Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228
28 Juli 1923, Dornach
Die geistigen Individualitäten unseres Planetensystems II: Schicksalbestimmende und menschenbefreiende Planeten
[ 1 ] Gestern gab ich Ihnen eine Charakteristik von dem uns nächsten Sternenhimmel. Wenn Sie an diese Charakteristik zurückdenken, so werden Sie sich vor allen Dingen sagen müssen: Schöpft man eine solche Kennzeichnung des Sternenhimmels aus der geistigen Erkenntnis heraus, so nimmt sich diese ganz verschieden aus von dem, was sonst heute auf diesem Gebiete überhaupt gesagt wird. Ich habe gestern, gerade um dies deutlich hervortreten zu lassen, in der Art gesprochen, wie ich es eben getan habe. Ich mußte in einer Weise sprechen, die jedem, der sich heute irgendwie aus der zeitgenössischen Bildung über diese Gegenstände Kenntnisse erwirbt, absurd, vielleicht lächerlich erscheinen muß. Und dennoch, die Sache ist so, daß eine Art Heilung unseres kranken Geisteslebens sich nur vollziehen kann, wenn dieser totale Umschwung in der Betrachtungsweise — insbesondere solcher Dinge, wie wir sie gestern besprochen haben — Platz greifen kann.
[ 2 ] Und man möchte sagen: Da, wo heute gedacht wird, aber so gedacht wird, daß das Denken in den alten landläufigen Ideen fortläuft, da sieht man auf der einen Seite, wie überall das Denken hinweist auf diese neue Art von geistiger Erkenntnis. Man sieht aber auch, wie die Menschen nicht in der Lage sind, bis zu einer solchen geistigen Anschauung mitzukommen, und wie sie daher eigentlich überall ratlos bleiben und — was vielleicht im gegenwärtigen Augenblick der Geschichte das schlimmste ist — sich ihrer Ratlosigkeit nicht bewußt sind, ja gar nicht bewußt werden wollen.
[ 3 ] Stellen wir uns einmal vor, wie heute dasjenige geschildert wird, was ich gestern von einem ganz andern Gesichtspunkte aus geschildert habe. Ich habe gestern über Mond, Saturn, Jupiter und so weiter gesprochen, und ich habe die Individualitäten, die geistigen Individualitäten, die man mit diesen Worten verbinden kann, vor Sie hingestellt. Ich habe Ihnen gewissermaßen unser Planetensystem gezeigt wie eine Versammlung von geistigen Wesenheiten, die aus verschiedenen Impulsen heraus wirken, aber so, daß diese Impulse auch mit dem Erdengeschehen etwas zu tun haben. Wir sahen im Weltenall lebende Wesen auftreten mit einem bestimmten Charakter. Wir konnten von lebendigen Wesen in Saturn, Mond und so weiter sprechen. Aber die ganze Art des Sprechens unterscheidet sich eben von dem, was heute über solche Dinge gesagt wird. Da wird angenommen — ich wiederhole es noch einmal — ein einstmals bestehender Urnebel, der in drehender, in kreisender Bewegung war und von dem sich abgespalten haben die einzelnen Planeten, die man heute mit völliger Gleichgültigkeit ansieht wie mehr oder weniger leuchtende physische Körper, die im Weltenraum so dahinsausen.
[ 4 ] Diese Anschauung, daß die Himmelskörper solche gleichgültige Körper seien, auf die nichts anderes anwendbar ist als Physik, namentlich Mathematik, um ihre Bahnen auszurechnen, um eventuell zu erforschen, ob die Stoffe, die auf der Erde gefunden werden, auch dort sind, dieses gleichgültige Anschauen der Himmelskörper, das ist etwas, was eigentlich erst in den letzten drei bis vier Jahrhunderten in der Menschheit üblich geworden ist. Und es ist üblich geworden auf eine ganz bestimmte Weise. Die Dinge werden heute nur nicht durchschaut. Dadurch, daß man die Möglichkeit verloren hat, in das Geistige hineinzuschauen, oder, wie es im späteren Mittelalter nur noch der Fall war, wenigstens hineinzuahnen, ist es auch möglich geworden, daß man das Geistige vollständig verloren hat. Man hat dann die physischen Begriffe, die sich auf der Erde ergaben, die mathematischen, die rechnerischen Begriffe, als etwas Sicheres angesehen und hat nun auch dasjenige berechnet, was da draußen im Himmelsraume sich offenbart. Man hat eine bestimmte Voraussetzung dabei gemacht — ich muß schon diese theoretischen Erörterungen heute etwas vorausschicken —, man hat kennengelernt, wie man auf der Erde etwas errechnet, wie man auf der Erde physische Wissenschaft macht, und hat nun dieses auf der Erde Errechnete, diese physische Wissenschaft auch auf das ganze Himmelsall ausgedehnt und geglaubt, daß nun die Rechnungsresultate, die auf Erden gelten, auch für den Himmelsraum gelten.
