Anthroposophie
Eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren
GA 234
27 Januar 1924, Dornach
Dritter Vortrag
[ 1 ] Heute möchte ich noch einen der Vorträge halten, in dem ich hinweisen möchte von einem gewissen Gesichtspunkte aus auf die Beziehung des exoterischen Lebens zu dem esoterischen Leben, ich könnte auch sagen, auf den Übergang vom gewöhnlichen Wissen zu der Initiationserkenntnis, wobei das durchaus gilt, was ich bei der Beschreibung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, in dem Mitteilungsblatt für Mitglieder, schon vorgebracht habe: daß nämlich alles, was Initiationswissenschaft ist, wenn es in die entsprechenden Ideen gebracht wird, durchaus von jedem Menschen, der nur vorurteilslos genug ist, eingesehen werden kann. So daß man nicht sagen kann, man müsse erst selber der Initiation teilhaftig werden, um dasjenige zu durchschauen, was von seiten der Initiationswissenschaft gesagt werden kann. Aber ich möchte heute die Beziehung desjenigen, was als Anthroposophie auftritt, zu dem, was ihre Quelle, die Quelle der Anthroposophie, die eigentliche Initiationswissenschaft ist, das möchte ich heute einmal erörtern, und dann werden die drei Vorträge, die ich nun mit dem heutigen zusammen zu halten habe, eine Art Einleitung bilden zu dem, was nun das nächste Mal kommen wird als Vorträge in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft: die Gliederung des Menschen nach physischem Leib, Ätherleib und so weiter.
[ 2 ] Wenn wir uns das heutige Bewußtsein des Menschen ansehen, so müssen wir sagen: Er steht auf der Erde da, schaut in die Weiten des Kosmos hinaus, ohne bei sich zu fühlen eine Beziehung desjenigen, was ihn auf der Erde umgibt, und seiner selbst zu diesen Weiten des Kosmos. Denn man nehme nur einmal, wie abstrakt beschrieben wird, was Sonne ist, von all denjenigen, die heute Anspruch darauf machen, gültige Erkenntnis zu vertreten. Man nehme, wie alles das beschrieben wird von den gleichen Menschen, was Mond ist, wie wenig eigentlich daran gedacht wird, ob denn, abgesehen davon, daß einem die Sonne im Sommer warm macht, im Winter einen kalt läßt, daß der Mond ein beliebter Genosse von Liebenden ist in gewissen Verhältnissen, ob abgesehen davon, an die Beziehung des Menschen, der auf der Erde hier wandelt, zu den Weltenkörpern gedacht wird.
[ 3 ] Und dennoch, man braucht, um diese Beziehungen zu erkennen, nur ein wenig jenen Blick in sich zu entwickeln, von dem ich Ihnen in der vorletzten Stunde hier sprach, den Blick für das, was Menschen einmal gewußt haben, Menschen, die näher standen der großen Welt als die heutigen Menschen, Menschen, die ein naives Bewußtsein gehabt haben, mehr einen Erkenntnisinstinkt gehabt haben als eine verstandesmäßige Erkenntnis, die aber dennoch zu sinnen wußten über die Beziehung der einzelnen Gestirne zum Wesen und Leben des Menschen.
[ 4 ] Nun, diese Beziehung des Menschen zu den Gestirnen und damit zu dem ganzen Weltenall, sie muß wiederum in das Bewußtsein der Menschen hinein. Und sie wird hineinkommen, wenn Anthroposophie in der richtigen Weise gepflegt wird.
[ 5 ] Der Mensch vermeint heute, sein Schicksal, sein Karma hier auf der Erde zu haben; er blickt nicht nach den Sternen hinauf, um in ihnen Andeutungen für dasjenige zu finden, was Menschengeschick ist. Anthroposophie soll eben den Anteil des Menschen an der übersinnlichen Welt ins Auge fassen. Aber alles, was den Menschen zunächst umgibt, gehört ja eigentlich nur zu seinem physischen Leib und höchstens zu seinem Ätherleib. Und wenn wir noch so weit hinausschauen in die Sternenwelten, wir sehen die Sterne durch ihr Licht. Licht ist eine Äthererscheinung. Alles was wir in der Welt wahrnehmen durch das Licht, ist eine Äthererscheinung. So daß wir noch so weit hinausblicken können im Weltenall, über das Ätherische kommen wir, indem wir einfach den Blick herumschweifen lassen, nicht hinaus.
[ 6 ] Aber das menschliche Wesen geht ins Übersinnliche. Der Mensch trägt sein übersinnliches Wesen aus dem vorirdischen Dasein in das irdische herein, und er trägt es nach dem Tode wiederum hinaus, dieses übersinnliche Wesen, sowohl aus dem physischen wie aus dem ätherischen Wesen.
[ 7 ] Im Grunde genommen ist nichts von den Welten, die der Mensch betreten hat, bevor er auf die Erde herabgestiegen ist, die er betreten wird, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen sein wird, es ist nichts von diesen Welten im weiten Umkreise, der um uns herum auf der Erde oder im Kosmos draußen ist.
