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Der Mensch in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
vom Gesichtspunkt der Bewußtseinsentwickelung
GA 228

27 Juli 1923, Dornach

1. Die geistigen Individualitäten unseres Planetensystems I: Schicksalbestimmende und menschenbefreiende Planeten

[ 1 ] Ich möchte in diesen Tagen zu dem früher Gesagten noch einiges von dem hinzufügen, was die Möglichkeit bietet, gewisse Untergründe der Weltengeheimnisse zu gewinnen, die der neueren Zivilisation verlorengegangen sind. Wir brauchen ja nur hinzuschauen auf das, was die neuere Zivilisation als ihre Anschauung hat zum Beispiel von dem Planetensystem. Wir wissen, daß dieses Planetensystem so vorgestellt wird, als sei es hervorgegangen aus einer Art Urnebel, der in rotierender Bewegung war und von dem sich infolge dieser rotierenden Bewegung die einzelnen planetarischen Körper abgespalten haben. Man hat durch die Spekulationen, die man sich für diese Anschauung zurechtigelegt hat, ja nichts gewonnen, als daß man eine Art von Gleichgültigkeit der einzelnen Himmelskörper untereinander hat, die dabei geschildert werden, und auch eine Gleichgültigkeit des menschlichen Blickes gegenüber diesen Himmelskörpern.

[ 2 ] Was unterscheidet sich da stark, sagen wir, am Mond vom Saturn, wenn das alles gefaßt sein soll in die Vorstellung eines rotierenden Nebels, aus dem sich allmählich diese Himmelskörper abspalten? Allerdings, die für alles Irdische und namentlich für das IrdischMineralische so bedeutsamen Forschungen des 19. Jahrhunderts haben allerlei zu sagen gewußt über die stoffliche Zusammensetzung der Himmelskörper, haben eine Art Physik und Chemie der Himmelskörper geschaffen. Damit ist es ja möglich, daß in den gebräuchlichen Handbüchern spezielle Dinge gesagt werden über Venus, Saturn, Mond und so weiter. Allein, all dieses ist so, wie wenn man von dem Menschen, der beseelt und durchgeistet ist, gewissermaßen nur eine Art von Abbild seines äußeren Organismus schaffen würde, ohne einzugehen auf die Durchseelung und Durchgeistigung.

[ 3 ] Man muß wiederum dazu kommen, mit Hilfe einer Initiationswissenschaft auch in dasjenige einzudringen, was man Durchseelung und Durchgeistigung zunächst, sagen wir, unseres Planetensystems nennen kann. Und da möchte ich heute einfach mehr die Individualitäten der einzelnen Planeten dieses Systems charakterisieren.

[ 4 ] Ich möchte zuerst hinweisen auf denjenigen Planeten, welcher der Erde zunächst steht, mit dessen Geschick — in einer gewissen Beziehung allerdings nur — das Erdengeschick verbunden ist, und der einmal eine ganz andere Rolle spielte im Erdenleben, als er heute spielt. Denn Sie wissen ja aus den Schilderungen meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», wie ich sie gegeben habe, daß dieser Mond in verhältnismäßig jüngerer Weltenzeit noch mit der Erde verbunden war, sich von der Erde getrennt hat und sie nun umkreist.

[ 5 ] Wenn wir von ihm als von einem äußeren physischen Himmelskörper sprechen, so ist das Physische in ihm eben nur die äußere, die alleräußerlichste Offenbarung des Geistigen, das dahinterliegt. Wenn wir den heutigen Mond betrachten, so erscheint er denjenigen, die ihn in bezug auf seine Außenseite und seine Innenseite kennenzulernen vermögen, so, daß er gewissermaßen zunächst in unserem Universum eine Versammlung von geistigen Wesenheiten darstellt, die in sich eine große Abgeschlossenheit haben. Nach außen hin verhält sich ja der Mond im Grunde genommen wie ein Spiegel des Universums.