[ 5 ] Auf der Erde sprechen wir von Zeit, von Stoff, von Bewegung, für Physiker könnte man sagen, von der Masse, auch von der Geschwindigkeit und so weiter: alles Begriffe, die auf Erden gewonnen sind. Die hat man seit der Newtonschen Zeit auch ausgedehnt auf den Himmelsraum. Und die ganze Anschauung, die man da hat von dem, was in der Welt vorgeht, die ist Ja nichts anderes als ein Rechnungsresultat, das auf Erden gewonnen ist und dann in den Himmel hinausgeworfen ist. Die ganze Kant-Laplacesche Theorie ist ja in dem Augenblicke ein Unding, in dem man sich bewußt wird, daß sie nur unter der Voraussetzung gilt, daß da draußen im Weltenraum dieselben Rechnungsgesetze gelten wie auf Erden, daß die Begriffe von Raum, Zeit und so weiter da draußen ebenso anwendbar seien wie auf Erden.
[ 6 ] Nun liegt aber doch eine merkwürdige Tatsache vor, eine Tatsache, die heute den Menschen viel Kopfzerbrechen macht. Wir leben ja in einer sehr merkwürdigen Zeit, die sich durch mannigfaltige Symptome ankündet. In allen populären Versammlungen, die von Monisten und anderen Bündlern gehalten werden, wird den Leuten wie eine Gewißheit hingestellt, daß da draußen durch die bekannten Vorgänge die Sterne erglänzen. Es wird die ganze schöne Lehre von den Spiralnebeln und so weiter, die sich für das äußere Auge darbieten, einem gläubigen Publikum von popularisierenden Rednern und Schriftstellern vorgetragen. Und von diesen Populärrednern und Populärschriftstellern hat nun der heutige Mensch seine Bildung. Aber diese Bildung ist eigentlich im Grunde genommen nur das Resultat von dem, was die Physiker und andere sogenannte gelehrte Leute vor Jahrzehnten gedacht und ersonnen haben. In solchen populären Versammlungen wird wiederum alles aufgewärmt, was vor Jahrzehnten den Fachleuten gegolten hat. Aber die Fachleute werden heute durch etwas ganz anderes aufgerüttelt. Dasjenige, wodurch sie aufgerüttelt werden, das ist zum Beispiel die sogenannte Relativitätstheorie.
[ 7 ] Diese Relativitätstheorie, die Einsteinsche Relativitätstheorie, die beschäftigt heute die Denkenden unter den Physikern. Nun kann ja über Einzelheiten dieser Relativitätstheorie so gesprochen werden, wie ich es auch schon da oder dort getan habe; aber es soll uns heute nicht ihre innere Geltung beschäftigen, sondern die Tatsache, daß sie da ist und daß die Physiker davon sprechen. Gewiß, es gibt gegnerische Physiker, aber es gibt sehr viele Physiker, die eben einfach von der Relativitätstheorie sprechen. Was bedeutet denn das aber?
[ 8 ] Ja, das bedeutet, daß durch diese Relativitätstheorie alle die Begriffe zerstört werden, auf denen die Anschauung von den Bewegungen und von dem Wesen der Himmelskörper im Weltenraume beruht. Das hat nun durch Jahrzehnte gegolten, was heute in den Astronomiebüchern steht, was heute noch in populären Vorträgen und populären Büchern dem Laienpublikum aufgebunden wird; das hat gegolten. Aber die Physiker gehen an die Abtragung, an die Vernichtung der populärsten Begriffe — Zeit, Bewegung, Raum — und erklären: Das ist alles nicht so, wie man es sich da gedacht hat. — Sehen Sie, wenigstens ist es für den Physiker heute schon etwas wie eine Gewissensfrage, daß er zum Beispiel sagt: Ich richte mein Fernrohr nach einem fernen Stern. Aber ich habe ja berechnet, daß, bis hier das Licht von diesem Stern bis zur Erde ankommt, soundso viel Zeit verfließt. Also wenn ich mit meinem Fernrohr hinaussehe, dann hat das Licht, das in mein Fernrohr fällt, soundso viele Lichtjahre gebraucht. Das Licht, das da hereinfällt, das ist also einmal da oben ausgegangen vor soundso vielen Lichtjahren. Da steht ja der Stern gar nicht mehr, der ist gar nicht da. Ich bekomme den Lichtstrahl in mein Fernrohr, aber was in der Verlängerung des Fernrohres ist, ist ja gar nicht der Stern. Und wenn ich einen Stern daneben anschaue, von dem das Licht nun viel weniger Lichtjahre braucht, so kommt es jetzt doch zu gleicher Zeit an. Ich drehe mein Fernrohr: der Stern kommt auf einen Lichtpunkt, der vielleicht vor soundso viel Jahren da war. Jetzt drehe ich wieder mein Fernrohr: da fällt ein Stern in mein Fernrohr, der gar nicht da ist, aber der vor einer ganz anderen Anzahl von Jahren da war. Und so bilde ich mir Ansichten über meinen Sternenhimmel! Da ist alles da von der Zeit, wo es einmal da war, aber eigentlich ist es gar nicht da. Eigentlich ist nichts da: alles ist da drunter- und drübergeworfen.
