunächst die Frage vorlegen: Gehört es zum Wesentlichen des Menschen, als irdisches Wesen in diesen drei Bewußtseinszuständen zu leben?

[ 2 ] Wir müssen uns klar sein darüber, daß innerhalb des irdischen Daseins nur der Mensch in diesen drei Bewußtseinszuständen lebt. Das Tier lebt ja in einem wesentlich anderen Wechsel. Jenen tiefen traumlosen Schlaf, den der Mensch die größte Zeit hindurch hat zwischen dem Einschlafen und Aufwachen, hat das Tier nicht, dagegen hat auch das Tier nicht das vollständige Wachsein, das der Mensch hat zwischen dem Aufwachen und Einschlafen. Der tierische Wachzustand ist eigentlich dem menschlichen Träumen etwas ähnlich. Nur sind die Bewußtseinserlebnisse der höheren Tiere bestimmter, gesättigter, möchte ich sagen, als die flüchtigen menschlichen Träume. Aber auf der anderen Seite ist das Tier niemals in jenem hohen Grade bewußtseinslos, wie der Mensch das im tiefen Schlafe ist.

[ 3 ] Das Tier unterscheidet sich daher nicht in demselben Maße von seiner Umgebung wie der Mensch. Das Tier hat nicht in dieser Weise eine Außenwelt und Innenwelt, wie der Mensch sie hat. Das Tier rechnet sich eigentlich, wenn wir in menschliche Sprache übersetzen, was als ein dumpfes Bewußtsein in den höheren Tieren lebt, mit seinem ganzen Innenwesen zur Außenwelt mit.

[ 4 ] Wenn das Tier eine Pflanze sieht, dann ist nicht zunächst für das Tier die Empfindung da: es ist außen eine Pflanze, und ich bin im Inneren ein geschlossenes Wesen, sondern für das Tier ist ein starkes inneres Erlebnis von der Pflanze da, eine unmittelbar sprechende Sympathie oder Antipathie. Das Tier empfindet gewissermaßen dasjenige, was die Pflanze äußert, in seinem Inneren mit. Daß in unserem heutigen Zeitalter die Menschen so wenig beobachten können, was sich nicht in ganz grober Weise der Beobachtung ergibt, dieser Umstand nur ist es ja, der sie verhindert, einfach an dem Getriebe, an dem Gehaben des Tieres schon zu sehen, daß das so ist, wie ich es gesagt habe.

[ 5 ] Nur der Mensch hat dieses scharfe, deutliche Unterscheiden zwischen seiner Innenwelt und der äußeren Welt. Warum anerkennt der Mensch eine äußere Welt? Wodurch kommt der Mensch dazu, überhaupt von einer Innenwelt und von einer Außenwelt zu sprechen? Er kommt dadurch dazu, daß er mit seinem Ich und mit seinem astralischen Leibe jedesmal im Schlafzustand außerhalb seines physischen und seines Atherleibes ist, daß er sozusagen seinen physischen und Ätherleib sich selbst überläßt im Schlaf, und bei denjenigen Dingen ist, die Außenwelt sind. Wir teilen ja während unseres Schlafzustandes das Schicksal der äußeren Dinge. So wie Tische und Bänke, Bäume und Wolken während des Wachzustandes außerhalb unseres physischen und Ätherleibes sind, und wir sie deshalb als Außenwelt bezeichnen, so sind unser eigener astralischer Körper und unser eigenes Ich während des Schlafes der Außenwelt angehörig. Und wenn wir mit unserem Ich und mit unserem astralischen Leibe während des Schlafes der Außenwelt angehören, da geschieht etwas.

[ 6 ] Um einzusehen, was da geschieht, wollen wir zunächst einmal von dem ausgehen, was eigentlich geschieht, wenn wir in einem ganz normalen Wachzustande der Welt gegenüberstehen. Da sind die Gegenstände außer uns. Und es hat ja allmählich das wissenschaftliche Denken der Menschen es dahin gebracht, als sicher für diese physischen Dinge der Außenwelt nur das anzuerkennen, was man messen, wägen und zählen kann. Der Inhalt unserer physischen Wissenschaft wird ja bestimmt nach Gewicht, nach Maß, nach Zahl.

[ 7 ] Wir rechnen mit den Rechnungsoperationen, die einmal für die irdischen Dinge gelten, wir wägen die Dinge, wir messen sie. Und was wir durch Gewicht, Maß und Zahl bestimmen, das gibt eigentlich das Physische, Wir würden einen Körper nicht als einen physischen bezeichnen, wenn wir ihn nicht irgendwie mit der Waage in seiner Realität nachweisen könnten. Dasjenige aber, was zum Beispiel Farben sind, was Töne sind, was selbst Wärme- und Kälteempfindungen sind, was also die eigentlichen Sinneswahrnehmungen sind, das webt so hin über den schweren, meßbaren, zählbaren Dingen. Wenn wir irgendein physisches Ding bestimmen wollen, so ist das, was seine eigentliche physische Wesenheit ausmacht, eben dasjenige, was sich wägen, zählen läßt, womit der Physiker eigentlich bloß zu tun haben will. Von Farbe, von Ton und so weiter sagt er: Ja, da geschieht eben draußen etwas, was auch mit Wägen oder Zählen zu tun hat. — Er sagt ja selbst von den Farbenerscheinungen: Da draußen sind schwingende Bewegungen, die machen einen Eindruck auf den Menschen, und diesen Eindruck, den bezeichnet der Mensch, wenn das Auge ihn bestimmt, als Farbe, wenn das Ohr ihn bestimmt, als Ton und so weiter. — Eigentlich könnte man sagen: Mit allen diesen Dingen — Ton, Farbe, Wärme und Kälte — weiß der Physiker heute nichts anzufangen. Er betrachtet sie eben als Eigenschaften dessen, was sich mit der Waage, mit dem Maßstab oder durch die Rechnung bestimmen läßt. Es haften gewissermaßen die Farben an dem Physischen, es entringt sich dem Physischen der Ton, es wellt heraus aus dem Physischen die Wärme oder Kälte. Man sagt: Dasjenige, was ein Gewicht hat, das hat die Röte, oder es ist rot.