[ 6 ] [Hier wird begonnen, an die Tafel zu zeichnen, siehe S.25] Wenn wir also hier die Erde haben und den Mond in die unmittelbare Nähe der Erde rücken, so ist für die alleräußerlichste Anschauung dies der Fall, daß er mit seiner Erscheinung das Sonnenlicht zurückwirft, so daß wir sagen können: Dasjenige, was vom Monde kommt, ist das auf ihn aufstrahlende und wieder zurückgeworfene Sonnenlicht. Er ist also eigentlich zunächst der Spiegel des Sonnenlichtes. Sie wissen ja, wie es die Natur eines Spiegels ist, daß man dasjenige sieht, was außer ihm ist, vor ihm ist, daß man aber gerade nicht dasjenige sieht, was hinter ihm ist. Nun ist der Mond nicht nur gewissermaßen der Spiegel des Sonnenhaften im Universum, sondern er ist überhaupt ein Spiegel für alles dasjenige, was strahlend auf ihn auftreffen kann, nur daß das Sonnenlicht dabei das allerstärkste ist. Aber alles, was an Weltenkörpern im Universum vorhanden ist, strahlt nach dem Monde, und der Mond strahlt wie ein Spiegel des Gesamtuniversums dieses Universum bildhaft nach allen Seiten wiederum zurück. So daß man sagen kann: Man hat das Universum eigentlich, wenn man es anschaut, doppelt vor sich, einmal, wie es in der Umwelt der Erde sich offenbart, und einmal, wie es zurückgestrahlt ist vom Monde. Die Sonnenstrahlen wirken mächtig. Sie wirken mächtig auch in ihrer Rückstrahlung vom Monde. Aber auch alles übrige, was im Universum räumlich strahlend sich offenbaren kann, wird vom Monde zurückgestrahlt, und man hat außer dem, was sich im Universum offenbart, noch diese Rückstrahlung des Universums vom Monde.

[ 7 ] Derjenige, der alle Einzelheiten des Mondes würde beobachten können, der, mit anderen Worten, ein Auge hätte für die Spiegelbilder, die der Mond nach allen Seiten vom Universum entwirft, der würde vom Monde her gespiegelt haben das ganze Universum. Nur allein dasjenige, was innerhalb des Mondes ist, das bleibt — wenn ich mich so ausdrücken darf — Geheimnis des Mondes, das bleibt verborgen, wie das, was hinter dem Spiegel steht, verborgen bleibt. Was hinter der Oberfläche des Mondes, also im Innern des Mondes selber drinnen ist, das ist vor allen Dingen bedeutsam durch seine geistige Seite.

[ 8 ] Die geistigen Wesenheiten, welche dieses Innere des Mondes bewohnen, sind Wesenheiten, die sich im strengsten Sinne von dem übrigen Universum abschließen. Sie leben wie in der Mondenfestung. Und nur derjenige, welcher es dahin bringt, zu dem Sonnenlichte eine solche Verwandtschaft zu bekommen, gewisse Eigentümlichkeiten des menschlichen Herzlebens so zur Entwickelung zu bringen, daß er die Rückstrahlung vom Monde nicht sieht, für den wird der Mond gewissermaßen seelisch durchsichtig, und er kann in diese Mondenfestung des Universums eindringen. Und er macht dann eine bedeutungsvolle Entdeckung. Er macht die Entdeckung, daß durch die Aussagen, durch die Lehren derjenigen Wesenheiten, die sich in voller Abgeschlossenheit wie zurückgezogen haben in diese Mondenfestung des Universums, wiederum geoffenbart werden können gewisse Geheimnisse, welche die Erde einmal besessen hat in ihren auserlesensten Geistern, die sie aber verloren hat.

[ 9 ] Und wenn wir heute zurückgehen in der Erdenentwickelung, so finden wir, daß, je weiter wir zurückgehen, wir desto weniger auf die abstrakten Wahrheiten treffen, die den Stolz der gegenwärtigen Menschheit ausmachen, aber wir kommen immer mehr und mehr auf Bildwahrheiten. Wir ringen uns dann durch die innerlich bedeutungsvollen Wahrheiten durch, die noch aufgeschrieben sind, die als ein letzter Nachklang der orientalischen Weisheit zum Beispiel in den Veden und im Vedanta erglänzen, wir ringen uns da durch zu den Uroffenbarungen der Menschheit, welche noch hinter den Mythen und Sagen liegen, und kommen zunächst voller Ehrfurcht und voller Erstaunen dazu, anzuerkennen, wie die Menschheit einmal eine großartige Weisheit besessen hat, die sie, ohne Anstrengung des Verstandes, als eine Gnade der geistigen Weltenwesen erhalten hatte. Und wir werden zuletzt zurückgeführt zu all dem, was einmal auf der Erde den damals schon auf Erden vorhandenen Urmenschen lehren konnten diese Wesenheiten, die sich nun in die Mondenfestung des Universums zurückgezogen haben, die mit dem Monde hinausgegangen sind aus der Erde. Die Menschen haben dann die Erinnerung bewahrt an dasjenige, was einstmals diese Wesenheiten geoffenbart hatten den ältesten Urvölkern der Menschheit, die noch etwas ganz anderes in ihrem Wesen hatten als die heutige menschliche Gestalt.