[ 8 ] Aber zwei Tore sind, die hinausführen aus der Welt des Physischen und aus der Welt des Ätherischen in das Übersinnliche hinein. Das eine Tor ist der Mond, das andere Tor ist die Sonne. Und wir verstehen Mond und Sonne nur im rechten Sinne, wenn wir uns bewußt werden, daß sie Tore sind zur übersinnlichen Welt, Tore zur übersinnlichen Welt, die sehr viel zu tun haben mit dem, was der Mensch als sein Schicksal hier auf der Erde erlebt.
[ 9 ] Betrachten wir von diesem Gesichtspunkte aus zunächst einmal das Mondendasein. Der Physiker weiß nichts über dieses Mondendasein, als daß durch den Mond das zurückgeworfene Sonnenlicht erscheint. Er weiß: Mondenlicht ist ein zurückgeworfenes Sonnenlicht. Aber dabei bleibt er stehen. Er berücksichtigt nicht, daß dasjenige, was als solcher Weltenkörper vor unserem physischen Auge als Mond sichtbar wird, einmal verbunden war mit unserem Erdendasein.
[ 10 ] Der Mond war einmal eingegliedert in das Erdendasein; er war ein Stück Erde. Er hat sich in Urzeiten von der Erde losgetrennt und wurde ein eigener Weltenkörper draußen im Himmelsraume. Aber nicht nur das, daß er ein eigener Weltenkörper im Himmelsraume wurde, was zuletzt ja doch auch als eine physische Tatsache ausgelegt werden kann, ist der Fall, sondern noch etwas wesentlich anderes.
[ 11 ] Wer mit vollem Ernste zurückgeht in der Betrachtung der Menschheitszivilisation und Menschheitskultur, der findet, wie in alten Zeiten über die Erde eine Urweisheit verbreitet war, eine Urweisheit, von der eigentlich vieles abstammt von dem, was noch in unsere Zeiten hereinragt und eigentlich viel gescheiter ist als dasjenige, was heute durch die Wissenschaft erkundet werden kann. Und wer sich von diesem Gesichtspunkte aus zum Beispiel einmal die Veden Indiens oder die Jogaphilosophie betrachtet, der wird vor allen Dingen eine tiefe Ehrfurcht bekommen vor dem, was ihm da mehr in dichterischer Form, in einer heute ungewohnten Form entgegentritt, was aber noch eigentlich um so mehr Ehrfurcht einflößen muß, je mehr er sich darein vertieft. Und wenn man nicht mit der heutigen trockenen, nüchternen Art an diese Dinge herantritt, sondern wenn man sie in all ihrer innerlich aufrüttelnden und doch tiefen Weise auf sich wirken läßt, dann kommt man eben dazu, auch aus äußeren Dokumenten es begreiflich zu finden, wenn Geisteswissenschaft, Anthroposophie, sagen muß aus ihren Erkenntnissen heraus: Es hat einmal eine, wenn auch nicht in Form des Verstandes auftretende, sondern mehr in dichterischer Form über unsere Erde sich ausbreitende Urweisheit gegeben.
[ 12 ] Aber der gegenwärtige Mensch ist ja durch seinen physischen Leib darauf angewiesen, dasjenige, was ihm an Weisheit entgegentritt, immerhin so zu begreifen, daß das Werkzeug dieses Begreifens das Gehirn ist. Dieses Gehirn als Werkzeug des Begreifens hat sich erst im Laufe langer Zeiten entwickelt. In der Zeit, als die Urweisheit auf Erden war, war ein heutiges Gehirn nicht vorhanden. Die Weisheit war dazumal Geschöpfen eigen, die nicht in einem physischen Leib lebten.
[ 13 ] Es gab einmal Genossen der Menschen auf der Erde, die nicht in einem physischen Leib lebten. Und das waren die großen Urlehrer der Menschheit, die von der Erde verschwunden sind. Nicht nur daß der physische Mond in den Weltenraum hinausgegangen ist, diese Wesenheiten sind mit dem Monde in das Weltenall hinausgegangen. So daß derjenige, der mit wirklicher Einsicht nach dem Monde hinsieht, sich sagt: Da droben ist eine Welt, welche Wesen in sich hat, die einmal hier auf Erden unter uns lebten, uns gelehrt haben in unseren früheren Erdenleben, und die sich jetzt nach der Mondenkolonie zurückgezogen haben. Nur dann, wenn man in dieser Art die Dinge betrachtet, kommt man auf die Wahrheit.
[ 14 ] Nun, der Mensch innerhalb seines physischen Leibes kann heute eigentlich nur, wenn ich so sagen darf, in ganz schwachem Aufguß dasjenige betrachten, was einmal Urweisheit war. Er besaß etwas von dieser Urweisheit in uralten Zeiten, wo eben diese Urweisheitslehrer die Lehrer der Menschen waren. Da nahm er auf mit seinem Instinkt, nicht mit dem Verstande, diese Urweisheit auf denjenigen Wegen, durch die höhere Wesenheiten ihm sich offenbaren konnten, als nur solche Wesenheiten, die in einem physischen Leibe sind.