[ 9 ] Das ist gerade so, wie es mit dem Raume auch ist. Wir nehmen irgendwo einen fernen Ton wahr. Wenn wir uns ihm nähern, so erscheint er uns in einer anderen 'Tonhöhe, als wenn wir uns von ihm entfernen. Der Raum wird maßgebend für die Art und Weise dessen, was wir wahrnehmen. Und das macht natürlich den Leuten Kopfzerbrechen. Die ganze Zeit, die in alle Rechnungen hineinspielt, sie ist plötzlich eigentlich etwas ganz Unsicheres geworden, etwas bloß Relatives. Und von alledem, was da in einer so populären Weise in den Weltenraum hinausgezeichnet wird, kann eigentlich der heutige Physiker — und er ist sich dessen bewußt — nur sagen: Da ist irgend etwas einmal da gewesen, ist noch da, wird einmal da sein. Nun ja, da ist irgend etwas. Und dasjenige, was da ist, das bewirkt, daß in einem bestimmten Zeitpunkte seine Lichtäußerungen koinzidieren mit dem Fadenkreuz meines Fernrohrs. — Das ist die einzige Weisheit, die man noch behält, die Koinzidenzien zweier Ereignisse. Also, es koinzidiert dasjenige, was einmal irgendwo, irgendwann geschehen ist, mit dem, was heute in dem Fadenkreuz meines Fernrohres vor sich geht. Nur von solchen Koinzidenzien kann man sprechen — sagt der heutige Physiker —, es ist alles relativ; die Begriffe, aus denen das Weltengebäude theoretisch aufgebaut worden ist, sie sind eigentlich von einem bloß relativen, von gar keinem absoluten Werte. — Daher sprechen die Physiker heute von einer radikalen Umwälzung aller Begriffe der Physik. Und würde man heute aus einer populären Versammlung für Laien unmittelbar in den Vortrag eines Relativitätstheoretikers gehen, dann würde man finden, daß der popularisierende Redner den Menschen etwas tradiert, was sich aufbaut auf den Vorstellungen, von denen die Fachleute sagen: Das ist ja alles geschmolzen wie der Schnee in der Sonne!
[ 10 ] Sehen Sie, wir können nicht nur sagen, daß seit drei bis vier Jahrhunderten sich eine physische Weltanschauung aufgebaut hat aus bestimmten Begriffen heraus, sondern wir müssen sagen, daß es heute schon genug Leute gibt, die aus diesen Begriffen heraus diese Begriffe aufgelöst haben, vernichtet haben. Sie ist ja bei einer großen Anzahl von Denkern gar nicht mehr da, diese Weltanschauung, die man für sicher hält. Also liegt die Sache doch nicht ganz so, daß dasjenige, was von einem ganz neuen Gesichtspunkte aus gesagt wird, so belächelt werden darf. Denn was von dem anderen Gesichtspunkte gesagt wird, das schmilzt ja hinweg in der Gegenwart wie der Schnee in der Sonne. Das ist eigentlich schon gar nicht mehr da für jene, die etwas von der Sache verstehen, oder wenigstens etwas verstehen wollen. So daß man eigentlich vor der Tatsache steht, daß die Menschen sagen: Das, was hier vom Standpunkt der Geisteswissenschaft aus geschildert wird, ist absurd, weil es nicht übereinstimmt mit dem, was wir als das Richtige ansehen. — Aber wenn sie sich nun auf den Relativitätsstandpunkt stellen, dann müssen diese Leute sagen: Das ist absurd, was wir als das Richtige angesehen haben! — So stehen die Dinge heute. Nur schläft eigentlich der größte Teil der Menschheit, und schaut schlafend zu, wie diese Dinge sich abspielen, und läßt sie geschehen. Es ist aber wichtig, daß man weiß: die Weltanschauung, die als solche so große Triumphe gefeiert hat, ist heute eigentlich ganz und gar in Trümmern.
[ 11 ] Der "Tatbestand, der vorliegt in der geistigen Welt, der wird eigentlich erst dann in weiteren Kreisen klarwerden, wenn die Menschen sich die Zipfelmütze, unter der sie schlafen, wenigstens einmal etwas lockern. Also, man hat durchaus nicht nur die Möglichkeit zu denken, daß dasjenige, was aus einem solchen Tone heraus redet, wie ich es gestern getan habe, gegenüber der heutigen Wissenschaft absurd ist, denn diese Wissenschaft ist zum Beispiel in ihrer Relativitätstheorie ganz negativ; die sagt eigentlich überall, was zicht ist, und es wird die Menschheit hinsteuern müssen zu einer Erkenntnis desjenigen, was ist.
[ 12 ] Diese Dinge sollen eben geleistet werden durch solche Darstellungen, wie ich sie gestern zu geben versuchte in bezug auf einzelne Sterne unseres Planetensystems. Aber was sehen wir da? Da sehen wir, daß gewissermaßen ganz genau dem Gang der Weltentwickelung gefolgt wird. Was würde Ihnen denn ein altgebackener — nicht neugebackener Physiker, denn die neugebackenen sind eben zumeist Relativitätstheoretiker —, was würde Ihnen ein altgebackener Physiker sagen, wenn er hören würde, daß man etwas so Unerhörtes ausspricht, wie ich gestern getan habe? Wenn er nicht gleich sagen würde, das alles ist verrückt und verdreht, und das würde er ja vielleicht zunächst sagen, so würde er doch behaupten: Das widerspricht den festen Fundamenten der Wissenschaft. — Aber was sind die festen Fundamente der Wissenschaft? Es sind diejenigen Begriffe von Raum, Zeit und so weiter, die man auf Erden gewonnen hat. Jetzt vernichten die Relativitätstheoretiker diese Begriffe für das Weltenall, erklären ihre Nichtgültigkeit.
