Anthroposophie
Eine Zusammenfassung nach einundzwanzig Jahren
GA 234
1 Februar 1924, Dornach
Vierter Vortrag
[ 1 ] Ich werde nun in den mehr elementarischen Betrachtungen, die ich in der letzten Zeit begonnen habe, heute nach einer gewissen Richtung hin fortfahren. Ich habe in dem ersten Vortrage dieser Serie darauf aufmerksam gemacht, wie von zwei Seiten her dem Menschen das wirklich innerliche Herzensbedürfnis erwächst, die Wege der Seele zur geistigen Welt hin zu finden, oder wenigstens zu suchen. Die eine Seite ist diejenige, die von der Natur her kommt, die andere Seite ist diejenige, die von der inneren Erfahrung, von den inneren Erlebnissen her kommt.
[ 2 ] Nun wollen wir uns heute doch noch einmal in ganz elementarer Weise diese beiden Seiten des menschlichen Lebens vor Augen stellen, um dann zu sehen, wie tatsächlich im Unterbewußten Impulse wirken, die von da aus den Menschen in alles hineintreiben, was er an Erkenntnis anstrebt aus den Bedürfnissen seines Lebens heraus, was er an Künstlerischem anstrebt, was er an Religiösem anstrebt und so weiter. Ich möchte sagen, Sie können ganz einfach den Gegensatz, den ich hier meine, an sich selbst in jedem Augenblicke betrachten.
[ 3 ] Nehmen Sie eine ganz einfache Tatsache: Sie sehen sich selber in irgendeinem Teil Ihres Körpers einmal an. Sie sehen Ihre Hand an. Sie sehen Ihre Hand genau ebenso an, was zunächst das Anschauen, die Erkenntnis betrifft, wie Sie irgendeinen Kristall, irgendeine Pflanze, irgend etwas in der Natur anschauen.
[ 4 ] Indem Sie diesen Teil Ihres physischen Menschen sehen und mit der Anschauung durch das Leben gehen, finden Sie eben jenes, ich möchte sagen, in das ganze menschliche Erleben tragisch Eingreifende, von dem ich gesprochen habe. Sie finden, das, was Sie da sehen, wird einmal Leichnam, wird zu etwas, von dem man sagen muß: Nimmt die äußere Natur es auf, so hat diese äußere Natur eben nicht die Fähigkeit, nicht die Macht, etwas anderes zu tun damit, als es zu zerstören. In dem Augenblicke, wo der Mensch innerhalb der physischen Welt Leichnam geworden ist und in irgendeiner Form dieser Leichnam den Elementen übergeben wird, ist keine Rede mehr davon, daß die menschliche Gestalt in all das Substantielle, das Sie anschauen können an sich selbst, hineingegossen ist, das diese menschliche Gestalt erhalten kann.
[ 5 ] Nehmen Sie alle Naturkräfte zusammen, die Sie zum Inhalte irgendwelcher äußeren Wissenschaft machen können, alle diese Naturkräfte sind einzig und allein imstande, den Menschen zu zerstören, aufzubauen niemals. Jede vorurteilsfreie Betrachtung, die nicht aus der Theorie heraus, sondern aus den Erfahrungen des Lebens heraus geholt ist, führt dazu, sich zu sagen: Wir schauen um uns herum die Natur, die wir begreifen — wir wollen jetzt nicht von dem reden, was zunächst durch äußeres Erkennen nicht zu begreifen ist —, wir schauen die Natur, insofern sie zu begreifen ist. Ja, wir sind als Menschheit in der neueren Zeit so stolz darauf geworden, das, was wir durch unsere Einsicht in die Natur erhalten, als die Summe der Naturgesetze anzusehen; wir fühlen uns ungemein vorgeschritten, indem wir so und so viele Naturgesetze kennengelernt haben. Das Reden über den Fortschritt ist sogar durchaus berechtigt. Aber es ist doch einmal so, daß alle diese Naturgesetze in ihrer Wirkungsweise nur die eine Möglichkeit haben, den Menschen zu zerstören, ihn niemals zu bilden. Die menschliche Einsicht gibt ja zunächst keine Möglichkeit, etwas anderes durch das Hinausschauen in die Welt zu erhalten als diese den Menschen zerstörenden Naturgesetze.
[ 6 ] Nun blicken wir in unser Inneres. Wir erleben, was wir unser Seelenleben nennen: unser Denken, das ja mit einer ziemlichen Klarheit vor unserer Seele stehen kann; wir erleben unser Fühlen, das schon weniger klar vor unserer Seele steht, und unser Wollen; nun, das steht mit voller Unklarheit vor der Seele. Denn zunächst kann kein Mensch mit dem gewöhnlichen Bewußtsein davon sprechen, daß er eine Einsicht darin hat, wie irgendeine Absicht, einen Gegenstand zu ergreifen, hinunterwirkt in diesen ganzen komplizierten Organismus von Muskeln und Nerven, um Arme und Beine zuletzt zu bewegen. Dasjenige, was da hineinarbeitet in unseren Organismus, vom Gedanken ausgehend bis zu dem Augenblick, wo wir wieder den Gegenstand gehoben sehen, ist in völliges Dunkel gehüllt. Aber es wirkt ein unbestimmter Impuls in uns zurück, herauf, der uns sagt: Ich will das. — Dadurch schreiben wir uns auch das Wollen zu. Und so sagen wir von unserem Seelenleben, wenn wir in uns hineinschauen: Nun Ja, wir tragen in uns ein Denken, ein Fühlen, ein Wollen.
[ 7 ] Aber nun kommt die andere Seite, die schon in einer gewissen Beziehung wiederum ins Tragische hineinführt. Wir sehen, daß mit jedem Schlafe dieses ganze Seelenleben des Menschen versinkt und jedesmal beim Aufwachen neu entsteht. So daß, wenn wir einen Vergleich gebrauchen wollen, wir sehr gut sagen können, dieses Seelenleben ist so wie eine Flamme, die ich anzünde und dann wieder auslösche.
[ 8 ] Aber wir sehen mehr. Wir sehen, daß mit gewissen Zerstörungen in unserem Organismus dieses Seelenleben mit zerstört wird. Wir sehen außerdem dieses Seelenleben abhängig von der körperlichen Entwickelung dieses Organismus. Im kleinen Kinde ist es traumhaft vorhanden. Es wird allmählich heller und heller. Aber dieses Hellerwerden hängt ja ganz mit der Entwickelung des körperlichen Organismus zusammen. Und wenn man alt wird, wird es wiederum schwächer. Das Seelenleben hängt mit der Entwickelung und mit der Dekadenz des Organismus zusammen. Wir sehen also, wie das aufflammt, abglimmt.