[ 15 ] Und so weist uns all dasjenige, was mit dem Monde zusammenhängt, auf die menschliche Vergangenheit. Diese menschliche Vergangenheit ist für den heutigen Menschen abgestreift. Er hat sie nicht mehr. Aber er trägt sie doch in sich. Und während wir zwischen unserer Geburt und unserem Tode mit jenen Wesenheiten, von denen ich eben gesprochen habe, die einstmals Erdenwesen waren, jetzt Mondenwesen geworden sind, während wir in unserem heutigen Zustande zwischen Geburt und Tod mit diesen Wesenheiten nicht eigentlich uns begegnen, begegnen wir ihnen sehr wohl im vorirdischen Dasein, in dem Dasein zwischen dem Tode und einer neuen Geburt. Und dasjenige, was wir in uns tragen und was uns immer weist über unsere Geburt hinaus in ein früheres Dasein, was herauftönt aus unserem Unterbewußtsein, nicht zur vollen verstandesmäßigen Klarheit kommt, was daher vielfach mit Gemüt und Gefühl des Menschen zu tun hat, das weist nicht nur den Instinkt der Liebenden nach dem Mondenschein hin, sondern das weist gerade denjenigen nach dem Mondenschein hin, der auf diese unterbewußten Impulse der menschlichen Natur einen Wert legen kann.
[ 16 ] Dasjenige, was wir unbewußt in uns tragen, das weist uns nach dem Monde hin. Und ein Zeugnis dafür mag uns schon das sein, daß eben der Mond einmal mit der Erde vereinigt war, und die Wesen, die ihn bewohnen, auch einmal mit der Erde vereinigt waren. In dieser Art ist der Mond ein Tor zum Übersinnlichen. Und wer ihn richtig studiert, der wird auch aus seiner äußeren physischen Beschaffenheit einen Anhaltspunkt dafür gewinnen, daß er ein Tor zum Übersinnlichen ist.
[ 17 ] Denn versuchen Sie nur einmal, sich die Art zu vergegenwärtigen, in der der Mond mit seinen Bergen und so weiter beschrieben wird. All das weist Sie darauf hin, daß diese Berge, diese ganze Mondenkonfiguration, so nicht sein können, wie sie auf der Erde sind. Es wird ja immer betont, daß der Mond keine Luft, kein Wasser hat zum Beispiel. Es ist anders. Es ist eben so mit der Mondenkonfiguration, daß sie ist, wie die Erdenkonfiguration einmal war, ehe sie ganz mineralisch geworden ist.
[ 18 ] Ich führe Ihnen das heute aphoristisch an. Ich müßte eine ganze Anzahl meiner Bücher vorlesen, müßte manches aus Zyklen vorlesen, wenn ich das zusammenfassen sollte als Ergebnis desjenigen, was hier schon entwickelt worden ist, was ich jetzt vorbringe. Aber ich will zunächst nur charakterisieren, einleitend, wie Anthroposophie vorgeht. Sie führt in der Art, wie ich es gezeigt habe, aus dem Physischen wiederum hinaus in das Geistige. Und naturgemäß denken lernt der Mensch durch Anthroposophie, während er ja heute gar nicht naturgemäß denken kann.
[ 19 ] Sehen Sie, der Mensch weiß heute, daß die physische Substanz seines Leibes oftmals in seinem Erdenleben ausgewechselt wird. Wir schuppen fortwährend ab. Wir schneiden uns die Nägel. Aber so geht alles aus dem Inneren nach der Oberfläche, und schließlich ist dasjenige, was im Zentrum unseres Leibes ist, an der Oberfläche. Wir schuppen es ab. Und keiner von Ihnen, meine lieben Freunde, darf glauben, daß dasjenige, was von Fleisch und Blut, überhaupt von physischer Substanz heute hier auf diesem Stuhle sitzt, auch da gesessen hätte, wenn Sie vor zehn Jahren dagewesen wären. Das alles ist ausgetauscht. Was ist denn geblieben? Ihr Seelisch-Geistiges ist geblieben. Davon weiß man heute wenigstens, wenn man es auch nicht immer bedenkt, daß alle die Menschen, die heute hier auf ihren Stühlen sitzen, nicht dieselben Muskeln und dieselben Knochen gehabt hätten vor zehn oder zwanzig Jahren, wenn sie hier gesessen hätten.
[ 20 ] Wenn die Leute nach dem Mond hinaufschauen, so haben sie so ungefähr das Bewußtsein: dasjenige, was die äußere physische Substanz des Mondes ist, war vor Jahrmillionen schon so. Es war nämlich ebensowenig so, wie der heutige physische Leib des Menschen vor zwanzig Jahren so war. Allerdings, die physischen Substanzen der Sterne tauschen sich nicht so schnell aus. Aber so lange brauchen sie nicht dazu, als die Physiker heute für die Sonne berechnen. Diese Rechnungen stimmen todsicher, aber sie sind falsch. Ich habe das früher schon öfter erwähnt. Sehen Sie, ich sagte, Sie können berechnen, wie sich die innere Konfiguration Ihres Herzens zum Beispiel verändert, sagen wir, von Monat zu Monat. Nun rechnen Sie es aus durch drei Jahre hindurch. Und Sie rechnen dann ganz exakt, wie nun diese Konfiguration des Herzens vor dreihundert Jahren war, oder wie es in dreihundert Jahren sein wird. Sie kriegen sehr schöne Zahlen heraus. Die Rechnung ist absolut richtig. Rechnungen können ganz richtig sein, aber das Herz war ja noch nicht da vor dreihundert Jahren, wird auch nach dreihundert Jahren nicht da sein.