[ 8 ] Wenn der Mensch nun in dem Zustand zwischen Einschlafen und Aufwachen ist, da ist es mit dem Ich und mit dem astralischen Leibe anders. Da sind die Dinge nach Maß, Zahl und Gewicht zunächst überhaupt nicht da. Nach dem irdischen Maß, Zahl und Gewicht sind die Dinge nicht da. Da haben wir nicht Dinge um uns herum, wenn wir schlafen, die man abwiegen kann, so sonderbar es erscheint, wir haben auch nicht Dinge um uns herum, die man zählen kann, oder die man messen kann unmittelbar. Einen Maßstab könnte man nicht anwenden als Ich und als astralischer Leib im Schlafzustande.

[ 9 ] Aber was da ist, das sind, wenn ich mich so ausdrücken darf, die frei schwebenden, frei webenden Sinnesempfindungen. Nur daß der Mensch im gegenwärtigen Zustand seiner Entwickelung nicht die Fähigkeit hat, die frei schwebende Röte, die Wellen des frei webenden Tones und so weiter wahrzunehmen.

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[ 10 ] Will man schematisch die Sache zeichnen, so könnte man das so machen. Man könnte sagen: Hier auf Erden haben wir wägbare feste Dinge [violette Bogen], und an diesen wägbaren festen Dingen haftet gewissermaßen die Röte, die Gelbe, also dasjenige, was die Sinne an den Körpern wahrnehmen. Wenn wir schlafen, dann ist die Gelbe frei schwebendes Wesen, die Röte ist frei schwebendes Wesen, nicht haftend an solchen Schwerebedingungen, sondern frei webend und schwebend. Ebenso ist es mit dem Ton: nicht die Glocke klingt, sondern das Klingen webt.

[ 11 ] Und nicht wahr, wenn wir in unserer physischen Welt herumgehen, irgend etwas sehen, so heben wir es auf; dann ist es eigentlich erst ein Ding, sonst könnte es auch eine Augentäuschung sein. Das Gewicht muß hinzukommen. Daher ist man so geneigt, etwas, was im Physischen erscheint, ohne daß man es als schwer empfindet — wie die Farben des Regenbogens —, als eine Augentäuschung zu betrachten. Wenn Sie heute ein Physikbuch aufschlagen, so ist es so, daß man da erklärt: Das ist eine Augentäuschung. — Als das eigentlich Reale sieht man den Regentropfen an. Und da zeichnet man Linien hinein, die eigentlich gar nichts bedeuten für das, was da ist, aber die man sich so durch den Raum hin denkt; man nennt sie dann Strahlen. Aber die Strahlen sind gar nicht da. Dann sagt man: Das Auge projiziert sich das hinaus. — Dieses ProjJizieren ist ja überhaupt etwas, was in einer sehr sonderbaren Weise heute in der Physik angewendet wird. Also ich greife die Vorstellung auf: Wir sehen einen roten Gegenstand. Um uns zu überzeugen, daß es keine Augentäuschung ist, heben wir ihn, und er ist schwer: dadurch verbürgt er seine Realität.

[ 12 ] Derjenige, der sich nun im Ich und im astralischen Leibe außerhalb des physischen und des Ätherleibes bewußt wird, der kommt auch endlich darauf, daß so etwas da drinnen schon ist in diesem frei schwebenden und frei webenden Farbigen, Tönenden; aber es ist anders. Es ist in einem so frei schwebenden Farbigen die Tendenz, in die Weiten der Welt hinaus sich zu entfernen; es hat eine entgegengesetzte Schwere. Diese Dinge der Erde, die wollen da herunter nach dem Mittelpunkt der Erde [siehe Zeichnung Seite 200, Pfeile abwärts], jene [Pfeile aufwärts] wollen frei hinaus in den Weltenraum.

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[ 13 ] Und es ist auch schon so etwas Ähnliches da wie ein Maß. Man kommt nämlich darauf, wenn man irgendwo, sagen wir, eine kleine rötliche Wolke hat, und diese kleine rötliche Wolke ist meinetwillen eingesäumt von einem mächtigen gelben Gebilde: Dann mißt man, aber nicht mit dem Maßstab, sondern qualitativ mißt man mit dem Roten, mit dem stärker Scheinenden das schwächer scheinende Gelbe. Und so wie Ihnen der Maßstab sagt: Das sind fünf Meter —, so sagt Ihnen hier das Rote [siehe Zeichnung]: Wenn ich mich ausbreiten würde, gehe ich fünfmal in das Gelbe hinein. Ich muß mich weiten, ich muß mächtiger werden, dann werde ich auch gelb. — So geschehen die Messungen hier.

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[ 14 ] Noch schwieriger ist das Zählen hier klarzumachen, weil wir beim irdischen Zählen ja doch zumeist nur Erbsen oder Apfel zählen, die gleichgültig nebeneinander liegen. Und wir haben immer das Gefühl, wenn wir aus der Eins zweie machen, so ist es dieser Eins eigentlich ganz gleichgültig, daß noch eine Zwei neben ihr ist. Im menschlichen Leben wird es ja schon anders; da ist es zuweilen so, daß Eins auf das Zwei angewiesen ist. Doch das geht ja auch schon in das Geistige hinein. Aber bei der eigentlichen physischen Mathematik ist es immer den Einteilungen gleichgültig, was sich zu ihnen gesellt. Das ist hier nicht der Fall.

[ 15 ] Wenn hier irgendwo eine Eins [siehe Zeichnung] ist von einer bestimmten Art, so fordert das irgendwelche, sagen wir, drei oder fünf andere, je nachdem es ist. Das hat immer inneren Bezug zu den anderen, da ist die Zahl eine Realität. Und wenn ein Bewußtsein anfängt darüber, wie es ist, wenn man mit dem Ich und mit dem astralischen Leib da draußen ist, dann kommt man schon auch dahin, etwas wie Maß, Zahl und Gewicht zu bestimmen, aber nach entgegengesetzter Art.