[ 10 ] Aber wenn man dieses Geheimnis — ich möchte es das Mondengeheimnis des Universums nennen — durchdringt, wird man gewahr, wie diese Wesenheiten, die heute in der Mondenfestung des Universums sich verankert haben, einmal die großen Lehrer der Erdenmenschheit waren, und wie die Erdenmenschheit verloren hat gerade dasjenige, was heute an Geistigem und Seelischem in dieser Universumsfestung verborgen liegt. Denn was der Erde noch zukommt vom Universum, es ist ja durchaus nur dasjenige, was die Außenfläche, gewissermaßen die Mauern dieser Festung zurückstrahlen von dem übrigen Weltenall.

[ 11 ] Es gehört dieses Mondengeheimnis zu den tiefsten Geheimnissen des alten Mysterienwesens. Denn was der Mond in seinem Innern enthält, das ist sozusagen die Urweisheit. Dasjenige aber, was der Mond zurückzustrahlen vermag aus allem Universum, das ist, was die Summe von Kräften bildet, welche unsere Tierwelt der Erde unterhalten, namentlich jene, die zusammenhängen mit der Geschlechtlichkeit der Tierwelt, die auch das Tierisch-Physische am Menschen unterhalten und zusammenhängen mit der physisch-sinnlichen Geschlechtlichkeit des Menschen. So daß die niedere Natur des Menschen ein Geschöpf ist desjenigen, was der Mond ausstrahlt, und das Höchste, was einmal die Erde besessen hat, in der Mondenfestung innerlich geborgen ist.

[ 12 ] In dieser Weise gelangt man durch eine solche Betrachtung allmählich heran an eine Kenntnis der Individualität des Mondes, an eine Kenntnis desjenigen, was er eigentlich ist, während alle andere Erkenntnis eben nur eine solche ist, die man erhalten würde von einem Menschen, wenn man einen Abdruck von ihm in Papiermache in einem Panoptikum fände. Man würde nichts wissen von der Individualität des Menschen, wenn man diesen Abdruck betrachtete, Ebensowenig weiß eine Wissenschaft, die nicht an die Initiation heran will, irgend etwas von der Individualität des Mondes.

[ 13 ] In gewissem Sinne ist ein Gegensatz zu dieser Mondenindividualität der äußerste Planet — wenigstens der für die Alten äußerste Planet, es sind ja später noch der Uranus und der Neptun dazugekommen, aber betrachten wir diese beiden letzteren jetzt nicht —, einen gewissen Gegensatz zu dieser Mondenindividualität bildet die Saturnindividualität [grün, Zeichnung S. 25]. Die Saturnindividualität ist so geartet, daß sie eigentlich von dem Weltenall selbst zwar in der mannigfaltigsten Weise angeregt wird, daß sie aber wenigstens auf die Erde von diesen Anregungen aus dem Weltenall nichts zurückkommen läßt, nichts hinstrahlt. Gewiß, auch der Saturn wird von der Sonne bestrahlt, aber dasjenige, was er von den Sonnenstrahlen wieder zurückwirft, hat keine Bedeutung für das irdische Leben, sondern der Saturn ist ganz und gar derjenige Weltenkörper unseres Planetensystems, der sich voll hingibt in seinem eigenen Wesen. Er strahlt sein eigenes Wesen in die Welt hinaus. Und wenn man den Saturn betrachtet, dann sagt er einem eigentlich immer, wie er ist. Während der Mond, wenn man ihn äußerlich betrachtet, einem sagt, wie alles andere in der Welt ist, sagt einem der Saturn gar nichts von dem, was er an Anregungen von der übrigen Welt empfängt, sondern er spricht immer nur von sich selbst. Er sagt nur das, was er selbst ist. Und dasjenige, was er selbst ist, enthüllt sich nach und nach wie eine Art Gedächtnis unseres Planetensystems.