[ 21 ] So rechnen aber heute die Geologen. Sie beobachten die Schichten der Erde, rechnen aus, wie sich diese Schichten im Laufe der Jahrhunderte verändern, multiplizieren die Sache und sagen: Nun ja, vor zwanzig Millionen Jahren war es so! Es ist genau dieselbe Rechnung mit demselben Sinn — nur war alles das von der Erde vor zwanzig Millionen Jahren noch nicht da und wird nach zwanzig Millionen Jahren wieder nicht da sein.
[ 22 ] Aber ganz davon abgesehen: Geradeso wie der Mensch dem Stoffwechsel unterliegt, so unterliegen alle Himmelskörper dem Stoffwechsel. Und wenn Sie hinaufsehen nach dem Monde: vor einer gewissen Anzahl von Jahrtausenden war die Substanz, die wir heute sehen, ebensowenig in dem Monde drinnen, wie Ihre Substanz vor zehn Jahren auf dem Stuhl gesessen hat. Dasjenige, was den Mond erhält, das sind die Wesenheiten, das ist das Geistig-Seelische in ihm; geradeso wie das Geistig-Seelische in Ihnen das ist, was Sie erhält.
[ 23 ] Und erst, wenn wir wissen, daß einmal der physische Mond hinausgegangen ist in den Weltenraum! Aber dasjenige, was da physisch hinausgegangen ist, das wechselt fortwährend seine Substanz, diejenigen Wesenheiten aber, die den Mond bewohnen, sie bleiben auf ihm, die sind das Bleibende, ganz abgesehen nun von ihrem Wandel auch durch wiederholte Mondenleben und so weiter; aber darauf wollen wir heute nicht eingehen.
[ 24 ] Wenn man den Mond derart betrachtet, so bekommt man schon eine Art Wissenschaft vom Monde, die sich nicht nur in den Kopf, die sich in das Herz des Menschen einschreibt. Man bekommt eine Beziehung zu dem geistigen Kosmos, betrachtet den Mond als das eine der Tore zu dem geistigen Kosmos. Alles was in den Tiefen unseres Wesens drunten vorhanden ist, nicht nur die unbestimmten Liebesgefühle, um es nochmals zu erwähnen, sondern alles was in den unterbewußten Tiefen der Seele vorhanden ist, was das Ergebnis ist früherer Erdenleben, hängt mit dem Mondendasein zusammen. Mit demjenigen, was unser gegenwärtiges Dasein ist, mit dem entreißen wir uns dem Mondendasein. Fortwährend entreißen wir uns dem Mondendasein. Wenn wir durch unsere Sinne nach außen sehen oder hören, wenn wir mit unserem Verstande denken, wenn wir also dasjenige, was nicht aus den Tiefen des Seelenlebens heraufkommt und was wir deutlich als ein Vergangenes, das in uns wirkend war, erkennen, wenn wir nicht das betrachten, sondern wenn wir betrachten, was uns immer wieder in die Gegenwart hereinreißt, dann werden wir ebenso an das Sonnendasein gewiesen, wie wir durch das Vergangene an das Mondendasein gewiesen werden. Nur daß die Sonne auf uns wirkt auf dem Umwege durch den physischen Menschenleib. Wenn wir uns selbständig durch unsere Willkür dasjenige aneignen wollen, was uns die Sonne gibt, so müssen wir eben diese Willkür, diesen Verstand in Erregung bringen. Und mit dem, was wir Menschen heute durch unseren regsamen Verstand einsehen, durch unsere Vernunft, kommen wir lange nicht so weit, als wir instinktiv dadurch kommen, daß einfach eine Sonne im Weltenall ist.
[ 25 ] Ein jeder weiß, oder kann es wenigstens wissen, daß die Sonne nicht nur uns jeden Morgen aufweckt, um uns aus der Finsternis zum Licht zu rufen, sondern daß die Sonne in ihm Quell der Wachstumskräfte ist, aber auch Quell der seelischen Wachstumskräfte.
[ 26 ] Dasjenige, was in diesen seelischen Kräften aus der Vergangenheit herüberwirkt, hängt mit dem Monde zusammen, dasjenige, was in der Gegenwart wirkt, aber wozu wir uns eigentlich durch unsere Willkür erst entwickeln werden in der Zukunft, das hängt von der Sonne ab.
[ 27 ] Ebenso wie der Mond auf unsere Vergangenheit weist, so weist uns die Sonne auf die Zukunft. Und wir blicken hinauf zu den beiden Gestirnen, zu dem des Tages, zu dem der Nacht, und blicken oben auf die Verwandtschaft dieser beiden Gestirne, denn sie senden uns beide dasselbe Licht. Und wir blicken in uns, blicken auf all dasjenige, was in unser Schicksal einverwoben ist durch das, was wir in der Vergangenheit durchgemacht haben als Menschen und erblikken in diesem in unser Schicksal als Vergangenes Einverwobenes unser inneres Mondendasein. Und wir erblicken in dem, was immerzu als Schicksal bestimmend herantritt in der Gegenwart, das Sonnenhafte, nicht nur dasjenige, was in der Gegenwart wirkt, sondern was in die Zukunft hineinwirkt. Und wir sehen, wie sich Vergangenes und Zukünftiges im Menschenschicksal ineinanderwebt.