[ 16 ] Und dann, wenn einem das Schauen und Hören da draußen nicht mehr ein bloßes Schwimmeln und Schwummeln von Rot und Gelb und Tönen ist, sondern wenn man anfängt, auch da drinnen die Dinge so geordnet zu empfinden, dann beginnt das Wahrnehmen der geistigen Wesenheiten, die sich in diesen frei schwebenden Sinnesempfindungen verwirklichen, realisieren. Dann kommen wir hinein in die positive geistige Welt, in das Leben und Treiben der geistigen Wesenheiten. Wie wir hier auf Erden hineinkommen ins Leben und Treiben der irdischen Dinge, indem wir sie mit der Waage, mit dem Maßstab, mit unserer Rechnerei bestimmen, so kommen wir dadurch, daß wir uns aneignen das bloß qualitative, entgegengesetzte Schwersein, das heißt, mit Leichtigkeit sich ausdehnen wollen im Weltenraum, das Messen von Farbe durch Farbe und so weiter, hinein in das Erfassen von geistigen Wesenheiten. Solche geistigen Wesenheiten durchsetzen nun auch alles das, was draußen in den Reichen der Natur ist.

[ 17 ] Mit dem wachen Bewußtsein sieht der Mensch nur die Außenseite der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere. Aber bei dem, was in allen diesen Wesen der Naturreiche lebt als Geistiges, bei dem ist der Mensch, wenn er schläft. Und wenn er dann beim Aufwachen wiederum in sich zurückgeht, dann behalten sein Ich und sein astralischer Leib gewissermaßen die Neigung, die Affinität zu den äußeren Dingen und veranlassen den Menschen, daß er eine Außenwelt anerkennt. Wenn der Mensch eine Organisation hätte, die nicht zum Schlaf eingerichtet wäre, so würde er nicht eine Außenwelt anerkennen. Es kommt natürlich nicht darauf an, daß einer an Schlaflosigkeit leidet. Denn ich sage nicht, wenn der Mensch nicht schläft, sondern wenn der Mensch nicht eine Organisation hätte, die zum Schlafen eingerichtet wäre. Es handelt sich um das Eingerichtetsein zu etwas. Daher wird ja auch der Mensch krank, wenn er an Schlaflosigkeit leidet, weil das eben seiner Wesenheit nicht angepaßt ist. Aber die Dinge sind eben so: Gerade dadurch, daß der Mensch schlafend verweilt bei dem, was in der Außenwelt ist, bei dem, was er dann wachend seine Außenwelt nennt, dadurch kommt er auch zu einer Außenwelt, zu einer Anschauung von der Außenwelt.

[ 18 ] Dieses Verhältnis des Menschen zum Schlaf, das gibt den irdischen Wahrheitsbegriff. Inwiefern? Nun, wir nennen es Wahrheit, wenn wir im Inneren ein Äußeres richtig nachbilden können, wenn wir ein Äußeres richtig im Inneren erleben. Dazu aber bedürfen wir der Einrichtung des Schlafes. Wir würden gar keinen Wahrheitsbegriff haben, wenn wir nicht die Einrichtung des Schlafens hätten. So daß wir sagen können: Dem Schlafzustand verdanken wir die Wahrheit. Wir müssen, um uns der Wahrheit der Dinge hinzugeben, mit den Dingen auch unser Dasein in einer gewissen Zeit verbringen. Die Dinge sagen uns von sich nur dadurch etwas, daß wir während des Schlafens mit unserer Seele bei ihnen sind.

[ 19 ] Anders ist es mit dem Traumzustand. Der Traum ist ja, wie ich Ihnen in dem kleinen Zyklus während der Delegiertenversammlung ausgeführt habe, verwandt mit der Erinnerung, mit dem inneren Seelenleben, mit dem, was ja vorzugsweise in der Erinnerung lebt. Wenn der Traum frei schwebende Ton-Farbenwelt ist, so sind wir noch halb draußen aus unserem Leibe. Wenn wir ganz untertauchen, dann werden dieselben. Kräfte, die wir webend-lebend im Traume entfalten, Erinnerungskräfte. Da unterscheiden wir uns nicht mehr in derselben Weise von der Außenwelt. Da fällt unser Inneres zusammen mit der Außenwelt, da leben wir mit unseren Sympathien und Antipathien so stark in der Außenwelt, daß wir nicht die Dinge als sympathisch oder antipathisch empfinden, sondern daß die Sympathien und Antipathien selber sich bildhaftig zeigen.

[ 20 ] Hätten wir nicht die Möglichkeit zu träumen und die Fortsetzung dieser Traumeskraft in unserem Inneren, so hätten wir keine Schönheit. Daß wir überhaupt Anlagen für die Schönheit haben, das beruht darauf, daß wir träumen können. Für das prosaische Dasein müssen wir sagen: Wir verdanken es der Traumeskraft, daß wir eine Erinnerung haben; für das künstlerische Dasein des Menschen verdanken wir der Traumeskraft die Schönheit. Also: Traumzustand hängt zusammen mit der Schönheit. Die Art, wie wir ein Schönes empfinden und ein Schönes schaffen, ist nämlich sehr ähnlich der webenden wirkenden Kraft des Träumens.

[ 21 ] Wir verhalten uns beim Erleben des Schönen, beim Schaffen des Schönen — nur eben unter Anwendung unseres physischen Leibes — ähnlich, wie wir uns verhalten außer unserem physischen Leibe, oder halb verbunden mit unserem physischen Leibe, beim Träumen. Es ist eigentlich zwischen dem Träumen und dem Leben in Schönheit nur ein kleiner Ruck. Und nur weil in der heutigen materialistischen Zeit die Menschen so grob veranlagt sind, daß sie diesen Ruck nicht bemerken, ist so wenig Bewußtsein vorhanden von der ganzen Bedeutung der Schönheit. Man muß im Traume sich dem notwendig hingeben, um dieses Freischweben und -weben zu erleben. Während dann, wenn man sich der Freiheit, dem inneren Willkürgebaren hingibt, also nach dem Ruck lebt, man nicht mehr die Empfindung hat, daß es dasselbe ist wie das Träumen, da es nur unter Anwendung der Kräfte des physischen Leibes eben dasselbe ist.