[ 13 ] Anthroposophie macht aber die Sache praktisch: sie läßt außer acht die irdischen Begriffe, wenn sie von Mond und Saturn und Jupiter und so weiter redet. Sie redet da gar nicht mehr vom Irdischen, sondern sie versucht — wenn das auch nur mit Schwierigkeiten möglich ist —, Venus und Mars so zu charakterisieren, wie man mit irdischen Begriffen nicht mehr charakterisieren kann. Und so muß man sich eben wiederum herbeilassen, die irdischen Begriffe zu verlieren, wenn man hinaufdringen will in das Weltenall. Ich wollte Ihnen zeigen, wie sich der Kosmos hineinstellt in das gegenwärtige Geistesleben und wie die Dinge im gegenwärtigen Geistesleben stehen. Nur eine Verwandtschaft mit den irdischen Begriffen gibt es, wenn man in den Kosmos hinauskommt. Denken Sie einmal, wenn wir nur bis zum Mond gehen, wie ich ihn gestern charakterisiert habe, bis zu denjenigen Wesenheiten, die im Monde wie in einer Weltenfestung verankert sind und eigentlich hinter der Oberfläche des Mondes leben — wo sie, wenn ich mich so ausdrücken darf, ihr Weltengeschäft treiben —, wenn wir zu diesen Wesenheiten kommen, zu denen man nur mit einem hellseherisch geschärften Blick herankommt, so finden wir also, daß diese Wesenheiten im Verborgenen wirken. Denn was im Innern des Mondes ist, geht ja nicht in die Welt, und alles, was vom Monde kommt, ist zurückgeworfen aus der Welt. Wie der Mond das Sonnenlicht nicht aufnimmt, sondern zurückwirft, so wirft er auch alles andere, was im Universum geschieht, zurück. Alles, was im Universum geschieht, wird durch den Mond wie durch einen Spiegel zurückgeworfen. In seinem Innern geschehen Vorgänge, die verborgen bleiben.
[ 14 ] Aber ich habe Ihnen gesagt: Die geistigen Wesenheiten, die in dieser Mondenfestung wie im Universum verschanzt sind und da drinnen ihr Weltengeschäft treiben, die waren einmal auf Erden, bevor der Mond sich von der Erde abgespalten hat. Sie waren die ersten großen Lehrer der menschlichen Seelen auf Erden. Und die große uralte Weisheit, von der gesprochen wird, die ist im Grunde genommen ein Erbgut dieser Mondenwesen, die heute im Verborgenen innerhalb des Mondes leben. Sie selbst haben sich zurückgezogen.
[ 15 ] Wenn man so über das Weltenall spricht, dann kommen in die Ideen, die man entwickelt, moralische Begriffe hinein. Die physischen Begriffe der Erde vergißt man; es kommen in die Schilderung moralische Begriffe hinein. Wir fragen uns: Warum haben sich diese Mondenwesenheiten zurückgezogen, warum wirken sie im Verborgenen? — Ja, als sie noch auf Erden waren, da suggerierten sie den Menschen allerdings eine ungeheure Weisheit. Wären sie auf Erden geblieben, würden sie immerfort diese Weisheit den Menschen suggeriert haben, die Menschen würden aber niemals in das Zeitalter der Freiheit haben eintreten können.
[ 16 ] Diese Wesenheiten hatten sozusagen den wunderbaren Ratschluß gefaßt, sich von der Erde zurückzuziehen, sich an einen geschlossenen Ort im Universum zurückzuziehen, um dort, fern von dem menschlichen Dasein, ihr Weltengeschäft zu verrichten, damit die Menschen ferner nicht von ihnen beeinflußt werden, damit die Menschen alle die Impulse des Universums aufnehmen können und freie Wesen werden können. Diese Wesenheiten haben sich einen neuen Wohnplatz im Universum ausgesucht, um den Menschen allmählich die Freiheit möglich zu machen.
[ 17 ] Ja, das redet anders, als vom Physiker geredet wird, der, wenn er hörte, der Mond habe sich von der Erde abgespalten, einfach ausrechnen würde, mit welcher Geschwindigkeit das geschehen ist, durch welche Kräfte das geschehen ist und dabei immer nur die irdischen Kräfte, die irdischen Geschwindigkeiten im Auge hätte. Die werden ganz außer acht gelassen, wenn wir so, wie ich es gestern getan habe, von dem Mond sprechen. Aber wenn man das Physische wegläßt, so bleiben solche Ratschlüsse, solche große kosmisch-moralische Impulse. Man kommt, und das ist das Bedeutsame an der Sache, von dem physischen Herumgerede, das für die physischen Erdenverhältnisse gilt, eben zu einem Reden in moralischen Ideen über das Weltenall.
[ 18 ] Das ist das Wesentliche, daß man nicht bloß Theorien aufstellt, die geglaubt werden sollen, sondern daß es eine moralische Weltenordnung gibt. Das hat die menschliche Seele in den letzten drei bis vier Jahrhunderten ganz verwirrt, daß man gesagt hat: Man kann einiges von der Erde wissen, und nach dem, was man auf der Erde weiß, das Weltenall berechnen und solche Theorien wie die KantLaplacesche aufstellen, aber in bezug auf die moralisch-göttliche Weltenordnung muß man glauben. — Das hat die Menschen ungeheuer verwirrt, weil die Einsicht ganz abhanden gekommen ist, daß man über die Erde iirdisch reden muß, daß man aber in dem Moment, wo man sich zum Weltenall hinauf erhebt, anfangen muß, kosmisch zu reden. Da geht das physische Reden allmählich in ein moralisches Reden hinein. Da wird praktisch das ausgeführt, was sonst höchstens erphantasiert wird.
