Das Miterleben des Jahreslaufes
in vier kosmischen Imaginationen
GA 229
12 Oktober 1923, Dornach
Vierter Vortrag
[ 1 ] Dringen wir jetzt vor von jener Betrachtung der Osterzeit, der Frühlingsfesteszeit, die wir das letzte Mal hier angestellt haben, zur Sommerzeit, dann kommen wir in die Notwendigkeit hinein, die Betrachtungen, die wir anstellen, viel geistiger anzustellen als für die vorhergehenden Jahreszeiten. Das könnte ein Widerspruch scheinen, ist aber keiner. Wir mußten bei der Weihnachtszeit ausgehen davon, wie das irdische Gestein, der Kalk, sich allmählich umändert, und haben das "dann zur Osterzeit hingeführt. Wir hatten überhaupt die Betrachtung so angestellt, daß wir gewissermaßen das Walten des Geistigen in dem Materiellen ins Auge gefaßt haben. Zur Sommerzeit, zur Hochsommerzeit wird der Mensch eigentlich hineinverstrickt in das Naturdasein. Das Naturdasein wird vom Frühling gegen den Sommer zu immer regsamer, immer innerlich gesättigter, und der Mensch selbst mit seinem ganzen Wesen wird in dieses Naturdasein hineinverwoben. So daß man sagen kann: Der Mensch macht während der Hochsommerzeit eine Art Naturbewußtsein durch. Er wird eins während des Frühlings, wenn er Gefühl und Empfindung dafür hat, mit allem Wachsenden, Sprießenden, Sprossenden. Er blüht mit der Blume, keimt mit der Pflanze, fruchtet auch mit der Pflanze, versetzt sich hinein in alles das, was draußen west und lebt. Dadurch erweitert er sein Dasein über das Naturdasein und es entsteht eine Art Naturbewußtsein. Dann muß, weil ja die Natur im Herbste abstirbt, also den Tod in sich trägt, der Mensch, wenn er mitlebt mit der Natur gegen den Herbst zu, gegen die Michaelizeit, diesen Tod auch in sich erleben; aber er darf ihn nicht mitmachen in seinem Selbst. Er muß sich über diesen Tod erheben. Es muß gerade an die Stelle dieses Naturbewußtseins die Stärkung, die Erkraftung des Selbstbewußtseins treten. Aber weil gerade das Naturbewußtsein in der Sommerglut am höchsten ist im Menschen, so ist es um so notwendiger für das Weltenall, daß dann dieses Weltenall, wenn der Mensch es nur will, dem Menschen das Geistige entgegenbringt.
[ 2 ] So dürfen wir eigentlich sagen: Der Mensch ist in die Natur verstrickt während der Sommerzeit. Aber wenn er die rechten Empfindungen, die rechten Gefühle dafür hat, dann kommt ihm aus der webenden Natur die objektive Geistigkeit entgegen. So daß also für das eigentlich Menschliche in der Johannizeit das äußere, objektive Geistige gesucht werden muß. Und das ist auch durchaus im Natur dasein vorhanden. Die Natur ist nur äußerlich die sprießende, sprossende, man möchte sagen die schlafende Wesenheit, die gerade aus den Schlafkräften die Mächte des Pflanzenwachstums, die eine Art schlafendes Naturdasein bilden, herausholt. Aber aus dieser schlafenden Natur offenbart sich, wenn der Mensch dafür einen Sinn hat, das Geistige, das die Natur alldurchwebt und alldurchlebt.
[ 3 ] Und so ist es, daß, wenn wir mit der geistigen Vertiefung in der Seele, mit dem schauenden Blicke das Naturdasein während des Hoch "sommers verfolgen, wir den Blick hinuntergerichtet finden in die Erdentiefen selber. Wir finden, wie die Gesteine in den Erdentiefen stärker als in einer sonstigen Jahreszeit ihr innerliches Kristallbildendes uns entgegentragen. Eigentlich hat man, wenn man mit dem imaginativen Blick in die Tiefen der Erde schaut zur Johannizeit, den Eindruck: Da unten webt und lebt es in Kristallformen, in denen sich das feste Erdreich konsolidiert, alles Kristallformen, Kristallformen, die gerade ihre Schönheit gewinnen während der Hochsommerzeit. Alles bildet sich da unten während der Hochsommerzeit in Linien, in Winkeln und Flächen. Und wenn man einen Gesamteindruck haben will, dann ist es dieses In-sich-Gefestigtsein der irdischen Kristallnatur, das sich finster-bläulich webt.