[ 22 ] Die heutigen Menschen werden lange nachdenken, was man in älteren Zeiten gemeint hat, wenn man «Chaos» gesagt hat. Es gibt die mannigfaltigsten Definitionen von Chaos. In Wirklichkeit kann das Chaos nur so charakterisiert werden, daß man sagt: Wenn der Mensch in einen Bewußtseinszustand kommt, wo das Erleben der Schwere, des irdischen Maßes, gerade aufhört, und die Dinge anfangen, halb leicht zu werden, aber noch nicht hinaus wollen in das Weltenall, sondern noch sich in der Horizontale, im Gleichgewicht erhalten, wenn die festen Grenzen verschweben, wenn also noch mit dem physischen Leib, aber schon mit der Seelenkonstitution des Träumens das webende Unbestimmte der Welt geschaut wird, dann schaut man das Chaos. Und der Traum ist bloß das schattenhafte Heranschweben des Chaos an den Menschen.

[ 23 ] In Griechenland noch hatte man die Empfindung: Schön machen kann man eigentlich die physische Welt nicht. Die physische Welt ist halt Naturnotwendigkeit, sie ist, wie sie ist. Schön machen kann man nur dasjenige, was chaotisch ist. Wenn man das Chaos in den Kosmos wandelt, dann entsteht die Schönheit. Daher sind Chaos und Kosmos Wechselbegriffe. Man kann den Kosmos — das bedeutet eigentlich die schöne Welt — nicht aus den irdischen Dingen herstellen, sondern nur aus dem Chaos, indem man das Chaos formt. Und dasjenige, was man mit irdischen Dingen macht, ist bloß ein Nachahmen im Stoffe des geformten Chaos.

[ 24 ] Das ist so bei allem Künstlerischen der Fall. Von diesem Verhältnis des Chaos zum Kosmos hatte man in Griechenland, wo die Mysterienkultur noch einen gewissen Einfluß hatte, noch eine sehr lebhafte Vorstellung.

[ 25 ] Wenn man aber in allen diesen Welten herumkommt — in der Welt, in welcher der Mensch unbewußt ist, wenn er im Schlafzustande ist, in der Welt, in welcher der Mensch halbbewußt ist, wenn er im Traumzustand ist —, wenn man da überall herumwandelt: das Gute findet man nicht. Diese Wesenheiten, die da drinnen sind, sie sind vom Urbeginne ihres Lebenslaufes weisheitsvoll vorherbestimmt. Man findet in ihnen waltende, webende Weisheit, man findet in ihnen Schönheit. Aber es hat keinen Sinn, wenn es sich darum handelt, diese Wesenheiten, die wir als Erdenmensch erreichen, kennenzulernen, von Güte bei ihnen zu sprechen. Von Güte können wir erst sprechen, wenn der Unterschied da ist zwischen Innen- und Außenwelt, so daß das Gute der geistigen Welt folgen kann oder nicht folgen kann.

[ 26 ] So wie der Schlafzustand der Wahrheit, der Traumzustand der Schönheit, so ist der Wachzustand der Güte, dem Guten zugeteilt.

Schlafzustand: Wahrheit
Traumzustand: Schönheit, Chaos
Wachzustand: Güte

[ 27 ] Das aber widerspricht nicht dem, was ich in diesen Tagen gesagt habe, daß, wenn man das Irdische verläßt und hinauskommt in den Kosmos, man veranlaßt ist, auch die irdischen Begriffe fallenzulassen, um von moralischer Weltenordnung zu sprechen. Denn die moralische Weltenordnung, die ist im Geistigen ebenso vorherbestimmt, notwendig vorherbestimmt, wie hier auf Erden die Kausalität. Nur ist sie eben dort geistig: die Vorbestimmung, das In-sich-bestimmt-Sein. Also da ist kein Widerspruch.

[ 28 ] Aber für die menschliche Natur müssen wir uns klar sein: Wollen wir die Idee der Wahrheit haben, dann müssen wir uns an den Schlafzustand wenden; wollen wir die Idee der Schönheit haben, dann müssen wir uns an den Traumzustand wenden; wollen wir die Idee der Güte haben, dann müssen wir uns an den Wachzustand wenden.

[ 29 ] Der Mensch hat also, wenn er wach ist, nicht eine Bestimmung zu seinem physischen und ätherischen Organismus nach der Wahrheit, sondern die Bestimmung nach der Güte. Da müssen wir also erst recht auf die Idee der Güte kommen.

[ 30 ] Nun frage ich Sie: Was erstrebt denn die Wissenschaft der Gegenwart, wenn sie den Menschen erklären will? Sie will ja nicht aufsteigen, indem sie den wachen Menschen erklären will, von der Wahrheit durch die Schönheit zur Güte, sie will ja alles nach einer äußeren kausalen Notwendigkeit, die nur der Idee der Wahrheit entspricht, erklären. Da kommt man gar nicht zu dem, was im Menschen wachend webt und lebt, da kommt man nur zu dem, was der schlafende Mensch höchstens ist. Wenn Sie daher heute Anthropologien lesen und es mit wachem Auge tun, wach für die Seeleneigentümlichkeiten und Kräfte der Welt, dann bekommen Sie folgenden Eindruck. Sie sagen sich: Das ist ja alles recht schön, was uns da erzählt wird von der heutigen Wissenschaft über den Menschen. Aber wie ist denn dieser Mensch eigentlich, von dem uns diese Wissenschaft erzählt? Er liegt fortwährend im Bett. Er kann nämlich nicht gehen. Bewegen kann er sich nicht. Die Bewegung zum Beispiel wird absolut gar nicht erklärt. Er liegt fortwährend im Bett.