[ 28 ] Und wir können im Menschenleben dieses näher betrachten, wie also Vergangenes und Zukünftiges zusammenhängt. Nehmen wir an, zwei Menschen finden sich zu irgendeiner Lebensgemeinschaft in einem gewissen Lebensalter. Wer nicht nachdenkt über so etwas, wer nicht nachsinnt, nun, der sagt: Da war ich, da war der andere, da war der Ort, zum Beispiel Müllheim, und in Müllheim haben wir uns gefunden. — Er denkt nicht weiter darüber nach.
[ 29 ] Derjenige der tiefer nachdenkt, verfolgt das Leben des einen, der vielleicht dreißig Jahre alt geworden ist, das des anderen, der vielleicht fünfundzwanzig Jahre alt geworden ist, als sie sich gefunden haben. Er wird sehen können, wie merkwürdig, wie wunderbar das Leben dieser beiden Menschen von ihrer Geburt auf Erden an, Schritt für Schritt sich so entwickelt hat, daß sie zuletzt an diesem Ort sich zusammengefunden haben. Man kann schon sagen: Von den entferntesten Orten finden sich die Leute dann irgendwo einmal in der Mitte des Lebens zusammen. Und es ist so, als ob sie alle ihre Wege so angeordnet hätten, daß sie sich zusammenfinden.
[ 30 ] Aber das alles können sie ja nicht mit Bewußtsein voneinander gemacht haben, denn sie hatten sich noch gar nicht gesehen, oder wenigstens nicht so beurteilt, daß sie in einer solchen Weise sich finden. Das alles verläuft im Unbewußten. Wir machen die Wege zu wichtigen Lebensabschnitten, zu wichtigen Lebenspunkten im tiefsten Unbewußten. Und aus diesem Unbewußten heraus wird das Schicksal zunächst gewoben.
[ 31 ] Wenn wir dann solch einen Menschen hören wie Goethes Freund Knebel, der im höchsten Alter gesagt hat: Schaue ich zurück in mein Leben, so kommt es mir vor, als ob jeder Schritt derart angeordnet gewesen wäre, daß ich an einem bestimmten Punkte zuletzt ankommen mußte —, so fangen wir an, solche lebenserfahrenen Leute zu verstehen.
[ 32 ] Dann aber tritt der Moment ein, wo dasjenige, was nun zwischen diesen Menschen sich abspielt, in vollem Bewußtsein sich abspielt. Sie lernen sich kennen, sie lernen ihre Eigenschaften, Temperamente, Charaktere kennen, sie finden Sympathien oder Antipathien miteinander und so weiter.
[ 33 ] Prüfen wir nun, wie das mit dem Weltenall zusammenhängt, so finden wir: Dasjenige, was Mondenkräfte sind, war wirksam in den Wegen, die die Menschen genommen haben bis zu dem Momente, wo sie sich gefunden haben. Dann beginnt die Sonnenwirkung. Da treten sie gewissermaßen in das helle Licht der Sonnenwirkung ein. Da sind sie mit ihrem eigenen Bewußtsein immer dabei und da beginnt Zukunft die Vergangenheit zu beleuchten, wie draußen im Weltenall die Sonne den Mond beleuchtet. Und indem die Zukunft die Vergangenheit beleuchtet, erhellt wiederum die Vergangenheit die Zukunft des Menschen, wie der Mond die Erde mit zurückgeworfenem Lichte beleuchtet.
[ 34 ] Nun frägt es sich aber, ob wir im Leben auch unterscheiden können zwischen den Dingen, die sonnenhaft im Menschen sind, und denen, die mondenhaft im Menschen sind. Schon das Gefühl kann manches doch unterscheiden, wenn man es tiefer und nicht oberflächlich nimmt. Schon in der Kindheit, schon in der Jugend des Menschen begegnet dieser anderen Menschen, die nur in ein äußeres Verhältnis zu ihm treten, an denen er vorübergeht, die an ihm vorübergehen, vielleicht aber trotzdem recht viel mit ihm zu tun haben. Sie alle waren in der Schule; der geringste Teil von Ihnen kann sagen, daß er Lehrer gehabt hat, zu denen er tiefere Beziehungen gehabt hat; aber es wird immerhin den einen oder den anderen geben, der sich sagen wird: O ja, da war ein Lehrer, der hat auf mich einen solchen Eindruck gemacht, daß ich habe werden wollen wie er; oder auch, er hat auf mich einen solchen Eindruck gemacht, daß ich ihn am liebsten von der Erde wegwünschte. Es kann Antipathie sein, es kann Sympathie sein.