[ 4 ] Ich darf Ihnen vielleicht, obwohl ja eine solche Zeichnung natürlich nur ganz skizzenhaft und imaginativ sein kann, die ganze Situation auf die Tafel fixieren (siehe Tafel V). Also man möchte sagen: Wenn man den Blick hinunterwendet, so erhält man den Eindruck des Linienhaften, aber über das Ganze eine Bläue ergossen, und dieses Blau überall von jenen Linien durchzogen, die eigentlich silbern erglänzen, so daß überall da drinnen in dem Bläulichen Silbererglänzendes, Kristallisierendes ist (weiß). Es ist, als ob die irdische Natur ihre Gestaltungskraft in einer wunderbaren Plastik einem entgegentragen will, aber in einer Plastik, die man nicht so sehen soll, wie man sonst mit Augen sieht; sondern es ist so, daß man eigentlich sich selber aufgelöst fühlt in dieser Naturplastik, daß man eigentlich jede Linie, die da unten ist, jede silberglänzende Linie in sich fühlt. Man fühlt sich förmlich als Mensch herausgewachsen aus dem blauen Untergrunde des Erdenbodens, und man fühlt sich innerlich durchkraftet von den silberglänzenden Kristallinien. Das alles fühlt man als sein eigenes Wesen. Und wenn man dann zu sich kommt und sich frägt: Wie wirken denn eigentlich diese silberglänzenden Keristallinien, Kristallwellen in dir selber? Was ist denn das, was da in der Erde silberglänzend im Erdenblau webt und lebt? — dann weiß man: Das ist kosmischer Wille. Und man hat dann das Gefühl, man steht auf kosmischem Willen. Das ist, wenn man den Blick hinunterrichtet. Und wenn man den Blick in die Höhe richtet?
[ 5 ] Wenn man den Blick in die Höhe richtet, dann hat man den Eindruck des sich ausbreitenden kosmischen Intelligenten. Im Menschen ist im gegenwärtigen Stadium die Intelligenz ja, wie ich öfter beschrieben habe, noch nicht gar so viel wert. Aber zu der Hochsommerzeit, in den Höhen, da hat man das Gefühl: Es ist überall webende Intelligenz, aber webende Intelligenz nicht von einem Einzelwesen, sondern von vielen Wesen, die ineinanderleben, die miteinanderleben. So daß wir oben die sich ausbreitende webende Intelligenz haben, durch die das Licht sich hindurchlebt, die durchleuchtet scheinende, webende, lebende Intelligenz (gelblich) als den Gegensatz des Willens. Und während man unten das Gefühl hat: Da ist es bläulich finster, da ist eigentlich alles nur als Kräfte zu erleben —, hat man nach oben das Gefühl: Daisteigentlichalles so, daß es einenerleuchtet, wenn manes wahrnimmt, daß es einen mit einem Gefühl von Intelligenz durchdringt.
[ 6 ] Und nun erscheint innerhalb dieses leuchtenden Webens — ich kann es nicht anders sagen —, es erscheint eine Gestalt. Ich mußte Ihnen ja für die Herbsteszeit als die wesentlichste Gestalt, die aus dem Naturweben heraus sich vor unsere Seele stellt, Michael angeben. Inwiefern in die Weihnachtszeit hinein sich nach den alten Benennungen Gabriel stellt, davon werden wir noch sprechen. Das letzte Mal habe ich-Ihnen für die Osterzeit, für den Frühling, das Sich-Hinstellen der Gestalt Raphaels gezeigt. Er ist uns gewissermaßen, dieser Raphael, zuletzt entgegengetreten als der dramatische Vermittler, der uns die nötige Anbetung und Verehrung für dasjenige entgegenbringt, was OÖsterimagination, kosmische Osterimagination ist. Jetzt, für die Johannizeit, tritt uns, wenn ich es menschlich beschreibe — es ist natürlich das alles nur annähernd beschrieben —, es tritt uns sogleich ein außerordentlich ernstes Gesicht entgegen, ein ernstes Antlitz, das sich herauserhebt wie warm leuchtend aus der allgemeinen leuchtenden Intelligenz (roter Kopf in Gelb, Tafel V).