[ 31 ] Der Mensch, den die Wissenschaft erklärt, der kann nur als ein im Bett liegender Mensch erklärt werden. Es geht gar nicht anders. Die Wissenschaft erklärt nur den schlafenden Menschen. Wenn man ihn in Bewegung bringen will, dann müßte man das mechanisch tun. Deshalb ist sie auch ein wissenschaftlicher Mechanismus. Da muß man in diesen schlafenden Menschen eine Maschinerie hineinbringen, die diesen Plumpsack, wenn er aufstehen soll, in Schwung bringt und abends wiederum in das Bett legt.

[ 32 ] Also diese Wissenschaft sagt uns überhaupt nichts vom Menschen, der da herumgeht in der Welt, der da webt und lebt, der da wacht. Denn was ihn in Bewegung setzt, das ist enthalten in der Idee der Güte, nicht in der Idee der Wahrheit, die wir von den äußeren Dingen zunächst gewinnen. Das ist etwas, was ziemlich wenig bedacht wird. Man hat das Gefühl, wenn einem der heutige Physiologe oder der heutige Anatom den Menschen beschreibt, daß man gerne sagen möchte: Wach auf, wach auf, du schläfst ja, du schläfst! Die Leute gewöhnen sich unter dem Einfluß dieser Weltanschauung eben den Schlafzustand an. Und was ich immer charakterisieren mußte: daß eigentlich die Menschen alles Mögliche verschlafen, das ist, weil sie von der Wissenschaft besessen sind. Heute ist ja — weil die populären Zeitschriften alles überall hinaustragen — auch schon der Ungebildete von der Wissenschaft besessen. Es hat nie so viel Besessene gegeben als heute, sie sind von der Wissenschaft besessen. Es ist ganz eigentümlich, wie man reden muß, wenn man die realen Verhältnisse der heutigen Zeit zu schildern hat. Man muß in ganz andere Töne verfallen als in diejenigen, die heute gang und gäbe sind.

[ 33 ] So ist es ja auch, wenn nun der Mensch ein wenig von den Materialisten in die Umgebung hineingestellt wird. Als die materialistische Hochflut war, da haben die Leute solche Bücher geschrieben, wie zum Beispiel eines, das austönte in einem bestimmten Kapitel, in dem es heißt: Der Mensch ist eigentlich an sich nichts. Er ist das Ergebnis des Sauerstoffes der Luft, er ist das Ergebnis des Kältegrades oder des Wärmegrades, unter dem er ist. Er ist eigentlich — so endet pathetisch diese materialistische Schilderung — ein Ergebnis jedes Zuges der Luft.

[ 34 ] Geht man auf eine solche Beschreibung ein und stellt man sich den Menschen vor, der das wirklich ist, was der materialistische Forscher da beschreibt, dann ist es nämlich im höchsten Grade ein Neurastheniker. Die Materialisten haben nie andere Menschen beschrieben. Wenn sie schon nicht bemerkten, daß sie eigentlich den Menschen schlafend schilderten, wenn sie sozusagen aus der Rolle gefallen sind und weitergehen wollten, haben sie nie andere Menschen beschrieben als hochgradige Neurastheniker, die schon am nächsten Tag sterben müssen vor lauter Neurasthenie, die gar nicht leben können. Denn den lebendigen Menschen hat eben diese Epoche der Wissenschaft niemals ergriffen.

[ 35 ] Da liegen die großen Aufgaben, welche die Menschen aus den Zuständen der Gegenwart wiederum herausführen müssen in solche Zustände, unter denen das weitere Leben der Weltgeschichte einzig und allein möglich ist. Was gebraucht wird, das ist ein Eindringen in die Geistigkeit. Es muß der andere Pol gefunden werden zu dem, was erlangt worden ist. Was ist denn eigentlich erlangt worden gerade im Laufe des für die materialistische Weltanschauung gloriosen 19. Jahrhunderts? Was ist denn erlangt worden?

[ 36 ] In einer wunderbaren Weise — es kann ganz aufrichtig und ehrlich gesagt werden — ist es gelungen, die äußere Welt nach Maß, Zahl und Gewicht zu bestimmen als irdische Welt. Darin hat das 19. Jahrhundert und der Beginn des 20. Jahrhunderts Großartiges, Gewaltiges geleistet. Aber die Sinnesempfindungen, die Farben, die Töne, die flattern so herum im Unbestimmten. Die Physiker haben ja ganz aufgehört, von Farben und Tönen zu reden; sie reden von Luftschwingungen und Atherschwingungen, die sind ja nicht Farben und auch nicht Töne. Die Luftschwingungen sind doch keine Töne, sondern sie sind höchstens das Medium, auf dem die Töne sich fortpflanzen. Und es ist gar keine Erfassung da von dem, was die Sinnesqualitäten sind. Dazu muß man erst wiederum kommen. Eigentlich sieht man heute nur, was mit der Waage, mit dem Maßstab, mit der Rechnung sich bestimmten läßt. Das andere ist einem entschwebt.

[ 37 ] Und wenn nun die Relativitätstheorie auch die Ihnen gestern beschriebene grandiose Unordnung hineinbringt in das, was sich messen, wägen, zählen läßt, dann zerklüftet sich alles, dann geht alles auseinander. Aber schließlich, an gewissen Grenzen scheitert schon diese Relativitätstheorie. Nicht gegenüber den Begriffen — mit den irdischen Begriffen entkommt man der Relativitätstheorie nicht; das habe ich an einem anderen Orte schon einmal auseinandergesetzt —, aber mit der Realität entkommt man immer den Relativitätsbegriffen. Denn was sich messen, zählen, wägen läßt, das geht durch Maß, Zahl und Gewicht ganz bestimmte Beziehungen ein in der äußeren sinnlichen Wirklichkeit.