[ 19 ] Wenn Sie heute von einem Physiker die Sonne beschrieben finden, so ist sie irgendeine Gaskugel, die da draußen dampft, und ihre Eruptionen werden so beschrieben wie Erdeneruptionen. Alles wird auf diesen Weltenkörper so hinausprojiziert, wie das, was auf der Erde geschieht, und mit denselben Rechnungen, die wir uns hier angeeignet haben, berechnen wir dann, wie ein Lichtstrahl an der Sonne vorbeigeht oder dergleichen. Aber was hier für Erdendinge an Errechnetem gilt, das hört ja auf, eine Geltung zu haben, wenn man da hinauskommt. Und so wie das Licht in seiner Stärke mit der Entfernung im Quadrate abnimmt, so hören die Gesetze auf, im Weltenall draußen zu gelten. Und wir sind nur noch dem Weltenall verwandt in unserem Moralischen. Indem wir uns über das Physische als Mensch zum Moralischen erheben, werden wir hier auf Erden dem ähnlich, was im Weltenraum draußen als die realisierte Moralität wirkt.
[ 20 ] Also müssen wir sagen: Anthroposophie ist im äußersten Sinne Wissenschaft. Sie führt dasjenige, was sich als eine Forderung ergibt, auch wirklich aus. Sie redet gar nicht mehr in irdischen Vorstellungen, ausgenommen den moralischen, die aber auf Erden schon überirdisch sind. Sie redet in solchen moralischen Vorstellungen, wenn sie sich aufschwingt zum Weltenall. Das muß eben durchaus berücksichtigt werden. Und von diesem Gesichtspunkte aus müssen eben die Begriffe wiederum gewonnen werden, die wir brauchen, um auf der Erde dasjenige zu begreifen, was eben jetzt nicht begriffen werden kann.
[ 21 ] Sehen Sie, die Wesenheiten, die im Monde verankert sind, sie wirken, sagte ich, nur wie in einer Festung. Da treiben sie ihr Weltengeschäft. Denn alles, was der Mond der Welt gibt, der Erde gibt, ist ja zurückgeworfen, ist gespiegelt. Das aber ist ein Zustand, der im kosmischen Werden eben erst im Laufe der Entwickelung eingetreten ist. Früher war es anders. Und in die, ich möchte sagen, weiche, schleimartige Gestalt, welche die Erde selbst und alle Wesen einmal hatten, da wirkten diese Wesen, als sie noch auf Erden wandelten, hinein. Und mit diesen Wirkungen hängt sowohl beim Menschen wie bei den Tieren das Zustandekommen der Rückenmarkssäule zusammen. So daß die Rückenmarkssäule bei den Menschen und bei den Tieren eine Erbschaft ist aus sehr alten Zeiten, wo die Mondenwesen noch mit dem irdischen Sein verbunden waren. Das kann heute nicht mehr entstehen. Die Wirbelsäule ist eine Erbschaft, sie kann heute nicht mehr entstehen.
[ 22 ] Aber in bezug auf die vierfüßigen Tiere haben diese Wesenheiten die Wirbelsäule so fest gemacht, daß sie horizontal bleibt. Bei den Menschen haben sie sie so gemacht, daß sie vertikal werden konnte, und der Mensch dann durch die vertikale Wirbelsäule frei werden konnte für das Weltenall und seine Einflüsse in dem Moment, wo diese Mondenwesen sich in die Mondenfestung zurückzogen.
[ 23 ] Und so werden wir allmählich dazu kommen, das Irdische aus dem Weltenall heraus zu erklären, und überhaupt geistige Kräfte und geistige Impulse auch im irdischen Dasein in der richtigen Weise zu beurteilen. Es ist so, daß sich in die menschlichen Köpfe eben Dinge hineingesetzt haben, die wirklich erst in den drei, vier letzten Jahrhunderten entstanden sind. Und zwar alle unter dem Einflusse der Ansicht, daß man auf das ganze Weltenall zu seiner Erklärung nur dasjenige anwenden kann, was man in den physischen Ereignissen und von den physischen Dingen der Erde gewonnen hat. Man hat das ganze Weltenall zu einem physischen Abbild der Erde gemacht. Man ist allerdings jetzt darauf gekommen: Da koinzidiert etwas mit meinem Fadenkreuz, aber das war einmal da! — Die ganze Geschichte gilt in dieser Weise nicht. Und wenn man in bezug auf Sterne, die weit genug entfernt sind, Rücksicht nimmt, so kann der heutige Physiker schon sagen: Was ich als Karte aufzeichne, das ist ja gar nicht da. Ich zeichne zwei Sterne nebeneinander: der eine Stern war einmal, sagen wir, vor tausend Jahren da, der andere war da vor sechshundert Jahren. Ja, so nebeneinander, wie ich da die Koinzidenzien der Lichtstrahlen in meinem Fadenkreuz habe, so waren sie niemals da!
[ 24 ] Also das alles zerschmilzt, das alles ist gar nicht so in Wirklichkeit. Mit diesen Begriffen kommt man nicht darauf, was da draußen ist. Man rechnet, rechnet, rechnet. Es ist geradeso, wie wenn die Spinne ihr Netz spinnt und sich dann einbilden würde, daß dieses Netz die ganze Welt durchspinnt.