[ 7 ] Man hat die Impression, daß aus dieser leuchtenden Intelligenz sich diese Gestalt ihre Lichtleiblichkeit bildet. Und es muß so sein, damit diese Gestalt ihre Lichtleiblichkeit während der Hochsommerzeit bilden kann, das muß eintreten, was ich Ihnen beschrieben habe: daß die Elementargeister der Erdenwesen aufsteigen. Indem sie aufsteigen, verweben sie sich oben mit der leuchtenden Intelligenz. Diese leuchtende Intelligenz nimmt sie auf. Und aus dem, was da erglänzt, lichterglänzt in der leuchtenden Intelligenz, verleiblicht sich darinnen diese Gestalt, die ja auch von der alten instinktiven Hellseherkraft geahnt worden ist, und die wir mit demselben Namen noch bezeichnen können, mit dem sie damals benannt worden ist. Wir können also sagen: Zur Sommerzeit erscheint in der leuchtenden Intelligenz Uriel.
Herbst: Michael
Winter: Gabriel
Frühling: Raphael
Sommer: Uriel.
[ 8 ] Es ist strenger Ernst in dem, was da, aus dem Lichtesweben seine Leiblichkeit suchend, einem als Repräsentant der kosmisch webenden Kräfte in der Sommerzeit entgegentritt. Es sind die Dinge, die wir nun weiter beobachten können, wie die im Lichte vollbrachten Taten Uriels, Uriels, dessen eigene Intelligenz im Grunde genommen zusammengesetzt ist aus dem Ineinanderkraften der Planeten unseres Planetensystems, gestützt durch die Fixsternwirkungen der Tierkreisbilder, Uriels, der eigentlich in seinem eigenen Denken das Weltendenken in sich hegt. So daß man unmittelbar das Gefühl hat: Ihr leuchtend intelligenten Sommerwolken, in denen sich nach oben spiegeln die bläulichen Kristallgebilde des Erdenbodens unten, wie sich nach unten in den bläulichen Kristallgebilden des Erdenbodens wiederum spiegeln die leuchtenden, intelligenten Wolkengebilde, in euch, ihr leuchtenden Wolkengebilde, erscheint in der Hochsommerzeit mit ernstem Antlitz, imaginativ konzentriert, der Weltenverstand.
[ 9 ] Nun, die Taten, sage ich, dieses sich verkörpernden Weltenverstandes, dieser verkörperten kosmischen Intelligenz, sie sind Taten, die im Lichte gewoben werden. Sie bestehen darin, daß durch die Anziehungskraft, die in dieser konzentrierten Weltintelligenz Uriels liegt, die Silberkräfte ihren Weg hinauf nehmen (weiß), und daß im Lichte dieser auch innerlich leuchtenden Intelligenz, von der Erde aus gesehen, es erscheint wie das sich ausbreitende Sonnenlicht, das sich aber zum goldigen Scheine verdichtet. Und man hat unmittelbar das Gefühl: Jenes Silberige, das von unten nach oben strömt, wird aufgenommen von dem, was da sonnendurchleuchtet oben webt und lebt, und es wird das Erdensilber — es ist ein ganz richtiger Ausdruck, den ich jetzt gebrauche —, es wird das Erdensilber kosmisch-alchimistisch oben in das kosmische Gold verwandelt, das da oben webt und lebt. Und es ist ein fortwährendes Hinaufsprühen des Silberglänzenden, und oben ein fortwährendes Verwandeln des Silberglänzenden in Goldiges.