[ 9 ] So gewiß wir auch wissen: Das, was wir da als seelisches Leben haben, hat ganz gewiß ein Eigenleben, ein Eigendasein, aber es ist abhängig in seinen Erscheinungen von dem physischen Organismus, so ist das doch nicht alles, was wir über dieses Seelenleben sagen können. Sondern dieses Seelenleben hat einen Einschlag, der vor allen Dingen dem Menschen wertvoll sein muß im Leben, denn von diesem Einschlag hängt eigentlich sein ganzes Menschentum, seine menschliche Würde ab. Das ist der moralische Einschlag.
[ 10 ] Wir können noch so weit in der Natur herumgehen, moralische Gesetze können wir aus der Natur nicht gewinnen. Die moralischen Gesetze müssen ganz innerhalb des Seelischen erlebt werden. Aber sie müssen auch innerhalb des Seelischen befolgt werden können. Es muß also eine Auseinandersetzung bloß im Inneren des Seelischen sein. Und wir müssen es ansehen als eine Art Ideal des Moralischen, daß wir als Menschen auch Moralprinzipien folgen können, die uns nicht aufgedrängt sind. Solange wir sagen müssen: Das, was uns unsere Triebe, Instinkte, Leidenschaften, Emotionen und so weiter aufdrängen, ist in uns — gut, es muß der Mensch dies oder jenes verrichten; der Mensch kann nicht ein abstraktes Wesen werden, das bloß moralischen Gesetzen folgt. Aber das Moralische beginnt eben doch erst dann, wenn diese Emotionen, Triebe, Instinkte, Leidenschaften, Temperamentsausbrüche und so weiter unter die Herrschaft dessen gebracht werden, was einer rein seelischen Auseinandersetzung mit den rein geistig erfaßten moralischen Gesetzen entspricht.
[ 11 ] In dem Augenblicke, wo wir uns unserer menschlichen Würde recht bewußt werden und fühlen, daß wir nicht sein können wie ein Wesen, das nur von der Notwendigkeit getrieben wird, da erheben wir uns tatsächlich in eine Welt, die eine ganz andere ist als die natürliche Welt.
[ 12 ] Und was nun das Beunruhigende ist, was, solange eine menschliche Entwickelung besteht, immer dazu geführt hat, über das unmittelbar sichtbare Leben hinauszustreben, das rührt eigentlich — so sehr dabei unterbewußte und unbewußte Momente mitspielen — von diesen Gesetzen her, daß wir uns auf der einen Seite anschauen als körperliches Wesen, aber dieses körperliche Wesen angehörig sehen einer Natur, die es nur zerstören kann; daß wir auf der anderen Seite uns innerlich erfahren als ein seelisches Wesen; dieses seelische Wesen aber, das glimmt auf, das glimmt ab, und ist doch mit unserem Wertvollsten verbunden, mit dem moralischen Einschlag.
[ 13 ] Und es ist nur einer ganz tiefen Unehrlichkeit unserer Zivilisation zuzuschreiben, wenn die Menschen sich in einer furchtbaren Illusion einfach über das hinwegsetzen, was in diesem polarischen Gegensatze zwischen dem Anschauen des Äußeren und dem Erfahren des Inneren besteht. Erfaßt man sich, ohne eingeengt zu sein in jene Fäden, in jene Maschen, in die wir hineingezwängt werden heute durch unsere Erziehung, dadurch, daß diese Erziehung nach einem ganz bestimmten Ziele hin tendiert — hebt man sich ein wenig über dieses Eingezwängtsein hinaus, dann kommt man doch gleich dazu, sich zu sagen: Du, Mensch, du trägst in dir dein Seelenleben, dein Denken, dein Fühlen, dein Wollen. Das hängt zusammen mit der Welt, die dir vor allen Dingen wertvoll sein muß, mit der moralischen Welt, vielleicht mit dem, womit diese moralische Welt wieder zusammenhängt, mit dem religiösen Quell alles Seins. Aber das, was du als Seelenleben, als diese innerliche Auseinandersetzung hast, wo ist es denn, während du schläfst?
[ 14 ] Man kann natürlich über diese Dinge philosophisch phantasieren oder phantastisch philosophieren. Dann kann man sagen: Der Mensch hat in seinem Ich, das heißt in dem gewöhnlichen Ich-Bewußtsein, eine sichere Grundlage — das beginnt bei dem heiligen Augustinus so zu denken, das setzt sich fort über Cartesius, das gewinnt einen etwas koketten Ausdruck im Bergsonianismus der Gegenwart —, aber jeder Schlaf widerlegt das. Denn von dem Augenblicke, wo wir einschlafen, bis zu dem Augenblicke, wo wir aufwachen, verfließt eine Zeit für uns. Wenn wir auf sie zurückschauen im wachen Zustande, so ist das Ich eben nicht da als Erlebnis innerhalb dieser Zeit. Es ist ausgelöscht. Und was da ausgelöscht ist, hängt mit dem Wertvollsten, mit dem moralischen Einschlag in unserem Leben zusammen.
[ 15 ] So daß wir sagen müssen: Dasjenige, wovon wir in brutaler Weise überzeugt sind, daß es da ist, unser Leib, der ist ganz gewiß aus der Natur heraus entstanden. Aber die Natur hat nur die Macht, ihn zu zerstören, auseinanderzustieben. Dasjenige, was wir auf der anderen Seite erfahren, unser eigenes Seelenleben, das entschlüpft uns in jedem Schlafe; das ist abhängig von jedem Aufstieg oder Abstieg unserer Leiblichkeit. Sobald man sich ein wenig erhebt über die Zwangslage, in die der heutige Zivilisationsmensch durch seine Erziehung versetzt ist, sieht man sofort ein, daß — mögen auch noch so viele unterbewußte, unbewußte Elemente da mitspielen — jedes religiöse, jedes künstlerische, überhaupt jedes höhere Streben der Menschen durch die ganze menschliche Entwickelung hindurch an diesen Gegensätzen hängt.