[ 38 ] Es war in Stuttgart, da hat einmal ein Physiker, oder eine Reihe von Physikern Anstoß genommen an der Behandlung der Relativitätstheorie von seiten der Anthroposophen. Dann hat er in einer Diskussion das einfache Experiment vorgeführt, daß es eigentlich ganz gleichgültig ist, ob ich hier die Zündholzschachtel habe und mit dem Zündholz darüber streiche: es brennt; oder ob ich das Zündholz festhalte und mit der Schachtel darüber streiche: dann brennt es auch. Es ist relativ.

[ 39 ] Gewiß, hier ist es noch relativ. Und in bezug auf alles, was auf einen Newtonschen Raum bezogen wird, oder auf einen Euklidischen Raum, ist das alles relativ. Aber sobald jene Realität in Betracht kommt, die als Schwere, als Gewicht auftritt, da geht es nicht mehr so leicht, wie der Einstein es sich vorgestellt hat, denn da treten dann reale Verhältnisse auf. Man muß da wirklich wiederum paradox reden. Die Relativität läßt sich eben dann geltend machen, wenn man die ganze Wirklichkeit mit Mathematik und Geometrie und Mechanik verwechselt. Aber wenn man auf die wahre Wirklichkeit eingeht, dann geht das nicht mehr. Denn es ist ja schließlich doch nicht bloß relativ, ob man den Kalbsbraten ißt, oder ob der Kalbsbraten einen ißt! Mit der Zündholzschachtel läßt sich das machen, hin- und herzufahren, aber den Kalbsbraten muß man essen, man kann sich nicht von dem Kalbsbraten aufessen lassen. Es sind eben da Dinge, die diesen Relativitätsbegriffen Grenzen setzen. Diese Dinge sind so, daß wenn sie nun nach außen erzählt werden, man sagen wird: Da ist nicht das geringste Verständnis für diese ernste Theorie. — Aber die Logik ist doch schon so, wie ich sie sage: Es ist nicht anders, ich kann es nicht anders machen.

[ 40 ] Also es handelt sich darum, zu sehen, wie man durch die Berücksichtigung des Gewichtes — also dessen, was eigentlich die physischen Körper macht —, wie man da in der Wirklichkeit, möchte ich sagen, Farben, Töne und so weiter nirgendwo unterbringt. Aber mit dieser Tendenz entfällt einem etwas außerordentlich Wichtiges. Es entfällt einem nämlich das Künstlerische. Indem wir immer physikalischer und physikalischer werden, nimmt das Künstlerische von uns Abschied. Kein Mensch wird heute in dem, was die Physikbücher schildern, noch eine Spur von Kunst finden. Da ist nichts mehr von Kunst, da muß alles, alles heraus. Es ist ja schauderhaft, heute überhaupt ein Physikbuch zu studieren, wenn man noch eine Spur von Schönheitsgefühl hat. Dadurch, daß alles, woraus die Schönheit gewoben wird, aus Farbe und Ton, dadurch, daß das alles vogelfrei wird, daß es nur anerkannt wird, wenn es an den schweren Dingen haftet, gerade dadurch entfällt den Menschen die Kunst. Heute entfällt sie einem. Und je physischer die Menschen werden, desto unkünstlerischer werden sie! Denken Sie doch einmal: Wir haben eine großartige Physik. Dazu bedarf es wahrhaftig nicht des Zurechtweisens der Gegner, daß man auf anthroposophischem Felde sagt: Wir haben eine großartige Physik. — Aber die Physik lebt von der Verleugnung des Künstlerischen. Sie lebt in jedem einzelnen von der Verleugnung des Künstlerischen, denn sie ist angelangt bei einer Art, die Welt zu behandeln, bei der sich der Künstler gar nicht mehr kümmert um den Physiker.

[ 41 ] Ich glaube zum Beispiel nicht, daß der Musiker heute großen Wert darauf legt, die physikalischen Theorien der Akustik zu studieren. Das ist ihm zu langweilig, es kümmert ihn nicht. Der Maler wird auch nicht gern diese schreckliche Farbenlehre, die in der Physik enthalten ist, studieren. Er wendet sich in der Regel, wenn er sich überhaupt um Farben kümmert, noch zur Goetheschen Farbenlehre. Aber die ist ja falsch nach der Ansicht der Physiker. Die Physiker drücken ein Auge zu und sagen: Nun ja, das ist ja nicht so wesentlich, ob der Maler eine richtige oder eine falsche Farbenlehre hat. — Es ist eben so, daß unter der physikalischen Weltanschauung von heute die Kunst zugrunde gehen muß. Nun müssen wir uns die Frage vorlegen: Warum war denn in älteren Zeiten eine Kunst da?

[ 42 ] Wenn wir in ganz alte Zeiten zurückgehen, in die Zeiten, in denen die Menschen noch ein ursprüngliches Hellsehen hatten, da war es so, daß nämlich die Menschen nicht so viel merkten von Maß, Zahl und Gewicht in den irdischen Dingen. Es kam ihnen gar nicht so sehr auf Maß, Zahl und Gewicht an, sie gaben sich mehr den Farben, den Tönen der irdischen Dinge hin.

[ 43 ] Denken Sie doch nur einmal, daß ja die Chemie erst seit Lavoisier mit dem Gewicht rechnet; das ist etwas mehr als hundert Jahre! Das Gewicht wurde ja erst angewendet auf eine Weltanschauung am Ende des 18. Jahrhunderts. Es war eben bei der älteren Menschheit das Bewußtsein nicht vorhanden, daß alles nach irdischem Maß, Zahl und Gewicht bestimmt werden muß. Man war mit seinem Gemüte hingegeben dem Farbenteppich der Welt, den Tonwebungen und -wellungen; nicht den Luftschwingungen, sondern den Tonwellungen und -webungen, denen war man hingegeben. Man lebte darin, auch indem man in der physischen Welt lebte.