[ 10 ] Und dann bekommt man, wenn man dies weiter verfolgt durch die Augustzeit hindurch, den Eindruck einer Ergänzung der MichaelGestalt, wie ich sie Ihnen beschrieben habe. Ich habe Ihnen beschrieben, woraus das Schwert des Michael ist, woraus dann der Drache sein Leben webt. Aber man fragt sich in dieser ganzen leuchtenden Schöne, die gerade geistig aus dem webenden Kosmischen zur Hochsommerzeit erscheint: Woher bekommt Michael, der dann überleitet zur Michaelizeit, zur Herbsteszeit, woher bekommt Michael seine eigentümliche Kleidung, diese Kleidung, die bald aufleuchtet im Sonnengold, bald innerlich erglänzt wie in einer innerhalb der goldenen Falten ersprießenden silberglänzenden Strahlung, woher ist dieses goldig gewobene, silbererglänzende Michael—Gewand? Es ist dasjenige, was sich da oben bildet durch das hinaufstrahlende Silber, durch das oben über das strahlende Silber hinflutende Gold, in das eigentlich durch die Kraft der Sonnenwirkung das aus der Erde ausstrahlende Silberglänzende verwandelt wird. Und wir sehen allmählich gegen den Herbst zu, was die Erde an Silber hingegeben hat an den Kosmos, als Gold zurückkommen, und in dieser Kraft des in Gold verwandelten Silbers liegt dasjenige, was dann während der Winterzeit in der Erde vor sich geht, was ich Ihnen ja beschrieben habe: Das Sonnengold, das innerhalb der Urielherrschaft während der Hochsommerzeit in den Höhen sich gebildet hat, zieht in die Tiefen der Erde ein, durchwebt und durchwogt geistig die Tiefen der Erde, belebt dort dasjenige, was Leben sucht für das nächste Jahr während der tiefen Winterzeit.
[ 11 ] So sehen Sie, daß wir durchaus jetzt, wo wir in die Zeit des sprieBenden, sprossenden Lebens kommen, nicht sprechen können von geistdurchwobener Materie wie im Winter für die Erde, sondern wie wir sprechen müssen von materiedurchwobenem, nämlich von Silber und Gold durchwobenem Geist. Natürlich müssen Sie sich das alles nicht grob vorstellen, sondern in einer über alles menschliche Ermessen hinausgehenden Verdünnung müssen Sie sich die Silber— und Goldeswirkung vorstellen.
[ 12 ] Und hat man diesen Eindruck, dann erscheint es einem so, als ob eigentlich das alles eine Art Hintergrund nur wäre, als ob das alles kosmische Leuchtetaten wären, kosmische Lichttaten des Uriel. Denn man bekommt einen deutlichen Eindruck von dieser Gestalt des Uriel. Man bekommt einen deutlichen Eindruck auch von seinem Blick. Man bekommt die tiefste Sehnsucht, diesen merkwürdig nach unten gerichteten Blick des Uriel zu verstehen. Man bekommt den Eindruck, man muß sich umsehen, was dieser Blick bedeutet. Und man kommt erst darauf, einzusehen, was dieser Blick bedeutet, wenn man nun als Mensch selbst lernt, geistig noch tiefer hinunterzusehen in die blauen, silbererglänzenden Tiefen des Soemmererdbodens. Da weben sich, ich möchte sagen, in einer gewissen Weise störend, um diese silberglänzenden Kristallstrahlen herum sich auflösende, sich wieder ballende Gestaltungen, Gestaltungen, die bald sich zusammenballen, bald sich wieder auflösen.
[ 13 ] Nun kommt man darauf: Das sind — der Anblick muß für jeden Menschen anders sein — die menschlichen Fehler, die sich in ihrem Kontraste gegen die regelmäßig in sich konsequenten Naturkristallgestalten hier unten abheben. Und auf diesen Kontrast der Naturkristallisation in ihrer regelmäßigen Schöne und der menschlichen sich darüber webenden Fehler ist der ernste Blick des Uriel gerichtet. Hier wird zur Hochsommerzeit durchschaut, was im Menschengeschlechte noch unvollkommen ist gegenüber den regelmäßig sich aufbauenden Kristallgestaltungen. Da ist es, wo man, ich möchte sagen, aus dem ernsten Blick des Uriel den Eindruck empfängt: Es verwebt sich Natürliches mit Moralischem. Da steht nicht bloß die moralische Weltordnung in uns selber wie abstrakte Impulse, sondern wir sehen jetzt, während wir sonst das Naturdasein anschauen und nicht fragen: Lebt im Pflanzenwuchs Moralität? Lebt in der Kristallisation Moralität? —, wie sich auch naturhaft zusammenweben in der Hochsommerzeit menschliche Fehler und regelmäßige, in sich konsequente, in sich konsolidierte Naturkristallisation.