[ 16 ] Gewiß, Millionen und aber Millionen von Menschen machen sich das nicht klar. Aber ist es denn nötig, daß sich der Mensch das, was für ihn zum Lebensrätsel wird, ganz klar macht? Wenn die Menschen von dem, was sie sich klarmachen, leben sollten, so würden sie bald sterben. Der größte Teil des Lebens verfließt eben in dem, was aus unklaren, unterbewußten Tiefen in die allgemeine Lebensstimmung herauffließt. Und wir dürfen nicht sagen, nur derjenige empfinde die Lebensrätsel, der sie in einer intellektuell klaren Weise formulieren kann und einem auf dem Präsentierteller bringt: erstes Lebensrätsel, zweites Lebensrätsel und so weiter. Auf diese Menschen ist sogar das Allerwenigste zu geben. Dasjenige, was da wie tief unten sich bewegt, das sind die Lebensrätsel, die eben erlebt werden. — Da kommt irgendein Mensch. Er hat das oder jenes, vielleicht etwas sehr Alltägliches zu sprechen; aber er spricht so, daß er mit der Aussicht, aus seinem Sprechen etwas zu erreichen für das Leben, durchaus nicht froh wird. Er will etwas, will es wieder nicht. Er kommt nicht zum Entschluß. Er fühlt sich nicht recht wohl bei dem, was er selber denkt. Ja, woher kommt das? Weil er keine Sicherheit hat in den unterbewußten Tiefen seines Wesens über die eigentliche Grundlage des Menschenwesens und der Menschenwürde. Er fühlt die Lebensrätsel. Und das, was er fühlt, kommt eben aus dem polarischen Gegensatz heraus, den ich charakterisiert habe: Daß man sich auf der einen Seite nicht halten kann an die Leiblichkeit, auf der anderen Seite nicht halten kann an die Geistigkeit, wie man sie erlebt; denn die Geistigkeit wird einem fortwährend klar als ein Auf- und Abglimmendes, und die Leiblichkeit wird einem als dasjenige klar, was aus der Natur stammt, was aber von der Natur nur zerstört werden kann.
[ 17 ] Und so steht der Mensch da. Auf der einen Seite schaut er nach außen hin seinen physischen Leib an. Sein physischer Leib gibt ihm fortwährend ein Rätsel auf. Auf der anderen Seite schaut er sein Seelisch-Geistiges an, und dieses Seelisch-Geistige gibt ihm fortwährend ein Rätsel auf. Und dabei ist das größte Rätsel dieses: Wenn ich nun wirklich einen moralischen Impuls empfinde und muß meine Beine in Bewegung setzen, um irgend etwas zur Realisierung dieses moralischen Impulses zu tun, so komme ich in die Lage, meinen Körper aus dem moralischen Impuls heraus zu bewegen. Ich habe einen moralischen Impuls, sagen wir den Impuls eines Wohlwollens. Er wird wirklich zunächst rein seelisch erlebt. Wie dieser Impuls des Wohlwollens, der rein seelisch erlebt wird, hinunterschießt in die Körperlichkeit, ist für das gewöhnliche Bewußtsein nicht zu durchschauen. Wie kommt ein moralischer Impuls dazu, Knochen in Bewegung zu setzen durch Muskeln? Man kann solch eine Auseinandersetzung als theoretisch empfinden. Man kann sagen, das überlassen wir den Philosophen, die werden darüber schon nachdenken. Gewöhnlich macht es die heutige Zivilisation so, daß sie diese Frage den Denkern überläßt, und dann das, was die Denker sagen, verachtet oder wenigstens gering schätzt. Nun ja, dabei wird nur der menschliche Kopf froh, das menschliche Herz nicht; das menschliche Herz empfindet dabei eine nervöse Unruhe und kommt nicht zu irgendeiner Lebensfreude, Lebenssicherheit, Lebensgrundlage und so fort. Von der Art des Denkens aus, die schon einmal die Menschheit seit dem ersten Drittel des 15. Jahrhunderts angenommen hat, die so großartige Erfolge auf dem Gebiete der äußeren Naturwissenschaft errungen hat, gelangt man eben durchaus nicht dazu, irgend etwas dazu beitragen zu können, diese beiden Dinge, Rätselhaftigkeit des menschlichen physischen Leibes, Rätselhaftigkeit der menschlichen Seelenerfahrungen, irgendwie zu durchdringen. Und gerade aus der klaren Einsicht heraus in dieses kommt Anthroposophie und sagt sich: Gewiß, das Denken, wie es sich nun einmal herausgebildet hat in der Menschheit, ist machtlos gegenüber der Wirklichkeit; wir mögen noch so viel denken, wir können mit unserem Denken nicht im geringsten in ein äußeres Naturgeschehen unmittelbar eingreifen. Aber mit unserem bloßen Denken können wir auch nicht in unseren eigenen Willensorganismus eingreifen. Man muß nur einmal die ganze Machtlosigkeit dieses Denkens gründlich empfinden, dann wird man schon den Impuls erhalten, über dieses gewöhnliche Denken hinauszugehen.
[ 18 ] Aber man kann nicht hinausgehen durch Phantasterei, man kann auch nicht von irgendeinem anderen Orte aus anfangen, über die Welt nachzudenken, als vom Denken. Nun ist es aber ungeeignet, dieses Denken. Da handelt es sich darum, daß man eben einfach durch die Lebensnotwendigkeiten dazukommt, von diesem Denken aus einen Weg zu finden, durch den dieses Denken sich tiefer in das Sein, in die Wirklichkeit hineinbohrt. Und dieser Weg bietet sich nur durch dasjenige, was Sie zum Beispiel in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als die Meditation beschrieben finden.
[ 19 ] Wir wollen uns dies heute nur skizzenhaft vor die Seele stellen, denn wir wollen sozusagen die Skizze eines anthroposophischen Gebäudes in ganz elementarer Art liefern. Wir wollen wieder anfangen mit dem, womit wir vor zwanzig Jahren angefangen haben. Wir können sagen: Die Meditation besteht eben darinnen, das Denken in anderer Weise zu erleben, als man es gewöhnlich erlebt. Heute erlebt man das Denken so, daß man sich von außen anregen läßt; man gibt sich hin an die äußere Wirklichkeit. Und indem man sieht und hört und greift und so weiter, merkt man, wie sich gewissermaßen im Erleben das Aufnehmen von äußeren Eindrücken fortsetzt in Gedanken. Man verhält sich passiv in seinen Gedanken. Man gibt sich hin an die Welt, und die Gedanken kommen einem. Auf diese Weise kommt man nie weiter. Es handelt sich darum, daß man beginnt, das Denken zu erleben. Das tut man, indem man einen einfach überschaubaren Gedanken nimmt, diesen leicht überschaubaren Gedanken im Bewußtsein gegenwärtig sein läßt, das ganze Bewußtsein auf diesen überschaubaren Gedanken konzentriert.