[ 44 ] Aber welche Möglichkeit hatte man denn dadurch, daß man in diesem schwerefreien sinnlichen Wahrnehmen lebte? Dadurch hatte man die Möglichkeit, wenn man zum Beispiel an den Menschen herankam, den Menschen gar nicht so zu sehen, wie man ihn heute sieht, sondern man sah sich den Menschen an wie ein Ergebnis des ganzen Weltenalls. Der Mensch war mehr ein Zusammenfluß des Kosmos. Er war mehr ein Mikrokosmos als dasjenige, was innerhalb seiner Haut da auf diesem kleinen Fleck Erde steht, wo der Mensch steht. Man dachte sich im Menschen mehr ein Abbild der Welt. Da flossen die Farben von allen Seiten so zusammen, gaben dem Menschen die Farben. Die Weltenharmonie war da, durchtönte den Menschen, gab dem Menschen die Gestalt.

[ 45 ] Und von der Art und Weise, wie alte Mysterienlehrer zu ihren Schülern sprachen, kann ja die Menschheit heute kaum etwas verstehen. Denn wenn heute ein Mensch das menschliche Herz erklären will, so nimmt er einen Embryo und sieht, wie da die Blutgefäße sich aussacken, und wie da ein Schlauch zunächst entsteht und dann das Herz sich allmählich formt. Ja, so haben die alten Mysterienlehrer zu ihren Schülern nicht gesagt! Das hätte ihnen nicht viel wichtiger geschienen, als wenn man sich einen Strumpf strickt, weil ja schließlich der Vorgang so ganz ähnlich ausschaut. Dagegen haben sie etwas anderes als ein ungeheuer Wichtiges hervorgehoben. Sie haben gesagt: Das menschliche Herz ist ein Ergebnis des Goldes, das im Lichte überall lebt, und das von dem Weltenall hereinströmt und eigentlich das menschliche Herz bildet. Sie haben die Vorstellungen gehabt: Da webt durch das Weltenall das Licht, und das Licht trägt das Gold. Überall im Lichte ist das Gold, das Gold webt und lebt im Lichte. Und wenn der Mensch im irdischen Leben steht, dann ist sein Herz — Sie wissen ja, nach sieben Jahren ändert es sich — nicht aus den Gurken und aus dem Salat und aus dem Kalbsbraten aufgebaut, die der Mensch inzwischen gegessen hat, sondern da wußten diese alten Lehrer: das ist aus dem Golde des Lichtes aufgebaut. Und die Gurken und der Salat, die sind nur die Anregung dazu, daß das im Lichte webende Gold vom ganzen Weltenall das Herz aufbaut.

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[ 46 ] Ja, die Leute haben anders geredet, und man muß sich dieses Gegensatzes bewußt werden, denn man muß ja wieder lernen, so zu reden, nur eben auf einer anderen Bewußtseinsstufe. Dasjenige, was zum Beispiel auf dem Gebiete der Malerei einmal da war, was dann verschwunden ist, wo man noch aus dem Weltenall heraus gemalt hat, weil man noch nicht die Schwere hatte, das hat seine letzte Spur zurückgelassen — sagen wir zum Beispiel bei Cimabue und namentlich bei der Inkonenmalerei der Russen. Die Ikone ist noch aus der Außenwelt, aus dem Makrokosmos gemalt; sie ist gewissermaßen ein Ausschnitt aus dem Makrokosmos. Dann aber war man einmal bei der Sackgasse angelangt. Da konnte man nicht weiter, weil einfach für die Menschheit diese Anschauung nicht mehr da ist. Hätte man malen wollen die Ikone mit innerem Anteil, nicht bloß aus der Tradition und aus dem Gebet heraus, dann hätte man wissen müssen, wie man das Gold behandelt. Die Behandlung des Goldes auf dem Bilde, das war ja eines der größten Geheimnisse der alten Malerei. Heraufzubringen dasjenige, was am Menschen gestaltet ist, aus dem Hintergrunde des Goldes, das war die alte Malerei.

[ 47 ] Es liegt ein ungeheurer Abgrund zwischen Cimabue und Giotto. Denn Giotto begann bereits mit dem, was dann Raffael auf besondere Höhe gebracht hat. Cimabue hatte es noch durch Tradition, Giotto wurde schon halber Naturalist. Er merkte: Die Tradition wird nicht mehr innerlich in der Seele lebendig. Jetzt muß man den physischen Menschen nehmen, jetzt hat man nicht mehr das Weltenall. Man kann nicht mehr aus dem Golde heraus malen, man muß aus dem Fleische heraus malen.

[ 48 ] Das ist endlich so weit gekommen, daß ja schließlich die Malerei zu dem übergegangen ist, was sie im 19. Jahrhundert vielfach gehabt hart. Die Ikonen, die haben ja gar keine Schwere, die Ikonen sind «hereingescheint» aus der Welt; die haben ja keine Schwere. Man kann sie nur heute nicht mehr malen, aber wenn man sie in ursprünglicher Gestalt malte, hätten sie überhaupt kein Gewicht.

[ 49 ] Giotto fing zuerst an, die Dinge so zu malen, daß sie Gewicht haben. Daraus wurde dann, daß alles, was man malt, auch auf dem Bilde Gewicht hat, und man streicht es dann von außen an; so daß sich die Farben zu dem verhalten, was gemalt ist, wie der Physiker erklärt, daß die Farbe da an der Oberfläche durch irgendeine besondere Wellenschwingung entsteht. Es hat die Kunst schließlich auch mit dem Gewichte gerechnet. Nur fing Giotto das in ästhetisch-künstlerischer Weise an, und Raffael brachte es dann auf die höchste Höhe.

[ 50 ] So daß man sagen kann: Da ist das Weltenall gewichen aus dem Menschen, und der schwere Mensch wurde dasjenige, was man jetzt nur noch sehen konnte. Und weil noch die Gefühle der alten Zeit da waren, so wurde sozusagen das Fleisch möglichst wenig schwer, aber es wurde schwer. Und da entstand die Madonna als Gegensatz der Ikone: die Ikone, die kein Gewicht hat, die Madonna, die ja Gewicht hat, wenn sie auch schön ist. Die Schönheit hat sich noch erhalten. Aber Ikonen sind überhaupt nicht mehr malbar, weil der Mensch sie nicht erlebt. Und es ist eine Unwahrheit, wenn die Menschen heute glauben, daß sie Ikonen erleben. Daher auch die Ikonenkultur eben in eine gewisse sentimentale Unwahrheit eingetaucht war. Das ist eine Sackgasse in der Kunst, das wird schematisch, das wird traditionell.