[ 14 ] Der Saturn kommt einem vor wie derjenige Weltenkörper, der alles getreulich mitgemacht hat in unserem Planetensystem, aber sich auch alles in der Erinnerung, in dieser kosmischen Erinnerung, die er hat, treu bewahrt hat. Er schweigt über die Dinge der Gegenwart des Universums. Diese Dinge der Gegenwart des Universums nimmt er auf, verarbeitet sie in seinem inneren Seelisch-Geistigen. Die ganze Summe der Wesenheiten, die im Saturn wohnen, gibt sich zwar der Außenwelt hin, aber nimmt schweigend, stumm die Ereignisse der Welt in das Seelenhafte auf und erzählt nur von den vergangenen Ereignissen des Kosmos. Daher ist der Saturn, wenn er zunächst kosmisch betrachtet wird, etwas wie das wandelnde Gedächtnis unseres Planetensystems. Und er enthält eigentlich als ein treuer Mitteiler desjenigen, was im Planetensystem passiert ist, in dieser Art die Geheimnisse des Planetensystems.

[ 15 ] Während wir also, wenn wir die Weltengeheimnisse ergründen wollen, nach dem Monde vergeblich schauen, während wir uns sozusagen zu Vertrauten der Mondenwesen selber machen müssen, wenn wir von ihnen etwas erfahren wollen über die Weltengeheimnisse, ist solches beim Saturn nicht notwendig. Beim Saturn genügt ein Aufgeschlossensein für das Geistige: dann verwandelt sich der Saturn vor dem geistigen Auge, vor dem Seelenauge, in einen lebendigen Historiographen des Planetensystems. Er hält auch gar nicht zurück mit diesen Erzählungen, die er zu geben hat von alledem, was innerhalb des Planetensystems geschehen ist. Er ist in dieser Beziehung der volle Gegensatz der Mondenbildung, er spricht fortwährend. Und er spricht von der Vergangenheit des Planetensystems mit innerer Wärme und innerer Glut, so daß es eigentlich gefährlich ist, mit dem, was er im Weltenall spricht, intimer bekannt zu werden, weil er von den vergangenen Ereignissen des Weltenalls mit einer solchen Hingebung spricht, daß man ungeheuer lieb gewinnt diese Vergangenheit des Weltenalls. Er ist sozusagen fortwährend für denjenigen, der ihm seine Geheimnisse ablauscht, der ständige Verführer, das Irdische gering zu achten und sich ganz und gar zu vertiefen in das, was die Erde einmal war.

[ 16 ] Namentlich spricht er deutlich über alles das, was die Erde war, bevor sie Erde geworden ist. So daß er derjenige Planet in unserem Planetensystem ist, der einem die Vergangenheit unendlich teuer macht. Und jene Menschen, die nun eine irdische Hinneigung zum Saturn haben, das sind solche, die immer gern in die Vergangenheit blicken, die nicht gerne den Fortschritt haben, die das Vergangene immer wieder zurückführen möchten. Auf diese Art nähert man sich der Individualität des Saturn.

[ 17 ] Wieder von anderer Art ist zum Beispiel ein solcher Planet wie der Jupiter [gelb, Zeichnung S. 25]. Der Jupiter ist der Denker unseres Planetensystems, und das Denken ist vorzüglich dasjenige Element, was alle Wesenheiten pflegen, die sozusagen in seinem Weltterrain vereinigt sind. Schöpferische und empfangene Gedanken des Universums strahlen uns vom Jupiter zu. Der Jupiter enthält in Gedankenform alle die Bildungskräfte für die verschiedenen Wesen des Universums. Während der Saturn das Vergangene erzählt, zeigt der Jupiter, doch in lebendiger Darstellung, in lebendiger Auffassung, das ihm Entsprechende im Gegenwärtigen des Universums. Aber es ist notwendig, daß man in einer sinnigen Weise eingreift in dasjenige, was er dem Geistesauge darbietet. Wenn man nicht selbst Denken entfaltet, dann kommt man auch zum Beispiel — gebrauchen wir das Wort — als Hellseher an die Geheimnisse des Jupiter nicht heran, denn die Geheimnisse des Jupiter sind so, daß sie nur in Gedankenform sich enthüllen, und nur wenn man selbst denkt, kommt man an die Geheimnisse des Jupiter heran, denn er ist der Denker des Universums.