[ 35 ] Und auch im späteren Leben tritt das so ein. Wir finden andere Menschen. Sie beschäftigen sozusagen unseren Verstand nur, höchstens den ästhetischen Sinn. Denken Sie nur, wie oft kommt es vor, daß jemand einen anderen Menschen kennengelernt hat; trifft er dann da oder dort Menschen, die den auch kennen, so verständigt man sich miteinander, indem man ihn für einen Prachtskerl oder einen ekelhaften Kerl erklärt. Es ist ein ästhetisches Urteil, oder aber es ist ein verstandesmäßiges Urteil. Es gibt aber anderes. Es gibt menschliche Beziehungen, die nicht bloß im Verstande oder im ästhetischen Urteil sich erschöpfen, sondern die auf den Willen gehen, und zwar sehr stark auf den Willen gehen, wo wir nicht bloß in der Kindheit sagen, wir möchten so werden wie dieser, oder wir möchten ihn wegwünschen von der Erde — wenn ich die radikalen Dinge anführe —, sondern wo wir im tiefsten Unterbewußten in unserem Willen berührt werden, wo wir sagen: Der Mensch, der uns da begegnet, ist nicht nur von uns angeschaut worden so, daß wir ihn gut oder böse, gescheit oder töricht finden und dergleichen mehr, sondern wir möchten gerne das tun aus uns heraus, was sein Wille will, und wir möchten gar nicht den Verstand anstrengen, um ihn zu beurteilen; wir möchten all das, was er als Eindruck auf uns gemacht hat, in unseren Willen aufnehmen.
[ 36 ] Es gibt diese zwei Verhältnisse zu den Menschen. Die einen wirken auf unseren Verstand oder höchstens auf den ästhetischen Sinn; die anderen wirken auf unseren Willen, in unsere tiefere seelische Wesenheit hinein. Wofür ist das ein Zeugnis? Sehen Sie, wirken Menschen auf unseren Willen, fassen wir nicht nur eine starke Antipathie oder Sympathie, sondern möchten wir willentlich das, was wir als Sympathie und Antipathie empfinden, ausleben, dann waren diese Menschen mit uns im vorigen Erdenleben irgendwie verbunden. Machen die Menschen nur einen Eindruck auf unseren Verstand oder ästhetischen Sinn, dann treten sie in unser Leben herein, ohne mit uns im vorigen Erdenleben verbunden gewesen zu sein.
[ 37 ] Aber schon daraus sehen Sie: Im Menschenleben, im menschlichen Schicksal namentlich, wirken zusammen Vergangenheit und Gegenwart in die Zukunft hinein. Denn dasjenige, was wir nun mit den Menschen erleben, trotzdem sie nicht in unseren Willen hineinsprechen, das wird im folgenden, im zukünftigen Erdenleben wiederum zum Ausdruck kommen.
[ 38 ] So wie in derselben Bahn Sonne und Mond kreisen, miteinander eine Beziehung haben, so haben im Menschenwesen Vergangenheit: Menschen-Mondenhaftes, und Zukunft: Menschen-Sonnenhaftes miteinander zu tun. Und wir können schon dazu kommen, zu Sonne und Mond hinaufzuschauen und in ihnen nicht nur die äußeren Lichtkörper zu sehen, sondern das, was uns in den Weiten des Kosmos draußen unser eigenes Schicksal in seinem Ineinanderverwobenwerden abspiegelt. Wie zu gewissen Zeiten das Mondenlicht in das Sonnenlicht, das Sonnenlicht in das Mondenlicht übergeht, so gehen in unsere Schicksale immer Vergangenheit und Zukunft ineinander über, verweben sich ineinander. Ja, im einzelnen Falle der Menschenbeziehung verweben sie sich ineinander.
[ 39 ] Nehmen wir die Wege, die die Menschen durchgemacht haben, der eine durch dreißig Jahre, der andere durch fünfundzwanzig Jahre. Sie treffen sich. Alles, was sie durchgemacht haben, der eine bis zum fünfundzwanzigsten Jahre, der andere bis zum dreißigsten Jahre, gehört dem Mondenhaften im Menschen an. Jetzt aber, indem sie sich kennenlernen, indem sie sich bewußt gegenübertreten, treten sie in das Schicksalmäßig-Sonnenhafte ein und verweben nun Zukunft und Vergangenheit miteinander, um wiederum weiter das Schicksal zu weben für künftige Erdenleben.
[ 40 ] Und so sieht man an der Art und Weise, wie das Schicksalhafte an den Menschen herantritt, wie in dem einen Falle Mensch auf Mensch wirkt nur auf den Verstand, auf den ästhetischen Sinn, im anderen Falle aber auf den menschlichen Willen und das mit dem Willen verbundene Gefühl.
[ 41 ] Sehen Sie, so weit, als ich Ihnen bisher die Dinge erzählt habe wie gesagt, ich will heute nur aphoristisch erzählen, um Ihnen den Weg der Anthroposophie und den Weg ihrer Quelle, der Initiationswissenschaft, darzulegen, wir werden es in der Zukunft in allen Einzelheiten genau machen —, so weit kann dieses durch unmittelbare Erkenntnis von jedem erlebt werden. Und man kann erkennend auf das Schicksal hinblicken. Jenes eigentümliche, innere intime Herauftauchen des anderen Menschen in einem selbst weist auf vergangenes Karma hin. Wenn ich einen Menschen so empfinde, daß er eigentlich mich innerlich ergreift, nicht nur in den Sinnen und im Verstande, sondern innerlich erfaßt, daß mein Wille daran engagiert ist, wie er mich erfaßt, ist er karmisch aus der Vergangenheit mit mir verknüpft. Mit einem etwas feineren, intimeren Sinne kann der Mensch also fühlen, wie ein anderer mit ihm karmisch verknüpft ist.