[ 20 ] Es ist nun ganz gleichgültig, was dieser Gedanke für die äußere Welt bedeutet. Worauf es ankommt, ist lediglich, daß man das Bewußtsein mit Außerachtlassung von allem anderen Erleben auf diesen einen Gedanken konzentriert. Ich sage, es muß ein überschaubarer Gedanke sein. Sehen Sie, ich wurde einmal gefragt von einem sehr gelehrten Manne, wie man meditiert. Ich gab ihm einen furchtbar einfachen Gedanken. Ich sagte ihm, es käme nicht darauf an, ob der Gedanke irgendeine äußere Realität bedeute. Er solle denken: Weisheit ist im Licht. — Er solle immer wieder und wieder seine ganze Seelenkraft dazu verwenden, zu denken: Weisheit ist im Licht. — Ob das nun wahr oder falsch ist, darauf kommt es nicht an. Es kommt ebensowenig darauf an, ob irgend etwas ein weltbewegendes Ding ist oder ein Spiel, wenn wir unseren Arm anstrengen, um es in Bewegung zu setzen und immer wieder in Bewegung zu setzen. Wir verstärken dadurch unsere Armmuskeln. Wir verstärken unser Denken, indem wir uns anstrengen, immer wieder und wiederum diese Tätigkeit auszuüben, gleichgültig was der Gedanke bedeutet. Wenn wir uns immer wieder und wieder seelisch anstrengen, ihn im Bewußtsein gegenwärtig zu machen und das ganze Seelenleben darauf zu konzentrieren, so verstärken wir unser Seelenleben, wie wir die Muskelkraft unseres Armes verstärken, wenn wir sie immer wieder und wieder auf dieselbe Tätigkeit hin konzentrieren. Aber wir müssen einen leicht überschaubaren Gedanken haben. Denn haben wir den nicht, so sind wir allen möglichen Rankünen der eigenen Organisation ausgesetzt. Man glaubt ja gar nicht, wie stark die suggestive Kraft ist, die von Reminiszenzen des Lebens und dergleichen herkommt. In dem Augenblick, wo man nur einen komplizierteren Gedanken faßt, kommen gleich von allen möglichen Seiten dämonische Gewalten, die einem dies oder jenes ins Bewußtsein hineinsuggerieren. Man kann nur sicher sein, daß man mit voller Besonnenheit in der Meditation lebt, mit derselben Besonnenheit, mit der man sonst im Leben steht, wenn man vollbewußter Mensch ist, wenn man tatsächlich einen ganz überschaubaren Gedanken hat, in dem nichts anderes drinnenstecken kann als das, was man gedanklich erlebt.
[ 21 ] Wenn man so die Meditation einrichtet, mögen alle möglichen Leute sagen: Du unterliegst einer Autosuggestion oder dergleichen —, das ist natürlich alles unsinniges Zeug. Das hängt lediglich davon ab, ob man es dahin bringt, einen überschaubaren Gedanken zu haben oder ob man einen Gedanken hat, der irgendwie durch unterbewußte Impulse in einem wirkt. Nun hängt es allerdings davon ab — ich habe das oftmals gesagt —, was der Mensch für Fähigkeiten hat; bei dem einen dauert es lang, bei dem anderen kurz. Aber der Mensch kommt durch solche Konzentration dazu, sein Seelenleben, insofern es denkendes Seelenleben ist, zu verstärken, in sich zu erkraften. Und das Ergebnis wird eben dann nach einiger Zeit dieses, daß der Mensch sein Denken nicht so erlebt wie im gewöhnlichen Bewußtsein. Im gewöhnlichen Bewußtsein erlebt der Mensch so seine Gedanken, daß sie machtlos dastehen. Es sind eben Gedanken. Durch solche Konzentration kommt der Mensch dazu, die Gedanken auch wirklich so zu erleben wie ein innerliches Sein, wie er erlebt die Spannung seines Muskels, wie er erlebt das Ausgreifen, um einen Gegenstand zu erfassen. Das Denken wird in ihm eine Realität. Er erlebt gerade, indem er sich immer mehr und mehr ausbildet, einen zweiten Menschen in sich, von dem er vorher nichts wußte.
[ 22 ] Und dann beginnt für den Menschen der Augenblick, wo er sich sagt: Nun ja, ich bin der Mensch, der sich zunächst äußerlich anschauen kann, wie man die Dinge der Natur anschaut. Ich fühle innerlich sehr dunkel meine Muskelspannungen, aber weiß eigentlich nicht, wie meine Gedanken in diese Muskelspannungen hinunterschießen. Aber wenn der Mensch also, wie ich es geschildert habe, sein Denken verstärkt, dann fühlt er gewissermaßen rinnen, strömen, pulsieren das erkraftete Denken in seinem Wesen. Er fühlt einen zweiten Menschen in sich. Aber dies ist ja zunächst eine abstrakte Bestimmung. Die Hauptsache ist, daß in dem Augenblicke, wo man diesen zweiten Menschen in sich fühlt, die außerirdischen Dinge einen so anzugehen beginnen, wie einen vorher nur die irdischen Dinge angegangen haben. Ich meine die räumlich außerirdischen Dinge. In dem Augenblicke, wo Sie fühlen, wie der Gedanke innerliches Leben wird, wo Sie das rinnen fühlen wie die Atemzüge, wenn Sie auf sie aufmerksam sind, in dem Augenblicke fügen Sie zu Ihrer ganzen Menschlichkeit etwas Neues hinzu. Vorher zum Beispiel fühlen Sie: Ich stehe auf meinen Beinen. Da unten ist der Boden. Der Boden trägt mich. Wäre er nicht da und böte mir die Erde nicht einen Boden, ich müßte ins Bodenlose versinken. Ich stehe auf etwas.
[ 23 ] Nachher, wenn Sie Ihr Denken in sich erkraftet haben, den zweiten Menschen in sich fühlen, da beginnt für den Augenblick, wo Sie sich besonders für diesen zweiten Menschen interessieren, das was Sie irdisch umgibt, Sie nicht mehr so stark wie vorher zu interessieren. Nicht als ob man ein Träumer, ein Schwärmer werden würde. Man wird es nicht, wenn man in einer innerlich klaren und ehrlichen Weise zu solchen Stufen der Erkenntnis vorrückt. Man kann ganz gut wiederum mit aller Lebenspraxis in die Welt des gewöhnlichen Lebens zurück. Man wird nicht ein Phantast, der sagt: Ach, ich habe die geistige Welt kennengelernt, die irdische ist minderwertig, wesenlos, ich beschäftige mich nur mehr mit der geistigen Welt. Bei einem wirklichen geistigen Weg wird man nicht so, sondern man lernt erst recht das äußere Leben schätzen, wenn man wiederum in dasselbe zurückkehrt. Und die Momente, wo man aus demselben herausgeht in der Art, wie ich es geschildert habe, und wo das Interesse sich heftet an den zweiten Menschen, den man in sich entdeckt hat, können ohnedies nicht lange festgehalten werden; denn werden sie in innerlicher Ehrlichkeit festgehalten, dann gehört eine große Kraft dazu, und diese Kraft kann man nur durch eine gewisse Zeit, die im allgemeinen nicht sehr lange ist, auf einmal aufrechterhalten.