[ 18 ] Wenn man versucht, irgendeine bedeutsame Rätselfrage des Daseins in klarem Denken zu erfassen, und man kommt wegen der menschlich-physischen und ätherischen Hemmnisse, wegen der astralischen Hemmnisse namentlich, nicht zurecht, dann treten die Wesen des Jupiter ein, und sie helfen einem. Die Wesen des Jupiter sind gerade die Helfer des Menschlichen für die menschliche Weisheitsentfaltung. Und derjenige, der sich so recht angestrengt hat, um in klarem Denken zu entwickeln irgendwelche Rätselfrage des Daseins und nicht auf ihren Grund kommen kann, der findet, wenn er Geduld hat und diese Rätselfrage weiter im Gemüte bearbeitet, daß ihm die Jupitermächte sogar während der Nacht helfen. Und mancher, der ein 'Tagesrätsel dann wie aus einem Traume heraus in der Nacht besser gelöst hat als am vorigen Tage, müßte sich, wenn er die Wahrheit durchschauen würde, eigentlich gestehen: Es sind die Jupitermächte, die das menschliche Denken, wenn ich mich so ausdrükken darf, in Schwung und Bewegung und Verve bringen. Wenn also der Saturn der Gedächtnisbewahrer des Universums ist, so ist Jupiter der Denker des Universums. Dem Jupiter verdankt der Mensch alles das, was er von der geistigen Gegenwart des Universums hat. Dem Saturn verdankt der Mensch alles das, was er von der geistig-seelischen Vergangenheit des Universums hat.

[ 19 ] Es war aus einer gewissen Intuition heraus, daß gerade in Griechenland, wo man mit dem Geist so in der Gegenwart lebte, der Jupiter besonders verehrt wurde.

[ 20 ] Auch in demjenigen, was der Jupiter dem Jahreslauf verleiht, liegt für den Menschen in seiner ganzen Heranentwickelung die Anregung. Sie wissen ja, der Saturn geht, wenn wir seine scheinbare Bewegung genau ins Auge fassen, langsam, langsam herum: fast dreiRig Jahre braucht er. Jupiter geht schneller herum: zwölf Jahre etwa braucht er. Er gibt durch das, was er in seiner schnelleren Bewegung ist, dem menschlichen Bedürfnisse nach der Weisheit gerade die Genugtuung. Und wenn nach derjenigen Uhr, die gewissermaßen ausdrückt des Menschen Schicksal im Weltenall, eine besondere Beziehung besteht zwischen Jupiter und Saturn, dann kommen in dieses Menschenschicksal hinein jene wunderbaren leuchtenden Augenblicke, in denen mit dem Denken der Gegenwart vieles enthüllt wird über die Vergangenheit.

[ 21 ] Und suchen wir in der Weltgeschichte der Menschheit nach den Augenblicken, wo die Renaissance-Epochen eingetreten sind, wo ein Wiederheraufkommen alter Impulse eingetreten ist, wie etwa in der letzten Renaissancezeit, dann ist dieses Wiedererneuern alter Impulse durchaus zusammenhängend mit einer gewissen Konstellation zwischen Jupiter und Saturn.

[ 22 ] Aber, wie gesagt, in einem gewissen Sinne verschlossen ist schon der Jupiter, und seine Offenbarungen bleiben im Unbewußten, wenn der Mensch nicht durch ein aktives, in sich kräftiges, klares lichtvolles Denken ihnen entgegenkommt. Daher war in alten Zeiten, in denen das aktive Denken wenig entwickelt war, die Art, wie die Menschheit vorrückte, eigentlich immer davon abhängig, wie Jupiter zu Saturn stand. In Zeiten, in denen eine gewisse Konstellation zwischen Jupiter und Saturn war, offenbarte sich insbesondere den alten Menschen vieles. Der neuere Mensch ist mehr angewiesen darauf, die Dinge getrennt in ihrer Entwickelung zu nehmen, das heißt, das Saturngedächtnis und die Jupiterweisheit getrennt zu empfangen in seiner seelisch-geistigen Entwickelung.