[ 42 ] Wenn nun aber dasjenige eintritt, was als eine gewisse Stufe beim Menschen kommen kann, wenn er durchmacht, was ich beschrieben habe in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» oder im zweiten Teil meiner «Geheimwissenschaft im Umriß», dann erlebt er die ganze Sache noch in wesentlich anderer Weise. Wenn also beim Menschen die Initiation eintritt, dann erlebt er nicht nur den anderen Menschen, mit dem er karmisch verknüpft war, in der Art, daß er sich sagt: Er wirkt auf meinen Willen, er wirkt in meinem Willen —, sondern er erlebt den anderen Menschen tatsächlich persönlich in sich. Und tritt einer, der initiiert ist, einem anderen Menschen, mit dem er karmisch verbunden ist, entgegen, dann ist dieser andere Mensch so in ihm mit einer selbständigen Sprache, mit selbständigen Außerungen und Offenbarungen, daß er aus ihm spricht, wie sonst ein Mensch, der neben uns steht, zu uns spricht. Was also sonst nur gefühlt wird im Willen, die karmische Verbindung, die tritt für den Initiierten so auf, daß der andere Mensch aus ihm redet, wie sonst ein neben ihm stehender Mensch. So daß also für den mit Initiationswissenschaft Ausgestatteten das karmische Gegenübertreten bedeutet: der andere Mensch wirkt nicht nur auf seinen Willen, sondern er wirkt in ihm so stark, wie sonst ein neben ihm stehender Mensch wirkt.
[ 43 ] Sie sehen, dasjenige, was sonst in einer unbestimmten, bloß willens- und gemütshaften Weise sich ankündigt für das gewöhnliche Bewußtsein, das wird für das höhere Bewußtsein zur völligen Konkretheit erhoben. Sie werden sagen: Ja, dann geht aber derjenige, der initiiert ist, in sich mit dem Bündel all der Leute herum, mit denen er karmisch verbunden ist. — Es ist aber auch so. Erkenntnis erlangen beruht eben nicht bloß darauf, daß man etwas mehr reden lernt, als die anderen Leute reden, aber geradeso redet wie diese, sondern es ist wirklich das Erwerben eines anderen Stückes Welt.
[ 44 ] Will man also reden darüber, wie Karma in den Menschen wirkt, so daß ihr gegenseitiges Schicksal gezimmert wird, so muß man die Bekräftigung seiner Rede hernehmen können von dem Wissen, wie die anderen Menschen in einem reden, wie sie wirklich zu einem Stück des eigenen Menschen werden.
[ 45 ] Stellt man das aber dann dar, so braucht es für den, der nicht initiiert ist, nichts Jenseitiges zu bleiben, sondern er kann sich sagen und wird es sich bei gesunden Sinnen sagen: Gewiß, sprechen höre ich den, der mit mir karmisch verbunden ist, nicht in mir; aber ich fühle ihn. Ich fühle ihn in meinem Willen und in der Art und Weise, wie mein Wille aufgerüttelt wird durch ihn. — Und man lernt verstehen diese Aufrüttelung des Willens. Man lernt dasjenige verstehen, was man im gewöhnlichen Bewußtsein erlebt, und was man durch nichts anderes verstehen kann als dadurch, daß man es hört aus der Initiationswissenschaft schildern in seiner wahren konkreten Bedeutung.
[ 46 ] Worauf es mir aber heute ganz besonders ankam, das ist dies, daß nun wirklich das, was sonst in einer gewissen nebulosen Art in das Bewußtsein eintritt, dieses Gefühl von karmischer Verknüpftheit mit dem anderen, für den Initiierten ein konkretes Erlebnis wird. Und so wie man das für das Karma, für das Schicksal des Menschen schildern kann, so kann man das schildern für alles dasjenige, was Initiationswissenschaft wirken kann.
[ 47 ] Es kann noch manches andere dem Menschen ankündigen, wie er karmisch mit einem anderen verbunden ist. Einzelne von Ihnen werden wissen, wenn sie das Leben betrachten: Man begegnet Menschen im Leben, von denen man nicht träumt; man kann lange mit ihnen zusammenleben, man kann nicht von ihnen träumen. Anderen Menschen begegnet man — man kriegt sie aus dem Traume gar nicht wieder los. Kaum hat man sie gesehen, so träumt man schon in der nächsten Nacht von ihnen, und immer wieder und wiederum treten sie in den Träumen auf.
[ 48 ] Träume sind dasjenige, was im Unterbewußten besonders figuriert. Menschen, von denen wir gleich träumen, wenn wir sie erleben, das sind sicher solche, mit denen wir karmisch verbunden sind. Menschen, von denen wir nicht träumen können, machen nur einen oberflächlichen Eindruck auf unsere Sinne; wir begegnen ihnen im Leben, ohne daß wir karmisch mit ihnen verbunden sind.