[ 14 ] Dagegen alles das, was menschliche Tugend, was menschliche Tüchtigkeit ist, das geht mit den silberglänzenden Linien nach oben und erscheint wie die einhüllenden Wolken des Uriel (rot), tritt sozusagen als in Kunstwerke, in Wolkenplastik verwandelte menschliche Tugend in die leuchtende Intelligenz ein.
[ 15 ] Man kann nicht bloß hinschauen auf das ernste, durch den Blick auf die Erdentiefen ernst werdende Antlitz—Auge des Uriel, sondern man kann auch hinschauen auf etwas, was, ich möchte sagen, wie flügelartige Arme oder armartige Flügel in ernster Mahnung da ist, und was gerade als Gebärde des Uriel wirkt, was in das Menschengeschlecht hineinleitet dasjenige, was ich nennen möchte das historische Gewissen. Hier in der Hochsommerzeit erscheint das historische Gewissen, das insbesondere in der Gegenwart außerordentlich schwach entwickelt ist. Das erscheint wie in der mahnenden Gebärde des Uriel.
[ 16 ] Natürlich müssen Sie sich das alles als Imagination vorstellen. Die Dinge sind ganz real, aber ich kann Ihnen natürlich nicht über diese Dinge so sprechen, wie der Physiker spricht vom Positiven und Negativen und vom Energiepotential und so weiter. Ich muß Ihnen in solchen Bildern sprechen, die leben. Aber was in diesen lebenden Bildern ausgedrückt wird, ist ja Wirklichkeit, ist da.
[ 17 ] Und hat man nun den Eindruck bekommen des Zusammenhanges des Menschen in bezug auf seine Moralität mit dem unteren Kristallhaften und mit dem oberen, in Schönheit erglänzenden menschlichen Tugendhaften, hat man diesen Zusammenhang des Menschen in sein innerliches Erleben aufgenommen, dann tritt einem entgegen die eigentliche Johanni—Imagination; dasjenige, was Johanni—Imagination ist, steht da, wie die Michael—Imagination, die ich Ihnen beschrieben habe, wie die Weihnachts—Imagination, die Oster—Imagination.
[ 18 ] Dann erscheint, wie eine Art Zusammenfassung, dieses Bild, das sich dem beobachtenden Geistesblicke ergibt: Oben, gewissermaßen beleuchtet durch die Augenkraft des Uriel, die Taube (weiß). Es ballt sich zum Bilde zusammen dasjenige, was unten silbererglänzende Bläue ist, was die Erdentiefen, verbunden mit den menschlichen Untüchtigkeiten und Fehlern darstellt, es konsolidiert sich in dem Bilde der Erdenmutter (blau), ob Sie es nun Demeter, ob Sie es Maria nennen. So daß, wenn man den Blick nach unten richtet, man eigentlich nicht anders kann, als in Imagination alle diese Geheimnisse der Tiefen zusammenzufassen als dasjenige, was die Stoffmutter alles Daseins ist, während man in dem, was sich oben konzentriert, in der fließenden Gestalt, alles das empfindet, was der Geistvater alles Daseins um uns herum ist.
[ 19 ] Und nun schaut man das Ergebnis des Zusammenwirkens des Geistvaters mit der Stoffmutter; dasjenige, was im schönsten Maße den Zusammenklang in sich trägt von Silber—Erdenwirkung und GoldesHimmelswirkung: zwischen dem Vater und der Mutter den Sohn (siehe Tafel V). So daß diese Imagination der Dreifaltigkeit auftritt, welche die eigentliche Johanni—Imagination ist. Der Hintergrund ist der schaffende, schauende, mahnende Uriel.
[ 20 ] Dasjenige, was eigentlich darstellt die Trinität, das sollte nicht einfach dogmatisch vor die Seele hingestellt werden. Dadurch erhält man den Eindruck, als ob eine solche Idee der Trinität, ein solches Bild der Trinität losgelöst sei von dem kosmischen Weben und Leben. Das ist es nicht. Es ist die Trinität zur Hochsommerzeit aus der kosmischen Wirkung heraus sich offenbarend, aus dem kosmischen Leben und Weben. Sie tritt heraus in einer innerlich überzeugenden Kraft, wenn man erst eingedrungen ist, ich möchte sagen, in die Mysterien des Uriel.