[ 23 ] Gehen wir dann zum Mars über [orange, Zeichnung S. 25], so haben wir in dem Mars den Planeten, den man eigentlich — nicht wahr, eine Terminologie muß man ja haben — den vielsprechenden Planeten in unserem Planetensystem nennen kann. Er ist derjenige, der nicht, wie der Jupiter, mit seiner Weisheit in der Gedankenform zurückhält, sondern der eigentlich alles, was ihm zugänglich ist im Universum — und ihm sind ja nicht alle Dinge des Universums zugänglich, ich meine, den Seelen, die ihn bewohnen —, immer ausplaudert. Er ist der geschwätzigste Planet in unserem Planetensystem, er erzählt immer. Und er ist zum Beispiel ganz besonders wirksam, wenn Leute aus dem Schlaf, aus dem Traum heraus reden. Denn er ist auch im Grunde genommen derjenige Planet, der eine ungeheure Sehnsucht hat, immer zu reden, so daß er, wenn ihm irgend etwas von der menschlichen Natur zugänglich ist, wodurch er sie redselig machen kann, die Geschwätzigkeit anregt. Er ist der Planet, der wenig denkt, wenig Denker, aber viele Redner hat. Seine Geister stehen immer auf der Wacht, was sich da und dort in dem Universum darbietet, und dann reden sie davon mit einer großen Hingabe und mit einer großen Verve. Er ist derjenige, der in der mannigfaltigsten Weise im Verlaufe der Menschheitsentwickelung die Menschen anregt, Aussagen zu machen über die Weltengeheimnisse. Er hat seine guten und minder guten Seiten. Er hat seinen Genius und seinen Dämon. Der Genius wirkt so, daß die Menschen aus dem Universum heraus überhaupt die Impulse bekommen zur Sprache. Sein Dämon wirkt so, daß die Sprache in der verschiedensten Weise mißbraucht wird. Er ist — in einem gewissen Sinne kann man das sagen — der Agitator des Weltenalls zu nennen. Er will überreden, während der Jupiter nur überzeugen will.

[ 24 ] Noch wieder eine andere Stellung nimmt zum Beispiel die Venus ein [violett, Zeichnung S. 25]. Die Venus ist in einer gewissen Beziehung — ja, wie soll ich mich ausdrücken? — abweisend gegen das ganze Universum. Sie ist spröde gegen das Universum, sie will nichts wissen vom Universum. Sie betrachtet das Universum so, daß, wenn sie sich ihm aussetzen würde, sie dadurch, gerade durch das äußere Universum, ich möchte sagen, ihre Jungfräulichkeit verlieren würde. Sie ist furchtbar schockiert, wenn irgendein Eindruck aus dem äußeren Universum an sie herankommen will. Sie mag nicht das Universum, weist jeden Tänzer aus dem äußeren Universum ab. Das ist schwierig auszudrücken, weil natürlich die Verhältnisse in der Erdensprache ausgedrückt werden müssen, aber es ist eben so. Dagegen ist sie ungeheuer empfänglich für alles das, was gerade von der Erde kommt. Die Erde ist wirklich der Liebhaber der Venus in einem gewissen Sinne. Während der Mond ringsherum das ganze Universum spiegelt, spiegelt die Venus nichts von dem Universum, sie will nichts wissen von dem Universum, aber sie spiegelt liebevoll alles zurück, was von der Erde kommt. Man hat die ganze Erde mit allen ihren seelischen Geheimnissen noch einmal, wenn man mit dem Seelenauge die Geheimnisse der Venus belauscht.

[ 25 ] Es ist schon so, daß die Menschen auf Erden im Grunde nichts Rechtes im Geheimen ihrer Seele tun können, ohne daß es für denjenigen, welcher der Sache nachgeht, von der Venus herabgespiegelt wird. Sie schaut den Leuten allen tief ins Herz hinein, denn das interessiert sie, das läßt sie an sich herankommen. Also man hat alles, was im Intimsten auf der Erde lebt, auf der Venus noch einmal, und in einer Widerspiegelung, die merkwürdig ist. Sie verwandelt eigentlich in der Widerspiegelung alles so, wie der menschliche Traum die äußeren Ereignisse des physischen Lebens verwandelt. Sie nimmt die irdischen Ereignisse und verwandelt sie in Traumbilder. So daß eigentlich der ganze Gang, den die Venus um die Erde herum macht, diese ganze Sphäre der Venus, eigentlich eine Träumerei ist. Und in den mannigfaltigsten Traumgebilden leben die traumhaft verwandelten irdischen Menschengeheimnisse. Die Venus hat sogar sehr viel mit den Dichtern zu tun. Nur wissen das die Dichter natürlich nicht, aber sie hat sehr viel mit den Dichtern zu tun.