[ 24 ] Aber verbunden ist dieses Hinlenken des Interesses auf den zweiten Menschen damit, daß einem die räumliche Umgebung der Erde so wertvoll zu werden beginnt wie sonst dasjenige, was auf der Erde herunten ist. Man weiß, der Erdboden trägt einen. Man weiß, die Erde gibt einem aus ihren verschiedenen Naturreichen die Substanzen, die man essen muß, damit der Leib immer fort und fort durch die Nahrung die Anregung erhält, die er braucht. Man weiß, wie man auf diese Weise mit der irdischen Natur zusammenhängt. Geradeso wie man in den Garten gehen muß, um sich dort ein paar Kohlköpfe zu pflücken, sie dann zu kochen, damit man sie ißt, wie also notwendig ist dasjenige, was da draußen im Garten ist, wie es einen Zusammenhang hat mit dem, was man zunächst als erster, physischer Mensch ist, so lernt man jetzt erkennen, was einem der Sonnenstrahl, was einem das Mondenlicht ist, was einem all dasjenige ist, was Sternengefunkel um die Erde herum ist. Und man erlangt eine Möglichkeit, über dasjenige, was räumlich um die Erde herum ist, nach und nach in bezug auf den zweiten Menschen so zu denken, wie man vorher gedacht hat mit Bezug auf seinen ersten physischen Leib, in bezug auf seine physische Erdenumgebung.
[ 25 ] Und man sagt sich: Dasjenige, was du da in dir trägst als Muskeln, als Knochen, als Lunge, Leber und so weiter, das hängt zusammen mit dem Kohlkopf oder dem Fasanen und so weiter, die da draußen in der Welt sind. Dasjenige aber, was du jetzt als zweiten Menschen in dir trägst, was du dir zum Bewußtsein durch die Verstärkung deines Denkens gebracht hast, das hängt zusammen mit Sonne und Mond, mit dem ganzen Sterngefunkel, das hängt zusammen mit der räumlichen Umgebung der Erde. Man wird vertraut, eigentlich vertrauter mit der räumlichen Umgebung der Erde, als man so als gewöhnlicher Mensch, wenn man nicht gerade Nahrungsmittelhygieniker oder so etwas ist, mit der irdischen Umgebung vertraut ist. Man gewinnt wirklich eine zweite, zunächst räumlich zweite Welt.
[ 26 ] Man lernt sich als einen Bewohner der Sternenwelt ebenso einschätzen, wie man sich vorher eingeschätzt hat als einen Bewohner der Erde. Vorher hat man sich nämlich nicht als einen Bewohner der Sternenwelt eingeschätzt; denn die Wissenschaft, die nicht bis zum Erkraften des Denkens geht, bringt es nicht dazu, dem Menschen das Bewußtsein beizubringen, daß er für einen zweiten Menschen einen solchen Zusammenhang mit der räumlichen Erdenumgebung hat, wie er als physischer Mensch mit der physischen Erde hat. Das kennt sie nicht. Sie rechnet; aber was da die Rechnung selbst der Astrophysik und so weiter zutage fördert, all das liefert ja nur Dinge, die den Menschen eigentlich nichts angehen, die höchstens seine Wißbegierde befriedigen. Denn schließlich, was hat es denn für eine Bedeutung für den Menschen, für das, was er innerlich erlebt, wenn man weiß, wie man sich nun denken kann — stimmen tut es ja noch außerdem nicht —, daß der Spiralnebel in den «Jagdhunden» entstanden ist oder noch heute in seinen Gestaltungen verläuft. Es geht ja den Menschen nichts an. Der Mensch steht zur Sternenwelt so, wie irgendein leibfreies Wesen, das von irgendwoher käme und auf der Erde sich aufhielte, zu der Erdenwelt stünde, das keine Nahrung und so weiter zu nehmen brauchte, sie nicht zum Stehen brauchte und so weiter. Aber tatsächlich, der Mensch wird aus einem bloßen Erdenbürger ein Weltenbürger, wenn er in dieser Weise sein Denken erkraftet.
[ 27 ] Und nun entsteht ein ganz bestimmter Bewußtseinsinhalt. Es entsteht der Bewußtseinsinhalt, der sich in der folgenden Weise charakterisieren läßt. Wir sagen uns: Daß Kohlköpfe sind, Getreide draußen ist, das ist gut für uns, das baut uns den physischen Leib auf, wenn ich diesen Ausdruck, der nicht ganz richtig ist, jetzt gebrauchen darf nach der allgemeinen trivialen Anschauung; es baut uns unseren physischen Leib auf. Und ich konstatiere einen gewissen Zusammenhang zwischen dem, was da draußen in den verschiedenen Reichen der Natur ist, und meinem physischen Leib.
[ 28 ] Aber mit dem erkrafteten Denken beginne ich einen ebensolchen Zusammenhang zu konstatieren zwischen meinem zweiten Menschen, der in mir lebt und demjenigen, was im außerirdischen Raum uns umgibt. Man sagt sich zuletzt: Wenn ich in der Nacht hinausgehe und mich nur meiner gewöhnlichen Augen bediene, sehe ich nichts. Wenn ich bei Tag hinausgehe, macht mir das Sonnenlicht, das außerirdische, alle Gegenstände sichtbar. Ich weiß zunächst nichts. Wenn ich mich bloß auf die Erde beschränke, so weiß ich: da ist ein Kohlkopf, dort ist Quarzkristall. Ich sehe beides durch das Sonnenlicht, aber ich interessiere mich auf Erden nur für den Unterschied zwischen dem Kohlkopf und dem Quarzkristall.
[ 29 ] Nun beginne ich zu wissen: ich bin selber als zweiter Mensch aus dem gemacht, was mir den Kohlkopf und den Quarzkristall sichtbar macht. Das ist ein ganz bedeutsamer Sprung, den man in seinem Bewußtsein macht. Es ist eine völlige Metamorphose des Bewußtseins. Und von da ab beginnt das, daß man sich sagt: Stehst du auf der Erde, so siehst du das Physische, das mit deinem physischen Menschen zusammenhängt; erkraftest du dein Denken und wird ebenso wie vorher das Physische der Erde für dich eine Welt war, die dich angeht, das außerirdische räumliche Dasein eine Welt, die dich angeht, nämlich dich und den Menschen, den du erst in dir entdeckt hast, dann schreibst du, so wie du der physischen Erde den Ursprung deines physischen Leibes zuschreibst, dem kosmischen Äther, durch dessen Wirkungen die irdischen Dinge erst sichtbar werden, dein zweites Dasein zu. Und du sprichst jetzt aus deiner Erfahrung heraus, so, daß du sagst, du hast deinen physischen Leib und du hast deinen Ätherleib. Es macht natürlich nicht den Inhalt einer Erkenntnis, wenn man bloß systematisiert und den Menschen aus verschiedenen Gliedern bestehend denkt, sondern es macht erst eine wirkliche Einsicht, wenn man die ganze Metamorphose des Bewußtseins ins Auge faßt, die dadurch entsteht, daß man einen solchen zweiten Menschen in sich wirklich entdeckt.