[ 21 ] Und wollte man da gerade die Johannizeit vor die Seele hinstellen, so müßte da sein der Bogenhintergrund, der Gewölbehintergrund mit dem Uriel, in der Wirkungsweise, wie ich sie Ihnen geschildert habe. Und gewissermaßen abheben müßte sich davon — das bedürfte ganz besonderer Vorrichtungen, um das darzustellen —, abheben müßte sich davon, ich möchte sagen in einer lebendigen, erst im Augenblicke heraufgerufenen Malerei, was ja erreicht werden könnte durch eine besonders kunstvolle Verwendung von Rauchmaterial oder dergleichen, abheben müßte sich davon die Imagination der Trinität. Das müßte, wenn vor den Menschen die wirkliche Imagination dieser Sache hintreten soll, zur Johannizeit hervorgerufen werden. Geradeso wie wir zur Osterzeit die Sache nur vollständig haben, wenn wir ins Dramatische hineinkommen, wenn wir so hineinkommen ins Dramatische, so daß wir im Mittelpunkte des Mysteriendramas, das sich da abspielen müßte, den lehrenden Raphael mit dem Menschen hätten, der in die Geheimnisse der heilenden Natur, in die Geheimnisse des heilenden Kosmos einführt, so müßte dasjenige, was man da schaut, was man schauen kann allerdings in webender Bildhaftigkeit, das müßte sich umsetzen zur Johannizeit in ein mächtiges Musikalisches. Aber aus diesem mächtigen Musikalischen müßte sozusagen das Weltengeheimnis, wie es der Mensch erlebt gerade zur Johannizeit, uns selber ansprechen.
[ 22 ] Und zu denken hätte man sich, wie das alles, was ich Ihnen beschrieben habe, in entsprechend künstlerischer Ausbildung auf der einen Seite ginge nach der bildenden Kunst. Aber dasselbe, was empfunden und gefühlt wird in bildender Kunst, das müßte sein Leben empfangen von den webenden Tönen, die verkörperten jenes dichterische Motiv, das unsere Seele durchwebt und durchlebt, indem wir uns selber hineinfühlen in diesen im Lichte wirkenden, im Lichte tätigen Uriel, der in uns hervorruft den mächtigen Eindruck der Dreifaltigkeit.
[ 23 ] Und da müßte dasjenige, was von unten herauf silbererglänzend strahlt, was oben sich offenbart in gestaltender Schöne des Lichtwirkens, das alles müßte in entsprechender Instrumentation zum Musikalischen gestaltet werden gerade zur Johannizeit, so daß der Mensch in dem Weben der Töne sein eigenes Miterleben mit dem Kosmos findet. Und es müßte herausklingen, weil in diesen webenden Tönen verkörpert, das Geheimnis des Zusammenseins des Menschen mit dem Kosmos zur Johannizeit. All das müßte drinnen sein. Es müßte der Mensch, wenn er hinaufschaut, das weltenwebende Gold erblicken, aus dem lichtstrahlenden Golde herausdringend die rötlich warme Gestalt des Uriel — das alles nicht feste Gestalt, das alles unmittelbares Leben — und auf die Erde gerichtet der Blick, wie ich ihn Ihnen beschrieben habe, der Blick des Uriel, die mahnende Gebärde. Das als das eine Motiv. Mit diesem einen Motiv, das in den Höhen ist, fühlt sich der Mensch nach der einen Seite verbunden, verbunden mit der leuchtenden kosmischen Intelligenz.