[ 26 ] Nun ist es aber sehr merkwürdig: ich sagte, sie ist abweisend gegen das ganze übrige Universum; das ist sie durchaus. Aber sie ist nicht in der gleichen Art abweisend gegen alles, was aus dem Universum kommt. Also ich möchte sagen, mit dem Gemüte wird von der Venus alles abgewiesen, was von dem Universum kommt, und nur dasjenige nicht abgewiesen, was von der Erde kommt. Jeden Tänzer, sagte ich, weist sie zurück, aber sie lauscht mit aller Aufmerksamkeit auf das, was der Mars redet. Sie verwandelt, sie durchleuchtet ihre traumhaft-irdischen Erlebnisse mit dem, was sie aus dem Universum durch den Mars übermittelt erhält.

[ 27 ] Alle solchen Dinge haben nun auch eine physische Seite. Von diesen Dingen gehen ja die Impulse aus für dasjenige, was in der Welt geschaffen wird, was in der Welt entsteht. Und aus dem, was sich da abspielt — allerdings, die Sonne ist dazwischen, die macht da Ordnung —, indem die Venus alles, was von der Erde kommt, aufnimmt und dann den Mars immer belauscht — sie will nicht, daß er es weiß, aber sie will ihn belauschen —, nun, aus dem bilden sich diejenigen Kräfte, die gerade zugrunde liegen den Organen der menschlichen Sprachbildung.

[ 28 ] Will man im Kosmos die Impulse für die menschliche Sprachbildung kennenlernen, dann muß man auf dieses merkwürdige Weben und Leben, das sich da abspielt zwischen Venus und Mars, hinschauen. So daß es, wenn das Schicksal gerade so spielt, eine große Bedeutung hat für die Entwickelung der Sprache irgendeines Volkes, wie Venus zu Mars steht: Eine Sprache wird innerlich vertieft, seelenvoll, wenn die Venus zum Beispiel in der Quadratur steht zum Mars. Dagegen wird eine Sprache seelenlos, schellend, wenn die Venus und der Mars in Konjunktion stehen und dies dann auf das betreffende Volk Einfluß hat. [Siehe «Nachweis der Korrekturen», S. 188.]

[ 29 ] So stellen sich diese Dinge dar, die sich als Impulse im Weltenall bilden und dann hereinwirken in das Irdische.

[ 30 ] Dann haben wir Merkur [blau, Zeichnung S. 25). Merkur ist derjenige Planet, welcher, im Gegensatze zu den anderen, eigentlich sich interessiert für das, was nicht sinnlicher, aber von solcher Natur ist, daß man es kombinieren kann. In ihm sind die Meister des kombinierenden Denkens, in Jupiter die Meister des weisheitsvollen Denkens. Und es ist so, daß wenn der Mensch aus dem vorirdischen Leben in das Dasein der Erde tritt, der Mondenimpuls dann derjenige ist, welcher die Kräfte liefert für sein physisches Dasein. Die Venus, die liefert die Kräfte für alles das, was Gemüts- und Temperamentsanlagen sind. Merkur aber liefert die Kräfte für alles das, was im Menschen Verstandes- und Vernunftanlagen sind, namentlich Verstandesanlagen. Es sind eben im Merkur verankert die Meister der kombinierenden Erkenntniskräfte.

[ 31 ] Und wiederum besteht in bezug auf den Menschen ein merkwürdiges Verhältnis zwischen diesen Planeten. Der Mond, der die herben, sich ganz in sich selbst zurückziehenden Geister enthält, der nur dasjenige, was aus dem Universum ihm zugestrahlt wird, wiederum zurückstrahlt, der baut eigentlich das Äußere, den Körper des Menschen auf. Der vereinigt in diesem Aufbauen des Körperlichen also die Vererbungskräfte. In ihm sitzen eben jene geistigen Wesenheiten, die in voller Abgeschlossenheit, ich möchte sagen, kosmisch sinnen über dasjenige, was von Generation zu Generation auf dem Umwege durch das Physische sich forterbt.