[ 51 ] Die Malerei Raffaels, die Malerei, die sich eigentlich auf dem aufbaut, was Giotto aus dem Cimabue gemacht hat, diese Malerei, die kann nur so lange Kunst bleiben, solange noch der alte Glanz der Schönheit auf sie strahlt. Gewissermaßen waren es die sonnigen Renaissancemaler, die noch etwas empfunden haben von dem im Lichte webenden Gold und wenigstens ihren Bildern den Glanz gaben, mit dem im Lichte webenden Gold sie von außen überstrahlen ließen.

[ 52 ] Aber das hörte auf. Und so ist der Naturalismus geworden. Und so sitzt heute die Menschheit künstlerisch zwischen zwei Stühlen auf der Erde, zwischen der Ikone und der Madonna, und ist darauf angewiesen, dasjenige zu entdecken, was die reine webende Farbe, der reine webende Ton ist, mit ihrem entgegengesetzten Gewicht, entgegengesetzt der Meßbarkeit, der wägbaren Zählbarkeit. Wir müssen lernen, aus der Farbe heraus zu malen. Treffen wir das heute versuchsweise auch noch so anfänglich und schlecht, es ist unsere Aufgabe, aus der Farbe heraus zu malen, die Farbe selber zu erleben, losgelöst von der Schwere die Farbe selber zu erleben. In diesen Dingen muß man bewußt, auch künstlerisch bewußt, vorgehen können.

[ 53 ] Und wenn Sie sich ansehen, was erstrebt wurde in den einfachen Versuchen unserer Programme, dann werden Sie sehen: da ist, wenn es auch nur ein Anfang ist, eben doch der Anfang gemacht, die Farben loszubekommen von der Schwere, die Farbe als ein in sich selbst tragendes Element zu erleben, zum Sprechen zu bringen die Farben. Wenn das gelingt, dann wird gegenüber der unkünstlerischen physikalischen Weltanschauung, die alle Kunst ausdampfen läßt, aus dem freien Elemente der Farbe, des Tones eine Kunst geschaffen, die wiederum frei ist von Schwere.

[ 54 ] Ja, wir sitzen auch zwischen zwei Stühlen, zwischen der Ikone und der Madonna, aber wir müssen aufstehen. Dazu hilft uns die physische Wissenschaft nicht. Ich habe Ihnen gesagt: Man muß ja immer liegenbleiben, wenn man nur die physische Wissenschaft anwendet auf den Menschen. Nun müssen wir aber aufstehen! Dazu brauchen wir wirklich Geisteswissenschaft. Die enthält das Lebenselement, das uns hinträgt von der Schwere zur schwerelosen Farbe, zur Realität der Farbe, von dem Gebundensein selbst schon im musikalischen Naturalismus zu der freien musikalischen Kunst und so weiter.

[ 55 ] Auf allen Gebieten sehen wir, wie es sich handelt um ein Sich-Aufraffen, um ein Erwachen der Menschheit. Das ist es, daß wir aufnehmen sollten diesen Impuls zum Erwachen, zum Hinausschauen, zum Erblicken dessen, was ist und was nicht ist, und wo überall die Aufforderungen liegen, weiter vorzuschreiten. Deshalb war es, daß ich eigentlich jetzt vor dieser Sommerpause, die durch die englische Reise bedingt ist, wollen mußte, sowohl bei der Delegiertenversammlung wie jetzt in diesen Tagen, gerade mit solchen Betrachtungen abzuschließen, wie ich sie Ihnen gebracht habe. Diese Dinge gehen schon an den Nerv unserer Zeit. Und das ist notwendig, daß man das andere so hereinscheinen läßt in unsere Bewegung, wie ich versucht habe es anzudeuten.

[ 56 ] Ich habe geschildert, wie der Philosoph der Neuzeit dazu gekommen ist, sich zu gestehen: Wozu führt denn dieser Intellektualismus? Eine Riesenmaschine zu bauen, die man in den Mittelpunkt der Erde versetzt, um von da aus die Erde in alle Räume des Weltenalls hinauszusprengen! Er gestand sich, daß das so ist. Die anderen gestehen es sich nicht!

[ 57 ] Und so habe ich versucht an den verschiedensten Stellen — zum Beispiel als ich Ihnen gestern zeigte, wie die Begriffe, die noch vor dreißig, vierzig Jahren da waren, heute durch die Relativitätstheorie aufgelöst werden, einfach hinschmelzen wie der Schnee an der Sonne -, so habe ich versucht, Ihnen zu zeigen, wie überall die Aufforderungen liegen, zur Anthroposophie doch wirklich hinzustreben. Denn es sagt doch der Philosoph Eduard von Hartmann: Wenn die Welt so ist, wie wir uns sie vorstellen müssen — das heißt, wie er sie nach dem Sinn des 19. Jahrhunderts vorstellt -, dann müssen wir eigentlich, weil wir es nicht in ihr aushalten können, sie in den Weltenraum hinaussprengen, und es handelt sich nur darum, daß wir einmal so weit sind, daß wir es ausführen können. Diese Zeit müssen wir herbeisehnen, wo wir die Welt in alle Weiten des Universums versprengen können. — Vorher sorgen dann noch die Relativisten dafür, daß die Menschen keine Begriffe mehr haben! Raum, Zeit, Bewegung lösen sich auf, dann kann man ohnedies schon so in Verzweiflung kommen, daß man unter gewissen Voraussetzungen das höchste Befriedigende schon sieht in diesem Hinaussprengen in das ganze Universum. Aber man muß sich eben in klarer Weise bekanntmachen mit dem, was als gewisse Impulse in unserer Zeit liegt.