[ 24 ] Auf der andern Seite, nach unten, fühlt er sich verbunden mit demjenigen, was nach fester Gestaltung strebt, was in bläuliche Finsternis getaucht ist, aus der Silberiges herausstrahlt. Da fühlt er drunten dasjenige, was der stoffliche Untergrund des webend—lebendigen Geistdaseins ist. Die Höhen werden Mysterien, die Tiefen werden Mysterien, und der Mensch wird sich selbst Mysterium in den kosmischen Mysterien. Der Mensch fühlt bis in sein Gebein hinein die kristallgestaltende Kraft. Aber er fühlt auch, wie die kristallgestaltende Kraft, die ihm bis ins Gebein hineingeht, im Weltenvereine ist mit der da oben in den Höhen sich auslebenden Leuchtekraft. Der Mensch fühlt, wie alles, was durch das Menschengeschlecht an Moralischem geschieht in diesen Mysterien des Oberen, lebt und webt in diesen Mysterien des Unteren und in ihrer Vereinigung. Der Mensch fühlt sich nicht mehr als abgesondert von der Welt, der Mensch fühlt sich selber hineingestellt in die Welt, der Mensch fühlt sich gebunden nach oben an die leuchtende Intelligenz, in der er als in dem Weltenschoße seine eigenen besten Gedanken erlebt; der Mensch fühlt sich nach unten—bis in seine Gebeine hinein gebunden an die Weltenkristallisationskraft, und beides wieder miteinander verbunden, seinen Tod an das Geistleben des Alls gebunden, das Geistleben des Alls sich sehnend, im Erdentode Kristallkräfte und silberglänzendes Leben zu erwecken, zu erschaffen.
[ 25 ] Das alles müßte eben auch in Tönen angeschlagen werden, in Tönen, die diese vom Menschen zu erlebenden Motive auf ihren Flügeln tragen. Diese Motive sind da. Diese Motive braucht man nicht zu erfinden. Diese Motive können abgelesen werden aus dem kosmischen Tun des Uriel. In diesen Motiven gestaltet sich dasjenige, was Imagination ist, zur Inspiration.
[ 26 ] Aber der Mensch lebt selbst gewissermaßen wie eine verkörperte Inspiration, wie ein aus Inspiration bestehendes Wesen in diesen Mysterien von Oben und von Unten und in diesen Mysterien der Verbindung in der Mitte, in diesen Mysterien, zu denen der Geistvater hinaufweist, in diesen Mysterien, zu denen die Stoffmutter hinunterweist, in diesen Mysterien, deren Verbindung dadurch entsteht, daß der Christus aus dem Zusammenwirken des Geistvaters mit der Erdenmütter unmittelbar vor der menschlichen Seele steht als der tragende Weltengeist.
[ 27 ] Dasjenige, was sich da herauswebt aus all diesen kosmischen Geheimnissen, ich darf es etwa in der folgenden Weise vor Sie hinstellen. Es ist da, wie wenn der Mensch, hineingestellt in das Hochsommerweben, etwa das Folgende fühlen würde. Die ersten Worte würden so sein, wie etwa das Schauen des Uriel sich zur Inspiration verdichtet, verbunden mit den Geisttönen des ganzen Chors:
Schaue unser Weben,
Das leuchtende Erregen, } Höhen
Das wärmende Leben.Lebe irdisch Erhaltendes
Und atmend Gestaltetes } Tiefen
Als wesenhaft Waltendes.Fühle dein Menschengebeine
Mit himmlischem Scheine } Mitte Menschliches Innere
Im waltenden Weltenvereine.
[ 28 ] Man hat in diesen neun Zeilen hier die Mysterien der Höhen, die Mysterien der Tiefen, die Mysterien der Mitte oder auch des menschlichen Inneren. Und man hat die Zusammenfassung des Ganzen, indem einem wie eine kosmische Behauptung dieser Mysterien der Höhen, der Tiefen und der Mitte hineinklingt in das Ganze wie mit Orgel— und Posaunentönen:
Es werden Stoffe verdichtet,
Es werden Fehler gerichtet,
Es werden Herzen gesichtet.
[ 29 ] Und Sie haben dasjenige, was den Menschen erhaltend, erhebend, befestigend, gerade als von Inspiration erfüllte Johanni—Imagination, von Imagination erfüllte Johanni—Inspiration zur Johannisommerzeit durchdringen kann, eben dieses:
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Das leuchtende Erregen,
Das wärmende Leben.Lebe irdisch Erhaltendes
Und atmend Gestaltetes
Als wesenhaft Waltendes.Fühle dein Menschengebeine
Mit himmlischem Scheine
Im waltenden Weltenvereine.Es werden Stoffe verdichtet,
Es werden Fehler gerichtet,
Es werden Herzen gesichtet.