[ 32 ] Daher wissen ja die Menschen der gegenwärtigen Wissenschaft, weil sich die Mondenwesen so verschanzt halten in ihrer Festung, über die Vererbung gar nichts. Im Grunde genommen erscheint es einem tieferen Blick so, daß in der Gegenwart, wenn irgendwo in einem wissenschaftlichen Zusammenhang von Vererbung gesprochen wird, man eigentlich, wenn man eine kosmische Sprache redete, sagen könnte: Der ist mondverlassen; dagegen ist er marsbehext, denn er redet unter dem Einflusse der dämonischen Marskräfte von der Vererbung, aber er steht ganz fern den eigentlichen Vererbungsgeheimnissen.

[ 33 ] Venus und Merkur tragen mehr das Seelisch-Geistige des Karmischen in den Menschen hinein und bringen es in seiner Gemütsanlage, in seinem Temperament zum Vorschein. Dagegen haben Mars und namentlich Jupiter und Saturn, wenn der Mensch in einem richtigen Verhältnis zu ihnen steht, etwas Befreiendes. Sie reißen ihn los von allem Schicksalsbestimmten und machen ihn gerade zu einem freien Wesen.

[ 34 ] Man könnte in einer etwas verwandelten Form ein biblisches Wort gebrauchen. Saturn, welcher der treue Gedächtnisbewahrer des Universums ist, sagte eines Tages: Lasset uns den Menschen in seinem eigenen Gedächtnisse frei machen. — Und da wurde der Einfluß des Saturn ins Unbewußte hinuntergedrängt, der Mensch bekam sein eigenes Gedächtnis und mit ihm die Unterlage, das Unterpfand seiner persönlichen Freiheit.

[ 35 ] Ebenso ist der innere Willensimpuls, der im freien Denken liegt, der Gnade des Jupiter zu verdanken. Jupiter könnte eigentlich alle Gedanken der Menschen beherrschen. Er ist derjenige, bei dem man die gegenwärtigen Gedanken des ganzen Universums findet, wenn man sie sich zugänglich macht. Aber er hat sich ebenfalls zurückgezogen, er läßt die Menschen denken als freie Wesen.

[ 36 ] Und das freie Element, das in der Sprache ist, liegt darinnen, daß sogar Mars gnadenvoll geworden ist. Weil er sich sozusagen fügen mußte dem Ratschlusse der anderen sonnenfernen Planeten, nicht dem Menschen die Dinge weiter aufdrängen durfte, so ist der Mensch auch in der Sprache in einer gewissen Weise frei, nicht ganz frei, aber er ist in einer gewissen Weise frei.

[ 37 ] So daß von einer anderen Seite her Mars, Jupiter und Saturn die menschenbefreienden Planeten genannt werden können, dagegen Venus, Merkur und Mond die schicksalbestimmenden Planeten genannt werden müssen [Zeichnung S. 25).

[ 38 ] Zwischen diese Taten und Impulse der planetarischen Individualitäten stellt sich dann die Sonne hinein, gewissermaßen Harmonie schaffend zwischen dem Menschenbefreienden und dem Schicksalbestimmenden. So daß man in der Sonne diejenige Individualität hat, wo in einer wunderbaren Weise zusammenwirkt das schicksalbestimmend Notwendige, das Menschenbefreiende. Und derjenige allein versteht das, was eigentlich in dem lohenden, lodernden Sonnenlicht enthalten ist, der dieses Ineinanderweben und -leben von Schicksal und Freiheit, in dem sich in die Welt verbreitenden und wiederum in der Sonne sich warm zusammenhaltenden Lichte schaut.

[ 39 ] Auch mit der Sonne selbst kommen wir nicht zurecht, wenn wir sie bloß in dem anschauen, was die Physiker von ihr wissen. Wir kommen mit der Sonne nur zurecht, wenn wir sie in dem anschauen, was sie geistig-seelisch ist. Da ist sie dasjenige, was in der Wärme erglühen macht die Schicksalsnotwendigkeit und in der Flamme das Schicksal in Freiheit löst, und wiederum die Freiheit, wenn sie mißbraucht wird, zusammenballt zu dem wirksamen Substantiellen der Sonne. Die Sonne ist gewissermaßen die Flamme, in der die Freiheit phosphorisch im Weltenall erscheint, und sie ist zu gleicher Zeit die Substanz, in der, wie in sich zusammenballender Asche, die mißbrauchte Freiheit als Schicksal sich zusammenbackt, um weiter wirken zu können, bis dieses Schicksal wiederum seinerseits phosphorisch in die Flamme der Freiheit übergehen kann.