[ 30 ] Ich greife mit meinem physischen Arm, und meine physische Hand umfaßt einen Gegenstand. Ich fühle gewissermaßen die Strömung, die da greift. Durch dieses Erkraften des Gedankens fühlt man den Gedanken, wie er in sich beweglich nun auch eine Art Tasten im Menschen bewirkt, eine Art Tasten, das nun auch in einem Organismus lebt, in dem ätherischen Organismus, in dem feineren übersinnlichen Organismus, der ebenso da ist wie der physische Organismus, der nur nicht mit dem Irdischen zusammenhängt, der mit dem Außerirdischen zusammenhängt.
[ 31 ] Jetzt kommt der Moment, wo man genötigt ist, ich möchte sagen, wiederum um eine Stufe herunterzusteigen; denn zunächst kommt man schon durch ein solches imaginatives Denken, wie ich es beschrieben habe, dazu, dieses innerliche Ertasten eines zweiten Menschen in sich zu fühlen, kommt auch dazu, das im Zusammenhange zu sehen mit den Weiten des Weltenäthers, wobei Sie sich unter diesen Worten nichts vorstellen sollen als dasjenige, wovon ich eben geredet habe, nicht von irgendwo anders her einen Inhalt dazu nehmend. Aber man ist jetzt genötigt, um weiterzukommen, wiederum zu dem gewöhnlichen Bewußtsein zurückzukehren,
[ 32 ] Nun, sehen Sie, da liegt es uns nahe, wenn wir an den physischen Leib des Menschen denken, in der Art, wie ich es eben jetzt beschrieben habe, uns zu fragen: Wie steht dieser physische Leib des Menschen denn eigentlich zu der Umgebung? Er steht ganz zweifellos zu der physischen Erdenumgebung in einer Beziehung, aber wie?
[ 33 ] Wenn wir den Leichnam nehmen — er ist ja ein getreues Abbild des physischen Menschen auch während des Lebens —, ja, dann sehen wir in scharfen Konturen Leber, Milz, Niere, Herz, Lunge, Knochen, Muskeln, Nervenstränge. Das kann man zeichnen, das hat scharfe Konturen. Dadurch ist es ähnlich dem Festen, ähnlich demjenigen, was in festen Formen vorkommt. Aber mit diesem Konturierten im menschlichen Organismus hat es seine eigene Bewandtnis. Es gibt eigentlich nichts Trügerischeres als jene Handbücher, die heute von Anatomie oder Physiologie handeln, denn die Menschen kommen zu der Ansicht: da ist eine Leber, das ist das Herz und so weiter; sie sehen das alles in scharfen Konturen und stellen sich vor, daß die scharfe Konturiertheit wesentlich ist. Man stellt sich schon den menschlichen Organismus so wie ein Konglomerat von festen Dingen vor. Das ist er gar nicht, höchstens zu 10 Prozent, die übrigen 90 Prozent sind nichts Festes im menschlichen Organismus, sind flüssig oder gar luftförmig. Der Mensch ist zu 90 Prozent mindestens eine Wassersäule, wenn er lebt. So daß man sagen kann: Der Mensch gehört allerdings seinem physischen Leibe nach der festen Erde an, dem, was die älteren Denker im besonderen die Erde genannt haben; aber dann beginnt dasjenige, was im Menschen flüssig ist. Man wird nicht eher auch in der äußeren Wissenschaft zu einer vernünftigen Anschauung über den Menschen kommen, ehe man nicht wiederum den festen Menschen für sich unterscheidet und dann den Flüssigkeitsmenschen, dieses innerliche Wogen und Weben, in dem es wirklich ausschaut wie in einem kleinen Meere.
[ 34 ] Aber einen eigentlichen Einfluß auf den Menschen hat das Irdische nur in bezug auf das, was in ihm fest ist. Denn auch draußen in der Natur können Sie sehen, wie da, wo das Flüssige beginnt, sofort eine innere Gestaltungskraft auftritt, die mit einer sehr großen Einheitlichkeit wirkt.
[ 35 ] Wenn Sie das gesamte Flüssige unserer Erde nehmen, ihr Wasser: es ist ein großer Tropfen. Wenn das Wasser frei sich gestalten kann, wird es tropfenförmig; überall wird das Flüssige tropfenförmig.
[ 36 ] Dasjenige, was erdig ist, fest ist, sagen wir heute, das tritt in bestimmten Gestalten auf, die man als besondere Gestalten erkennen kann. Das Flüssige hat immer das Bestreben, tropfig zu werden, die Kugelform anzunehmen.
[ 37 ] Und woher kommt denn das? Nun, wenn Sie den Tropfen, ob er nun klein ist oder ob er erdengroß ist, studieren, so finden Sie überall, der Tropfen ist das Abbild des ganzen Weltenalls. Selbstverständlich ist es nach heutigen gewöhnlichen Begriffen falsch, aber es ist so zunächst nach dem Anblick — und wir werden in der nächsten Zeit schon sehen, wie dieser Anblick doch gerechtfertigt ist —, es ist nach dem Anblick richtig: das Weltenall erscheint uns wie eine Hohlkugel, in die wir hineinschauen.
[ 38 ] Jeder Tropfen, ob er klein oder groß ist, erscheint uns als eine Spiegelung des Weltenalls selber. Ob Sie den Regentropfen nehmen, oder ob Sie das ganze Erdengewässer nehmen, da sehen Sie an der Oberfläche ein Bild des Weltenalls. Sobald man nämlich ins Flüssige hineinkommt, kann man dieses Flüssige nicht mehr aus den irdischen Kräften erklären. Wenn Sie die unendlichen Bemühungen sehen werden, oder mit Bewußtsein anschauen werden, die Kugelform des Erdengewässers aus den irdischen Kräften selber zu erklären, so werden Sie finden, wie vergeblich diese Bemühungen sind. Aus der irdischen Anziehungskraft und so weiter erklärt sich nicht die Kugelform des Erdengewässers. Die Kugelform des Erdengewässers ist nicht durch Anziehungskraft, sondern durch Druck von außen zu erklären. Da kommen wir sogleich dazu, auch in der äußeren Natur einzusehen, daß wir zur Erklärung des Flüssigen aus dem Irdischen hinausgehen müssen. Und von da aus kommen Sie nun zum Erfassen dessen, wie es beim Menschen ist.
[ 39 ] Solange Sie bei dem, was im Menschen fest ist, bleiben, können Sie beim Irdischen bleiben, wenn Sie seine Gestalt verstehen wollen. In dem Augenblicke, wo Sie an sein Flüssiges herankommen, brauchen Sie den in diesem Flüssigen wirkenden zweiten Menschen, zu dem Sie durch das erkraftete Denken kommen.
[ 40 ] Jetzt sind wir zum Irdischen wieder zurückgekehrt. Wir finden im Menschen das Feste. Das erklären wir mit unseren gewöhnlichen Gedanken. Was im Menschen flüssig ist, können wir seiner Form nach nicht verstehen, wenn wir nicht in ihm wirksam denken diesen zweiten Menschen, den wir im erkrafteten Denken in uns selber als den Ätherleib des Menschen erfühlen.