[ 25 ] Der Grund davon ist der, daß diese Gesetze, nach denen man da rechnet, da draußen gar nicht mehr gelten, sondern daß man höchstens das Moralische, das in uns ist, benutzen kann, um Begriffe zu bekommen von dem, was da draußen ist. Da draußen im Sternenhimmel geht es nämlich moralisch, zuweilen auch unmoralisch, ahrimanisch, luziferisch und so weiter zu. Aber wenn ich das Moralische als Gattungsbegriff fasse, geht es moralisch zu, nicht physisch. Doch das ist etwas, auf das erst wieder gekommen werden muß, weil das andere sich im Laufe der letzten zwei bis drei Jahrhunderte so fest in die menschlichen Köpfe eingeprägt hat, daß selbst solche Zweifel, wie sie den Relativitätstheoretikern kommen — denn ihre Negationen haben sehr viel für sich —, daß selbst solche Zweifel es gar nicht aus den Köpfen heraustreiben können. Es ist auch begreiflich, denn wenn auch noch diese letzte Schimäre, die Zeit-Raum-Rechnung, die sie ausführen, wenn auch diese noch für den Sternenhimmel aus den Köpfen schwindet, so ist ja in diesen Köpfen gar nichts mehr darinnen, und etwas behalten die Menschen eben doch gerne darinnen. Denn etwas anderes wird erst darinnen sein können, wenn man sich eben aufschwingt zu der Möglichkeit, so den Sternenhimmel anzuschauen, wie wir es gestern getan haben.
[ 26 ] Nun muß man sich klarwerden, daß uns dieses alles darauf hinweist, wie es für den Menschen der Gegenwart schon notwendig ist, sich klare Begriffe zu verschaffen über das, was eigentlich in den letzten drei bis vier Jahrhunderten geschehen ist, und was sein vorläufiges Ergebnis gefunden hat in dem größten aller Kriege, die jemals auf Erden gewesen sind, und in den chaotischen Verhältnissen, die sich ja noch immer chaotischer gestalten werden in der nächsten Zukunft. Was als Anforderung an die Menschheit vorhanden ist, das ist, sich eben wirklich über diese Dinge doch einmal klarzuwerden. Und da ist es interessant, einen Blick über die Erde mit ihrer heutigen Geistesbildung so hinzuwerfen.
[ 27 ] Innerhalb derjenigen Zivilisation, in welcher der Abendländer mit seinem amerikanischen Anhange lebt, hält man ja einfach alles das, was sich in den drei bis vier letzten Jahrhunderten unter dem Einflusse einer phänomenal großartigen Technik und eines großartigen Weltverkehrs entwickelt hat — der nur heute auch in die Brüche geht —, für so fest, daß natürlich jeder ein Tor ist, der nicht dieselben Begriffe annimmt. Nun ist es ja richtig, daß der Orient in der Dekadenz ist, aber man muß doch sagen: Was man heute aus den Quellen unserer eigenen anthroposophischen Forschung wiederum so aussprechen muß, wie ich es gestern getan habe, das ist, wenn auch in ganz anderer Art, einmal in uralten Zeiten doch eben orientalische Weisheit gewesen.
[ 28 ] Wir können diese orientalische Weisheit heute, wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, in der alten Form nicht wieder annehmen. Wir müssen sie aus dem abendländischen Gemüte, aus der abendländischen Seele heraus wiedergewinnen. Aber es war einmal, ich möchte sagen, Sitte, aus dem alten Hellsehen, aus diesem traumhaften alten Hellsehen heraus über die Sterne so zu sprechen, wie ich gestern wiederum davon zu sprechen begonnen habe. Nur ist das der Menschheit eben vollständig verlorengegangen, und die europäische Menschheit betrachtet heute alles das als absurd, was einmal als höchste menschliche Weisheit galt.
[ 29 ] Nun, wie gesagt, wenn auch im Orient drüben das einmal eine großartige ursprüngliche Weisheit war, heute sind die Leute in der Dekadenz. Aber in einem gewissen Sinne hat sich wenigstens äußerlich traditionell im Orient noch etwas erhalten von einem solchen Anschauen des Weltenalls, ich möchte sagen, von einem seelenvollen Anschauen des Weltenalls. Und den Orientalen imponiert die technische Kultur Europas sehr wenig. Diese Seelen gerade, die heute im Orient liebevoll eingehen auf die Urweisheit, die verachten im Grunde genommen, was in Europa sich als eine mechanische Kultur und Zivilisation herausgebildet hat. Sie studieren dasjenige, was die menschliche Seele betrifft, aus ihren alten Schriften. Manchem geht dabei innerlich eine, wenn auch schon dekadente Erleuchtung auf, so daß im Orient noch etwas von dem lebt, was seelisches Erschauen der Welt ist. Und es ist nicht unnötig, auch einmal auf die Art und Weise hinzuschauen, wie nun diese Menschen, die eine alte Kultur wenigstens noch in einer Art von Abglanz haben, auf das europäisch-amerikanische Geistestreiben hinschauen. Wenn es auch nur zum Vergleich ist, so ist es doch immerhin interessant.