[ 49 ] Was in den Tiefen unseres Willens lebt, ist wie ein wacher Traum. Und für den Initiierten wird dieser wache Traum eben ein vollinhaltliches Bewußtsein. Daher hört er denjenigen, der karmisch mit ihm verbunden ist, aus sich sprechen. Selbstverständlich bleibt er immer vernünftig, so daß er nicht herumgeht und mit allen möglichen Leuten, die mit ihm sprechen, dann auch aus diesen als Initiierter spricht; aber er gewöhnt sich unter Umständen auch an, in ganz konkreter Weise, auch wenn er ihnen nicht räumlich gegenübersteht, die Menschen, die mit ihm karmisch verbunden sind und aus ihm sprechen, wie im Zwiegespräch richtig anzusprechen, wobei durchaus Dinge zutage treten, die auch eine reale Bedeutung haben. Doch das sind Dinge, die ich dann in der Zukunft einmal schildern werde.
[ 50 ] So kann man das Bewußtsein des Menschen vertiefen beim Hinaufschauen in die Weiten des Kosmos, so kann man es vertiefen beim Hineinschauen in den Menschen. Und je mehr man in den Menschen selber hineinschaut, desto mehr lernt man dasjenige verstehen, was in den Weiten des Kosmos ist. Man sagt sich dann: Ich blicke nicht mehr in der Weise bloß in die Gestirnswelt hinein, daß ich da leuchtende Scheiben oder leuchtende Kugeln sehe, sondern es erscheint mir das, was im Kosmos draußen ist, als kosmisch gewobenes Schicksal. Die menschlichen Schicksale auf der Erde sind dann die Abbilder der kosmisch gewobenen Schicksale. Und wenn man gründlich weiß, daß sich die Substanz in einem Weltenkörper ändert, austauscht, wie die Substanz des Menschen, dann wird man wissen, daß es gar keinen Sinn hat, von abstrakten Naturgesetzen bloß zu reden. Diese Gesetze sind ja ganz gut, aber nicht für die Erkenntnis. Man darf die Naturgesetze nicht als etwas ansehen, was Erkenntnis gibt. Es ist damit geradeso wie bei Versicherungsgesellschaften. Man versichert dort sein Leben. Wodurch können solche Versicherungsgesellschaften bestehen? Dadurch, daß man eines Menschen wahrscheinliche Lebensdauer ausrechnet. Aus der Anzahl derjenigen Menschen, die von so und so viel Fünfundzwanzigjährigen das dreißigste Lebensjahr erreichen und so weiter, kann man dann ausrechnen, wie viele Jahre wahrscheinlich ein Dreißigjähriger noch lebt; danach versichert man ihn. Und man kommt gut durch mit der Versicherung. Das Versicherungsgesetz gilt. Aber keinem Menschen würde es einfallen, das mit seinem innersten Wesen nun in Einklang zu bringen. Sonst müßte er doch sagen: Ich bin dazumal mit dreißig Jahren versichert worden, weil mein wahrscheinlicher Tod mit fünfundfünfzig Jahren eintritt. Er müßte sich sagen: Jetzt muß ich doch sterben mit fünfundfünfzig Jahren. Er wird niemals die Konsequenz daraus ziehen, trotzdem die Rechnung durchaus stimmt; aber die Konsequenz bedeutet gar nichts für das wirkliche Leben.
[ 51 ] Naturgesetze sind auch nur errechnet. Sie sind gut dafür, daß wir sie technisch verwenden können; sie sind gut dazu, Maschinen machen zu können, wie wir die Menschen versichern können nach Versicherungsgesetzen; aber in das Wesen der Dinge führen sie nicht hinein. In das Wesen der Dinge führt nur das wirkliche Erkennen der Wesenheiten selber hinein.
[ 52 ] Was die Astronomen ausrechnen an Naturgesetzen des Himmels, das ist im Menschenleben wie die Versicherungsgesetze. Was eine wirkliche Initiationswissenschaft über das Wesen dessen, was da als Sonne und Mond ist, erkundet, das ist so, wie wenn ich denjenigen, der nach seiner Police lange gestorben sein müßte, nach zehn Jahren doch noch finde. Es lag in seinem Wesen, weiterzuleben.
[ 53 ] Das wirkliche Geschehen hat im Grunde genommen gar nichts mit den Naturgesetzen zu tun. Die Naturgesetze sind gut für die Anwendung der Kräfte. Aber die Wesenheit muß durch Initiationswissenschaft erkannt werden.
[ 54 ] Nun, damit habe ich Ihnen den dritten der Vorträge gegeben, durch die ich eigentlich nur andeuten wollte, wie der Ton sein soll in der Anthroposophie. Wir werden nun beginnen, die Konstitution des Menschen in etwas anderer Weise zu schildern, als es in meiner «Theosophie» geschehen ist, aufbauend eben eine anthroposophische Wissenschaft, eine anthroposophische Erkenntnis aus den Fundamenten heraus. Sehen Sie die drei Vorträge, die ich bisher gehalten habe, gewissermaßen als Probe an, wie anders als das gewöhnliche Bewußtsein dasjenige Bewußtsein spricht, das in die wirkliche Wesenheit der Dinge hineinführt.