[ 41 ] Und so können wir sagen: Der physische Mensch wirkt im Festen, der ätherische Mensch wirkt im Flüssigen. Der ätherische Mensch ist damit noch immer etwas Selbständiges natürlich; aber sein Mittel, zu wirken, ist das Flüssige.
[ 42 ] Und nun handelt es sich darum, weiterzukommen. Denken Sie, wir haben nun wirklich uns so weit gebracht, dieses erkraftete Denken innerlich zu erleben, also den ätherischen Menschen, diesen zweiten Menschen zu erleben; das setzt voraus, daß wir eine starke innere Impulsivität entfalten.
[ 43 ] Nun, Sie wissen ja, wenn man sich ein bißchen anstrengt, so kann man nicht nur sich zum Denken anregen lassen, sondern sich sogar die Gedanken wiederum verbieten. Man kann aufhören zu denken. Das besorgt die physische Organisation. Wenn man müde wird und einschläft, dann hört man auf zu denken. Nun, es wird schwerer, das, was man mit aller Anstrengung in sich hineinversetzt hat, dieses erkraftete Denken, das Ergebnis der Meditation, auch wiederum willkürlich auszulöschen. Ein gewöhnlicher machtloser Gedanke ist verhältnismäßig leicht auszulöschen. Man haftet schon mehr innerlich-seelisch an dem, was man da an erkraftetem Denken in sich entwickelt hat. Man muß dann eine stärkere Kraft gewinnen können, um es sich wieder absuggerieren zu können. Dann aber tritt etwas Besonderes ein.
[ 44 ] Wenn Sie das gewöhnliche Denken haben, nun ja, es ist angeregt von der Umgebung oder von den Erinnerungen an die Umgebung. Wenn Sie irgendeinen Gedankenweg machen, dann ist ja noch die Welt da. Sie schlafen ein, dann ist sie auch noch da. Aber Sie haben sich ja gerade aus dieser Welt der Sichtbarkeit hinausgehoben im erkrafteten Denken. Sie haben sich in Zusammenhang gebracht mit der außerirdisch räumlichen Umwelt. Sie betrachten das Verhältnis der Sterne jetzt zu sich, wie Sie früher das Verhältnis der Gegenstände der Reiche der Natur um sich herum betrachtet haben. Sie haben sich mit alledem jetzt in Beziehung gesetzt. Jetzt können Sie das unterdrücken. Aber indem Sie es unterdrücken, ist auch die äußere Welt nicht da, denn Sie haben ja eben Ihr Interesse diesem erkrafteten Bewußtsein zugewendet. Da ist die äußere Welt nicht da. Sie kommen zu dem, was man leeres Bewußtsein nennen kann. Das gewöhnliche Bewußtsein kennt die Leerheit des Bewußtseins nur im Schlafe; dann ist es aber Unbewußtsein.
[ 45 ] Aber das ist ja eben, was man jetzt erreicht: voll bewußt zu bleiben, keine äußeren sinnlichen Eindrücke zu haben und dennoch nicht zu schlafen, bloß zu wachen. Aber man bleibt nicht bloß wachend. Jetzt, wenn man das leere Bewußtsein dem Unbestimmten, dem überall Unbestimmten entgegensetzt, jetzt dringt die eigentliche geistige Welt herein. Man sagt: Da kommt sie. Während man früher nur hinausgesehen hat in die außerirdische physische Umgebung, die eigentlich ätherische Umgebung ist, während man das Räumliche gesehen hat, kommt jetzt wie von unbestimmten Fernen durch dieses Kosmische herein von allen Seiten ein Neues, das eigentliche Geistige. Das Geistige kommt von dem Weltenende zuerst herein, wenn man diesen Gang, den ich beschrieben habe, durchmacht.
[ 46 ] Und jetzt tritt zu der früheren Metamorphose des Bewußtseins ein Drittes hinzu. Jetzt sagt man sich: Du trägst deinen physischen Leib an dir und deinen Ätherleib, den du im erkrafteten Denken ergriffen hast, und du trägst noch etwas an dir — ich bitte, ich rede von der Welt der Scheinbarkeit, wir werden in den nächsten Tagen sehen, inwiefern es berechtigt ist. Indem da von dem Ätherischen geredet wird (blau): aus dieser Welt des Räumlichen kommt es, aber was da weiter ist außerhalb (rötlich), das kommt herein vom Unbestimmten. Man verliert auch das Bewußtsein, daß es aus dem Räumlichen kommt; das durchsetzt einen wie ein dritter Mensch. Durch den Äther des Kosmos läuft es heran, durchsetzt einen als ein dritter Mensch. Und man beginnt mit Recht durch Erfahrung davon zu reden: man hatte den ersten Menschen, den physischen Menschen; den zweiten Menschen, den ätherischen Menschen; den dritten Menschen, den astralischen Menschen — stoßen Sie sich nicht an Worten, das wissen Sie ja, daß Sie das nicht sollen —, man trägt den astralischen Menschen, den dritten Menschen, an sich. Der kommt aus dem Geistigen, nicht bloß aus dem Ätherischen. Man kann von dem Astralleibe, von dem astralischen Menschen reden.
[ 47 ] Und jetzt geht man weiter. Jetzt sagt man sich: Ich atme ein, ich verbrauche meinen Atem zu meiner inneren Organisation, ich atme aus. — Ist es denn wirklich wahr, daß das, was sich die Leute vorstellen als ein Gemisch, ein Gemenge von Sauerstoff und Stickstoff, kommt und fortgeht?
[ 48 ] Sehen Sie, was da kommt und fortgeht, das ist nach den Anschauungen der gegenwärtigen Zivilisation aus physikalischem Sauerstoff und Stickstoff und einigem anderen zusammengesetzt. Aber derjenige, der dazukommt, nun aus dem leeren Bewußtsein heraus dieses Heranlaufen möchte ich sagen, des Geistigen durch den Äther zu erleben, der erlebt im Einatmungszug dasjenige, was gestaltet ist nicht aus dem Äther bloß, sondern von etwas außer dem Äther, aus dem Geistigen heraus. Und man erlernt allmählich im Atmungsprozesse einen geistigen Einschlag in den Menschen erkennen. Man lernt erkennend sich zu sagen: Du hast einen physischen Leib. Er greift in das Feste ein; das ist sein Mittel. Du hast deinen ätherischen Leib. Der greift in das Flüssige ein. Indem du ein Mensch bist, der nicht nur fester Mensch, Flüssigkeitsmensch ist, sondern indem du in dir deinen Luftmenschen trägst, dasjenige, was luftförmig ist, gasförmig, kann eingreifen der dritte, der astralische Mensch. Durch dieses Substantielle auf der Erde, durch das Luftförmige, greift der astralische Mensch ein.