[ 30 ] Da ist ein merkwürdiges Buch erschienen von einem gewissen Rãmanãthan, einem Inder aus Ceylon, «The Culture of the Soul among the Western Nations» [der Titel wurde an die Tafel geschrieben]. Dieser Rãmanãthan spricht in einer merkwürdigen Weise. Er gehört offenbar zu denen, die sich da drüben im Orient innerhalb der indischen Zivilisation einmal gesagt haben: Diese Europäer haben doch auch ganz merkwürdige Schriften, zum Beispiel das Neue Testament. — Nun haben sich diese Leute, zu denen auch Rãmanãthan gehört, mit dem Neuen Testament beschäftigt — aber natürlich so, wie sich die Seele dieser Leute eben mit dem Neuen Testament beschäftigen kann —, haben dieses Neue Testament, das Wirken des Christus Jesus, durch das Neue Testament nach Maßgabe ihrer Seelenverfassung aufgenommen. Und es gibt schon immerhin da drüben — das zeigt dieses Buch von Rãmanãthan — Leute, die nun aus ihren Resten einer uralten Kultur von dem Christus Jesus und dem Neuen Testament sprechen. Sie haben sich da ganz bestimmte Vorstellungen gebildet von dem Christus Jesus.
[ 31 ] Und nun schreibt dieser Mann viel über diese Vorstellungen von dem Christus Jesus, und er richtet natürlich das Buch — er hat es ja in englischer Sprache geschrieben — an die Europäer. Er richtet das Buch, das also vom indischen Geiste über Jesus in den Evangelien geschrieben ist, an die Europäer, und er sagt den Europäern etwas ganz Merkwürdiges. Er sagt ihnen: es sei doch ganz absonderlich, daß sie gar nichts von dem Christus Jesus wissen. Da in den Evangelien stehen großartige Dinge über den Christus Jesus, aber die Europäer und Amerikaner wissen gar nichts davon, wissen wirklich nichts davon! Und er gibt den Europäern und den Amerikanern einen merkwürdigen Rat. Er sagt ihnen: Laßt euch doch Lehrer des Neuen Testaments aus Indien kommen, die werden euch sagen können, wie es eigentlich mit dem Christus Jesus beschaffen ist.
[ 32 ] Also diese Menschen in Asien drüben, die sich heute mit dem europäischen Fortschritt befassen und die dann das Neue Testament lesen, die sagen diesen Europäern: Wenn ihr etwas erfahren wollt über den Christus Jesus, dann müßt ihr euch Lehrer von uns kommen lassen, denn alle Lehrer, die bei euch reden, die verstehen gar nichts davon, das ist alles Mißverstandenes! — Und er führt das im einzelnen aus. Er sagt: In Europa ist in einer bestimmten Zeit eingetreten an die Stelle des Erfassens des geistig Wesenhaften ein gewisses Wortverständnis von allem. Die Europäer hängen in bezug auf alle Dinge an einem gewissen Wortverständnis. Sie tragen nicht ein geistiges Verständnis in ihren Köpfen, sondern die Worte, die sie bei ihren einzelnen Bevölkerungen lernen, die dunsten in ihre Köpfe hinauf, und dann denken sie in Worten.
[ 33 ] Es ist eine merkwürdige Weise, in welcher diese Inder trotz ihrer Dekadenz noch zu dieser Einsicht kommen, denn bis hierher stimmt die Geschichte ganz auffällig. Bis in die Physik und Mathematik hinein wird ja heute in Worten gedacht, nicht in Sachen. In dieser Beziehung sind ja die Menschen heute recht merkwürdig. Wenn einer ganz gescheit sein will, dann zitiert er rasch: «Denn eben, wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein». — Es geschieht das heute aber meistens aus dem Drang heraus, daß dem Betreffenden selbst alle Begriffe ausgegangen sind: da stellt sich ihm nämlich rasch das Goethesche Wort ein. Aber das merkt er dann nicht. Er merkt nicht, daß er in dieser Untugend ganz bitter drinnen ist in dem Moment, wo er sie rügt.
[ 34 ] Also das sagt dieser Inder den Europäern: Ihr habt ja nur ein Wortverständnis von allen Dingen, und ihr habt dieses Wortverständnis über das Neue Testament ausgedehnt, und dadurch habt ihr den Christus seit vier Jahrhunderten tot gemacht. Der lebt gar nicht mehr unter euch, der ist seit vier Jahrhunderten tot. Schafft euch Lehrer aus Indien an, damit er wiederum erweckt werden kann. — So sagt dieser Inder den Europäern.
[ 35 ] Er sagt: Seit drei bis vier Jahrhunderten wissen die Europäer überhaupt nichts mehr vom Christus. Sie können gar nichts wissen, weil sie gar nicht die Begriffe und Vorstellungen haben, durch die man von dem Christus etwas wissen kann. — Der Inder sagt den Europäern: Ihr braucht eine Renaissance des Christus Jesus. Ihr müßt den Christus wieder entdecken, oder irgendein anderer muß ihn für euch entdecken, damit ihr ihn wieder habt! — So sagt der Inder, nachdem er dazu gekommen ist, das Evangelium zu lesen. Also er merkt, daß da in den letzten drei bis vier Jahrhunderten in Europa sonderbare Dinge vorgegangen sind. Und dann sagt er: Wenn die Europäer selbst wiederum daraufkommen wollten, welcher Christus im Neuen Testamente lebt, da müßten sie weit zurückgehen. Denn dieses Christus-Unverständnis hat sich langsam vorbereitet, und eigentlich müßten die Europäer, wenn sie aus ihren eigenen Schriften noch etwas verstehen lernen wollten von dem Christus, bis zu der Gnosis zurückgehen.