[ 49 ] Niemals wird das, was im Menschen flüssige Organisation ist, die innerlich ein ebenso regelmäßiges Leben hat, aber ein fortwährend veränderliches, fortwährend wandelndes Leben hat, mit dem gewöhnlichen Denken erfaßt; das, was so Flüssigkeitsmensch ist, das wird nur mit dem erkrafteten Denken erfaßt: Mit dem gewöhnlichen Denken erfassen wir konturiert den physischen Menschen. Und weil unsere Anatomie und Physiologie bloß mit dem gewöhnlichen Menschen rechnen, so zeichnen sie 10 Prozent vom Menschen auf. Aber das, was der Mensch ist als Flüssigkeitsmensch, das ist in einer fortwährenden Bewegung, das zeigt nie eine feste Kontur. Da ist es so, da wieder anders, da lang, da kurz. Was in fortwährender Bewegung ist, das erfassen Sie nicht mit den rechnenden konturierten Begriffen, das erfassen Sie mit den Begriffen, die in sich beweglich sind, die Bilder sind. Den ätherischen Menschen im Flüssigkeitsmenschen erfassen Sie in Bildern.
[ 50 ] Und den dritten Menschen, den astralischen Menschen, der im luftförmigen Menschen wirkt, den erfassen Sie nur, wenn Sie ihn nun nicht bloß in Bildern, sondern auf eine noch andere Art ergreifen. Rücken Sie nämlich in Ihrem Meditieren immer weiter und weiter fort — und ich beschreibe damit den abendländischen Meditationsprozeß —, dann merken Sie von einem bestimmten Punkte Ihrer Übungen an, daß der Atem in Ihnen etwas fühlbar Musikalisches wird. Als innere Musik erleben Sie den Atem. Sie erleben sich als von innerer Musik durchwebt und durchwellt. Den dritten Menschen, der physisch der Luftmensch ist, geistig der astralische Mensch ist, den erleben Sie als ein inneres Musikalisches. Sie ergreifen da den Atem.
[ 51 ] Der orientalische Meditant hat das direkt gemacht, indem er sich auf das Atmen konzentriert hat, das Atmen unregelmäßig gemacht hat, das Joga-Atmen eingeführt hat, um darauf zu kommen, wie der Atem im Menschen webt und lebt. Er hat dadurch direkt hingearbeitet auf das Ergreifen dieses dritten Menschen.
[ 52 ] Und so kommen wir zu dem, was dieser dritte Mensch ist, und können heute zunächst sagen: Durch eine Vertiefung der Einsicht, durch eine Erkraftung der Einsicht kommen wir dazu, zunächst am Menschen zu unterscheiden den physischen Leib, der auf Erden in festen Formen lebt und auch mit den irdischen Reichen in Zusammenhang steht; den zweiten, den Flüssigkeitsmenschen, in dem aber ein immer bewegliches Ätherisches lebt, der nur in Bildern erfaßt werden kann, in Bildern aber, die bewegte Bilder sind, bewegte Plastik; den dritten Menschen, den astralischen, der sein physisches Abbild hat in alledem, was die Einatmungsströmung macht. Sie kommt herein, sie ergreift die innere Organisation, breitet sich aus, arbeitet, verwandelt sich, strömt wiederum aus. Das ist ein wunderbares Werden. Das kann man nicht zeichnen, höchstens symbolisch, aber in Realität nicht. Ebensowenig können Sie das zeichnen, wie Sie die Töne einer Violine zeichnen können. Symbolisch können Sie es, aber Sie müssen das musikalische Gehör darauf richten, daß Sie innerlich hören. Nicht das äußerlich tönende Hören, sondern das innerlich musikalische Hören müssen Sie darauf lenken. Das Atmungsweben müssen Sie innerlich hören. Den astralischen Leib des Menschen müssen Sie innerlich hören. Es ist der dritte Mensch. Es ist derjenige Mensch, den wir erfassen, wenn wir vorrücken zum leeren Bewußtsein und dieses leere Bewußtsein ausfüllen lassen durch dasjenige, was uns eininspiriert wird.
[ 53 ] Nun, es ist wirklich die Sprache gescheiter, als die Menschen sind, weil die Sprache aus den Urzeiten kommt. Daß man das Atmen einmal eine Inspiration genannt hat, hat seinen tiefen Grund, wie überhaupt die Worte unserer Sprache viel mehr sagen, als wir heute mit unserem abstrakten Bewußtsein in den Worten fühlen.
[ 54 ] Das sind die Dinge, die uns zunächst führen konnten zu den drei Gliedern der Menschennatur, zum physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, die sich äußern durch den Luftmenschen, den Flüssigkeitsmenschen, den festen Menschen, die in den Gebilden des festen Menschen, in den sich verwandelnden Gestalten des Flüssigkeitsmenschen, in dem, was den Menschen durchzieht als eine innere, im Gefühle erlebbare Musik, ihre physischen Gegenbilder haben. Das schönste Abbild dieser innerlichen Musik ist ja das Nervensystem. Das ist erst aus dem astralischen Leib, aus der innerlichen Musik heraus gebaut. Daher das Nervensystem an einer bestimmten Stelle diese wunderbare Gestaltung zeigt (es wird gezeichnet): das Rückenmark, daran sich die verschiedenen Stränge gliedernd. Das alles gibt zusammen ein wunderbares, musikalisches Gefüge, das fortwährend im Menschen wirkt, in das Haupt herauf wirkt.
[ 55 ] Eine Urweisheit, die noch im Griechentum lebendig war, fühlte im Inneren des Menschen dieses wunderbare Instrument, das da ist, denn durch das ganze Rückenmark geht ja herauf die veratmete Luft. Die Luft, die wir einatmen, zieht ein in den Rückenmarkskanal, schlägt herauf nach dem Gehirn. Diese Musik wird wirklich ausgeführt, nur bleibt sie dem Menschen unbewußt. Er findet nur dasjenige, was oben sich abstößt, im Bewußtsein vor. Da ist es die Leier des Apollo, dieses innerliche Musikinstrument, das die instinktive Urweisheit im Menschen noch erkannt hat. Ich habe früher auf diese Dinge aufmerksam gemacht, allein ich will ja jetzt ein Resume geben von dem, was im Laufe von zwanzig Jahren innerhalb unserer Gesellschaft entwickelt worden ist.
[ 56 ] Morgen werde ich weiterschreiten zu dem vierten Gliede der menschlichen Natur, der eigentlichen Ich-Organisation, um dann zu zeigen, wie diese verschiedenen Glieder der menschlichen Natur zusammenhängen mit des Menschen Leben auf Erden und des Menschen überirdischen oder außerirdischen sogenannten Ewigkeitsleben.