[ 36 ] Eine merkwürdige Erscheinung! Da ist ein Inder, der ja nur der Repräsentant für viele ist, der liest das Neue Testament und sagt den Europäern: Euch hilft überhaupt jetzt nichts mehr, als daß ihr zu den Gnostikern zurückgeht.
[ 37 ] Aber die Gnostiker haben ja die Europäer eigentlich nur in den Gegenschriften. Die Europäer wissen nichts von den Gnostikern. Es ist schon ein merkwürdiges Faktum: Die Schriften der Gnostiker sind ja alle ausgerottet worden, man hat nur die Polemiken der christlichen Kirchenväter gegen die Gnostiker, mit Ausnahme der «Pistis Sophia» und einigen anderen, die aber ebensowenig verstanden werden können, so wie sie vorliegen, als die Evangelien selber verstanden werden. '
[ 38 ] Nun kommen aber dann, wenn man nun nicht gerade Gnostiker ist, sondern aus der modernen Geisteswissenschaft heraus den Christus wiederfindet, die Theologen und sagen: Da wird die Gnosis wieder aufgewärmt — die Gnosis, die sie allerdings nicht kennen, denn sie können sie ja nicht kennen aus irgendwelchen äußerlichen Dingen. Aber «die Gnosis aufwärmen» ist es doch, und das darf man nicht, denn aus der wird ja das Christentum verfälscht. Das ist auch eine Divergenz zwischen Ost und West. Derjenige, der im Osten das Neue Testament studiert, der findet, man muß in die ersten Jahrhunderte zurückgehen. Wenn den Theologen von der Gegenwart etwas, das als die Christus-Schilderung in der heutigen Anthroposophie auftritt, so aussieht, als wenn sie an die ihnen unbekannte Gnosis anklänge, dann sagen sie: Der will die Gnosis wiederum aufwärmen, das darf nicht sein, dadurch wird das Christentum verfälscht.
[ 39 ] Ja, das Urteil des Inders lautet doch ganz merkwürdig. Dieser Rãmanãthan sagt eigentlich: Das, was die Europäer jetzt ihr Christentum nennen, das ist verfälscht. Die Europäer sagen: Der Rãmanãthan verfälscht uns unser Christentum. Der Rãmanãthan aber kommt der richtigen Anschauung, allerdings mit seinem dekadenten Anschauen, ziemlich nahe. Das Richtige ist immer eine Verfälschung des Falschen. Es kommt nur darauf an, daß man diese Dinge bei dem richtigen Namen nennt. Das Richtige ist immer eine Verfälschung des Falschen, denn würde man das Falsche nicht verfälschen, dann würde man auf das Richtige nicht kommen.
[ 40 ] So aber liegen die Dinge heute. Denken Sie nur, in welchen Abgrund man da hineinschaut, wenn man sich dieses Beispiel von dem Rãmanãthan nimmt. Es könnte zum Beispiel also jemand sagen: Lies doch die Evangelien unbefangen. — Es ist heute für den Europäer schwer, sie unbefangen zu lesen, nachdem ihm einmal die malträtierten Übersetzungen durch Jahrhunderte dargeboten sind, und er in gewissen Vorstellungen erzogen worden ist. Es ist schwer, sie unbefangen zu lesen. Wenn aber einer sie, wenn auch von seinem Standpunkt, unbefangen liest, dann entdeckt er in den Evangelien einen geistigen Christus. Denn den hat der Rãmanãthan entdeckt in den Evangelien, wenn er ihn auch noch nicht im anthroposophischen Sinne sehen kann. Aber immerhin sollten die Europäer das doch beachten, daß ihnen dieser ceylonesische Inder den Rat gibt: Lasset euch Prediger über den Christus aus Indien kommen, denn ihr habt keine.
[ 41 ] Bei diesen Dingen muß man heute den Mut haben, hineinzuschauen in die Entwickelung, die in den letzten drei bis vier Jahrhunderten sich vollzogen hat, und nur durch diesen Mut ist es möglich, wirklich aus dem ungeheuren Chaos herauszukommen, in das die Menschheit nach und nach hineingesaust ist. Dieser Hang zur Unklarheit trübt alle Begriffe und bewirkt zuletzt auch das soziale Chaos. Denn dasjenige, was zwischen Menschen sich abspielt, spielt sich eben doch aus ihren Seelen heraus ab, und es ist schon ein Zusammenhang zwischen den höchsten Wahrheiten und dem Zerstören der äußeren wirtschaftlichen Verhältnisse. Und so muß man sich eben wiederum herbeilassen, die irdischen Begriffe zu verlieren, wenn man hinaufdringen will in das Weltenall.
[ 42 ] In dem gestrigen Vortrage wollte ich Ihnen ein Beispiel geben davon, wie sich der Kosmos hineinstellt in das gegenwärtige Geistesleben und wie die Dinge im gegenwärtigen Geistesleben stehen. Eine Verwandtschaft mit den irdischen Begriffen gibt es nur dann, wenn man in den Kosmos hinauskommt.
